Archiv des MonatsMarch, 2007

Klagt nicht um mich (3)

Als der Rote Hahn krähte

Auf der Unteren Brücke, vis-a-vis von der üppigen Gestalt der frommen Kaiserin, mit goldener Krone und goldenem Zepter hat die „political correctness“ vor einiger Zeit eine Gedenktafel an der Rathausmauer angebracht: Für die jüdischen Mitbürger –„und die anderen“ (nur keine Ausnahmen) die verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden.

Es gab auch das „andere Deutschland“. Was er von den Verbrechen an der „Ostfront“ erfahren habe, sei genug gewesen, um sich gegen den „Führer“ zu erheben, sagt ein höherer Wehrmachtsoffizier, der anfangs mitmarschiert war. Nicht er, sondern Adolf H. selbst habe den Eid gebrochen, auf den er seine Soldaten eingeschworen hatte. Eine weitere Gedenktafel, im Durchgang unter dem Alten Rathaus, würdigt Claus Schenk Graf von Stauffenberg, gestiftet von den „17er Reitern“, seinem ehemaligen Bamberger Traditionsregiment, in welchem der „gläubige Katholik“ Stauffenberg seine militärische Karriere begann. Am 15. November des Jahres 2007, jährt sich der 100. Geburtstag des Soldaten, der sein Leben für das „heilige Deutschland“ gab. So werden seine letzten Worte überliefert, bevor er unter den Schüssen des Pelotons im Bendlerblock fiel.

Die anderen, die „getreuen Soldaten“, so will es ein weiteres in Stein gehauenes Andenken, blieben „an den Fronten Europas und in Afrika“. Getreu bis in den Tod. Welch ein geschundenes Wort. Üb`immer Treu und Redlichkeit…; es war einmal ein treuer Husar….; „Unsere Ehre heißt Treue“, dazu statt der Kokarde der Totenkopf. Welche Treue hat sie auf den „Schlachtfeldern“ krepieren lassen? Der Fluss färbte sich rot, nach dem die Front näher an die Heimat gerückt war. Mit dem Strom trieb die Nachricht talwärts, den noch breiteren Flüssen zu, in der Unendlichkeit des Meeres mündend, von dort aufsteigend in die Wolken und zurückkehrend, an dem Tag, als es auf die Stadt regnete, aber die Gassen nicht rein wusch von dem, was in jener Novembernacht begonnen hatte, als die Synagoge brannte. (4) Das Wasser, zu anderen Zeiten verschwenderisch verfügbar, war offenbar knapp geworden. Und keiner war da, als der Rote Hahn krähte, niemand, um ihn zu vertreiben. Den Juden der Stadt läutete die Sterbeglocke. Der Fluss aber eilte, wie von Anbeginn, zu Tal. Und wenn er über die Ufer trat riss er alles mit, was nicht gesichert war. Wer nicht aufpasste, wurde von seinem Sog mitgezogen. Der Fluss schenkte, aber er strafte auch. Die Brücken, die seine Ufer verbinden, wissen ein Lied davon zu singen.

„Schlag auf Schlag“ waren die „Nationalsozialisten“ nach ihrer Machtübernahme gegen die jüdischen Mitbürger, denen sie diesen Status per „Führerbefehl“ aberkannten, vorgegangen: Berufsverbote, Gesetz „zum Schutz deutschen Blutes und deutscher Ehre“, Enteignungen, auch Hund und Kanarienvogel waren verboten. Alles wie gehabt. Bis die „Reichskristallnacht“, Berliner Volksmund von Hitlers Mephisto und seiner Goebbels Propaganda-Maschine geschickt eingesetzt, die Schienen legte, auf denen dann die Züge mit den Transporten in die Mordfabriken abfuhren. Hunderte von Jahren zuvor hatten die Juden in der fränkischen Stadt die Obrigkeit gebeten, ihnen ein Getto zum Selbstschutz zu genehmigen, damit sie nachts ruhig könnten schlafen. Im Jahre 1910 baten sie die städtischen Behörden, sie möchten das neue Gotteshaus der jüdischen Gemeinde „in Schutz und Obhut“ nehmen und der Oberbürgermeister versicherte bei der Einweihung der „prächtigen“ Synagoge, der fünften in der Geschichte der Juden in dieser Stadt: „Das werden wir bereitwilligst tun und für alle Zukunft. Es soll uns dessen Schutz eine besondere Pflicht und Obsorge sein.“

Sein Nachfolger, mit dem Parteiabzeichen am Revers, gab 28 Jahre später die von Berlin aus diktierte Order, die Synagoge anzünden. Die alarmierte Feuerwehr wird von SA-Leuten abgewehrt. Was nicht den Flammen zum Opfer fiel, wurde bis auf die Grundmauern in die Luft gesprengt. (Die Chronik des Bistums vermerkt, dass in der Zeit von 1912 bis 1943 unter dem Erzbischof Jakobus von Hauck über einhundert neue Gotteshäuser gebaut wurden.)

Willy Lessing, Kommerzienrat, einer der großen Brauerei-Besitzer, bis ihm `36 die Nazis die Anteile wegnahmen, im Behördendeutsch „enteigneten“, faktisch „im Namen des deutschen Volkes“ beraubten, war in diesem 38er Jahr Vorsitzender der Kultusgemeinde. Als er in der berüchtigten Nach des 9. November den SA-Sturm anrücken sah versuchte er die Thora-Rollen zu retten. Vergeblich. Nach kurzem Handgemenge hatten sie ihn blutig geprügelt. Blutüberströmt schleppte er sich nach Hause. Dort holte ihn die Marodeure ein, aufgehetzte Jugendliche. Angehörige der Hitler-Jugend, wie sich später herausstellte. Sie zerren ihn auf die Straße und geben ihm den Rest mit Eisenstangen. Die Bamberger Polizei wurde „von oben“ angewiesen, den Vorfall nicht weiter zu verfolgen. Die Täter aber werden belobigt, mit dem goldenen HJ-Verdienstzeichen „geehrt“. Im Januar 39, stirbt Willy Lessing an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Wer sich von der Gemeinde nicht in Sicherheit bringen kann, und das sind zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige, wird nach Auschwitz und Theresienstadt abtransportiert. Die jüdische Gemeinde existierte nun auch in dieser Stadt nicht mehr.

