Pius XII. und die Juden – Eine Meldung und ihr Hintergrund

Papst Pius XII. habe zu all dem geschwiegen, was die Nazis den Juden in Deutschland und anschließend auch in den von ihnen besetzten Ländern Europas antaten, von den täglichen Opressionen, den seelischen und physischen Quälereien,  bis zum organisierten Mord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der SS.

Wer  dies behaupte, habe Böses im Sinn, versuche die beabsichtigte Seligsprechung des Papa angelicus zu unterlaufen,  halten  die Befürworter der Kanonisation vehement dagegen. Mit allen Mitteln versuchen sie, das erfahren zu einem schnellen Abschluss zu bringen – 40 Jahre Wartezeit seien genug.

Besonders hervor tut sich bei dieser „Kampagne“  die private jüdische Stiftung  „Pave the way“, was mit “den Weg freie machen” übersetzt werde kann.

Gründer und Präsident ist der New Yorker GeschäftsmannGary L. Krupp, der sich  durch zahlreiche karitative und dem Religionsdialog  gewidmeten Initiativen einen Namen gemacht hat.  Von Johannes Paul II. wurde er  mit dem Gregorius-Orden ausgezeichnet, als bisher siebter Jude, und von Queen Elizabeth II.  in den anglikanischen  Order of St. John  aufgenommen.  Nach Krupps Worten will sein Werk dazu beitragen,   „die nicht-theologischen Hindernisse auf dem Weg zur Verständigung zwischen  den Religionen“  zu beseitigen.

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Kirchen-Austritt leicht gemacht?

„Austritt? Gibt´s nicht“ – unter diese von der ZEIT gewählten Überschrift (Unterzeile: Warum die Tauf ewig währt) befasst sich Robert Leicht, der ehemalige Chefredakteur und derzeitige politische Korrespondent des Hamburger Wochenblattes (Nr. 26 / S.4) mit dem ebenso aktuellen wie brisanten Thema, das vor allem die römisch-katholische Kirche trifft. Leicht, prominenter evangelischer Publizist, war in den Jahren 1997 bis 2003 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD. Der nachfolgende Brief setzt sich mit der von Leicht vertretenen Auffassung kritisch auseinander. Einige Flüchtigkeitsfehler wurden nachträglich korrigiert.

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Nationalsport Fußball

Es  spielten in einem international besetzten Fußball-Turnier in Südafrika  mit dem Ziel,  Sieger  und damit  „Weltmeister“ in dieser Sportdisziplin für die nächsten vier Jahre zu sein, unter anderem die „Three Lions“, die  „Black Stars“,   „Les  Bleus“, die „Squadra Azzurra“,   „La albiceleste“,  die  „Selecao“ – wobei  letztere in der deutschen Übersetzung mit „Auswahl“  am klarsten den  Typus der Fußballmannschaft wiedergibt, die ihre Kräfte auf dem grünen Rasen messen.   Insofern spielte nicht „Deutschland“, sondern die „Auswahl des DFB, also des Deutschen  Fußballbundes.  Und der Kenner weiß selbstverständlich, um welche Mannschaften es sich bei den vorgenannten handelt, trotz aller semantischen Verschnörkelungen und Mystifizierungen.

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Die Hochzeit von Stockholm

In Schweden wurde am vorletzten  Juni-Wochenende 2010 eine Eheschließung von den geladenen Gästen ausgiebig gefeiert, „bis in die Puppen“, wie die bei solchen Anlässen reichlich vertretenen  Hofberichterstatter schwärmten.  Die einschlägigen Hochglanz-Postillen werden noch lange von der „Traumhochzeit“ zehren,  zumal   Schwedens Kronprinzessin  nach langem  Ringen mit dem königlichen Vater einem Bürgerlichen das „Ja-Wort“ gab.  Auf die „Royals“ in aller Welt ist Verlass, dass der Stoff für mehr oder weniger geschmackvolle Intimgeschichten in den einschlägigen Blättern nicht zur Neige geht, zur Versorgung einer unter diesbezüglicher Deprivation (eine „Spiegel“-Formulierung)  leidenden Leserschaft, insbesondere zur Lektüre unter der Haube des Lieblings-Coiffeurs.  Etwas daran auszusetzen?  Eigentlich nicht.  Hinzuzufügen wäre, dass dieses soziale Phänomen insbesondere in Ländern mit republikanischer  Staatsform zu beobachten ist. Selbst die eine oder andere Palastaffäre,  wenn Silvio in Rom oder Sarko in Paris schon mal aus dem Rahmen fallen oder  der Bewohner von Schloss Bellevue  kurz entschlossen  seinen Mietvertrag kündigt – das ist nichts gegen Affären bei Hofe um „wer mit wem“.

