Klagt nicht um mich (3)
Als der Rote Hahn krähte
Auf der Unteren Brücke, vis-a-vis von der üppigen Gestalt der frommen Kaiserin, mit goldener Krone und goldenem Zepter hat die „political correctness“ vor einiger Zeit eine Gedenktafel an der Rathausmauer angebracht: Für die jüdischen Mitbürger –„und die anderen“ (nur keine Ausnahmen) die verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden.
Es gab auch das „andere Deutschland“. Was er von den Verbrechen an der „Ostfront“ erfahren habe, sei genug gewesen, um sich gegen den „Führer“ zu erheben, sagt ein höherer Wehrmachtsoffizier, der anfangs mitmarschiert war. Nicht er, sondern Adolf H. selbst habe den Eid gebrochen, auf den er seine Soldaten eingeschworen hatte. Eine weitere Gedenktafel, im Durchgang unter dem Alten Rathaus, würdigt Claus Schenk Graf von Stauffenberg, gestiftet von den „17er Reitern“, seinem ehemaligen Bamberger Traditionsregiment, in welchem der „gläubige Katholik“ Stauffenberg seine militärische Karriere begann. Am 15. November des Jahres 2007, jährt sich der 100. Geburtstag des Soldaten, der sein Leben für das „heilige Deutschland“ gab. So werden seine letzten Worte überliefert, bevor er unter den Schüssen des Pelotons im Bendlerblock fiel.
Die anderen, die „getreuen Soldaten“, so will es ein weiteres in Stein gehauenes Andenken, blieben „an den Fronten Europas und in Afrika“. Getreu bis in den Tod. Welch ein geschundenes Wort. Üb`immer Treu und Redlichkeit…; es war einmal ein treuer Husar….; „Unsere Ehre heißt Treue“, dazu statt der Kokarde der Totenkopf. Welche Treue hat sie auf den „Schlachtfeldern“ krepieren lassen? Der Fluss färbte sich rot, nach dem die Front näher an die Heimat gerückt war. Mit dem Strom trieb die Nachricht talwärts, den noch breiteren Flüssen zu, in der Unendlichkeit des Meeres mündend, von dort aufsteigend in die Wolken und zurückkehrend, an dem Tag, als es auf die Stadt regnete, aber die Gassen nicht rein wusch von dem, was in jener Novembernacht begonnen hatte, als die Synagoge brannte. (4) Das Wasser, zu anderen Zeiten verschwenderisch verfügbar, war offenbar knapp geworden. Und keiner war da, als der Rote Hahn krähte, niemand, um ihn zu vertreiben. Den Juden der Stadt läutete die Sterbeglocke. Der Fluss aber eilte, wie von Anbeginn, zu Tal. Und wenn er über die Ufer trat riss er alles mit, was nicht gesichert war. Wer nicht aufpasste, wurde von seinem Sog mitgezogen. Der Fluss schenkte, aber er strafte auch. Die Brücken, die seine Ufer verbinden, wissen ein Lied davon zu singen.
„Schlag auf Schlag“ waren die „Nationalsozialisten“ nach ihrer Machtübernahme gegen die jüdischen Mitbürger, denen sie diesen Status per „Führerbefehl“ aberkannten, vorgegangen: Berufsverbote, Gesetz „zum Schutz deutschen Blutes und deutscher Ehre“, Enteignungen, auch Hund und Kanarienvogel waren verboten. Alles wie gehabt. Bis die „Reichskristallnacht“, Berliner Volksmund von Hitlers Mephisto und seiner Goebbels Propaganda-Maschine geschickt eingesetzt, die Schienen legte, auf denen dann die Züge mit den Transporten in die Mordfabriken abfuhren. Hunderte von Jahren zuvor hatten die Juden in der fränkischen Stadt die Obrigkeit gebeten, ihnen ein Getto zum Selbstschutz zu genehmigen, damit sie nachts ruhig könnten schlafen. Im Jahre 1910 baten sie die städtischen Behörden, sie möchten das neue Gotteshaus der jüdischen Gemeinde „in Schutz und Obhut“ nehmen und der Oberbürgermeister versicherte bei der Einweihung der „prächtigen“ Synagoge, der fünften in der Geschichte der Juden in dieser Stadt: „Das werden wir bereitwilligst tun und für alle Zukunft. Es soll uns dessen Schutz eine besondere Pflicht und Obsorge sein.“
Sein Nachfolger, mit dem Parteiabzeichen am Revers, gab 28 Jahre später die von Berlin aus diktierte Order, die Synagoge anzünden. Die alarmierte Feuerwehr wird von SA-Leuten abgewehrt. Was nicht den Flammen zum Opfer fiel, wurde bis auf die Grundmauern in die Luft gesprengt. (Die Chronik des Bistums vermerkt, dass in der Zeit von 1912 bis 1943 unter dem Erzbischof Jakobus von Hauck über einhundert neue Gotteshäuser gebaut wurden.)
