Nach der Reise in die Türkei

Nach der Reise in die Türkei (Teil II)

„Brückenbauer“ will er sein, „Handwerker des Friedens.“ Kein scharfkantiges Wort. Lieber Komplimente á la Orient. In das Besucherbuch der nationalen Gedenkstätte trägt er sich, sich auf Kemal Atatürk beziehend, mit den Sätzen ein: „In diesem Land, einem Ort der Begegnung verschiedener Religionen und Kulturen, Brücke zwischen Asien und Europa, mache ich mir gern die Worte des Gründers der Republik zu eigen: „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt.“

Den Krakeelern – „Papst bleib weg“ – antwortet er mit einem Wort seines Vorgängers Johannes XXIII. / Angelo Roncalli, als dieser in Istanbul residierte: „Ich liebe die Türken, die ihren Platz in der Geschichte der menschlichen Zivilisation haben“. Er, Benedikt, hege die gleichen Gefühle. Der Großmufti von Istanbul, Ohrenzeuge dieser Worte während einer Begegnung im Religionsamt, zeigte sich noch am übernächsten Tag beeindruckt, als er Benedikt in der Blauen Moschee empfing: Von der Botschaft des Papstes gehe eine unglaubliche Synergie aus.

Sicherheit

Wie reist ein Sendbote des Friedens und der Versöhnung: Von militärischen AWACS-Aufklärungs-Flugzeugen beschützt, von Patrouillen der Marine, von Scharfschützen, Antiterrorkommandos, Sprengstoff-Experten, Polizei und Sondereinheiten, Abwehrspezialisten der Staatsicherheits- und Nachrichtendienste, Hubschraubern über Straßen und Plätzen, einer Phalanx von Leibwächtern, in gepanzerter, abgedunkelter Limousine, die ihn im Eiltempo zu den Pflichtterminen fährt, auf weiträumig abgesperrten Straßen, vorbei an leeren Bürgersteigen. Schärfer bewacht als der amerikanische Präsident. Falls dies ein Maßstab sein soll. Da mochte es wie ein Glücksmoment erscheinen, dass „Sabah“, die populäre Tageszeitung in Ankara, ihre Titelseite mit der Schlagzeile aufmachte: „Benvenuto.“ Nur „Milli Gazete“, der radikalen Nationalzeitung, schien es nicht genug: Besteht auf förmliche Entschuldigung. Gemeint ist „Regensburg“. Der Papst erwähnt den Vorgang mit keinem Wort. Aber er kommt nicht „ungeschoren“ davon.

Das Protokoll achtet auf die geltende Hierarchie im Lande Kemal Atatürks: Erst Staat und Politik und der obligatorische Besuch in der „Kathedrale der Nation“, dem Atatürk-Mausoleum. Kranzniederlegung am Sarkophag des Staatsgründers. Zwei Soldaten der Ehrenwache, angeführt von einem Offizier mit gezogenem Säbel: In gemessenem Defilier-Schritt tragen sie den Kranz voran. Ein Gebinde in den türkischen, nicht den vatikanischen Staatsfarben, weiße und rote Blüten – durchzogen von einem Namensband mit der schlichten Inschrift: Papa Benedikt XVI. – Der Mann des Kreuzes ist gekommen, ohne ein Kreuz zu zeigen, jubeln die Tageszeitungen. Benedikt hatte im langen weißen Wintermantel das Flugzeug verlassen. Wohl nicht nur der Tagestemperatur wegen. Das erste Bild von ihm also ein „neutrales“. Später wird er die Insignien nicht verbergen.

Das Zeremoniell im Mausoleum beendet ein Trompetensignal. Kaum ist es verklungen, ertönt der Ruf des Muezzin vom Minarett der nahen Moschee: Allah ist der Allergrößte. Kommt, o ihr Gläubigen, zum Gebet. Deutlicher kann man dem christlichen Religionsführer nicht bedeuten, wer im Land den Ton angibt. Atatürk hin, Erdogan her.

