Archiv des MonatsNovember, 2006

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 15)


„Jihad“ und „heiliger Krieg“

In seiner Münchener Predigt spricht Papst Benedikt die Frage der Gewalt an. Auch solche, die sich auf eine Religion beruft. Die Anspielung auf den „11. September“ 2001 ist unüberhörbar. „Wir verletzen nicht den Respekt vor anderen Religionen und Kulturen, die Ehrfurcht vor ihrem Glauben, wenn wir uns laut und eindeutig zu dem Gott bekennen, der der Gewalt sein Leiden entgegenstellt; der dem Bösen und seiner Macht gegenüber als Grenze und Überwindung sein Erbarmen aufrichtet.“

Eine Meldung vom Tage: Al Quaida werbe immer neue „Rekruten des Todes“ an. Die Frage an den Islam bleibt aktuell und scharf. Ihr unterscheidet zwischen dem Dar al-Islam und dem Dar al-Harb, teilt die Welt in gut und böse ein. Die eine: das Haus der eigenen Gemeinschaft, der umma; die andere: das „Haus des Krieges“. Eure Feinde?

„Heiliger Krieg“ ist kein exklusiver Begriff des Islam. Papst Urban II. (1042-1099), äußerst beschäftigt, die Reste des Karolinger-Reiches zu retten, mit der Kirche als Ordnungsmacht selbstverständlich, Investitur-Streit mit Heinrich IV., allerlei Kabale um politische Macht und Liebe in Süddeutschland und Norditalien, Hilferufe aus Byzanz, die Muselmanen in Jerusalem und an den Toren Europas – Eudes von Chatillon, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, hatte in der Tat alle Hände voll zu tun. Das Abendland, das christliche, von den Ungläubigen, den Muslimen, zu befreien. Wie sich die Bilder gleichen.

Christliche Kreuzfahrer hinterlassen blutige Spuren: Jerusalem, Konstantinopel. Heilige Inquisition. Azteken und Tolteken, Inkas und Kariben. In Christi Namen. Deus lo vult – Gott will es. Dieser doch wohl nicht. Herrscher und Entdecker, Kreuzritter im Harnisch und Sendboten in der Mönchskutte wollten es, auch Päpste und Bischöfe der gewalttätigen Art. Was die einen stornierten, setzten die anderen wider in Kraft. Glaubensflüchtlinge schleppen sich durch die Religions- und Kirchengeschichte.

Christen sollen den Koran „richtig“ lesen. In den Suren 73 und 111 erfahren sie etwas zur Frage von Religion und Gewalt: „Führe Krieg gegen die Ungläubigen und die Heuchler, sei hart gegen sie. Gott hat den Gläubigen ihre Person und ihr Vermögen dafür abgekauft, dass sie das Paradies haben sollen. Nun müssen sie um Gottes Willen kämpfen und dabei töten und selber den Tod erleiden.“ Die Nationalflagge des Königreiches Saudi-Arabien zeigt auf grünem Grund ein weißes, waagerecht angeordnetes Schwert. Darüber die Worte der „Schahada“, des islamischen Glaubensbekenntnisses: Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter. – Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit symbolisiere das Schwert. Die Fahne des Stellvertreters Jesu Christi zeigt einen goldenen und einen silbernen Schlüssel. „Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein ….“ Autorität im Namen Gottes.

Schwertmission

„Keinen Zwang gebe es in der Religion“, besagt Sure 2. Dem widerspricht ein zum Islam konvertierter Insider. „Es wird Tote geben, so Gott will.“ Und Bassam Tibi, der sich für einen reformierten „Euro-Islam“ einsetzt, glaubt: Sie wollen in Wirklichkeit nichts anderes, als die Welt islamisieren.“ – Ob mit oder ohne Schwert, das wäre dann die Frage. Erinnern wir uns an die Geiseln im Irak, zur dreimaligen Rezitation der „Schahada“ gezwungen, die Kalaschnikow ihrer Schergen im Nacken.

Auch die christliche Geschichte in Europa ist nicht arm an Beispielen: Die Hussiten zu Naumburg. Pawel Wlodkowicz, Rektor der Akademie in Krakau im 15. Jahrhundert, hat während des Konzils in Konstanz gegen eine gewaltsame Bekehrung zum Glauben gesprochen. Karol Wojtyla, in einem Interview mit mir vor dreißig Jahren, kam darauf zu sprechen: „Dieses Prinzip ist jetzt, nach sechs Jahrhunderten, sowie damals völlig aktuell. Man darf auch nicht mit Gewalt Atheismus fordern.“ Der Rote Stern zerbrach. An anderer Stelle des geschundenen Europas brachen alte Wunden auf. Die Schändungen auf dem Balkan, im Namen von Religionen, schreien zum Himmel.

Deutschlands dunkelste Jahre: Das Hakenkreuz blanke Gotteslästerung. Man könnte nicht sagen, dass die römische Kirche diese Abschnitte der Geschichte aus ihrer Erinnerung gestrichen hätte. Johannes Paul II. war nicht müde geworden, an diese Blutspuren zu erinnern. Wo katholische Christen direkt oder indirekt Schuld auf sich geladen haben.

„Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“, beginnt jede der 114 Suren des Korans. Mit dem Glaubenssatz eröffnen Islamisten ihre Botschaften, Terroristen ihre Exekutionsbefehle. „Gotteskrieger“ beanspruchen religiöse Legitimation und töten aus dem Hinterhalt. Blutvergießen im Namen Allahs, die Vernichtung menschlichen Lebens gilt als gerechte Sache. So treten Halbwüchsige vor Fernsehkameras. Sich selbst zu opfern – nach westlicher Lesart: Selbstmord – wird sofort entlohnt. Dem Märtyrer das Paradies!

Islamische Autoritäten haben solchen Missbrauch als verwerfliches Alibi entlarvt. Wer sich im Namen Allahs in die Luft sprenge, ernte nicht den Ruhm des Märtyrers, sondern verkaufe seine Seele dem Teufel.

Benedikt, der sich auf Manuel beruft, zitiert ihn weiter. Der Kaiser habe (dann) eingehend begründet, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. „Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“

„rahi aql“ – Der Weg der Vernunft

Benedikt hätte einen anderen Kronzeugen finden können, statt den bedrängten christlichen Kaiser zu zitieren. Zwei Jahrhunderte nach Manuel regiert in Indien Kaiser Akbar, der Große Moghul. Ein Muslim übrigens. Auch er führt ein gelehrtes Gespräch mit einem Vertrauten, dem Statthalter Abul Fazl, und auch sie diskutieren über die Frage von Vernunft und Glauben, in überraschend offener Form und mit bemerkenswerten Erkenntnissen. Auch Akbar sah sich innerhalb seiner eigenen Glaubensgemeinschaft Anfeindungen ausgesetzt. Der Glaube dürfe nicht über die Vernunft gestellt werden, sagte Akbar, da man seinen überkommenen Glauben erst durch die Vernunft zu rechtfertigen und, wenn notwendig, abzulehnen habe.

Auf Akbar ist der indische Nobelpreisträger Amartya Sen gestoßen. Er zitiert ihn in seinem in der Septemberausgabe von „Cicero“ veröffentlichten Aufsatz über Gottes und des Menschen Vernunft. Akbar sei dem Weg der Vernunft, dem „rahi aql“ treu geblieben und habe darauf bestanden, in einen offenen Dialog zu treten und frei wählen zu können.

Papst Benedikt lädt zum Dialog des christlichen Glaubens mit allen Kulturen und Religionen ein. Als Kardinal und Glaubenspräfekt hatte er – unbeschadet mancher theologischer Vorbehalte – interreligiöse Begegnungen bejaht, das Gebetstreffen in Assisi als „wichtiges Zeichen des Friedens“ bezeichnet. Nicht die höchste, aber doch wohl notwendigste Ebene zur Beantwortung gegenwärtiger Krisen.

Deutsche Muslime entdecken Benedikt. Er ist auch „unser Papst“. Er setzt sich für den Dialog ein, und dafür, dass sich den muslimischen Mitbürgern die Türen öffnen, so wie sie selbst gehalten sind, den „Schleier“ abzulegen. Stichwort: Integration. Jugendliche ohne Berufschancen, mangelnde Schulabschlüsse, „bildungsferne“ Eltern, „Parallelgesellschaften“, ein deutsches, ein europäisches Dauerthema. Das Problem: Der Staatsschutz zählt inzwischen 28 Vereinigungen mit so genannter islamistischer Orientierung. Die Republik werden sie nicht aus den Angeln heben. Wohl aber können sie die islamische Diaspora in eine Zerreißprobe zwingen, von deutschem Boden aus operieren, um anderswo zu schüren.

„Dialog auf Augenhöhe“ bietet Papst Benedikt an. Auf „Augenhöhe“. Mit wem? Und über was? Mit jenen Ländern und Gesellschaften, die extreme Formen der Scharia zulassen: Stockhiebe, Steinigung, das Richtschwert, die Zwangsverheiratung (nach westlichen Gesetzen) minderjähriger Mädchen. Einspruch von muslimischer Seite: Solche Ehen seien ungültig. Verbindliche Eheschließung nach islamischem Recht setzte die freiwillige Entscheidung der Partner voraus. Rückfrage: Wieso dann die Ehrenmorde, die Selbsttötung unglücklicher Frauen – Missbrauch des Religionsgesetzes? Folge von archaischen Gesetzen überkommener Agrargesellschaften: „Finsteres Mittelalter“? Reicht es, wenn der Muslim sich öffentlich zum Grundgesetz bekennt, privat nach anderen Regeln lebt?

Der Papst empfiehlt Selbstreflektion als Ausgangspunkt eines Dialogs. Die Professoren aus der Gruppe der 38 sehen das anders. Was nütze es, sich auf die eigenen Quellen zu beziehen, statt auf diejenigen zu hören, mit denen man in einen Dialog treten will. Schon das Procedere, der Weg zum Ziel mit Steinen verstellt?

Welche „Augenhöhe“, wenn sich Absolutheitsansprüche gegenüber stehen? Die „Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“ – siehe die vatikanische Erklärung „Dominus Iesus“ vom 6. August 2000, unterzeichnet von Kardinal Ratzinger – Contra-Anspruch der anderen Seite, Mu’ammad sei das „Siegel der Propheten“, der Islam die von allen Irrungen der Vorläufer-Religionen Judentum und Christentum gereinigte Rückkehr zum wahren Glauben. Wie soll das gehen, der angestrebte Dialog? Wer spricht verbindlich? Für welche Strömungen, Schulen, Schismen – Sunna, Schia, Aleviten, Amadya und so weiter. Allein schon die interkonfessionellen Versuche, ob unter Christen, Moslems oder Juden, zeigen, wie mühselig es ist, auch nur den geringsten gemeinsamen Nenner zu finden. Nicht allein der Glaube trennt. Ethnische, kulturelle, traditionelle, soziale, politische, ökonomische und was sonst noch an Interessengegensätzen bilden eine immer wieder kritische Masse.

Hans Küng’s „Weltethos“ – ein bunter Luftballon im Land der interkulturellen Illusion? Orhan Pamuk, soeben mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt, wünscht sich eine Begegnung von Orient und Okzident, die nicht in Konflikt mündet, sondern zu Konsens führt, zu gegenseitiger Bereicherung.

Fotos aus Afghanistan

Vor der abschließenden Fassung dieses Kapitels, am 25. Oktober, machen die Fernsehnachrichten mit einer Schreckensmeldung auf. Werden wieder deutsche Fahnen brennen? Nach Papstzitat und Enthauptung Mohammeds als Theaterszene liefern Fotos aus Afghanistan neuen Sprengstoff. Deutsche Soldaten „spielen“ mit Toten-Schädeln und anderen Skelett-Resten.

Die Politik reagiert „mit Entsetzen und Abscheu“. Für die Übeltäter sei kein Platz in der Bürger-Armee. Spielen die Angelegenheit herunter: Dummheit, Übermut, Machogehabe. Je länger die öffentliche Diskussion, desto bizarrer die Argumente: Juristisch gesehen seien Knochen aus einer Kiesgrube etwas anderes als Leichen aus einem ordentlichen Grab. Was waren diese, als sie nicht nur aus Haut und Knochen bestanden? Doch Menschen aus Fleisch und Blut – ausgestattet mit „unverfügbarer Würde“ – „nach Gottes Bild und Gleichnis“. Wo sind die kirchlichen Stellungnahmen?

Der Mensch – Blumenbergs „besonderes Tier“, der Mensch – „ein durch erotische Motive bewegtes Lebewesen“. Peter Sloterdijk verweist auf das philosophische Paradigma des 20. Jahrhunderts. Wenn die Balance von Eros und Thymos aus dem Gleichgewicht geraten. Entladung sexueller Obsessionen durch „obszöne Gesten“. Philosophen, Psychologen und andere Theoretiker zerbrechen sich die Köpfe. Was spielt sich da ab? Rudelverhalten? Mutproben: Wer fürchtet sich vorm Tod? Die Überwindung eigener Ängste?

In den Auslagen eines „Fachgeschäfts“: Totenköpfe auf T-Shirts, in Silber, mit funkelnden Augen, auf Fingerringen, als Vorlage für Tätowierungen, als „Piratenflagge“ für den Schrebergarten. Gebleichte Schädel als Modedesign, der Totenkopf und Erkennungszeichen. August von Mackensen, der „Schwarze Husar“, trug ihn groß und breit auf seiner Mütze: „Tapferkeit ohne Todesfurcht“; Heinrich Eberhard, General der Panzertruppen, auf den schwarzen Kragenpatten seiner Jacke; Reinhard Heydrich auf dem schwarzen Mützenband der SS-Uniform: „Orden unter dem Totenkopf“.

Ein Muslim in Kabul sagt, was seine Religion lehrt: Der Tote ist uns heilig, die Schändung seiner sterblichen Hülle eine der tiefsten Demütigungen. Hat er dabei auch an den geschändeten Körper eines US-Sergeanten gedacht, vom Mob gelyncht und über den Asphalt geschleift?

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 14)


Die Korrektur

Bleibt Benedikt Herr des Geschehens? Es folgt ein erneuter Anlauf. Eine weitere Erläuterung. Der Vatikan stellt eine vom Papst redigierte Fassung der Vorlesung ins Internet. Bestimmte Verlautbarungen sollen künftig auch auf Arabisch veröffentlich werden. In der Überarbeitung des Regensburger Textes erklärt Benedikt, halb Entschuldigung, halb Rechtfertigung, warum er den Kaiser von Byzanz zum Kronzeugen herangezogen hat.

„Dieses Zitat ist in der muslimischen Welt leider als Ausdruck meiner eigenen Position aufgefasst worden und hat so begreiflicherweise Empörung hervorgerufen. Ich hoffe, dass der Leser meines Textes sofort erkennen kann, dass dieser Satz nicht meine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausdrückt, dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt.“

Aber Benedikt ist noch nicht fertig. „Bei der Zitation des Textes von Kaiser Manuel II. ging es mir einzig darum, auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft hinzuführen. In diesem Punkt stimme ich Manuel zu, ohne mir deshalb seine Polemik zuzueignen.“ Das ist der eigentliche substantielle Teil des Zitats, der voll ins Zentrum der islamischen Glaubenslehre trifft. Benedikt würde seinem Leitwort „Cooperatores Veritatis“ – „Mitarbeiter an der Wahrheit“ untreu sein, bliebe er in dieser zentralen Frage entschieden. Das haben schon andere erfahren: Befreiungstheologen, die Brüder und Schwestern in Christo aus den nichtkatholischen Häusern, die theologischen Grenzgänger auf asiatischem und afrikanischem Terrain und unlängst, in äußerst scharfer Form, die Schmuddel-Priester, die kleinen Jungs nachstellen.

Vernunft und Glauben

Benedikt knüpft in seiner Regensburger Rede an einen Diskurs an, der in diesen Tagen unter Theologen und Philosophen en vogue ist: Vernunft und Glauben – komplementäre Wege, die Wahrheit zu erkennen und die Wirklichkeit zu deuten. Benedikt sagt: Es sei vernünftig, an Gott zu glauben. Denken ohne zu glauben, sei ein totalitäres Unterfangen, das den Menschen letztlich zerstöre.

Die Kritik galt zunächst nicht dem Islam, sondern zeitgenössischem westlichem Denken. Das war in der Münchener Predigt, ohne welche die Regensburger Rede nur die Hälfte vom Ganzen wäre. Diese geistige Zeitströmung habe die Vernunft um die Vernünftigkeit Gottes, die der griechischen Philosophie und dem christlichen Glauben gemeinsam seien, verkürzt. Diese Dimension müsse wieder erweitert, neu entdeckt werden. Denn, so Benedikt: „Die Sache mit dem Menschen geht ohne Gott nicht auf.“

Diese Feststellung wäre auch Muslimen einen Beifall wert gewesen. Aber es kam ja anders: Nein, Gott sei für den Islam nicht transzendent. Sein Wille „an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es die Vernünftigkeit“. Auf den wunden Punkt getroffen. Islam – totale Unterwerfung unter Gott? Keine personale Freiheit des Menschen, die auch das Nein gegenüber Gott zulässt? Allah ein Willkür-Gott, heute so und morgen so; allein sein Wille bestimmend? Ist der Theologie des Islam die Vernünftigkeit Gottes unbekannt, die ratio dem islamischen Gottesverständnisses fremd? Eine geballte Ladung, der sich muslimische Gesprächspartner zu erwehren haben.

Irrtum und Wahrheit

Der Lärm der „Straße“ ist verebbt, die Transparente sind eingerollt. Die Gemüter aber haben sich noch nicht beruhigt. Ungezügelte Wut schwingt mit, wenn ein „Vordenker“ aus dem Lager von al Quaida dem Papst vorwirft, mit der Behauptung, der Islam lasse sich nicht mit der Vernunft vereinbaren, habe dieser die Toleranz-Grenze überschritten. Ein Muslimbruder in Kairo setzt nach: Es sei das Christentum, das vom gesunden Menschenverstand her nicht zu begreifen sei. Wer spricht da von Dialog?