Wer aber waren denn diese „Nazis“, die „nicht lange fackelten“? Farblose stumme Lemminge? Die Befehle wurden zwar von „Berlin“ aus erteilt, die willigen Helfer aber lebten, es bleibt dabei, in den Provinzen des Reiches. Der Nachbar, der immer so freundlich zu den Kindern war, die Nachbarin von gegenüber auf der Etage. Wer den Bedrängten half, hatte einiges für sich selbst zu befürchten, wer seiner „Pflicht als Volksgenosse“ nachkam, ganz bestimmt nicht.

Das Reichsjustizministerium stellte – „bei der strafrechtliche Behandlung der Vorgänge in der Zeit vom 9. bis 11. November 1938“ – den meisten Beteiligten einen „Persilschein“ aus. Wenn sich einer nicht gerade an einer jüdischen Frau verging – für die Nazis nicht wegen Vergewaltigung ein Verbrechen, sondern als „Notzuchts-Delikt in Idealkonkurrenz mit Rassenschande wegen der „Rassenschande“ – konnte er beruhigt zur Tagesordnung übergehen. Mal sehen, was von den abgereisten oder abtransportierten Juden noch an Brauchbarem übrig blieb.

Sollte man um eine Aburteilung nicht herum kommen, „sei es nicht zweckmäßig hohe Strafen auszusprechen“. Bei Fällen, die ohne Verhandlung erledigt werden konnten, sollten die Gerichte nicht kleinlich sein. Das betraf etwa die „Wegnahme von Lebensmitteln aus eingeschlagenen Fensterscheiben“. Soweit die Anweisung des Vizepräsidenten des Oberlandesgerichts vom 27.1. 39 an die untergeordneten Dienststellen.

Ganz wenige, deren jüdische Herkunft den Nazi-Behörden verborgen geblieben war, konnten sich bis in die letzten Kriegstage retten. Doch auch ihnen blieb der Karfreitag nicht erspart. Die Alliierten rückten zwar näher und die Bombardements aus der Luft schienen ein Zeichen des Himmels zu sein, ließen auf ein baldiges Ende der Leidenszeit hoffen, auch wenn die restliche Habe verloren gehen mochte. Ein Überlebender berichtet, wie sie nach einer Bleibe suchten. Sie hätten dringend irgendetwas gebraucht, um das Gepäck mit den wenigen geretteten Sachen zu transportieren. Doch die Handwagen der Caritas waren fest an einer Hauswand angekettet. Sie haben bei den Ordensschwestern angeklopft, und um Trinkwasser gebeten, denn Wasserleitungen, die man hätte gefahrlos anzapfen können, ohne den Spürhunden der Gestapo in die Hände zu fallen, waren nicht erreichbar. Aber die Schwestern hatten kein Wasser für die Bittenden. Der Brunnen im Hof blieb zugedeckt.

Der Traum vom ewigen Frieden

In diesem Jahr hat sich der Frühling nach dem Geschmack der Ärzte viel zu früh angemeldet. Man wird sich vom Pelz befreien, die Jacke über die Schulter hängen, die „herrliche, gesunde Luft“ einatmen und sich die Haut verbrennen. Das Wasser des großen Stromes, in das alle Flüsse im Westen Deutschlands münden, reflektiert die Sonnenstrahlen wie in einem Brennglas. Osterglocken und Hyazinthen, Krokusse und Primelchen bilden bunte Kleckse im jungen Grün der städtischen Parkanlagen, die Magnolien entfalten schon ihre üppigen Blüten. In der alten Handelsmetropole an Strom zeigt eines der namhaftesten Museen, wie Maler der vergangenen fünf Jahrhunderte das Farbenspiel der Natur zu allen Jahreszeiten empfunden haben – Natur, vom Menschen einfangen, in eine Form gegeben. Gärten sind Erben des Paradieses“, erfahren wir aus dem Begleittext (5),„Ursprung und Ideal des glücklichen Lebens vor dem Sündenfall“ seien sie, „Ort einer gesellschaftlichen Utopie, welche die friedliche Koexistenz von Mensch, Tier und Pflanze Wirklichkeit werden lässt.“ Hat sich Geschichte der Menschen diesem Idealzustand auch nur angenähert? Nachdem Paul Klee von den Nationalsozialisten in Acht und Bann getan worden war, malte er nicht mehr „lebensfroh“. Er entscheidet sich für Arbeiten, „die sich nicht mehr auf ein symphonisches Miteinander der Zeichen und Formen konzentrieren, sondern ein fragmentarisches Bild der Welt zeigen.“ Über fünf hundert Jahre liegen zwischen seinem Bild von einem „Pflanzen-Arrangement“ und dem „Paradiesgärtlein“ eines oberrheinischen Meisters um 1420.

