Archiv des MonatsDecember, 2006

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 16)


Auf den ersten Blick mag diese Folge über den Papstbesuch in Bayern unsere Leser irritieren. Inzwischen geht die Türkei-Reise zu Ende. Manches hier gesagte wurde in der Tagespresse vorweggenommen. Wir wollen dennoch die Chronik des Tagebuchs beibehalten. Sie wird im zeitlichen Abstand die Erinnerung wieder in die alte „Reihenfolge“ zurückführen, beim Nachlesen, wie Benedikt XVI. im September 2006 seine Heimat besuchte.


Istanbul und Konstantinopel

Benedikts Manuel-Zitat tangiert nicht nur religiöse Empfindlichkeiten, sondern birgt aktuelle politische Brisanz – denn: Der Termin der geplanten Türkei-Reise rückt näher. (Inzwischen, zum Zeitpunkt des Abschlusses dieses Kapitels, Mitte Oktober 2006, von der Orthodoxen Kirche und vom Staat offiziell bestätigt.) Vom 28. November bis 1. Dezember; Ankara, Izmir, Ephesos (das Marienheiligtum Meryem-Ana Evi – „Haus Mariens“) und Istanbul. Die Reihenfolge der Stationen könnten den Gepflogenheiten entsprechen: die Hauptstadt für den Staatsbesuch, Ephesos für die Pilgerreise, Istanbul für die Visite beim Orthodoxen Patriarchen. Der letzte Termin der eigentliche Anlass der Reise an den Bosporus: „Petrus“ besucht „Andreas“. Rom und Konstantinopel sind einander näher gekommen, seit der Aufhebung der gegenseitigen Bannflüche, nach dem Austausch der Bruderküsse. Ein wärmendes Feuer in einer für türkische Christen eisigen Umgebung. Ermordung, Morddrohungen, Verfolgung von Priestern, Missionsverbot – der Versuch, die Kirchen auszutrocknen – Benedikt XVI. steht vor seiner ersten Erkundung „extra muros“, die man ohne weiteres als äußerst heikel und brisant bezeichnen kann.

Diaspora unter schwierigsten Bedingungen, wie sie selbst in manchen Ländern des kommunistischen Imperiums nicht üblich waren. Die Zahlen sprechen für sich, mit Fragezeichen versehen, weil es keine zuverlässige Statistik gibt, wohl im Staatsinteresse. Von den rund 73 Millionen Staatsbürgern werden an die 99 Prozent pauschal dem Islam zugeordnet, auch jene, die keine Konfession angeben. Die Christen zu zählen ist ein mühsames Geschäft. Die Schätzungen reichen bis zu 100.000. Die größte Gruppe bildet die eigenständige armenische Kirche mit etwa 70.000, es folgen die übrigen Kirchen und Riten: die Lateiner (römisch-katholische Christen) und mit Rom unierte Christen: Armenier, Chaldäer, Syrer. Fast das ganze Spektrum der „Kirche des Ostens“ ist im türkischen Kleinasien. Der Ökumenische Patriarch, Oberhirte der griechisch-orthodoxen Kirche, überschaut gerade mal eine Herde von 5.000 Seelen. Folge des türkischen Nationalismus.

Nicht zu vergessen die evangelischen Gemeinden in Istanbul, Ankara und Antalya und die Juden, deren Zahl auf etwa 23.000 geschätzt wird. Allesamt, soweit sie nicht als Ausländer in der Türkei leben, nicht nur als Staatsbürger, sondern als Türken gezählt. Ethnie und kulturelle Zugehörigkeit spielen eine untergeordnete Rolle. Folge der Politik der Assimilation nach der Staatsgründung unter Atatürk, Umgang mit Minderheiten, entgegen den völkerrechtlichen Verpflichtungen. Siehe die Frage der Armenier und in jüngerer Zeit das „Kurden-Problem“. Das kurdische Volk wird als „Bergtürken“ deklariert.

Schon die Vorbereitung der Reise hat türkische Empfindlichkeiten berührt. Die Einladung war von Patriarch Bartholomaios I. (Bartholomäus) ausgegangen, offenbar nicht mit der Regierung abgestimmt, jedenfalls nicht zu deren Zufriedenheit, wie Ankara deutlich zu verstehen gab. Der Termin musste um ein Jahr verschoben werden, bis auch eine Einladung des türkischen Staatspräsidenten erfolgen konnte. Kleine Nadelstiche und Hinweise, wer in der Halbmond-Türkei das Sagen hat.