Wo Johannes Paul II. sich eher auf’s Zuhören beschränkte – wenig mehr als Rituale bei Begegnungen mit Vertretern des Islam – wirft Benedikt XVI., der Theologe Ratzinger, seinen Hut in den Ring. Mit dem Risiko, in den „Jab“ des Gegners zu laufen. Dieser tritt in eingeübter Formation an: Wie auf dem Kriegsschauplatz. Nach den Musketen der Füsiliere die Reiterei mit dem Säbel. Anders ausgedrückt: Nach den Steinewerfern auf der Straße die Blitze der Gelehrten. Der Islam verstehe sich keineswegs als blinder Glaubensgehorsam, die Theologie des Koran vertrete eine eigene Rationalität.

Dann „Waffenstillstand“, aber kein Friedensschluss. Es kommt zu einem „einmaligen Vorgang“ in der Geschichte der Beziehungen zwischen der islamischen Welt und der katholischen Kirche, wie die Fachzeitschrift „Islamic Magazin“ behauptet.

Die Vierteljahresschrift, mit Hauptredaktion in Los Angeles, veröffentlicht auf ihren Internet-Seiten einen „Offen Brief“, den 38 führende islamische Religionsführer und Theologen an Benedikt XVI. geschrieben haben, eine Antwort auf die päpstlichen „Ergänzungen“ zu seiner Regensburger Vorlesung.

Initiatoren der islamischen Stellungnahme sind Scheich Habib Ali vom Taba Institut in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Prinz Ghazi bin Muhammad bin Talal, der Sonderberater des jordanischen Königs Abdullah II. Der Brief war dem Apostolischen Nuntius in Amman überreicht worden.

Die Religionsführer akzeptieren das Bedauern des Papstes über die Reaktionen, die seine Rede in der islamischen Welt ausgelöst habe, stellen aber gleichzeitig seine Fachkompetenz in Frage – eine gewisse Gereiztheit ist unverkennbar. Benedikt lese den Koran falsch. Er begehe den Fehler, Begriffe korrekt zu verwenden und beziehe sich auf obskure und möglicherweise parteiische Quellen. „Al-Jazeera“ und „Tehran Times“ übernehmen den Text in ihren Internetseiten. Damit ist er in der Welt. Die meisten deutschen Zeitungen beschränken sich auf Kurzmeldungen.

Weil der ganze Fragenkomplex aufgerollt wird, lohnt sich vielleicht doch ein näherer Blick auf den „Offenen Brief“. Vorweg gesagt: Eine bittere Pille, mit Zuckerguss überzogen.

1. Wer sind die Unterzeichner? Die Großmuftis von Ägypten, Bosnien, Istanbul, Kroatien, Kosovo, Oman, Russland, Slowenien, Uzbekistan. Ein Ayatollah aus Iran, Theologen aus Mauretanien und Syrien, Universitätsprofessoren (darunter eine Frau) aus den USA (Los Angeles, Washington) und Cambridge. Alle acht Schulen für islamische Lehre und islamisches Recht seien vertreten, betont das „Islamic Magazine“. Aber man sieht auch, wer nicht dabei ist. Es fehlen die „hardliner“, voran die Saudis.

2. Die Höflichkeiten zuerst. Im „Geist des guten Willens“ sei der Brief geschrieben. Den Vorschriften des Korans folgend, Debatten auf „offenste Weise“ zu führen, hoffe man, dass das gegenseitige Verständnis erweitert, Vertrauen wiederhergestellt und die Situation beruhigt werden könne, im Interesse der Sache des Friedens und zur Erhaltung der muslimischen Würde. Die Unterzeichner signalisieren Dialogbereitschaft.

3. Sie betonen, den Papst auf intellektueller Höhe anzusprechen, auf entscheidende („crucial“) Themen, die über die „kontroverse Zitation des Kaisers“ hinausgehen, und was sie als Fehler oder Irrtum („mistake“) und „Übervereinfachung“ in den Anmerkungen des Papstes zu Fragen des islamischen Glaubens und dessen Praxis sehen.

Dann folgt, was der Papst, nach ihrer Meinung, fälschlich behauptet und wie sie es korrigieren.

Falsch: Die Verse, gemeint sind die Suren, wonach der Koran sich für religiöse Freiheit einsetze, habe der Prophet geschrieben, als er politisch geschwächt war. Als er stark war, habe er seine Instruktionen, die den „heiligen Krieg“ betreffen, verfasst.
Richtig:
Die Verse seien von Muhammed geschrieben worden, als er in Medina regierte. Der Prophet habe Konvertiten davon abhalten wollen, dass deren Kinder ihren christlichen oder jüdischen Glauben zugunsten des Islam aufgeben.

Falsch: Der Papst übersetze „Jihad“ mit „heiligem Krieg“.
Richtig: „Jihad“ bedeute „Streben nach einem besseren Leben auf dem Weg, den Gott zeigt.“ Dies beziehe nicht notwendigerweise Gewalt ein.

Falsch: Passagen, in denen der Papst direkt oder indirekt von einem irrationalen und gewalttätigen und auf zwangsweiser Konversion basierenden Islam ausgeht.
Richtig: Hätten Muslime den Wunsch verspürt, alle anderen durch Gewalt zum Glaubenswechsel zu bringen, gäbe es keine einzige Kirche oder Synagoge mehr irgendwo in der islamischen Welt.

Falsch: Wieso kann Benedikt argumentieren, dass Gewalt Gottes Natur widerspreche, wo doch Jesus Christus die Geldwechsler aus dem Tempel von Jerusalem getrieben habe? Es wäre besser zu sagen: Grausamkeit, Brutalität und Aggression seien gegen Gottes Willen gerichtet.
Richtig: Das islamische Konzept des „Jihad“ verdamme diese Plagen.

Schließlich räumen die Unterzeichner ein, dass „manche Muslime“ Gewalt gebrauchen, „im Namen von utopischen Träumen.“ Dies richte sich gegen die Lehre des Islam. Sie verurteilen insbesondere den Mord an der italienischen Nonne in Somalia, die von einem Fanatiker erschossen worden war.

Soweit der „Offene Brief“. Christlich-Islamischer „Dialog“ in diesen Tagen. Als hätte es nicht auch lichtvolle Zeiten in der Begegnung der Kulturen gegeben. Dem Orient verdanken die Völker nördlich der Alpen schließlich nicht nur Kaffee und Gewürze. Großartiges Gedankengut arabischer Philosophen befruchtete europäischen Geist. Wenn schon eine Reise in die Geschichte des Mittelalters, warum nicht auch zu den gemeinsamen Quellen, statt aus Kriegserinnerungen neue Waffen zu schmieden.

Auf die Gegenseite hören. Gewiss. Aber nicht unter Ausschluss auf Rückbesinnung, die eigenen Fehlentwicklungen betreffend. Von welchem Punkt aus sollte der Dialog sonst beginnen. Die Kirche hat sich auf den schweren Weg gemacht, unter der Last keuchend, manches Gepäckstück vielleicht zu schnell abgelegt. Johannes Paul II. wurde von manchen belächelt wegen seiner vielen Entschuldigungen. Aber die Welt zeigte sich berührt von der „großen Vergebungsbitte“ im Heiligen Jahr 2000. Sie entschuldigt nichts, sie bittet um Vergebung der Schuld.

„Deus lo vult – Gott will es“ auf dem Panier, stürmten die Kreuzfahrer gen Jerusalem, marodierend schon unterwegs. Gegen die Juden in Mainz, gegen die Christen in Konstantinopel. „Helm ab, zum Gebet“ – warfen sich die Konquistadoren vor dem Kreuz in den Staub, bevor sie ein Bad im Blut der indigenen Völker Südamerikas nahmen, „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss eingraviert, als des Kaisers Soldaten vor Ypern im Gas starben, in den in den Stacheldrahtverhauen des Ersten Weltkriegs verbluteten, „Gott mit uns“, unter dem Hakenkreuz und auf dem Gipfel der Blasphemie: „In dem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, Adolf H. in „Mein Kampf.“

Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis. Dann aber schuf der Mensch die Religionen und Ersatzreligionen.

„Gott mit uns“ in „Gottes eigenem Land.“ So starben die „Helden von Alamo“. Davy Crocett, Jim Bowy. Oder war’s John Wayne? „Der Herr ist auf unserer Seite“, zeichnete der Festungskommandant Travis seinen letzten Appell. Aber hatte da wohl noch auf der Seite der Amerikaner zu tun.

„In God we trust“. Staatsbekenntnis auf der Ein-Dollar-Note. Wenn „John Wayne“ im Weißen Haus zu Washington vor schweren politischen Entscheidungen nicht nur mit dem leiblichen Vater, sondern mit einem „höheren Vater“ spricht – wer könnte gegen ein stärkendes Gebet Einwände erheben. Wenn aber christliche Fundamentalisten sich auf himmlische Anweisungen berufen, ob für Sprengstoff-Anschläge auf Abtreibungskliniken oder bei konkreten politischen Handlungen, für die auch unter Christen unterschiedliche Antworten erlaubt sind (darauf weist der vormalige Bundeskanzler in seinem politischen Rückblick hin), dann wird die Sache schwierig.

Gefährliche Allianzen

In seltener Übereinstimmung votierten katholische Kirche und Vertreter islamisch geprägter Länder auf den Konferenzen der Vereinten Nationen in Kairo und Peking bei der Frage nach dem Schutz des Lebens, auch des ungeborenen. Sie hinterlegten ein dogmatisches „Nein“ zu Reproduktionstechniken, die künstliche Verhütung, Stichwort: Pille und Kondom, sowie den Schwangerschaftsabbruch bejahen.

Die öffentliche Diskussion hat sich von diesen Positionen entfernt, zumindest in der Frage der Empfängniskontrolle. Stichwort Aids. Von der Konfliktforschung ist ein weiterer Einwand in die Debatte eingebracht worden: Die Frage nach einem inneren Zusammenhang von demographischen Fehlentwicklungen und den Ursachen von Kriegen. Auf die Kurzformel gebracht: Je mehr Männer geboren werden, desto mehr Kriege. „Überzähligen“ Söhnen, ohne Aussicht auf einen „normalen“ Broterwerb, bliebe keine andere Möglichkeit, als die Uniform anzuziehen, zur Waffe zu greifen. Wo Ehepaare die Zahl ihrer Kinder beschränkten, in bisherigen „Problemstaaten“, zeige sich eine deutliche Verminderung der Bereitschaft, Kriege zu führen. Will wohl heißen: Mangel an „Kanonenfutter“ für Kriegsplaner; verbesserter sozialer Status der Familien. Vielleicht eine reduzierte Sichtweise. Noch ist die Erde kein Aufenthaltsort nur friedfertiger Menschen. Um die eigenen Humanressourcen zu schonen, stehen für Angreifer wie Verteidiger schon die Alternativen zur Verfügung: Massenvernichtungswaffen. Auch gekidnappte Passagierflugzeuge gehören dazu. Eine Handvoll „Gotteskrieger“ fordert die Supermacht heraus. Noch immer werden Soldaten und „Kämpfer“ gebraucht – Mütter bringt „Krieger“ zur Welt – in Afrika, Asien, Lateinamerika. Der Aufstand der Millionen, die Hunger leiden, findet eines Tages auf anderen Kriegsschauplätzen statt. Worte, die Frieden stiften sollen, sind genug gewechselt.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 13)


Papst Benedikt XVI. besucht in diesen Tagen die Türkei. Berichte und Kommentare dazu unter www.kath.de. Nicht dennoch, sondern deshalb erscheint in diesem Zeitraum auch weiter das „bayerische Reisetagebuch“. Denn die diesbezüglichen Folgen stehen im Kontext zu den aktuellen Ereignissen am Bosporus. Selbstverständlich müssen die folgenden Texte aus dem zeitlichen Abstand heraus gelesen werden.


Die Regensburger Rede

Benedikt beehrt die Regensburger Universität, seine geliebte Alma Mater nach den Zwischenstationen Freising, Bonn, Münster und Tübingen – vom letzten Ort „vertrieben“ von studentischen Spielverderbern der 68er-Generation. Seine Heiligkeit, weiterhin Honorarprofessor in Regensburg, wird vor ausgewähltem Kreis nicht schlichtweg predigen, sondern, wie in alten Zeiten, eine Vorlesung geben. Allein schon der Titel des Themas verspricht hohe akademische Qualität: „Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen“.

Vergangenen Juni hat ihm der Rat der Stadt die Würde eines Ehrenbürgers verliehen, als „Ausdruck tiefer Verehrung für das Lebenswerk des Priester und Gelehrten der Theologie.“ Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. weiß um die Bedeutung einer solchen Laudatio auf seine Person. Immerhin hat in Regensburg „der größte deutsche Philosoph und Theologe des Mittelalters“ gelehrt und als Bischof gewirkt, wenn auch nur kurzzeitig, von 1260 bis 1262: Albertus Magnus, der „Doctor universalis“. 1931 hat Pius XI. Albert den Großen, den gelehrten Dominikaner, aus Lauingen im bayerischen Schwaben stammend, heilig gesprochen und zum Kirchenlehrer erklärt. Ortsbischof Gerhard Ludwig Müller erwartet eine „Sternstunde der deutschen akademischen Tradition.“

Das Zitat

Wann hat es das je gegeben? Ein Papst muss sich öffentlich zurücknehmen, Erklärungen nachreichen, Lesehilfen hinzufügen, Entschuldigungen aussprechen, nahe am Kotau. Und das alles wegen eines antiquierten Zitats, zur falschen Zeit im falschen Zusammenhang. Benedikt erfährt seine bitterste Lektion in seinem neuen Amt. Papst kann man nicht lernen, man wird es quasi über Nacht. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagte der Meister. „Aber in dieser Welt“, sagen die alten Hasen der Kurie. Und diese Welt hat ihre eigenen Spielregeln.

Benedikt hat in klarer Gedankenführung seine Überlegungen vorgetragen, bis hin zu jenem ins Wasser fallenden Stein, der Wellen schlägt bis an die Gestade des Mittelmeers und den Pazifischen Ozean. Ein Zitat, ein Halbsatz, aus der „Siebten Gesprächsrunde“ des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos mit einem muslimischen mudarris, einem theologisch gebildeten Lehrer, die der Basileios später als Dialoge mit einem Perser aufgezeichnet hat.

Das Zitat gliedert sich in zwei Teile. Zunächst geht es um die Frage des erzwungenen Religionsübertritts. „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht ha,t und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigt, durch das Schwert zu verbreiten.“ Aber da haben sich beide Seiten nichts vorzuwerfen. Hinzu kommt: Manuel ist nicht bei bester Laune, osmanische Truppen machen sich auf den langen Marsch nach Westen. Zunächst aber steht ihnen Konstantinopel im Weg. Umso heftiger fallen seine Worte aus. Benedikt ahnt wohl, welcher Zündstoff in diesem Zitat steckt, auf die Gegenwart bezogen. Vorsorglich geht er auf Distanz. „In erstaunlich schroffer Form“ habe der Kaiser gesprochen, kommentiert Benedikt und legt, abweichend vom Redemanuskript, noch eins drauf: „zugeschlagen“ habe Manuel.

Die Reaktion

Moslems in aller Welt hören gar nicht mehr weiter zu, bildlich gesprochen. Aufschrei in Moscheen, Widerspruch von Theologen, Entschuldigungsforderungen von Politikern, Drohungen der Fundamentalisten. Die Türkei vorneweg. Der ranghöchste islamische Staatsbeamte, Leiter der für Angelegenheiten der Religion zuständigen Behörde, ereifert sich: Das sei eine Erklärung voller Feindseligkeit und Missgunst und reflektiere Hass im Herzen des Papstes. Besser, er bleibe zu Haus und komme erst gar nicht, wie geplant, in die Türkei, sagt der Großmufti Ali Bardakoglu. Inzwischen ist die Reise bestätigt. Aber die Stimmung bleibt gefährlich gespannt.

In der Türkei kam im Frühjahr ein Buch auf den Markt. Der Titel, zweisprachig: Papa´ya Suikast. Who will kill the Pope in Istanbul? Eine Anspielung auf den geplanten Besuch im November beim Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel. Auf dem Frontcover ist Benedikt abgebildet, im Hintergrund ein Kruzifix in Flammen; ein „Gotteskrieger“, ein islamischer dem Outfit nach, der mit einer Spezialwaffe auf den Papst zielt. Nicht Islamisten seien am Werk, behauptet listig der Autor in seiner als Roman kaschierten Räuberpistole, sondern finstere Mächte im Vatikan. Von einem Verkaufsverbot ist bisher nichts bekannt geworden. Im Gegenteil. Das Buch sei sehr gefragt, ausverkauft. Wir wollen ihn hier nicht sehen, giftet ein Sprecher der nationalistischen Partei ins Mikrophon des deutschen Fernsehens. Es geht doch nur um die Christianisierung der Türkei, wie bei den Kreuzzügen. Christliche Kreuzfahrer, Kreuzzüge – immer noch willkommene Leimruten und Wurfgeschosse nationalistisch-islamistischer Scharfmacher. Damit hatte Ali Agca vor dem Türkei-Besuch von Johannes Paul II. gedroht, zwei Jahre vor den Schüssen auf dem Petersplatz.

Was war mit den Kreuzzügen, der spanischen Reconquista? In Trümmern ein blühendes Kalifat, versunken der Name Ibn Rusd-Averroes, der Koran den Flammen übergeben. Im „Almansor“-Gedicht schreibt Heinrich Heine: „Das war ein Vorspiel nur…“.

Waren die Frühwarnsysteme der Kurie deaktiviert, der versierte Angelo Sondano als Staatssekretär Seiner Heiligkeit schon außer Diensten, Tarcisio Bertone, sein Nachfolger, noch nicht eingearbeitet? Schreibt Benedikt seine Texte selbst, bis ins letzte Wort, ohne gegenlesen zu lassen? Der Vatikan äußerst sich zu solchen Fragen wie üblich nicht. Benedikt liest doch auch Zeitungen, hört und sieht Nachrichten. Namen wie Mudschaheddin, Taliban, al Quaida und Hisbollah dürften ihm nicht fremd sein. Die libanesischen Fundamentalisten haben soeben einen „göttlichen Sieg“ über Israel gefeiert.