Es gab Steine wegzuräumen. Gleich am ersten Tag, nach den politischen Verpflichtungen, Termin beim Präsidenten des Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Herr über mehr als 70.000 Moscheen und Imame, im Auftrag des Staates, aber sichtbar auf weitgehende Eigenständigkeit bedacht. Ali Bardakoglu, Professor für Islamisches Recht, empfängt seinen Gast aus dem Vatikan vor der Tür. Eine Geste bevorzugter Aufmerksamkeit. Würdevoll trägt er den roten Fez, mit dem weißen Turban umwunden. Dazu einen langen weißen Mantel, mit goldenen und roten Borten besetzt. Selbstbewusstsein. Augenhöhe. Der Papst will schon mit dem Protokoll ein Zeichen setzten. Nicht er empfängt, sondern er wird empfangen. Kein „Gang nach Canossa“, schreiben vorsorglich einige Kommentatoren. Eine Geste der Versöhnlichkeit. Die Großmuftis von Istanbul und Ankara nehmen an dem Gespräch teil. Ein christlich-islamischer Gipfel.

Zunächst die Förmlichkeiten und Höflichkeitsadressen. Übereinstimmung wird festgestellt. Dringlichkeit des Dialogs. Einander besser kennenlernen, Gemeinsamkeiten anerkennen, die Unterschiede respektieren, Spannungen ohne Gewalt überwinden. Oder, wie der Papst dem begleitenden Journalistenkorps erklärte: Die Differenz und Kohärenz zwischen Christen und Muslimen ausloten.

Einig waren sich die geistlichen Herren auch in der Klage über den fortschreitenden Säkularismus in der Welt, den Relativismus und den Nihilismus. Die strenge Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Leben führe in die Sackgasse, sagt der Papst und begibt sich auf „vermintes“ Gelände. Doch er fügt hinzu, Angebot und Mahnung zugleich in beiden Richtungen: Die Religionen sollten sich aus der konkreten Politik heraushalten, sich selbst nicht gewaltsam gegenüber anderen durchzusetzen versuchen, sondern gemeinsam sich bemühen, akzeptable Lösungen für eine bessere Welt zu finden. Nach dem Titel eines Buches über Joseph Ratzinger, dem Auftrag Jesu, einer christlichen Maxime folgend: „Ihr seid das Salz der Erde“. Der Papst in einer seiner Ansprachen in der Türkei fährt fort: Das setzt allerdings voraus, dass auch der Staat die Religionen als gesellschaftliche Kraft akzeptiert, die freie Religionsausübung auch in der Praxis durchsetzt, insbesondere für die religiösen Minderheiten. Man habe den Eindruck, dass der Staat gezielt die Sunniten als überwiegende Mehrheit der Bevölkerung fördere, sagen Kenner der Verhältnisse. Die anderen allenfalls Bürger zweiter Klasse dieser „Staatsvolk“-Politik und -Ideologie.

Was kann man tun? Wo Worte nicht reichen, überrascht Benedikt auch mal mit einer Geste. Wie man ihn so gar nicht kennt: Bei der katholischen „Familienfeier“ auf dem „Nachtigallenhügel“, wo die Gottesmutter gelebt haben soll, beendet er die Fürbitte am Schluss seiner Predigt auf Türkisch: „Aziz Meryem Mesih’in Annesi bizim icin Dua et – heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns.“ Auf Türkisch auch die Dedikation und der Friedensgruß zu Beginn der Predigt: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Friede sei mit Euch.“ Das ist die auch dem Muslim geläufige, wenn auch bei der Anrufung Gottes verschiedene Formel. „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Selamün Aleyküm.“ Nach dem Gottesdienst im Freien, umringt von den Gläubigen, ergreift Benedikt spontan eine türkische Fahne – die Kameras sind dabei: Schaut her, meine Christen wollen auch gute Bürger sein. Als sei dies nicht genug, wird er mit den Worten zitiert: „Ich habe die große türkische Kultur immer bewundert, deshalb war es seit Beginn meines Pontifikats mein inniger Wunsch, die Türkei zu besuchen, die Freundschaft zwischen dem Heiligen Stuhl und der Türkei zu vertiefen. Ich wollte einen Beitrag leisten zur Begegnung der Kulturen, zur Arbeit für Frieden und Versöhnung. Das ist die Pflicht unserer Zeit.“

Es ist ihm mit der Religionsfreiheit – Verzeihung – „verdammt“ ernst. Vor dem Diplomatischen Corps holt er aus: „Es ist Aufgabe der zivilen Autoritäten eines jeden demokratischen Landes, die effektive Freiheit aller Glaubenden zu garantieren und ihnen zu erlauben, das Leben ihrer eigenen religiösen Gemeinschaft zu organisieren. Dies beinhaltet sicher, dass die Religionen ihrerseits nicht versuchen, direkt politische Macht auszuüben, weil sie dazu nicht berufen sind, und im besonderen, dass sie absolut darauf verzichten, den Rückgriff auf Gewalt als legitimen Ausdruck religiöser Praxis zu rechtfertigen.

