Archiv des MonatsDecember, 2006

Archiv

Nach Abschluss des bayerischen Reisetagebuches folgen hier nun alle Texte aus diesem Weblog als Archiv-Version zum gebündelten Lesen. Sie können sich die Dokumente anzeigen und auch herunterladen:

Unterm Himmel weiß und blau
Mit Papst Benedikt XVI. in Bayern
Tagebuch einer Reise von Werner Kaltefleiter
Als PDF-Datei zum Herunterladen (ca. 1,1 MB)

und

Kreuz und Halbmond
Papst Benedikt XVI. in der Türkei
Notizen von Werner Kaltefleiter
(gegenüber dem Weblog überarbeitete Fassung)
Als PDF-Datei zum Herunterladen (ca. 750 kB)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Donnerstag, 14. September 2006 (Folge 23)


Was bleibt

Für mittags ist der Rückflug nach Rom vorgesehen. Aber selbst wenn nur ein kurzes Hereinschau’n übrig bleibt, Freising gehört ins Programm, die erste und lange Wirkungsstätte des Joseph Ratzinger. Lern- und Lehrjahre als Student, Dozent und Professor und schließlich als Erzbischof. Im Dom St. Maria und St. Korbinian wurde er 1951 gemeinsam mit seinem älteren Bruder Georg von Kardinal Michael Faulhaber zum Priester geweiht. Eine dauerhafte Bindung an die Ortskirche. Freisinger Mohr und Korbinians-Bär hat er als erster Bischof der Erzdiözese in sein Wappen eingefügt und mit nach Rom genommen, auf den Papstthron.

Bonifatius, eifriger „Apostel der Deutschen“ – was ihm die Friesen bei Dokkum mit einem tödlichen Schwerthieb vergolten haben – hatte es mit Papst Gregor III. arrangiert, dass neben Salzburg, Regensburg und Passau ein Bistum auch nach Freising kam. 1100 Jahre lang. Bis die Ereignisse von Regensburg auch der Reichskirche ein Ende machten und – nach einer längeren Sedisvakanz – im Jahre 1821 eine neue Kurie ihre Arbeit aufnahm, das Erzbistum München und Freising.

Noch vor Bonifatius hatte Korbinian sich aus der Gegend um Paris nach Freising aufgemacht. Und in Regensburg hatten bereits vor den iro-schottischen Wandermönchen römische Soldaten das Kreuzzeichen hinterlassen, das Geschlecht der Agilolfinger den Grundstein zur bayerischen Kirche gelegt. Womit eine geschwisterliche Beziehung zwischen Regensburg und Freising ja sozusagen schon von der geistlichen Natur her besteht und sich der Kreis der Rundreise des Papstes, der aus Bayern stammt, auf sinnfällige Weise schließt.

Das floss am letzten Tag noch einmal zusammen, bei der Stunde unter Mitbrüdern, der „Begegnung mit Priestern und Ständigen Diakonen“. Zwanglos sollte es zugehen, soweit es das Hofprotokoll zulässt. Jetzt liest er nicht vom Blatt, legt das Redemanuskript beiseite. Will heißen: Bin einer von Euch. Mit nicht wenigen ist er „aufgewachsen“. Freunde, Mitbrüder. Da braucht’s den Pluralis Majestatis nicht.

Das Gedruckte könnten sie ja später nachlesen. Man weiß ohnehin, was wie es um den Weinberg des Herrn steht. Kennt die Sorgen und Nöte der Winzer. Zu jenen, die ihren Beruf verraten haben, wird er noch scharfe Worte finden. In Freising sagt er, und alles bündelt sich in diesem Moment, die persönlichen Grenzen, die noch gegebene Zeit: „Ich kann nur tun, was ich kann.“ Anderes müssten Mitarbeiter tun und Gott übernehmen. Noch einmal: „Cooperatores Veritatis“. Vielleicht einer der bewegenden Momente: Benedikt – Joseph Ratzinger, der an sich „herankommen“ lässt. Und zu guter Letzt behält Karl Lehmann, der Mainzer, mit seiner Charakterisierung Recht.

Die Zeitungen vom Tage berichten: Das Kabinett hat entschieden. Erstmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden Soldaten der Bundeswehr im Nahen Osten eingesetzt: „Libanon-Mission“, an der Grenze zu Israel. Das Afghanistan-Mandat wurde verlängert.

Der „International Herald Tribune“ ist es ein Aufmacher auf der Titelseite Wert: „A milestone in German-Jewish life“. Die Beauftragung der ersten Rabbiner in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister will das Ladenschlussgesetz noch vor dem 1. Advent kippen: „Der Heilige Vater kann auch am Sonntag einkaufen.“ (Da hätte er nicht einmal „dienstfrei“.)

„Chinas Ministerpräsident in Deutschland“. Sind die Menschenrechte ein Thema? – Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht türkische Zeitungsdruckerei in Deutschland. Sie wirbt für Integration.

„Börse steht vor Emissionsboom – heißer Herbst auf dem Markt für neue Aktien“, meldet ein Wirtschaftsblatt. Die Lokalzeitung informiert: Bei der Bahn stehen die Signale auf Streik.

„Ostdeutsche sehen Demokratie immer skeptischer“. Warum wohl: „Die soziale Kluft zwischen Ost und West wird größer.“

Immer noch stinkt das „Gammelfleisch“. Nach Bayern nun auch „Ekelfunde in zwei anderen Bundesländern“. Der Mensch vergiftet sich, so gut er kann: „Drogennotfall in der Schule.“ Was interessiert uns, wie es anderen geht: „Giftmüll bedroht Elfenbeinküste.“

Die tägliche Totenliste aus Bagdad: Kein Ende des „Befreiungskrieges“. Das Fernsehen zeigt „Pfarrer Braun im wilden Osten“. Ein Krimi mit dem Dicken, bekannt als „Bulle von Tölz“, in der Hauptrolle. In den Kinos läuft „Das Parfüm“ an, nach Patrick Süßkinds Welterfolgs-Roman.

Halt, noch eins: „Baby für Britney – ein zweiter Sohn ist da“. Mutterfreuden eines Popstars.

(Natürlich berichten alle Presseorgane, auch die „Linken“ und „Liberalen“, selbstverständlich mit eigener „Schreibe“, wie Benedikt den Vortag verbracht hat.)

Der Abschied

Auf dem Flughafen München-Riem „Franz-Josef-Strauß International“: Abschiedsprotokoll. Das kleine Podest, wo Benedikt noch einmal „Dank für alles“ gesagt und „angenehme Reise“ und „alles Gute für die Zukunft“ gewünscht wird, zieren Gerbera, Rosen und Dahlien. Das Schülerblasorchester St. Ottilien, die Stadtkapelle Hallstadt und die Städtische Jugendkapelle Friedberg haben Aufstellung genommen. Mit Musik geht bekanntlich alles besser.

Franz Bonaventura Adalbert Maria, Prinz von Bayern, kurz: Seine Königliche Hoheit, der Herzog von Bayern – der heimliche und vor allem beliebte Herr des Volkes der Bayern – gibt sich die Ehre, dem scheidenden Papst Adieu zu sagen. – Ginge es nach den schottischen Tudoristen, und wäre die Sache mit der Maria nicht so blutig ausgegangen, und hätte der Papst die erste Elisabeth nicht exkommuniziert, müsste eigentlich Herzog Franz statt der zweiten Elisabeth im Buckingham Palast residieren. König ist er ohnehin: nämlich nominell von Jerusalem. Man spricht nur Gutes über ihn im Lande. Ein bescheidener Mensch sei er, der Chef des Hauses Wittelsbach, und Junggeselle. Als wohltätig zeigt er sich, und im Gesellschaftsteil der Blätter steht nicht viel mehr, als dass er als eifriger Gassi-Geher mit Dackel „Wastl“ im Nymphenburger Schlosspark gesehen wurde.

Die weltliche Herrschaft, der Chef des profanen politischen Geschäfts, Ministerpräsident Edmund Stoiber, kommt selbstverständlich seiner protokollarischen und auch als persönliche Pflicht empfundenen Obliegenheit nach. Die Reden sind gehalten: Auf Wiedersehen Heiliger Vater – Sie sind der Papst unserer Herzen. Und weil das nicht alle hören konnten, hat der Landesvater auf der anschließenden Pressekonferenz noch einmal zu seiner Lieblingsformulierung gegriffen. So ist’s halt. Weltmeister der Herzen sind wir auch. Liebe Diana, hast ja immer noch die Kronländer Ihrer Majestät.

Letzte offizielle Worte des Papstes beim „Abschied von meinem geliebten Vaterland.“ Nach Deutschland sei er gekommen, „um meinen Landsleuten die ewigen Wahrheiten des Evangeliums erneut nahe zu bringen und die Gläubigen zu stärken in der Treue zu Christus, dem Sohn Gottes, der Mensch geworden ist zum Heil der Welt.“ Was anderes hätten sie von ihm erwartet? Dass er – potzblitz – die Kirche um hundertachtzig Grad dreht? Natürlich, was wäre ein Kommentar zur Reise ohne die Drewermänner und Küngs. Nichts, was die Kirche bewege, habe Benedikt in seinem Reisegepäck mitgebracht. Es fehle ihm an Offenheit für Reformen. Es geht halt nicht ohne einen Schuss Essig.

Aber auch Benedikt war noch nicht fertig. Fügte es sich doch, dass der letzte Besuchstag zusammenfiel mit dem 25. Jahrestag der Enzyklika „Laborem excens“ – „Über den Wert der menschlichen Arbeit“. Der „große Papst Johannes Paul II.“ habe die Arbeit als eine fundamentale Dimension menschlicher Existenz auf Erden bezeichnet und darüber einen Text verfasst, der „durchaus praktischen Wert“ besitze. Die praktische Anwendung könnte gerade heute von „großem Nutzen sein“, sagte Benedikt. Ob in der Vorstandsetage eines Münchner Konzerns, der gerade dabei war, Mitarbeiter auf die Straße zu setzen, der Fernseher auf die Live-Übertragung von München-Riem geschaltet war, ist nicht bekannt.

Neu im Wörterbuch der Soziologen: „Prekariat“. Ein Neologismus, wie die Sprachwissenschaftler sagen. Gebildet aus „prekär“ und „Proletariat“. Von „abgehängtem Prekariat“ spricht eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Im Klartext: Wenn du von heute auf morgen auf der Straße liegst, on the dark side of the street. Wenn eine Gesellschaft sich einteilt in „winner“ und „loser“. Wenn von einem „Unterschichtenproblem“ die Rede ist. Wenn die Angehörigen dieser „Schicht“ abgedrängt werden an den Rand, ins Abseits. Wenn, wenn, wenn. Die Begründungen, warum Fleißige, Tüchtige, Kompetente den „Job“ verlieren, liegen parat, auf Kassette – jederzeit abspielbar: Absatzmarkt, internationaler Wettbewerb, Globalisierung, Betriebskosten, Aktionäre. Die Geschäftsführung trifft keine Schuld. Gehälter und Tantiemen in den oberen Etagen steigen. Rückkehr zum Ständestaat. Oberschicht, Mittelstand. Unterschicht? Oder Dritte-Welt-Mentalität: Sieh zu, dass du oben bleibst, wenn du nicht ganz unten landen willst. Deutschland, im Herbst 2006.

Wer mit 50 den Laufpass bekommt, Polier und Malermeister, Student und Uni-Professor, Schichtarbeiter am Montageband und Fach-Ingenieur – alle „Prekariat“. Leviathan regiert die Welt: bellum omnium contra omnes. Krieg aller gegen alle. Das Wort „Solidarität“ wird am Sonntag aus der Schatulle geholt, für die Kanzelpredigt. Im Alltag gelten, wer hat’s nicht schon zu spüren bekommen: homo homini lupus est - der Mensch dem Menschen ein Wolf. In abgemilderter Form: Ellbogen-Gesellschaft.

BILD schreibt vorne: Der Papst kommt, um uns davon zu überzeugen, dass das Gute in der Welt lebt und siegen wird. Im hinteren Teil des Blattes dürfen die Leser teilhaben am normalen Leben der Schönen und Reichen, den Schampus zu zehntausend Dollar die Flasche. Manager (mit Millionen-Einkommen) kritisieren die Raffgier von Managern (mit Millionen-Einkommen). Politiker verlieren den Blick fürs Ganze im Hinblick auf den nächsten Wahltag. „Capital“ spricht von der „dunklen Seite der Macht.“

Drei Wochen später, zu Hause im Apostolischen Palast, ist Benedikt wieder ganz der alte. Der neue deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl überreicht sein Beglaubigungsschreiben. Gelegenheit, im Buch Leviticus nachzuschlagen, insbesondere Kapitel 26 betreffend, beginnend mit dem Gebot: „Ihr sollt euch keinen Götzen machen.“ In die Gegenwart übersetzt: Schutz der Ehe und Familie, Nein zu ehelichen Gemeinschaften, die sich von der natürlichen Familie entfernen, die durch nichts zurechtfertigende Abtreibung, auch nicht die Spätabtreibung. Ablehnung embryonaler Stammzellenforschung und neuartiger Therapien, deren Folgen man noch nicht genau kennt. Der religionsneutrale Ethikunterricht dürfe „keinesfalls wertneutral“ sein. Vom 3. Buch Mose her stammt das Wort „jemandem die Leviten lesen“. Wie gesagt, Papst Benedikt XVI. waltet seines Amtes. Aber da war er schon wieder im Vatikan.

Die Nationalhymne ist verklungen, es folgt das Lied der Bayern, mit Worten, „die auch ein Gebet sind“, wie Benedikt sagt: „Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland. Über deine weiten Gaue ruhe seine Segenshand. Er behüte deine Fluren, schirme deiner Städte Bau und erhalte dir die Farben seiner Heimat weiß und blau.“ Und die Mädchen und Buben auf der Tribüne schwenken noch heftiger ihre weißblauen und gelbweißen Jubel- Fähnchen.

Der Tölzer Knabenchor, nahe der Gangway formiert, beglückt Papst Benedikt mit einer besonderen Aufmerksamkeit: Mozarts Andachtsjodler. Dann, ganz zum Schluss: „Und Gott hat alles Recht gemacht“.

Abflug 13.09 Uhr, notiert die Reporterin einer Lokalzeitung. Da kann jeder in der Umgebung noch mal vergleichen: War’s also doch der Papst, der über unser Haus geflogen ist? Martin Ott, Ausbildungskapitän der Lufthansa, hat sich für die Flugroute entschieden. Aus Pförring an der Donau stammt er. Gläubig sei er, berichten die Blätter, ehemaliger Ratzinger-Student und natürlich Papstfan. Wie dieser liebe er die Natur und die Musik. Nur eines unterscheide ihn vom ersten Mann der Kirche: „Ich habe eine Frau und Kinder.“ Es sind sieben, wie eine Zeitung zu berichten weiß. Als zweiter Flugführer sitzt Francesco Sciortino im Cockpit. So kommen auch die Italiener an Bord zu ihrem Nationalgefühl, das in diesen Tagen doch arg strapaziert wurde, beim Unterwegssein mit dem Papa tedesco in Bavaria.

Die Zeitungen mit den großen Lettern und den vielen Bildern wenden sich inzwischen neuen Ereignissen zu. Denn bald ist wirklich der „Teufel“ los, den der Kardinal irrtümlich vor der Ankunft des Besuchers aus Rom befürchtet hatte. Auf der Wies’n beginnt am Wochenende die fünfte bayerische Jahreszeit. Mit dandschige Bopperl und gamsige Buam. O’zapft is. Wir sind halt Weltmeister – oder?

Flugzeugführer und Flugsicherung sind sich einig: Einfach ab in den Süden – das machen Mallorca-Flieger. Aber doch nicht der Airbus A 321-100 mit dem päpstlichen Wappen am Bug. In einer Schleife zieht die „Regensburg“ – Flugzeuge sind, wie Dampfer, meist weiblichen Geschlechts – über die Heimat Benedikts. Ein wehmütiger (?) Blick aus dem eigens eingebauten bequemen Papstsessel in der Ersten Klasse auf das „Traumland meiner Kindheit“: Aschau am Inn, dann weiter südlich über Marktl zur Salzach, in Richtung Salzburg Tittmoning passierend, und endlich, endlich sehen auch die Traunsteiner „ihren“ Papst, wenigstens am Himmel weiß und blau. Bodenberührung war beim besten Willen während der Rundreise nicht drin. Der Landrat darf von unten herzliche Grüße nach oben schicken. Benedikt erwidert auf gleichem Weg. Die Bundeswehr, auch ohne Bundestagsdebatte im Inlands-Einsatz, hilft mit Funkgeräten aus.

Da lassen sich die Österreicher nicht lumpen und schicken vier Maschinen des österreichischen Bundesheeres hinauf (was den Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden erfreuen mag, einen gebürtigen Österreicher), um den päpstlichen Flugreisenden in den Grenzen der eigenen Lufthoheit zu eskortieren. Servus, Heiliger Vater. Die Stewardessen legen die Servietten und das Essbesteck vor und die ansprechende Menükarte: In Kräutern pochiertes Rinderfilet mit Parmesan, Ochsenbackerl-Gulasch, Topfenspätzle, Karotten, Joghurt-Beerentörtchen mit Vanillesabayon, Erdbeeren und Pistazien. Derweil aus den Bordlautsprechern die Regensburger Domspatzen singen. Auch Mozart, Bach und Mendelssohn liegen im CD-Fach. Der Chefpilot: „Es war ein schöner Rückflug, von zu Hause nach Hause.“

© 2006 Werner Kaltefleiter, Wiesbaden

Mit dieser Folge schließt das bayerische Reisetagebuch. Am kommenden Montag stellen wir das bayerische Reisetagebuch und die Vor- und Nachbetrachtungen zur Türkei-Reise des Papstes in einer geringfügig überarbeiteten Gesamtversion bereit. Die zwei pdf-Dateien werden Sie selbstverständlich über dieses Weblog erreichen können.

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Mittwoch, 13. September 2006 (Folge 22)


„Tempo privato“

Heute kein offizielles Programm. Auch ein Papst braucht Ruhe. Der Tag ist für private Stunden reserviert. Zusammensein mit dem Bruder. Ja, wenn er nicht der Papst wäre, der Papst in Bayern. Als könnte die Welt nicht überleben ohne den Blick durchs Schlüsselloch: Papst mit Bruder im Garten des Wohnhauses, Papst mit Bruder beim Gebet am Grab der Eltern. Irgendwo schnappt immer eine Leica oder Canon ungeniert zu; geht – exklusiv selbstverständlich – der päpstliche Hoffotograf seinem Gewerbe nach. Jedes Bild lässt sich verkaufen, und sei es die Garageneinfahrt vom „Häusl“, der Professoren-Wohnung in der Bergstraße, in dem nun berühmten Regensburger Vorort. Jede Banalität eine Nachricht wert.

„Chico“, von dem ja schon die Rede war, habe seine Streicheleinheiten erhalten. Der „Hausmeister des Papstes“, der Nachbar, der bei Abwesenheit des Haus- und Grundbesitzers auf das Anwesen aufpasste, kostet seine große Stunde aus. Der Rest der Nachbarschaft hält sich diskret zurück.

Zu Hause. Synonym für Geborgenheit. Wo gehöre ich hin. Eine Frage der persönlichen Identität. Familie als Rückbindung meines Ichs an eine körperlich erfahrbare Herkunft. An die Wurzel. Sedem non animum mutant, qui trans mare currunt. – Den Wohnsitz wechselt, nicht sein Wesen, der übers Weltmeer segelt. (Umschrift auf einer Münze, die für deutsche Auswanderer in Amerika geprägt wurde.)

Die Ratzingers haben sich nie aus den Augen verloren, heißt es in den jetzt vervielfältigten „Homestories“. Der Bruder an seiner Seite – wenn es sich einrichten lässt, auch in Rom. Die Eltern, auch die Schwester, sind auf dem nahen Friedhof beerdigt. Benedikt sagt: „Pentling ist für mich im tiefsten Sinn ein Daheim.“ Ein metaphysischer Grundton klingt hier an.

„Ein Dorf ist Papst“. Wäre doch verwunderlich, wenn sich die Wahlverwandtschaft nicht steigern ließe. Ab sofort verbindet ein Josef-Ratzinger-Gangl die Häuserzeilen in der Siedlung am Ortsrand, wo die Aussicht so weit ins Tal und hinüber zu den bewaldeten Höhen geht.

Ein letzter Blick, ein letztes Adieu für einen, der wohl nicht zurückkehren wird. Die Erinnerung an Regensburger Jahre: Der morgendliche Weg in die Stadt, von der Höhe der Augsburger Straße die Stadt im Panorama; Dächer und Giebel überragend die doppeltürmige Kathedrale. Nach getaner Arbeit, Buchdeckel geschlossen, Unterschriften erledigt – die Rückkehr in den Feierabend. An Sommerabenden den Fluss entlang. Zur Linken raue Natur, mit steilen, felsigen Uferpartien, die sich, in weichere Formen übergehend, zu Hangwiesen und Baumgruppen hin öffnet. Kinderlachen am Ufer. Ruderboote beim kraftvollen Training. Hunde toben sich aus. Vom Schober her der singende Ton des Wetzsteins, eine Sense will gedengelt sein. Im Pferch drängeln Schafe und Ziegen. Zu Hause, schon auf dem Heimweg.

Alte Kapelle

Ganz ohne Termin geht es allerdings nicht. Der Tag beginnt „halböffentlich“. Mit geladenen Gästen. Nicht beschwerlich. Eher eine Ouvertüre für entspannte Stunden. Eine Art Matinée geistlicher Natur für den Musikliebhaber auf dem Papstthron. Eine „Queen“ erwartet den Gesalbten, will von ihm gesegnet sein: Die neue Orgel in der „Stiftskirche und päpstlichen Basilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle“.

Das Gotteshaus: ein Kleinod des Spätbarock und Rokoko. Für manche vielleicht etwas zu viel Fracht an Gold und Stuck, Fresken und Figuren, Glanz und Prunk. Was sich ansammelt in einem Haus mit tausendjähriger Geschichte: Vom Heidentempel zum Marienheiligtum, an die Taufe Bayerns erinnernd, als Herzog Theodor, der Agilolfinger und sein Hofstaat vor Rupert niederknieten. Beginn der Kirche in Bayern. Es war die große Zeit des päpstlichen Schutzherrn, Patrons europäischer Dynastien, Garanten nationaler Eigenständigkeit gegenüber den Begehrlichkeiten stärkerer Mächte. Entlang der Grenze von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Polen allen voran, das slawisch blieb, mit lateinischer Kirchenkultur. Polonia – Bavaria semper fidelis.

Herzögen und Königen diente die romanische Basilika als Pfalzkapelle. Kirchlicher und politischer Höhepunkt nach dem ersten Jahrtausendwechsel: Am 14. Februar 1014 wird Heinrich II., der letzte Ottone, Herzog von Bayern, deutscher und italienischer König, vom Benedikt-Papst, dem achten dieses Namens, zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Noch war unbestritten, wer in der Welt des Heiligen Römischen Reiches das letzte Wort hatte, Altar oder Thron. Aber Karl der Große, mit politischem Raffinement, hat einen Zankapfel hinterlassen. Fünfzig Jahre nach der Kaiserkrönung ist es soweit mit dem Investiturstreit zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Der Papst blieb bis auf weiteres Sieger.