Der „Krieg der Worte“ wird über die islamischen Medien geführt. Der globale Dschihad findet im Internet statt. Es melden sich bekannte und unbekannte Organisationen, offizielle und selbsternannte Sprecher. Eine hierzulande bislang nie gehörte Gruppe aus Mumbay schreibt einen „Offenen Brief“ an den Papst in Rom, „im Namen der Propheten Muhammed, Gautam Buddha und Jesus Christus, den gemeinsamen Lehrern der Menschlichkeit“. Man beansprucht, für die „islamische Gemeinschaft Indiens“ und „die indische Bevölkerung allgemein“ zu sprechen. Außerordentlich beunruhigt sei man über den „Bannstrahl“ aus Rom, den Affront gegen den Islam und „unseren Propheten“.

Seiner Heiligkeit empfohlen, bei allem gebührenden Respekt, die einschlägigen Werke westlicher Experten zu studieren, nicht zuletzt deutscher Gelehrter, die über Jahrhunderte zu einer konstruktiven und analytischen Kritik des Islam beigetragen hätten. Nein, die herzlichen Beziehungen „zu unseren christlichen Brüdern in Indien“ würden in keiner Weise tangiert.

Dann ändern die Absender ihre Tonlage. Die Äußerungen Benedikts kämen zu einem Zeitpunkt, da die interreligiösen Beziehungen an einem sehr kritischen Punkt angelangt seien.

Nicht umsonst sei von einem „Zusammenprall der Kulturen“ die Rede. Die Briefeschreiber aus Südindien malen das bekannte Bedrohungsszenarium in den schwärzesten Farben aus. Eine Allianz des US-Imperialismus unter der neokonservativen Bush-Junta mit NATO und Zionisten sei das, die einen potentiellen Krieg führe gegen die muslimische Länder und die Dritte Welt.

Ein wenig schade, dass er das so gesagt hat, meint mein türkischer Pizzabäcker, ein im Allgemeinen eher besonnener Mensch. „Fundamentalistische Leute warten doch nur auf eine solche Gelegenheit“. Die Glut ist noch da, von der Sache mit den Karikaturen her. „Es genügt ein Streichholz – und die Bombe explodiert“. Papstpuppen gehen in Flammen auf, und deutsche Fahnen brennen. „Wir sind Papst“ – mitgefangen, mitgehangen.

In Somalia stirbt eine Ordensfrau durch die Kugel eines Fanatikers. In Berlin wird – vorsorglich, so sagt die Theaterleitung – die Mozart-Oper Idomeneo vorübergehend abgesetzt, weil der Regisseur sich hat einfallen lassen, das Libretto durch eine Szene mit abgeschlagenen Köpfen zu ergänzen, frei nach dem Tötungsmotiv in der Originalvorlage. Nicht der Sohn wird vom Vater geopfert. Gezeigt werden die abgeschlagenen Köpfe von Jesus Christus, Buddha, Poseidon und eben – Corpus delicti befürchteter Gewalttätigkeit – das Haupt des Propheten Mohammed. – Die öffentlichen Proteste nehmen bizarre Formen an. Was für die einen Blasphemie, sehen die anderen als einen Angriff auf die Freiheit der Kunst und des Wortes an. „Man wird doch noch zitieren dürfen“, springt der deutsche Bundesinnenminister blauäugig seinem Landsmann bei.

Dem Mozart-Liebhaber Benedikt hätte die Köpfungsarie vermutlich ohnehin nicht gefallen, nicht nur aus künstlerisch-ästhetischen Gründen. Der christliche Heiland in einer Reihe mit den anderen, das ginge wohl nicht. Siehe „Dominus Iesus“.

Alarmstimmung

Die Alarmglocke hat geschlagen. Schadensbegrenzung ist das Gebot der Stunde, kompetente Dolmetscher sind gefragt, theologische Fachleute aus dem engsten Beraterkreis des Papstes, den Purpurträgern. Benedikt selbst spricht zum wiederholten Male sein Bedauern aus. Missverstanden sei er worden. Von „Selbstkritik und Toleranz, die die Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist, einschließt“ ist die Rede, und von „tiefem Respekt vor den Weltreligionen und vor den Muslimen, mit denen wir gemeinsam eintreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“. Benedikt zitiert die Konzilserklärung „Nostra aetate“ über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Damit sollten Muslims, die sich verunglimpft fühlten, leben können. Aber auch den Nachsatz nicht überhören.

Mehr noch. Wegen der „wohlbekannten Umstände“ beruft er einen „Krisengipfel“ ein. Repräsentanten islamischer Organisationen in Italien und beim Vatikan akkreditierte Diplomaten aus Staaten mit islamischer Prägung werden nach Castelgandolfo eingeladen. Häufigste Vokabeln in der päpstlichen Gruß-Adresse: Liebe muslimische Freunde. Verbundenheit im Zeichen der Freundschaft und Solidarität. Brücken will er bauen zu Gläubigen aller Religionen. Manche wollen einfach nicht. Der Sprecher der Kairoer Muslimbrüder reagiert abweisend. Das Treffen sei nur ein weiterer Versuch, eine Entschuldigung zu vermeiden.

Der Termin dieser Begegnung wurde mit Bedacht gewählt, die päpstlichen Diplomaten sind aufgewacht. Soeben hat der Ramadan begonnen. Tage der Besinnung, Tage der Reinigung des Gewissens. Der erste Tag des islamischen Fastenmonats fällt in diesem Jahr zusammen mit dem zweiten Tag von Rosch Haschana, dem Beginn des Jahres 5.767 jüdischer Zeitrechung, also Neujahr. Nur die Katholiken feiern den Sonntag ohne Drum und Dran, als 25. Sonntag im Jahreskreis. Gerhard, Rupert und Virgil haben Namenstag.

Onur, der Zehnjährige von Mehmet, meinem türkischen Wirt, ist an diesem Sonntag nicht so gut drauf. „Habe Hunger“, mault er. Seit Imsak, also ab 5.23 Uhr in der Frühe, hat er keinen Bissen mehr im Magen. Erst ab 19.28 Uhr, pünktlich für diesen Tag, gibt es wieder etwas auf die Gabel. Aber Onur nimmt den Ramazan bayrami ernst. Und freut sich auf das Fest des Fastenbrechens. Herr Ogurlu, Bekannter der Familie, wird auch in diesem Jahr einen Hammel schlachten, Freunde und auch bedürftige Landsleute einladen und vielleicht auch den christlichen Wohnungsnachbarn auf der Etage gegenüber.

Legt das Kopftuch und den Schleier in der Öffentlichkeit ab, grenzt euch nicht aus, sondern integriert euch, fordern liberale muslimische Frauen. Lasst euch nicht zum Sexualobjekt degradieren, durch diese „Symbole der Frauenunterdrückung“. Lasst euch nicht politisch missbrauchen. Ein Dauerthema, mit bisweilen gefährlichen Zuspitzungen. Eine Bundestagsabgeordnete türkischer Abstammung geht nicht mehr ohne Personenschutz auf die Straße. Ihr Appell „Kommt im Heute an, kommt in Deutschland an“ wurde für sie zur Lebensgefahr. Islamische Organisationen brauchen einige Zeit, bis sie darauf kommen, dass sie eine demokratische und humane Pflicht haben. Freiheit des Wortes. In Deutschland mühsam erkämpft. Welche Freiheit aber auch gegenüber Einwanderern aus dem islamischen Kulturkreis? Zählt westliche Kleiderordnung zur Aufenthaltsgenehmigung, grundsätzlich? Nicht jedes Kopftuch ist ein politisches Kopftuch, nicht jedes ein Zeichen der „Unterdrückung der Frau“.

In einem Wohnbezirk am Stadtrand meiner Gemeinde will „Milli Görüs“ eine Moschee errichten. Die Anwohner laufen Sturm. „Wir wollen keine Fanatiker nebenan“. Der Staatsschutz spricht von einer islamistischen Organisation, die verfassungsfeindliche Ziele verfolgt. Nicht mit Gewalt, sondern durch die Hintertür. Wie der Wolf im Schafspelz. Nicht unsere Verfassungen, sondern die von Allah gegebene Ordnung sei rechtmäßig, diese nachzuahmen eine „teuflische Krankheit“. Stehe klar und deutlich in den Publikationen der Fundamentalisten, sagen Verfassungsschützer. Zwei weltanschauliche Grundzüge prägten „Milli Görüs“: türkischer Nationalismus und ideologisierter Islam. Verboten sind sie nicht. Aber eine gute Presse haben sie auch nicht, die Kämpfer für „Adil düzen“(„gerechte Welt“, nach ihrem Verständnis in der Einheit von Staat und Religion). In letzter Konsequenz wäre dies der überwunden geglaubte Gottesstaat. Für die deutsche Situation aber stellt sich die Frage: Hinterhof oder öffentliche Kontrolle?

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Eine Reise in die Türkei

Eine Reise in die Türkei

Benedikt XVI. vor seiner schwierigsten Mission


Von Fettnäpfchen und anderen „Tretminen

„Papa Gelmesin“ – Der Papst soll nicht kommen – schreit es von Plakaten in Istanbul und auf Stirnbändern von fanatisierten Muslimen. Unruhe in der Stadt am Goldenen Horn, dort, wo Orient und Okzident sich begegnen (prosaisch: die „Brücke“ zwischen Europa und Asien), wo wie an keinem anderen Ort in der Geschichte die Kulturen aufeinander prallten: Islam und Christentum. Wo die Gegensätze aufflammen, bis heute. Keine der bisherigen Reisen Benedikts stand unter solchen Vorzeichen wie dieser Besuch am Bosporus. Die Atmosphäre zwischen der christlichen und der islamischen Welt ist seit der „Regensburger Rede“ vergiftet. Das „bayerische Reisetagebuch“ wird in den nächsten Folgen auf die Ursachen eingehen. Aber die aktuellen Ereignisse eilen davon. Am Vorabend der Türkei-Reise, die am 28. November beginnt und den Papst nach Ankara, Ephesus und Istanbul führt, drängt es sich auf, einige der auf die Septembertage datierten Einträge vorzuziehen.

„Einige Zehntausende“ Demonstranten, aber nicht so viele wie die Organisatoren angekündigt hatten, sind am vergangenen Sonntag auf die Straße gegangen, zusammengerufen von radikalen Nationalisten, die sich „Partei der Glückseligkeit“ nennen. Die kleine islamistische Partei zählt zu den politischen Kräften, die nach einer Re-Islamisierung der laizistischen Türkei streben. Äußerungen von Parteimitgliedern lassen auf eine enge Verbindung zur Islamischen Gemeinschaft „Milli Görüs“ („Nationale Sicht“) schließen, die in der Bundesrepublik den Verfassungsschutz alarmierte. Die Fundamentalisten wittern Morgenluft: Im kommenden Jahr wird in der Türkei gewählt.

Es war der bisher größte Massenprotest nach der Regensburger Rede von Benedikt XVI., in der sich Muslime in aller Welt durch ein mittelalterliches Zitat verunglimpft sehen. Der Islam werde als eine Religion der Gewalt dargestellt. Die Massenproteste in Istanbul der jüngste Ausläufer einer „Tsunami“, wie der SPIEGEL formuliert hatte, die vom Mittelmeer bis zur Südsee den Grünen Gürtel entlanglief.

Hassgeschrei gegen Papst und „Rom“ in der Stadt, die in der Geschichte öfter ihren Namen wechselte. In deutscher Übersetzung: Byzanz, Neues Rom, Konstantinopel – für die Araber Kostantiniye, Casingrad für die Slawen, Kuschta für die Juden. Mustafa Kemal, der sich Atatürk nannte, der „Vater der modernen Türkei“, entschied sich für den längst im Volk geläufigen Namen Istanbul (Stambul). Ein Name, der auf griechische Wurzeln zurückgeht – Istin-polin, wie man in alter Zeit sagte und wie nationalbewusste Türken vielleicht auch heute denken: Wir gehen „in die Stadt“. Synonym für das Reich schlechthin.

Krawall im heiligsten Bezirk der Stadt, wo Sultan-Ahmet-Moschee (die „Blaue Moschee“), die Hagia Sophia und der Topkapi-Palast das historische Ensemble bilden, zwei Welten zusammenfügen. Der Vatikan spielt den Vorgang herunter. Man wisse, dass bestimmte Gruppen „wenig glücklich“ über diesen Besuch seien, ließ der vatikanische Pressesprecher verlauten.

Äußere Umstände einer Papstreise: 20.000 Polizisten stehen bereit, und wohl auch etliche Einheiten der Streitkräfte. Und die Sicherheit. „Die ist stark bei uns“, sagt ein türkischer Gast in meiner Pizzastube. Er meint natürlich die Geheimpolizei. Damit wäre ja bestens vorgesorgt für den geistlichen Besuch. Man fragt sich, ob Päpste unter solchen Umständen überhaupt reisen sollten. Treffen hinter verschlossenen Türen, abgeschirmt von breitschultrigen Bodyguards. Das Volk, soweit zugelassen, hinter Absperrgittern – die Altäre in unerreichbarer Ferne. Der moderne Apostel Paulus unterwegs. Arme Welt.

Nationalistische und fanatisierte Muslims hatten schon geprobt, waren in die Hagia Sophia eingedrungen. Skandierten: „Er ist nicht erwünscht“. „Er soll zu Hause bleiben“.

Die ehrwürdige Basilika, Christen wie Moslems heilig. Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, geistliches Zentrum der „orthodoxen“ Ostkirche. 900 Jahre lang. Die Osmanen, nach der Eroberung Konstantinopels, machten daraus ihren Schuh: die Hauptmoschee ihres Imperiums. Das währte 480 Jahre. Atatürk ließ die Gebetsteppiche einrollen und machte ein Museum aus dem Gotteshaus. Ließ die christliche wie die islamische Vergangenheit konservieren. Der Papst möchte die geheiligte Stätte aufsuchen. Hagia Sophia – Göttliche Weisheit. Möge sie die Religionen zusammenführen. Jetzt aber ging die Polizei mit Schlagstöcken und Reizgas gegen fanatisierte Unruhestifter vor.

Das Unglück nahm seinen Lauf, als Benedikt in seiner Regensburger Universitäts-Vorlesung einige Zitate und Anmerkungen einstreute, die frommen Muslime geradezu sakrilegisch in den Ohren dröhnten. Absichtsloses Reden wird man dem Heiligen Vater nicht unterstellen können: Den Dialog mit den Religionen suchen, die eigene Position deutlich machen und auch das Unvereinbare benennen, wie ein Vatikan-Insider die Intention des Papstes zusammenfasst. Soweit in Ordnung. Aber der Ton macht bekanntlich die Musik. Es gehört wohl eine gehörige Portion Naivität dazu, oder ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein, vor dem Hintergrund eines aufgeheizten Klimas in der islamischen Welt fragwürdige Zitate ins Spiel zu bringen und nicht anzunehmen, dass islamische Radikal-Fundamentalisten nur darauf warten, mit den Worten zu zündeln.

Es genügt offenbar, absurde Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen, um die Hysterie anzuheizen: Papst und Patriarch, zumal einer, der den Namen Konstantinopel in seinem Titel trägt, schmiedeten ein Komplott: Rückkehr nach Byzanz, ein Vatikan am Bosporus. Christliche Kreuzfahrer vor den Toren des Großtürkischen Reiches. Hört man im Hintergrund die Grauen Wölfe heulen? Zu denen auch Ali Agca gezählt wurde.

Petrus bei Andreas

Nach dem Besuch in der Heimat also schon zwei Monate später diese nächste Auslandsreise. Das eigentliche Ziel: Besuch beim Ehrenprimas der Orthodoxie, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, wie seine Vorgänger Paul VI. (1967) und Johannes Paul II. (1979). In Ankara bevorzugt man für die Stadt am Bosporus, der „Brücke zwischen Okzident und Orient“, die Bezeichnung der osmanischen Eroberer: Istanbul.

„Petrus“ besucht „Andreas“ zum Fest des Apostelbruders. Dieser, so besagt die Chronik, soll im Jahr 36 die erste christliche Gemeinde im damaligen Byzanz gegründet haben. Seit der Umarmung von 1964 zwischen Paul VI. und Athenagoras in Jerusalem und der anschließenden Aufhebung der gegenseitigen Bannflüche schätzt man sich wieder als Schwesterkirchen. Weitgehend überwunden der Hader des morgenländischen Schismas von 1054. Die Wunden des vierten Kreuzzuges, dem Konstantinopel zum Opfer fiel, sind zwar noch nicht vernarbt. Kirchengeschichte rechnet offenbar in Äonen. Die volle Kommuniongemeinschaft noch nicht perfekt, aber im Werden. Gegenbesuche aus „Konstantinopel“ zum Fest Peter und Paul sind schon Routine.

Die wieder festeren Bande zu pflegen ist allerdings nur ein Anlass der Visite im Phanar, dem Amtssitz des Ökumenischen Patriarchen. Die christlichen Minderheiten erhoffen sich Stärkung von dem Botschafter des Friedens aus Rom, wenn er denn diese Rolle nach dem, was geschehen ist, zur Zeit ausüben kann. Kein Tag verging in dieser Vorbereitungszeit, wo Bischöfe und Priester nicht über massive Einschränkungen seitens der Staatsverwaltung wie auch über Angriffe türkischer Nationalisten und Islamisten klagten.

