Keine Sympathie für die Nazis
Was Agenten über Papst Pius XII. berichteten
„Der Papst selbst ist, wie alle V-Leute übereinstimmend berichten, dem deutschen Volk und dessen Wesen gegenüber sehr sympathisch eingestellt, was sich jedoch nicht auf das Regime bezieht.“
(Auszug aus einem Agentenbericht des ehemaligen deutschen Reichsaußenministeriums)
Papst Pius XII. war Hitlers Feind; er war kein Komplize der Nazis. Katholiken, die den „Verstand nicht verloren haben“, bedürfen keiner ausdrücklichen Belege für diese Aussage. Aber auch die zeitgeschichtliche Forschung kann sich inzwischen auf weitere Zeugnisse berufen, die jene Stimme widerlegen, die sich seit Kriegsende und bis heute hartnäckig an die negative Charakterisierung des „Weltkriegs-Papstes“ klammern. Zwar warten Historiker weiterhin darauf, dass der Vatikan seine Geheimarchive, auch Spezialabteilungen wie die des Staatssekretariats, weiter öffnet und mehr Entgegenkommen zeigt, als das bisher bei der Einhaltung der allgemein üblichen Sperrfristen der Fall ist. Sensationen dürften allerdings kaum noch ans Tageslicht kommen, nach dem, was bisher bekannt geworden ist. Aber auch Details, in denen bekanntlich – pardon – „der Teufel steckt“, versprechen, manche wichtige und interessante Ergänzung des bereits zugänglichen Materials.
Soweit Primärquellen weiter verschlossen bleiben, überraschen staatliche Archive immer wieder mit aufschlussreichen Entdeckungen. Dies gilt insbesondere für die Unterlagen aus den Aktenbeständen der östlichen Geheimdienste, die „dank“ des Zusammenbruchs der politischen Systeme auf den Tisch kommen. In Berlin umfassend, in Moskau wenig, in Warschau und Prag, Budapest und Sofia zunehmend mehr. Auch der Blick nach Bukarest dürfte sich lohnen. Welches Interesse leitete diese Nachrichtendienste, geradezu hingebungsvoll und umfangreich Akten über den Vatikan anzulegen – und zwar nicht erst mit Beginn des Kalten Krieges, sondern auch durch Auswertung der Akten der NS-Spionage und der Behörden des Hitler-Regimes?
Soeben hat die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR, Marianne Birthler, eine „Informationssammlung der faschistischen Geheimdienstorgane und der Vertreter des Auswärtigen Amtes im Vatikan“ zur Veröffentlichung freigegeben. Es handelt sich, so die Auswerter des Auslandsnachrichtendienstes (HV A), um „Erkenntnisse der faschistischen Staatsorgane zum Wirken der Institutionen des Vatikans“. Sie wurden auch der Kirchenabteilung der „Stasi“ zur Verfügung gestellt. Der Verwendungszweck war klar: Papst und Kirche als vorrangigen „Staatsfeind“ – wie von den Nazis pauschal als „politi-scher Katholizismus“ bezeichnet – zu bekämpfen.
Mit den Papieren aus den Aktenschränken des Hitler-Reiches dürften die Agitatoren ihre Probleme gehabt haben: Die Unterlagen gaben wenig her, um Pius XII. anzuschwärzen. Gleichwohl bieten die Dokumente einen Einblick in Maßnahmen und Methoden der „Sicherheitsorgane“. Ob Reichssicherheitshauptamt oder Ministerium für Staatssicherheit – in den „handwerklichen Fertigkeiten“ und ihrer Zielsetzung, abgesehen vom weltanschaulichen Gegensatz, waren sie so verschieden nicht.
In einem ersten Beitrag („Die Kirche schlechtmachen“) berichtete Werner Kaltefleiter über eine Aktion des sowjetischen und rumänischen Geheimdienstes gegen Papst Pius XII.
Die nun erscheinende zweite Folge befasst sich vor allem mit Schriftstücken des Reichssicherheitshauptamtes und des Auswärtigen Amtes sowie der diplomatischen Missionen in Rom beim italienischen Staat und beim Vatikan, der „weißen“ und der „schwarzen“ Botschaft:
Pius XII. – Ein Papst als Feindbild
Der Vatikan im Fadenkreuz der Geheimdienste
Von Werner Kaltefleiter
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In seiner dritten Arbeit wird der Autor die internationale Zusammenarbeit der Nachrichtendienste der sozialistischen Staatengemeinschaft unter Federführung des sowjetischen KGB untersuchen. Auch dieses Thema konzentriert sich auf die operativen Maßnahmen gegen den Vatikan, als internationalem politischen Machtfaktor und, so das Feindbild der Kommunisten, als Zentrum „subversiver“ Unternehmungen gegen den Sozialismus. Dieser dritte Teil wird voraussichtlich Anfang der kommenden Woche in diesem Weblog erscheinen.