Willy Lessing, Kommerzienrat, einer der großen Brauerei-Besitzer, bis ihm `36 die Nazis die Anteile wegnahmen, im Behördendeutsch „enteigneten“, faktisch „im Namen des deutschen Volkes“ beraubten, war in diesem 38er Jahr Vorsitzender der Kultusgemeinde. Als er in der berüchtigten Nach des 9. November den SA-Sturm anrücken sah versuchte er die Thora-Rollen zu retten. Vergeblich. Nach kurzem Handgemenge hatten sie ihn blutig geprügelt. Blutüberströmt schleppte er sich nach Hause. Dort holte ihn die Marodeure ein, aufgehetzte Jugendliche. Angehörige der Hitler-Jugend, wie sich später herausstellte. Sie zerren ihn auf die Straße und geben ihm den Rest mit Eisenstangen. Die Bamberger Polizei wurde „von oben“ angewiesen, den Vorfall nicht weiter zu verfolgen. Die Täter aber werden belobigt, mit dem goldenen HJ-Verdienstzeichen „geehrt“. Im Januar 39, stirbt Willy Lessing an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Wer sich von der Gemeinde nicht in Sicherheit bringen kann, und das sind zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige, wird nach Auschwitz und Theresienstadt abtransportiert. Die jüdische Gemeinde existierte nun auch in dieser Stadt nicht mehr.
Wer aber waren denn diese „Nazis“, die „nicht lange fackelten“? Farblose stumme Lemminge? Die Befehle wurden zwar von „Berlin“ aus erteilt, die willigen Helfer aber lebten, es bleibt dabei, in den Provinzen des Reiches. Der Nachbar, der immer so freundlich zu den Kindern war, die Nachbarin von gegenüber auf der Etage. Wer den Bedrängten half, hatte einiges für sich selbst zu befürchten, wer seiner „Pflicht als Volksgenosse“ nachkam, ganz bestimmt nicht.
Das Reichsjustizministerium stellte – „bei der strafrechtliche Behandlung der Vorgänge in der Zeit vom 9. bis 11. November 1938“ – den meisten Beteiligten einen „Persilschein“ aus. Wenn sich einer nicht gerade an einer jüdischen Frau verging – für die Nazis nicht wegen Vergewaltigung ein Verbrechen, sondern als „Notzuchts-Delikt in Idealkonkurrenz mit Rassenschande wegen der „Rassenschande“ – konnte er beruhigt zur Tagesordnung übergehen. Mal sehen, was von den abgereisten oder abtransportierten Juden noch an Brauchbarem übrig blieb.
Sollte man um eine Aburteilung nicht herum kommen, „sei es nicht zweckmäßig hohe Strafen auszusprechen“. Bei Fällen, die ohne Verhandlung erledigt werden konnten, sollten die Gerichte nicht kleinlich sein. Das betraf etwa die „Wegnahme von Lebensmitteln aus eingeschlagenen Fensterscheiben“. Soweit die Anweisung des Vizepräsidenten des Oberlandesgerichts vom 27.1. 39 an die untergeordneten Dienststellen.
Ganz wenige, deren jüdische Herkunft den Nazi-Behörden verborgen geblieben war, konnten sich bis in die letzten Kriegstage retten. Doch auch ihnen blieb der Karfreitag nicht erspart. Die Alliierten rückten zwar näher und die Bombardements aus der Luft schienen ein Zeichen des Himmels zu sein, ließen auf ein baldiges Ende der Leidenszeit hoffen, auch wenn die restliche Habe verloren gehen mochte. Ein Überlebender berichtet, wie sie nach einer Bleibe suchten. Sie hätten dringend irgendetwas gebraucht, um das Gepäck mit den wenigen geretteten Sachen zu transportieren. Doch die Handwagen der Caritas waren fest an einer Hauswand angekettet. Sie haben bei den Ordensschwestern angeklopft, und um Trinkwasser gebeten, denn Wasserleitungen, die man hätte gefahrlos anzapfen können, ohne den Spürhunden der Gestapo in die Hände zu fallen, waren nicht erreichbar. Aber die Schwestern hatten kein Wasser für die Bittenden. Der Brunnen im Hof blieb zugedeckt.