Christliche Minderheiten? Es ist mühsam, zuverlässige Zahlen zu gewinnen. 99 Prozent der Staatsbürger werden dem Islam zugerechnet, auch jene, die keine Konfession angeben. Der Pantürkismus – die Idee der Großtürkei – läßt nationale Minderheiten nicht gelten. Minderheiten, das sind vor allem die nach dem Völkermord während des Ersten Weltkrieges verbliebenen Armenier, türkische Staatsbürger und Ausländer, insgesamt auf 70.000 bis 100.000 geschätzt. Der Genozid vor 90 Jahren: offiziell ein Tabu. Wer darüber spricht, kann schnell hinter Gittern landen. Auf andere Weise dramatisch die Situation der Griechisch-Orthodoxen, denen der Ökumenische Patriarch vorsteht, nach türkischer Auffassung nur als Pfarrer, sein Titel „Ökumenischer Patriarch“ wird nur für die Auslandsgemeinden anerkannt. Die Zahl seiner Seelen ist – Folge des Bevölkerungsaustausches von 1923 – auf weniger als die Größe mancher deutscher Dorfpfarreien geschrumpft: zwischen 2.500 und 3.000. Ein größeres Kontingent bilden die „Katholiken“: Rund 15.000 – römisch-katholische Lateiner, mit Rom unierte orientalische Kirchen der Armenier, Chaldäer und Syrer. Ein muslimischer Fanatiker hat einem syrischen Priester, so wird berichtet, nach der Regensburger Rede den Kopf abgeschlagen.

Unter das Thema „Menschenrechte“ fällt auch die Situation islamischer religiöser und ethnischer Gruppierungen, die sich nicht pauschal der türkischen Masse einverleiben lassen wollen: Kurden und Aleviten. Sind das innertürkische und innerislamische Angelegenheiten, muss sich der Papst hüten, sich nach dem „Fall Regensburg“, erneut die Zunge zu verbrennen?

Nein, von der vielbeschworenen türkischen Gastfreundschaft kann – zumindest aus den Lautsprechern der Hetzer – keine Rede sein. Dies ist nicht das Urlaubsland Türkei mit seinen türkisfarbenen Badebuchten. Einer Umfrage zufolge haben sich 40 Prozent der Befragten gegen den Papstbesuch ausgesprochen. Militante Gruppen demonstrieren; es fehlen auch nicht die bekannten Morddrohungen, wenn Päpste reisen. Nur diesmal ist alles viel ernster. Eine Gruppe von Nationalisten hat schon mal die Hagia Sophia besetzt und antipäpstliche Parolen skandiert, bis die Polizei mit Pfefferspray einschritt.

Militante Muslime sahen schon in Johannes Paul II. nicht den „Botschafter des Friedens“, sondern den „christlichen Kreuzfahrer“, als er 1979 in die Türkei reiste. Ali Agca hatte schon in jenem Jahr seine Absichten angekündigt. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wer hinter den Schüssen vom 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz steht, ob politische Drahtzieher aus dem kommunistischen Machtbereich. Auch über Auftraggeber aus dem islamistischen Lager wurde spekuliert. Der zu lebenslanger Haft verurteilte und von Italien vorzeitig entlassene Attentäter sitzt wegen weiterer Gewaltverbrechen in Istanbul ein. Im Februar jenes Jahres 1979 hatte er Abdi Ipekci erschossen, den Chefredakteur der links-liberalen Tageszeitung „Milliyet“. Der Journalist entstammte, so wird aus seinem Familiennamen geschlossen, einer angesehenen, alteingesessenen Familie mit jüdischen Wurzeln.

Auf Spurensuche in der Geschichte der türkischen Juden taucht man ein in die geheimnisvolle Welt der jüdischen Mystik, der Kabbala und des Sufismus, und stößt im 17. Jahrhundert auf die Legenden und wahren Begebenheiten um den Pseudo-Messias Sabbatai Zewi (Sabatai Sevi) aus Smyrna/Izmir, der sich zum jüdischen König krönen ließ, Jerusalem von den Türken befreien wollte und auf grausame Art, zu Tode gemartert und gehäutet, in Istanbul sein Ende fand. Es empfiehlt sich nicht, öffentlich über die Bewegung des Sabbatianismus zu sprechen; noch immer habe sie ihre Anhänger, nach außen hin zum Islam konvertiert und als fromme Muslime auftretend, insgeheim aber weiter ihren geheimen Riten anhängend. Verführten und verwirrten Geistern wie Agca genügte da wohl nur das Stichwort. Jetzt wartete der Mordschütze mit einem neuen Einfall auf: Er wolle unbedingt den Papst sehen und bitte vorzeitig entlassen werden.

Politische Stolpersteine

Nicht nur die Regensburger Islamkritik liegt wie ein Schatten über der Türkei-Reise. Auch die aktuelle außenpolitische wie innertürkische Kontroverse um einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union ist eine Belastung für den türkischen Aspekt der Pilgerreise. Früher geäußerte Vorbehalte des Kardinals Ratzinger gegen eine türkische EU-Mitgliedschaft („unhistorisch“) sind in Ankara selbstverständlich vergessen. Mag sich er sich in seinem neuen Amt in dieser Frage zurückhalten, so doch nicht Stimmen aus dem vatikanischen Umfeld, die sich die Türkei nicht als Mitglied der europäischen Gemeinschaft vorstellen können. Ein Staat mehrheitlich auf dem asiatischen Kontinent, mit Grenzen zum Iran, Irak und zu Syrien, wie ein Professor am Päpstlichen Institut für arabische und islamische Studien in Rom gegenüber dem katholischen Nachrichtendienst ZENIT erklärte und davor warnte, dass die Idee eines islamischen Staates in der Türkei von islamistischen Strömungen nie verworfen worden sei. Wer so argumentiert, muss sich freilich fragen lassen, wem er in die Hände spielt und unter welchen Gesichtspunkten er die europäische Sicherheit ohne die Mitgliedschaft der laizistisch verfassten Türkei beurteilt.

Wenn etwas passiere, werde darüber wohl auch in Brüssel gesprochen werden, winkte Bartholomaios I. (Bartholomäus), der Patriarch von Konstantinopel und Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, schon mit dem politischen Zaunpfahl. In diesen Wochen stehen die Beitrittsverhandlungen wegen der Zypernfrage auf der Kippe. Nicht nur mit Griechenland und der EU riskiert die Türkei den politischen Konflikt, auch mit der Orthodoxie. Die abstruse Behauptung aus dem nationalistischen Lager von der antitürkischen Allianz zwischen Vatikan und Phanar findet hier seine Nahrung und ein gläubiges Publikum, selbst wenn es sich um durchsichtige Propaganda handelt.

„Heute so und morgen so“. Vorgestern galt: Recep Tayyip Erdogan habe keinen Termin frei für den Papst. Der türkische Ministerpräsident sei unabkömmlich, wegen eines NATO-Gipfels in Lettland. Immerhin ist diese Bündnispartnerschaft eine nicht unwichtige Trumpfkarte im Spiel um das Beitrittsgerangel in der EU. Gestern hieß es dann: Wenn schon jetzt kein Treffen mit dem Papst, dann vielleicht zu einem späteren Termin. Er könne ja auch mal in den Vatikan kommen. Eine Einladung würde bestimmt nicht abgelehnt werden. Man sei immer zu zwischenstaatlichen Treffen bereit. Sagt der bekennende Muslim als Regierungschef des laizistisch verfassten Staates. Auf die Betonung kommt es an, vielleicht doch etwas anders als bei einem Vatikan-Besucher aus dem Élysée-Palast.

Nachdem auf beiden Seiten kräftig in die Fettnäpfchen getreten wurde, sind jetzt Reinigungsmittel gefragt. Ministerpräsident Erdogan möchte nun doch dem Papst die Hand geben, falls es sich einrichten lässt. Am Tag der Ankunft auf dem Flughafen. Der eine kommt, der andere geht. Warum nicht gleich so. Wo ein Wille, dort auch ein Weg. Begegnungen mit der Staatsführung sind ohnehin vorgesehen – mit dem Staatspräsidenten, wenn auch nicht am Roten Teppich nach der Landung, sowie mit dem Vizepremier und dem Außenminister. Insofern keine ausdrückliche Brüskierung, sondern im noch vertretbaren protokollarischen Rahmen. Benedikt werde volle Gastfreundschaft genießen, sagte der Regierungschef und Großmufti Ali Bardakoglu, der Vorsitzende des Direktorats für religiöse Angelegenheiten, eine Art türkischer Religionsminister, der nach der Regensburger Rede am lautstärksten gegiftet hatte, und gibt sich damit ebenfalls versöhnlich. Immerhin kommt der Papst zu ihm und nicht er zur Audienz zum Papst. Was nach orientalischem Brauch durchaus schmeichelt. Auch wenn die Sache mit dem Papstbesuch noch nicht erledigt sei. Da will nun auch Benedikt nicht nachstehen. Er werde „eventuell“ kurz auch die Sultan-Ahmet-Moschee aufsuchen, verlautete aus dem Vatikan, also in ein „richtiges“ Gotteshaus des Islam gehen und nicht nur in die säkularisierte Hagia Sophia. Diese als „Blaue Moschee“ weltberühmte Gebetsstätte ist die Hauptmoschee Istanbuls. Man wird sehen, wie die radikalisierten Gruppen der Stadt auf dieses Vorhaben reagieren. Als 1967 Papst Paul VI. in der Hagia Sophia zum Gebet niederkniete, wohl in Erinnerung an das christliche Byzanz, war der Ärger so groß, dass Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1979 auf ähnliche Gesten verzichtete. Dennoch wagte er den ersten Schritt und besuchte am 6. Mai 2001 die Große Omajjaden-Moschee in Damaskus. Ebenfalls eine ehemalige christliche Kirche. Die Johannes-Basilika, vom Kalifen Al-Walid „umgewidmet.“

Mit dem Aufflammen der politischen Krisenherde vom Mittelmeer bis zur Südsee scheint die islamische Welt aus den Fugen geraten, den gemäßigten Kräften die Kontrolle entglitten zu sein. Religiöse Fanatiker, politische Radikale, militant bis hin zu Terrororganisationen, die sich auf den Koran berufen, suchen die Oberhand zu gewinnen, indem sie die Massen durch propagandistische Aktionen und spektakuläre Gewaltaktionen stimulieren. Das Verhältnis insbesondere zur christlichen Welt, identifiziert mit dem säkularisierten Westen, erheblich gestört, wenn nicht zerrüttet.

Dialog auf Augenhöhe?

Es komme nicht darauf an, Kreuzzüge zu verdammen und Heilige Kriege zu glorifizieren, hält der Bischof von Limburg den Islamisten vor. Worauf es ankommt, das zu diskutieren, geht im

Wortschwall der gegenseitigen Kritik und maßlosen Beschimpfungen unter. Der Versuch, über Grundsätze und Konzeptionen, über Konsens wie Verschiedenheit der Weltanschauungen zu reden und Wege zueinander zu finden, läuft sich an den jeweiligen Mauern der Infallibilität fest. Wenn der Islam einen Primatsanspruch behauptet, das Christentum, zumal dogmatisch katholisch formuliertes, fundamentale Gegensätze zum gelebten Koran erkennt, scheint größte Skepsis gegenüber dem angestrebten Dialog auf Augenhöhe geboten.

Benedikt hat die Frage von Glaube und Vernunft auf die Agenda des interreligiösen Dialogs gesetzt, ein Thema, das Philosophen und Theologen seit den griechischen Klassikern beschäftigt und seit der Aufklärung die Dispute beflügelt. Den Weisen und Gelehrten ermangelte es nie der Gabe, die Welt zu erklären, einem bekannten Diktum zufolge. Doch die Geschichte lehrt: Es sind andere, welche meist die Welt verändert haben – nicht zum Vorteil für deren Bewohner. Weil, um mit Schiller zu sprechen, der Grund nicht in den Dingen liegt, sondern in den Gemütern der Menschen, welche die „Wahrheit“ nicht zur Kraft werden lassen. Allenfalls das, was diese oder jene Anschauung für die einzig gültige Wahrheit hält. Der Dichterfürst hätte auch ein Rezept parat: Dass nämlich „der Weg zum Kopf durch das Herz muss geöffnet werden.“

Jetzt überraschte Ministerpräsident Erdogan die Öffentlichkeit mit dem Vorschlag, er wolle den Papst für die „Allianz der Zivilisationen gegen Armut und Krankheit“ und als Kämpfer der Demokratien gegen den internationalen Terrorismus gewinnen. Zu dieser Aktion hatte der spanische Ministerpräsident Zapatero nach den Anschlägen von New York und dem Madrider Bombenattentat aufgerufen. Man wird sehen, was daran ist, oder ob Erdogan nicht auch Punkte sammeln will, in Europa und für das türkische Wahljahr 2007.

1978 trafen sich in Tughlugabad bei Delhi je zwölf Muslime und zwölf Christen zu einem Dialogseminar. Bei dieser Tagung erklärte ein islamischer Theologe, dass niemand es sich leisten könne, dem anderen gegenüber gleichgültig zu sein. „Entweder lernen wir als Glieder einer weltumspannenden Gemeinschaft zu leben … oder aber wir werden überhaupt nicht leben“. Daran erinnerte der namhafte christliche Religionsphilosoph Bernhard Welte in seinem Beitrag über „Christentum und Religionen der Welt“, der vor 25 Jahre in der Enzyklopädie „Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft“ (Bd. 26, Freiburg i. Breisgau) erschienen ist. Es wäre schon viel erreicht, wenn das „Projekt Weltethos“, wie es Hans Küng auf den Weg brachte, Gestalt annehmen würde, verbindlich in dem Axiom „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“.

Am vergangenen Sonntag, nach dem Angelus, sandte Benedikt „herzliche Grüße an das liebe türkische Volk“, das so reich sei an Geschichte und Kultur. Dem Volk und seinen Repräsentanten gegenüber drückte er seine „Gefühle der Wertschätzung und der aufrichtigen Freundschaft“ aus. Die Demonstranten in Istanbul hatten freilich nicht auf Empfang geschaltet.

In seiner Grußbotschaft vergisst Benedikt nicht die „kleine katholische Gemeinschaft“, welche ihm immer von Herzen gegenwärtig sei. Auch erinnert er an den eigentlichen Anlass seiner Reise, die brüderliche Zusammenkunft mit der Orthodoxen Kirche zum Fest des heiligen Andreas, des Apostels. An „die deutschsprachigen Pilger und Besucher“ auf dem Petersplatz wandte er sich, wie üblich in seiner Muttersprache, in einem persönlichen Anliegen: „In dieser Woche bitte ich besonders um Euer Gebet für meine bevorstehende Apostolische Reise in die Türkei.“

Ab morgen erscheinen an dieser Stelle täglich bis zum kommenden Freitag – und damit parallel zur Türkei-Reise von Papst Benedikt XVI. – die Folgen des bayerischen Reisetagebuchs, die von der Regensburger Rede handeln. Am kommenden Montag (4.12.) wird eine Nachbetrachtung zur Türkei-Reise beide Ereignisse miteinander verknüpfen und diese Thematik damit abschließen; am darauffolgenden Mittwoch (6.12.) wird das bayerische Reisetagebuch dann wieder normal fortgeführt.

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 12)


Papstwiese

Don und Lillian Gook haben einen weiten Weg hinter sich. Sie kommen aus Kanada, genauer: aus dem Städtchen Quesnel im nördlichen British Columbia, das liegt zwischen Prince George und Williams Lake, was man hierzulande wohl nicht so genau kennt, und – schon eher bekannt – 500 Kilometer nördlich von Vancouver, in Richtung Pazifischer Ozean, also ein ganzes Stück von Regensburg entfernt, fast um die halbe Erde.

Muss man Quesnel kennen? Aber sicher doch. Klettern wir auf einen Planwagen, und auf geht’s, entlang der Cariboo Wagon Road, immer dem Gold Mining Trail nach. Ein Hauch von Abenteuer umweht den Reisenden. Der Yukon ruft. Erinnerung an goldene, aber auch raue Zeiten. Quesnel streitet mit Nome, oben in Alaska, wer die größten Goldpfannen aus dieser Zeit vorzeigen kann. Heute finden allenfalls Hobby-Goldwäscher noch einen Nugget, dafür hat „Goldpan City“ jede Menge Natur pur zu bieten. „Eine malerische Stadt, in einem stillen Tal, umgeben von Bergen, in einer Landschaft mit klaren Flüssen und Seen“. Im Winter allerdings kann es lausig kalt werden. Es wurden bis zu 46,7 Grad minus gemessen. Also jede Menge Eis und Schnee, womit wir wieder bei Don und dem Anlass seines Regensburg-Besuches sind.

Die Erinnerung an Quesnels goldene Vergangenheit hat ihn nicht daran gehindert, sein Glück in „good old Germany“ zu versuchen, in einem Beruf, der den Kanadiern sozusagen auf den Leib geschneidert, oder besser noch: an die Füße geschnallt ist: Eishockey. Das kanadische Rauhbein fand ein passendes Team, die Regensburger Eisbären – was dem Mann aus den kälteren Breiten Amerikas schon vom Namen her sympathisch klang. Von daher also stammt – kurz gesagt – die Beziehung zu der Stadt, wo Naab und Regen mit der Donau weiterwandern und Fränkischer Jura und Bayerischer Wald sich die Hand reichen, Flussebenen und der Gäuboden miteinander verschmelzen. Womit auch schon etwas über die geographische Lage der Stadt gesagt ist, die für Don und seine Frau Lillian für einige Jahre zur zweiten Heimat wurden, wo sie enge Freundschaft schlossen und nun zur Hochzeit des Sohnes von Don’s Spezl mal schnell rübergeflogen kamen. Da passte es gut, gleich noch ein zweites „Big Event“ mitzunehmen. Papst Benedikt XVI., the Pope from Germany.

Das Islinger Feld, eine weitflächige Anhöhe über Regensburg, wurde kurzerhand in „Papstwiese“ umgetauft. Mit einigem Aufwand hergerichtet für das große Ereignis, den Gottesdienst unter freiem Himmel. Bis der Altarhügel aufgeschüttet werden konnte – auf fünf Meter über dem Publikum, 180-Grad-Panorama-Übersicht –, war gefährliche Vorarbeit angesagt. Das Gelände musste zentimetergenau nach Munition abgesucht werden – nicht aus aktuellen Gründen, obschon das auch –, sondern nach Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg. Regensburg war Ziel schwerer Luftangriffe der Alliierten gewesen. „Blindgänger“

wurden, soweit bekannt, nicht gefunden. Und Benedikt blieb erspart, auf einen nahen Truppenübungsplatz umzuziehen, wie die Oberpfälzer Regierung vorgeschlagen hatte, um die Autobahn nicht sperren zu müssen, weil die Veranstalter dort die Pilgerbusse parken lassen wollten. Also sprach Günther Beckstein, Bayerns Innen- und Polizeiminister, das für solche schwierigen Entscheidungen vorhandene „Machtwort“. Es blieb bei der Papstwiese.