Auch in der „Gemeinsamen Erklärung“ mit dem Ökumenischen Patriarchen wird die Frage der Religionsfreiheit aufgegriffen. Das Dokument fordert die „unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person“ ein, „insbesondere der Religionsfreiheit, die der Beweis und Garant des Respekts vor jeder anderen Freiheit ist“ und die in der Europäischen Union anerkannt werden möge. Die sei ein Gütezeichen der europäischen Gemeinschaft. Das ist natürlich auch in Richtung Ankara geschrieben. Mehr kann man von Benedikt in diesen vier Tagen wohl nicht erwarten.

Kehren wir zu dem Gespräch mit dem christlichen Papst und einem islamischen Religionslehrer zurück. Kein tiefer Meinungsaustausch sicherlich, nicht im zeitlichen Rahmen einer solchen Reise. Immerhin ein bemerkenswerter Ansatz. Benedikt wartet erneut mit einem Zitat auf. Seine Zuhörer zunächst wohl verblüfft. Aber er will es ihnen zeigen: Ich kann auch anders. Benedikt bezieht sich auf eine Begebenheit aus dem Jahr 1076. Man bleibt im Mittelalter. Diesmal ist nicht Kaiser Manuel sondern Papst Gregor VII. der Kronzeuge. Dieser Papst hatte einen muslimischen Prinzen aus Nordafrika empfangen. Dabei soll er das Thema der brüderlichen Liebe angesprochen haben, in der Sprache der Christen „Caritas“ genannt. Aber beide, Christen und Muslime, seien sich diese Liebe gegenseitig schuldig, zitiert Benedikt seinen frühen Vorgänger, der dies mit dem Hinweis begründete: „Denn wir glauben und bezeugen den einen Gott, wenn auch in verschiedener Weise. Jeden Tag loben wir ihn und verehren ihn als Schöpfer der Jahrhunderte und Herrscher dieser Welt.“ Nun müsste man wohl hinzufügen: Die Moslems freilich ohne Gottessohn und Heiligen Geist. Aber hier und jetzt ist nicht der Moment zu unterscheiden, was in der Bibel und im Koran steht, im Katechismus und in der Sunna.

Katholische Kommentatoren zeigen in diesen Tagen ein gewisses Verständnis, dass die erzwungene „Kemalisierung“, die Trennung von Staat und Religion, auch nach siebzig Jahren vom Islam noch nicht verdaut wurde, woraus die Radikalen ihre Nahrung bezögen. Soviel Verständnis geht manchen Sprechern der christlichen Seite dann doch etwas zu weit. Wenn der Papst von den eindrucksvollen Zeugnissen der christlichen und islamischen Kultur spricht und dabei wohl eher die Monumente aus vergangenen Zeiten vor Augen hat, dann erinnern Ortskundige an die verfallenden Kirchen und zeigen auf die Steine, die den Christen heute auf die Füße geworfen werden. Der Einzelne könne seinem Glauben zwar nachgehen. Aber die Kirchen als Institution seien schwer betroffen. Ohne Rechtsstatus, sozusagen „nicht existierend“. Grundstücke erwerben, Kirchen bauen, Kindergärten, Schulen. Alles im zivilisierten Europa selbstverständlich. Hier nicht ohne juristische Kniffe und, vorsichtig vermutet, nicht ohne manches Bakschisch. Folgt man dem jüngsten Korruptionsbericht von Transparency International.