In St. Emmeram ist ein Hochgrab zu besichtigen. Memorial, dem Vater Heinrichs gewidmet. Ein streitlustiger Herr, der „Zänker“ genannt. Ganz anders der friedfertige Filius, verdienter Imperator Romanorum, der sich den Beinamen „der Heilige“ erwarb.

Zurück zur Alten Kapelle: Gelegentlich der Krönung überreichte Benedikt VIII. dem frommen Herrscher zum Unterpfand des Glaubens ein Ikonenbild: „Die allerseligste Jungfrau Maria mit dem Jesuskind“. Seit dieser Zeit wird die Gottesmutter in diesem Bild in Regensburg verehrt. Eines der Deckenfresken zeigt eindrucksvoll die Szene der Begegnung von Papst und Kaiser, der hierarchischen Zuordnung von Thron und Altar. Das Gnadenbild hat, nach wechselnden Aufenthaltorten, in der Jakobskapelle, einem Seitentrakt der Stiftskirche, seinen Platz gefunden.

Auf der Orgelbühne das Meisterstück aus Schweizer Werkstatt, eingebaut im restaurierten historischen Gehäuse von 1791: 40 klingende Register auf zwei Manualklaviaturen; 2.448 Pfeifen, die längste (das C des Violon Bass 16’) misst 4,83 Meter, die kürzeste (das a’’’ der Quint 1 1/3’) gerade mal sieben Millimeter. Der „Vogelsang“ wird mit drei im Wasser stehenden Pfeifen konstruiert. Ein Instrument für Hand- und Fußartisten. Ich verstehe nichts davon, genieße einfach ihr Spiel.

Der Mäzen

Es ist der große Tag des Gentiluomo di Sua Santitá, des Kammerherrn Seiner Heiligkeit, Professor Dr. Dr. Herbert Batliner, im profanen Leben Advokat und Treuhänder wohlhabender und prominenter Zeitgenossen, mit eigener Kanzlei in Vaduz. Der Fürstliche Kommerzienrat, Senator h.c. mult., war zur Stelle, als die kirchlichen Auftraggeber für die neue Orgel finanziell klamm wurden. Mit Geld ist Herbert Batliner sozusagen aufgewachsen: Sein Vater über 40 Jahre alleiniger Direktor der Liechtensteiner Staatsbank.

Wie gern würde sich der Ehrengast aus Vaduz dem ungetrübten Genuss der festlichen Stunde hingeben, wären da nicht die hässlichen Berichte in der Presse, über dubiose Finanzgeschäfte prominenter Namen aus der Liste der superreichen Klientel des Liechtensteiner Vermögensverwalters. Google spuckt Infos zum Stichwort aus wie der Spielautomat Münzen beim Treffer.

Magnaten und Potentaten, auch deutsche Politiker, beleben die Szene in den Berichten über ein „Schattenreich“. Wie Gelder aus dunklen Quellen so rein wie ein Bergquell zurückfließen, illegale Parteispenden ihre Herkunft verschleiern, Schwarzgeld geparkt wird und so genannte Familienstiftungen mit allerlei Tricks helfen, Millionenbeträge am deutschen Fiskus vorbei in die Liechtensteiner Steueroase zu lenken, kurzum: wo Goldesel auf saftigen Wiesen grasen, dem Steuerfahnder aus dem nördlichen Nachbarland allenfalls das Hinterteil zeigen. Wie gesagt, die Suchmaschine fördert reichhaltigen Stoff zutage. Mit Vorbehaltsklausel.

Die Staatsanwaltschaft in Bochum, ein Schwerpunkt für die Strafverfolgung von Wirtschaftskriminalität, mit fachkundigen Ermittlern, die alle Schleichwege in diesem Dickicht kennen, wirft dem Liechtensteiner Treuhänder Beihilfe zur Steuerhinterziehung in dreistelliger Millionenhöhe vor. Im Visier der Fahnder eine Vielzahl deutscher Steuerpflichtiger.

„Lange“ hätten Batliners Anwälte mit der deutschen Justiz verhandelt. Was passiert, wenn ihr Mandant schwarz-rot-goldenen Boden betritt? Nichts, er dürfe passieren, die großzügige Antwort. Einem schwer kranken Mann (von einem Krebsleiden ist die Rede) wolle man die Begegnung mit dem Heiligen Vater nicht verbauen. Auch Respekt vor dem hohen Besuch aus dem Vatikan dürfte eine Rolle gespielt haben. Eklat muss nicht sein. In Bayern würde man sagen: Passt scho.

Ließe sich nicht gleich noch ein kleiner Seitenhieb auf die Kirche anbringen, dachte sich da wohl jemand von der Berliner Zeitung? Da war doch mal was. In dunkler Vorzeit. Ablasshandel und so. Geldbeschaffungsmaßnahme des Papstes und seines Mainzer Kirchenfürsten. Der eine war knapp bei Kasse wegen der hohen Baukosten beim Petersdom, der andere wegen der hohen „Betriebskosten“ für drei Bistümer, die er gern kontrollieren wollte. Satte 700.000 Euro (umgerechnet), die der Chef in Rom allein für das „Pallium“ (als Erzbischof von Mainz mit den Stühlen von Magdeburg und Halberstadt) berechnete. „Simonie“ nannte man das zwar, Johannes Paul II., Papst der Moderne, bezeichnete den Schacher um Stimmen, etwa im Konklave, gar als Verbrechen, aber die hohen geistlichen Herren von damals hatten damit kein Problem.

Business as usual. Leo X. und Albrecht von Brandenburg, der ja zugleich auch Kurfürst, Erzkanzler des Reiches und Hochmeister des Deutschen Ordens war – also so etwas wie Ämterhäufung – vereinbarten ein Geschäft, das auf eine Idee von Julius II. zur Finanzierung des Neubaus von St. Peter ging. Deshalb auch Peters-Ablass oder Plenar-Ablass genannt. Ein gutes Werk für die arme Kirche und einen armen Bischof – den Himmel würde man sich damit nicht erkaufen können, keine Sündenvergebung, wie manche hartnäckig behaupten, wohl aber ein wenig Rabatt auf allfällige Sündenstrafen.

Ein perfekter Tauschhandel. Albrecht würde für den Vertrieb der Ablassbriefe auf seinem Hoheitsgebiet sorgen. Unter einer Voraussetzung: Der Papst macht mit dem Mainzer Halbe-Halbe. Das würde Albrecht von schlaflosen Nächten befreien, denn er stand zugleich bei den Fuggern, den Geldverleihern des Reichs, mächtig in der Kreide. Man war sich schnell einig. In einem geheimen Zusatzabkommen. Musste das tumbe Kirchenvolk nicht unbedingt wissen. Dafür sorgte der Dominikanerprediger Johann Tetzel mit einer etwas eigenwilligen Auslegung der päpstlichen, vom Himmel erteilten Vollmacht, auf Erden die Absolution erteilen zu dürfen: „Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel’ im Himmel springt.“

Auf Straßen und Märkten redete der Agent Albrechts die Menschen „dumm und dusselig“, so dass sie sich wie verrückt um die Ablassbriefe rissen. Als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen, und sie merkten nicht, wie sie gleich zweimal aufs Kreuz gelegt wurden, mit dem zweckentfremdeten Bußgeldbescheid. Das wiederum trieb, wie allgemein bekannt, dem Martin Luther die Zornesröte ins Gesicht, dann an sein Schreibpult und anschließend, mit Nagel und Hammer bewaffnet, zur Türe der Wittenberger Schlosskirche. So zerfielen Deutschland und halb Europa in diverse Kirchen Christi, die übereinander herfielen – Reformation und Gegenreformation genannt. (Ein kleiner Ausflug in die kirchliche Vergangenheit, von der schon im Zusammenhang mit der Münchner Liebfrauenkirche die Rede war.)

Man muss wohl auf einem weit nach Norden vorgeschobenen Breitengrad angesiedelt sein – natürlich vom bayerischen Standort aus gemessen –, um in der Regensburger Orgelsache auf einen solchen Vergleich zu kommen, der, wie ja auch die Regel besagt, leider hinkt. Fehlte nur noch die alt-römische Spruchweisheit vom Geld, das bekanntlich nicht stinkt.

Also kein Ablass für einen schwerreichen vermuteten „Sünder“ – weder von der Kirche, noch von Justitia. Eher noch, wenn dem so sein sollte, Gnade vor Recht. Ein ganz und gar christlicher Zug, schlussendlich – oder?

Ficht die ausgewählte Gästeschar nicht an. Alles nur journalistische Bosheiten. Angelegenheiten, die Deutschland und die Deutschen betreffen. Einen Liechtensteiner Bürger allein schon von daher juristisch immunisiert – das wären wohl die Antworten. Man erspart sich die Fragen. Wer kennt sich schon aus in den Beziehungen und Verbindungen rund um die Alte Kapelle, wer mit wem dieses und jenes einfädelt, selbstverständlich für einen guten Zweck. Ein hoher geistlicher Herr quittiert derartige Vermutungen mit einem viel sagenden Blick. Sprach er von einem „G’schmäckle“ in diesem Zusammenhang? Der deutsche Papst in Rom und eine so wertvolle Orgel für den „Lateran nördlich der Alpen“ – da sollte man nicht kleinlich sein, dürften sich alle miteinander gedacht haben.

Nichts also an diesem Vormittag, was die schönen Momente in der Gegenwart der Nähe des Heiligen Vaters stören könnte und bei diesem offenbar auch keinen Zweifel an der Integrität des edlen Spenders aufkommen ließ. Als großzügig hatte sich der Fürstliche Kommerzienrat nicht zum ersten Mal erwiesen. Die vatikanischen Sixtina, nach Batliners Beschreibung „Herzkammer unserer Kirche und unseres Glaubens“, verdankt ihm ein neues fahrbares Orgelwerk. Jetzt sprang die Gedächtnis-Stiftung Peter Kaiser, der Herbert Batliner als Präsident auf Lebenszeit vorsteht, den in Geldnöten geratenen Auftraggebern der Alten Kapelle als Sponsor bei. Angeblich 730.000 Euro für das Musikinstrument, das den Namen Benedikt-Orgel erhielt. Das päpstliche Wappen über den beiden Manualen auf dem Orgelprospekt geben Zeugnis von diesem allerhöchsten Gunstbeweis; die Namen der generösen Stiftung und ihres Präsidenten sind auf der Rückseite verewigt.

Aber wer ist, bitteschön, Peter Kaiser? Der Namensgeber der 1985 gegründeten Stiftung? Antwort: ein Liechtensteiner Pädagoge und Historiograph aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dass nun wiederum der Zwergstaat, als Parteigänger Napoleons, irgendwie am Ende des schönen Regensburger Fürstentums beteiligt war, tut der Freude am heutigen Festtag keinen Abbruch. Schließlich wurden die Wittelsbacher Verhältnisse wieder gerade gerückt. Herbert Batliner, der gute Mensch von Vaduz, mit zweitem Wohnsitz in Davos und Patron des dortigen Eishockey-Sports, hat sich aufs Altenteil zurückgezogen, freilich ohne seiner wohltätigen Neigung zu entsagen. Der vermögende Mann (auf über 200 Millionen Franken geschätzt) hat sich stets den abendländisch-christlichen Werten verpflichtet gefühlt, vornehmlich den römisch-katholischen. Verschiedene Stiftungen widmen sich dem Guten, Wahren und Schönen, dienen der Wohltätigkeit und der Förderung der sakralen Kunst. Das hat Herbert Batliner, der hohe Liechtensteiner Staatsämter bekleidete und überhäuft wurde mit Ehrungen und Auszeichnungen, Kreuzen, Großkreuzen, auch eine Berufung in die päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften, das Groß-Gold mit Stern der Heiligen Rupert und Virgil sowie die Orden der Päpste Sylvester und Gregorius eingebracht.

Die Orgel werde seit alters her zu Recht als die Königin der Instrumente bezeichnet, weil sie alle Töne der Schöpfung aufnehme und die Fülle des menschlichen Empfindens zum Schwingen bringe, sagt Benedikt.

Eine kleine Anspielung muss sein, bevor der Organist Proben seines und der Orgel Können zu Gehör bringt. Benedikt: Pfeifen und Register müssten eine Einheit bilden, sagt Benedikt in beiderlei Hinsicht sachkundig. „Klemmt es hier oder dort, ist eine Pfeife verstimmt, dann ist dies zunächst vielleicht nur für ein geübtes Ohr vernehmbar. Sind mehrere Pfeifen nicht mehr richtig gestimmt, gibt es Disharmonien, und es wird unerträglich. Auch die Pfeifen dieser Orgel sind Temperaturschwankungen und Ermüdungseinflüssen ausgesetzt.“ Gewiss doch, Heiliger Vater. Gelegentlich kommt es allerdings auch auf den Organisten an.

Jetzt darf Professor Norbert Düchtel der Orgel zu ihrem ersten öffentlichen Spiel verhelfen: „Toccata et Fuga in d“, Johann Sebastian Bachs „Welthit“. Einiger seiner Kompositionen habe der Thomaskantor ausdrücklich dem Herrn im Himmel gewidmet, eigenhändig auf das erste Notenblatt geschrieben, erläutert der Musikkenner auf dem Papstthron. „Soli Dei Gloria“ – „Gott allein die Ehre“.

Nach Fürbitten und „Vater unser“ der Apostolische Segen und dann, mit Bläser- und Orgelvorspiel, aus vollem Herzen das Te Deum. „Großer Gott, wir loben Dich.“ Mächtig die Kirche erfüllend, dass es durch die Fenster und Türen dringen möchte, hinaus auf den weiten Kapellplatz, wo sich allmählich Schaulustige und Benedetto-Fans eingefunden haben.

Ein letztes Dankeschön an die Liechtensteiner Spender, mit einer Reverenz gegenüber dem dort geborenen Komponisten Josef Gabriel Rheinberger, Hofkapellmeister Ludwigs II., bayerischem König. Ein Mozart- und Bach-Verehrer, Inspirator der katholischen Kirchenmusik im 19. Jahrhundert. So finden sich am Schluss in Harmonie vereint der musikalische Papst, die großherzigen Finanziers und die vornehme Regensburger Gesellschaft. Noch einmal darf der Orgelvirtuose sein Können aufbieten: mit Rheinbergers Toccata, als sei sie maßgerecht der Benedikt-Orgel in die Tasten geschrieben. Es erklingt die Sonate Nr. 14 C-Dur op. 165. Groß, festlich und mit der Kraft, die in ihr steckt. Als wollte der heilige Geist sich selbst des Instruments bemächtigen und alle, die zusammen kamen, mit seinem Odem beflügeln.

Feierlichkeit erfasste die Alte Kapelle, Posauen und Trompeten, Pfeifen und Flöten, Glocken und Zimbeln. Die Bässe und Tenöre, Alt und Sopran. Die Engel über den Altären und die Heiligen auf ihren Postamenten hätten wohl einstimmen mögen in das Loben und Preisen an diesem festlichen Tag. Die Stimme der Orgel klang noch nach, als Benedikt schon gegangen war und man bei einem kleinen Imbiss – Häppchen wurden gereicht, Prosecco Colli Freoisgiani und Primitivo Puglia ausgeschenkt – das Erlebte Revue passieren ließ. Fürstin Gloria überschwänglich gegenüber einer soeben gewonnen neuen Freundin für ihre wiedererweckte marianische Gebetsgemeinschaft. Sie mochte sich an den Tag erinnert haben, als sie Nachricht vom Ausgang des Konklaves erreichte: Sie habe geweint vor Glück. – Benedikt nahm dann doch noch – bevor der Mittagstisch beim Bruder rief – ein kurzes Bad in der Menge. Eine Verehrerin schier überwältigt: Es war ein Gefühl wie Schmetterlinge im Bauch.

Warten auf den Papst

An der Feuerwache geht’s zu wie beim Kirtabaum-Aufstellen. (Für Zu’greiste: Der Baum zum Kirchweihfest, nicht zu verwechseln mit dem Maibaum). Abordnungen der Aktiven sind angetreten: die dunkelblauen Uniformen gebürstet, die Einsatzanzüge mit den silbern reflektierenden Signalstreifen in Schuss gebracht. Bürgermeister, Kreisfeuerwehr-Seelsorger, Kreisbrandrat. Die Goldene Ehren-Medaille liegt auf Samt im Etui, sollte das Wunder geschehen. Wenn das Ehrenmitglied schon mal da ist, warum nicht eben vorbeikommen und den Anbau am Spritzenhaus segnen. Obwohl der Schultes es besser weiß: Das wird nix. Das gehe vielleicht doch zu weit. Der frühere Mitbürger sei jetzt immerhin Papst. Und Staatsmann auch. Er, der Bürgermeister, sei nur gekommen, um beruhigend auf die Menge zu wirken. Die Pentlinger können den unverhofften Ruhm auch anderweitig genießen. Im neuen Rathaus lädt eine Sonderausstellung ein. „Einer von uns“ – die Geschichte,wie es einer „vom Gendarmenbuam zum Oberhaupt der katholischen Kirche“ schaffte.

Aber man weiß ja nie. Der Rundfunk hat sicherheitshalber einen Übertragungswagen zum Ort des Geschehens beordert, mobile Kamerateams stehen bereit. Musi spielt auf. „Die Altneihauser Feierwehrkapell’n“, Gaudi-Blasmusik aus Windischeschenbach im Oberpfälzerwald. Dem langen Dürren sitzt der antike Lederhelm recht und schlecht auf dem Schopf, der Dicke an der Pauke hat sich in eine historische Uniformjacke gezwängt. Aber wenn sie loslegen, dann geht der Löschzug ab.

Auf den Seitenstreifen des Abzweigs von der Hauptstraße zur Feuerwache reihen sich Neugierige auf, von Stunde zu Stundemehr, direkt von der Arbeit weg, oder von zu Hause, schnell noch etwas gegessen. Ein Trekking-Radler kurvt herein, lässt die letzten Kilometer sausen. Vorbei trabt ein Jogger. Für eine Runde reicht’s noch. Die Kapell’n singt und spielt einen Zwiefachen. Die Stimmung steigt. Bleibt aber entspannt. Zeit für ein Schwätzchen. Dieses und jenes. Und natürlich über Benedikt, „unseren Papst“. Ein ganz hoher Mensch ist das jetzt. Den kannst net einfach so ins Haus einladen, wia dein Spezl.

Zeitzeugen geben herbeigereisten Reportern bereitwillig Auskunft. Der Bürgermeister bekennt: „Ich bin Papstfan. Und eine alte Nonne: Joseph war mein erstes geistliches Kind. Zwei fromme Damen versprechen dem Heiligen Vater per Annonce in der Mittelbayerischen Zeitungen: „Wir beten für Sie.“ Der Friseursalon am Ort wünscht einen segensreichen Aufenthalt, und ein Einwohner sagt dem Lokal-Berichterstatter: Ein Grüß Gott würde ich ihm schon entbieten. – Auch Ringkuss und Kniebeuge? – „Na, dös muas I net ham.“

Die fünfte Stunde Wartezeit ist angebrochen. Kinder quengeln. Wäre Zeit für’s Bett. Die Polizei, unauffällig auffällig mit Einsatzwagen im Hintergrund geparkt, erhält Verstärkung. Sachkenner schließen daraus, dass sich bald etwas tun dürfte. Dann Polizeikräder, Scheinwerfer an, schnittig die Hauptstraße hinunter, oben von der Bergstraße her. Nur von dort kann der Papst kommen, wenn er kommt. Zwei, drei Mannschaftswagen hinterher. Der Einsatzführer gibt über Lautsprecher knappe Kommandos, wie weiland Frundsberg in der Schlacht bei Regensburg.

In Manila, beim Besuch von Johannes Paul II., waren es vier Millionen. So viele Menschen hat, selbst wenn es nicht im „Guiness Book of Records“ steht, ein Einzelner noch nie um sich versammelt. Um ehrlich zu sein: Die meisten bekamen den Sendboten aus dem fernen Europa überhaupt nicht zu Gesicht. Hörten allenfalls seine Stimme aus quäkenden Lautsprechern, die irgendwo an einer Hauswand angebracht waren, an einem Baum hingen. Warum dann die beschwerliche Anreise, über mühselige Wege, übers Meer? Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: Mit ihm am selben Ort zu sein, zur selben Stunde. Das genüge. „Er ist zu uns gekommen und bringt Segen für unser Land.“ Das „Wunder Wojtyla“ – der Messenger of Peace. Ihm schenken sie ihr Vertrauen, ihre Hoffnung. Wem sonst im Reich der siebentausend Inseln. Wo eine Präsidentengattin ihren Wohlstand nach der Anzahl ihrer Schuhe maß, Killerkommandos geschäftliche Widersacher aus dem Weg räumten, Guerilleros aus den Bergen das Land heimsuchten, der muslimische Süden einen Dauerkrieg führt, Manila sich des größten Slums in Südostasien „rühmen“ kann, Superreiche von goldenen Tellern essen, Sextourismus für üble Schlagzeilen sorgte – mit anderen Worten: Die „Revolution mit dem Rosenkranz“ wieder in das alte Fahrwasser geraten ist.

Langsam verabschiedet sich die Sonne hinter den Höhen von Pentling. Wenn er jetzt nicht kommt, dann kommt er überhaupt nicht. Da oben, wo die Hauptstraße an ihrem Scheitelpunkt nach hinten abkippt, eine Linie mit dem Horizont bildet, taucht eine geballte Scheinwerfer-Front auf. Kommt im schnellen Tempo auf die Schlucht mit den Wartenden zu. Inzwischen wurden Seile gespannt, Feuerwehrleute bilden Spalier, auch auf dem Weg zur Wache. Der Konvoi fährt durch. Er hält nicht an. Er fährt weiter. Ein Schatten huscht vorbei. Der Spezial-BMW mit dem langen Radstand und dem sechs Zentimeter dicken Sicherheitsglas. (Das wollten Wolfsburger, die preußischen, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und haben inzwischen dem Papst einen PS-starken fahrbaren Untersatz geschenkt, der den besonderen Ansprüchen des Fahrgastes und den heutigen Sicherheitsbedürfen entspricht.)

Mitarbeiter der Wahrheit

War’s das mit Regensburg? Ein Randgeschehen noch: Ein Bund der Geistesfreiheit proklamiert den Haidplatz zur religionsfreien Zone. Verspricht „Heidenspaß statt Höllenqualen“. Gibt sich der Lächerlichkeit preis. Ernster schon der „Laienkrieg“ rund um den Dom, nach dem der Ortsbischof sein Beratungsgremium auflöste, weil ihm einige Personen quer kamen – oder war es umgekehrt? – und dieses durch ein angenehmeres ersetzte. Wie in alten Zeiten: Wo der Bischof, dort die Kirche. Man nennt das Jurisdiktionsgewalt Oder hat er nur die störrischen Böcke von den Schafen getrennt? Durch lammfromme ersetzt, giftet es zurück. In der Sprache des modernen Managements: Synergie-Verluste. Benedikt als Friedensstifter. Man weiß natürlich nicht, was hinter den Kulissen gesprochen wurde. Vielleicht hat er jedem seine Visitenkarte in die Hand gedrückt, darauf sein Wahlspruch: „Cooperatores Veritatis“ – „Mitarbeiter für die Wahrheit“ zu sein. In der Bibel nachzulesen, im dritten Johannesbrief. Der Verfasser wendet sich an Christen, die ihren Glauben in die Welt hinaustragen sollen. Eine höchst aktuelle Botschaft.