Der Patriarch von Konstantinopel muss türkischer Staatsbürger sein. Er wird nur als Oberhaupt der griechischen Kirche im Lande anerkannt, nicht als Ehrenprimas der Weltorthodoxie. 1979, beim Besuch von Johannes Paul II., stand türkisches Militär „Gewehr bei Fuß“, mit aufgepflanztem Bajonett in den Zufahrtsstraßen zum Phanar, dem Amtssitz des Patriarchen. Auch in der Basilika, als Patriarch und Papst den Bruderkuss austauschten.

Der ökumenische Patriarch, im Erbe des geistlichen Statthalters eines untergegangenen Reiches, ist sozusagen ein König ohne Land: die Gemeinden in der Diaspora zerstreut, in Europa und von Amerika bis Australien. Kann Benedikt, der Vatikan unterhält diplomatische Beziehungen zu Ankara, seine „guten Dienste“ ins Spiel bringen, um die Lage der bedrängten Christen zu entspannen? Nicht nur das Schicksal der Armenier steht der Welt dramatisch vor Augen: Nicht vergessen sind die syrischen Christen im anatolischen Tur Abdin. Von islamischen Kurden grausam verfolgt und vertrieben. Viele fanden in Deutschland eine zweite Heimat. Nun beklagen die Kurden die Verletzung ihrer Rechte. Wie die Väter der modernen Türkei eine Balkanisierung Kleinasiens verhindern wollten, so scheinen ihre Nachfolger den Wesiren der Vergangenheit zu folgen. Wie ein Staat im Staat das Militär, die Generalität. Ein nationaler Gärungsprozess, aus dem politischer und religiöser Fundamentalismus als explosiver Extrakt an die Oberfläche geschwemmt wird.

Dem Papst werden kaum Zeit und Gelegenheit bleiben, außer dem Austausch von diplomatischen Höflichkeiten und gewissen „Andeutungen“ mit seinen politischen Gesprächspartnern die Themen durchzugehen, die sich im Zusammenhang mit dem Beitrittswunsch der Türkei zur Europäischen Union stellen.

Es war Völkermord

Ein wohl nie verheilende Wunde: der Genozid an den Armeniern. „Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe. Er klammert sich ans Holz, riß es im Sturze mit. Und das Kreuz des Sohnes lag auf seinem Herzen“, lässt Franz Werfel seinen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ enden.

Wer heutzutage darüber schreibt, „beleidigt“ das Türkentum, sieht sich schnell vor dem Kadi und hinter Gittern. Die Armenisch-Apostolische Kirche mit Sitz des Oberhaupts, dem Katholikos, im armenischen Etschmiadzin, unterhält ein eigenes Patriarchat für „Istanbul und die ganze Türkei“. Seit 1999 steht Mesrob II. Mutafyan, der mit „Seine Seligkeit“ angesprochen wird, an der Spitze der christlichen Armenier in der Türkei. Gebürtiger Istanbuler und, wie der Ökumenische Patriarch, türkischer Staatsbürger. Das ist gesetzliche Bedingung. 70.000 Gläubige zählt sein Sprengel.

Die Armenier betrachten ihre Kirche als die älteste in der Geschichte, auf 1.700 Jahre zurückblickend, auf die Mission der Apostel Thaddäus und Bartholomäus in Ostanatolien.

Sie starben als Märtyrer. Armenisches Blut floss in so vielen Freiheitskämpfen. Die Osmanen waren gnadenlos.

Kein Armenier vergisst die Pogrome von 1878, von 1895 und – gesteigert zum Genozid – die Ermordung von mehr als einer Million Armenier in den Jahren 1915 bis 1917 – massakriert oder auf Todesmärsche durch die syrische Wüste geschickt. Europa führte gerade den Ersten Weltkrieg und interessierte sich wenig für das, was weit hinten in der Türkei passierte. Berlin und die Hohe Pforte waren Verbündete, ein deutscher General kommandierte osmanische Truppen, und Wilhelm Zwo schwieg. Der Hohenzoller hatte sich ja schon nach den Schüssen von Sarajevo als robust gezeigt. Waffenbrüderschaft und Wirtschaftsbeziehungen (Erdöl und die Bagdadbahn), das allein zählte. Vergangenheit, die Benedikts Besuch weniger betrifft.