Don und Lillian Gook nebst dem Meindl, Martin, dem Freund aus gemeinsamen Eishockeytagen, haben es sich inzwischen gemütlich gemacht, soweit man das von einem Hochsitz, drei Meter über dem Boden, sagen kann. Respektvoll hinter dem Absperrzaun und auf gebührende Distanz zur Papst-Insel. Aber wozu hat man Ferngläser. Die Polizei hatte die Sonderbaumaßnahme inspiziert, auch das Zelt, in dem die ungewöhnlichen Zaungäste die Nacht verbracht hatten, und alles für Recht und Ordnung befunden: kein Sicherheitsrisiko.

Das „Hauptpilgerfeld“ – frühere Ackerfläche, die vom Bistums eigens gepachtet und mit Gras eingesät worden war – ist „orthogonal strukturiert“, die „Sektoren“ nummeriert. Hunderttausende dürfen kommen, wenn sie denn kommen, weil viele – die Polizei hat vor einem „Ansturm“ und vor Staus auf den Straßen und vor Parkproblemen gewarnt – es dann doch vorgezogen haben, sich den Heiligen Vater im Fernsehen anzuschauen, in der ersten Reihe, daheim auf dem Sofa.

Beim „corsa di autopanoramica“ – Benedikts Fahrt im verglasten Papamobil – mussten die TV-Teilnehmer jedenfalls nicht so sehr die Hälse recken wie die Menge ab der zehnten Reihe auf dem Islinger Feld. Und dann auch nur auf Großbildwänden.

Papst Benedikt der Missionar: Die Zeit sei gekommen, wieder stärker von Gott zu sprechen, den Glauben zu verkündigen, zu beten. Denn: Seit der Aufklärung arbeite wenigstens ein Teil der Wissenschaft emsig daran, eine Welterklärung zu finden, in der Gott überflüssig werde.

Während einer Reise nach Litauen – seinerzeit gab das Politbüro die verbindlichen Glaubenswahrheiten vor – besuchte ich, „verdeckt“ gegenüber den allgegenwärtigen Aufpassern, das Atheismus-Museum, in das eine der großen Kirchen von Wilna umfunktioniert worden war. Unübersehbar in der Raummitte eine Art Triptychon. Es zeigte einen Jesuiten aus dem 16. Jahrhundert und zitierte dessen Erkenntnis: Der Mensch sei der Schöpfer aller Dinge. „Ergo non est Deus“ in etwas beknacktem sowjetisch-marxistischem Dolmetscher-Latein. Von der Decke baumelte ein Sputnik-Modell. Meldung des ersten Kosmonauten der Welt: Bin dort oben Gott nicht begegnet. Es muss allerdings wohl so gewesen sein, dass Jurij Gagarin während seines kurzen Ausflugs in den Weltraum vermutlich ziemlich intensiv mit der Beobachtung der Instrumente in seiner engen Kapsel beschäftigt gewesen war.

Die Altarinsel: eine wahre Schatzkammer religiöser Kunst. Der Altar, aus Auerkalk aus Kelheim (das Mittelstück wird später der Kirche zu Pentling, Benedikts frühere Wohngemeinde, geschenkt); das Altartuch haben die Armen Franziskanerinnen der Ordensgemeinschaft von der Heiligen Familie, kurz Mallersdorfer Schwestern genannt, mitgebracht, „die Generaloberin legt es persönlich auf den Altartisch“. Da fügt es sich, dass einen Monat später ihr Ordensgründer Paul Josef Nardini seliggesprochen wird. Erstmals nach langer Zeit wieder eine Beatifikation im Bistum. So hat Benedikt entschieden, nach der Flut der Heiligen und Seligen unter seinem Vorgänger, die einem Papst kaum noch Luft für andere Amtsgeschäfte lassen. Den kanonischen Akt im Dom zu Speyer nimmt ein Pfälzer Priester für einen Pfälzer Priester vor: Friedrich Wetter, Bischof von Speyer, bevor er auf den Stuhl von München-Freising berufen wurde. Nardini in Germersheim geboren, Wetter in Landau – zwei Nachbarschaftorte. Die Pfalz wurde zu Nardinis Zeit vom bayerischen König regiert. Elend herrschte in Pirmasens, als der Selige dort wirkte. Schattenseiten der Industrialisierung. Caritas war das christliche Gebot der Stunde. „Caritas urget nos – die Liebe Christi drängt uns“, das Leitwort der Armen Franziskanerinnen. „Deus caritas est“ – die erste Enzyklika Benedikts.

Bei den liturgischen Geräten verdient Erwähnung der Wolfgangskelch, um 1250/60, Memoria zu Ehren des Bistumspatrons, wie der vergoldete Wolfgangsschrein vor dem Altar. Das Altarkreuz, um 1370, stammt aus der Schottenkirche St. Jakob. Im „Hinterkopf Christi“ entdeckte man einen Hohlraum. Darin seit 600 Jahren verborgen zwei Reliquiensäckchen und ein Lederetui. In diesem wiederum ein silberner Behälter in der Form eines Schmetterlings in Lebensgröße. Die Enden der Fühler mit Perlen besetzt. Die Flügel mit Emailmalerei bunt verziert. Der Inhalt des Schmetterlings: Eine Darstellung der Kreuzigung Christi. Auf der Rückseite, in zwei Fächern, Reliquien der heiligen Ursula und des heiligen Achatius, und in einem eigenen kreuzförmigen Fach ein Partikel vom Kreuz zu Golgatha. Spötter behaupten, lege man alle Holzspäne aneinander, die angeblich aus Jerusalem in alle Welt getragen wurden, begehrtes Souvenir der Kreuzritter, könne man einen Fußsteg um die halbe Welt bauen. Glaube versetzt, wie man in Regensburg sieht, nicht nur Berge.

Nicht zu vergessen die alte Kathedra aus St. Ulrich, für Benedikt mit einer Husse (eine Schutzhaube für die Rückenlehne) bezogen, die sein Wappen zeigt. Aus St. Ulrich auch eine der ältesten Glocken Regensburgs, auf 1240 datiert. „Sechsmal wird sie bei der Wandlung angeschlagen“. Last but not least: Die Gärtnerei, gleich neben der „Papstwiese“, dekorierte das ganze Ensemble der Papstinsel mit 1000 weißen Lilien. Unterm Krummstab läßt’s sich’s gut leben, sagten die Untertanen in alter Zeit.

„Aber die Sache mit dem Menschen geht nicht auf ohne Gott, und die Sache mit der Welt, dem ganzen weiten Universum, geht nicht auf ohne ihn“, predigt der Papst. Von dort oben, vom Himmelszelt, sieht der Planet, auf dem die Menschen leben, wie eine marmorierte Murmel aus, wie wir von atemberaubenden Aufnahmen aus Raumstationen wissen. Die Erde ist kein Spielzeug für die einen, die die anderen nicht mitspielen lassen wollen. Benedikt: „Unrecht darf uns nicht gleichgültig lassen, wir dürfen nicht seine Mitläufer oder sogar Mittäter werden. Wollen wir nicht, dass einmal all den ungerecht Verurteilten, all denen, die ein Leben lang gelitten haben und aus einem Leben voller Leid in den Tod gehen mussten, Gerechtigkeit widerfährt?“

Die ersten Reihen unterhalb der Altarbühne sind mit Stuhlreihen versehen. Namensschilder, damit jeder seinen Platz finde: die „hohe“ Politik – der Ministerpräsident nebst Gemahlin, die Herren Staatsminister und Sekretär, der Herr Oberbürgermeister – die Bundeswehr-Generalität, der Adel. Voran Ihre Hoheiten Albert Fürst von Thurn und Taxis und Mutter Gloria.

Der Malteser-Hilfsdienst, für alle Fälle bereit, notierte ins Dienstbuch: Bis zum Mittag 318 Patienten versorgt, einen Herzstillstand reanimiert – kein Wunder, wenn einem die Knie weich werden.

Die Kirche feiert an diesem Tag das Fest „Mariae Namen“. Der Papst wird an seine Mutter denken. Vor dem Bild der „Schutzmantelmadonna“ (dem „Zentralen Gnadenbild der Marianischen Männerkongregation“) versammelt Benedikt die Gemeinde zum „Marienlob“. Man hat das Gnadenbild aus der Dominikanerkirche zur Papstwiese gebracht, „klimageschützt“. Joseph und Georg Ratzinger hätten schon immer eine innige Beziehung zu dieser Darstellung der Gottesmutter empfunden, weiß der Dom-Zeremoniar.

Bei uns zu Hause „auf dem Land“, gab´s zum Namenstag der Mutter am Nachmittag stets Kaffee und Kuchen. Beim Vater – auch er ein Josef – war es nicht anders. So zählte das Jahr, „gut katholisch“, wie die evangelische Anverwandtschaft drei Dörfer weiter zu sagen pflegte.

Die Liturgie des Tages ist reich an Gebeten und Liedern zur Gottesmutter: „Unter Deinen Schutz und Schirm…“ und „Maria breit den Mantel aus“. Das Ave Maria selbstverständlich. Zum Abschluss das mächtige „Te Deum“ mit Chor, Orgel und Bläsern und Hunderttausend Stimmen. Ein starkes Bekenntnis unterm Himmel weiß und blau.

„Ich glaube an Gott…“. Erster Satz des Credos. Der Mensch und seine Vernunft sei nicht ein Zufall der Evolution, eine Hervorbringung eines mathematisch geordneten Kosmos – sondern schöpferische Vernunft des Geistes. Hier wirke die Vernünftigkeit Gottes. Alles andere sei im letzten „also doch auch“ etwas Unvernünftiges. Fazit: Glaube ist nicht das Gegenteil von Vernunft.

„Wer glaubt ist nicht allein“. Auch der Andere soll nicht allein gelassen werden. Wenn er ausgegrenzt ist, Not leidet, ist das christliche Liebesgebot gefordert. Gleiches gilt für die Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen. Von einem eigenen festen Standpunkt aus. Nicht ohne Gott freilich. Benedikt sagt: Wer einer Vernunft anhänge, die taub sei gegenüber dem Göttlichen, und Religion in den Bereich der Subkultur abdränge, sei unfähig zum Dialog der Kulturen.

„Der Papst ist zuerst Mensch“, verriet der Mainzer Kardinal seinem Frankfurter Leib- und Magenblatt. Wer hätte das gedacht? Der Kölner Mitbruder beförderte Benedikt gar zum „Mozart der Theologie“. Ein interessanter Beitrag zum Mozartjahr. Da blieb dem Genueser Kardinal, einem bekennenden Fußballfan, nur noch eine Steilvorlage: Ein „Beckenbauer“ sei der deutsche Papst, „ein zurückgezogener Regisseur, der lange Pässe schlagen kann.“ Und Tarcisio Bertone ist jetzt sein Allroundtalent, im Angriff wie in der Verteidigung. Als ehemaliger Sekretär der Glaubenskongregation und neuer Staatssekretär Seiner Heiligkeit sollte er natürlich den Ball beherrschen und in der Lage sein, Eigentore zu verhindern.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 11)


Wie aus einer Liebesnacht eine Weltgeschichte wird

„Wenn hinten fern in der Türkei die Völker aufeinander schlagen“, was den Herrn Geheimrat Goethe nicht sonderlich beunruhigte, ließ den Papst, einige Jahrhunderte zuvor und geographisch näher an den Kriegsschauplätzen, natürlich nicht ruhig schlafen. Immer nur Ärger im Osten. Bevor es gegen die Türken ging, allerdings hausgemachte Schweinereien. Wie der vierte Kreuzzug in einer Mordorgie endete, nicht im Heiligen Land, sondern in Konstantinopel, und da lebten Christenmenschen. Getrennt zwar von Rom aus vielerlei Gründen, wobei Glaubensfragen bei näherem Hinsehen eher die geringere Rolle spielten. Und

jetzt das Blutbad. Weil Venedig die Konkurrentin am Bosporus aus dem Feld schlagen, das heißt selbst die wichtigen Seewege in den Orient und noch weiter nach Osten kontrollieren wollte. Die Osmanen rückten später nach Westen vor. Sie kamen mit dem Schwert und ungezügelten Reiterheeren, Kriegführung nach der Methode Dschingis: Kopf ab, Aufspießen. Aber da konnten die Kreuzritter sich nicht beklagen. Soldat sein ist kein Kinderspiel, wie man an entsetzlichen Bildern aus den Kriegszonen zwischen Bagdad und dem Hindukusch sieht.

Zurück ins Mittelalter. Kaiser Johannes VIII. Palaiologos, ein Nachfahre des inzwischen zu einer gewissen Berühmtheit gelangten Manuel, schickt einen verzweifelten Hilferuf an den Papst in Rom. Der verfügt nicht nur über finanzielle Mittel und politischen Einfluss, sondern befehligt auch eigene Truppen, zum Beispiel Sklaven auf Kriegsgaleeren. Eugen IV., gebürtiger Venezianer, erkennt die Gunst der Stunde, schickt einen seiner gescheitesten und erfahrensten Diplomaten an den Bosporus, einen gewissen Nikolaus Chryfftz, aus Kues an der Mosel stammend, unter Lateinern besser bekannt als Nikolaus Treverensis oder auch Nicolaus Cusanus. Beachtliche Karrieresprünge wird der Cusaner noch machen, eines Tages als „papabili“ gehandelt werden. 1437/38 aber stehen schwierige Verhandlungen an. Waffenhilfe für den bedrängten Kaiser gibt’s nicht für ein „Vergelt’s Gott“. Der Preis ist hoch: Rückkehr in den Schoß der Mutterkirche, Union mit Rom. Aufhebung der Scheidung von 1054.

Mit der anderen Seite, den Muslimen, hatte der Deutsche einschlägige Erfahrungen gesammelt. Statt mit Waffen mit Gedanken zu argumentieren war seine Devise. Vielleicht könnte man sie ja bekehren. Man fand das seinerzeit nicht abwegig. Auch die Union mit den Orthodoxen war zum Greifen nah, der Kaiser „reif“ für die Heimkehr. Aber seine Hausmacht war wohl nicht stark genug. Die Verhandlungen ziehen sich hin. Die Metropoliten, diese regionalen Kirchenfürsten, aber machen nicht mit. So kommt es, wie es nicht zu ändern war. Die Türken rücken vor. Janitscharen stürmen an. Nach zweimonatiger Belagerung, am 29. Mai 1453, fällt Konstantinopel der türkischen Übermacht zum Opfer. Der inzwischen amtierende byzantinische Kaiser Konstantin XI. fällt auf den Zinnen. Sultan Mehmed II. lässt

die Stadt plündern und die Oberschicht köpfen. Für den römischen Papst hat nun die „apokalyptische Gefahr für die gesamte Christenheit“ greifbare Gestalt angenommen.

Jenseits des Meeres sieht man die Fahnen des Propheten, die Reiter des Sultans aufziehen. Die Handelsstraßen zur See sind nicht mehr sicher. Wie die Gefahr bannen? Ein Militärbündnis muss geschmiedet werden, zwischen denen, deren Interessen auf dem Spiel stehen: Venedig, Spanien, Habsburg. Eine schnelle Eingreiftruppe, eine „Task Force“ würde man heute wohl sagen, vor allem zur See.

Und damit sind wir wieder in Regensburg, am Haidplatz. Vor dem Haus „Zum Goldenen Kreuz“, mit seiner prächtigen Fassade. Wer ist nicht alles in dieser Herberge abgestiegen? Habsburger und Preußen, Hessen und Württemberger, Sachsen und Wittelsbacher. Fürst Bismarck auf der Reise nach Gastein, um sich mit Wien das Land Schleswig-Holstein zu teilen. (Ein Jahr später hauen Preußen und Österreicher schon wieder aufeinander los.) Auch Kaiserin Elisabeth, unser aller Sissy, finden wir auf der Gästeliste des Hauses. Aber das ist natürlich nichts gegen die folgende Geschichte, die sich wahrhaftig so zugetragen haben soll, wie an der Außenfassade beschrieben. Zum besseren Verständnis mit leichten Verbesserungen wiedergegeben:

In diesem Haus von alter Art, / hat oft genächtigt nach langer fahrt,
Herr Kayser Carl, der fünft genandt, / in aller Welt gar wohl bekannt.
Der hat auch hier zu gueter Stund / geküsset einer Jungfrau Mundt.
die selb die hiess bei fern und nah / man nur die schöne Barbara.
Ihr Stamm war bieder schlicht und recht, / Plumberger schreibt sich das Geschlecht.
Dem bracht des Kaysers Lieb viel Leid, / doch trost und heyl der Christenheit.
Dann draus erwuchs, dem Vatter gleich, / der Don Juan von Oesterreich,
der bey Lepanto in der Schlacht, / vernichtet hat der Türken Macht.
Der Herr vergelts Ihm alle Zeit, / so jetzt wie auch in Ewigkeit.

Ohne Barbara Blomberg, Tochter eines Gürtlers zu Regensburg, also keine Rettung des Abendlandes. Don Juan steigt zum Admiral der Vereinigten Armada auf und besiegt die türkische Flotte in der Seeschlacht von Lepanto. Das war am 7. Oktober 1571. Regensburg, so stolz auf den in den Mauern der Stadt zwar nicht ganz nach den Vorschriften der Kirche gezeugten Sohn Seiner Katholischen Majestät, nahm vor einigen Jahren gern das Geschenk der Stadt Messina an, die Kopie einer Statue des Seehelden, und stellte diese im Stadtzentrum auf.