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Königin Silvia und das Dritte Reich

Unter der Überschrift “Schweden schämt sich für Königin Silvia“ berichtete der „Wiesbadener Kurier“  in seiner Ausgabe vom 21. Mai  über Äußerungen der Monarchin zur NS-Vergangenheit ihres deutschen Vaters.  Aus einem Interview im Rahmen einer Fernsehdokumentation mit einem Stockholmer Sender  wird sie mit den Sätzen zitiert: „Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob. Und diese Freude darüber , dass das Vaterland wieder da war. Deshalb stützte mein Vater Deutschland und wurde Parteimitglied.“

Der Hintergrund, den ein schwedischer Historiker im Jahr 2002 enthüllte , wie der dpa-Korrespondent Thomas Borchert aus Stockholm berichtet:  Silvias Vater  Walther Sommerlath (1901 – 1990), damals Geschäftsmann im brasilianischen Sao Paulo, sei 1934  dort der Auslandsorganisation der NSDAP beigetreten.

Schwedens derzeitige  Königin,  1943 in Heidelberg geboren, hatte 1976 den seit 1973 regierenden König Carl XVI. Gustav geheiratet.  Als Hostess bei den Olympischen Sommerspielen von 1972 in München war sie dem damaligen Kronprinzen Carl Gustav  zum ersten Mal begegnet.

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Reicher Papst – Armer Papst

Gianluigi Nuzzi: Vatikan AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche.  Deutsche Ausgabe. Ecowin-Verlag, Salzburg.  2010.

Wieviel Geld hat der Papst in seinem Portemonnaie? Antwort:  Keines, denn er trägt keine Geldbörse mit sich herum. Rechnungen, wenn überhaupt, begleichen andere.  Privatsekretär Stanislaw Dziwisz,  seinem Herrn Johannes Paul II stets wie ein Schatten folgend,  pflegte auf Auslandsreisen gelegentlich eine kleine  Aktentasche mit sich zu führen,  aus der schon mal ein Geldschein in die Hand eines bedürftigen Menschen wechselte.

Wieviel aber hat der Papst auf seinen Konten? Millionen, Milliarden?  Erste Antwort:  Bekannt sind einige vatikanische Geldinstitute und Administrationen,  die mit Geld umgehen:   Die Vermögens-verwaltung des Heiligen Stuhls (Amministratione del Patrimonio della Sede Apostolica  APSA ); die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, eine Art  „Zentralbank“ des Vatikans;  die Kongregation für die Evangelisierung der Völker;  dann das von allerlei Gerüchten und Finanz- Skandalen aus der Vergangenheit umrankte „Institut für die Werke der Religion (Istituto per le Opere di Religione IOR), kurz die „Vatikanbank“.  Und schließlich:  Verfügt der Papst nicht über eine geheime Privat-Schatulle,  deren Inhalt und Verwendungszweck in ganz allein  angehen?

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Roma locuta, causa finita?

Trifft die inzwischen aus den Fugen geratene Diskussion um sexuelle Übergriffe in kirchlichen Erziehungseinrichtungen – die aktuellen Fälle treffen die katholische Seite – den Kern des  Problems? Wohl eher nicht.  Zu sehr sind Opfer, Beschuldigte und die Öffentlichkeit mit den naheliegenden  Fragen beschäftigt. Warum das Vertuschen, das lange Verschweigen.  Geht kirchliche Autonomie,  also auch der Anspruch,  Personalangelegenheiten intern zu regeln, vor  zivilrechtlicher Strafjustiz? Siehe die erzürnte Reaktion des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper auf die Anmahnung der deutschen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Jeder, der über einige Lebenserfahrung verfügt , kann und darf sich eine Meinung bilden.  Zu vermuten ist,  das pädophil veranlagte Männer – von Frauen hört man in dieser Hinsicht weniger – solche Bereiche  bevorzugen, wo sie die  „Gelegenheiten“  zu finden hoffen – ja, aktiv suchen: also  den Sport, die Schule,  Heime, Jugendgruppen  und eben auch die Kirche, um die gängigen „Zielobjekte“ dieser abartigen sexuellen  Bedürfnisse zu benennen.  Dies alles ist inzwischen ausschweifend besprochen, gleichwohl ist der Diskussionsbedarf zum Thema „Sexualität und Kirche“ nicht erledigt.

