Unterm Himmel weiß und blau
Mit Papst Benedikt XVI. in Bayern
Tagebuch einer Reise
von Werner Kaltefleiter
Prolog
Willkommen im Land, in dem alles „bayerisch“ ist: die Staatsregierung und die Bischofskonferenz, die Brotzeit und das Reinheitsgebot, der erste Münchner Fußballclub und eine Landeshymne, das Pilgerbüro und das Rote Kreuz. Wo selbst ein Papst bekennt: „Mein Herz schlägt bayerisch“. Am Tag, als Benedikt XVI. nach München kam, sendete Bayern 1 folgerichtig: „Jodler im Vatikan. Der Heilige Vater und die bayerische Volksmusik.“
Nun, denn: der Ratzinger, Joseph, pardon: der ehemalige Erzbischof, dann Kardinal und dann oberster Glaubenshüter der römischen Kirche, mochte sich, nachdem er die höchste Stufe der katholischen Hierarchie erklommen hatte, also das eingetreten war, was der einstige Kriegskamerad und Kumpel im Gefangenenlager von Bad Aibling, der spätere berühmte Schriftsteller Günter G. erinnernd in seiner Biographie andeutend zum Besten gibt, und nach dem mehr als ein Jahr nach der Wahl in der Sixtina ins Land gegangen war, nun also mochte sich der „deutsche Papst“ gedacht haben, dass es jetzt wohl an der Zeit sei, sein Vaterland, genauer gesagt, den Freistaat Bayern, noch genauer, einige Orte der engeren Heimat zwischen Isar und Inn, Donau und Salzach, zu besuchen. Zumal er die Polen und Spanier schon mit ersten Visitationen beehrt hatte und die Teilnahme am Weltjugendtag im August 2005 in Köln in dieser Hinsicht eigentlich nicht zählte.
Mochte der Eulenspiegel des deutschen Fernsehens, ein gewisser Harald Sch., ruhig gespöttelt haben, der Papst besuche nur Bayern; für einen Abstecher nach Deutschland reiche es nicht – die Berliner und die Hamburger, die Duisburger und die Frankfurter, natürlich auch die Schweriner und die Leipziger, würden es ihm wohl nachsehen, wenn er sich – bei allem Verständnis für die Wirrungen und Irrungen in den gesellschaftlichen und politischen Landschaften nördlich jener Linie, die der Volksmund gemeinhin als Weißwurst-Äquator zu bezeichnen pflegt – diesen „Abstecher“ oder gar eine Deutschland-Tour – würde versagen müssen. Hatte er nicht in einem Anflug von keineswegs gespieltem Bedauern noch kurz vor der Landung auf der Rollbahn von „Franz-Josef-Strauß“ mit einem gewissen melancholischen Unterton den begierig fragenden Journalisten die Bürde des Alters bedeutet und die damit verbundenen Beschwernisse, wenn man in diesem Zustand aus dem Koffer leben muss. Da reise man halt nicht mehr so gern in der Welt herum. Aber vielleicht führe ihn ja doch noch eines Tages der Weg eben in die in den Fragen benannten Orte, wie jene Bundeshauptstadt an der Spree. Das liege – wenn es nicht der Papst weiß, wer sonst – nun einmal allein in Gottes Hand.
So betrachtet, sollte es mit den sorgsam und medienmäßig gut vor- und aufbereiteten Reisezielen gut sein. Deutschland, vom WM-Fieber noch nicht ganz genesen, würde einen weiteren Popularitätsschub genießen dürfen, dank „Wir sind Papst“, und der Welt zeigen, was deutsche Gastfreundschaft meint. Schluss, Aus mit den Klischees von den Knobelbechern und den Lederhosen, den Kuckucksuhren und dem Kraut.
Die Freude stand ihm ins Gesicht geschrieben, seine Augen und seinen Mund umspielte ein Lächeln – „wie man ihn so gar nicht kennt“, liessen sich hier und dort Zaungäste vernehmen, die einen Joseph Ratzinger erinnerten, der eher scheu auf Abstand hielt, nicht gerade der Typ, der einem auf die Schulter klopft. Aber das mochte ja nur ein von gewissen Medien transportiertes Zerrbild sein, weshalb der „Panzer-Kardinal“ nicht immer sonderlich gut zu sprechen war, auf die Zunft, die ihn gelegentlich mit harten Bandagen annahm, aus anderen Gründen, die eher mit seiner Dienstauffassung zu tun hatten.
Und jetzt dieser „Bene-Detto“. „Angekommen“ sei er in seiner neuen Rolle. Siehe das unverzichtbare „Bad in der Menge“ in den Straßen der von ihm besuchten Städte und Städtchen. Eine „bella figura“ hatten ihm die charmanten Römer schon kurz nach seiner Wahl bescheinigt. Gut mache er sich in den „Schuhen des Fischers“. Und der bayerische Landesvater konnte am Schluss schier nicht mehr an sich halten, voll Dankbarkeit für den Glanz, der das Stimmungstief, das den Stoiber Edmund ausgerechnet in diesen Tagen und selbst im eigenen Parteivolk arg beutelte, ein wenig aufhellte. Benedikt – das sei unser „Papst der Herzen“ konnte er dem Heiligen Vater nur noch zurufen – aber das hatte man ja schon irgendwie und in einem anderen Zusammenhang gehört, eine englische Prinzessin betreffend, eine deutsche Fußballmannschaft.