Die Menschen träumen von dem, was sie nie erleben durften. „I have a dream“, rief Martin Luther King so laut, damit alle Welt ihn hören sollte. „Ich habe einen Traum: Dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia, Söhne früherer Sklaven und Söhne früherer Sklavenhalter miteinander zu Tisch sitzen können.“ Waren es nicht doch, die Schüsse vorahnend, die ihn töten würden, seine letzten Worte? Dom Helder (Camara), der kleine mutige Bischof aus Brasilien – ich höre ihn, wie er den Menschen zuruft: „Wenn einer träumt, dann bleibt es ein Traum – wenn wir gemeinsam träumen, dann ist es der Beginn der Wirklichkeit.“ Kommen wir noch einmal zurück auf die „fantastische Reise durch die Gärten der Kunst“, wie die Ausstellungsmacher des Frankfurter „Städel“ ihre Veranstaltung nennen. Der Oberrheinische Meister will den Menschen Zuversicht geben – seine Zeit gilt als die frömmste des Mittelalters. Aber am Glaubenshimmel sind Wolken aufgezogen: Konstanzer Konzil, Hussitenkriege, die Kanonen werden immer durchschlagkräftiger, die Türken stehen vor Konstantinopel. Noch ist sein „Paradiesgärtlein“ ein „Ort immerwährenden Friedens“. Auch der Autorin des Textheftes kommt das Bild von einem Traum in den Sinn. Der unbekannte Maler malt den Garten „als Herz der Schöpfung, als Urquell des Lebens selbst.“ Auf dieser Idee gründe auch der christliche Glaube. Stimmen wir der Verfasserin zu. Damals wie heute spricht aus dieser Idee ein Menschheitstraum, der „kollektive Traum von Erlösung“.

Und jene, die „an den Strömen von Babel saßen und weinten“, wie an den Ufern der Flüsse im Norden? Der Ewige gab sein Wort, immerwährend mit seinem Volk zu sein, gegenwärtig im Geheimnis der Schechina. Zum Zeichen seines Bundes mit Israel werde er den Regenbogen setzen. So ließ er es in die die Heiligen Bücher schreiben. Gott ging mit in die Galut. Und an der Rampe von Auschwitz folgte er der Selektion. Sie konnten ihn nicht ein für allemal töten. Sie haben Millionen Juden umgebracht. Vernichten, das war ihr Plan, konnten sie das Volk Gottes nicht. Die jüdische Mystik nimmt keine Exklusivität göttlichen Beistands in Anspruch, sondern sieht, wie alle Völker der Welt „unter die Flügel der Schekhina kommen werden“ (6), in die Erlösung am Ende der Zeit hinein genommen. Wiederum kommt mir die prophetische Stimme von Martin Luther King jr. in den Sinn. Wie er auf den Stufen des „Lincoln Memorial“ in Washington steht.

Es ist an diesem 28. August 1963 der Höhepunkt eines Marsches für Freiheit, Arbeitsplätze und bessere Lebensbedingungen, an dem 250 000 Demonstranten, „Schwarze“ und „Weiße“, teilnehmen. Mahalia Jackson hatte den Pastor aus den Südstaaten aufgerufen: „Tell them about your dream, Martin. Tell them about the dream!“. Und er sprach von seinem Traum, den er in diesem Moment träumte – für die Menschen gleich welcher Rasse und Hautfarbe. Er mochte dabei an seine Landsleute gedacht haben. Aber seine Worte wurden zum Vermächtnis für die Völker der Erde. „Jetzt ist die Zeit gekommen, um Gerechtigkeit für alle Kinder Gottes Wirklichkeit werden zu lassen.“ (7)

Unter der Brücke am großen Strom über den Rhein hat einer, der über die Qualität der Alles-Sprayer hinausgewachsen ist, ein monumentales Sgraffito auf die Wand des Widerlagers geschrieben. Sein „Style“, sein Markenzeichen in der Szene: Harte, zornige Linien, explodierende Farben. Es ist Krieg. Aus den Hügeln im Hintergrund wälzen sich stählerne Ungeheuer nach vorn. Ein Panzerturm schwenkt wie von Geisterhand geführt auf das Ziel ein, das der Richtschütze vorgibt. Aus einem Erdbunker blickt ein Krieger. Stechend der Blick. Gespenst des Todes. Erinnert an ein bekanntes Bild des Frontsoldaten Adolf H. Tiefschwarze Grabsteine, liegend, stehend, halb umgestürzt, hinter grellen Blitzen und Stichflammen, vervollständigen die unheimliche Szenerie. Unser „Writer“ hat auf die Rüstkammer moderner Waffen verzichtet. Den ganz ordinären Stellungskrieg hat er gemalt: Das „Schlachtfeld“. Der Mensch ist des Menschen Wolf, nicht der Marschflugkörper. Krieg – es ist immer irgendwo Krieg. Kultur unterm Brückenbogen. Subkultur sei das, sagt die vornehme ältere Verwandte und kleidet sich in große Abendgarderobe des Staatsschauspiels. John Lennon, nach dem Sinn seiner „Bed-in`s“ mit Yoko Ono gefragt, antwortete dem Reporter: „All we are saying is give peace a chance“. Der Protest „im Bett“ gegen den Krieg und für den Frieden ging mit einem Song um die Welt: „Alles was wir sagen ist: Gib dem Frieden eine Chance.“

Es regnet an diesem Tag noch bis zum Abend. Der Fluss passiert mit mächtigem Schwall das Wehr, drängt zu Tal, dem großen Strom und dem Meer entgegen. Bevor die Juden verjagt, deportiert und umgebracht wurden, unterschied man zwischen Juden und Deutschen. Das hat sich nach dem Krieg geändert, seit dem es um die „jüdischen Mitbürger“ geht. Jetzt unterscheidet man zwischen Muslimen und Deutschen. So geschehen jüngst in einer Fernseh-Talk-Runde. Dem Moderator, einem von der Sorte der dreimal Gescheiten, fiel das nicht weiters auf. Der Fluss sucht seinen Weg talwärts. Eines Tages würde er umkehren, den Berg hinauf fließen, zurück zu den Quellen. Davon mögen Pastor King, und Dom Helder geträumt haben und vielleicht der eine und andere noch. Sie hatten eine Vision. Wie ehedem der Meister vom Oberrhein haben sie jenes Paradies geschaut, das den Ort beschreibt, wo immerwährender Friede regiert. Selbst der Drache, er liege „erschlagen auf dem Rücken“, jage dort den Menschen „keine Angst mehr ein“.