Der Verfasser des Briefes wandte sich jedoch auch an einen herrschsüchtigen Gemeindeleiter, der Christen aus der Gemeinde ausschloss. Wir kennen die damaligen Gründe im Einzelnen nicht, und auch nicht die Interna der Regensburger Affäre. In der frühen Kirche, als der „Älteste“ sich um die Zukunft der zerstreuten Christengemeinden machte, gab es noch keine Kirchenverfassung, wohl aber lebendige Zellen. Nicht wenige vertreten die Auffassung, dass die Zeit gekommen sei, wo nur eine Richtung in die Zukunft der Kirche weise: Der Weg zurück zu den Anfängen.

Regensburg, touristisch-ökonomisch betrachtet, zeigt sich rundum zufrieden. Schon hätten die ersten Fernsehzuschauer angerufen und ihren nächsten Urlaub in der Region gebucht. Ja, und die Bayernpartei überlege schon mal, ob der Bismarck-Platz künftig auf Papst Benedikt umgetauft werden soll. Verzeihlich wär’s ja. Hat sich der Eiserne Kanzler, dieser Preuß’, ohnehin viel zu lange mit den Katholiken angelegt – Kulturkampf und so. Erst zum Schluss hat er seinen Frieden mit dem Papst gemacht, weil er ihn brauchte, als Schiedsrichter zwischen Deutschland und Spanien. Es ging um die Inselgruppe der Karolinen in der fernen Südsee.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 21)


Man vergisst nicht was war (Ein Nachtrag)

Die jüdischen Gemeinden Oberbayerns haben wieder ihren „Dom“, die Hauptsynagoge am St. Jakobsplatz in der Altstadt. Sie trägt den Namen „Ohel Jakob“ – „Zelt Jakobs“. Der Stammvater. Welch ein großer Name in der Geschichte Israels. Das jüdische Bethaus wiederum an einem Platz, der den Namen des einen Jüngers Jesu trägt. Und schließlich: der biblische Patriarch als einer der Propheten, die der Koran nennt. Jakob – in wie vielen Sprachen hören wir seinen Namen, werden die Söhne der Völker nach ihm benannt.

Die Hauptsynagoge in München wird am Gedenktag „9. November“ eingeweiht. Vor 68 Jahren, vom Datum her, und in diesem Jahr auch fast auf den Wochentag genau, fiel die Vorgängerin, die Synagoge an der Herzog-Max-Straße, dem Nazi-Terror zum Opfer. Brandschatzung und Menschenjagd – der „Probelauf“ für den staatlich organisierten Massenmord. Es war mehr als nur ein „schreckliches Wetterleuchten, das den Holocaust ankündigte“, wie ein Kolumnist die Pogrome beschreibt. Nein, es war bereits das erste schwere Unwetter, um im Bild zu bleiben. Blitze schlugen ein, steckten Wohnungen und Synagogen in Brand. Menschen wurden getötet. Goebbelsche Propaganda hetzte und machte sich lustig: „Reichskristallnacht“.

November-Pogrome

Die Organisatoren der Gewaltaktionen im November 1938 hatten schon die Blaupause für Todesfabriken im Kopf. „Dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith – wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng“, schreibt Paul Celan in der „Todesfuge“, denn: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Wer für den Tod vorgesehen war, hatte einen gelben Stern an der Brust zu tragen, den Stern Davids mit der Inschrift „Jude“, dem Schriftbild der hebräischen Bibel nachgemacht – angeheftet dort, wo das Herz schlägt.

Gedenkveranstaltung in einer Stadt am Rhein. Wo immer in Deutschland an diesem 9. November Menschen zum Gedenken an die Opfer der Shoá zusammenfinden – ihre Hilflosigkeit, auch im nachträglichen Versuch einer Erklärung, ist geradezu körperlich zu spüren. Der schluchzende Gesang des Rabbiners reißt das Herz auf. Wie Granitsteine fallen die Namen, die er aufruft, auf den Asphalt, schallen von den Häuserwänden zurück: Auschwitz, Birkenau, Bergen-Belsen, Dachau, Ravensbrück, Majdanek, Treblinka und die vielen, vielen anderen Orte. „El malej Rachamamim“ – „Gott voller Erbarmen, schenke ihnen die Ruhe.“ Selbst in dieser Stunde gibt der Hymnus dem Lobpreis des Ewigen den Vorrang.

Ein Senior der jüdischen Gemeinde spricht das Kaddisch jatom, das Gebet der Trauernden, zur Heiligung des Gottesnamens und im Gedenken an die Verstorbenen. „Erhoben und geheiligt ist sein großer Name. Er belebt die Toten und führt sie empor zu ewigem Leben. Er erbaut die Stadt Jiruschalajim und errichtet seinen Tempel auf ihren Höhen.“

Eine kleine Gruppe von Juden und Christen hat sich an dem Ort versammelt, wo bis zum 9. November 1938 die prächtigste Synagoge der Stadt stand. Mädchen einer Abschlussklasse des Gymnasiums lesen aus Aufsätzen und Tagebuchnotizen, die jüdische Schüler ihres Alters damals geschrieben haben. Solche Texte verlassen den abstrakten Lernstoff des Klassenzimmers. Ein Redner sorgt sich: Wann wird der 9. November nur noch als „Tag der Maueröffnung“ erinnerlich sein?

In München – doch schon eine „Konkurrentin“ zum „jüdischen“ Berlin – ist großes Protokoll aufgeboten. An der Spitze der Bundespräsident. Entsprechender Polizeischutz. Sicherheitsstufe Eins. Aber nicht nur an diesem Tag. Man hat sich schon daran gewöhnt, dass jüdische Einrichtungen in Deutschland nur mit Wachposten und Türschleusen sicher sind, auch außerhalb von Terror-Alarm. Hat man das?

Den Hass überwinden

Welch ein Ereignis in diesem Jahr. Die Nation wie verwandelt. Das Volk, zumindest das Fußballvolk, lag seinem König zu Füßen, huldigte einem „Kaiser“, der sich immerhin zugute halten kann, erreicht zu haben, was sein „Vorgänger“ Wilhelm Zwo, die richtige Majestät, nie und nimmer geschafft hätte: Nämlich, dass die ganze Welt uns plötzlich mochte. Die Schatten der Vergangenheit wie weggewischt. Nun sind die schwarz-rot-goldenen Sympathie-Fahnen wieder eingerollt; die Weltmeister der Herzen gehen wieder ihrer geregelten Wochenendarbeit nach. Das „Sommermärchen“ – nur noch dèjá-vu im Kino. Der Alltag ist zurückgekehrt in die Stadien, mit ihren schönen Seiten, aber auch den hässlichen.

Eine Studie, vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Auftrag gegeben, kommt zu einem deprimierenden Ergebnis: Fan-Gemeinden seien vom Rassismus unterwandert. Auslöser ist wieder mal der „Migrationshintergrund“. Es nimmt kein Ende mit den Neologismen unserer sozialen Wildnis. Betroffen seien vor allem Vereine in den unteren Spielklassen, auffällig häufig ostdeutsche Stadien. – In Mecklenburg-Vorpommern wurde gewählt. Rechtsradikale Panikmache verhalf zu Sitz und Stimme im Landesparlament. Kameradschaften und deren Fronttrupps, „Glatzköpfe“, diesbezügliche Tattoos und „Springerstiefel“ als Erkennungszeichen, argumentieren mit dem Baseball-Schläger.

In einer Sekundarschule in Sachsen-Anhalt zwingen Halbwüchsige einen Mitschüler, ein Schild um den Hals zu tragen. Der Text muss nicht eigens zitiert werden, er ist hinreichend publiziert. Die Vorlage gibt ein Foto aus Cuxhaven, Juli 1933. Judenhass im ersten Nazi-Jahr. Die SA demütigt einen jüdischen Mann und eine nichtjüdische Frau. Die Zielrichtung der Hitler-Ideologie ist klar: Hier der „arische“ Herrenmensch, dort das „minderwertige Blut.“ Wer das missachtet, begeht „Rassenschande“. Näheres bestimmen zwei Jahre später die Nürnberger Gesetze. Für „Volksaufklärung“ sorgt Goebbels Propaganda-Apparat.

Der Verfassungsschutz hat festgestellt: Das Risiko, Opfer einer rassistischen Gewalttat zu werden, sei im Jahr 2005 in Sachsen-Anhalt zwölf Mal höher gewesen als beispielsweise in Hessen. In der Gesellschaft zeige sich eine schleichende Akzeptanz für rechtsextreme Einstellungen. Eine (westdeutsche) Zeitung titelt: „Im Osten der Republik erschüttert der rechte Sumpf immer häufiger die örtliche Idylle.“ Was sagt die Schlagzeile über die Ursachen aus? Das Blatt meint: „Ein diffuses Gefühl benachteiligt zu sein“. Erklärt das die tiefer liegenden Zusammenhänge? Kein Freispruch für die Gesellschaft im „Westen“. Rechtsextremismus ist keine Randerscheinung, sondern ein Problem in der „Mitte der Gesellschaft“. Dies ist die zentrale Aussage einer Studie der Universität Leipzig im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Zahlen: Jeder vierte Deutsche (26,7 Prozent) stimmt ausländerfeindlichen Aussagen zu. 8,6 Prozent der Befragten haben ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“.

Rechtsradikalismus sei kein jüdisches Thema. Gewiss, nicht die Opfer müssen sich verantworten. Das hatten wir vor 68 Jahren. Rechtsradikalismus ist ein Thema aller Bürger des Landes, gleich welcher Herkunft und Weltanschauung. Damit „jüdisches Leben in Deutschland eines Tages wieder eine Selbstverständlichkeit ist, ein Teil des Gesamten, eine Normalität, die nicht eigens betont werden muss“.

Der Bundespräsident spricht bei der Eröffnung der neuen Großen Synagoge in München von einem Traum, der darauf wartet, verwirklicht zu werden. Um „Tacheles“ zu reden: Sechs Jahrzehnte nach Kriegsende ist für Juden in Deutschland auch weiterhin nichts normal und nichts selbstverständlich. Horst Köhler sagt, es schmerze, dass vor drei Jahren, als der Grundstein gelegt wurde, ein Attentat geplant war. Es schmerze, dass am Tag der Einweihung, dem Tag der Erinnerung an die November-Pogrome von 1938, Neo-Nazis auf dem Marienplatz aufmarschieren wollten. Der Marienplatz, war das nicht, vor knapp zwei Monaten, der „Herzmittelpunkt“ des Papstbesuches?

Die Exzesse rechtsextremer Straftäter haben „dramatisch“ zugenommen. Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2006 wurden 8.000 Übergriffe gezählt. Charlotte Knobloch fühlt sich an eine Entwicklung „wie 1933 bei der Machtergreifung Hitlers“ erinnert.

Während der Filmaufnahmen für eine Reportage in Belfast/Nordirland, in den 80er Jahren: Kinder spielen dicht an der unsichtbaren Grenze, die man „Peaceline“ nannte. Trennlinie zwischen Shankill Road und Falls Road, hüben Protestanten, drüben Katholiken. Die Buben werfen Steine auf die gegnerische Seite. Aus dem Hinterhalt. „Warum macht ihr das? Sind doch Kinder, wie ihr? Nein, da sind sie nicht! Was denn dann? Das sind Schweine! Wir werden sie schlagen. Bis sie tot sind.“

Hatten wir das „Schwein“ nicht auch am Regensburger Dom gesehen? „Ich hatte gelernt, dass man sich den Juden nicht nähern durfte, weil sie halouf waren“. (arabisch: Schwein) „Man durfte sie nicht einmal anschauen. Ich weiß nicht, warum mir das eingetrichtert wurde, aber daran war nicht zu rütteln“, schreibt Souad, eine palästinensische Muslima, in ihrer Lebensgeschichte.

Wie diesen Hass überwinden? Ist es sinnvoll, die Religionen zu befragen? Sie seien nicht die Lösung des Problems, sie seien das Problem selbst, behaupten einige mit Schärfe – und Zynismus. Die Antwort laute: Finde zu Gott zurück, sagt Benedikt. Der Atheismus und Antihumanismus unserer Tage zerstöre nur. Welchen Gott meinen die Religionen? Jeweils ihren Gott? Michael Wolffsohn bringt das Miteinander von Juden und Christen auf die Formel „Ein Gott, zwei Wege“. Fügt dann hinzu: „Eigentlich drei“. Er meint auch den Islam.

Neue Bücher sind auf dem Markt: „Bekenntnisse“. Themenwechsel in der „Bewältigung der Vergangenheit.“ Waren nicht auch wir Opfer – die die Toten, die Vertriebenen, die Ausgebombten, die von den Nazis Verfolgten, eingekerkert, hingerichtet; von den Besatzern misshandelt, vergewaltigt, gedemütigt? Ein Literaturnobelpreisträger „beichtet“: Auch ich war begeistert, in meinen Kinder- und Jugendjahren. HJ, Arbeitsdienst. Dann, für kurze Zeit, Waffen-SS, zu kurz, um ein Held zu werden. Elite zu spielen. Warum hat er seine scharfen Einsprüche zu „Bitburg“ nicht mit seiner eigenen „Läuterung“ begründet? Jetzt setzt er sich der Frage nach seiner Glaubwürdigkeit aus, auch dem Urteil der moralischen Wertungsrichter: für das Linsengericht der Prominenz. Nichts wird kompensiert durch hohe Auflage. Zwiebeln häuten. Mir kommen die Tränen.

Der andere, ein Jahr älter, „die Stimme eines Deutschen, der als Erster gewagt hat, der Verdrängung ein Ende zu bereiten“, wie Avi Primor in einer Würdigung sagt. Das war Joachim Fest. Gestern ist er an einer schweren Erkrankung gestorben. Er hat dem poeta laureatus widersprochen: „Ich nicht“, so der Titel seines letzten Buches. Das „Dritte Reich“ sei sein Lebensthema geworden, „der immer wieder unbegreifliche Absturz Deutschlands in die Barbarei“, schreibt Arnulf Baring in der FAZ. Hatte der Professor an anderer Stelle nicht von einer „beklagenswerten Entgleisung“ gesprochen, im Zusammenhang mit der Nazi-Diktatur?

Übertreibt, wer die Gräueltaten an den Juden als einzigartige und unvergleichbare Verbrechen bezeichnet? Das müssen „Missverständnisse“ gewesen sein, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Baring gibt es seinen Kritikern zurück und stellt richtig: Das Dritte Reich war eine Katastrophe, von Anfang an. Aber bitte auch den Blick in vergangene Jahrhunderte richten, was vor der Hitlerzeit passiert ist, und danach. Meinte der Historiker: Um bessere Proportionen zu gewinnen, als immer auf Auschwitz zu blicken? Gewiss doch: Kreuzzüge, Spanische Conquista, selbstverständlich Stalin und Pol Pot und Idi Amin. Alle und alles bekannt? Hitler dauerte zwölf Jahre. Die Blutspur der ermordeten Juden geht tausend Jahre in die deutsche Geschichte zurück. Das macht den Unterschied, kennzeichnet die Proportionen.

Ein guter Bekannter, sagen wir Freund, hat auch den Krieg „mitgemacht.“ Als Flakhelfer schon zu alt, aber brauchbar für den Arbeitsdienst. Kerngesund, stramm – auch in der Auffassung, was ihm „eingetrichtert“ wurde. „Wir alle waren doch von Hitler begeistert. Und wenn schon, denn schon. Dann wollte man zur Elite.“ Was den meisten allerdings versagt blieb. Der „Führer“ brauchte nicht nur Prätorianer unter dem Totenkopf, sondern feldgraue Mannschaften, viele, viele – für draußen, an der Front, im Dreck. Der Krieg war hungrig. Die Kanonen brauchten Futter, da kam es nicht auf Gesinnung an.

Der „gemeine Soldat“ hatte nichts zu sagen. Hermann Göring bestimmte nicht nur, wer Jude ist, sondern auch, wie der Hitler-Soldat zu sein hatte. Fand auf einem Flohmarkt ein entsprechendes Werk des Marschalls des Großdeutschen Reiches. Literatur dieser Art liegt als reichhaltiges Angebot in den Bücherkisten der Verramscher. Einer, der auch „dabei“ war, in der Waffen-SS, sagt es überdeutlich, wovon seiner Meinung nach alle wussten und überzeugt waren: „Die ganze Wehrmacht war nationalsozialistisch.“ Wer anders dachte, sich gegen den Führer und sein Reich stellte, verwirkte sein Leben. Die Republik ehrt „den Widerstand gegen Hitler“ mit Gedenktagen, „ewig Gestrige“, ob alt oder junge, verleumden sie als Verräter. Die Anständigen, die den Wurf gegen den Verbrecher und seine Helfershelfer wagten, hatten ein „anderes“ Deutschland vor Augen.

Mein Bekannter fährt fort: Menschen anderer Hautfarbe und Religion waren einfach die Gegner. Und alles andere? Wenn man uns davon erzählt hätte – wir hätten es einfach nicht geglaubt. So war es ihnen „eingetrichtert“ worden. Die Menschen haben sich verändert. Der Gebrauch des Trichters ist geblieben – wo immer sie Hass und Missgunst säen.

Der Neupfarrplatz, vor der evangelischen Kirche, ist zur alten jüdischen Geschichte Regensburgs zurückgekehrt. Steinblöcke, zu einem Bodenrelief arrangiert, erinnern an die mittelalterliche Synagoge. Das künstlerische Ensemble folgt dem Grundriss des Gotteshauses, das hier einmal stand. Dani Karavan hat die Gedenkstätte entworfen. Er nennt den Ort „Misrach“. Das ist die Gebetsrichtung, nach Osten gewandt, dem Sonnenaufgang entgegen. Der Blick nach Jerusalem. Der Künstler wollte kein Mahnmal schaffen, sondern einen Ort der Begegnung, einen Platz der Kulturen. Ex oriente lux – auch Christen ist diese Himmelsrichtung nicht fremd. Muslime wenden sich nach Mekka. Wir sagen, wir „orientieren“ uns.

Hans Rosengold überreicht dem Papst, zur Erinnerung an die Juden von Regensburg, einen Zinnteller. Er zeigt die mittelalterliche Synagoge. Bei der Zerstörung des jüdischen Viertels im Jahr 1519 ging sie in Flammen auf. Hans Rosengold: „Man vergisst nicht, was war.“

Gedenkstätten erinnern an das, was war. Sind authentische Zeugen, Siegel einer Geschichte, die in einen Abgrund gestürzt ist, alles mit sich reißend, unter sich begrabend. Menschen und Sachen verbrannt. Objekte programmierter Vernichtung.

Was war, bis es dahin kam? Die Wohnungen und das Straßenleben, die Ladengeschäfte und die Lokalitäten, die Theater und die Synagogen – das war zu Hause. Mehr noch: Das war Heimat, nicht isoliert, sondern als Teil des Ganzen der Zivilgesellschaft. War aus dem Exil herausgewachsen, ungeachtet der Zeitenwechsel in den tausend Jahren des Judentums in Deutschland. Jüdische Deutsche. Das Galut – das Exil, konservierte sich in der geistlichen Übung. Eher wohl eine existentielle Erfahrung der Frommen. Die „Sehnsucht“ nach Jerusalem. – Bis Deutschland wieder fremd wurde, zur Fremde, in der man nicht mehr zu Hause sein durfte. Kein „sicherer Hafen“ mehr. Viele mochten es nicht wahrhaben, blieben bis zum Abtransport, bis zur Deportation – nomen est omen.

Wer die Verfolgung überlebt hat und nach der Austreibung zurückgekehrt ist, hat eine andere Farbe jüdischer Identität mitgebracht. Aus der Emigration in Übersee. Ebenso die Zugewanderten aus dem „Osten“, die jetzt in vielen Gemeinden die Mehrheit bilden. Englisches und Spanisches Idiom hat sich eingewoben, Lebensart aus den baltischen Ländern, aus der Ukraine, Rumänien und Ungarn. Jiddisch, kostbares Erbe aus den Jahren in Polen und im polnischen Galizien.

Künstler rufen die Kultur des Stedtl in Erinnerung, Musiker begeistern ihre Zuhörer: „Wenn der Chassid singt, die Klezmer-Klarinette spielt.“ Müssen sich fragen lassen, ob „Jüdisches“ als Folklore unter die Leute gebracht wird. Wie andernorts der Shanty-Chor oder die Kastelruther Spatzen. Die Grundfarbe verblasse. Jüdisches Leben verlaufe in anderen Bahnen.

Wer sprach Jiddisch in den Städten am Main und Rhein und an der Donau? Hessisch, Pfälzisch, Bayerisch das Idiom – selbstverständlich. Die Zugewanderten, die Flüchtlinge aus Litauen und Galizien, lebten auf ihren eigenen kleinen Inseln. Hatten es schwerer, sich zu akkulturieren. Gewiss, auch die „Assimilierten“ erinnerten sich wehmütig und zugleich mit Stolz ihrer Wurzeln. Der Schabbath und die Jahresfeste gehörten der Synagoge, die Wochentage der Familie. Was hätte das jüdische bürgerliche Leben, das durchzogen war von feinen religiösen Fäden, von dem der christlichen Nachbarn unterscheiden sollen, so dass es unverträglich gewesen wäre?

Heimat

„Zu Hause“ und „Heimat“ sei nicht dasselbe, sagt ein junger Jude. Weil das eine bietet, was das andere vorenthält? Geborgenheit in der Familie, in der Nähe der Freunde, in der Wärme der Synagoge, das wäre „zu Hause“. Der private Lebenskreis erweitert sich zur Heimat, wenn diese nicht mehr „draußen“ ist, unwirtliches Ausland. Wie verräterisch der Sprachgebrauch, wenn zwischen Deutschen und Juden unterschieden wird. Meist gedankenlos. „Sind Sie Jude?“ fragt die Jüdin im Spielfilm den jungen Fotografen in Auschwitz. „Nein“, antwortet er: „Ich bin Deutscher.“ Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Absicht oder Lapsus des Drehbuchautors?

Wir essen beim „Lieblings-Italiener“, trinken Wein beim „Griechen“, kaufen das Gemüse beim „Türken“, besuchen einen „jüdischen Liederabend“. Selbstverständlich sind wir längst Einwanderungsland. Christen hätten eine gesellschaftliche Vorbildfunktion, meinte in anderem Zusammenhang einmal die große evangelische Theologin Dorothee Sölle. Die frühchristliche Tradition vor Augen sagte sie:

„In der Urgemeinde haben Frauen den städtischen Verwaltungen gegenüber Garantien für die Gäste übernommen. Sie haben mit ihnen gewirtschaftet und gelebt. Sie haben gemeinsam gebetet, gegessen und sich in allen Fragen des Alltags beraten und unterstützt. Den Arbeitslosen haben sie Arbeit beschafft, den Obdachlosen Obdach. Die Häuser der Christen waren offen. In diesem Fremdling konnte sich Christus verstecken. Sollte man ihn herauswerfen oder nicht einlassen?

Wenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist der Traum von den offenen Türen gerade für die Fremden, die anders sprechen, anders essen, anders riechen. Mein Haus wünsche ich mir nicht als eine für andere unbetretbare Festung, sondern als ein Haus mit vielen Türen. Heimat, die wir nur für uns selber besitzen, macht eng und muffig. Jeder Gast bringt etwas mit ins Haus, das wir selber nicht haben. Heimat und Exil gehören zusammen. Weil wir ganz zu Hause auch im schönsten Haus nicht sind.“

Von der Vision zurück in die Realität: Die „Furcht“ vor allem „Fremden“, Xenophobie, steigert sich zur physischen Umsetzung der Gewalt gegen alles, was für fremd und undeutsch erklärt wird. Der „fremde“ Mensch wird zum Feind erklärt. Xenos, der Fremdling, klopfte an die Tür. Und er wurde empfangen wie ein Gast. Das ist heute rund ums Mittelmeer so geblieben. Sprichwörtlich. Wo lernt man von den „alten Griechen“?

Die Nachkriegszeit brachte eine Wende in den „jüdischen“ Alltag. Nachfahren alteingesessener Familien tun sich mit den Zugereisten schwerer als mit dem bodenständigen Umfeld. Junge Juden unterscheiden sich nicht von jungen Christen. Vielleicht etwas stärker von Herkunft und religiöser Tradition „infiziert.“ Das hat seine Gründe. Sie kamen zu uns, ob unmittelbar nach dem Neubeginn Deutschlands oder in späteren Jahren, weil sie ein „freies Land“ suchten. Andere haben sich für Deutschland entschieden, um zu lernen, zu lehren, sich eine Lebensgrundlage zu schaffen. Sind sesshaft geworden. „Wir Juden sind wieder Teil dieses Landes, unseres Landes“, sagt Charlotte Knobloch bei der Einweihung der neuen Synagoge in der Münchener Altstadt.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 20)


Ein Schuldbekenntnis

Wo stehen Christen und Juden heute? Die Päpste der Nachkriegszeit, in gewisser Weise auch Pius XII., haben Zeichen gesetzt. Vor allem Johannes Paul II., der Mann aus Wadowice, der im jüdischen Umfeld aufwuchs, die Juden im Krakauer Ghetto nicht verleugnete, als erster Papst eine Synagoge besuchte, an der Todeswand in Auschwitz der Ermordeten gedachte, in Yad Vashem und an der Westmauer, der „Klagemauer“ zu Jerusalem. In seinem Auftrag veröffentlichte die vatikanische Kommission für religiöse Beziehungen zu den Juden im März 1998 das Dokument: „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoá.“ In seinem Begleitbrief an Kardinal Cassidy hatte Johannes Paul II. die „innige Hoffnung“ ausgesprochen, dass diese Erklärung „wirklich dazu beiträgt, die von Missverständnissen und Ungerechtigkeiten in der Vergangenheit herrührenden Wunden heilen.“ Er hatte hinzugefügt: „Möge es dabei helfen, dass die Erinnerung ihren unerlässlichen Teil zum Aufbau einer Zukunft beiträgt, in der die unsagbare Schandtat der Shoá niemals mehr möglich sein wird.“

Das geschah zur Vorbereitung auf das „Jubeljahr“ 2000, das, wie der Papst erklärte, auf Vergebung der Sünden und Versöhnung mit Gott und mit dem Nächsten gründe. Welche gewaltige Herausforderung. Die Kirche ermutige ihre Söhne und Töchter, ihre Herzen zu läutern, indem sie die in der Vergangenheit gemachten Fehler und ihre Untreue gegenüber dem Glauben bereuen. „In einer historisch einmaligen Geste“ bekannten der Papst und einige ausgewählte Kurienkardinäle namens der Glaubensgemeinschaft, dass Christen sich in der 2000jährigen Kirchengeschicht an anderen schwer versündigt haben.

Am „Tag der Vergebung“, Sonntag, den 12. März im Heiligen Jahr 2000, übernahm der australische Kurienkardinal Edward Idris Cassidy, im Vatikan zuständig für die Beziehungen zum Judentum, folgende Fürbitte: „Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Seligpreisungen begangen haben und so ihr Herz reinigen.“ (Der Botschafter Israels hörte zu.) Auch Kardinal Joseph Ratzinger trat nach vorne. Als Chef jener Kirchenbehörde, deren Vorgängerin über Jahrhunderte als universale heilige Inquisition mehr Angst und Schrecken als Hoffnung und Zuversicht verbreitet hatte. Der deutsche Kurienkardinal bekannte, dass „Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen.“

Wie immer in solchen Fällen: Es blieben die Stimmen nicht aus, die sich an dieser und jener Formulierung stießen. Zu spitzfindig, zu wenig mutig. Was heißt „nicht wenige“? Wie lässt sich das quantitativ benennen? Haben nur „Söhne und Töchter“ der Kirche gesündigt, nicht die Kirche selbst? Die Kirche, von Jesus eingestiftet, könne nicht fehlen. Nur der Einzelne. Ob theologische Differenzierung oder kuriale Rabulistik – deutsche Katholiken gingen weiter, in klarer Erkenntnis, was auf dem Spiel stand. Sahen die Kirche in ihrem Ganzen – von der Spitze bis zur Basis oder umgekehrt – in Mitschuld und Verantwortung. Worauf es letztlich ankommt, bündelte Johannes Paul II. in seinen Appell am Ende des Bußgottesdienstes: „Nie wieder!“

Otto Schwerdt, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Regensburg, schenkt mir sein Erinnerungsbuch: „Geschichte eines Überlebenden von Auschwitz-Birkenau“. Der Titel brennt in der Hand: „Als Gott und die Welt schliefen“. Ich sehe mich mit Roberta, Sara und Don Simone vor den Resten der Verbrennungsöfen im KZ bei Dachau. Wir schämen uns unserer Tränen nicht. „O Gott, so ich Dich Vater nennen darf, hilf mir, Dich zu erkennen, mit Herz und Verstand.“ Otto Schwerdt schreibt eine Widmung auf das Vorsatzblatt seines Buches: „Die Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Toten.“

Don Simone hat eine Meditation geschrieben. Zu „Dachau“. Zu der Frage, die Menschen umtreibt. Warum hat Gott das zugelassen? Warum lässt Gott das zu? Wir kommen von dieser Frage nicht los. Die Gottesgelehrten sprechen von Theodizee. Die einschlägigen Lexika, die man schnell zur Hand hat, erklären, was der Begriff meint, nicht aber, ob er zutrifft. Die Antwort findet der glaubende Mensch im Vertrauen auf Gott, in der (wie Benedikt sagt) „Vernünftigkeit Gottes“. Nur ein Glaubender kann sagen: Gott war bei den Menschen in den Haftzellen, Folterkellern und Gaskammern, gab ihrem Tod einen menschlichem Denken nicht fassbaren Sinn. „Sonst wäre meine Mutter ‚umsonst‘ gestorben“, sagte ein Rabbiner.

Theodizee ist

a) „Rechtfertigung Gottes gegenüber den Einwänden, die aus der Tatsache des physischen und moralischen Übels in der Welt gegen seine Weisheit , Liebe und Gerechtigkeit erhoben werden können“. (Bertelsmann Volkslexikon, Gütersloh, Ausgabe 1959)

b) speziell die Frage, wie mit der Gottesauffassung gewisse Dinge, gewöhnlich Unglücksfälle und Übel, zu vereinen seien, d.h. also nach der Zulassung des Bösen. (Wörterbuch der Religionen, Alfred Kröner Verlag Stuttgart. 1952)

c) Anschauung, die den Glauben an die göttliche Gerechtigkeit mit dem weltlichen Übel in Einklang bringen will. (Kleines Fremdwörterbuch, VEB Verlag Enzyklopädie, Leipzig. 1973)

d) Die Theologen Karl Rahner und Herbert Vorgrimler gehen mit ihrem Versuch einer Gott bejahenden Antwort am weitesten. Theodizee bedeute ursprünglich den (wenigstens negativen) Nachweis durch die gläubige oder philosophische Vernunft, dass das Übel in der Welt (Leid, Unglück, Tod, Schuld) im biologischen und menschlichen Bereich (Böses) die natürliche, philosophische oder gläubige Überzeugung der Existenz eines heiligen, unendlich vollkommenen und guten Gottes nicht aufhebt. (Kleines Theologisches Wörterbuch, Herder-Bücherei, Freiburg. 1965)

Hier nun Don Simones Meditation, aus dem Italienischen übersetzt:

Warum? Im Angesicht unschuldigen Schmerzes kommt spontan diese Frage auf, und es scheint, als lasse sich keine akzeptable und plausible Antwort finden. Vor allem, wenn dieser Schmerz nicht vom Zufall herrührt, sondern von der teuflischen Grausamkeit des Menschen!

In der Geschichte, ob gestern oder heute, werden wir immer wieder vor diese Frage gestellt: Es genügt nicht, den Blick nur auf das zu richten, was um uns herum geschieht. Wir müssen das ganze Weltgeschehen vor Augen haben, besonders die weniger bekannten und prägnanten Orte, die für unsere reiche westliche Welt von Interesse sind.

Diese Frage war der Leitfaden einer außergewöhnlichen „Pilgerreise“: „Pilger“ in Dachau! Ja, es ist notwendig, „Pilger zu werden“, um unserer Frage einen Sinn zu geben und zu versuchen, eine Antwort auf das „Warum?“ zu finden! Der gewöhnliche Besucher kommt aus Neugier, oft auch nur, um „auf dem Laufenden zu sein“. Der „Pilger“ hat ein Ziel, er geht den Weg des Nachdenkens, den Weg der Umkehr. Dies war der Sinn, nach „Dachau“ zu gehen.

Die Stille, nur unterbrochen durch die Schritte auf den Kieseln, die immense Weite des Lagers. Am Ende dieser „Wallfahrt“, die bis ins Dunkel diese „Stille Gottes“ mit einbezieht, und die viele immer noch so ausdrücken, als wollte Gott jede Verantwortung von sich wälzen, wird ein „Wort“ bedeutsam. Es verweist auf einen „Unschuldigen“, der an sich selbst die „Abwesenheit“ Gottes erfahren hat: „Eloì, eloì, lemà sabachtanì…”!

Die einzige Antwort, der menschlichen Vernunft unverständlich, ist die Miteinbeziehung Gottes in das Leid all derer, die der Grausamkeit der Menschen ausgeliefert worden sind, treffend ausgedrückt in dem „Ecce homo – Seht, welch’ ein Mensch!“. Es ist dieses Antlitz, das sich in dem Bild von Millionen von gequälten und geschundenen Menschen darstellt, gestern, heute und solange die Logik des „homo homini lupus“ gilt. Es ist das Kreuz, das die vielsagende Erklärung gibt auf das gequälte „Warum?“. Die Präsenz des Karmel ist die Antwort, der Weg der Versöhnung, zu dem dieser Gott aufgerufen hat, der auf Golgatha starb: „Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Das Dachau damals und die vielen in der Welt „konstruierten“ Dachaus sind die „Golgathas“, bei denen man „bleiben“ muss wie Maria, einige Frauen und Johannes. Nicht verzagen wegen der Bedeutungslosigkeit der Vielzahl, sondern wissen, wie man die Qualität der Innerlichkeit ausdrücken kann: „Karmel“ sein an all den Orten des Leidens, des Schmerzens, der „Verunstaltung“ des Menschen; an der freien Seite des Kreuzes hinaufsteigen, um mit dem gekreuzigten Jesus, der sich uns in den Kreuzen unserer Zeit darstellt, zu teilen. Um gemeinsam das Ostern der Wiederauferstehung zu erwarten.

Gemeinde heute

Christen und Juden haben in Regensburg wieder eine Nachbarschaft. Vom Brixener Hof, dem Regensburger Quartier, einer der sieben mittelalterlichen Residenzen auswärtiger Bischöfe, biegt man ein in die Luzengasse. Im Eckhaus wohnt der Apostolische Protonotar und Domkapellmeister im Ruhestand Georg Ratzinger. Die Jüdische Gemeinde wenige Schritte entfernt, auf der anderen Straßenseite. Am „Papsttag“ ist das gesamte Karree abgesichert wie Fort Knox. Man wird wohl erst für den nächsten Tag einen Termin mit Hans Rosengold, dem Gemeindevorstand, vereinbaren können.

Zweimal habe der Papst einen Moment am Tor des Gemeindehauses verweilt. Der Terminplan erlaubte – man zeigt Verständnis – keinen längeren Besuch. Benedikt: „Wie schön, dass mein Bruder eine so gute Nachbarschaft hat. Möge daraus eine noch tiefere menschliche Beziehung werden“. Hans Rosengold: „Bleiben Sie gesund, damit Sie Ihr schwieriges Amt lange ausüben können.“

Ein Fotoalbum – von der Gemeinde ins Internet gestellt – mit Bildern aus den dreißiger Jahren, bevor auch in Regensburg die Synagoge brannte. Familienfotos, wie man sie bei solchen Gelegenheiten knipst: „Tagesausflug ins Laabertal“. Juli 1937. Man hat sich’s zum Picknick auf einer Wiese gemütlich gemacht. Martha Mandelbaum (45) und ihr Lebensgefährte Ernst Meyer (43), die Lehmanns, Julius (47) und Susi (36) mit den Kindern Walter (11) und Nora (8), und eben Hans Rosengold, damals 14, mit seiner Mutter Therese (41). Die Herren, „standesgemäß“ bayerisch, tragen kurze Lederhosen, helle wollene Wadenstrümpfe, weißes offenes Hemd.

Alle konnten sich retten. Geflohen sind wir, sagt Hans Rosengold, deutlicher gesagt: Wir wurden vertrieben. Wieder Exil. Diesmal Amerika. Die Rosengolds gingen nach Argentinien. Der leibliche Vater von Hans aber dachte, er würde die Nazis in Deutschland überstehen. Am 2. April 1942 wurde er zusammen mit den anderen der Gruppe der 106 Regensburger Juden deportiert. „Umschlagplatz“ Piaski, dann Vernichtungslager Belzec. Das Geschäft des Stiefvaters wurde „arisiert.“ Was hätten wir damals tun, was verhindern können, um die Zurückgebliebenen zu retten? „Hansi, zieh dich an. Wir gehen weg“, hatte die Mutter gesagt. Aber der Gedanke bohrt sich ihm in den Kopf. Schuldgefühle der Überlebenden. Auch unter der nachgeborenen Generation des „Tätervolkes“ wühlen Selbstzweifel. Was hätte ich damals getan? Was tun können?

Papst Benedikt hatte Anfang des Jahres den Oberrabbiner von Rom empfangen. „Das Volk Israel wurde zu verschiedenen Zeiten aus den Händen seiner Feinde befreit. Und in den Jahrhunderten des Antisemitismus während der tragischen Momente der Shoá hat die Hand des Allmächtigen dieses Volk erhalten und geleitet. Die besondere Zuwendung des Gottes des Bundes hat Israel alle Zeit begleitet und ihm die Stärke gegeben, um Prüfungen zu überstehen.“ Man kann nicht sagen, dass dieser Teil der christlich-jüdischen Beziehungen vernachlässigt würde. Benedikt: Die jüdische Gemeinde, seit mehr als zweitausend Jahren in Rom existierend, könne Zeugnis ablegen von dieser liebenden göttlichen Zuneigung.

Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und auch der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, hätte den Papst gern im eigenen Haus empfangen. Sie wäre mit ihm zum St. Jakobsplatz gefahren, wo in Kürze die neue Hauptsynagoge eingeweiht wird. Imposantes architektonisches Wahrzeichen des künftigen Jüdischen Zentrums in der Bayern-Hauptstadt. Erinnerung und Mahnung zugleich. „Es gibt auch in München keine Geschichte der Juden ohne „Vergangenheit“, wie die Süddeutsche bemerkt. Zu guter Letzt gab es für die Vorsitzende dann doch noch eine Begegnung, „freundlich“ sei sie verlaufen und auch „bewegend“.

In der Neuen Synagoge in Dresden wurden drei Rabbiner ordiniert. Die ersten Beauftragungen in Deutschland nach der Verfolgungszeit. Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs der Universität Potsdam. Das Vorgänger-Institut, die Hochschule für Wissenschaft des Judentums, war 1942 geschlossen worden, im Jahr der Wannsee-Konferenz. Die jüdischen Geistlichen werden nach München, Oldenburg und Kapstadt gehen. „Ein Tag des Sieges“, sagt der Landesrabbiner bei der Einführungsfeier.

Die meisten Mitglieder der Regensburger Gemeinde – etwa 80 Prozent, so die Auskunft – kommen aus dem „Osten“, vor allem Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Ein Bild, wie man es heute in vielen deutschen Synagogen antrifft. Die „Neuen“ sind doppelt herausgefordert. Müssen sich gesellschaftlich integrieren. Texte, Gebete, Lesungen, Lieder werden zum Teil mehrsprachig angeboten: aschkenasisch, sephardisch und in kyrillischen Buchstaben. Man muss sich aneinander gewöhnen, die „Russen“ und diejenigen, die ihre Wurzeln seit Generationen am Ort haben. Ein Prozess mit Reibflächen.

Überraschung für die päpstliche Entourage am letzten Tag in Regensburg. Die jüdische Gemeinde hat zum Mittagessen in den Gemeindesaal der Synagoge eingeladen. (Benedikt hat „frei“; der Tag ist allein für ihn und seinen Bruder reserviert.) Es war eine „charmante Begegnung, unbeschwert“, wird Hans Rosengold, der Grandseigneur, hinterher resümieren.

Zu Tisch gab es – selbstverständlich koscher und doch nicht fremd für die „christlichen“ Gaumen – Gemüsesuppe, Rinderbraten mit Petersilien-Kartoffeln, Salat, zum Dessert Ananas mit Kirschen und auch Zwetschgen-Kuchen, Obst und Kaffee. Wein aus Israel. Hans Rosengold, der gelernte Koch, greift persönlich nach Topf und Pfanne. Der Reisemarschall, der Leibarzt und der Privatsekretär Seiner Heiligkeit hätten es sich munden lassen. Monsignore Gänswein habe seine Gastgeber spontan aufgefordert: „Kommen Sie, essen Sie mit uns.“ Beim Lunch geht es schließlich nicht um theologische Grundsatzfragen, sondern um Gastfreundschaft, ganz normal, wie unter zivilisierten Menschen normal. Aber wie sagte Hans Rosengold in anderem Zusammenhang: „Was ist schon normal.“

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 19)


Tausend Jahre und ein Tag

Regensburg – die jüdische Perle im Mittelalter, Zentrum der Gelehrsamkeit. Rabbi Menachim ben Mekhir, der Dichter der Liturgie; Rabbi Rabbi Efraim ben Isaak, genannt der Große, Rabbi Petachjeh ben Jakob ha-Laban, der Weltreisende, Rabbi Jehuda ben Samuel he-Chasid, der „Fromme“. Sie galten als „Leuchten des Exils“. Aus Mainz, Worms und Speyer kam man, um an der Regensburger Talmudschule zu studieren.

Im Vorraum der Regensburger Synagoge ein alter Stich: Das Bethaus von 1225. Die Vorgängerin stammt aus dem Jahr 1050. Tausend Jahre Juden in Regensburg. Eine der ältesten Gemeinden in Deutschland. Die Juden kamen im Gefolge der Römer. Ein Dokument vom 2. April 981, den Kauf des Wohnrechts für den Juden Samuel beurkundend, belegt die frühen Anfänge. Jüdische Kaufleute aus Regensburg handeln mit Russland und Ungarn.

Aus Regensburg lassen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Anhänger des Zionismus vernehmen. Eine Heimstatt in Jerusalem ist jetzt das leidenschaftliche Ziel, Befreiung von der Last der Diaspora, dem Galut in seinen guten wie den schlechten Tagen, bis zu den Leiden unter der zaristischen Despotie.

Auch Regensburg kennt „Höhepunkte“ bei der Verfolgung der Juden aus religiösen und/oder materiellen Gründen. Im Jahr des ersten Kreuzzuges – 1096 – wird die Regensburger Gemeinde in der Donau geschlossen zwangsweise getauft. Als Christen würden sie wohl den Herrn Jesus als Messias erkennen und vor dem ewigen Feuer gerettet werden. (In Mainz verzichteten die Juden auf diese Art Erlösung durch den Bischof und gingen, Gott preisend, in den Tod.) 1097, also ein Jahr später, durften die Regensburger Juden dank einem von Kaiser Heinrich IV. erteilten Privileg zu ihrem Glauben zurückkehren. (Innerlich haben sie ihn wohl

nie aufgegeben.) Ging es der Majestät von Gottes Gnaden gut, konnten sich auch die Juden des Lebens freuen, war es umgekehrt, hatten sie nichts zu lachen.

Pogrome

Der 21. Februar 1519 wird unauslöschlich in den Annalen der Stadt eingetragen bleiben, wie der Rat die Austreibung der Juden beschloss und exekutierte. Reichsstadt und Bischof waren sich einig. Die Israelitische Gemeinde wird aufgelöst, die Juden haben innerhalb von zehn Tagen zu verschwinden. Was störten der Kaiser und das Reichsgericht, was nützten den Betroffenen verbriefte Rechte. Schon in der Nacht zuvor hatte Unruhe das Getto erfasst. Wer konnte in diesen Stunden Schlaf finden, als die Angst durch die Gassen schlich, sich Eingang verschaffte in die Wohnungen. Geschrei vor dem Haus war zu vernehmen. Ein schwerer Schlag gegen eine Tür, das helle Klirren, wenn Glas zerbricht. Weinen von Gegenüber. Wachen waren an den Toren aufgezogen, wie sich flüsternd von Mund zu Mund verbreitete. Hatten blank gezogen. Was, wenn der Mob die Gassen erobert? Die gelegentliche Ausbrüche des Volkszorns, der schnell zur Hand war, wenn Hagelschlag die Ernte vernichtete, Pest durch die Stadt zog, waren nur zu bekannt. Die Schuldigen der Misere waren schnell ermittelt, Urteil und Strafe verlangten kein Federlesen. So war es immer in der Geschichte. Übermorgen würde man wieder „zum Juden“ gehen, ihm das Vieh zum Verkauf anvertrauen. Er wäre wohl auch flüssig für ein dringlich benötigtes Darlehen. Mancher fühlte sich richtig gut, wenn wieder einmal Lärm ausbrach. Den Juden der Weg zum Stadttor gewiesen wurde. Schneller wurde man seine Schulden nicht los. So ging es bisher, stets zum eigenen Vorteil.