Wenn der Papst sich in Ankara mit der politischen und islamischen Führung trifft, wird ihn vielleicht seine Regensburger Rede einholen. Auch seine aktuelle Meinung zu einer Mitgliedschaft der Türkei in der europäischen Gemeinschaft dürfte gefragt sein. Die ablehnende Haltung des Kardinals ist in Ankara sicherlich aufmerksam zur Kenntnis genommen worden. Jüngst hat die deutsche Kanzlerin, bei ihrem Antrittsbesuch in Ankara, keinen Hehl aus ihrer Auffassung gemacht: „Privilegieren, aber nicht integrieren“. Und erst recht der bayerische Ministerpräsident: „Die Türkei ist nicht Europa und gehört auch nicht hinein.“

Soeben noch im Gespräch mit Benedikt XVI. in München, eilt die deutsche Regierungschefin nach Ankara. Auch ein wenig in päpstlicher Mission, für den deutschen Landsmann auf Petri Stuhl? Wären gegebenenfalls „Gute Dienste“, eine diplomatische Übung, die sonst vor allem dem Heiligen Stuhl eigen ist. Schon unmittelbar „nach Regensburg“ war die christdemokratische Spitzenpolitikerin „unserem“ Papst zur Hilfe gekommen. „Wer den Papst kritisiert, verkennt die Intention seiner Rede“.

Kirche und Politik Hand in Hand – dem Islam kein fremder Gedanke, dem türkischen Laizismus eine Gelegenheit zu scharfer Replik. Es ist nicht anzunehmen, dass die vatikanische Diplomatie in diese „Falle“ tappt.

Radikale Muslime verbrennen eine als orthodoxer Priester verkleidete Strohpuppe. „Ein Vorspiel nur …“ – Einzelfälle oder organisierte Christenverfolgung? Die Türkei wird sich dieser Frage stellen müssen. Bei einem Treffen der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Präsidium der CDU wird „Sorge“ über „die Einschränkungen, denen Christen zum Beispiel in der Türkei ausgesetzt sind“, geäußert. Maßvoll, aber deutlich. Von islamischen Staaten werde ein „Beitrag zur Gewaltlosigkeit und zur Religionsfreiheit“ erwartet. Über Benedikts Türkei-Reise liegen Schatten.

Bischof Luigi Padovese, der Apostolische Vikar von Anatolien, sieht die Gefahr einer zunehmenden Islamisierung des Landes am Bosporus. Der katholische Prälat kann sich nur noch mit Polizeischutz auf die Straße wagen; einem Mitbruder musste er Unterschlupf gewähren. Radikale hatten diesem zu Hause aufgelauert, unmissverständlich gedroht. Wie man mit der flachen Handkante einen Kreis um den Hals zieht.

Islam ante portas

Die Türken vor Wien – lang ist’s her; aufgespießte Köpfe auf der Brücke über die Drina. Franziskanermönche, mit Fez und Pluderhose in den „Schluchten des Balkans“ unterwegs.

„Die Türken hatten eine zielstrebige Idee: Sie wollten die Welt dem Islam und damit sich selbst unterwerfen. Zu diesem Zwecke schufen sie eine Armee, die jeder anderen überlegen sein sollte“, schreibt Nikolaus von Preradovich in seinem Buch über „300 Jahre Türkenabwehr“. Dank König Jan Sobieski, dem Polen, Prinz Eugen, dem „edlen Ritter“, und Juan d’Austria, jenem Geschenk einer kaiserlichen Liebesnacht zu Regensburg, blieb der Christenheit der Halbmond über dem Wiener Steffl und dem Kölner Dom erspart. Die türkischen „Armeen“ heute: an deutschen Montagebändern, bei den kommunalen Versorgungs- und Entsorgungsbetrieben. „Deutschländer“, hier wie dort nicht wirklich zu Hause. Klassenlehrer und Polizeirevierbeamte schreiben Berichte: Gewalt auf dem Schulhof, Streit auf der Straße, Ehrenmord in einer Familie. Stichwort: „Migrationshintergrund“. Für alles gibt es einen Namen, für alles eine Erklärung, für alles eine Abkürzung.

Im Vatikan sind – nach den Versäumnissen „vor Regensburg“ – die Sensoren auf höchste Empfindlichkeit geschaltet. Kardinalstaatssekretär Bertone, inzwischen wohl in sein neues Amt „eingearbeitet“, kann nicht deutlich genug hervorheben, dass der Dialog mit dem Islam für Papst Benedict XVI. Priorität besitze, weil auf diesem Weg „Gott wieder als Bezugspunkt des menschlichen Lebens“ aufgezeigt werden könne.