Soweit ins Detail gehen konnten die beiden geistlichen Autoritäten, die sich zur Audienz im staatlichen Amt für Religion trafen, nicht. Es ließ sich eher freundlich an. Austausch von Artigkeiten, Übereinstimmung in einigen ethischen Grundsätzen, Ermunterung zum weiteren Dialog. Dann aber konnte der türkische Religionswächter nicht mehr an sich halten. „Regensburg“ – von Benedikt sorgsam gemieden. Alles gesagt, was zu sagen ist – musste nun doch noch auf den Tisch: „Leider sehen wir, dass sich in jüngster Zeit eine Islamophobie verbreitet“, setzte der ranghöchste Mufti an. Diese gegen den Islam gerichtete Haltung bringe zum Ausdruck, „dass der Islam durch seine Geschichte und Quellen zur Gewalt ermuntert und der Islam mit dem Schwert in der Welt verbreitet wurde.“ Das war direkt auf das Manuel-Zitat gemünzt.

Bardokoglu weiter: „Ich möchte hier die Trauer und Klage jedes Muslims über diese Behauptungen zum Ausdruck bringen, die keiner wissenschaftlichen oder historischen Überprüfung standhalten und überdies ungerecht und ungerechtfertigt sind.“ Die Vertreter der verschiedenen Religionen müssten sich zu einem friedvollen Dialog zusammentun und die Probleme der Menschheit lösen, gemeinsam nach einer Übereinstimmung suchen, ohne notwendigerweise die anderen Lehren anzuerkennen oder über sie zu urteilen. Diese Zusammenarbeit dürfte von niemandem dazu missbraucht werden, Befürworter des Glaubens zu finden oder die eigenen Vertreter zu begünstigen. Wenn sich die Religionsführer verschiedener Kulte und Riten treffen, müssten sie Themen und Methoden für den theologischen Diskurs finden, ohne dabei die Überlegenheit des eigenen Glaubens zu demonstrieren.

Die nächsten Sätze zielten – wenn auch indirekt, aber wer hätte sie anders verstehen können –direkt auf den Redner von Regensburg: „Insbesondere wir als Religionsführer dürfen uns nicht diesen Vorurteilen hingeben, sondern müssen uns aufrichtig verhalten und für den Weltfrieden einsetzen.“ Und auch für „Professor Papst“ hatte der islamische Oberlehrer einen Merksatz parat. Hatte Benedikt in Regensburg nicht das Verhältnis von Glaube und Vernunft im Islam in Frage gestellt? Ali Bardakoglu, der Rechtsgelehrte, antwortet: „Die Grundlagen des Islam basieren in Theorie und Praxis auf dem Verstand. Im Islam sind Glaube an Gott und die Beziehung des Einzelnen zu Gott die Basis für Vernunft und Bekenntnisfreiheit. Deshalb wollen wir eine Verbindung, die auf den gegenseitigen Respekt und auf Toleranz aufbaut.“ Damit hat’s der Papst schriftlich. Der Dialog kann beginnen.

Aber nicht einseitig. Namentlich die deutschen Bischöfe wollten ihren Mitbruder auf dem Stuhl Petri in dieser Sache nicht alleinlassen. Schon unmittelbar nach dem Sturm suchten sie zur Versachlichung beizutragen: Unglücklich vielleicht die Zitation in der Regensburger Rede, aber man müsse wohl auch den Muslimen ein wenig die Leviten lesen. In welchem Zeitabschnitt der Geschichte steht ihr mit eurer Religionskritik, was sagt die Bildungselite zu den Umtrieben der Straße. „Sie müssen Farbe bekennen“, sagte der Limburger Franz Kamphaus in seiner viel beachteten Rede zum Dialog mit dem Islam. Forderte auf zu ehrlicher Reflektion: Das „Säurebad der Kritik“ habe die Bibel nicht zersetzt. Muslime sollten ebenfalls dieses Wagnis nicht scheuen. Der Koran, die Hadithen, die Sunna, die Scharia – was ist tabuisiert bis in Punkt und Komma? Und gefragt: Ist der Weg des Islam nach Europa nur eine Einbahnstraße?

Die vorletzte Station der Reise – die Umstände haben es so gefügt – gehörte dem eigentlichen Anlass der Türkei-Reise. Besuch beim Patriarchen von Konstantinopel zum Fest des Heiligen Andreas, dem Petrus-Bruder und Apostel Kleinasiens. Brüderliche Umarmung, seitdem sie sich wieder als „Schwesterkirchen“ ansprechen. Paul VI. hatte 1964 in Jerusalem damit begonnen, war 1967 nach Istanbul gereist; 1979 folgte Johannes Paul II. als der bis 2006 letzte Besuch aus dem alten Rom beim geistlichen Statthalter des Neuen Rom.