Ein Bistum wird tausend Jahre alt, ebenso die jüdische Gemeinde in der Bischofsstadt. Ein „Sternenmantel“ symbolisiert das Jubiläum und will Zeichen für die kommenden Äonen setzen. Ein lombardischer Edelmann, Melus von Bari, der sich Ismahel nannte, gut Freund mit den arabischen Nachbarn, hatte das kostbare Kleidungsstück in Auftrag gegeben, auf dem Höhepunkt seiner Glanzzeit. Doch die war, wie so oft im menschlichen Dasein, so kurzlebig wie Butter in der Sonne. Sein kleines Reich im Süden Italiens, das er den Griechen weggenommen hatte, holte sich Byzanz zurück. Dann kam das Jahr 1018. Wir greifen weit zurück in die Geschichte. Trotz Waffenhilfe normannischer Eroberer und geistlich- politischem Beistand „Roms“, und das war der Papst, der in „Konstantinopel“ einen ärgerlichen Widersacher sah, musste Melus-Ismahel eine vernichtende Niederlage hinnehmen, ausgerechnet bei Cannae, unglückseligen Angedenkens seit Hannibal im Jahre 216. Vielleicht aber konnte der mächtige Deutsche in Bamberg, Heinrich II., das Blatt wenden und den Byzantinern mal die Leviten mit dem Schwert lesen.

Zwei Jahre später eilte Benedikt VIII. an die Pregnitz. Auch Melus hatte sich aufgemacht. Aber dem Bayern, durchaus ein frommer Mann, Gründer des Bistums und – honi soir qui mal y pense – von Benedikt mit der Kaiserkrone belehnt – war, wie einst Karl der Grosse, dennoch ein selbständig denkender Mann und just zu jener den Italienern etwas ungünstigen Zeit auf alles andere als auf Krieg mit den Griechen aus. Er dachte in anderen machtpolitischen Zusammenhängen, Europas Landkarte betreffend. Kurzum: Der Papst ging leer aus, Melus ebenso. Als Trostpflästerchen schenkte der Kaiser dem lombardischen Edelmann den gerade frei gewordenen Titel eines Herzogs von Apulien – was den Italiener so gegrämt haben muss, dass er kurz darauf starb. Seit dem ruht auch er im Kaiserdom.

Den Mantel aber, der ihn wohl eher an das antike Danaer-Geschenk erinnerte, wollte Heinrich nicht haben und vermachte ihn dem Dom. Was aber hat diese historische Abschweifung mit unserem vor-österlichen Bericht zu tun? Es ist der Sternenmantel. „PAX“ – Frieden, hatte sich Melus vor seinem plötzlichen Tod in Bamberg gewünscht, darauf weist ein entsprechender Schriftzug in der kostbaren Stickerei hin. Der Mantel hat ein Jahrtausend überdauert, die Sehnsucht nach Frieden hält ebenso lange an. Der Mantel – übersät gewiss mit christlichen Zeichen – strahle, nach Art von Mänteln, Behaglichkeit und Wohlgefühl aus. Er symbolisiere aber auch Barmherzigkeit und Solidarität, sagt der Erzbischof im Jubiläumsjahr. Dies solle, ausnahmslos für alle, gelten.

Das Tageslicht weicht langsam dem Abend. In einem Hinterhof, von der Hauptstrasse nicht leicht einsehbar, befindet sich die neue Synagoge der israelitischen Kultusgemeinde. Grundstück und noch nutzbare Gebäude-Teile gehörten zu einer ehemaligen Nähseidenfabrik in jüdischem Besitz. In einem Grußwort zur Einweihung des Nachkriegs-Gotteshauses sprach der Regierungspräsident von einem „lebendigen Miteinander mit allen Bürgern und Bürgerinnen der Stadt.“ Die Postanschrift ist auf die Straße bezogen, die den Namen des letzten Gemeindevorstehers vor dem Krieg trägt, und der als Opfer der Pogromnacht von 1938 sein Leben verlor. Man findet nicht an jeder Ecke ein Hinweisschild, wie auf den Brücken und in den Gassen der Altstadt, dem „Weltkulturerbe“, wo sich vor langer Zeit jüdisches Leben in der Stadt entfaltet hatte. Sobald ein Besucher in der Dunkelheit den Innenhof der neuen Synagoge betritt, gehen automatisch Scheinwerfer an. Auch tagsüber ist die Eingangstür auf verschiedene Art gesichert. Allein ein stilisierter David-Stern an der schlichten Fassade zeigt die Adresse an. Vor hellweißem Hintergrundlicht wirken seine Konturen in der Dunkelheit leicht gebrochen.´

Mit diesem dritten Teil ist die Reihe abgeschlossen.

Literaturhinweise:

(3) Neue Synagoge Bamberg mit Gemeindezentrum. Stadt Bamberg/Stadtplanungsamt, Baureferat. Bamberg 2005.
(4) H.F.E. Fränkel: Lebenserinnerungen. © 1999 Norbert J. Haas, Bamberg.
(5) Begleitheft zur Ausstellung: „Gärten: Ordnung, Inspiration, Glück“. Eine Einführung für Schülerinnen und Schüler. Städel Museum, Frankfurt am Main 2006.
(6) Clemens Thoma: Gott wohnt mitten unter uns. In „Freiburger Rundbrief“, Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung. Ausgabe Nr. 2, Freiburg 2007.
(7) Douglass Archives of American Public Address (
http://douglass.speech.nwu.edu) 1999.