Der 21. Februar 1519 aber war anders, diesmal war es anders. Als der Sturm des Pogroms sich gelegt hatte, gab es kein jüdisches Viertel mehr. Man hat sie über die Steinerne Brücke getrieben. Kranke und Wöchnerinnen seien auf ein Floß gesetzt worden, lief das Gerücht. Die Fähre sei zerbrochen, gesunken. Niemand habe überlebt. Das Bethaus und die Wohnhäuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, der Friedhof geschändet. In den Jahren danach fand man Grabsteine, in die Außenmauern von „christlichen“ Bürgerhäusern und in Klostermauern eingesetzt, als Siegestrophäen. Auf den Grundmauern der Synagoge bauten Zimmerleute die Wallfahrtskirche zur Schönen Maria. Dann folgte eine Steinkirche, später die evangelische Neupfarrkirche. Ohne „Judensau“ an der Wand. Die gab es schriftlich, von dem Herrn aus Wittenberg. Mit dem Immerwährenden Reichstag trauten sich Juden nach Regensburg zurück, als „nichtstädtische Bürger“ dem Nationalrat direkt unterstellt. Ab 1813 durften sie sich als „bayerische Bürger“ betrachten, bescheinigt durch ein von dero Allerhöchste Gnaden unterzeichnetes Judenedikt.

Eine Stadt in Moldawien wird zur Metapher für die Despotie das Zarismus und das, was im 19. Jahrhundert auf die Juden zukam. Für die meisten kein Entrinnen: Kischinew, am äußersten Rand des Zarenreichs, in Bessarabien. Die „Ochrana“, die Geheimpolizei, war allüberall. Politisch Unbequeme – ab nach Kischinjow, Puschkins „dunkle Stadt“. Allerlei Gesindel in den Straßen. Armut schaut aus den Fenstern. Die Stadt – damals eine Stadt zum Ausspeien. Die Christen feiern Osten. Am 6./7. April 1903 (nach dem Julianischen Kalender). Man braucht Sündenböcke. Hass bricht aus. Auf Russisch: Pogrom. Der Name ist Programm. Nach ausländischen Protesten verteidigt St. Petersburg das dreitägige Blutbad als Antwort auf sozialistischen Aufruhr gegen den Zaren. Juden-Bolschewisten, eine Gleichung, die sich fortsetzen wird. Auch in manchen kirchlichen Kreisen.

Börries Freiherr von Münchhausen, der Balladendichter aus Göttingen, ist erschüttert. Als in Deutschland die Hitlerleute die Themen vorgeben, mag er den „jüdischen Geist“ nicht mehr, „obwohl ich kein Antisemit“ bin. Beim Herankommen der Amerikaner nimmt er sich das Leben. 1904 aber schreibt er „Die Hesped-Klage“. Der adelige Dichter war damals 30:

Kischinew. Der Tag schrie heiser: Töte!
Schamrot war das Rot der Abendröte.
Bis es vor Entsetzen ist erblichen,
Weil so viele Namen ausgestrichen.

Kopf an Kopf im Tempel glühen die Lichter
Und bescheinen blasse Angesichter,
Hesped wird gesagt, und alle Toten
werden laut bei Namen aufgeboten.
Alle Namen, ausgelöscht am Tage
Nennt noch einmal das Gebet der Klage:

„Rabbi Simon! Judassohn! Löb Schmeien!“
Lange, lange, lange Namenreihen.
„Saul Rachmowski! Samuel Abraham!“
Viele Blätter von Jehudas Stamm!

„Baruch Mose! Sarah und Ruth Trüber!“
Geisterhaft die Namen ziehn vorüber,
Vatersnamen, Brüder-, Schwester-Namen.
Schweigend hörens, die zur Feier kamen.

Nur als alle Namen ausgesprochen,
Ist ein lautes Schluchzen ausgebrochen.
Als es hieß: „Und in der Mutter Schoß
Ein klein Kindlein, das noch namenlos.“

Regensburg wurde nationalsozialistisch. Hielt zum Führer und seinem Programm, das die Juden betraf. Noch vor dem reichsweiten Boykott vom 1. April 1933. Ein Maschinengewehr vor dem Kaufhaus „Merkur“ gab jedem deutlich zu verstehen, was es heißt, weiter „beim Juden“ zu kaufen. Auch am 9./10. November 1938 keine Ausnahme. Die Pogrome übertreffen sogar die Übergriffe an anderen Orten. SS, SA und das Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps: Angetreten zur Hatz auf die Juden. Die Synagoge wird angesteckt, die Geschäfte zerschlagen und geplündert, die jüdischen Mitbürger aus den Wohnungen gezerrt, ab fünf Uhr am Morgen. Geschlagen, getreten und dann zusammengetrieben, zum „Schandmarsch“ durch die Stadt, „ab elf Uhr durch die Maximilianstrasse.“ Damit es jeder sehen konnte. Die bereit waren, mit Steinen und wörtlichem Unflat zu werfen, auszuspucken und zu schlagen, waren zur Stelle. Es wurde verhaftet. Dann Abtransport nach Dachau. (Die Bilder vom Vandalismus der braunen Schlägertrupps in der Ludwigstraße, die Busse, die bereitstehen, für die Fahrt ins KZ. Heute jedermann zugänglich, per Klick, im Internet – auf der Webseite der jüdischen Gemeinde.)

Nach der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 wird auch in Regensburg „nicht lange gefackelt“, wie Nazipropaganda den Volksgenossen eintrichtert. Die „Endlösung der Judenfrage“ läuft an. Am 2. April, 7 Uhr, Beginn der Deportation. 106 Juden, „vom Kleinkind bis zum Mann im Rentner-Alter“. Die Fahrtziele waren dem Personal der Züge bekannt: das Durchgangslager Piaski bei Lublin. Endstation Belzec und Auschwitz. Die Gestapostelle in Würzburg meldet dem SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann den Vollzug der „Wohnsitzverlegung“ der letzten Regensburger Juden, unter ihnen die Bewohner des jüdischen Altenheims. Neue Anschrift: Theresienstadt.

Saul Friedländer hat soeben den zweiten Band seiner Geschichte des Holocaust veröffentlicht: „Die Jahre der Vernichtung“. Er schreibt: „Dass die Nazis ihre Vernichtungsprogramm durchsetzen konnten, hing stark von der Bereitschaft zur Kollaboration, von örtlicher Unterstützung und von der Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an den Untaten und deren schlichte Hinnahme ab.“ Ob Hitler letztlich seinen religiös besetzten Wahn austobte, von obskuren Rassenlehren sich leiten ließ, seinen persönlichen Kreuzzug der Erlösung der Welt durch Beseitigung der Juden führte, wie in „Mein Kampf“ angekündigt, interessierte die Gasse wenig. „Arbeitslosigkeit, Schmach von Versailles, Internationales Finanzjudentum“ reichten als „Schlagworte“ aus. „Auch vor Kindern macht der Pöbel nicht halt“, heißt es in einem Bericht über den Regensburger „Schandmarsch.“

Hat Pius XII. geschwiegen, hat er zu „diplomatisch“ gesprochen, um die Nazis nicht noch mehr gegen die Katholiken aufzubringen? Um „Schlimmeres“ zu verhüten – ad maiora mala vitanda? Angst vor einer katholischen Kirchenspaltung in Reichsdeutschland. Die Braunen weniger gefährlich als die Roten. Die Auseinandersetzung füllt Bibliotheken, nährt bis heute die heißesten Diskussionen. Die Grenze zwischen Wahrheit und Wirklichkeit verläuft auf schmalem Grad. Vorgänger Pius XI. hat nicht geschwiegen, auch Pacelli, sein Staatssekretär nicht. Eingaben, Predigten, die Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Wer verstehen wollte, konnte verstehen. Soeben hat das Päpstliche Geheimarchiv sämtliche Akten aus dem Pontifikat von Pius XI. freigegeben. Nicht nur die Deutschland betreffenden Materialien.

Wie hat man im Apostolischen Palast auf die brennenden Synagogen reagiert? Das Schweigen der deutschen Bischöfe ist bekannt. Spiegel online stellt fest: „Über das Pogrom vom 9. und 10. November 1938 gibt es keine Notiz.“ Frage: „War die so genannte Reichskristallnacht ihnen nicht der Rede wert, oder war der Papst nur krank?“ (Gemeint ist Pius XI., der ein Jahr vor seinem Tod eine Enzyklika gegen den Rassismus in Auftrag gab. Sie wurde nie fertig.) Und wenn es eine solche Notiz geben sollte? Irgendwo dazwischen gerutscht, in einem anderen Ordner? Würde ein merkwürdiges Licht auf die sonst so penible Buchführung der Kirchenzentrale werfen. Hat Pacelli in der Nachfolge Pius XI. diesbezügliche Notizen hinterlassen? Ausgiebige vatikan-interne Sichtungen finden seit Jahrzehnten statt. Intensiver wohl noch im Zusammenhang mit der Einleitung des Verfahrens zur Seligsprechung des Papa angelicus.

Pius XII. hat in der Vergangenheit von jüdischer Seite nicht nur scharfe Kritik, sondern auch Beistand erfahren. Überraschend auch in diesen Tagen. Michael Wolffsohn, Historiker an der Universität der Bundeswehr in München, stellt fest: Kein Wort von Pacelli sei überliefert, das auch nur mit einer Silbe den Holocaust gebilligt hätte. Wer beklage, dass der Papst die Naziverbrechen „nicht deutlich genug“ angeprangert habe, müsse sich fragen lassen, was an seinen Ausführungen hätte missverständlich sein können. Die Nazis hätten jedenfalls sehr genau verstanden und sich ungerührt gezeigt. – Sehr richtig, Professor Wolffsohn. Niemand im Vatikan wollte Konzentrationslager und Gaskammern. Wo aber ist der christliche Antijudaismus verortet? Sind die Passagen aus der Allokution des Pacelli-Papstes von Heiligabend 1942 nicht bekannt: Jerusalem habe seinen Weg der Schuld auf sich genommen: „lungo il cammino della colpa, fino al deicidio – bis hin zum Gottesmord“.

So verständnisvoll der jüdische Wissenschaftler mit Papst Pacelli umgeht, um so kritischer mit dem kirchlichen Verständnis vom Judentum im allgemeinen. „Jesus war kein Christ, sondern Jude. Ohne Judentum kein Jesus, kein Christus, kein Christentum und keine Botschaft der Liebe“. Erst der Verzicht auf Antijudaismus – Wolffsohn spricht im Präsens – führe Kirche und Christentum zu Jesus zurück. Wenn und solange die Kirche Christentum und Judentum nicht als zwei gleichberechtigte Wege zum selben, einen einzigen Gott betrachte und benenne, könne und werde es keinen wahrhaftigen Dialog geben. Die Juden „extra ecclesiam“ und „sub ecclesiam“ – daraus kann, folgt man dem Juden Wolffsohn, kein Dialog auf Augenhöhe werden.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 18)


Die älteren Geschwister

„Auch wir beten für die Gemeinschaft, wenn es um den Frieden geht“, sagt Dannyel Morag, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Regensburg. Der Vorstand hatte entschieden, der Einladung in den Dom zu folgen. Nicht schweren Herzens, aber im Bewusstsein vergangener Ereignisse. Beten wie die Christen, unter dem Bild des Gekreuzigten, des christlichen Messias – geht das? Es ging.

Für Juden stehen eine Reihe von religiösen Feiertagen an: Rosch Haschana (das Neujahrsfest); Yom Kippur (der Tag der Besinnung und Versöhnung) und Sukkot (der Erntedank). – Für die Muslime – natürlich auch in Regensburg – beginnt am zweiten Tag von Rosch Haschana in diesem Jahr der Fastenmonat Ramadan.

Christen und Juden, und auch umgekehrt, gehen sensibel miteinander um. Vor Beginn der ökumenischen Feier im Dom separater Empfang in St. Ulrich, einst Palastkapelle und Dompfarrkirche, heute Diözesanmuseum. Der Rabbiner spricht die Beracha, den Segensspruch: Ein langes Leben sei dem Papst geschenkt. Das bedeute auch, „wir werden ihn in seinem Dienst an den Menschen unterstützen“. Der Rabbiner fügt Grüße aus Jerusalem hinzu, im Namen der Oberrabbiner.

Man erinnert sich: Benedikt hat im vergangenen Jahr die Kölner Synagoge besucht, die älteste jüdische Gemeinde auf deutschem Boden. Sechzig Jahre nach Kriegsende, sechzig Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager, 40 Jahre nach der Konzilserklärung „Nostra aetate“, die das Verhältnis zu den Juden so bestimmt, wie es Johannes XXIII. verstand: „Ich bin Josef, euer Bruder.“

Benedikt sagt: „Gemeinsam müssen wir uns auf Gott und seinen weisen Plan für die von ihm erschaffene Welt besinnen.“ „Viele Male“, wie er einmal betonte, habe er die Stätten des Grauens besucht. In diesem Jahr als Papst, als „Sohn des deutschen Volkes“, der „unmöglich nicht hierher kommen konnte“. Bewegend der Satz: „An diesem Ort versagen die Worte, kann nur ein erschüttertes Schweigen stehen.“ Missverstanden wurde er – oder war es missverständlich gesprochen? – als er von dem Volk sprach, „über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte.“

Sind die Deutschen, in ihrer Mehrheit leider Verführte, Opfer einer kleinen Schar von Verbrechern? Der Judenhass im 19. Jahrhundert, die Entwicklung bis zum 30. Januar 1933 – keine Wegbereitung für das, was dann kam? Die Aussagen von Überlebenden der Shoa sprechen eine andere Sprache, Dokumente legen ein anderes Zeugnis vor. Stand nicht manche Vokabel, die Benedikt für seine Ansprache in Auschwitz einsetzt, auch in bischöflichen Kundgebungen der 30er Jahre? Wiederherstellung von Größe und Ehre der Nation, wenn nicht wortwörtlich, so doch in diesem Sinne. Von der „Reinheit des Blutes“ war auch mancher katholischer Oberhirte überzeugt, von gewissen evangelischen Pastoren ganz zu schweigen. „An diesem Ort kann nur erschüttertes Schweigen stehen“, sagte Benedikt in Auschwitz. Eine zutreffende Erkenntnis.

Vergessenes erinnern

Man habe kein Problem darin gesehen, an der ökumenischen Feier teilzunehmen, sagt der Rabbiner nach der ökumenischen Andacht. Hans Rosengold, Mitglied des Vorstands, bekannt für feinsinnigen Umgang mit diesem Thema, fügt aber hintergründig hinzu: „Aber wir übertreiben es nicht mit der Burschikosität“. Natürlich, die Messe sei ihnen fremd. „Geht uns nicht in den Kopf, wir beten in der Synagoge.“ Mit Freude werde der Bischof empfangen, wenn er die Gemeinde besuche. Und das sei wiederholt geschehen. Zum diesjährigen Yom Kippur-Fest werde er wohl wieder vorbeischauen. Die Beziehungen zur Kirche entwickelten sich normal. „Aber was ist schon normal“.

Niemand würde auf die Idee gekommen sein, den Papst durch einen Seiteneingang in den Hohen Dom zu führen. So wurde aus Anlass des hohen Besuches das prächtige Westportal, das 600 Jahre alte Triangelportal geöffnet. Jahrzehnte hatten es Bauzäune versperrt. Eine andere, für die Öffentlichkeit zugängliche Türe wäre allerdings auch aus anderen Gründen nicht empfehlenswert gewesen: Am Pfeiler rechts vom Südwesteingang ist – unübersehbar – eine bildliche Darstellung eingemauert: die Spottfigur der „Judensau“. Nicht ohne eindeutige Absicht an dieser Seitenfassade der Domkirche angebracht. Von hier geht der Blick in Richtung des ehemaligen historischen Judenviertels am Neupfarrplatz. Abgebildet ist ein Schwein, an dessen Zitzen drei Juden sich zu schaffen machen. Das Bild will sagen: Die Juden melken ein Schwein, dessen Milch sie als Verkörperung des Teufels in sich aufnehmen. Ungeist und Aufforderung, Juden zu hassen und zu verfolgen, „in Christi Namen“, seit Jahrhunderten.

Der Soziologe Walter Sulzbach, 1937 in die USA emigriert, empfiehlt, den Begriff „Antisemitismus“ durch „Judenhass“ zu ersetzen. – „Antisemitismus“ geht auf Wilhelm Marr zurück, einen der geistigen Väter des Antijudaismus im 19. Jahrhundert („Der Weg vom Siege des Germanenthums ueber das Judenthum“). Sulzbach meint, Marr sei von der „semitischen Sprache“ ausgegangen, der „Sprache Israels“. Habe Sprache und ethnische Herkunft in eins gesetzt. Sich dabei allerdings nur auf Juden bezogen; gegen die Araber habe er, Marr, keinerlei Einwände gehabt. Tatsächlich, darauf verweist Sulzbach, gehören zu den semitischen Sprachen nicht nur Hebräisch, sondern auch Aramäisch und Arabisch. – Wer aber käme auf die Idee, feindselige Äußerungen gegenüber Arabern als antisemitisch zu bezeich-nen?

Der Judenhass hat seine eigene Spur. Antisemitismus als Synonym für Rassenhass, der sich allein und ausschließlich gegen das jüdische Volk richtet. Ein Volk mit historischer, kultureller und religiöser Eigenheit. Aber eben nicht als Rasse. „Dazu haben uns die Nazis gemacht, eine Begründung konstruiert, um uns zu vernichten“. So sinngemäß Ruth Lapide, die sich leidenschaftlich für den Dialog mit den Christen einsetzt, im geistigen Erbe ihres verstorbenen Mannes Pinchas.

Es muss der zuständigen Behörde, der Dom „gehört“ seit der Säkularisation dem Staat, einige Mühe gekostet haben, einen erklärenden Hinweis zu dem Bild der „Judensau“ am Dom anzubringen. Die Texttafel wurde erst vor einigen Jahren in der Nähe des „Wandschmucks“ angebracht: „Die Skulptur als steinernes Zeugnis einer vergangenen Epoche muss im Zusammenhang mit ihrer Zeit gesehen werden. Sie ist in ihrem antijüdischen Aussagegehalt für den heutigen Betrachter befremdlich. Das Verhältnis von Christentum und Juden in unseren Tagen zeichnet sich durch Toleranz und gegenseitige Achtung aus.“ Kein Wort zu dem, was in der Zwischenzeit passiert ist, in der das Schmähbild eine fürchterliche Bestätigung fand – nur wenige Schritte vom Dom entfernt. Kein Wort zu der Tatsache, dass Toleranz und gegenseitige Achtung keineswegs überall „in unseren Tagen“ das Verhältnis von Christentum und Judentum kennzeichnen. Kunstschaffende aus München beschrifteten eine alternative „Staatstafel“, versuchten, sie als Demonstration an den Dom zu heften – aber die kirchlichen und staatlichen Autoritäten fackelten nicht lange, um diese Aktion zu unterbinden.

Ende der Eiszeit?

Von Eiszeiten zwischen der römisch-katholischen und russisch-orthodoxen Kirche in der Windschleppe politisch-ideologischen Spannungen wiederholt die Rede, sowohl während des Zweiten Weltkrieges wie im Kalten Krieg. Die Päpste – auf der Moskauer Liste standen sie als Agenten Hitlers, Mussolinis, des Weißen Hauses, der NATO. Was hat man ihnen nicht alles unterstellt. Historische Gegensätze, Erbschaften aus dem zaristischen orthodoxen Russland, insbesondere das katholische Polen betreffend, gingen als Hypothek in die Zeitläufte mit. Johannes XXIII. knüpfte ein neues Band, das allen Klimaschwankungen und Zerreißproben standhielt. Das Interesse an gegenseitigen konstruktiven Beziehungen erwies sich als stärker als dann und wann aufflammende Differenzen. Als Brückenbauer haben sich nicht zuletzt deutsche Bischöfe seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil angeboten. Zu den jüngsten positiven Entwicklungen nicht unerheblich beigetragen zu haben, darf der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper für sich verbuchen.

Vielleicht ist dem „deutschen“ Papst noch vergönnt, was seinem „polnischen“ Vorgänger versagt blieb: eine Begegnung zwischen Benedikt XVI. und Alexij II. Der Botschafter des Papstes in Moskau, der Apostolische Nuntius Antonio Mennini, signalisierte schonmal, ein solches Treffen liege „immer mehr im Bereich des Möglichen“.

Obschon das Protokoll die jeweilige Amtssprache vorschreibt – wohl Russisch und Italienisch – könnten sich die beiden vermutlich problemlos auf Deutsch unterhalten. Der Moskauer Patriarch entstammt baltischem Adel, als Alexej Ridiger (von Rüdiger) 1929 in Reval/Tallin, der Hauptstadt Estlands geboren. Ende November 2006 bedankte sich der russische „Ersthierarch“ beim katholischen Pontifex für eine Geldspende, die Benedikt für den Wiederaufbau der bei einem Brand beschädigten Dreifaltigkeitskathedrale in Sankt Petersburg zur Verfügung gestellt hatte.

Die Misstöne der Vergangenheit sind ungewohntem Wohlklang gewichen. Schon im Februar war es zu einem Briefwechsel zwischen den beiden Kirchenfürsten gekommen. Zur Doppelfeier von Namenstag und Geburtstag von Alexij II. Von Gesten und Worten erneuerter Brüderlichkeit zwischen Hirten der Herde des Herrn, die den Geist der Gemeinschaft fördern, hatte Benedikt gesprochen, und der Moskauer Patriarch ebenso liebenswürdig gedankt. In seinem jüngsten Brief nun dankt er erneut, diesmal für das „Zeichen echter Zuneigung zur russisch-orthodoxen Kirche“. Er würdigt die „existierenden Bande im Geist christlicher Brüderlichkeit und gegenseitiger Unterstützung“. Und erweist seinem römischen Gegenüber in seiner Grußformel am Schluss „tiefen Respekt“.

Zwei geistliche Herren, im gesegneten Alter, schaffen vielleicht doch noch den lang ersehnten Durchbruch, einen geraden Weg zwischen dem Vatikanische Palast und dem Moskauer Danilow-Kloster (dem Sitz des Patriarchats). Eine stabile Brücke zwischen den beiden Patriarchaten, wobei Benedikt den Titel eines Patriarchen des Abendlandes abgelegt hat, könnte dazu beitragen, ein innerorthodoxes Problem zu lösen, den zwar unausgesprochenen, aber allenthalben spürbaren Spannungen zwischen Moskau gegenüber Konstantinopel zu entkrampfen. Dem Patriarchen am Bosporus mag ein Ehrenprimat zugestanden sein, aber Alexij beruft sich auf 100 Millionen Gläubige und einen wieder wachsenden Einfluss auf das Reich und die Politik imn Kreml. Der römisch-orthodoxe Gipfel im Phanar wird größte Aufmerksamkeit an der Moskwa finden, nicht zuletzt der Inhalt der vereinbarten gemeinsamen Erklärung.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 17)


Der lange Weg zur Einheit

„Ut unum sint – Damit sie eins sind wie wir“. Jesu Auftrag an seine Jünger, im Hohepriesterlichen Gebet. Johannes Paul II. hat, man könnte sagen, mit Leidenschaft sich diesem Ziel verpflichtet. Sein Nachfolger, auf Bewahrung des Eigenbestands bedacht, hat einige Sicherungen eingebaut. Die Tür zu den anderen lässt sich öffnen, aber man muss die richtige Zahlenkombination kennen, wie bei einem Tresor. Und der steht in Rom. Vor der Ausstellung einer Chip-Karte, um im Sprachbild zu bleiben, muss ein ausführlicher Fragebogen beantwortet werden. Zu diesem Zweck wurden Gremien geschaffen, zwischen Rom und der Orthodoxie, mit den Kirchen der Reformation und anderen christlichen Gemeinschaften, diese wiederum untereinander. Agenden werden verabschiedet, Konkordien, Lehrvereinbarungen. Nur der Fachmann behält den Überblick. Kirchen und Konfessionen – ein Angst erregender Apparat zur Verwaltung des Glaubens.