Der Traum vom ewigen Frieden
In diesem Jahr hat sich der Frühling nach dem Geschmack der Ärzte viel zu früh angemeldet. Man wird sich vom Pelz befreien, die Jacke über die Schulter hängen, die „herrliche, gesunde Luft“ einatmen und sich die Haut verbrennen. Das Wasser des großen Stromes, in das alle Flüsse im Westen Deutschlands münden, reflektiert die Sonnenstrahlen wie in einem Brennglas. Osterglocken und Hyazinthen, Krokusse und Primelchen bilden bunte Kleckse im jungen Grün der städtischen Parkanlagen, die Magnolien entfalten schon ihre üppigen Blüten. In der alten Handelsmetropole an Strom zeigt eines der namhaftesten Museen, wie Maler der vergangenen fünf Jahrhunderte das Farbenspiel der Natur zu allen Jahreszeiten empfunden haben – Natur, vom Menschen einfangen, in eine Form gegeben. Gärten sind Erben des Paradieses“, erfahren wir aus dem Begleittext (5),„Ursprung und Ideal des glücklichen Lebens vor dem Sündenfall“ seien sie, „Ort einer gesellschaftlichen Utopie, welche die friedliche Koexistenz von Mensch, Tier und Pflanze Wirklichkeit werden lässt.“ Hat sich Geschichte der Menschen diesem Idealzustand auch nur angenähert? Nachdem Paul Klee von den Nationalsozialisten in Acht und Bann getan worden war, malte er nicht mehr „lebensfroh“. Er entscheidet sich für Arbeiten, „die sich nicht mehr auf ein symphonisches Miteinander der Zeichen und Formen konzentrieren, sondern ein fragmentarisches Bild der Welt zeigen.“ Über fünf hundert Jahre liegen zwischen seinem Bild von einem „Pflanzen-Arrangement“ und dem „Paradiesgärtlein“ eines oberrheinischen Meisters um 1420.
Die Menschen träumen von dem, was sie nie erleben durften. „I have a dream“, rief Martin Luther King so laut, damit alle Welt ihn hören sollte. „Ich habe einen Traum: Dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia, Söhne früherer Sklaven und Söhne früherer Sklavenhalter miteinander zu Tisch sitzen können.“ Waren es nicht doch, die Schüsse vorahnend, die ihn töten würden, seine letzten Worte? Dom Helder (Camara), der kleine mutige Bischof aus Brasilien – ich höre ihn, wie er den Menschen zuruft: „Wenn einer träumt, dann bleibt es ein Traum – wenn wir gemeinsam träumen, dann ist es der Beginn der Wirklichkeit.“ Kommen wir noch einmal zurück auf die „fantastische Reise durch die Gärten der Kunst“, wie die Ausstellungsmacher des Frankfurter „Städel“ ihre Veranstaltung nennen. Der Oberrheinische Meister will den Menschen Zuversicht geben – seine Zeit gilt als die frömmste des Mittelalters. Aber am Glaubenshimmel sind Wolken aufgezogen: Konstanzer Konzil, Hussitenkriege, die Kanonen werden immer durchschlagkräftiger, die Türken stehen vor Konstantinopel. Noch ist sein „Paradiesgärtlein“ ein „Ort immerwährenden Friedens“. Auch der Autorin des Textheftes kommt das Bild von einem Traum in den Sinn. Der unbekannte Maler malt den Garten „als Herz der Schöpfung, als Urquell des Lebens selbst.“ Auf dieser Idee gründe auch der christliche Glaube. Stimmen wir der Verfasserin zu. Damals wie heute spricht aus dieser Idee ein Menschheitstraum, der „kollektive Traum von Erlösung“.
Und jene, die „an den Strömen von Babel saßen und weinten“, wie an den Ufern der Flüsse im Norden? Der Ewige gab sein Wort, immerwährend mit seinem Volk zu sein, gegenwärtig im Geheimnis der Schechina. Zum Zeichen seines Bundes mit Israel werde er den Regenbogen setzen. So ließ er es in die die Heiligen Bücher schreiben. Gott ging mit in die Galut. Und an der Rampe von Auschwitz folgte er der Selektion. Sie konnten ihn nicht ein für allemal töten. Sie haben Millionen Juden umgebracht. Vernichten, das war ihr Plan, konnten sie das Volk Gottes nicht. Die jüdische Mystik nimmt keine Exklusivität göttlichen Beistands in Anspruch, sondern sieht, wie alle Völker der Welt „unter die Flügel der Schekhina kommen werden“ (6), in die Erlösung am Ende der Zeit hinein genommen. Wiederum kommt mir die prophetische Stimme von Martin Luther King jr. in den Sinn. Wie er auf den Stufen des „Lincoln Memorial“ in Washington steht.