Pius V. (1566-1572) steuerte seinerzeit das Schifflein Petri durch die schwere See. Für ihn und seine gläubige Gemeine hatte allerdings jemand ganz anderes den Sieg errungen und das christliche Abendland vor dem Untergang gerettet: Natürlich die Gottesmutter, „Maria vom Rosenkranz“. Alle sollten den Rosenkranz beten, sozusagen simultan. So hatte es der Papst verordnet. Maria hat geholfen, die flehenden Gebete des ganzen katholischen Erdkreises erhört. Wer’s nicht glauben mag, betrachte die „kostbarste Monstranz der Welt“ in der Asamkirche zu Ingolstadt. In Gold und Silber dargestellt: Das Türkenschiff sinkt, Sultan Kara Mustafa flieht, und die Haremsdamen ersaufen. In den Mastkörben der Schiffe unter der christlichen Flagge schauen Juan d’Austria und auch ein Bayer, nämlich Herzog Albrecht V., sowie der Doge von Venedig über das weite Meer. An Deck des Leitschiffes steht selbstverständlich – wer denn sonst? – Pius V.

Als „scharfer Hund“ galt er, dieser Ghislieri. Dominikaner. Aus dem Orden, dem die Päpste die weiße Soutane verdanken. Andersdenkende haben bei ihm keine Chance. Das hat er schon als Großinquisitor demonstriert. Die Juden ließ er aus seinem Kirchenstaat vertreiben, bei Strafe der Exekution, wenn sie dem Ausweisungsbefehl nicht folgten. Auch die Bartholomäusnacht gegen die Hugenotten geht womöglich auf seine Kappe. Nicht Aussöhnung der Konfessionen, wie sie diese „Mischehe“ zwischen dem protestantischen Heinrich von Navarra und der evangelischen Margareta von Valois bewirken sollte, sondern Religionskriege waren die Folge der „Pariser Bluthochzeit“. Wie sein Vorgänger Paul III. legte er sich mit der englischen Krone an und exkommunizierte Elisabeth I. Was diese wiederum mit einem Blutbad unter den Katholiken auf der Insel beantwortete. Gleichwohl schaffte es dieser Pius, „der Fromme“, zur Ehre der Altäre zu gelangen.

Zunächst war Ruhe auf See und an der italienischen Küste. Auf dem Balkan freilich marschierten die Janitscharen voran, auch Christenknaben, vom Sultan zum Kriegsdienst übernommen. Dann der Ruf, dem Vormarsch der „blutdurstigen“ Truppen Solimans des Prächtigen vorauseilend: „Die Türken vor Wien!“ Der ersten Belagerung von 1529 folgt die zweite, 1683. Und schließlich die erlösende Nachricht. Ende des Alarms. Nach dem Sieg von Peterwardein (5. August 1716) verordnet Klemens XI. der ganzen Kirche den Rosenkranz, Leo XIII. will jeden Tag im Oktober den Rosenkranz beten lassen, Pius X. legt den 7. Oktober als Rosenkranzfesttag fest, und Pius XI. veröffentlicht eine entsprechende Enzyklika. Was eine Reise nach Regensburg nicht alles zutage fördert. Bayernland – Marienland.

War das schon der „clash of civilizations“? Vielleicht ein bisschen. Im „Namen Allahs“ oder um „Christi Willen“ ließen sich allerdings auch irdische Bedürfnisse befriedigen: Die Kriegsherren stillten ihren Hunger nach Ländern, Völkern und Meeren, den Kriegsknechten kam es mehr auf Form und Größe des Bragetto an, der Schamkapsel. Ein modisch’ Ding für Ausgaben und Einnahmen, wie der Sachkenner augenzwinkernd erläutert. (Wir ahnen noch nicht, dass einigen Leuten bald das Lachen vergehen wird, „Regensburg“ bald rund um die Welt läuft, insbesondere entlang dem Grünen Gürtel, Papstpuppen abgefackelt werden.)

Donaustrudl

Heute stockt der Umsatz. Der „Donaustrudl“ liegt unberührt im Packen neben der Frau, die aber ganz unaufgeregt die Sachlage zur Kenntnis nimmt. Die Fremden kaufen nicht, und die Einheimischen sind irgendwo beim Papst. Die Straßenzeitung dient den Menschen, die das Leben gebeutelt hat. Ein Teil des Erlöses geht in soziale Projekte. Natürlich kommt auch der „Donaustrudl“ um den hohen Besuch aus Rom nicht herum. Das Titelbild wäre doch Werbung genug gewesen. Schaut her. Auch wir machen mit. Vielleicht hat sich der Graphiker zu stark inspirieren lassen: Gotische Domspitzen vor untergehender Sonne, das Stationskreuz auf der „Papstwiese“ vor den Toren der Stadt. Dunkle Farben, etwas düster. Der Inhalt: Für jeden etwas. Ein papsttreuer Marienverehrer kommt zu Wort; die Frage nach den Kosten der gesamten Reise wird gestellt. Na klar, bei der Klientel, für die das Blatt verkauft wird. Dorothea Bauer schreibt Nachdenkliches: „An den verborgenen Gott“. Sie kann nicht glauben, dass dieser „nach obskuren Regeln den einen Krebs und frühen Tod, den anderen Reichtum zuerkennt.“ Nein, sie glaubt, „dass Dein Sohn Dein Wesentliches uns gelebt hat, … dass der Betende in einen Raum geleitet wird, den weder Angst noch große Schuld je füllen können, mit dem Fluch sinnlos im Strom der Zeit zu kreisen.“

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September (Folge 10)


Ausflug in die Geschichte

Regensburg, „nördlichste Stadt Italiens“, 2000 Jahre alt. Die Sonne ist gerade aufgestanden, die Häuser reiben sich den Schlaf aus den Augen, Fensterläden öffnen sich, die Stadtreinigung sammelt die verstreuten Reste der nächtlichen Ausgehzeit beisammen. Frühtau klebt noch auf dem Pflaster. Eine Ladenbesitzerin schließt die Eingangstüre auf. Von der anderen Seite her weht der Duft frischen Backwerks über den Haidplatz. Regensburg erwacht.

Auch der Oberbürgermeister ist schon unterwegs. Einen Unterschenkel in Gips – unglücklicher Sturz. Aber Dienst ist Dienst, und heute ein besonderer. Höchster Besuch hat sich schließlich angemeldet. Regensburg weiß, was es dem großen Sohn der Stadt (ein Titel mehr für Benedikt) schuldig ist und – nicht zu vergessen – ihm verdankt: Könnten wir aus unserem Stadtsäckel gar nicht aufbringen, was uns der Papst an Sympathiewerbung einbringt, sagt verschmitzt der OB.

Hinein in die Zeitmaschine. Zurück in die Geschichte. Alte Kapelle und Porta Praetoria, das älteste Steinhaus Deutschlands; die Steinerne Brücke und das Alte Rathaus. Dort tagte der „immerwährende“ Reichstag des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, mit dem „grünen Tisch“, an dem entschieden, und der „langen Bank“, auf die schwierigere Sachen geschoben wurden. 173 Jahre hat er gewährt und Regensburg zum Nabel der Welt gemacht, und es wäre vielleicht so weitergegangen, wenn Napoleon nicht unbedingt hätte Kaiser werden wollen, was ihm von dem Habsburger Franz II. zunächst vermiest wurde. 1803 war aber erst einmal Schluss. Und deshalb heißt die Schluss-Sitzung ja auch „Reichsdeputationshauptschluss“. Wie man sieht, hatte die Bürokratie schon damals das letzte Wort. 1806 dann endgültig Aus, Ende und Vorbei, das Reich erloschen nach über 800 stolzen Jahren seit Otto dem Großen. Da hat sich Napoleon an dem Habsburger gerächt und ihm die deutsche Reichskrone vom Haupt genommen. Was diesen wiederum nicht grämte, weil der Wiener sich schon zwei Jahre zuvor zum Kaiser von Österreich erklärt hatte, sich seitdem Franz I. nannte und sich nun endgültig auf seine k.u.k. Besitztümer zurückziehen konnte. Während der Franzose den Preußen ein Bein nach dem anderen stellte, ihnen den Rheinbund vor die Nase setzte, erkauft mit allerlei Kronen und anderen Hoheitstiteln und -rechten. Bald war der kleine Mann mit dem unstillbaren Hunger nach Macht Herr über halb Europa. Bis auch ihn und vor allem seine Armeen das schreckliche Ende traf. Die Restauration folgte, die alten Zustände wurden wiederhergestellt, als hätte es nie den Marsch auf die Bastille gegeben. Armes Europa. Regensburg ist einen Gang durch die deutsche Geschichte wert.

Wo anfangen, wo aufhören: Keltisches Radasbona und „Catra Regina“ – römisches Militärlager, der Dritten Legion. Heinrich der Löwe, den in Regensburg das Pech in der Person des Kaisers Barbarossa ereilte, der den Welfen als Bayern-Herzog in die Wüste schickte und die Wittelsbacher holte, die dann 700 Jahre blieben. Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging. Wallenstein und Tilly, und so weiter und so fort.

Regensburg kreuz und quer: Baumberger Turm und Kräutermarkt, Tandlergasse und Kramgasse. Das Wurstkuchl, das älteste der Welt. Und die älteste deutsche Confiserie vorbei, deren Pralinés sich schon die Reichstagsabgeordneten haben munden lassen. Oder einen Schmalzler gefällig, auf Hochdeutsch: Schnupftabak? Aus der ältesten Herstellung in Deutschland. Die Regensburger Rekordliste will kein Ende nehmen. Die Regensburger Domspatzen singen seit über 1000 Jahren und inzwischen auf allen Tonträgern und reisen um die Welt. Beim Hutmacher im Schaufenster, zwischen „Speckbachern“, „Miesbachern“ und „Kötztingern“ neuerdings das Modell „Benedikt XVI.“, rot ausgeschlagen mit rotem Hutband.

Die bayerische Tourismusbranche rechnet mit einer Einnahmesteigerung um 85 Millionen, a la longue. Benedikt hat geholfen. Ihre Hoheit die Fürstin hat ebenfalls bisher tatkräftig mitgewirkt, als Schirmherrin des Stadtmarketing. Adel verpflichtet. Fürst Alexander, einer der älteren Vorfahren aus der Thurn und Taxis-Linie, hielt schließlich als Generalpostmeister der unter seinen Farben reisenden Kutschen in der Hand und auch die politischen Fäden, als Repräsentant des Kaisers beim Reichstag. Die Fürstin, der Managementqualitäten bescheinigt werden, dürfte ein klein wenig auch an die eigenen Interessen gedacht haben: „Vielleicht sehen wir uns auf Schloss Emmeram in einem unserer Museen und anschließend im Biergarten des fürstlichen Brauhauses im Schlosspark“ – was natürlich nun nicht heißt, die Prinzessin habe jederzeit und für jedermann einen Termin frei. Aber wer weiß, wann einem das Glück hold ist.

Nur wenige Schritte entfernt vom Schloss zur Stadtseite hin St. Emmeram. Ort der geistigen Ruhe und inneren Einkehr. Mit der Basilika haben die Gebrüder Asam ein Barockkunstwerk hinterlassen. Das Gotteshaus hat freilich eine Reihe von Vorfahren. Beginnend mit einem Kloster der Benediktiner im 7. Jahrhundert. Kurz vor der Jahrtausendwende findet Wolfgang, der gebürtige Schwabe, nach Regensburg. Als Wandermissionar war er von der Schweiz bis an den Niederrhein unterwegs, hatte sich Ansehen auch in Führungsaufgaben erworben. Die letzten 22 Jahre seines Lebens, von 972 bis 994, leitet er das Bistum Regensburg. Reichsbischof ist er zeitweilig auch. 975 gründet er eine Domschule mit Chor, die Wiege der „Regensburger Domspatzen“. – Papst Leo IX. sprach in 1052 heilig. Wolfgang – der erste bayerische Nationalpatron.

Über Leo IX. wäre allerdings noch ein anderes Wort zu verlieren, bevor sich Benedikt zum Vespergottesdienst mit den getrennten christlichen Kirchen trifft. Bruno von Egisheim (1002-1054), so sein weltlicher Name, Elsässer der Herkunft nach, hat sich als einer der Väter des Großen „Morgenländischen“ Schismas verewigt, im letzten Jahr seines Pontifikats. Den Dogmenstreit zwischen Rom und Byzanz erledigt er per Federstrich – der nachhaltigste Verwaltungsakt vor seinem Tod. Er exkommuniziert kurzerhand die gesamte Abteilung Ost der einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Der Bruch ist da, die Einheit dahin. Die Zurückgewiesenen, selbst auch nicht gerade zart besaitet, zahlen mit gleicher Münze, dem Anathema heim. Zeigen den Lateinern trotzig die Stirn. „Glaubensverräter sind nicht wir, Irrlehrer seid ihr. Wir sind die Rechtgläubigen.“ Drum nennen sie sich fortan „orthodox“. Rom und Konstantinopel brauchen mehr als 900 Jahre, um wenigstens den gegenseitigen Kirchenbann aufzuheben. – Ein klein wenig Kirchengeschichte, nachgeschlagen zum Papstbesuch in Regensburg.

Der Watmarkt kommt in Sicht und der Zieroldsplatz, Patrizierhäuser und die Neue Waag, wo der Johannes Eck und Philipp Melanchthon während des Reichstags ihre Religionsgespräche fortsetzten. Das war 1541. Ihnen wurde aufgetragen, „nicht sich bekämpfen und Thesen zu verteidigen, sondern herauszufinden, welche Lehraussagen versöhnt werden könnten.“ Eine bis heute aktuelle Maxime.

Keinen Disput wollte man führen; ein freundschaftliches Gespräch sollte es sein, amicum colloqium. Noch stand Luther schließlich am Anfang. Sein Erzfeind aber, Johannes Eck, der eigentlich Mayer hieß, dieser flinkzüngige Mensch, im schwäbischen Rottenburg aufgewachsen: „schwätzen“ konnte er ja, aber mit scharfem Verstand. Wie er gegen die Reformatoren polemisierte – ein beinharter Verteidiger der Papst-Kirche, der Wittenberger mochte ihn nicht. Grob, wie der Mönch a. D. nunmal war, nannte er diesen Eck schlichtweg „Doktor Sau“. Ecks Gegenüber, der Humanist Philipp Melanchthon, eigentlich Schwartzerdt, trug den Ehrennamen Praeceptor Germaniae. Streiter an Luthers Seite, dem Eck gewachsen. Aber warum musste er nun ausgerechnet aus Bretten stammen? Einen Badener und einen Württemberger aufeinander loslassen – konnte das gut gehen?

Die beiden gelehrten Herren hatten es ohnehin nicht in der Hand. Es herrschten wirre Zeiten. Auf dem Papstthron saß Paul III. (1534-1549), ein Farnese, ein Fürst der ausgehenden Renaissance, der den Begriff „Nepotismus“ erfunden haben könnte, mit all den Wohltaten, die er sich und den Angehörigen seiner Familie zukommen ließ. Aber er erkannte auch die Gefahren, die der Mutter Kirche drohten. Heinrich VIII. mit seinem eigenwilligen Eheverständnis: den Bann über ihn und das Interdikt über England! Seitdem gibt es eine zweite Hochkirche: die anglikanische. Eine scharfe Glaubenspolizei musste her: die römische und universale Inquisition! Der Reformation setzte er die Gegenreformation entgegen (das Konzil von Trient, das in Bologna stattfand) und genehmigte sich eine geistliche Streitmacht: den Jesuiten-Orden! Die Schweizer Garde stellte er wieder auf die Beine und sorgte dafür, dass der Bau des Petersdomes vorankam! Er engagierte Michelangelo. Dem Papst sei Dank!

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Montag, 11. September 2006 (Folge 9)


Dorfszenen

Marktl: „Ein Dorf wird Papst“. Zwei Jahre seines Lebens hat der Ratzinger Bub im Dorf verbracht. In der Wiege, im Kinderwagen. Bild am Sonntag lüftet „das Geheimnis seiner Familie.“ Wie am 7. März 1920 im Altöttinger Liebfrauenboten der Vater, Josef Ratzinger, „niederer Staatsbeamter, katholisch, 43 Jahre alt, pensionsberechtigt“, in einer Kleinanzeige den Wunsch äußert, sich mit „gut katholischem Mädchen, das kochen und auch etwas nähen kann, über Aussteuer und etwas Vermögen“ verfügt, „baldigst zu verehelichen“. Die erste öffentliche Anfrage bleibt ohne Echo, so dass der schon etwas in die Jahre gekommene, inzwischen zum „mittleren Staatsbeamten mit tadelloser Vergangenheit“ aufgerückte Polizeikommissär es nochmal versucht. Vermögen macht er nun nicht mehr zur Bedingung und findet Erhörung bei Maria Peitner, gelernte Köchin und Tochter einer Dienstmagd.

Schon ist der Pfarrer von St. Oswald mit dem Taufbuch zu Hand, wonach den Eheleuten am 16. April 1927 ein Sohn geboren wurde, am selbigen Tag noch auf den Namen Joseph Aloisius getauft, an einem Karsamstag – wahrlich ein Ostergeschenk.

Bald schon musste die Familie umziehen, nach Tittmoning, bedingt durch amtliche Versetzung des Vaters. Damit war das Kapitel Marktl im Leben eines Papstes schon zu Ende. Aber da hat er die Rechnung ohne die Marktler gemacht. Die wissen schon, wo der Bartl den Moscht holt. Dem weiß-blauen Himmel sei Dank. Schließlich gibt es das Geburtshaus. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt, weil dort jetzt ein Museum steht. Fein herausgeputzt. Kleiner Zwischenfall: Ein unbekannter Täter muss sich ziemlich geärgert und in seiner Erregung zu Wurfbeuteln gegriffen haben, mit blauer Farbe gefüllt. Welch Sakrileg. In letzter Minute konnte die Schmach beseitigt werden, geübte Hände sorgten für die Wiederherstellung einer makellosen Fassade.