Im Regensburger Dom gottlob davon nichts zu spüren. Nur guter Wille, versöhnlicher Geist, das gemeinsame Gebet zu dem Einen. Wo es „hakt“ in der „Ökumene“, das hatte die politische Prominenz des protestantischen Lagers dem päpstlichen Besuch gleich am ersten Tag mit den Blumen überreicht.

Überflüssig eigentlich die Spitze des Regensburger Oberhirten, die Sache sei damit erledigt, dass man dem Papst ein Stöckchen hinhalte, über das er springen soll. Man muss wissen, der besagte Bischof ist der Ökumene-Referent in der deutschen Bischofskonferenz. Es geht offenbar nicht ohne Stichelei. Entsprechend die gelegentlichen Ausfälle auf der anderen Seite.

Regensburg ist, historisch gesehen, allemal für eine Überraschung gut. Evangelisch war die Stadt, 261 Jahre lang, eine protestantische Insel im „schwarzen“ Meer. Von 1542 bis 1803. Es war vermutlich weniger die Glaubensüberzeugung, dass der Rat der Stadt den Reformator aus Wittenberg sympathischer fand als den Papst in Rom. Der Konfessions-Wechsel versprach den Bestand kommunalpolitischer Entscheidungshoheit und mancher Privilegien. Macht, Einfluss und Pfründe, mit anderen Worten.

Der einzige saure Apfel, in den man zwar ungern beißen musste, den man aber auch nicht verlieren wollte, weil er doch auch wiederum an einem für den Stadtsäckel ergiebigen Baum wuchs, war der „immerwährende“ Reichstag. Da an diesem auch Delegierte aus katholischen Landen teilnahmen, blieb es nicht aus, dass diese einen katholischen Anhang mit sich brachten. So konnte der Rat der Stadt wohl oder übel nicht umhin, diesen Anhängern der Papstkirche, die sich dann auch noch mit Haus und Geschäft niederließen, den Status von städtischen „Schutzverwandten“ einzuräumen. Nicht geliebt, aber gelitten – bis das Heilige Reich und „cuius regio, eius religio“ ein Ende und die Reichstagsabgeordneten ihr letztes Amtsgeschäft erledigt hatten, ein Toleranzedikt die Christen aller Bekenntnisse gleichstellte – die katholischen Altbayern mussten ebenso zurückstecken wie die evangelischen Regensburger – und freie Religionsausübung zusicherte. Nur die Juden mussten im realen Leben einmal mehr erfahren, dass einige gleicher behandelt wurden. Die diskriminierende Matrikelpraxis blieb in Bayern bestehen.

Schwesterkirche

Der Gottesdienst der christlichen Konfessionen im Regensburger Dom: Die Vertreter der „Ostkirche“, Orthodoxe wie Unierte, durften sich geschmeichelt fühlen. Der Papst lässt beim feierlichen Einzug das Andreas-Reliquienkreuz vorantragen. Es enthalte Partikel vom Kreuz des Andreas. Es gilt als ältestes Reliquienkreuz des Domschatzes. Süddeutsche Arbeit, um 1250. Die Reliquie hatte Abt Jakob Torwarth im Jahre 1652 aus dem Kloster Iburg im Teutoburger Wald dem Regensburger Fürstbischof Franz Wilhelm von Wartenberg verehrt. Damit nicht genug: Im Hochchor wird die rechte Hand des heiligen Johannes Chrysostomos gezeigt. Kirchenvater, Kirchenlehrer – von Orthodoxen, Katholiken, Protestanten und Anglikanern gleichermaßen verehrt. Wahrlich ein „ökumenischer“ Heiliger. In der katholischen Kirche „gebotener Gedenktag“ am 13. September; die ökumenische Vesper am Vorabend ein Kompliment.

Regensburg beherbergt ein ostkirchliches Institut für Gaststudenten aus den orthodoxen Kirchen. Sie sollen westliche Theologie und kirchliche Lebensformen kennen. Zeitgleich zum Papstbesuch treffen sich ehemalige Studenten zu einem Symposion. Thema: Deus caritas est – die erste Enzyklika Benedikts. Bulgaren und Griechen, Tschechen und Slowaken, Kopten und Äthiopier, Rumänen und Russen, Makedonier und Serben, orthodoxe Inder der syrischen Kirche der Malankaren und Antiochiens. Wer kennt die Kirchen, zählt die Namen. Ehrengast: Walter Kasper, Präsident des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen und zuständig auch für die Beziehungen zum Judentum. Regensburg – wahrlich eine Brücke zwischen West und Ost.

Die gottesdienstliche Feier wird mit ostkirchlichen Gesängen verschönt. Aber wie die irdischen Dinge nun einmal sind: lateinische, byzantinische und slawische Traditionen bringen nicht nur kostbare Mitgift in den angestrebten gemeinsamen Hausstand ein, sondern schleppen mancherlei Sperrmüll mit: Starre Gewohnheiten, nationaler Eigensinn, Festhalten an Macht und Einfluss, die Hypothek aus verhängnisvollen Verknüpfungen von Thron und Altar. Eine Doktrin, die manchen orthodoxen Kirchenfürsten im ehemaligen kommunistischen Machtbereich zum Verhängnis wurde.

Die Gespräche zwischen Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios I. stehen unter dem Eindruck der Verhältnisse in der gesamten Orthodoxie. Der Ökumenische Patriarch verfügt über einen imposanten Titel, sein Einfluss ist begrenzt. Wann wird Benedikt nach Moskau reisen, wenn überhaupt? Noch immer liegen schwere Steine auf dem Weg dorthin. Territoriale Ansprüche des Patriarchen: Russland ist orthodox. Streit um katholische Seelsorge, des Proselytismus beschuldigt. Dauerthema seit mehr als 400 Jahren die Spaltung der Orthodoxie in der Ukraine, die Union eines Teils der byzantinischen Kirche mit Rom, „Abtrünnige“ in den Augen Moskaus. Kann ein „Europa bis zum Ural“, kann Europa um des Friedens willen sich den kirchlichen Hickhack leisten? Können sich die Kirchen dieses Gegeneinander leisten? Die Verwirklichung des gemeinsamen Abendmahls hat eine starke gesellschaftliche und politische Komponente. Ob schneller mit den Orthodoxen verwirklicht oder mit den Evangelischen – nicht das Tempo, sondern der entschlossene Wille zählt.

Der „englische“ Sonderweg

Die Islamische und die Orthodoxe Frage lassen ein nicht mindere akutes Problem für die Weltchristenheit in den Hintergrund treten. Soeben haben Papst Benedikt XVI. und der anglikanische Primas, der Erzbischof von Canterbury Rowan Williams, bei einem Gespräch im Vatikan „ernsthafte Hindernisse“ auf dem Weg der Annäherung festgestellt, die auf ein zumindest vorübergehendes Einfrieren des Dialogs hindeuten. Gemeint sind die von den Anglikanern praktizierte Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren, die Bejahung homosexueller Priester und die Bischofsweihe für Frauen. Der als liberal geltende Rowan befürwortet nicht nur Bischöfinnen, kann sich eine Frau der Spitze der anglikanischen Gemeinschaft vorstellen. Da bleibt den Römern die Luft weg, und selbst Heinrich VIII. mag sich im Grab umdrehen.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Nach der Reise in die Türkei

Nach der Reise in die Türkei (Teil II)

„Brückenbauer“ will er sein, „Handwerker des Friedens.“ Kein scharfkantiges Wort. Lieber Komplimente á la Orient. In das Besucherbuch der nationalen Gedenkstätte trägt er sich, sich auf Kemal Atatürk beziehend, mit den Sätzen ein: „In diesem Land, einem Ort der Begegnung verschiedener Religionen und Kulturen, Brücke zwischen Asien und Europa, mache ich mir gern die Worte des Gründers der Republik zu eigen: „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt.“

Den Krakeelern – „Papst bleib weg“ – antwortet er mit einem Wort seines Vorgängers Johannes XXIII. / Angelo Roncalli, als dieser in Istanbul residierte: „Ich liebe die Türken, die ihren Platz in der Geschichte der menschlichen Zivilisation haben“. Er, Benedikt, hege die gleichen Gefühle. Der Großmufti von Istanbul, Ohrenzeuge dieser Worte während einer Begegnung im Religionsamt, zeigte sich noch am übernächsten Tag beeindruckt, als er Benedikt in der Blauen Moschee empfing: Von der Botschaft des Papstes gehe eine unglaubliche Synergie aus.

Sicherheit

Wie reist ein Sendbote des Friedens und der Versöhnung: Von militärischen AWACS-Aufklärungs-Flugzeugen beschützt, von Patrouillen der Marine, von Scharfschützen, Antiterrorkommandos, Sprengstoff-Experten, Polizei und Sondereinheiten, Abwehrspezialisten der Staatsicherheits- und Nachrichtendienste, Hubschraubern über Straßen und Plätzen, einer Phalanx von Leibwächtern, in gepanzerter, abgedunkelter Limousine, die ihn im Eiltempo zu den Pflichtterminen fährt, auf weiträumig abgesperrten Straßen, vorbei an leeren Bürgersteigen. Schärfer bewacht als der amerikanische Präsident. Falls dies ein Maßstab sein soll. Da mochte es wie ein Glücksmoment erscheinen, dass „Sabah“, die populäre Tageszeitung in Ankara, ihre Titelseite mit der Schlagzeile aufmachte: „Benvenuto.“ Nur „Milli Gazete“, der radikalen Nationalzeitung, schien es nicht genug: Besteht auf förmliche Entschuldigung. Gemeint ist „Regensburg“. Der Papst erwähnt den Vorgang mit keinem Wort. Aber er kommt nicht „ungeschoren“ davon.

Das Protokoll achtet auf die geltende Hierarchie im Lande Kemal Atatürks: Erst Staat und Politik und der obligatorische Besuch in der „Kathedrale der Nation“, dem Atatürk-Mausoleum. Kranzniederlegung am Sarkophag des Staatsgründers. Zwei Soldaten der Ehrenwache, angeführt von einem Offizier mit gezogenem Säbel: In gemessenem Defilier-Schritt tragen sie den Kranz voran. Ein Gebinde in den türkischen, nicht den vatikanischen Staatsfarben, weiße und rote Blüten – durchzogen von einem Namensband mit der schlichten Inschrift: Papa Benedikt XVI. – Der Mann des Kreuzes ist gekommen, ohne ein Kreuz zu zeigen, jubeln die Tageszeitungen. Benedikt hatte im langen weißen Wintermantel das Flugzeug verlassen. Wohl nicht nur der Tagestemperatur wegen. Das erste Bild von ihm also ein „neutrales“. Später wird er die Insignien nicht verbergen.

Das Zeremoniell im Mausoleum beendet ein Trompetensignal. Kaum ist es verklungen, ertönt der Ruf des Muezzin vom Minarett der nahen Moschee: Allah ist der Allergrößte. Kommt, o ihr Gläubigen, zum Gebet. Deutlicher kann man dem christlichen Religionsführer nicht bedeuten, wer im Land den Ton angibt. Atatürk hin, Erdogan her.

Es gab Steine wegzuräumen. Gleich am ersten Tag, nach den politischen Verpflichtungen, Termin beim Präsidenten des Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Herr über mehr als 70.000 Moscheen und Imame, im Auftrag des Staates, aber sichtbar auf weitgehende Eigenständigkeit bedacht. Ali Bardakoglu, Professor für Islamisches Recht, empfängt seinen Gast aus dem Vatikan vor der Tür. Eine Geste bevorzugter Aufmerksamkeit. Würdevoll trägt er den roten Fez, mit dem weißen Turban umwunden. Dazu einen langen weißen Mantel, mit goldenen und roten Borten besetzt. Selbstbewusstsein. Augenhöhe. Der Papst will schon mit dem Protokoll ein Zeichen setzten. Nicht er empfängt, sondern er wird empfangen. Kein „Gang nach Canossa“, schreiben vorsorglich einige Kommentatoren. Eine Geste der Versöhnlichkeit. Die Großmuftis von Istanbul und Ankara nehmen an dem Gespräch teil. Ein christlich-islamischer Gipfel.

Zunächst die Förmlichkeiten und Höflichkeitsadressen. Übereinstimmung wird festgestellt. Dringlichkeit des Dialogs. Einander besser kennenlernen, Gemeinsamkeiten anerkennen, die Unterschiede respektieren, Spannungen ohne Gewalt überwinden. Oder, wie der Papst dem begleitenden Journalistenkorps erklärte: Die Differenz und Kohärenz zwischen Christen und Muslimen ausloten.

Einig waren sich die geistlichen Herren auch in der Klage über den fortschreitenden Säkularismus in der Welt, den Relativismus und den Nihilismus. Die strenge Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Leben führe in die Sackgasse, sagt der Papst und begibt sich auf „vermintes“ Gelände. Doch er fügt hinzu, Angebot und Mahnung zugleich in beiden Richtungen: Die Religionen sollten sich aus der konkreten Politik heraushalten, sich selbst nicht gewaltsam gegenüber anderen durchzusetzen versuchen, sondern gemeinsam sich bemühen, akzeptable Lösungen für eine bessere Welt zu finden. Nach dem Titel eines Buches über Joseph Ratzinger, dem Auftrag Jesu, einer christlichen Maxime folgend: „Ihr seid das Salz der Erde“. Der Papst in einer seiner Ansprachen in der Türkei fährt fort: Das setzt allerdings voraus, dass auch der Staat die Religionen als gesellschaftliche Kraft akzeptiert, die freie Religionsausübung auch in der Praxis durchsetzt, insbesondere für die religiösen Minderheiten. Man habe den Eindruck, dass der Staat gezielt die Sunniten als überwiegende Mehrheit der Bevölkerung fördere, sagen Kenner der Verhältnisse. Die anderen allenfalls Bürger zweiter Klasse dieser „Staatsvolk“-Politik und -Ideologie.

Was kann man tun? Wo Worte nicht reichen, überrascht Benedikt auch mal mit einer Geste. Wie man ihn so gar nicht kennt: Bei der katholischen „Familienfeier“ auf dem „Nachtigallenhügel“, wo die Gottesmutter gelebt haben soll, beendet er die Fürbitte am Schluss seiner Predigt auf Türkisch: „Aziz Meryem Mesih’in Annesi bizim icin Dua et – heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns.“ Auf Türkisch auch die Dedikation und der Friedensgruß zu Beginn der Predigt: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Friede sei mit Euch.“ Das ist die auch dem Muslim geläufige, wenn auch bei der Anrufung Gottes verschiedene Formel. „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Selamün Aleyküm.“ Nach dem Gottesdienst im Freien, umringt von den Gläubigen, ergreift Benedikt spontan eine türkische Fahne – die Kameras sind dabei: Schaut her, meine Christen wollen auch gute Bürger sein. Als sei dies nicht genug, wird er mit den Worten zitiert: „Ich habe die große türkische Kultur immer bewundert, deshalb war es seit Beginn meines Pontifikats mein inniger Wunsch, die Türkei zu besuchen, die Freundschaft zwischen dem Heiligen Stuhl und der Türkei zu vertiefen. Ich wollte einen Beitrag leisten zur Begegnung der Kulturen, zur Arbeit für Frieden und Versöhnung. Das ist die Pflicht unserer Zeit.“

Es ist ihm mit der Religionsfreiheit – Verzeihung – „verdammt“ ernst. Vor dem Diplomatischen Corps holt er aus: „Es ist Aufgabe der zivilen Autoritäten eines jeden demokratischen Landes, die effektive Freiheit aller Glaubenden zu garantieren und ihnen zu erlauben, das Leben ihrer eigenen religiösen Gemeinschaft zu organisieren. Dies beinhaltet sicher, dass die Religionen ihrerseits nicht versuchen, direkt politische Macht auszuüben, weil sie dazu nicht berufen sind, und im besonderen, dass sie absolut darauf verzichten, den Rückgriff auf Gewalt als legitimen Ausdruck religiöser Praxis zu rechtfertigen.

Auch in der „Gemeinsamen Erklärung“ mit dem Ökumenischen Patriarchen wird die Frage der Religionsfreiheit aufgegriffen. Das Dokument fordert die „unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person“ ein, „insbesondere der Religionsfreiheit, die der Beweis und Garant des Respekts vor jeder anderen Freiheit ist“ und die in der Europäischen Union anerkannt werden möge. Die sei ein Gütezeichen der europäischen Gemeinschaft. Das ist natürlich auch in Richtung Ankara geschrieben. Mehr kann man von Benedikt in diesen vier Tagen wohl nicht erwarten.

Kehren wir zu dem Gespräch mit dem christlichen Papst und einem islamischen Religionslehrer zurück. Kein tiefer Meinungsaustausch sicherlich, nicht im zeitlichen Rahmen einer solchen Reise. Immerhin ein bemerkenswerter Ansatz. Benedikt wartet erneut mit einem Zitat auf. Seine Zuhörer zunächst wohl verblüfft. Aber er will es ihnen zeigen: Ich kann auch anders. Benedikt bezieht sich auf eine Begebenheit aus dem Jahr 1076. Man bleibt im Mittelalter. Diesmal ist nicht Kaiser Manuel sondern Papst Gregor VII. der Kronzeuge. Dieser Papst hatte einen muslimischen Prinzen aus Nordafrika empfangen. Dabei soll er das Thema der brüderlichen Liebe angesprochen haben, in der Sprache der Christen „Caritas“ genannt. Aber beide, Christen und Muslime, seien sich diese Liebe gegenseitig schuldig, zitiert Benedikt seinen frühen Vorgänger, der dies mit dem Hinweis begründete: „Denn wir glauben und bezeugen den einen Gott, wenn auch in verschiedener Weise. Jeden Tag loben wir ihn und verehren ihn als Schöpfer der Jahrhunderte und Herrscher dieser Welt.“ Nun müsste man wohl hinzufügen: Die Moslems freilich ohne Gottessohn und Heiligen Geist. Aber hier und jetzt ist nicht der Moment zu unterscheiden, was in der Bibel und im Koran steht, im Katechismus und in der Sunna.

Katholische Kommentatoren zeigen in diesen Tagen ein gewisses Verständnis, dass die erzwungene „Kemalisierung“, die Trennung von Staat und Religion, auch nach siebzig Jahren vom Islam noch nicht verdaut wurde, woraus die Radikalen ihre Nahrung bezögen. Soviel Verständnis geht manchen Sprechern der christlichen Seite dann doch etwas zu weit. Wenn der Papst von den eindrucksvollen Zeugnissen der christlichen und islamischen Kultur spricht und dabei wohl eher die Monumente aus vergangenen Zeiten vor Augen hat, dann erinnern Ortskundige an die verfallenden Kirchen und zeigen auf die Steine, die den Christen heute auf die Füße geworfen werden. Der Einzelne könne seinem Glauben zwar nachgehen. Aber die Kirchen als Institution seien schwer betroffen. Ohne Rechtsstatus, sozusagen „nicht existierend“. Grundstücke erwerben, Kirchen bauen, Kindergärten, Schulen. Alles im zivilisierten Europa selbstverständlich. Hier nicht ohne juristische Kniffe und, vorsichtig vermutet, nicht ohne manches Bakschisch. Folgt man dem jüngsten Korruptionsbericht von Transparency International.

Soweit ins Detail gehen konnten die beiden geistlichen Autoritäten, die sich zur Audienz im staatlichen Amt für Religion trafen, nicht. Es ließ sich eher freundlich an. Austausch von Artigkeiten, Übereinstimmung in einigen ethischen Grundsätzen, Ermunterung zum weiteren Dialog. Dann aber konnte der türkische Religionswächter nicht mehr an sich halten. „Regensburg“ – von Benedikt sorgsam gemieden. Alles gesagt, was zu sagen ist – musste nun doch noch auf den Tisch: „Leider sehen wir, dass sich in jüngster Zeit eine Islamophobie verbreitet“, setzte der ranghöchste Mufti an. Diese gegen den Islam gerichtete Haltung bringe zum Ausdruck, „dass der Islam durch seine Geschichte und Quellen zur Gewalt ermuntert und der Islam mit dem Schwert in der Welt verbreitet wurde.“ Das war direkt auf das Manuel-Zitat gemünzt.

Bardokoglu weiter: „Ich möchte hier die Trauer und Klage jedes Muslims über diese Behauptungen zum Ausdruck bringen, die keiner wissenschaftlichen oder historischen Überprüfung standhalten und überdies ungerecht und ungerechtfertigt sind.“ Die Vertreter der verschiedenen Religionen müssten sich zu einem friedvollen Dialog zusammentun und die Probleme der Menschheit lösen, gemeinsam nach einer Übereinstimmung suchen, ohne notwendigerweise die anderen Lehren anzuerkennen oder über sie zu urteilen. Diese Zusammenarbeit dürfte von niemandem dazu missbraucht werden, Befürworter des Glaubens zu finden oder die eigenen Vertreter zu begünstigen. Wenn sich die Religionsführer verschiedener Kulte und Riten treffen, müssten sie Themen und Methoden für den theologischen Diskurs finden, ohne dabei die Überlegenheit des eigenen Glaubens zu demonstrieren.

Die nächsten Sätze zielten – wenn auch indirekt, aber wer hätte sie anders verstehen können –direkt auf den Redner von Regensburg: „Insbesondere wir als Religionsführer dürfen uns nicht diesen Vorurteilen hingeben, sondern müssen uns aufrichtig verhalten und für den Weltfrieden einsetzen.“ Und auch für „Professor Papst“ hatte der islamische Oberlehrer einen Merksatz parat. Hatte Benedikt in Regensburg nicht das Verhältnis von Glaube und Vernunft im Islam in Frage gestellt? Ali Bardakoglu, der Rechtsgelehrte, antwortet: „Die Grundlagen des Islam basieren in Theorie und Praxis auf dem Verstand. Im Islam sind Glaube an Gott und die Beziehung des Einzelnen zu Gott die Basis für Vernunft und Bekenntnisfreiheit. Deshalb wollen wir eine Verbindung, die auf den gegenseitigen Respekt und auf Toleranz aufbaut.“ Damit hat’s der Papst schriftlich. Der Dialog kann beginnen.

Aber nicht einseitig. Namentlich die deutschen Bischöfe wollten ihren Mitbruder auf dem Stuhl Petri in dieser Sache nicht alleinlassen. Schon unmittelbar nach dem Sturm suchten sie zur Versachlichung beizutragen: Unglücklich vielleicht die Zitation in der Regensburger Rede, aber man müsse wohl auch den Muslimen ein wenig die Leviten lesen. In welchem Zeitabschnitt der Geschichte steht ihr mit eurer Religionskritik, was sagt die Bildungselite zu den Umtrieben der Straße. „Sie müssen Farbe bekennen“, sagte der Limburger Franz Kamphaus in seiner viel beachteten Rede zum Dialog mit dem Islam. Forderte auf zu ehrlicher Reflektion: Das „Säurebad der Kritik“ habe die Bibel nicht zersetzt. Muslime sollten ebenfalls dieses Wagnis nicht scheuen. Der Koran, die Hadithen, die Sunna, die Scharia – was ist tabuisiert bis in Punkt und Komma? Und gefragt: Ist der Weg des Islam nach Europa nur eine Einbahnstraße?