Kommentar

Klagt nicht um mich (2)

Synagoga und Ekklesia

Im Kaiserdom – dem heiligen Petrus und dem heiligen Georg geweiht – welch sinnfälliges Duo: Schutzpatrone gegen die inneren und äußeren Anfechtungen für Glauben und Kirche – sind im Tode vereint: katholische Majestäten, hochwürdige Prälaten und Fürsten, Heilige und Sünder. Auch ein Papst aus deutschem Haus kehrte zurück in seine ehemalige Bischofsstadt – sein letzter Wille. (2) Bewacht vom „Bamberger Reiter“ – dem heiligen Stefan, dem Ungarn. Wahrlich ein Ort, auf dem der Segen des Allerhöchsten ruht.

Im linken Seitenschiff teilt sich der Strom der Geschichte des Glaubens an den einen Gott. Dargestellt in den berühmten Allegorien „Synagoga“ und „Ekklesia“.

Eine japanische Reisegruppe wird wohl Mühe haben, die religionsgeschichtlichen Erklärungen aus dem fränkisch-englischen Munde ihrer Dolmetscherin zu verstehen: Schauen Sie, die Augen der „Synagoga“ sind verbunden. Will sagen: Das Volk der Juden hat den Messias nicht erkannt. Die Lanze in ihrer rechten Hand ist zerbrochen, ihren linken Arm lässt sie sinken. Das Buch Mose entgleitet ihrer Hand. Wir Christen nennen es das Alte Testament.

Und nun zur „Ekklesia“. Die Kirche des Neuen Testaments. Glaubensgemeinschaft der Christen. Früher hielt die Ekklesia in ihrer Rechten die Kreuzesfahne, in der Linken den Kelch. Zeichen des Sieges, Sinnbild des „wahren Glaubens.“ So wird es gesagt und geschrieben. Irgendwann hat die Ekklesia beide Arme verloren. Opfer von Kriegswirren, oder Folge von Materialschwäche. Man wird nicht ausschließen können, dass zu den touristischen Heerscharen, die den Weg zum Domberg finden, auch jüdische Besucher zählen.

Wie hat der Bildhauer seine „Synagoga“ geschaffen. Eine meisterliche Arbeit bescheinigen ihm Kunstsachverständige, aus der Zeit, als der gotische Stil in Blüte stand und die Staufer herrschten. Sicherlich habe ihm eine Frau von „junger, zarter Gestalt“ Modell gestanden, „das Kleid wie ein Hauch auf ihrem nackten Körper, ihre Schönheit nochmals hervorhebend.“ Was will der Künstler dem Betrachter seiner Figur sagen. Ihr Gesicht zeige Resignation und Trauer, erklären die Sachverständigen unserer Tage. Eine vieldeutige Aussage. Im Jahr 3 der Machtergreifung galten andere Merkmale für die deutsche Herren-Rasse. Ein Abstammungsnachweis musste erbracht werden und Hermann Göring entschied, wer „Jude“ war und diesem bald darauf ein großes „J“ in den Pass gestempelt wurde: Die Kennkarte zwecks Abtransports. Ob „Blutparagraph“ oder Gelber Stern – wie man das machte, konnten die Nazis in der Geschichte nachschlagen, auch in der kirchlichen.

Noch können Zeugen Auskunft geben über jene Jahre, als Satan Adolf H. vor dem Versuch nicht zurückgeschreckt hatte, Gott selbst zu seinem Komplizen zu machen: „In dem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Als Nazi sagte man: „der Jude“ Der kollektive Singular sollte ein Volk insgesamt brandmarken, vorbereiten, damit es vernichtet werden könnte. Ein ganzes Volk sei dem Ver-Führer erlegen, wie weiland die Kinder von Hameln dem Rattenfänger, verschlungen vom Fluss, der sie in die Strudel monströser Verbrechen hineinzog. Die böse Tat gewährt so schnell kein Entrinnen aus der Erinnerung.

In „teutschen steten“

Zwölf Jahre nur, die den Geist „Schillers und Goethes“ töteten – oder doch mit Vorgeschichte?. Am Seitenportal einer anderen Domkirche auf der katholischen Main-Donau-Achse „ziert“ bis heute ein Relief die Außenwand – dorthin weisend, wo sich der jüdische Wohnbezirk befand. Das Steinbild zeigt die „Judensau“ und es gab ein langes Gezerre, bis man sich auf eine erklärende Schrifttafel einigte. Mittelalterliches Denken sei heute selbstverständlich nicht mehr hinzunehmen. „Mittelalterliches“ Denken? Man tut sich schwer in säkularen wie auch in gebildeten geistlichen Kreisen. Gelehrsamkeit schützt vor Torheit nicht. Einem der Hirten, die unlängst das Heilige Land aufsuchten, gingen wirre Gedanken durch den Kopf. Bilder aus einem „gettoähnlichen“ Stadtteil für Palästinenser schien er mit dem Getto von Warschau verwechselt zu haben. Eine „Nebenbemerkung“, die ein Sprecher der Bischofskonferenz eilfertig und pflichtschuldig als solche herunterzuspielen suchte, nicht ohne Ausdruck des Bedauerns, war ein Hauptsatz geworden. Wie gesagt: Die Erinnerung muss nicht erst zurückkehren, sie ist immerwährend präsent.