Hat der Ehrenbürger (Seit 1997. „Wir waren die Ersten!“) das Haus, in dem er den ersten Blick in die Welt tat, überhaupt eines Blickes gewürdigt, der deutbar und verwertbar wäre? Viel ist nicht überliefert, denn nur im Vorübergehen sozusagen machte er Halt – weil ein weiteres Ehrenmal huldvolle Aufmerksamkeit verlangte, einschließlich päpstlichen Segens selbstverständlich: Marktl hat jetzt eine Benedikt-Säule. Vom Eggenfeldener Bildhauer Joseph Michael Neustifter geschaffen. In Form einer großen Schriftrolle, vier Meter hoch, mit einem Auszug aus der Regel des heiligen Benedikt und Zitaten des Sechzehnten Benedikt.

Was noch ? Nicht nur Papstbier im „Tragerl“. Auch Papst-Medaillen galt es zu erwerben. Von Benedikt höchstpersönlich gesegnet, am Ende einer Generalaudienz, wie Monsignore Gänswein mit Brief und Siegel zertifiziert. Ein Teil des Erlöses geht an die Stiftung „Weltkinderlachen“. Freud und Leid einer Dorfgemeinschaft. Man wird später sicher noch einiges zu dem Thema zu besprechen haben, im Rat und an den Stammtischen. Bleibt’s stad!

Gloria, die Fürstin, hat sich eingefunden, nebst hochadeliger Freundin Alessandra, aus dem Hause Borghese. Wann und wohin auch immer sie eine Einladung erreiche, sie werde dabeisein. Auch Christoph Gottschalk, der Bruder vom Thomas aus der Telekom-Werbung, wird gesichtet. Und auch „Nobby“ – die Popularität mag er wohl schätzen – Norbert Blüm, unser „Die Rente ist sicher“-Minister. Begleitet von Ehefrau Marita. Aus gutem Grund, wie er jedem, der es wissen und später denn auch wohl ins Blatt bringen will, gern mitteilt: Sie beide hätten bei Ratzinger studiert, seinerzeit in Bonn. Und, welch glücklicher Zufall: sich dabei näher kennen- und schätzen gelernt. Das war damals, Anfang der 60er, als die Kirche sich aufmachte, Fenster und Türen zu öffnen, um die Innenräume kräftig durchzulüften. Man sprach ganz im Stil des Zweiten Vatikanischen Konzils von Aggiornamento – auf Deutsch etwas umständlich: Heutigwerden der Kirche. Und Papa Giovanni, der gute Papst, wurde von allen geliebt. Ein gewisser deutscher Theologe ging damals dem Konzilsvater Joseph Frings zur Hand. Es hält sich die Version, Joseph Ratzinger sei seinerzeit ein Progressiver gewesen, was dieser aber, die Einseitigkeit des Begriffs bedenkend, nur bedingt gelten lassen dürfte.

Anna Maria Kauffmann singt „Amazing Grace“, von Lautsprechern in die Straßen von Marktl übertragen. Die kanadische Sopranistin mit deutschen Wurzeln fühlt sich Land und Leuten verbunden. Hat am Tegernsee das Hotelfach gelernt, bevor sie als gefeierte Sopranistin und Musical-Star die Bühnen der Welt eroberte. Begleitet wird sie von der Gruppe „Genesis“ aus

dem Bistum Regensburg. Es dirigiert – welch ein Zufall – der Lufthansa- und Papst-Pilot Martin Ott. Er wird Benedikt nach Rom fliegen, wie im vergangenen Jahr von Köln aus. Da hatte er für eine Funkverbindung gesorgt, sozusagen vom Himmel auf die Erde, beim „legendären Überflug“ über die Heimatorte von Papst Ratzinger.

Amazing Grace“ erzählt die wundersame Geschichte von der Bekehrung eines Sklavenschiff-Kapitäns, der – welch „staunenswerte Gnade“ – aus schwerer See gerettet, bekehrt und schließlich Pastor wurde.

Unter den Ehrengästen in der ersten Reihe, vis-a-vis der Pfarrkirche St. Oswald, wird Madame Eva Filipiak begrüßt, die Bürgermeisterin von Wadowice, dem Geburtsort von Johannes Paul II. Zwei Orte schließen Freundschaft, gewissermaßen von Papst zu Papst. Gut nachbarschaftliche Beziehungen tun Not, besonders an dieser Grenze.

Benedikt XVI. verweilt, gemeinsam mit seinem Bruder – nicht ohne die leidige Fotografierei im Nacken – zu einem stillen Gebet in seiner Taufkirche und erneuert, wie berichtet wird, sein Taufgelübde. Anschließend schreibt er ins Goldene Buch der Gemeinde: „Der Herr segne diesen mir so teuren Ort.“

Marktl lädt aus gegebenem Anlass seine Besucher zu einer Ausstellung ein, die sich mit den Päpsten des 20. Jahrhunderts befasst. Jedem Pontifex wird ein persönliches Zitat zugeordnet. Man könnte das Programm des jeweiligen Pontifikats heraushören: „Wenn du eine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei entfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, gehe und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ – Paul VI. (Giovanni Battista Montini). Für Benedikt XVI. (Joseph Aloisius Ratzinger) steht: „Öffnet die Tore für Christus, dann findet ihr das wirkliche Leben“. Sein Vorgänger dem Namen nach, Benedikt XV. (Giacomo della Chiesa), auf die Zeitumstände bezogen: „Krieg ist die diskrete Tragödie des Hasses und des menschlichen Wahnsinns.“

Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli) empfahl: „Kommen wir zusammen, machen wir den Spaltungen ein Ende.“ Und am Anfang dieses Zeitabschnitts: Leo XIII. (Vincenzo Gioacchino Pecci), Papst der Jahrhundertwende, in den Umbrüchen des Industriezeitalters: „Das moderne Leben christianisieren, das geistliche Leben modernisieren.“

Zwei junge Männer, die sich entschlossen haben, mal vorbeizuschauen beim Papst, bringen es auf den Punkt: Die Kirche könnte etwas mehr Kreativität vertragen. Lockerer, nicht so verkrampft. Und offener zu den Christen der anderen Fakultät. So groß seien die Unterschiede doch gar nicht.

Man sollte einmal Margot Käßmann aus Hannover mit Mariae Gloria Ferdinanda Joachima Josefine Wilhelmine Huberta, Prinzessin von Thurn und Taxis, kurz „die Fürstin“ genannt, zusammenbringen, die Bischöfin und die „Päpstin“ (ein Wortspiel selbstverständlich nur). Was die beiden sich wohl zu sagen hätten? Die resolute Lutheranerin, die wegen des Verzichts auf ökumenische Gottesdienste im Weltrat der Kirchen dem Spitzengremium den Rücken kehrte, und die strenggläubige Katholikin, die ja bekanntlich auch nicht auf den Mund gefallen ist. Mit ihren anthropologischen Kenntnissen, speziell intime afrikanische Sitten betreffend („der Schwarze schnackselt gern“), hat sie allerdings einiges Erstaunen ausgelöst.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Montag, 11. September 2006 (Folge 8 )


Amazing Grace

Morgendlicher Gottesdienst mit Kollegen des „volo papale“ – das sind die auf dem Papstflug zugelassenen Journalisten, die meisten beim Vatikan akkreditiert. Viel Zeit bleibt nicht. Die Liturgie ausnahmsweise in Kurzfassung. Wir beten auf Italienisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Englisch und Amerikanisch. Jeder in seiner Sprache. Aber kein Zungenwirrwarr. Gott ist polyglott. Der Bus zum nächsten Termin wartet schon: Altötting.

Ein Generalissimus muss in diesen Tagen hinter Bühnenaufbauten in Deckung gehen. Dabei haben ihm Altöttinger Bürger ein schönes Reiterstandbild geschenkt, nach dem üblichen Für und Wider bei solchen öffentlichen Angelegenheiten. Zur Debatte standen die Verdienste des Johann t’Serclaes Graf von Tilly. Womit nicht seine Siege im Dreißigjährigen Krieg zugunsten der katholischen Liga in Frage gestanden haben dürften, bei denen er die Gottesmutter als Mitstreiterin an seiner Seite wusste, dank der heißen Gebete ihres größten Verehrers. In jenen Jahren, als die schwedischen Reiter dem Dschingis Khan in Europa den Rang abliefen, war Marias Beistand wohl mehr als himmlische Amazone gefragt denn als liebende Mutter und Trösterin der Betrübten, wie man aus Polen weiß. Dass Tilly zuvor gegen die Türken gekämpft hatte, dürfte ihm ebenfalls nicht zum Nachteil in der öffentlichen Meinung Altöttings gereicht haben. Und wie er in der Schlacht am Weißen Berg gegen Gustav VI. Adolf gezogen und zurückgeholt hat, was an die Protestanten verloren gegangen war.

Nein, das war es wohl nicht, was dem Tilly in Altötting nicht nur Freunde eingetragen hat. Nicht dass er ein Kriegsheld war, wird ihm angekreidet, sondern wie seine Glaubwürdigkeit, für eine gerechte Sache einzutreten, erheblich gelitten hat, er um keinen Deut besser war als der Feind mit dem anderen Taufschein. Wir reden von Magdeburg. Ein Hauen und Stechen war das, ein Brandschatzen, und kein Weib war vor der Soldateska sicher. Die prächtige Stadt an der Elbe, ein Fixstern europäischer Geschichte, fiel in Schutt und Asche. Seitdem wird diese Art der Kriegsführung auch „Magdeburgisieren“ genannt, „dank“ Tilly. Ein Dreipfünder aus einer leichten Feldschlange besorgte ihm schließlich eine massive Tetanus-Vergiftung, aus der es keine Rettung gab. Diese miserable Art des Heimgangs hat er mit tausenden seiner Soldaten teilen dürfen. Nun ruht er, seit 1652, in der Altöttinger Stiftskirche, in einem „gefensterten Sarg“. Man kann nicht sagen, er sei besonders attraktiv anzuschauen.

Benedikt hat ein Rendezvous mit seinen Erinnerungen. Heimat. Wo das bayerische, das altbayerische Herz schlägt. Wo die Häuser um den Markt sich an die Hand nehmen, ihre Giebel einander zuneigen, weil es immer etwas zu erzählen gibt. Wo die schmalen und verwinkelten Straßen noch Gassen heißen, Bäcker, Metzger und Apotheker sich den Ladenschluss zurufen können: bis gleich im „Goldenen Anker“. Wo man sich am Sonntag zum Hochamt um Zehn verabredet, die Uhren nach der Zeit des Mittagsläutens stellt und den Kalender mit den kirchlichen Hochfesten abstimmt und den Jahreskreis nach den Wallfahrten berechnet. Wo sich die Zu’greisten um den Ortskern niedergelassen, zunächst die Siedler in schmucken Häuserzeilen, dann, die Peripherie ausweitend, die Discounter, nicht nach architektonischer Einheitsnorm, sondern als buntes Gewürfel nach dem Gewerbesteuer-Prinzip. Wo Bauern-Kinder auf Pendler umsatteln mussten, Feld und Vieh als Nebenerwerb. Das ist Bayern „draußen auf dem Land“, Durchschnittsalltag. Keine Postkarten-Idylle, wie hoch droben auf der Alm, aber auch keine Ausnahme zwischen Alpen und Meeresstrand.

Reporter und Redakteure sind ausgeschwärmt. Denn jetzt sind homestories gefragt: Wie ein bayerischer Bub zum Führer einer Weltkirche wurde. Nachbarn, Bekannte, ehemalige Mitschülern zeigen ihre Fotoalben vor. „Der Papst war unser Nachbar“, „der Papst war mein Lehrer“. Der Ratzinger Joseph: ein Musterschüler, mit lauter Einsern und Zweiern; allerdings von mäßigem Untergewicht, wie der Schularzt feststellte, und insofern ein „schmales Hemd“. Der Turnunterricht eine „wahre Folter“. Akribische Recherchen: Traunsteiner Studienseminar St. Michael. Die HJ-Pflicht sei ihm einige Zeit erspart geblieben, dann aber doch nicht zu umgehen gewesen; anschließend, auch nicht freiwillig – wie andere seines Jahrgangs – Flakhelfer-Generation.

Nicht genug mit dem Joseph Alois, die ganze „Heilige Familie“ – geläufiger Name in der Nachbarschaft – muss her: Vater Josef und Mutter Maria, die Geschwister, der Georg und die Maria, das „Marienkäferle“ gerufen, „wegen ihres Kraushaars“, wie ein Freund der Familie, ein ehemaliger bayerischer Kultusminister, weiß. Vor allem Bruder Georg, Apostolischer Protonotar, ehemaliger Domkapellmeister und Dirigent der Regensburger Domspatzen, ist jetzt gefragt. Obschon er’s mit der Presse früher nicht so recht hatte, vor allem nicht mit den „Sensationsjournalisten.“

Eine Cousine hütet zwei kleine Messkännchen. Damit habe der Joseph gern gespielt. Also, wenn das kein Zeichen der Vorsehung war. Und der geneigte Leser erfährt nun endlich, wer der „Orgel-Ratz“ und wer der „Bücher-Ratz“ war. Und dass dem „Zigarrensepp“ dicke Tränen der Freude über die Wangen gelaufen sind, als die Nachricht vom Wahlergebnis schneller als früher der Postbote mit seinem Radl durchs Dorf eilte. Und warum die Standesämter seit dem Konklave einen Renner unter den Vornamen feststellen: Benedikt sei jetzt Favorit.

So, irgendwie, findet der Wanderer nach Altötting – zur „Kniebank des bayerischen Volkes“. Man umrundet gläubig oder ungläubig staunend die Gnadenkapelle, studiert interessiert zahllose Votivtafeln, Krücken und Handstöcke, Prothesen von Hand und Fuß. „Maria hat geholfen.“ Der Glaube versetzt Berge. Im Innern der Kapelle erwartet den Beter die Schwarze Madonna. Um sie herum ein Funkeln und Glänzen. Prachtvolles Silber. Wittelsbacher Walhall. Nicht irgendwelche Gebeine, nein, die Herzen, in kostbaren Schauurnen geborgen, bis zum Tag der Auferstehung. Also sagen die Einheimischen, die patriotischen jedenfalls: In Altötting schlägt das Herz Bayerns. Immerhin zehn regierende Herrscher, drei weitere Fürsten, elf fürstliche Frauen und fünf Bischöfe haben hier ihr Innerstes beisetzen lassen. Man zählt drei Leichname. Kaiser Karl VII. begegnen wir wieder, den wir schon in München kennengelernt haben, mit seinem Sohn, dem aus der amourösen Verbindung.

Bayerische, Wittelsbacher Geschichte und Geschichten: Dass Karl Albrecht in Brüssel geboren wurde, weil der Vater als Generalstatthalter der spanischen Niederlande dort oben im Flachland beschäftigt war. Mal Gut Freund, mal Händel mit den Habsburgern; familiäre Beziehungen zum polnischen Hof. Etliche hundert Jährchen Familienchronik haben einiges zu bieten. Man vertrug sich und man schlug sich. Kurfürst Soundso siegte gegen Graf Soundso. Unter den Morgensternen und Säbeln, Kartätschen und Kanonen ist allerdings in erster Linie das Fußvolk gestorben. Die „überzähligen“ Söhne von Hofbauern und Häuslern. Vor Höchstadt zum Beispiel. In einer Schlacht. Nomen est omen.

Nach Pius VI. und Johannes Paul II. gibt sich zum dritten Mal ein Papst die Ehre. Benedikt erwartet ein gedrängtes Programm. Außerdem hat er sich verspätet. Die Bundespolizei hat ihm einen ausgedehnten Hubschrauberflug über Dörfer und Städte, Wald und Flur seiner engeren Heimat geschenkt. „Größere Schleifen über Oberbayern“, und dann noch „eine große Runde“ vor der Landung.

Gottesdienst auf dem Kapellplatz, Gebet vor dem Grab des heiligen Bruder Konrad. Stets gut war er zu den Armen, die an seiner Pforte anklopften, um einen Teller Suppe. In der Basilika Begegnung mit den geistlichen Berufen, den Angehörigen der Orden und Gemeinschaften des geweihten Lebens. Benedikt ist gern in Altötting, man spürt’s. Da muss man nicht mit dem Papamobil den Kapellplatz umrunden. Es geht auch gut zu Fuß. „Wir nehmen den langen Weg“, entscheidet er kurzentschlossen. Lässt sich Zeit, nach links und rechts zu grüßen und zu segnen. Der Ortsbischof ist ganz angetan: „Schon ein kleines medizinisches Wunder, die Rüstigkeit des alten Herrn.“

Es lohnt sich, der Altarinsel einen Moment der Aufmerksamkeit zu schenken. Zuletzt 1980 gebraucht, zum Besuch von Papst Wojtyla – aber das Alter verbirgt sich elegant hinter dem frischen Make-up. Schön haben’s die Aufbauten hergerichtet. Die Papstbühne in verschiedenen Ockertönen, harmonisch abgestimmt auf die liturgischen Gewänder der Zelebranten. Die Musikbühne in Blautönen gehalten, als Kontrast zu den schwarz-weiß gekleideten Musikern. Man überträgt schließlich live. Unter dem Altar die Kopf-Reliquie des heiligen Bruders Konrad. Das liturgische Gerät vom Feinsten: Kelche, silber-vergoldet, aus der Zeit des Barock. Eigens aus der Schatzkammer hergetragen. Wie edel die Monstranz, die Erzherzog Franz Karl von Österreich der Gottesmutter vermachte. Die Hostienschale wurde eigens für den Anlass gefertigt, mit Wappen und Inschrift Benedikts, das Datum des Besuchstages eingraviert.

Es war in Vietnam. In einem Hotel außerhalb Hanois. Reserviert für Ausländer. Damit sie nicht „verloren“ gehen. Das Regime war streng, aber nicht zu streng, jedoch misstrauisch bei Leuten, die mit Religion und Kirche zu tun hatten. Heimlich haben wir – der Prälat aus Freiburg, eine Mitarbeiterin der Caritas und ich – beim Abendessen etwas Weißbrot stibitzt. Wein konnten wir ebenfalls auftreiben. Morgens, im Zimmer des Priesters, auf der Bettkante sitzend, Einblicke durch die Außenfenster waren nicht möglich, haben wir Eucharistie gefeiert. Der liebe Gott hatte kein Visum, ist einfach illegal eingereist. Sie haben ihn nicht geschnappt.