Die vorletzte Station der Reise – die Umstände haben es so gefügt – gehörte dem eigentlichen Anlass der Türkei-Reise. Besuch beim Patriarchen von Konstantinopel zum Fest des Heiligen Andreas, dem Petrus-Bruder und Apostel Kleinasiens. Brüderliche Umarmung, seitdem sie sich wieder als „Schwesterkirchen“ ansprechen. Paul VI. hatte 1964 in Jerusalem damit begonnen, war 1967 nach Istanbul gereist; 1979 folgte Johannes Paul II. als der bis 2006 letzte Besuch aus dem alten Rom beim geistlichen Statthalter des Neuen Rom.

Der Bruderkuss am Ende eines langen, nicht nur für Glauben und Kirche, sondern für die Geschichte Eurasiens folgenschweren Weges. Über 900 Jahre geschieden in West und Ost, immer noch stark verwandt miteinander, aber wie die Zeit es mit sich bringt: die Lebensgewohnheiten und Ansichten ändern sich. Sprich: Theologie, Liturgie, Strukturen. Wie ein Menetekel stets vor Augen, einst auf den Altar der Hagia Sophia geworfen: das Anathema. Es ging vom Westen aus. Der Osten folgte mit eigener Verwerfung. Erst das Zweite Vatikanische Konzil erleuchtete auch die getrennten Schwestern und Brüder, ließ sie die „Zeichen der Zeit“ erkennen, wozu der „gute Papa“ Johannes aufgerufen hatte. Die gegenseitigen Bannflüche wurden „aus der Erinnerung getilgt“. Ein feiner Ausdruck, wenn man andererseits nicht sagen will, dass das, was damals geschah, Unrecht war. Am Ende behalten die Juristen Recht.

Umstritten – sagen wir mal aus der Sicht des reinen Glaubens – bleibt die Sache schon. Ging es nur um theologischen Dissens, oder nicht mehr noch, oder doch ziemlich heftig, um Macht und Einfluss: Ein selbstherrlicher Papst in Rom, der einen „Barbaren“, den fränkischen Karl zum Kaiser krönt und damit die Byzantiner provoziert; die Herren am Bosporus, diee die eigenen Missionare – Kyrill und Methodius – zu den Slawen schicken und die römisch-fränkischen Interessen des Westens im Osten stören. Kurze Weltgeschichte in einen Satz gepackt.

Ein Deutscher soll es gewesen sein, dem die Christenheit den mittelalterlichen Supergau verdankt: Leo IX. alias Bruno von Egisheim-Dagsburg. In Wirklichkeit, so behaupten andere Sachkenner, hat ein Kardinal das Ding gedreht: Humbert von Silva Candida, der dem Patriarchen Michael I. Kerullarios wutentbrannt die Exkommunikation, besser gesagt, die kirchliche Kriegserklärung auf den Altar der Hagia Sophia – zu Deutsch: Göttliche Weisheit – knallte, nachdem er mit gutem Zureden (waren es eher Drohungen?) nichts erreicht hatte. Datum des Geschehens: der 16. Juli 1054. Zwar berief sich der päpstliche Abgesandte auf seinen Dienstherrn, tatsächlich soll er aber selbst den Scheidebrief verfasst haben.

Worauf Michael mit der Exkommunikation des Katholiken aus Rom konterte. Die Oströmer konterten, sprachen den Weströmern die Rechtgläubigkeit ab, die sie nun exklusiv für sich beanspruchten: Orthodoxe eben. Was wäre der Welt in den Jahrhunderten danach erspart geblieben? Auch Benedikt schleppt noch an der Last der Geschichte. Etwas Ballast hat er aber mit eindrucksvolle Gesten abgeworfen. Zunächst die Tiara, die Dreifachkrone im Papstwappen, durch die Bischofsmütze, die Mitra ersetzt. Das spricht für Kollegialität, auch wenn er die Beschlüsse von 1870 nicht ohne weiteres kippen kann, das heißt den Jurisdiktionsprimat und die Infallibilität, zu Deutsch: „die volle, höchste und universale Gewalt für den, der gleich Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt ist“ und der über ein allerdings klar umgrenzte, nicht willkürlich zu handhabende Unfehlbarkeit verfügt. Dennoch die „Knackpunkte“ gegenüber den Orthodoxen, von den Protestanten und Anglikanern und so weiter ganz zu schweigen.

Das Erste Vatikanische Konzil hatte, bei deutlichen Gegenstimmen vor allem auch aus Deutschland, mit der Festschreibung dieser Suprematierechte des Papstes wohl auch den politischen Umständen Rechnung tragen wollen. Der Pontifex hatte seinen Kirchenstaat an Italien verloren. Ein König ohne Land. Was das heißt, erlebt Bartholomaios von Istanbul. Er hält zwar den Titel „Ökumenischer Patriarch“, als der „Zweite nach Rom“. Schaut auf 300 Millionen Orthodoxe weltweit, aber verfügt nicht über sie. Das einstige mächtigste Amt nach dem Papst: heute nur noch ein Ehrenamt. Und das es so bleibt, darauf achten eifersüchtig die Hierarchen einer Vielzahl von eigenständigen orthodoxen Landeskirchen – nicht zuletzt der geistliche Großfürst weiter im Osten, Alexij II., Patriarch von Moskau und ganz Russland mit 100 Millionen Gläubigen, einem Drittel der gesamten Orthodoxie. Die Reise nach Konstantinopel ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Einheit.

Wie nahe sich Papst Benedikt, der Theologe Ratzinger, der Kirche des Ostens fühlt, machte er mit einer weiteren auffälligen Geste sichtbar. Als er sich entschied, die ostkirchliche Form des Palliums, Insignium der erzbischöflichen Würde, zu übernehmen, wie es in der ganzen Kirche bis zum Mittelalter getragen wurde: Das weiße Band auf Lammwolle, breiter als das römische, mit fünf purpurfarbenen Kreuzen bestickt, zur Erinnerung an die fünf Wundmale Jesu, drei Kreuze mit Nadeln durchstochen, die Kreuznägel symbolisierend und zum V-Zeichen über Brust und linke Schulter gelegt. Eine Referenz an den ostkirchlichen Brauch, wo das Omophorion vom Metropoliten getragen wird, nicht als Zeichen der Autorität, sondern auf das Gleichnis vom verlorengegangenen und wiedergefundenen Schaf auf der Schulter des Hirten hindeutend. Benedikt ging noch weiter und legte den Titel eines Patriarchen des Abendlandes ab. Auch dies eine Reverenz gegenüber dem Osten. Ob er damit die vier anderen Patriarchen der alten Kirche damit in Zugzwang bringen könnte und dies angesichts der prekären Lage, in der sich diese im Nahen Osten befinden? Man wird sehen.

Es drängt ihn. Es wäre „sein“ großer Wurf in einem zeitlich doch wohl überschaubaren Pontifikat. In Istanbul ergriff Benedikt erneut die Initiative – was manche Beobachter schon als revolutionär kommentierten. Er lasse mit sich darüber reden, wie künftig das Petrusamt ausgeübt werden könne. Das ist kein neuer Vorschlag, sondern eine Idee, die Benedikt von seinem Vorgänger aufgreift. Johannes Paul II. hatte schon in seiner Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ davon gesprochen. Die Frage steht im Raum: Wie viel an Autorität über die Gesamtkirche, historisch vielleicht begründet, aber praktisch unwirksam, ist „Rom“ bereit aufzugeben? Die päpstlichen Vollmachten innerhalb der eigenen Kirche blieben ohnehin unberührt? Wäre eine Art „Primus inter pares“ denkbar, ein „Vorsitz in der Liebe“? Das wäre nicht unser Problem, sagt ein Bischof der russisch-orthodoxen Kirche. Was für uns nicht in Frage kommt, ist der „universale“ Jurisdiktionsprimat, und ebenfalls nicht der Anspruch, „Stellvertreter Christi“ zu sein. Moscovia locuta, causa finita. Moskau – das „Dritte Rom?

Bartholomaios, türkischer Staatsbürger mit griechischer Geburtsurkunde, daheim zählt er nur noch einen Sprengel von vielleicht 5.000 Seelen, weniger als in einer deutschen Großstadtpfarrei – als Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie dennoch ein wichtiger Gesprächspartner für die römische Kirche. Schließlich ist der Nachfolger des Petrus dem Nachfolger des Andreas verpflichtet und mithin den Christen am Bosporus. Der Amtsinhaber Nr. 264 beim Amtsinhaber Nr. 270.

Die kirchlichen Feierlichkeiten erreichen ihren Höhepunkt in der St. Georgs-Kathedrale. Die göttliche Liturgie, der Gottesdienst im byzantinischen Ritus, entfaltet all ihre Pracht und Herrlichkeit. Wolken von Weihrauch erfüllen den Raum der Kathedrale des Heiligen Georg. Der Gesang der Mönche erfüllt den Raum. Die Gläubigen sind ergriffen vom Schein der Kandelaber, dem Glanz der liturgischen Geräte. Schauen ehrfürchtig zu den Bildern der Heiligen der Ostkirche auf, von denen auch einige in der Westkirche verehrt werden. Verneigen sich vor der Ikonostase, die das Allerheiligste vor profanen Augen schützt, bekreuzigen sich nach der Art der orthodoxen Regel und küssen die dargereichte Ikone.

Die beiden Patriarchen in großer Würde – Bartholomeios trägt schweren Brokat, das weiße Haar mit der prächtigen, mit Edelsteinen besetzten und mit Gold- und Silberfäden durchwirkten bauchförmigen orthodoxen Mitra, der Papst – als Gast, nicht als Zelebrant – trägt die besonders festliche mit Hermelin besetzte Purpurmozzeta über dem schneeweißen Rochett und seiner weißen Soutane, den Kopf nur mit dem weißen Zuccetto bedeckt.

An dieser Stelle ist einzufügen: Benedikt hat nicht die beiden anderen orthodoxen Bischöfe in Istanbul vergessen. Er besucht, zu einem „Gebetstreffen“, Mesrob II., den Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche. Ein durchaus heikler Termin. Aber Benedikt interessiert die staatlichen Tabus nicht, spricht an, was den Armeniern im Osmanischen Reich angetan wurde, „oft unter sehr tragischen Umständen, wie denen im letzten Jahrhundert.“ Er muss keine Details nennen, jeder kennt sie, auch wenn öffentlich darüber zu reden hinter Gittern enden kann. Vor 90 Jahren: Nach wissenschaftlichen Schätzungen fielen 800.000 bis 1,5 Millionen Menschen der Verfolgung zum Opfer, Massaker, die man damals zwar noch nicht als „ethnischen Säuberung“ bezeichnete, die aber nichts anderes bezweckten.

In der „Casa Roncalli“, der päpstlichen Vertretung in Istanbul, neben der Nuntiatur in Ankara, empfängt er dann auch Metropolit Filuksinos Yusuf Cetin, Bischof des syrisch-orthodoxen Bistums Istanbul. Repräsentant der in viele Zweige geteilten syrischen Christen und heute weit verstreut in der weltweiten Diaspora. Und doch Zeugen der Ursprünge des Christentums. Ihre Gemeinden sind die ältesten nach der Urgemeinde von Jerusalem. Ihre liturgische Sprache hat Jesus gesprochen: Aramäisch. In der Türkei haben sie schlimmste Leiden erdulder, zerrieben in den Auseinandersetzungen des Zentralstaates mit den Kurden, und, als sei dies nicht genug, auch von den kurdischen Muslimen. Die Geschichte ihrer Heimat im Tur Abdin, dem „Berg der Gottesknechte“, und das Schicksal des kleinen Volkes gilt als vor der Weltöffentlichkeit weitgehend verschwiegen.

Nach dem Syrer empfängt er – die Besuche „bei den Anderen“ komplettierend – Isak Haleva, den Oberrabbiner für 25.000 türkische Juden. Ungezählte Sephardim fanden als Vertriebene der spanischen Reconquista eine neue Heimat im Osmanischen Reich. Die offizielle „Legende“ spricht von 500 Jahren Harmonie und Toleranz, die Juden erinnern sich an die verheerenden Anschläge auf zwei Istanbuler Synagogen im November 2003, bei der 57 Menschen getötet wurden

Die kirchliche Welt blickt nach Istanbul. Man ist gespannt auf die groß angekündigte gemeinsame „katholisch-orthodoxe“ Erklärung. Die Sprache ist eindrucksvoll – feierlich, „starr“ schon auch, wie ein Kommentator meint. Der Kern des Inhalts ist auf einen Satz gebracht: Die Kirchenspaltung sei ein Skandal für die Welt und ein Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums. Man will weiterkommen, das Ziel der vollen Einheit sei verpflichtend. Was tut man, wie schon aus der Politik bekannt? Man bildet erst einmal eine weitere Kommission. Gerade erst aus der Türkei zurückgekehrt, wird Benedikt einen Besucher aus Athen empfangen. Seine Seligkeit Christóduolos. Der Erzbischof ist im Vatikan kein Unbekannter. Er hat sich zu seinem Antrittsbesuch als neuer Primas der Orthodoxen Kirche Griechenlands angesagt. Da wird er aus erster Hand erfahren, was die Herren im Phanar miteinander ausgemacht haben.

„Gottes ist der Orient / Gottes ist der Occident / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ Wie schön, wenn’s dann wahr wäre, was Goethe für das Land fern hinten in der Türkei empfand. Ob der Herr Geheimrat schon deshalb ein „Muselmann“ war, wie manche seiner Zeit argwöhnten? Dann hätte unser Benedikt ja erneut Probleme, nachdem er den Türken „Adieu“ gesagt hatte – und, bevor er das Flugzeug nach Rom bestieg, ihnen versicherte: „Ein Teil meines Herzens bleibt hier in Istanbul.“ Wieder ein Bayer vor den Toren der Zitadelle? Wie weiland die Wittelsbacher, die ein Familienmitglied an die Griechen ausliehen: Otto I. von Bayern, ein junger Mann von sechzehn Jahren damals noch. Aber um Ecken verwandt mit Byzanz, mit den Kaiserdynastien der Komnenos und Laskaris, womit wir wieder zurückblicken auf die Zeiten der großen Kirchenspaltung, der Eroberung Konstantinopels und der Errichtung des lateinischen Kaiserreichs. Otto nun wurde 1832 König, regierte 30 Jahre lang, musste dann aber, weil er doch mehr auf internationalen Druck hin als auf Wunsch der Hellenen auf den Thron gekommen war, in seine Heimat zurück, wo er den Rest seine Lebens in Bamberg verbrachte. Ach ja, die Bayern und die Türken.

Es fehlte in diesen Tagen wahrlich nicht an historischen Reminiszenzen, Sprachbildern und symbolischen Gesten. Der Großmufti überreichte dem ehrenwerten Efendi aus Rom als Erinnerung an den Besuch in der Blauen Moschee eine Kalligraphie, ein Gebet, ausgedrückt im Bild einer Taube mit dem Ölzweig im Schnabel. Die Friedenstaube sei ja auch ein Zeichen einer gemeinsamen Kultur. Wie es der Zufall will, hatte Benedikt ein ähnliches Gastgeschenk mitgebracht: Ein Mosaik, auf dem gleich mehrere dieser Friedensboten zu erkennen sind. Das Bild deutet das Bild als eine Botschaft der Brüderlichkeit und als Erinnerung an einen Besuch, „den ich nicht vergessen werde“. Über der Kuppel der Blauen Moschee, angestrahlt gegen den dunklen Abendhimmel, kreisten zu dieser Stunde weiße Möwen. Und der eine oder andere Schwarmgeist deutete dies schon als ein Zeichen des Himmels.

Der Mufti zitierte Aristoteles, den griechischen Denker: Ein Vogel mache noch keinen Frühling. So wünsche er sich, doch wohl ganz auch im Sinne seines Gastes, viele Vögel, damit Blütenträume wahr werden. So oder ähnlich dürfte es der islamische Geistliche doch wohl gemeint haben. Denn noch liegt Frost auf den gegenseitigen Beziehungen. Die Nationalisten mussten auch noch am letzten Tag hetzen: Papst und Patriarch zusammen auf dem Titelbild als Beleg für die „Allianz der Kreuzfahrer“. Drei Päpste sind in den letzten fünfzig Jahren in Istanbul an Land gegangen, eine Statue von Benedikt XV. in der katholischen Kathedrale. Und jetzt hat Benedikt XVI. auch noch ein Standbild von Johannes XXIII. gesegnet – die Türkei in Gefahr? Welchen Bären wollen die Radikalen den Leuten aufbinden. Das Raubtier, das Benedikt im Wappen trägt, beißt nicht. Es trug, wie die Legende besagt, geduldig die Last, die ihm aufgetragen wurde. So der Mann, der mit dem Palmenzweig in der Hand ins Land der Moslems und die Heimat der ersten Christen reiste.

In seinem letzten Gottesdienst auf türkischem Boden, in der Predigt während des Gottesdienstes in der katholischen Bischofskirche, brachte Benedikt einige Höhenfluge zurück auf den Boden der Tatsachen und die aktuelle Situation auf den Punkt: Die Kirche möchte niemandem etwas aufzwingen. Sie verlangt lediglich, dass sie in Freiheit existieren kann, um den zu offenbaren, den sie nicht verstecken kann: Jesus Christus.


Ab dem morgigen Mittwoch wird an dieser Stelle das bayerische Reisetagebuch fortgesetzt.

Kommentar

Nach der Reise in die Türkei

Nach der Reise in die Türkei (Teil I)


Handwerker des Friedens

„Mit welcher Szene beginnen?“ würde ein Filmregisseur vielleicht gefragt haben. Wie wäre es mit dieser? Papst Benedikt XVI. lässt eine weiße Taube fliegen, im Hof der Kathedrale vom Heiligen Geist. Nomen est omen. Bartholomaios I., der griechisch-orthodoxe Patriarch und Mesrob II., der Patriarch der Armenisch-Apostolischen Kirche, der syrisch-orthodoxe Metropolit Filuksinos Yusuf und Vertreter der evangelischen Kirche sind Zeugen dieses Aktes.

Gewiss, es gab andere Höhepunkte und bewegende Momente dieser Reise in die Türkei, ob in Ankara, Istanbul oder im Wallfahrtsort Ephesus an der ägäischen Küste. Aber dieser Augenblick fasste das Geschehen, die Intention, das in der Erinnerung Haftende „symbolträchtig“, wie man in solchen Momenten zu sagen pflegt, zusammen: die schwierige Mission des Sendboten aus Rom und die, manche sagten, „wunderbare Verwandlung“ des Menschen Joseph Ratzinger. Vor dem Gottesdienst mit der katholischen Gemeinde und den hohen Gästen der getrennten und doch irgendwie schon wieder verbundenen Kirchen wird Benedikt wohl auch die Statue seines Vorgängers im Hof der Kathedrale gesehen und ein kurzes Gebet gesprochen haben. Die Figur stellt Benedikt XV. dar, ein Geschenk von Türken im Jahr 1919, am Ende des Ersten Weltkrieges, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, noch unter dem Eindruck der fürchterlichen Massaker an den Armeniern. Die Inschrift im Sockel des Standbildes lautet: „Dem großen Papst der Tragödie der Welt, Benedikt XV., Wohltäter der Völker, ohne Unterschied hinsichtlich Nationalität oder Religion, im Zeichen der Dankbarkeit. Der Orient.“

Benedikt XV., der von 1914 bis 1922 regierte, hatte sich vergeblich bemüht, die verfeindeten Mächte an den Verhandlungstisch zu bringen. Nicht zuletzt sein Friedens-Emmissär bekam das im Großen Hauptquartier der Deutschen in Bad Kreuznach zu spüren. Der Sondergesandte war Eugenio Pacelli, danach Apostolischer Nuntius in Deutschland und als Pius XII. mit der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts konfrontiert. Als einen „Handwerker des Friedens“ hatte Benedikt XVI. seinen Vorgänger bei anderer Gelegenheit gewürdigt. Und wohl auch Pius XII. in Erinnerung gehabt und dessen Leitwort: „Opus Justitiae Pax – Frieden ist das Werk der Gerechtigkeit“. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Benedikt segnet eine lebensgroße Statue, die Johannes XXIII. zeigt, ebenfalls mit einer Taube in der Hand. Auch dieser, Angelo Roncalli, Apostolischer Delegat des Heiligen Stuhls in Istanbul während des Zweiten Weltkrieges, hat sich der Opfer angenommen und dank seiner Vermittlung und Hilfe auch verfolgten Juden das Leben retten können. Auch Benedikt will „Handwerker des Friedens“ sein, in der Reihe seiner Vorgänger, die sich bis hin zu Johannes Paul II. fortsetzte. Die Zeitumstände lassen ihm keine andere Wahl. Nicht weit hinter der Türkei brennt es lichterloh.

„Einen Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden“ hat er gemeistert. Die Medien diesseits und jenseits des Bosporus sind sich einig, abgesehen von den notorischen Stänkeren. Unisono titeln sie, dem Papst auf seinen Schreibtisch gelegt: „Feuerprobe bestanden“. Man musste ihn nicht für alles loben, aber für dieses Unternehmen ohne Abstriche. Nicht wenigen fällt ein Stein vom Herzen, nach den düsteren Vorhersagen, den Verlauf und seine persönliche Sicherheit betreffend.

Kein Kreuzfahrer an der Küste Anatoliens, kein christliches Komplott in den Mauern Istanbuls, keine Reconquista – Propaganda, mit denen nationalistische und islamistische Scharfmacher ihre Schreihälse auf die Straße riefen. „Ich bin als Freund gekommen und als Apostel des Dialogs und des Friedens“, gab er den Angstmachern zur Antwort.

Schon der erste Eindruck, kaum dass er seinen Fuß auf türkischen Boden gesetzt, die ersten Hände geschüttelt, die ersten öffentliche Worte gesagt hatte, verwarf die Klischees vom Vortag. „Demütig“ sei er angekommen – wohl unter Anspielung auf „Regensburg“. „Fromm wie ein Lamm“ habe er sich gegeben, sich bewegt wie auf „Samtpfoten“. Papst Ratzinger, der gezähmte Tiger aus dem ehemaligen Glaubenspalast? Die Presse liebte in diesen Tagen die Metaphern, beeindruckt von der Ausstrahlung Benedikts. Auf schwierigem Terrain hat er sein Meisterstück abgeliefert, als Diplomat, als feinsinniger Mensch. Manche werden im Verlauf der Tage dann wohl auch den „eigentlichen“ Joseph Ratzinger erkannt haben, der sich immer selbstsicherer in der nicht alltäglichen Welt des west-östlichen Diwans bewegte.

Nur die hermetische Abriegelung ganzer Wohnbezirke, die Sperrgitter an einigen Zufahrtsstraßen in Istanbul, Stenosen im Verkehrskreislauf einer Millionenstadt, störten die Bewohner der Hauptstadt. Potentielle Meuchler hätten sie kaum aufgehalten. Massenpublikum war nicht zu erwarten. Ankara und Istanbul sind nicht München oder Regensburg.