Kinder werden sexuell verführt, unter Ausnutzung von beidem:  sexueller Neugierde vielleicht in diesem und  jenem Fall;  Autorität des Täters -  wenn der Religionslehrer im Priestergewand sozusagen den „gute Onkel“  gibt oder den verständnisvollen Freund, dann kann es ja so schlimm nicht sein – wenn , Druck ausgeübt wird,  Ausnutzung von Abhängigkeit, Androhung von Konsequenzen, zur seelischen die körperliche Vergewaltigung

kommt – soll man das weiter ausführen?  Inzwischen kommt  immer häufiger eine weitere Dimension dieser Gewalt ins Blickfeld der Öffentlichkeit:   Erzieher, auch priesterliche, „züchtigen körperlich“, vulgo: es setzt Ohrfeigen, mit dem Lineal auf die flache Hand, mit dem „Stöckchen“ oder dem Lederriemen auf den „Po“.  Müssen diese beiden Erscheinungsformen von Gewalt gegenüber Kindern und Jugendliche auseinander gehalten werden oder haben sie miteinander zu tun?

Wieso ist die Diskussion aus den Fugen geraten?  Hören wir mal, wie  zwei geistliche Herren auf diesbezügliche  Fragen antworten:  Der eine, Bruder des derzeitigen Papstes und  ehemaliger Chorleiter der „Regensburger Spatzen“ räumt ein, selbst geohrfeigt zu haben. Wenn  man ihn richtig versteht dann nur  gegenüber besonders widerspenstigen Schülern und weil dies zu seiner Zeit übliche Schulpraxis war, sagt er sinngemäß und fügt hinzu, er sein „innerlich  erleichtert“  gewesen, als ab den  80er Jahren  staatlicherseits die körperliche Züchtigung verboten worden sei.

Eine bemerkenswerte Äußerung zum Verhältnis von Seelsorge und Pädagogik.  Die gesalbte Hand des Priesters, die  in das Gesicht eines jungen Menschen schlägt.  Nein, nicht das geistliche Gebot der Menschenfreundlichkeit, sondern  das säkulare Verbot, Menschen, zumal diese jungen, so leicht verletzlichen, auf diese Weise zu entwürdigen -  erst das

„Nein“ der staatlichen Obrigkeit verschaffte Chorleiter Ratzinger  „innere Erleichterung.“    Gott schuf den Menschen  nach seinem Bild und Gleichnis – muss man theologischer Experte sein,  um die Konsequenz dieses Glaubenssatzes zu  begreifen?

Ein anderer, der katholische  Stadtdekan von Wiesbaden, Johannes zu Eltz, übersteigt sprachlich alle Grenzen  maßvoller Kritik:  Aus  Enttäuschung aus der katholischen Kirche auszutreten, etwa zur evangelischen zu konvertieren,  vergleicht er mit einem „geistlichen Selbstmordanschlag“.  Ja, sind Hochwürden denn von allen guten Geistern verlassen?  „Mord“ steht   allgemein für einen Akt der Tötung aus niederen Beweggründen;  „ Selbstmordanschlag“  ist seit einiger Zeit konnotiert  mit den  Gewalttaten militanter Islamisten, die sich selbst töten,  um andere mit in den Tod zu reißen.  Solcher Sprachbilder gehen dann doch zu weit Herr zu Eltz, selbst dann, wenn Sie (natürlich) etwas anderes meinen. Haben Sie darüber nachgedacht,  wie  ihre Einschätzung eines Kirchenübertritts auf nicht-katholische Christen wirkt?

Der Vatikan nehme die Vorgänge ernst, lässt die Kurie in einer Art Dauerinformation verbreiten.  Vielleicht beginnt Sie zunächst einmal damit, die unqualifizierten Lautsprecher abzuschalten; vielleicht nimmt Bruder  Joseph (der Papst) seinen Bruder Georg einmal ins Gebet. Dieser will ja von den missbrauchten Domspatzen nichts gewusst haben. Ja, glaubt er denn, dass einer der Jungen zu ihm gekommen wäre – zu einem, der bekannt dafür war, dass er  Ohrfeigen verteilt?

Roma locuta, causa finita. Nicht mit der Erledigung der anhängenden Fälle.  Es geht um die grundsätzliche Frage der Sexualität im Vollzug des geweihten Lebens.  Wie gehen junge Männer, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten, mit ihrer Körperlichkeit um.