Es ist an diesem 28. August 1963 der Höhepunkt eines Marsches für Freiheit, Arbeitsplätze und bessere Lebensbedingungen, an dem 250 000 Demonstranten, „Schwarze“ und „Weiße“, teilnehmen. Mahalia Jackson hatte den Pastor aus den Südstaaten aufgerufen: „Tell them about your dream, Martin. Tell them about the dream!“. Und er sprach von seinem Traum, den er in diesem Moment träumte – für die Menschen gleich welcher Rasse und Hautfarbe. Er mochte dabei an seine Landsleute gedacht haben. Aber seine Worte wurden zum Vermächtnis für die Völker der Erde. „Jetzt ist die Zeit gekommen, um Gerechtigkeit für alle Kinder Gottes Wirklichkeit werden zu lassen.“ (7)
Unter der Brücke am großen Strom über den Rhein hat einer, der über die Qualität der Alles-Sprayer hinausgewachsen ist, ein monumentales Sgraffito auf die Wand des Widerlagers geschrieben. Sein „Style“, sein Markenzeichen in der Szene: Harte, zornige Linien, explodierende Farben. Es ist Krieg. Aus den Hügeln im Hintergrund wälzen sich stählerne Ungeheuer nach vorn. Ein Panzerturm schwenkt wie von Geisterhand geführt auf das Ziel ein, das der Richtschütze vorgibt. Aus einem Erdbunker blickt ein Krieger. Stechend der Blick. Gespenst des Todes. Erinnert an ein bekanntes Bild des Frontsoldaten Adolf H. Tiefschwarze Grabsteine, liegend, stehend, halb umgestürzt, hinter grellen Blitzen und Stichflammen, vervollständigen die unheimliche Szenerie. Unser „Writer“ hat auf die Rüstkammer moderner Waffen verzichtet. Den ganz ordinären Stellungskrieg hat er gemalt: Das „Schlachtfeld“. Der Mensch ist des Menschen Wolf, nicht der Marschflugkörper. Krieg – es ist immer irgendwo Krieg. Kultur unterm Brückenbogen. Subkultur sei das, sagt die vornehme ältere Verwandte und kleidet sich in große Abendgarderobe des Staatsschauspiels. John Lennon, nach dem Sinn seiner „Bed-in`s“ mit Yoko Ono gefragt, antwortete dem Reporter: „All we are saying is give peace a chance“. Der Protest „im Bett“ gegen den Krieg und für den Frieden ging mit einem Song um die Welt: „Alles was wir sagen ist: Gib dem Frieden eine Chance.“
Es regnet an diesem Tag noch bis zum Abend. Der Fluss passiert mit mächtigem Schwall das Wehr, drängt zu Tal, dem großen Strom und dem Meer entgegen. Bevor die Juden verjagt, deportiert und umgebracht wurden, unterschied man zwischen Juden und Deutschen. Das hat sich nach dem Krieg geändert, seit dem es um die „jüdischen Mitbürger“ geht. Jetzt unterscheidet man zwischen Muslimen und Deutschen. So geschehen jüngst in einer Fernseh-Talk-Runde. Dem Moderator, einem von der Sorte der dreimal Gescheiten, fiel das nicht weiters auf. Der Fluss sucht seinen Weg talwärts. Eines Tages würde er umkehren, den Berg hinauf fließen, zurück zu den Quellen. Davon mögen Pastor King, und Dom Helder geträumt haben und vielleicht der eine und andere noch. Sie hatten eine Vision. Wie ehedem der Meister vom Oberrhein haben sie jenes Paradies geschaut, das den Ort beschreibt, wo immerwährender Friede regiert. Selbst der Drache, er liege „erschlagen auf dem Rücken“, jage dort den Menschen „keine Angst mehr ein“.
Ein Bistum wird tausend Jahre alt, ebenso die jüdische Gemeinde in der Bischofsstadt. Ein „Sternenmantel“ symbolisiert das Jubiläum und will Zeichen für die kommenden Äonen setzen. Ein lombardischer Edelmann, Melus von Bari, der sich Ismahel nannte, gut Freund mit den arabischen Nachbarn, hatte das kostbare Kleidungsstück in Auftrag gegeben, auf dem Höhepunkt seiner Glanzzeit. Doch die war, wie so oft im menschlichen Dasein, so kurzlebig wie Butter in der Sonne. Sein kleines Reich im Süden Italiens, das er den Griechen weggenommen hatte, holte sich Byzanz zurück. Dann kam das Jahr 1018. Wir greifen weit zurück in die Geschichte. Trotz Waffenhilfe normannischer Eroberer und geistlich- politischem Beistand „Roms“, und das war der Papst, der in „Konstantinopel“ einen ärgerlichen Widersacher sah, musste Melus-Ismahel eine vernichtende Niederlage hinnehmen, ausgerechnet bei Cannae, unglückseligen Angedenkens seit Hannibal im Jahre 216. Vielleicht aber konnte der mächtige Deutsche in Bamberg, Heinrich II., das Blatt wenden und den Byzantinern mal die Leviten mit dem Schwert lesen.