Der Bruderkuss am Ende eines langen, nicht nur für Glauben und Kirche, sondern für die Geschichte Eurasiens folgenschweren Weges. Über 900 Jahre geschieden in West und Ost, immer noch stark verwandt miteinander, aber wie die Zeit es mit sich bringt: die Lebensgewohnheiten und Ansichten ändern sich. Sprich: Theologie, Liturgie, Strukturen. Wie ein Menetekel stets vor Augen, einst auf den Altar der Hagia Sophia geworfen: das Anathema. Es ging vom Westen aus. Der Osten folgte mit eigener Verwerfung. Erst das Zweite Vatikanische Konzil erleuchtete auch die getrennten Schwestern und Brüder, ließ sie die „Zeichen der Zeit“ erkennen, wozu der „gute Papa“ Johannes aufgerufen hatte. Die gegenseitigen Bannflüche wurden „aus der Erinnerung getilgt“. Ein feiner Ausdruck, wenn man andererseits nicht sagen will, dass das, was damals geschah, Unrecht war. Am Ende behalten die Juristen Recht.

Umstritten – sagen wir mal aus der Sicht des reinen Glaubens – bleibt die Sache schon. Ging es nur um theologischen Dissens, oder nicht mehr noch, oder doch ziemlich heftig, um Macht und Einfluss: Ein selbstherrlicher Papst in Rom, der einen „Barbaren“, den fränkischen Karl zum Kaiser krönt und damit die Byzantiner provoziert; die Herren am Bosporus, diee die eigenen Missionare – Kyrill und Methodius – zu den Slawen schicken und die römisch-fränkischen Interessen des Westens im Osten stören. Kurze Weltgeschichte in einen Satz gepackt.

Ein Deutscher soll es gewesen sein, dem die Christenheit den mittelalterlichen Supergau verdankt: Leo IX. alias Bruno von Egisheim-Dagsburg. In Wirklichkeit, so behaupten andere Sachkenner, hat ein Kardinal das Ding gedreht: Humbert von Silva Candida, der dem Patriarchen Michael I. Kerullarios wutentbrannt die Exkommunikation, besser gesagt, die kirchliche Kriegserklärung auf den Altar der Hagia Sophia – zu Deutsch: Göttliche Weisheit – knallte, nachdem er mit gutem Zureden (waren es eher Drohungen?) nichts erreicht hatte. Datum des Geschehens: der 16. Juli 1054. Zwar berief sich der päpstliche Abgesandte auf seinen Dienstherrn, tatsächlich soll er aber selbst den Scheidebrief verfasst haben.

Worauf Michael mit der Exkommunikation des Katholiken aus Rom konterte. Die Oströmer konterten, sprachen den Weströmern die Rechtgläubigkeit ab, die sie nun exklusiv für sich beanspruchten: Orthodoxe eben. Was wäre der Welt in den Jahrhunderten danach erspart geblieben? Auch Benedikt schleppt noch an der Last der Geschichte. Etwas Ballast hat er aber mit eindrucksvolle Gesten abgeworfen. Zunächst die Tiara, die Dreifachkrone im Papstwappen, durch die Bischofsmütze, die Mitra ersetzt. Das spricht für Kollegialität, auch wenn er die Beschlüsse von 1870 nicht ohne weiteres kippen kann, das heißt den Jurisdiktionsprimat und die Infallibilität, zu Deutsch: „die volle, höchste und universale Gewalt für den, der gleich Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt ist“ und der über ein allerdings klar umgrenzte, nicht willkürlich zu handhabende Unfehlbarkeit verfügt. Dennoch die „Knackpunkte“ gegenüber den Orthodoxen, von den Protestanten und Anglikanern und so weiter ganz zu schweigen.

Das Erste Vatikanische Konzil hatte, bei deutlichen Gegenstimmen vor allem auch aus Deutschland, mit der Festschreibung dieser Suprematierechte des Papstes wohl auch den politischen Umständen Rechnung tragen wollen. Der Pontifex hatte seinen Kirchenstaat an Italien verloren. Ein König ohne Land. Was das heißt, erlebt Bartholomaios von Istanbul. Er hält zwar den Titel „Ökumenischer Patriarch“, als der „Zweite nach Rom“. Schaut auf 300 Millionen Orthodoxe weltweit, aber verfügt nicht über sie. Das einstige mächtigste Amt nach dem Papst: heute nur noch ein Ehrenamt. Und das es so bleibt, darauf achten eifersüchtig die Hierarchen einer Vielzahl von eigenständigen orthodoxen Landeskirchen – nicht zuletzt der geistliche Großfürst weiter im Osten, Alexij II., Patriarch von Moskau und ganz Russland mit 100 Millionen Gläubigen, einem Drittel der gesamten Orthodoxie. Die Reise nach Konstantinopel ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Einheit.