„Sublimieren“, empfiehlt der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. Wie das geht hat er in der Talkshow, in der er  den fragenden Blicken  der übrigen Teilnehmer gegenüber saß, nicht näher erläutert.   Wie hoch ist der Anteil derjenigen im Klerus, die ein apokryphes Verhältnis zu einem weiblichen Wesen, sprich: zu einer Frau,  unterhalten? (Gelegentlich mit „Folgen“).  Das trifft knallhart den Zölibat.

Verschwiegen trifft auch den  Kreis der Homophilen.  Es sei dahingestellt, welches Motiv den Einzelnen in den Priesterstand drängt, so ehrenwert die geistliche Berufung, so ehrlich das  Eingestehen des menschlichen  „Andersseins“.  Der Zölibat spielt allenfalls  als katholische  Standesregel, als berufliche  Voraussetzung  eine Rolle.  Es wäre zu fragen, ob er vergleichs-weise nicht stärker, weil  unauffälliger und „gefahrloser“ unterlaufen wird, als durch „Heteros“ oder durch die „Irrläufer“ auf der widerwärtigen Ebene, die   aus allen Richtungen sexueller Orientierung kommen und wohl nie ganz verhindert werden können.  Hat jemand die Frage gestellt,  wie man mit ihnen umgeht, nach dem sie entdeckt, abgeurteilt und nach Strafverbüßung in die Gesellschaft entlassen werden? Wer  kümmert sich um ihre „Re-Sozialisierung“, um ihre „Heilung“.  Das Thema geht angesichts der Empörung über die Vorgänge und die  Schilderung der Skandale etwas unter.

Darüber muss in der Kirche gesprochen werden.  Verantwortlich gelebte Sexualität gehört zum Wertvollsten menschlicher Existenz.   Wer „ohne“ auskommt, bitteschön.  Dann aber auch wirklich „ohne“,   der mag  nach dem als von Jesus überliefertem Wort  leben:

„Wer es fassen kann, der fasse es“.  Wer es nicht fassen, kann – fehl am Platze?  Diese Crux trennt in der Gemeinschaft der Heiligen, wie der Lettner einst  das Volk und den Klerus,  die Bänke und  den Altar – trennt Lateiner von den Orthodoxen, jedenfalls im Priesterstand, von den Kirchen der Reformation ganz zu schweigen.  Immer mehr Menschen „kommen“ nicht mehr mit – nicht sie entfremden  sich der Kirche, sondern die Kirche sich ihnen,  statt auch in dieser Hinsicht  „semper reformanda“ zu sein.  Gelebte menschliche Erfahrung bildet auch ein Stück des Glaubensgutes, von dem die Kirche lebt.  Sich stärker darauf zu besinnen und die gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen, würde den Glaubens- und Vertrauenslust aufheben,  kirchliches Leben freundlicher machen,  Priester und  Laien auf gleicher Augenhöhe näher bringen – und nicht, wie nach römischer Art  und Absicht auf Distanz halten, als sei dies „gottgewollt“.

Und – die unsäglichen Missbrauchsfälle dürften erheblich eingeschränkt werden können, wenn verdrängte Sexalität sich nicht in „Fummeleien“ und Pentrationen  oder in Schlägen auf das Hinterteil von Kindern austoben müssen.   Ganz ausschalten wird man dies  wohl nie, wohl aber alles, was dieses schändliche Tun begünstigt.

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Ora et labora

Ein deutsches politisches Monatsmagazin bringt regelmäßig gegen Ende des Blattes eine kleine philologische Gedenkecke, wo unter Verzicht auf ausschweifende Expertenmeinung kurz und bündig jedesmal einige „gefährdete Wörter“, aber auch „untergegangene Wörter“ sowie „neu entstandene Wörter“ aufgelistet werden. Eine kurze Nachdenklichkeit über diese Mitteilungen führte mich zurück zu einem Spaziergang am Vortag entlang dem Rheinufer meiner Heimatstadt. Die Augenblicke am Strom sind immer wieder ein Erlebnis. Das im Jahresreigen wechselnde Schauspiel der Natur, das Leben am und auf dem Strom, die Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse dieser Völker verbindenden aber immer wieder trennenden Grenzlinie, in so vielen Romangeschichten beschrieben, dann den vorbeifahrende Schiffen nachzusehen, bis mit ihnen der Blick an der Flussbiegung fernen Traumzielen entgegeneilt einen Hauch von Fernweh stimulierend oder doch ein wenig Reiselust.

