Unterm Himmel weiß und blau
Dienstag, 12. September 2006 (Folge 15)
„Jihad“ und „heiliger Krieg“
In seiner Münchener Predigt spricht Papst Benedikt die Frage der Gewalt an. Auch solche, die sich auf eine Religion beruft. Die Anspielung auf den „11. September“ 2001 ist unüberhörbar. „Wir verletzen nicht den Respekt vor anderen Religionen und Kulturen, die Ehrfurcht vor ihrem Glauben, wenn wir uns laut und eindeutig zu dem Gott bekennen, der der Gewalt sein Leiden entgegenstellt; der dem Bösen und seiner Macht gegenüber als Grenze und Überwindung sein Erbarmen aufrichtet.“
Eine Meldung vom Tage: Al Quaida werbe immer neue „Rekruten des Todes“ an. Die Frage an den Islam bleibt aktuell und scharf. Ihr unterscheidet zwischen dem Dar al-Islam und dem Dar al-Harb, teilt die Welt in gut und böse ein. Die eine: das Haus der eigenen Gemeinschaft, der umma; die andere: das „Haus des Krieges“. Eure Feinde?
„Heiliger Krieg“ ist kein exklusiver Begriff des Islam. Papst Urban II. (1042-1099), äußerst beschäftigt, die Reste des Karolinger-Reiches zu retten, mit der Kirche als Ordnungsmacht selbstverständlich, Investitur-Streit mit Heinrich IV., allerlei Kabale um politische Macht und Liebe in Süddeutschland und Norditalien, Hilferufe aus Byzanz, die Muselmanen in Jerusalem und an den Toren Europas – Eudes von Chatillon, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, hatte in der Tat alle Hände voll zu tun. Das Abendland, das christliche, von den Ungläubigen, den Muslimen, zu befreien. Wie sich die Bilder gleichen.
Christliche Kreuzfahrer hinterlassen blutige Spuren: Jerusalem, Konstantinopel. Heilige Inquisition. Azteken und Tolteken, Inkas und Kariben. In Christi Namen. Deus lo vult – Gott will es. Dieser doch wohl nicht. Herrscher und Entdecker, Kreuzritter im Harnisch und Sendboten in der Mönchskutte wollten es, auch Päpste und Bischöfe der gewalttätigen Art. Was die einen stornierten, setzten die anderen wider in Kraft. Glaubensflüchtlinge schleppen sich durch die Religions- und Kirchengeschichte.
Christen sollen den Koran „richtig“ lesen. In den Suren 73 und 111 erfahren sie etwas zur Frage von Religion und Gewalt: „Führe Krieg gegen die Ungläubigen und die Heuchler, sei hart gegen sie. Gott hat den Gläubigen ihre Person und ihr Vermögen dafür abgekauft, dass sie das Paradies haben sollen. Nun müssen sie um Gottes Willen kämpfen und dabei töten und selber den Tod erleiden.“ Die Nationalflagge des Königreiches Saudi-Arabien zeigt auf grünem Grund ein weißes, waagerecht angeordnetes Schwert. Darüber die Worte der „Schahada“, des islamischen Glaubensbekenntnisses: Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter. – Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit symbolisiere das Schwert. Die Fahne des Stellvertreters Jesu Christi zeigt einen goldenen und einen silbernen Schlüssel. „Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein ….“ Autorität im Namen Gottes.
Schwertmission
„Keinen Zwang gebe es in der Religion“, besagt Sure 2. Dem widerspricht ein zum Islam konvertierter Insider. „Es wird Tote geben, so Gott will.“ Und Bassam Tibi, der sich für einen reformierten „Euro-Islam“ einsetzt, glaubt: Sie wollen in Wirklichkeit nichts anderes, als die Welt islamisieren.“ – Ob mit oder ohne Schwert, das wäre dann die Frage. Erinnern wir uns an die Geiseln im Irak, zur dreimaligen Rezitation der „Schahada“ gezwungen, die Kalaschnikow ihrer Schergen im Nacken.
Auch die christliche Geschichte in Europa ist nicht arm an Beispielen: Die Hussiten zu Naumburg. Pawel Wlodkowicz, Rektor der Akademie in Krakau im 15. Jahrhundert, hat während des Konzils in Konstanz gegen eine gewaltsame Bekehrung zum Glauben gesprochen. Karol Wojtyla, in einem Interview mit mir vor dreißig Jahren, kam darauf zu sprechen: „Dieses Prinzip ist jetzt, nach sechs Jahrhunderten, sowie damals völlig aktuell. Man darf auch nicht mit Gewalt Atheismus fordern.“ Der Rote Stern zerbrach. An anderer Stelle des geschundenen Europas brachen alte Wunden auf. Die Schändungen auf dem Balkan, im Namen von Religionen, schreien zum Himmel.