Das Messgewand des Papstes wurde von den Zisterzienserinnen von Thyrnau gefertigt. Mutter Mechthild, die Äbtissin, und Schwester Michaela haben persönlich Hand angelegt. Da dürfen auch die übrigen „Accessoires“ nicht nachstehen: die Wasser- und Weinkrüge aus einer Glashütte im Bayerischen Wald, mundgeblasen von Ronald Fischer. Der Bildhauer Max Faller hat ein Vortragekreuz geschaffen. Das sogenannte Desideriuskreuz diente als Vorlage, ein Gemmenkreuz aus dem 8. Jahrhundert. Wenn der Papst hinter dem Kreuz geht, schaut er auf Jesus, den Auferstandenen, umrankt von Rebzweigen und Trauben. Die Schauseite – von vorne also – ist mit Lapislazuli und Bergkristallen geschmückt. Die Blumengärtner, pardon: Floristen, zeigen, was sie können: Cremefarbene Callas und Olivenzweige, die sich um die Mariensäule winden; das Vortragekreuz an seinem Standort auf der Altarbühne mit Olivenzweigen geschmückt, fünf große Flamingos, die fünf Wundmale des Herrn symbolisierend. Buchsbaumgirlande am Jugendkreuz, Buchs gilt als Zeichen des Ewigen Lebens. Schließlich rote Nelken – Erinnerung an das Leiden Christi.

Die Sieben von Altötting

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, „fünf Minuten vor Zwölf“: die Amerikaner stehen bei Altötting, am Gegenufer des Inns. Die „Freiheitsaktion Bayern“ hat in der Nacht zum 28. April 1945 die Parole zum Sturz des Regimes ausgegeben, Codewort „Fasanenjagd“. Die örtlichen Parteiführer, Bürgermeister und Ortsgruppenleiter, sollten ausgeschaltet werden. Die kleinen Herrgötter – braune Uniform mit Deutschem Kreuz in Gold, auch „Spiegelei“ genannt, die breite Hakenkreuzbinde am Oberarm: „Goldfasanen“. Sie wollen unbedingt schnell noch den Endsieg, und „wenn alles in Scherben fällt“. In Altötting, an der „Hauptkampflinie“.

„Schluss damit“, entscheidet ein Kreis mutiger Männer. Altötting soll kampflos den Befreiern übergeben werden. Die Bonzen werden verhaftet. Aber eine SS-Kampfgruppe ist schneller. Fünf der Getreuen werden in den Garten des Landratsamtes getrieben. Einige noch im Laufen durch Genickschuss umgebracht. Am Nachmittag, gegen 15.30 Uhr. An anderer Stelle müssen weitere Männer sterben: der Landrat, als Anführer des Widerstands, und ein Elektromonteur, wahllos aus einer Gruppe von Demonstranten herausgegriffen. Auch ein Priester, der Administrator der Heiligen Kapelle, wird getötet. Er war nicht beteiligt, hatte sich auf dem Rathaus nur erkundigen wollen, was in der Stadt vorgeht. Die Mordbrenner wüten bis in die letzten Stunden des längst verlorenen Krieges. Unter den Amerikanern, die Altötting schließlich einnehmen, ist der Cousin eines der Nazi-Opfer. Er kam um wenige Stunden zu spät. – Man hat den Sieben von Altötting ein Denkmal gesetzt, an der Stelle, an der sie ermordet wurden, und 1959 zur so genannten Rastkapelle ausgebaut. Sie wurde später in die Stiftskirche eingegliedert. Ein Ort stillen Gebetes. Die Ermordeten zählten zu den ehrenwerten Bürgern der Stadt, Honoratioren eben. Gerechte unter den Einwohnern Altöttings.

Heiliger Ramsch

Nach dem Gottesdienst verliert sich die Menge im Netz der Gassen und Straßen. Einige Unentwegte umringen die Verkaufsstände der fliegenden Händler und die Läden der Alt- Eingesessenen. Ein Souvenir muss schon sein. Bei anderen Anlässen hat man nach den Schwarzen Wetterkerzen gefragt, eine Spezialität der Wallfahrt. Bei Donnerschlag und Hagel anzuzünden. Jetzt aber hat Benedikt Konjunktur. Figürchen mit beweglichem Segensarm, Schlüsselanhänger mit Papstwappen, T-Shirts und Fahnen mit seinem Konterfei. Portraitbilder jeder Art und Größe vom Heiligen Vater. Auch Backwaren, „Papstmützen“ genannt, gehen weg wie die warmen Semmeln. „Heiliger Ramsch“ halt, wie die Süddeutsche befindet. Von „Anrühr-Reliquien“ spricht die FAZ.

„Wer glaubt, ist nie allein, schaut ins Stadtcafé herein“. Das lässt sich steigern: „Wer glaubt, sitzt nie allein“, wirbt ein Hersteller von Sesseln und Sofas für seine Möbel. Und noch eins drauf: „Unser Papst sorgt für Ihr Seelenheil – wir für Ihre Fitness!“ behauptet ein Fachgeschäft für Fortbewegungshilfen.

Am Ende der Vesper in der Basilika legt Benedikt der Schwarzen Madonna von Altötting seinen Kardinalsring zu Füßen, auf einem Samtkissen. Sie wird ihn jetzt wohl an einem Ihrer Finger tragen. Klauen lohnt nicht. Ist eine Nachbildung.

Der Tross bewegt sich zur nächsten Station: Marktl. Im Ohr noch die vielstimmige Weise zum Ende des Gottesdienstes. Von kindlicher, anrührender Frömmigkeit getragen. Jung und alt, Männer und Frauen. Vereint im Glauben. Von einem inneren Band gehalten, in diesem alten Marienlied. „Segne du Maria, segne mich, dein Kind. Daß ich hier den Frieden, dort den Himmel find.“ Die Beatles hätten vielleicht mitgesungen. Paul McCartney hat sicherlich zuerst an seine leibliche Mutter gedacht. Sie hieß Maria. Ob ihm vielleicht doch auch die Mutter Jesu in den Sinn gekommen ist? Was wäre so falsch daran. Bleibt sein Geheimnis. Wir verdanken ihm jedenfalls eines der zärtlichsten Lieder der Gruppe: „When I find myself in times of trouble, Mother Mary comes to me. Speaking words of wisdom , let it be.“

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Sonntag, 10. September 2006 (Folge 7)


Münchener Tagebuch III

Mittagspause. Pranzo e riposo. Ein gutes Mittagessen und ein „Nickerchen“. Schon für den Nachmittagskaffee dürfte es knapp werden. Der nächste Termin wartet schon. Und man ist schließlich nicht der Jüngste. Benedikt residiert im Erzbischofshof, Kardinal-Faulhaber-Straße Nr. 7. Für die Dauer seines Aufenthalts ein „Vatikan in München“, exterritorial. Der Papst regiert auch, wenn er unterwegs ist. Wie die Reisekaiser seit Karl dem Grossen mit ihren Pfalzen. Entschuldigung, was gab’s zu Tisch? Blattsalat-Variation mit Apfelbalsam-Dressing, geräucherter Chiemsee-Saibling und Renken-Filets. Pfannkuchensuppe, gekochter Kalbstafelspitz mit Wirsing-Gemüse und Salzkartoffeln. So, jetzt hat auch die Gesellschaftsseite ihren Stoff. Zusammengestellt und auch gekocht hat das Menü der Minoriten-Bruder Erich Raspel aus der Klostergaststätte Maria Eck bei Siegsdorf am Chiemsee. Zum Nachtisch wird – selbstverständlich – Bayerischer Apfelstrudel mit Vanillesoße serviert. Eine ganz wichtige Frage noch: Hat der Papst einen Vorkoster? Aber nein. Wir sind ja nicht bei den Borgias.

Anmerkungen zum Bischofshof: ehemaliges Holnstein-Palais, Rokoko. Wohnung und Amtssitz der Erzbischöfe von München und Freising, vom bayerischen Staat zur Verfügung gestellt, seit 1821. Kurfürst Karl Albrecht hatte die aufwändige Immobilie beim Baumeister Francois de Cuvilliés bestellt, für seinen unehelichen Sohn Franz Ludwig, Frucht einer Liebesnacht mit seinem Verhältnis, der Sophie Caroline von Ingelheim. Wie’s so geht, auch bei dene adelige Leut’. Drum halt auch das Geburtsmal im kurbayerischen Wappen an der Fassade des Palastes: Im geteilten Feld die bayerischen Löwen und weißblauen Rauten, quer durch, von links oben nach rechts unten, ein breiter roter Trennstrich – Bastard-Balken genannt. Scheußliches Wort für ein Kind der Liebe. Ebenbürtig war es zwar nicht, aber schlechter sollte es der illegitime Sohn, der Graf von Holnstein, dann auch nicht haben. Sicherlich mit dem Segen der Kirche. „Supplet ecclesia“ – was ja wohl eher mit christlicher Nächstenliebe zu tun hatte als das, was „die Leute“ so alles tuscheln, von Fenster zu Fenster, am Stammtisch, nach dem Kirchgang, unter der Trockenhaube und beim Gemüsemann, mit vielsagendem Blick und züngelnder Stimme: Der „Bankert“, und so weiter.

Karl Albrecht – als „fromm“ wird er beschrieben; „züchtig“ kann man wohl nicht sagen – sei der Seitensprung gegönnt, bei dem intensiven, aber kurzen Leben, das ihm beschieden war. Als zweiter Wittelsbacher, nach Ludwig dem Bayern, zwar auf dem Kaiserthron des Heiligen Römischen Reiches. Sein Regiment währte kurze drei Jahre. Dann musste er schon sterben, gerade mal 48 Jahre alt. – Von Juan d’Austria gibt es eine ähnliche Geschichte, seine Herkunft betreffend. Davon später mehr, wenn wir zu den Regensburger Tagen kommen.

Das Jugendblasorchester Penzing spielt „Blauer Enzian“ und die „Annen-Polka“, die Ouvertüre aus Händels Feuerwerksmusik und den „Choral and rock out.“ Die Polizei hat wieder einmal zu viel des Guten getan. Will heißen: Die Leute stehen hinter Gittern, so weit entfernt, dass, wenn, wie angekündigt, der Papst auf dem Mittelbalkon erscheint, das Publikum weder Seine Heiligkeit richtig zu sehen bekommt, noch Seine Heiligkeit das Publikum. Gemurre. Man könne ja auch übertreiben. Schließlich werden die Absperrgitter nach vorne gezogen. Und nun ist die Öffentlichkeit wiederhergestellt. Als Münchener Erzbischof habe der Herr Kardinal zum Beginn des Oktoberfestes immer gern vom Balkon herab der Stadt und dem – sagen wir – „bayerischen Erdkreis“ seinen Segen erteilt. Nun aber nimmt die Begeisterung außerordentliche Formen an. Aufpassen, dass es nicht in Personenkult umkippt, sorgt sich ein ortsansässiger Prälat.

Am „Platzl“ ist’s umtriebig um diese Zeit. Tische und Stühle erwartungsvoll unter Sonnenschirmen aufgereiht, Papst-Schmankerln auf der Anzeigetafel. Wie wär’s mit frischen Rahmschwammerln, dazu Semmelknödl, die kleine Portion zu 7.50 Euro, die große zu Euro 12.50. Ein „Benedictus“-Bier gefällig? Dunkel unfiltriert. Stammwürze 13,8. Das geht ganz schön in die Knie, mei Liaber. In der Schwemme wie immer Stimmung. Das Helle fließt, die Weizen schäumt. Ofenfrischer Leberkäs, auch abgebräunte Milzwurst. Auf der Treppe vor dem Einlass erklärt ein Münchner Stadtführer japanischen Jünglingen die Bedeutung der Lederhose, speziell der Türl-Öffnung. Wenn’s eilig ist, so nach zwei, drei Maß, dann braucht’s net umständlich am Zip ziehen, wie bei eurer Hosn, zwei Knöpf bloss und den Latz (englisch: flap) nach vorn. Obacht gebn, damit’s nix daneben geht beim Biesln. Die Blasmusik spielt den Hohenfriedberger und den Knödelwalzer und das ganze Programm rauf und runter.

„Where ist the Hofbrauhaus“? Ein älteres Ehepaar, dem Äußeren nach USA, befragt zuerst den Stadtplan, dann den Passanten. „Right over there, straight ahead“ – „Oh, thank you.“ – Die Frau wendet sich an ihren Mann. „Is’nt it the place, where Hitler started his Party?“ Die sind aus Kalifornien angereist. „You want to see some other places: the Feldherrnhalle, for example?“ München – „Hauptstadt der Bewegung“, Schatten der Vergangenheit. Kameradschaftsabend der „Alten Kämpfer“ im Alten Rathaus, am 8. November 1938. Freirunden – ein Hoch dem Führer – zur Feier des Tages: Fünfzehn Jahre zuvor der Stoßtrupp Hitler. Sturm auf den Bürgerbräu-Keller. Mit Ludendorff und Adolf H., der „mit der Pistole herumfuchtelnd“, einen Schuss in die Decke abgebend, die „nationale Revolution“ ausruft. Verhaftung der Gegner. Zuerst die politischen. Demokraten. Marsch auf die Feldherrnhalle. Tote im Kugelhagel der Polizei. Blutfahne und Blutorden. Es braucht nicht lange. Die Luft im Saal ist stickig, das Blut steigt zu Kopf. „Der Jude“ ist an allem Schuld. Durch Deutschland eilt in dieser Nacht der böse Geist. Staatlich organisierter Terror. Schaufenster gehen zu Bruch, Wohnungseinrichtungen landen zertrümmert auf der Straße, jüdische Bürger werden geschlagen und erschlagen. „November-Pogrome“.

Eine Begegnung im Liebfrauen-Dom beschließt das offizielle Tagesprogramm: Vesper mit jungen Familien. Kommunionkinder, Eltern, Religionslehrer, Lehrer. Die Zeitungen werden von anrührenden Momenten berichten.

Die „Frauenkirche“ – Wahrzeichen Münchens. Die beiden Türme, mit ihren hübschen Welschen Hauben, 99 Meter hoch. Kein Gebäude darf darüber hinauswachsen. Grablege der Wittelsbacher. In der Oberkirche das imposante Kenotaph für Ludwig den Bayern. Schwarzer Marmor, Stein und Bronze. Etwas versteckt nahe dem hinteren Ausgang. Da fällt das Licht nicht so sein. Dem Verblichenen mag es recht sein. De mortuis nil nisi bene. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war er, ab 1328, für einige Jahre. Mit dem Papst in Rom nicht gerade in Freundschaft verbunden. Die Sympathie hielt sich beiderseits in Grenzen. „Bavarus“ nannte Johannes XXII. geringschätzig den politischen Erzrivalen, er aber selbst alles andere als ein Papa buono.

So war sie nun mal, die gute alte Zeit. Es ging um Glanz und Herrschaft, um Kronen und Tiaren. Wenn es allerdings darum ging, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, war man sich schnell wieder einig, etwa zur Baufinanzierung der Marienkirche. Vollkommener Ablass bei Entrichtung eines Wochenlohnes. Selbstverständlich eine ordentliche Beichte vorausgesetzt, und Bußfertigkeit.

Das wäre dem Augustiner-Mönchlein gerade zupass gekommen. Aber der Luder Martinus war bei der Einweihung der Kirche Unserer Lieben Frau zu München gerade mal elf Jahre alt, mußte noch warten, bis er die Welt der Kirche ein wenig aus den Angeln heben konnte. Da nahm er, der Martin Luther, sich einen Brandenburger zur Brust, den Kurfürsten von Mainz, der war als Kanzler des Reiches auf aufwendigen Staat bedacht und insofern immer etwas klamm. Und an dessen Schutzherrn im Apostolischen Palast ließ er kein gutes Haar. Dieser Leo (der Zehnte), als geborener Medici an Luxus gewöhnt, stand dem Mainzer Albrecht in nichts nach. Auch was die immerwährenden Schulden anlangte. Man weiß ja, was daraus geworden ist. Cuius regio, eius religio. Außer kleineren Geländegewinnen der Evangelischen blieb das bayerische Territorium aber weitflächig schwarz.

Der kleine Ausflug in die Religionsgeschichte wäre unvollständig ohne diesen Dominikanermönch Johann Tetzel, der den Leuten das Geld abschwatzte, in dem er ihnen schlimmste Höllenqualen beschrieb und einen vollkommenen Ablass versprach, gegen bar Kasse versteht sich – weil es angeblich gegen die Türken, die gottlosen ging, in Wirklichkeit aber um eine neue, schöne und große Peterskirche in Rom.

Vor einigen Jahren haben sich die Anhänger des Propheten revanchiert und eine ihrer größten Moscheen auf europäischem Boden errichtet, in der Ewigen Stadt, beinahe auf Sichtweite zu den Zinnen des Vatikans. Man kommt auf dieser Bayern-Reise einfach von den Türken nicht los.

Im Dom Zu Unserer Lieben Frau betete Benedikt an den Gräbern seiner bischöflichen Vorgänger, welche die Münchener und deutsche Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts prägten, verbunden allem mit den Namen Michael Faulhaber (dieser hatte 1951 Joseph Ratzinger zum Priester geweiht) und Julius Döpfner. Bei dessen Nachfolger Joseph Ratzinger wollten die Münchener Diözesanen aber nicht so lange – post mortem – warten, jetzt, wo er doch Papst geworden war. So setzte man ihm nach der Wahl ein lebensgroßes Bronzerelief in seine frühere Kathedralkirche. Der Vollständigkeit halber: auch Johannes Paul II. ist verewigt. München ist halt, so gesehen, doch eine katholische Stadt, ob im Rathaus die Sozis regieren oder nicht, und in Schwabinger „locations“ nicht gerade der Katechismus angesagt ist.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

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