Türkischer „Korb

Nachtrag, Anfang November 2006: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat keine Zeit für den Papst. Er ist schon ausgebucht. Muss verreisen, zum gleichzeitig stattfindenden NATO-Gipfel in Riga. Der Termin in Lettland dürfte dem Premier nicht ungelegen kommen. Erspart ihm womöglich Ärger mit der extremen Rechten, zumal der Wahlkampf angelaufen ist. Die Deutsche Presseagentur verbreitet ein Foto, aufgenommen in Istanbul, das ein Spruchband an einem Brückengeländer zeigt: „Wir wollen den Papst nicht in der Türkei.“

Der Vatikan versucht, die Angelegenheit tiefer zu hängen: Der Heilige Stuhl sei über die mögliche Abwesenheit Erdogans während des Türkeibesuchs des Heiligen Vaters unterrichtet. Der Ministerpräsident habe sich zwar um eine Begegnung bemüht, aber keine Zusicherungen geben können. Der stellvertretende Ministerpräsident werde gegebenenfalls zur Verfügung stehen. Und natürlich Präsident Ahmet Necdet Sezer, der für den türkischen Staat die Einladung an den Papst ausgesprochen hat. Diplomatische Kunststücke also schon im Vorfeld.

Der NATO-Gipfel als Entschuldigung für die Unabkömmlichkeit des türkischen Regierungschefs entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, macht die politische Gemengelage deutlich, auf die der Papst trifft. Es ist der Bündnispartner Türkei, dem manche den Zutritt in die EU verweigern wollen. Eine Trumpfkarte Ankaras. Der Termin in Riga wichtiger als die Begegnung mit einem christlichen Kirchenführer, der nicht gerade als Freund angesehen wird, jedenfalls was die türkischen Europa-Ambitionen betrifft. Umso heftiger die Reaktionen auf die Regensburger Rede.

Hatte Erdogan nicht schroffer als manch andere Politiker islamisch geprägter Staaten sich mit dem Papst angelegt? Dieser habe nicht wie ein Mann der Religion, „sondern wie ein gewöhnlicher Politiker gesprochen“. Er müsse sich „ausdrücklich“ entschuldigen und seine „hässlichen und unglücklichen“ Äußerungen über Gewalt, Dschihad und Religion im Islam „sofort zurücknehmen.“ Erdogan ist bekennender Moslem, gilt als „gewendeter“ Islamist, seine Partei, die Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP) – Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung – als Instrument des politischen Islam in der Türkei. Sie hat im November 2002 einen Erdrutschsieg errungen. Erdogans Stellvertreter in der Parteiführung, Salih Kapusuz, scheint der Mann für’s Grobe zu sein. Er unterstellte dem Papst eine „dunkle Mentalität des Mittelalters“, Rückkehr in die „Ära der Kreuzzüge“, und verglich Benedikt mit zwei der schlimmsten Diktatoren des Faschismus: Wer die Fakten kenne, sie aber verdrehe, begehe Verrat und gehe in die Geschichte in der gleichen Kategorie ein wie Hitler und Mussolini.

Töne dieser Art sind dem Oberhaupt der katholischen Kirche seit dem Beginn des zivilisierten Sprachgebrauchs, also spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr entgegengeschleudert worden. Angeblich hat sich Kapusuz nach dem „Krisengipfel“ in Castelgandolfo für seine verbale Entgleisung entschuldigt. Aber die Situation bleibt labil.

Der von Benedikt XVI. in diesen Tagen so nachhaltig geforderte Dialog mit dem Islam stößt an seine Grenzen: die politischen Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten, die Terror-Anschläge, für die militante Islamisten verantwortlich gemacht werden, die Spannungen innerhalb der islamischen Welt durch einen erstarkenden Fundamentalismus. Last but not least das besondere „türkische“ Problem, das dem Papst in diesen Tagen begegnen wird: Die Zypernfrage. Sie ist nicht nur ein politischer Zankapfel zwischen der Türkei und Griechenland, sondern auch ein kirchlicher. Vor allem die „Griechen“ in der Türkei, also die orthodoxen Christen, müssen darunter leiden.

(Fortsetzung folgt)


Am kommenden Montag (4.12.) wird eine Nachbetrachtung zur Türkei-Reise beide Ereignisse – den gerade abgeschlossenen Türkeibesuch und die Ereignisse in und nach Regensburg im September – miteinander verknüpfen und diese Thematik damit abschließen. Ab dem darauffolgenden Mittwoch (6.12.) wird das bayerische Reisetagebuch wieder im normalen Rhythmus fortgeführt.

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