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Zweiter Weltkrieg – “Gott mit uns”? – Teil 2

4.

Der 1. September 1938, als der Beginn eines „Vernichtungskrieges“ im Osten und der Aussonderung von Menschen und Völkern nach der rassistischen Weltanschauung des Nationalsozialismus  könnne in ihrem inneren Zusammenhang nicht ignoriert werden.  Der 9. November 1938 und die ihm folgenden Tage der antijüdischen Pogrome eröffnete den Weg zur Shoá, der Krieg, zunächst gegen Polen, dann gegen den Westen und schließlich gegen die Sowjetunion, schuf die Voraussetzungen, die Vernichtungspläne der Ideologie der Herrenmenschen zu verwirklichen.  Geboren aus einem Nichts, oder  aus  zeitgeschichtlichen Prozessen des 19. Jahrhunderts, wie sie von antisemitischen Gedankenträgern um Marr und Zeitgenossen geboren wurden?

Wer sieht die antijüdischen Symbole an christlichen Kirchen: die triumphierende Ecclesia gegenüber der blinden Synagoga.  Man muss nicht  erst nach Straßburg und Bamberg fahren, oder nach Regensburg, wo die  widerliche Darstellung der sogenannten „Judensau“ am Südportal angebracht ist.   Darstellungen, die das jüdische Volk herabsetzen waren Tradition in der Geschichte christlicher Kirchenbaukunst und müssen nicht lange gesucht werden. Beispiele:  Teufel und Jude am Wetzlarer Dom, die Szene der Seligen und Verdammten am ehemaligen Westlettner im Mainzer Dom-Museum: Die Seligen, zur Rechten Gottes sitzend, angeführt vom Papst, die Abgewiesenen, an erster Stelle die Juden,  „von vornherein für die Hölle bestimmt“, wie der Ausstellungskatalog erläutert .  Kirchenlehrer  Augustinus hatte die Juden der massa damnata zugerechnet, als Ungetaufte der ewigen Verdammnis ausgeliefert.

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Zweiter Weltkrieg – “Gott mit uns”? – Teil 1

Erinnerungsstücke zum 1. September 1939

1.

Manche Mitbürger in Wiesbaden und in der regionalen Nachbarschaft mögen sich erinnern und davon sprechen, wenn sie dazu geneigt sind, wie „damals“ der „Blaue Bus“ durch die nassauischen Städtchen und Dörfer fuhr und Menschen „abholte“, die der Ortsgruppenleiter als „Idioten“ bezeichnet hatte. Die hilflosen Opfer, psychisch Kranke und geistig Behinderte, kamen zum Beispiel auf den Eichberg bei Kiedrich, auf den Kalmenhof bei Idstein, nach Weilmünster und in weitere Einrichtungen im „Reich“. Die einen wurden dort, die meisten aber anschließend in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar einer „Sonderbehandlung zugeführt“, die im diametralen Gegensatz zum Eid des Hippokrates stand. Sie wurden ermordet – durch Entzug der Nahrung, durch die Giftspritze und schließlich in der Gaskammer.

Die Nazis nannten dies Euthanasie, zynisch den von den alten Griechen stammenden Begriff vom „schönen Tod“ missbrauchend. Adolf Hitler, Herr über Leben und Tod, hatte entschieden, Menschen, die nach der Rasseideologie seines Systems als „lebensunwert“ galten, den „Gnadentod zu gewähren.“ Die Aktion lief unter dem Tarnnamen „T4“, der Adresse der Organisationszentrale der Tötungsmaschinerie, Berlin, Tiergartenstrasse Nr. 4. Der entsprechende Erlass des Diktators war auf den 1. September 1939 datiert. Dies war doch der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg begann? Ja, aber eben nicht nur. Ich denke an jene, die dem Ungeist widersagten und mit ihrem Leben büßten, an die unzähligen Opfer unter den Männer und Frauen und Kinder der Zivilbevölkerung in Europa – heute in der Sprache der Militärs als Kollateralschäden eingeordnet, „leider nicht ganz vermeidbar“ und schließlich der Völkermord, begangen an den aus rassischen Gründen verfolgten, in erster Linie an den Juden – im allgemeinen Sprachgebrauch als „Holocaust“ bezeichnet, einem allerdings auch religiös konnotierten, eher chiffrierenden Begriff. Juden sprechen klarer von dem, was Absicht der Nazis war: Shoá – die Vernichtung der Juden in Europa.

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