Wie nahe sich Papst Benedikt, der Theologe Ratzinger, der Kirche des Ostens fühlt, machte er mit einer weiteren auffälligen Geste sichtbar. Als er sich entschied, die ostkirchliche Form des Palliums, Insignium der erzbischöflichen Würde, zu übernehmen, wie es in der ganzen Kirche bis zum Mittelalter getragen wurde: Das weiße Band auf Lammwolle, breiter als das römische, mit fünf purpurfarbenen Kreuzen bestickt, zur Erinnerung an die fünf Wundmale Jesu, drei Kreuze mit Nadeln durchstochen, die Kreuznägel symbolisierend und zum V-Zeichen über Brust und linke Schulter gelegt. Eine Referenz an den ostkirchlichen Brauch, wo das Omophorion vom Metropoliten getragen wird, nicht als Zeichen der Autorität, sondern auf das Gleichnis vom verlorengegangenen und wiedergefundenen Schaf auf der Schulter des Hirten hindeutend. Benedikt ging noch weiter und legte den Titel eines Patriarchen des Abendlandes ab. Auch dies eine Reverenz gegenüber dem Osten. Ob er damit die vier anderen Patriarchen der alten Kirche damit in Zugzwang bringen könnte und dies angesichts der prekären Lage, in der sich diese im Nahen Osten befinden? Man wird sehen.

Es drängt ihn. Es wäre „sein“ großer Wurf in einem zeitlich doch wohl überschaubaren Pontifikat. In Istanbul ergriff Benedikt erneut die Initiative – was manche Beobachter schon als revolutionär kommentierten. Er lasse mit sich darüber reden, wie künftig das Petrusamt ausgeübt werden könne. Das ist kein neuer Vorschlag, sondern eine Idee, die Benedikt von seinem Vorgänger aufgreift. Johannes Paul II. hatte schon in seiner Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ davon gesprochen. Die Frage steht im Raum: Wie viel an Autorität über die Gesamtkirche, historisch vielleicht begründet, aber praktisch unwirksam, ist „Rom“ bereit aufzugeben? Die päpstlichen Vollmachten innerhalb der eigenen Kirche blieben ohnehin unberührt? Wäre eine Art „Primus inter pares“ denkbar, ein „Vorsitz in der Liebe“? Das wäre nicht unser Problem, sagt ein Bischof der russisch-orthodoxen Kirche. Was für uns nicht in Frage kommt, ist der „universale“ Jurisdiktionsprimat, und ebenfalls nicht der Anspruch, „Stellvertreter Christi“ zu sein. Moscovia locuta, causa finita. Moskau – das „Dritte Rom?

Bartholomaios, türkischer Staatsbürger mit griechischer Geburtsurkunde, daheim zählt er nur noch einen Sprengel von vielleicht 5.000 Seelen, weniger als in einer deutschen Großstadtpfarrei – als Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie dennoch ein wichtiger Gesprächspartner für die römische Kirche. Schließlich ist der Nachfolger des Petrus dem Nachfolger des Andreas verpflichtet und mithin den Christen am Bosporus. Der Amtsinhaber Nr. 264 beim Amtsinhaber Nr. 270.

Die kirchlichen Feierlichkeiten erreichen ihren Höhepunkt in der St. Georgs-Kathedrale. Die göttliche Liturgie, der Gottesdienst im byzantinischen Ritus, entfaltet all ihre Pracht und Herrlichkeit. Wolken von Weihrauch erfüllen den Raum der Kathedrale des Heiligen Georg. Der Gesang der Mönche erfüllt den Raum. Die Gläubigen sind ergriffen vom Schein der Kandelaber, dem Glanz der liturgischen Geräte. Schauen ehrfürchtig zu den Bildern der Heiligen der Ostkirche auf, von denen auch einige in der Westkirche verehrt werden. Verneigen sich vor der Ikonostase, die das Allerheiligste vor profanen Augen schützt, bekreuzigen sich nach der Art der orthodoxen Regel und küssen die dargereichte Ikone.