Deutschlands dunkelste Jahre: Das Hakenkreuz blanke Gotteslästerung. Man könnte nicht sagen, dass die römische Kirche diese Abschnitte der Geschichte aus ihrer Erinnerung gestrichen hätte. Johannes Paul II. war nicht müde geworden, an diese Blutspuren zu erinnern. Wo katholische Christen direkt oder indirekt Schuld auf sich geladen haben.
„Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“, beginnt jede der 114 Suren des Korans. Mit dem Glaubenssatz eröffnen Islamisten ihre Botschaften, Terroristen ihre Exekutionsbefehle. „Gotteskrieger“ beanspruchen religiöse Legitimation und töten aus dem Hinterhalt. Blutvergießen im Namen Allahs, die Vernichtung menschlichen Lebens gilt als gerechte Sache. So treten Halbwüchsige vor Fernsehkameras. Sich selbst zu opfern – nach westlicher Lesart: Selbstmord – wird sofort entlohnt. Dem Märtyrer das Paradies!
Islamische Autoritäten haben solchen Missbrauch als verwerfliches Alibi entlarvt. Wer sich im Namen Allahs in die Luft sprenge, ernte nicht den Ruhm des Märtyrers, sondern verkaufe seine Seele dem Teufel.
Benedikt, der sich auf Manuel beruft, zitiert ihn weiter. Der Kaiser habe (dann) eingehend begründet, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. „Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“
„rahi aql“ – Der Weg der Vernunft
Benedikt hätte einen anderen Kronzeugen finden können, statt den bedrängten christlichen Kaiser zu zitieren. Zwei Jahrhunderte nach Manuel regiert in Indien Kaiser Akbar, der Große Moghul. Ein Muslim übrigens. Auch er führt ein gelehrtes Gespräch mit einem Vertrauten, dem Statthalter Abul Fazl, und auch sie diskutieren über die Frage von Vernunft und Glauben, in überraschend offener Form und mit bemerkenswerten Erkenntnissen. Auch Akbar sah sich innerhalb seiner eigenen Glaubensgemeinschaft Anfeindungen ausgesetzt. Der Glaube dürfe nicht über die Vernunft gestellt werden, sagte Akbar, da man seinen überkommenen Glauben erst durch die Vernunft zu rechtfertigen und, wenn notwendig, abzulehnen habe.
Auf Akbar ist der indische Nobelpreisträger Amartya Sen gestoßen. Er zitiert ihn in seinem in der Septemberausgabe von „Cicero“ veröffentlichten Aufsatz über Gottes und des Menschen Vernunft. Akbar sei dem Weg der Vernunft, dem „rahi aql“ treu geblieben und habe darauf bestanden, in einen offenen Dialog zu treten und frei wählen zu können.
Papst Benedikt lädt zum Dialog des christlichen Glaubens mit allen Kulturen und Religionen ein. Als Kardinal und Glaubenspräfekt hatte er – unbeschadet mancher theologischer Vorbehalte – interreligiöse Begegnungen bejaht, das Gebetstreffen in Assisi als „wichtiges Zeichen des Friedens“ bezeichnet. Nicht die höchste, aber doch wohl notwendigste Ebene zur Beantwortung gegenwärtiger Krisen.
Deutsche Muslime entdecken Benedikt. Er ist auch „unser Papst“. Er setzt sich für den Dialog ein, und dafür, dass sich den muslimischen Mitbürgern die Türen öffnen, so wie sie selbst gehalten sind, den „Schleier“ abzulegen. Stichwort: Integration. Jugendliche ohne Berufschancen, mangelnde Schulabschlüsse, „bildungsferne“ Eltern, „Parallelgesellschaften“, ein deutsches, ein europäisches Dauerthema. Das Problem: Der Staatsschutz zählt inzwischen 28 Vereinigungen mit so genannter islamistischer Orientierung. Die Republik werden sie nicht aus den Angeln heben. Wohl aber können sie die islamische Diaspora in eine Zerreißprobe zwingen, von deutschem Boden aus operieren, um anderswo zu schüren.
„Dialog auf Augenhöhe“ bietet Papst Benedikt an. Auf „Augenhöhe“. Mit wem? Und über was? Mit jenen Ländern und Gesellschaften, die extreme Formen der Scharia zulassen: Stockhiebe, Steinigung, das Richtschwert, die Zwangsverheiratung (nach westlichen Gesetzen) minderjähriger Mädchen. Einspruch von muslimischer Seite: Solche Ehen seien ungültig. Verbindliche Eheschließung nach islamischem Recht setzte die freiwillige Entscheidung der Partner voraus. Rückfrage: Wieso dann die Ehrenmorde, die Selbsttötung unglücklicher Frauen – Missbrauch des Religionsgesetzes? Folge von archaischen Gesetzen überkommener Agrargesellschaften: „Finsteres Mittelalter“? Reicht es, wenn der Muslim sich öffentlich zum Grundgesetz bekennt, privat nach anderen Regeln lebt?