„Gonna take a Sentimental Journey, Gonna set my heart at ease. Gonna make a Sentimental Journey, to renew old memories.” Doris Day. Schon eine Weile her. Aber irgendwie stimmig zu den sechs bzw. sieben Tagen im September 2006. Ein Ausflug in die Vergangenheit, dorthin, wo die ersten Schritte getan, die Schulbank gedrückt, studiert und gelehrt wurde. Man weiß ja, wenn der Lebensabend eintritt, rücken die vertrauten Bilder wieder stärker ins Bewusstsein, die Umrisse des Vergangenen zeichnen sich in Linien ab, die an bestimmten Stellen schärfer hervortreten, dann wieder verschwimmen. Weißt du noch, damals? Man erkennt sie wieder, die Freunde von einst, geht auf jene zu, die zeitlebens Wegbegleiter waren. Andere sind abgetaucht im Meer des Erinnerungsnebels. Manches kehrt ins Leben zurück, nimmt Frische an. Nimm es mit, auf die Reise – wer weiß wohin.
Das Ereignis „Papst in Bayern“ hat einen mächtigen Blätterstoß hinterlassen: Tages- und Wochenzeitungen, überregionale Presse und Lokalanzeiger, Boulevard und Kirchenbote. Wie sollte man alles gelesen haben zwischen den Terminen, den An- und Abfahrten zwischen sechs und vierundzwanzig Uhr. Eine „Nachlese“ hat noch so manche Fußnote zutage gefördert, die sich einfügen lässt in die eigenen Wahrnehmungen. So entstand die Idee eines erweiterten Tagebuchs, aber immer in der Spur der eigenen Wahrnehmungen, als Gegenlicht auf offizielle Verlautbarungen und Protokolle geworfen – mit gebotenem Respekt, auch mit der selbst genehmigten Portion Ironie, doch hoffentlich nicht der Versuchung erliegend, dem Pegasus die Sporen zu geben. Allegro andante.
Donnerstag, 7. September 2006
Abreise in Richtung München. Mit dem eigenen Pkw. Hoffentlich wird das gut gehen. Wochenendverkehr ist noch nicht zu erwarten. Es rollt. Keine längeren Staus, keine Unfälle. Es ist besser, wenn man vorzeitig ankommt, sich vorbereiten kann. Wie weit sind die Anfahrtswege, welche Parkmöglichkeiten, wann und wo muss man wie früh vor Ort sein?
Bayern 3 verkürzt einem die nach langjähriger Bekanntschaft leicht ermüdende Autobahnstrecke. Zwischen den musikalischen Weckaminen bietet die Moderatorin amüsante Unterhaltung. Selbstverständlich Thema Nr. 1: „Der Papst und alles um den Papst herum. Papst total“. Ein Reporter berichtet über seine Fundstücke. Als besonders ergiebige Quelle erweisen sich manche Souvenir-Shops. Benedetto-T-Shirts, Benedetto-Kerzen, Benedetto-Fähnchen, etcetera. Kitsch-as-Kitsch-can. Die Werbung hat den Termin natürlich nicht verschlafen, ist voll auf Sendung: Trinken Sie unser Weizen – „mit dem Segen des Vatikans.“ Ob die in Rom das wissen? Sei’s drum. Pecunia non olet. Im Radio albern sie noch ein bischen über die Vermarktung des hohen geistlichen Besuchs. Doch rasch hinzugefügt, political correctness muss sein, man will sich ja keine bösen Anrufe einhandeln, das alles habe natürlich mit dem christlichen Glauben nichts zu tun.
Außenwelten – Innenwelten
Im Karmel „Heilig Blut“ werde ich während der Tage mit dem Papst in Bayern wohnen. In einem der Gästezimmer des Klosters. Aus dem Fenster der Blick auf die Mauer und den Stacheldraht, der die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers eingrenzt. Die Karmelitinnen haben diesen Ort ausgewählt. Sie leben in der Stille. Sie nehmen die Außenwelt mit in ihr Gebet. Gott hat hier Wohnung genommen, nebenan, in den anderen, den schmutzigen, verlausten, von Schreien erfüllten, mit Blut bespritzten Zellen, saß er ein. Seine Botschaften sind eingeritzt in den Baracken und Bunkerwänden des Lagers, das als erstes diesem Dritten Reich sein Kennzeichen gab. Tausend Jahre. Gott das zulassen. Tausend Jahre Gottesleugnung, Schändung seines Namens. In Dachau und in den nachfolgenden Konzentrationslagern. In den Stammlagern, den Nebenlagern, den Arbeits- und Vernichtungslagern. Gott, der millionenfach unter den Knüppeln der Schergen zusammenbrach, medizinische Experimente nicht überlebte, seine Glieder sich im elektrischen Sperrzaun verkrümmten, Kugeln seinen Körper durchsiebten – der verdreckt und verhungernd verreckte, die Reste seines Leibes, was in Fetzen an seinen Knochen hing, in den Öfen auf der anderen Seite des Todesstreifens, über den Wassergraben hinübergekarrt, in Rauch aufgehend. An manchen Tagen in den weiß-blauen Himmel über der Todesfabrik.
(Fortsetzung folgt)
Bis zum 15. Dezember finden Sie in diesem Weblog jeweils montags, mittwochs, freitags und samstags abends eine neue Folge aus dem Tagebuch von Werner Kaltefleiter. Die neuen Folgen werden auch auf www.kath.de angekündigt.
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