Die beiden Patriarchen in großer Würde – Bartholomeios trägt schweren Brokat, das weiße Haar mit der prächtigen, mit Edelsteinen besetzten und mit Gold- und Silberfäden durchwirkten bauchförmigen orthodoxen Mitra, der Papst – als Gast, nicht als Zelebrant – trägt die besonders festliche mit Hermelin besetzte Purpurmozzeta über dem schneeweißen Rochett und seiner weißen Soutane, den Kopf nur mit dem weißen Zuccetto bedeckt.

An dieser Stelle ist einzufügen: Benedikt hat nicht die beiden anderen orthodoxen Bischöfe in Istanbul vergessen. Er besucht, zu einem „Gebetstreffen“, Mesrob II., den Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche. Ein durchaus heikler Termin. Aber Benedikt interessiert die staatlichen Tabus nicht, spricht an, was den Armeniern im Osmanischen Reich angetan wurde, „oft unter sehr tragischen Umständen, wie denen im letzten Jahrhundert.“ Er muss keine Details nennen, jeder kennt sie, auch wenn öffentlich darüber zu reden hinter Gittern enden kann. Vor 90 Jahren: Nach wissenschaftlichen Schätzungen fielen 800.000 bis 1,5 Millionen Menschen der Verfolgung zum Opfer, Massaker, die man damals zwar noch nicht als „ethnischen Säuberung“ bezeichnete, die aber nichts anderes bezweckten.

In der „Casa Roncalli“, der päpstlichen Vertretung in Istanbul, neben der Nuntiatur in Ankara, empfängt er dann auch Metropolit Filuksinos Yusuf Cetin, Bischof des syrisch-orthodoxen Bistums Istanbul. Repräsentant der in viele Zweige geteilten syrischen Christen und heute weit verstreut in der weltweiten Diaspora. Und doch Zeugen der Ursprünge des Christentums. Ihre Gemeinden sind die ältesten nach der Urgemeinde von Jerusalem. Ihre liturgische Sprache hat Jesus gesprochen: Aramäisch. In der Türkei haben sie schlimmste Leiden erdulder, zerrieben in den Auseinandersetzungen des Zentralstaates mit den Kurden, und, als sei dies nicht genug, auch von den kurdischen Muslimen. Die Geschichte ihrer Heimat im Tur Abdin, dem „Berg der Gottesknechte“, und das Schicksal des kleinen Volkes gilt als vor der Weltöffentlichkeit weitgehend verschwiegen.

Nach dem Syrer empfängt er – die Besuche „bei den Anderen“ komplettierend – Isak Haleva, den Oberrabbiner für 25.000 türkische Juden. Ungezählte Sephardim fanden als Vertriebene der spanischen Reconquista eine neue Heimat im Osmanischen Reich. Die offizielle „Legende“ spricht von 500 Jahren Harmonie und Toleranz, die Juden erinnern sich an die verheerenden Anschläge auf zwei Istanbuler Synagogen im November 2003, bei der 57 Menschen getötet wurden

Die kirchliche Welt blickt nach Istanbul. Man ist gespannt auf die groß angekündigte gemeinsame „katholisch-orthodoxe“ Erklärung. Die Sprache ist eindrucksvoll – feierlich, „starr“ schon auch, wie ein Kommentator meint. Der Kern des Inhalts ist auf einen Satz gebracht: Die Kirchenspaltung sei ein Skandal für die Welt und ein Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums. Man will weiterkommen, das Ziel der vollen Einheit sei verpflichtend. Was tut man, wie schon aus der Politik bekannt? Man bildet erst einmal eine weitere Kommission. Gerade erst aus der Türkei zurückgekehrt, wird Benedikt einen Besucher aus Athen empfangen. Seine Seligkeit Christóduolos. Der Erzbischof ist im Vatikan kein Unbekannter. Er hat sich zu seinem Antrittsbesuch als neuer Primas der Orthodoxen Kirche Griechenlands angesagt. Da wird er aus erster Hand erfahren, was die Herren im Phanar miteinander ausgemacht haben.