Der Papst empfiehlt Selbstreflektion als Ausgangspunkt eines Dialogs. Die Professoren aus der Gruppe der 38 sehen das anders. Was nütze es, sich auf die eigenen Quellen zu beziehen, statt auf diejenigen zu hören, mit denen man in einen Dialog treten will. Schon das Procedere, der Weg zum Ziel mit Steinen verstellt?
Welche „Augenhöhe“, wenn sich Absolutheitsansprüche gegenüber stehen? Die „Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“ – siehe die vatikanische Erklärung „Dominus Iesus“ vom 6. August 2000, unterzeichnet von Kardinal Ratzinger – Contra-Anspruch der anderen Seite, Mu’ammad sei das „Siegel der Propheten“, der Islam die von allen Irrungen der Vorläufer-Religionen Judentum und Christentum gereinigte Rückkehr zum wahren Glauben. Wie soll das gehen, der angestrebte Dialog? Wer spricht verbindlich? Für welche Strömungen, Schulen, Schismen – Sunna, Schia, Aleviten, Amadya und so weiter. Allein schon die interkonfessionellen Versuche, ob unter Christen, Moslems oder Juden, zeigen, wie mühselig es ist, auch nur den geringsten gemeinsamen Nenner zu finden. Nicht allein der Glaube trennt. Ethnische, kulturelle, traditionelle, soziale, politische, ökonomische und was sonst noch an Interessengegensätzen bilden eine immer wieder kritische Masse.
Hans Küng’s „Weltethos“ – ein bunter Luftballon im Land der interkulturellen Illusion? Orhan Pamuk, soeben mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt, wünscht sich eine Begegnung von Orient und Okzident, die nicht in Konflikt mündet, sondern zu Konsens führt, zu gegenseitiger Bereicherung.
Fotos aus Afghanistan
Vor der abschließenden Fassung dieses Kapitels, am 25. Oktober, machen die Fernsehnachrichten mit einer Schreckensmeldung auf. Werden wieder deutsche Fahnen brennen? Nach Papstzitat und Enthauptung Mohammeds als Theaterszene liefern Fotos aus Afghanistan neuen Sprengstoff. Deutsche Soldaten „spielen“ mit Toten-Schädeln und anderen Skelett-Resten.
Die Politik reagiert „mit Entsetzen und Abscheu“. Für die Übeltäter sei kein Platz in der Bürger-Armee. Spielen die Angelegenheit herunter: Dummheit, Übermut, Machogehabe. Je länger die öffentliche Diskussion, desto bizarrer die Argumente: Juristisch gesehen seien Knochen aus einer Kiesgrube etwas anderes als Leichen aus einem ordentlichen Grab. Was waren diese, als sie nicht nur aus Haut und Knochen bestanden? Doch Menschen aus Fleisch und Blut – ausgestattet mit „unverfügbarer Würde“ – „nach Gottes Bild und Gleichnis“. Wo sind die kirchlichen Stellungnahmen?
Der Mensch – Blumenbergs „besonderes Tier“, der Mensch – „ein durch erotische Motive bewegtes Lebewesen“. Peter Sloterdijk verweist auf das philosophische Paradigma des 20. Jahrhunderts. Wenn die Balance von Eros und Thymos aus dem Gleichgewicht geraten. Entladung sexueller Obsessionen durch „obszöne Gesten“. Philosophen, Psychologen und andere Theoretiker zerbrechen sich die Köpfe. Was spielt sich da ab? Rudelverhalten? Mutproben: Wer fürchtet sich vorm Tod? Die Überwindung eigener Ängste?
In den Auslagen eines „Fachgeschäfts“: Totenköpfe auf T-Shirts, in Silber, mit funkelnden Augen, auf Fingerringen, als Vorlage für Tätowierungen, als „Piratenflagge“ für den Schrebergarten. Gebleichte Schädel als Modedesign, der Totenkopf und Erkennungszeichen. August von Mackensen, der „Schwarze Husar“, trug ihn groß und breit auf seiner Mütze: „Tapferkeit ohne Todesfurcht“; Heinrich Eberhard, General der Panzertruppen, auf den schwarzen Kragenpatten seiner Jacke; Reinhard Heydrich auf dem schwarzen Mützenband der SS-Uniform: „Orden unter dem Totenkopf“.
Ein Muslim in Kabul sagt, was seine Religion lehrt: Der Tote ist uns heilig, die Schändung seiner sterblichen Hülle eine der tiefsten Demütigungen. Hat er dabei auch an den geschändeten Körper eines US-Sergeanten gedacht, vom Mob gelyncht und über den Asphalt geschleift?
(Fortsetzung folgt)