„Wallfahrer ziehen durch das Tal – mit fliegenden Standarten.“ So haben wir die dritte Strophe, unterwegs auf Schusters Rappen mitgesungen oder mitgesummt. Die Luft „ging frisch und rein“. So mag´s vor tausend Jahren schon gewesen sein, als jüdische Reisende sich an den Ufern von Main und Regnitz niederließen und manchen Wohlstand mitbrachten. Von einem „fränkischen Jerusalem“ sprach man gar und gelehrte Rabbiner wurden verehrt als „Leuchten des Exils.“

Nein, „räudig Schäflein“, wie unser fahrender Scholar, den der „Pfarr wollt nicht haben“, waren sie nicht. Dankbar war man auf dem Domberg für manche gute Tat aus jüdischer Hand, inbesondere, wenn diese Bares auf den Tisch legte, denn den Herren stand mitunter das Wasser bis zum Hals – bei ihrem teuren Hobby, Land zu vermehren, mit dem Nachbarn in Fehde zu liegen, eine zweckgebundene Ehe zu schließen, Jerusalem von den Türken zu befreien und gleich auch mal mit oder gegen Byzanz zu ziehen und was es derlei Kostspieligkeiten sonst noch gab. Der „Jud“ würde schon mit Darlehen aushelfen. Der erste „Judenhof“ wird in der Stadt am Fluss erstmalig urkundlich erwähnt, als der Kaiser das Bistum – in Abstimmung mit dem Papst in Rom – ins Leben ruft. Eine Synagoge, eine Mikwe und ein eigenes Tanzhaus nannte die jüdische Gemeinde ihr Eigen. Sie könnten gemeinsam Millenium feiern, die Christen und die Juden in der Stadt am Fluss. Sie könnten …

Im Jahre 1422 verfügten die Fürstbischöfe von Würzburg, Bamberg und Brandenburg, „die Judischeit in unseren Slossen, Steten, Merckten und Dörffern nicht mer wonaftig sein lassen“. Ende der goldenen Zeit. Es würde zu weit führen, die Achterbahn der Drangsale in den folgenden Jahrhunderten in allen Einzelheiten zu schildern. Enteignung des Grundbesitzes, man könnte auch sagen erste „Arisierung“, um Günstlinge des Hofes zu bedienen. Hetzpredigten von den Kanzeln, Zwangstaufen. Auch die „Wittenbergisch Nachtigall“ vergaß das Singen, als ihm nicht gelang, die Juden auf seine Seite zu ziehen, sein Lied wider die Juden nahm schweinische Züge an.

Die Synagoge in der fränkischen Domstadt wird in „Marienkapelle“ umgewidmet, ähnlich den anderen „teutschen Steten“, wie München und Regensburg. Wenn man die Juden nicht ganz aus der Stadt treiben wollte, und mit ihnen die stille Darlehnskasse, auch der Steuern wäre man verlustig gegangen, wurde ihnen eine „oede hofstatt“ angewiesen, zum Beispiel das „Lochhaus“. Das war ein aufgelassenes Gefängnis und gleich nebenan wohnte der Folterknecht, der Helfer des Scharfrichters. Ab dem 15. Jahrhundert hieß die Judengasse nur noch so, Juden wohnten dort nicht mehr. Gewerbe und Handwerk, auch der Kaufmannshandel waren tabu.

„Sie werden das eigentümliche Symbol, das in das Brauhaus-Wappen eingearbeitet ist, bemerkt haben“, greift die Stadtführerin eine Frage aus der Gruppe auf. Eines der ältesten Gasthäuser der Stadt, einladend schon seine historische Fassade, Fachwerk, gerade erst renoviert, reichhaltiges Schnitzwerk in den Gesimsbändern, drängt zur Einkehr. Wie der große Kristalltropfen an einem Lüster, hängt das Stern-Zeichen an dem mächtigen, kunstvoll geschmiedeten Aushänger.

Es bildet ein Hexagramm, und der erste Gedanke war, es könnte sich um einen „Davidstern“ handeln, auf jüdische Eigentümer hinweisend. Die Vermutung wäre nicht abwegig, lag doch – in den „guten Zeiten“ – der Handel mit Hopfen und allem, was zum Braugewerbe dazu gehörte, weitgehend in jüdischer Hand, wie anderswo der Wein oder das Vieh.

Man stellte den Juden „Freiungsbriefe“ aus, um die Ökonomie in Schwung zu halten, das heißt, damit Steuern in den Stadtsäckel flossen. Handel mit Kelch, Messgewand, Messbüchern war Juden freilich untersagt, auch „blutige Gewand und nasse Häute“ standen auf der Verbotsliste.

Der Sechsstern, zwei verschränkte Dreiecke, hatte seine eigene lange Geschichte, bis er zum Staatswappen Israels erkoren wurde – das Fahnenbild zeigt den „Magen Dawid“ in die Form eines Tallit – Gebetsmantels eingefügt. Fromme Legende und kabbalistische Deutungen verbinden sich mit dem Symbol, die ineinander verwobenen Dreiecke durchdringen sich wie Materie und Geist, erklären das Universum.

Dieser sechseckige Wirtshaus-Stern freilich, der einige der bekanntesten Brauhäuser der Stadt ziert, hat mit der jüdischen Geschichte der Stadt nichts zu tun, obschon ein früher Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden kann, zurückgehend auf jüdische religiöse Tradition. So etwa ab dem 15. Jahrhundert entdeckten deutsche Brauer das Symbol. Es ließe sich als weithin erkennbares Zunftzeichen verwenden – womöglich auch ein wenig geheimnisvoll auf Betrachter wirkend. Die Spitze des oberen Dreiecks symbolisiere das Wasser, die des unteren das Feuer. So kann man das sehen: Wie im Sudhaus. Es sollten aber auch die Elemente Luft und Erde angedeutet werden. Wie immer die Anordnung gewesen sein mag, in jener Zeit stand die Alchimie in hoher Blüte, mit welcher Auswirkung auf das Bräu, es mag der Phantasie des Zechers überlassen bleiben. Stolz sind sie jedenfalls südlich des Mains auf ihr „Reinheitsgebot“. Während der „guten Jahre“ durften auch Juden Gewerbe betreiben, die im Übrigen den Zünften der christlichen Bürgerschaft vorbehalten war. Bierbrauer gehörten schließlich auch dazu, aber auch das währte nur bis zum nächsten Berufsverbot.