„Gottes ist der Orient / Gottes ist der Occident / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ Wie schön, wenn’s dann wahr wäre, was Goethe für das Land fern hinten in der Türkei empfand. Ob der Herr Geheimrat schon deshalb ein „Muselmann“ war, wie manche seiner Zeit argwöhnten? Dann hätte unser Benedikt ja erneut Probleme, nachdem er den Türken „Adieu“ gesagt hatte – und, bevor er das Flugzeug nach Rom bestieg, ihnen versicherte: „Ein Teil meines Herzens bleibt hier in Istanbul.“ Wieder ein Bayer vor den Toren der Zitadelle? Wie weiland die Wittelsbacher, die ein Familienmitglied an die Griechen ausliehen: Otto I. von Bayern, ein junger Mann von sechzehn Jahren damals noch. Aber um Ecken verwandt mit Byzanz, mit den Kaiserdynastien der Komnenos und Laskaris, womit wir wieder zurückblicken auf die Zeiten der großen Kirchenspaltung, der Eroberung Konstantinopels und der Errichtung des lateinischen Kaiserreichs. Otto nun wurde 1832 König, regierte 30 Jahre lang, musste dann aber, weil er doch mehr auf internationalen Druck hin als auf Wunsch der Hellenen auf den Thron gekommen war, in seine Heimat zurück, wo er den Rest seine Lebens in Bamberg verbrachte. Ach ja, die Bayern und die Türken.

Es fehlte in diesen Tagen wahrlich nicht an historischen Reminiszenzen, Sprachbildern und symbolischen Gesten. Der Großmufti überreichte dem ehrenwerten Efendi aus Rom als Erinnerung an den Besuch in der Blauen Moschee eine Kalligraphie, ein Gebet, ausgedrückt im Bild einer Taube mit dem Ölzweig im Schnabel. Die Friedenstaube sei ja auch ein Zeichen einer gemeinsamen Kultur. Wie es der Zufall will, hatte Benedikt ein ähnliches Gastgeschenk mitgebracht: Ein Mosaik, auf dem gleich mehrere dieser Friedensboten zu erkennen sind. Das Bild deutet das Bild als eine Botschaft der Brüderlichkeit und als Erinnerung an einen Besuch, „den ich nicht vergessen werde“. Über der Kuppel der Blauen Moschee, angestrahlt gegen den dunklen Abendhimmel, kreisten zu dieser Stunde weiße Möwen. Und der eine oder andere Schwarmgeist deutete dies schon als ein Zeichen des Himmels.

Der Mufti zitierte Aristoteles, den griechischen Denker: Ein Vogel mache noch keinen Frühling. So wünsche er sich, doch wohl ganz auch im Sinne seines Gastes, viele Vögel, damit Blütenträume wahr werden. So oder ähnlich dürfte es der islamische Geistliche doch wohl gemeint haben. Denn noch liegt Frost auf den gegenseitigen Beziehungen. Die Nationalisten mussten auch noch am letzten Tag hetzen: Papst und Patriarch zusammen auf dem Titelbild als Beleg für die „Allianz der Kreuzfahrer“. Drei Päpste sind in den letzten fünfzig Jahren in Istanbul an Land gegangen, eine Statue von Benedikt XV. in der katholischen Kathedrale. Und jetzt hat Benedikt XVI. auch noch ein Standbild von Johannes XXIII. gesegnet – die Türkei in Gefahr? Welchen Bären wollen die Radikalen den Leuten aufbinden. Das Raubtier, das Benedikt im Wappen trägt, beißt nicht. Es trug, wie die Legende besagt, geduldig die Last, die ihm aufgetragen wurde. So der Mann, der mit dem Palmenzweig in der Hand ins Land der Moslems und die Heimat der ersten Christen reiste.

In seinem letzten Gottesdienst auf türkischem Boden, in der Predigt während des Gottesdienstes in der katholischen Bischofskirche, brachte Benedikt einige Höhenfluge zurück auf den Boden der Tatsachen und die aktuelle Situation auf den Punkt: Die Kirche möchte niemandem etwas aufzwingen. Sie verlangt lediglich, dass sie in Freiheit existieren kann, um den zu offenbaren, den sie nicht verstecken kann: Jesus Christus.


Ab dem morgigen Mittwoch wird an dieser Stelle das bayerische Reisetagebuch fortgesetzt.

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