Vorweg: Was bleibt? Die Muslime sind angetreten zum Marsch durch die Institutionen. Nicht nur die „Islamisten“. Eine Studentin, eine bekennende Muslima, protestiert vor einer deutschen Fernseh-Kamera gegen das Kopftuchverbot an den Universitäten. Die Türkei sei ein „islamisches Land.“

Die orthodoxen Christen, namentlich die „Griechen“, fürchten weiterhin den Druck der staatlichen Repression. Rivalität aus historischer Zeit bis in die Gegenwart. Die Kurden, selbst Muslime, fallen der „Staatsvolk“-Doktrin zum Opfer, die „Syrer“ zwischen allen Feuern, insbesondere jene aus dem Tur-Abdin im Südosten Anatoliens, dem „Berg der Gottesknechte“, wo man in der Liturgie noch die Sprache Jesu verwendet. Besonders schmerzhaft: das Schicksal der Armenier. Ihre Zahl wird auf bis zu 70.000 geschätzt. Der Genozid vor 90 Jahren – der Begriff der „ethnischen Säuberung“ war noch nicht geläufig – kostete bis zu eineinhalb Millionen Menschen das Leben. Dieser Völkermord wird bis heute vom Staat tabuisiert.

Den religiösen und ethnischen Minderheiten bleibt nur zu hoffen, dass der Besuch einer so weltweit geachteten Persönlichkeit wie die des römischen Papstes auch die politische Führung des eigenen Landes beeindruckt. Sich an die Verfassung hält. Ob mit oder ohne Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Die innertürkischen Probleme stehen auf einem anderen Blatt. Die Islamisten sehnen sich nach einer Art Gottesstaat, die Nationalisten träumen vom Großtürkischen Reich, die Kemalisten fürchten um die Errungenschaften ihres Stammvaters Mustafa Kemal, genannt Atatürk. In Abwandlung einer Volksweisheit: „Wenn die Großen sich kämmen, verlieren die Kleinen die Haare“.

In der Blauen Moschee

Zum zweiten Mal besucht ein Papst eine Moschee: nach Johannes Paul II. in Damaskus jetzt Benedikt in Istanbul. Zunächst war nur die Hagia Sophia vorgesehen, die alte byzantinische Reichskirche, dann Moschee der Sultane und seit 1935, von Atatürk verfügt, ein Museum. Paul VI. war dort 1967 zum Gebet niedergekniet. Das hatte Ärger gegeben. Die Muslime wollen auch wieder hinein. Gegenüber liegt die Hauptmoschee.

Kurz vor Reisebeginn – „Regensburg“ hängt ihm doch wohl schwer nach – ändert er das Programm, entscheidet Benedikt sich auch für einen Besuch in der Sultan-Ahmet-Moschee. Sie ist die Hauptmoschee Istanbuls, eine Schönheit in jeder Hinsicht, als Sakralbau und kunstgeschichtlich. Im Tageslicht und in der Dunkelheit angestrahlt kommt ihre Schönheit zur Geltung. Die Kuppel, die Mauern aufwändig mit Fayence-Kacheln bedeckt – diese Zier gab ihr den Namen, unter dem sie Berühmtheit erlangte: Blaue Moschee. Der Besuch des Papstes, ein hoher Repräsentant der Christenheit an einem zentralen Ort des Islam. Der Muslim spricht vom „Ort der Niederwerfung.“

Der Großmufti von Istanbul, Mustafa Cagrici, begrüßt und begleitet ihn. Sie durchschreiten den mit Teppichen ausgelegten haram (Betsaal). Auch Benedikt fügt sich der Regel, die Schuhe auszuziehen. „Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“, sagte der Herr zu Mose. Man reicht Benedikt weiße Pantoffel. Benedikt in einem Haus Gottes. Hier spricht man anders als in Amtsräumen. Der Mufti, also ein gebildeter Mann und islamischer Rechtsgelehrter, versteht sich auf Komplimente. Von der Botschaft des Papstes gehe Synergie aus, die sich auf das Verhältnis zwischen den Religionen auswirken möge. Angekommen an der Stelle, wo die mihrab (Gebetsnische) nach Mekka weist, zum zentralen Heiligtum der Kaaba, bittet er den Papst leise: „Lassen Sie uns einen Moment innehalten“. Es ist der Ort, an dem der Beter, wie vorgeschrieben, sein Haupt neigt und sich schließlich mit dem ganzen Körper zu Boden beugt, in Andacht vor Gott, der Welt für diesen Moment entrückt.

Cagrici wird später vor Journalisten erklären: Der Gedanke sei ihm spontan gekommen. 30 bis 40 Sekunden für ein stilles Gebet, habe er gemeint. – „Im Namen des Allerbarmers, des Barmherzigen“. Die Bismillah, der erste Satz des Korans, eröffne jedes Gebet und jede fromme Handlung eines Muslims, erläutert der Mufti. Benedikt bleibt höflicher Zuhörer. Lehrmeinungen aus Rom sind hier nicht angebracht. Sonst würde er antworten: Fromme Christen beginnen ihr Tagwerk mit der Anrufung Gottes, die dem Grunde nach der islamischen verwandt ist, allerdings mit einem wesentlichen Punkt „unterscheidend“: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Lehre von der „Dreieinigkeit“, sie will einem Moslem nicht in den Kopf, auch dem Juden nicht. Den Christen musste der heilige Patrick dieses Geheimnis mit Hilfe eines Kleeblatts beibringen.

Nachdem der islamische Geistliche sich längst schon aus der geistlichen Betrachtung in die diesseitigen Pflichten zurückgerufen hatte, stand Benedikt immer noch unbeweglich neben ihm, in stiller Andacht, die Augen leicht geschlossen, den Mund leicht geöffnet. Unbeeindruckt von den Kameras, die ihn tastend absuchten, bildfüllend, vom Kopf zu den Händen und wieder zurück. Detektoren der enttabuisierten Gesellschaft.

Hat Benedikt nun in der Blauen Moschee „wie ein Moslem“ gebetet, „mit dem Blick nach Mekka“ – wie die türkischen Zeitungen überschwänglich berichten? (Rückfrage: In welche Richtung würde ein Muslim schauen, beim Besuch etwa des Kölner Domes, mit dem Dompfarrer im Angesicht des Altarkreuzes?) – Nein, er hat die Hände nicht zum Gebet gefaltet, nach Art der Christen. Seine Lippen bewegten sich kaum. Die Hände waren zwar zusammengelegt, wie Muslime beten, aber nicht, wie die Regel vorschreibt. Sein Blick fiel nicht auf die Stelle, wo der Beter mit der Stirn den Boden berühren wird. Auch der Mufti wird nicht in die Knie gehen.

Benedikt hat sein Brustkreuz, das goldene Pektorale, nicht abgelegt. Der Unterschied sollte sichtbar sein. Keine Fehldeutung, bitte. War es nötig, dass der Vatikan eilfertig mitteilte, der Papst habe nicht gebetet, sondern nur „meditiert“? Wen geht das an, wie Benedikt in diesem Augenblick mit seinem Schöpfer gesprochen hat? Ob Gott, Allah oder der Ewige – er hat immer Sprechzeit. Und fragt nicht nach der Körperhaltung.

Mustafa Cagrici hatte dies erfasst und das „Gebet“ des Papstes auf seine Weise gedeutet. Benedikt müsse in diesem Augenblick wohl sehr „glücklich“ gewesen sein. Eine anderweitig abgenutzte Vokabel. In einem Moment wie diesem in der Blauen Moschee, aber das einzige Wort, um die Tiefe, den inneren, den „spirituellen“ Wert zur Sprache zu bringen. Wem der Euphemismus zu weit geht, dem mag die profane Feststellung des Muftis genügen: Es war „eine schöne Geste“, und – da wieder dieses „Regensburg“ – diese Geste war bedeutsamer als eine wörtliche Entschuldigung. Nur die Fundamentalisten in der Redaktionsstube von „Milli Gazete“ konnten nicht über ihren Schatten springen. Als wollten sie das „Mea culpa“ erzwingen.

Der Besuch in der Blauen Moschee – man kann aus dem Augenblick die Wirkung nicht einschätzen. War dies ein großer Schritt, nach dem Versuch seines Vorgängers bei der Omajaden-Moschee in Damaskus? Man erinnert sich an die interkonfessionellen Begegnungen von Assisi, von Johannes Paul II. ins Leben gerufen. Die Vertreter der Religionen trafen sich zum Friedensgebet. Zur selben Stunde, am selben Ort. Aber nicht zum selben Gebet. Sondern jeder auf seine Weise. Beim letzten Mal schon nicht mehr gemeinsam, sondern in getrennten Räumen. Kardinal Ratzinger mochte seine Vorbehalte gehabt haben, aber er blieb den Begegnungen nicht fern. In Istanbul ist er, das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, einen Schritt weiter gegangen. Auf der Linie seines Vorgängers. Alle Religionen sind aufgerufen. Alle Menschen guten Willens. Die drei Religionen, die sich auf den Gott Abrahams berufen, könnten den Anfang machen. Nicht das Trennende, sondern das Verbindende suchen. Ein Zeichen der Zeit, um mit Johannes XXIII. zu sprechen.

Im Haus der Muttergottes

Benedikt, der Seelsorger, der Hirte. Er war natürlich auch gekommen, um der eigenen kleinen Herde, den lateinischen und den so genannten unierten Katholiken, Mut zuzusprechen. In Istanbul und, ein Höhepunkt des pastoralen Teils der Reise, mit der Wallfahrt zur Gottesmutter nach Ephesus. In einem Wohnhaus in dieser aus antiker Zeit stammenden Siedlung und Standort einer der ersten Christengemeinden in Kleinasien, soll sie bis zu ihrem Tod gelebt haben. Eine fromme Legende. Und Vision der Anna Katharina Emmerick, der Seherin aus dem westfälischen Münsterland. Johannes Paul II. hat sie 2004 selig gesprochen. Auch gläubige Muslime pilgern zum „Meryem Ana Evi“, dem Haus der Maria, der Mutter des Propheten Issa.

Ephesus, das ist der Ort, wo Johannes, der „Lieblingsjünger“, sein Evangelium schrieb, der Völkerapostel Paulus predigte, „der türkische Jude mit dem römischen Pass“ (wie ihn der Journalist Paul Badde bezeichnet). Ephesus auch der Ort, wo der neue Glaube im Streit um die wahre Heilslehre zum ersten Mal zerfiel. Ist der Jesus von Nazareth wahrer Gott und wahrer Mensch; seine Mutter eine „Gottesgebärerin“? Ein Konzil musste das klären, eine „Räubersynode“ blieb auf der Strecke. Die Geschichte der Spaltungen und Bannflüche begann, bis hin zum großen morgenländischen Schisma von 1054. Da ging es nicht mehr nur um theologische und kirchenrechtliche Fragen zwischen dem Papst in Rom und dem Kaiser von Byzanz und dem Patriarchen von Konstantinopel, sondern massiv auch um weltliche Macht.

Zwischen Religion und Politik

An die mitreisenden Journalisten hatte Benedikt auf dem Hinflug ausgegeben: Dies ist keine politische Reise, sondern eine pastorale. Zumindest am Ankunftstag ließ sich diese Unterscheidung schwer durchhalten.

Wäre Benedikt nur als Oberhaupt seiner Kirche angereist, den politischen Autoritäten des säkularen, laizistisch verfassten Staates hätte dies so gleichgültig sein können, wie dem Gros des türkischen Staatsvolkes. Nun ist der Papst – ein völkerrechtliches Unikat – in einer Person auch Staats- und Regierungschef, hatte folglich, Regensburg hin oder her, Anspruch auf die protokollarischen Gepflogenheiten – nicht zuletzt wegen der auf die Türkei gerichteten Augen der ganzen Welt, und irgendwie – wie man sich leicht denken konnte – in besonderer Weise aus dem Blickwinkel von Brüssel. Zwar winkten keine Fähnchen, als der Airbus A 321 mit dem inzwischen bekannten Namen „Piazza de Duomo di Lecce“ (dieses Alitalia-Flugzeug hatte Benedikt auch nach München gebracht) pünktlich um ein Uhr Mittag Ortszeit auf der Landebahn des Hauptstadt-Flughafens aufsetzte.

Nun stand doch, – entgegen den Spekulationen – ein angemessenes Empfangskomitee am Roten Teppich, direkt vor der Gangway: der Bürgermeister der Stadt, ein ranghoher General und – nicht mehr überraschend, weil inzwischen zweckdienlich vom staatlichen Presseamt angekündigt – auch Recep Tayyip Erdogan, der Ministerpräsident.

Zunächst hatte der Regierungschef nicht gewollt oder nicht gekonnt. Ein „lange im Voraus bekannter Termin“: Die NATO-Gipfelkonferenz schien ein nicht ungünstiger Entschuldigungsgrund. Wer und was immer ihm zu der höheren Einsicht verholfen haben mag, eine derartige Brüskierung des hohen geistlichen Besuchers besser nicht zu riskieren – nun stand er bereit, den Papst „per Handschlag“ zu begrüßen, den Anstand zu wahren, wie ihn der Prophet Muhammad gelehrt hat, bemerkt später die „Zaman“ (Zeit), eine gemäßigt islamische, der Regierung nahestehende Zeitung.

Großes Protokoll auf dem Flughafen wäre in diesem Fall von der Sprechzeit abgegangen. Ein Viertelstündchen. Die Regierungsmaschine nach Riga wartete schon startbereit. Erstmals in einem einmal von der Sowjetunion okkupierten Staat. Und ein ganz anderes Problem mit der islamischen Welt: Afghanistan, und im Hintergrund auch: Iraq, Libanon, unausgesprochen auch Tschetschenien und der Kaukasus.

Selbstverständlich bleibt die Reise des Papstes nicht unberührt von der politischen Lage und den aktuellen Ereignissen in der gesamten Region des Nahen Ostens. So nutzt er in Ephesus die Gelegenheit zu einer Botschaft: „Von diesem Streifen der anatolischen Halbinsel, einer natürlichen Brücke zwischen den Kontinenten, erbitten wir Frieden und Versöhnung, besonders für jene, die in dem Land wohnen, das wir „heilig“ nennen und als solches sowohl von den Christen, als auch von den Juden und Moslems angesehen wird. Frieden der ganzen Menschheit.“ Könnte ihn eine seiner nächsten Pastoralreisen in das Heilige Land führen? Auf den Spuren seiner Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II.? Den Wunsch hat er schon geäußert. Eine Delegation des israelischen Außenministeriums war inzwischen im Vatikan. Die diplomatischen Beziehungen funktionieren, mit gelegentlichen Betriebsstörungen. Vor einer Reise nach Jerusalem müssen Fragen geklärt werden, die den Rechtsstatus der dortigen Kirche klären. Ein wenig „türkische Verhältnisse.“ Die Zeit der osmanischen Hoheit wirkt offenbar nach.

Politisches Spitzengespräch in der VIP-Lounge am Flughafen von Ankara. Zwei Sessel sind bereitgestellt, ein Tischchen mit Gebäck und Kaffee dekoriert, unter einem großen Porträt von Mustafa Kemal, genannt Atatürk, dem „Vater der modernen Türkei.“ Ein Viertelstündchen sei vorgesehen. Andere zählen 20 Minuten. Man kann nicht die ganze Weltpolitik durchgehen. Der bekennende Muslim und der katholische Theologe würden sich wohl kaum in ein Religionsgespräch vertiefen, wie weiland Kaiser Manuel zu Byzanz mit einem islamischen Gelehrten. Aber darauf kommt es Erdogan wohl auch nicht an.

Ist Benedikt der Türkei nicht noch etwas schuldig, spätestens seit Regensburg? Hatte sich Kardinal Ratzinger nicht gegen einen EU-Mitgliedschaft der Türkei ausgesprochen? Man sollte ihn hier und jetzt um Unterstützung bitten. Erdogan – unter Verletzung diplomatischer Gepflogenheiten – trägt auf den Markt, was er mit dem Papst unter vier Augen besprochen hat. Italienisch wurde kommuniziert. Die bekannte Schauspielerin Serra Yilmaz übersetzte. Erdogan zitiert den Papst: „Ich bin zwar kein Politiker, aber ich wünsche mir, dass die Türkei in die EU kommt“. Und als wollte er den Papst auf diese Zusage festnageln, fügt der Türke hinzu: „Das ist im Protokoll festgehalten“. So berichten anderntags die Medien. Gegenüber Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer habe der Papst seine Auffassung wiederholt. Der erwünschte Effekt.

Hat Benedikt wirklich? Und in welcher Form stellt er sich die „europäische Türkei“ vor? Auf welchem Terrain bewegt er sich? Hat er die bedrängte Lage der Christen vor Augen? In der Presse ist schon von einem Kurswechsel des Papstes die Rede. Wenn er dementiert, verschlimmert er die Angelegenheit. Vatikanische Interpreten müssen einspringen. Der Pressesprecher, Jesuitenpater Lombardi, erklärt gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur: Der Vatikan habe nicht die Macht und nicht die besondere politische Aufgabe, in einer so fest umrissenen Angelegenheit wie einem EU-Beitritt zu intervenieren und strebe dies auch nicht an. Aber völlig dementieren will er offenbar die Äußerungen des Papstes nicht. Spricht davon, dass der Heilige Stuhl eine positive Haltung zu einer „Annäherung“. der Türkei an die EU einnehme. Man will wohl auch nicht dem Patriarchen von Konstantinopel in den Rücken fallen, der in dieser Frage eine klare Haltung einnimmt, weil er sich von einer Aufnahme der Türkei in die Europäische Union doch gewisse Vorteile für die heute noch bedrängte Situation der Christen am Bosporus verspricht.

Schließlich braucht es nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, dass eine Isolation des Landes am Bosporus nur den Radikalen in die Hände spielen dürfte.

Interessant nachzulesen ist in diesem Zusammenhang die Auffassung, die Kardinal Ratzinger vor zwei Jahren in der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ vertrat. Er betonte, dass die Türkei zwar „historisch nie ein Teil von Europa“ gewesen sei. Das politische System halte sich für einen säkularen Staat, „dies allerdings auf der Grundlage des Islam“. Dennoch billigt er dem Land am Bosporus ein tragende Rolle an dieser Nahtstelle im Nahen Osten zu. Die Türkei könnte versuchen, ein kultureller Kontinent mit benachbarten arabischen Ländern zu sein und auf diese Weise zum Vorkämpfer einer Kultur werden, die ihre eigene Identität besitzt: „Dies aber in Gemeinschaft mit den großen humanistischen Werten, die wir alle anerkennen sollten.“ Diese Idee schließe „Formen der Partnerschaft und der engen freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Europa“ nicht aus. Vielleicht denkt er an Angela Merkels Konzept der „privilegierten Partnerschaft.“ Hat in jüngster Zeit wiederholt mit ihr gesprochen.

Aufklärungsarbeit bedarf es vielleicht noch in München. Edmund Stoiber hat nun einmal beschieden: „Die Türkei ist kein europäisches Land, und wer sie aufnimmt, ändert den Charakter Europas, und das will ich nicht.“ Milliyet, das linksliberale Istanbuler Blatt, kommentierte solche Aussprüche: Konservative Politiker würden die EU wohl für einen Christenclub halten.

Wegen der Zypernfrage will Stoiber, dass die Beitrittsverhandlungen zumindest auf Eis gelegt werden, solange die Türkei ihre bisherigen Verpflichtungen nicht erfüllt. Den Türken wird vorgeworfen, das auch von ihnen unterschriebene Ankara-Protokoll zu verletzen, dass sie die Ausweitung der Zoll-Union auf alle neuen EU-Mitglieder, also auch auf die Republik Zypern, die Inselhälfte der Insel-Griechen, nicht mitmacht. Andererseits verlangt die Türkei die Aufhebung des EU-Handelsembargos, von Brüssel verhängt, weil die Türkei die Nordhälfte, die nur von Ankara anerkannte Türkische Republik Nordzyperns militärisch besetzt hält. Das Ende vom (bisherigen) Lied: Die EU-Kommission hat die Beitrittsverhandlungen teilweise ausgesetzt, aber nicht vollständig gestoppt.

Zypern hat schon angekündigt, die Weiterverhandlungen blockieren zu wollen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Kaum hatte sich der Papst verabschiedet, verweigerte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer die Unterschrift unter ein Gesetz, das, vom Parlament bereits verabschiedet, die Eigentumsrechte der nicht muslimischen Religionsgruppen, also der Minderheiten regeln soll, wie von der EU gefordert. Betroffen sind vor allem die griechischen und armenischen Christen sowie die Juden.

So erreichte die Realpolitik im Nahen Osten auch diese doch „nur“ als Pastoralbesuch deklarierte Reise. Vom „historischen Zusammenprall“ der Kulturen zur neuen sich zur globalen Konfrontation ausweitenden „Kriegserklärung“ militanter Fundamentalisten. Auch den Papst nahmen sie erneut ins Visier. Eine wenig bekannte „Bewegung Islamischer Staat im Irak“, angeblich vom El Quaida-Netzwerk unterstützte sunnitische Aufständische, wüteten, der Papst wolle in der Türkei die Flamme des Islam auslöschen, in den Schlamm des von Atatürk begründeten Säkularismus. Einmal mehr auch die abgegriffene Unterstellung vom christlichen Kreuzzug, gleich vermischt und vermengt mit den Kreuzzüglern in Afghanistan und Irak, die sich dort ihre Abfuhr holten. In der Tat nicht nur ein politisches Minenfeld, auf dem sich der Papst bewegte. Die strengsten Sicherheitsmaßnahmen wohl nicht überflüssig erscheinen ließen. Wie zum Beleg wird zu gleicher Zeit bekannt, dass bei einer Razzia in Deutschland eine türkische Terrorgruppe festgenommen wurde, die sich „Revolutionäre Volksbefreiungsfront“ nennt. Den Extremisten wird vorgeworfen, das türkische Regierungssystem zerstören zu wollen. Auf ihr Konto kämen mehrere Anschläge in türkischen Großstädten.

Ministerpräsident Erdogan, der Redselige, erzählte den Journalisten, was er auch in diesem Zusammenhang mit dem Papst bei der Kurzbegegnung besprochen hat: Er habe diesen über die „Allianz der Zivilisation“ unterrichtet, die er, Erdogan, gemeinsam mit dem spanischen Ministerpräsidenten Jose Luis Rodriguez Zapatero leite. In einem „Appell von Istanbul“ werde für mehr Verständigung zwischen dem Islam und dem Westen geworben. Reaktion auch auf die Anschläge von New York und Madrid. Das Manifest soll im Dezember den Vereinten Nationen in New York vorgelegt werden. Papst Benedikt habe ihn um den Text gebeten. Das trifft sich mit der Auffassung des Kardinals vor zwei Jahren im „Figaro“, die Zusammenarbeit der Türkei mit Europa „erlaube die Entstehung einer geeinten Kraft, die sich jeder Form von Fundamentalisten widersetzen würde.“


Teil II der Nachbetrachtungen der Türkei-Reise erscheinen morgen. Am Mittwoch wird dann das bayerische Reisetagebuch fortgesetzt.

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