Es blieb bei diesen Wechselbädern und wurde ja nicht besser, trotz „Juden-Edikt“ mit gewissen Bürgerrechten, etwa im Königreich der Bayern von Napoleons Gnaden – kaum erlassen durch Matrikelparagraphen wieder eingeschränkt. Mochte die nachfolgende Reichsverfassung Juden und „Nicht-Juden“ gleichstellen, der Agitator Wilhelm Marr, erbitterter Gegner der Emanzipation der Juden, ließ nichts unversucht, damit die Diskriminierung anhielte. Er nannte – wissenschaftlich verbrämt – „Antisemitismus“, was die bisher überwiegend aus religiösen oder/und materiellen Gründen beschlossenen Maßnahmen gegen Juden in blanken Rassismus steigern ließ, bis zur Übersteigerung aller Pogrome der Geschichte in einem menschliche Vorstellungskraft sprengenden Ausmaßes. Der Tod wurde ein „Meister aus Deutschland“.

Am unteren Hügel der Kirchenstadt gibt es noch – oder soll man sagen: wieder – die „Judenstrasse“. (3) Angesehene Juden lebten hier Haus an Haus mit ihren nicht-jüdischen Nachbarn. Die prächtigen Barockfassaden, die der Weltkrieg verschont hat, zeugen vom Wohlstand der hier einst ansässigen Bürger christlichen und mosaischen Glaubens. Unter dem Krummstab ließ sich´s gut leben, so behauptete das Sprichwort und es traf meistens zu, besonders dann, wenn es dem Herrn auf der Kirchenburg gut ging. Wehe, wenn der Wind drehte. Sündenböcke waren schnell gefunden.

Wo die Freundlichkeit zu Ende war, erklärten die Skulpturen am Fürstenportal der Hohen Kirche: die „blinde“ Synagoga und die „triumphierende“ Ecclesia. Da erging es den Juden in der Unterstadt nicht anders, als den Verwandten in Mainz, Speyer, Worms, Köln, Regensburg und wo immer zwischen Rhein und Donau. Sie hätten letztlich das kleinere Übel vorgezogen. Man möge Ihnen ein Getto gestatten, damit bei Sonnenuntergang die Tore verschlossen und man nachts ruhig schlafen könne. Auch dem Kaiser „ein Zins“ zu geben und wenn´s sein musste, noch mehr, war man ja bereit. Die Herrschaften auf dem Kirchberg waren immer knapp bei Kasse, wenn wieder mal ein Kreuzzug, Strafaktikonen gegen Abtrünnige, wie die Albingenser, eine Fehde mit dem Nachbarn, eine Prunkhochzeit anstand. Noch größer, noch schöner für den Serenissimus. Wenn der Papst knapp bei Kasse war hielt er sich mit verlockenden Gegengaben an den bischöflichen Landesfürsten und dieser an seine bevorzugten, das heißt jüdischen „Melkkühe“. An die Rückzahlungsmodi hatten die Kreditgeber sich zu gewöhnen. Zum Fälligkeitstermin überbrachte der Bote mit der Lanze gelegentlich die Ausweisung. Damit war man alle Schulden los. So ging das bis in die 40er Jahre der Hakenkreuz-Zeit.

Der dritte und letzte Teil erscheint morgen.

Literaturhinweise:

(2) Andrea Hubel und Gabriele Schneidmüller: Der Bamberger Dom, Michael Imhof Verlag, Petersberg. 2. aktualisierte Auflage 2003.

Kommentar

Der Traum von der Normalität

Ein vorösterlicher Bericht

Mit der „Woche der Brüderlichkeit“ erinnern die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit seit 1952 in besonderer Weise an ihre Verpflichtung gegenüber den Opfern der Shoa, der Toten wie der Überlebenden. In diesem Zusammenhang sei an die bewegende Ansprache von Papst Benedikt XVI. in Auschwitz-Birkenau erinnert. Der Papst, der schon als Münchener Erzbischof zweimal die Gedenkstätte besucht hatte, bekannte: „Es war und ist eine Pflicht der Wahrheit, dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, eine Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen – als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte“. (Benedikt XVI. in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 28. Mai 2006)

Die Verführer trugen aber nicht nur das Hakenkreuz an der Uniform und den Totenkopf an der Mütze. Schon seit Jahrhunderten hatten sich theologisch motivierte Gegensätze zum Judentum mit materiellen Vorurteilen gepaart, aus politischen und vor allem ökonomischen Überlegungen. Im christlichen Abendland lebten Juden beständig in Angst um ihr Leben, von gelegentlichen „guten“ Zeiten des Exils abgesehen. Die Kreuzzüge und die mittelalterlichen Pogrome in deutschen Städten hinterließen eine Blutspur in der Geschichte des Verhältnisses zwischen Christen und Juden. Eine neue Dimension der Feindschaft erlebten die inzwischen „emanzipierten“ Juden im 19. Jahrhundert, für die der Agitator Wilhelm Marr erstmals den Begriff „Antisemitismus“ verwendete. Immer stärker kamen rassistische Argumente zur Geltung, die schließlich ihren Höhepunkt in dem von Hitler und seinen Helfern inszenierten
Völkermord erreichten.