Zwei Jahre später eilte Benedikt VIII. an die Pregnitz. Auch Melus hatte sich aufgemacht. Aber dem Bayern, durchaus ein frommer Mann, Gründer des Bistums und – honi soir qui mal y pense – von Benedikt mit der Kaiserkrone belehnt – war, wie einst Karl der Grosse, dennoch ein selbständig denkender Mann und just zu jener den Italienern etwas ungünstigen Zeit auf alles andere als auf Krieg mit den Griechen aus. Er dachte in anderen machtpolitischen Zusammenhängen, Europas Landkarte betreffend. Kurzum: Der Papst ging leer aus, Melus ebenso. Als Trostpflästerchen schenkte der Kaiser dem lombardischen Edelmann den gerade frei gewordenen Titel eines Herzogs von Apulien – was den Italiener so gegrämt haben muss, dass er kurz darauf starb. Seit dem ruht auch er im Kaiserdom.
Den Mantel aber, der ihn wohl eher an das antike Danaer-Geschenk erinnerte, wollte Heinrich nicht haben und vermachte ihn dem Dom. Was aber hat diese historische Abschweifung mit unserem vor-österlichen Bericht zu tun? Es ist der Sternenmantel. „PAX“ – Frieden, hatte sich Melus vor seinem plötzlichen Tod in Bamberg gewünscht, darauf weist ein entsprechender Schriftzug in der kostbaren Stickerei hin. Der Mantel hat ein Jahrtausend überdauert, die Sehnsucht nach Frieden hält ebenso lange an. Der Mantel – übersät gewiss mit christlichen Zeichen – strahle, nach Art von Mänteln, Behaglichkeit und Wohlgefühl aus. Er symbolisiere aber auch Barmherzigkeit und Solidarität, sagt der Erzbischof im Jubiläumsjahr. Dies solle, ausnahmslos für alle, gelten.
Das Tageslicht weicht langsam dem Abend. In einem Hinterhof, von der Hauptstrasse nicht leicht einsehbar, befindet sich die neue Synagoge der israelitischen Kultusgemeinde. Grundstück und noch nutzbare Gebäude-Teile gehörten zu einer ehemaligen Nähseidenfabrik in jüdischem Besitz. In einem Grußwort zur Einweihung des Nachkriegs-Gotteshauses sprach der Regierungspräsident von einem „lebendigen Miteinander mit allen Bürgern und Bürgerinnen der Stadt.“ Die Postanschrift ist auf die Straße bezogen, die den Namen des letzten Gemeindevorstehers vor dem Krieg trägt, und der als Opfer der Pogromnacht von 1938 sein Leben verlor. Man findet nicht an jeder Ecke ein Hinweisschild, wie auf den Brücken und in den Gassen der Altstadt, dem „Weltkulturerbe“, wo sich vor langer Zeit jüdisches Leben in der Stadt entfaltet hatte. Sobald ein Besucher in der Dunkelheit den Innenhof der neuen Synagoge betritt, gehen automatisch Scheinwerfer an. Auch tagsüber ist die Eingangstür auf verschiedene Art gesichert. Allein ein stilisierter David-Stern an der schlichten Fassade zeigt die Adresse an. Vor hellweißem Hintergrundlicht wirken seine Konturen in der Dunkelheit leicht gebrochen.´
Mit diesem dritten Teil ist die Reihe abgeschlossen.
Literaturhinweise:
(3) Neue Synagoge Bamberg mit Gemeindezentrum. Stadt Bamberg/Stadtplanungsamt, Baureferat. Bamberg 2005.
(4) H.F.E. Fränkel: Lebenserinnerungen. © 1999 Norbert J. Haas, Bamberg.
(5) Begleitheft zur Ausstellung: „Gärten: Ordnung, Inspiration, Glück“. Eine Einführung für Schülerinnen und Schüler. Städel Museum, Frankfurt am Main 2006.
(6) Clemens Thoma: Gott wohnt mitten unter uns. In „Freiburger Rundbrief“, Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung. Ausgabe Nr. 2, Freiburg 2007.
(7) Douglass Archives of American Public Address (http://douglass.speech.nwu.edu) 1999.