Im Blick auf die „Schuldfrage“ vielleicht etwas deutlicher als der Papst hat sich vor kurzem der Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann geäußert. Während der Reise einer bischöflichen Delegation nach Israel (ins Heilige Land) sagte er: „Die Deutschen dürften sich auch mehr als 60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus „nicht der Last entledigen, die die monströsen Verbrechen von damals uns auferlegen. Wir wissen um unsere Mithaftung und empfinden bleibende Scham.“ Auch die katholische Kirche habe sich einer „schmerzhaften Gewissenserforschung“ stellen müssen, die „heute nicht einfach beendet sein“ könne. (Matthias Drobinski: „Wir empfinden Scham“. Süddeutsche Zeitung v. 3./4. März 2007)

In zeitlich kurzem Abstand folgte der „Woche der Brüderlichkeit“ in diesem Jahr die Kar-Woche. In den Tagen vor Ostern gedenken Christen des Leidens und Sterbens Jesu Christi.
Für Juden wiederum ein banges Erinnern an die Ursprünge des ihnen zugefügten Leids, gipfelnd in dem Pauschalurteil, „Gottesmörder“ zu sein. Die fürchterlichen Folgen einer langen Geschichte der religiösen Gegensätze und der rassistischen Verfolgung vor Augen, haben sich die christlichen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholt zur Mitschuld nicht weniger ihrer Mitglieder bekannt, in feierlichen Erklärungen und öffentlichen Bußakten. Auf katholischer Seite gilt dies insbesondere für Johannes Paul II., erinnert sei an seinen Besuch in Auschwitz-Birkenau, die Begegnungen mit den deutschen Vertretern des Judentums, der Besuch in der Großen Synagoga in Rom, die „Reflexion über die Shoah“, der Tag der Versöhnung mit den Vergebungsbitten, die auch den Juden galt und schliesslich die Pilgerreise ins Heilige Land mit den Gebeten in Yad Vashem und an der „Klagemauer.“

Ein langer Weg und eine Wende der Katholischen Kirche mit der Erklärung „Nostra aetate“ durch das Zweite Vatikanische Konzil begann, eingeleitet von Johannes XXIII.

Auch Benedikt XVI., als Glaubenspräfekt schon mal in „Fettnäpfchen“ tretend, folgt den Spuren seiner Vorgänger, wenn er den „älteren Brüdern“ versichert: „Die katholische Kirche ist ihnen nahe und ihr Freund. Ja, sie liebt sie.“ 4 Er unterstrich dies mit seinem Besuch der Kölner Synagoga anlässlich des Weltjugendtages im August 2005; es war zugleich der 60. Jahrestag der Befreiung der Überlebenden der Konzentrationslager. ( Privataudienz für Dr. Riccardo Di Segni, Oberrabbiner von Rom, am 16. Januar 2006 im Apostolischen Palast. )

„Kaum ein Tag“ vergeht an dem die jüdischen Gemeinde in Deutschland durch rechtsradikale Nachrichten mit rassistischem Hintergrund aufschreckt wird. Kardinal Lehmann hat seine Worte wohl gewogen als er sagte: „Die meisten Deutschen hätten gelernt anzuerkennen, „dass sich weit mehr Deutsche persönlich schuldig gemacht haben, als jene, die ihre Mitschuld einzugestehen bereit waren.“ Es sind die meisten, aber eben nicht alle. Um so mehr wiegt eine politische Stimme – denn die Angelegenheit ist nicht nur eine kirchliche. Anlässlich der Einweihung der neuen Hauptsynagoga in München, es war der Jahrestag des Gedenkens an die „Reichpogromnacht“ von 1938, sprach Bundespräsident Horst Köhler von dem Traum, „dass jüdisches Leben in Deutschland eines Tages wieder eine Selbstverständlichkeit ist, ein Teil des Gesamten, eine Normalität, die nicht eigens betont werden muss.“ (Grußwort von Bundespräsidenten Horst Köhler zur Einweihung der HauptSynagoga in München am 9. November 2006.)

Der Weg ist steinig und mit Schlaglöchern übersät: Unbedachte Äußerungen deutscher Kirchenführer tragen nicht gerade dazu bei den mühsam geebneten Weg sauber zu halten. Wer Abtreibung und Völkermord der Nazis zwar nicht vergleicht aber „in einem Atemzug“ nennt (wie der Kölner Erzbischof im Rahmen einer Predigt zum Dreikönigsfest) oder die gettoähnlichen Zustände im palästinensischen Ramallah im Zusammenhang mit dem Warschauer Getto (wie der Bischof von Eichstätt), der muss sich fragen lassen, ob er den in mühsamer Kleinarbeit erreichten Erfolg nicht mit einem Satz verspielt.

Bedrückender erscheint die Haltung, die manche Kirchenfürsten in der Zeit des Dritten Reiches an den Tag legten. So hatte sich der Bamberger Erzbischof lange geweigert und erst auf äußeren Druck die gemeinsame Erklärung der bayerischen Bischöfe vom 3. Februar 1931, die sich vor allem gegen Rassismus und einen übersteigerten Nationalsozialismus richtete, unterschrieben – weil er die Hitler-Anhänger unter seinen Katholiken nicht „verunsichern“ wollte. (Georg Denzler: Jacobus von Hauck (1861-1943) in: Die Bamberger Erzbischöfe. Lebensbilder. Bamberg 1997)

Ein Besuch in der fränkischen Metropole, der kirchlichen wie der bürgerlichen, hat Werner Kaltefleiter zu „vorösterlichen Gedanken“ angeregt. Der dreiteilige Beitrag erscheint ab heute täglich unter dem Titel

Klagt nicht über mich
Ein vorösterlicher Bericht

Den ersten Teil finden Sie unter http://blog.kath.de/kaltefleiter/2007/03/27/klagt-nicht-um-mich-1/.

Kommentar

Klagt nicht um mich (1)

Ein vorösterlicher Bericht

„Kar“ oder „chara“ leitet sich von mittel- respektive althochdeutschen Ausdrücken ab und bedeutet soviel wie „Wehklage“. Der Begriff begegnet in dem englischen „care“ für Kummer und Sorge. Christen beweinen Leiden und Tod Jesu am Kreuz. Die Schuld am physischen Ende der von ihnen geglaubten Inkarnation Gottes gaben sie pauschal „den Juden“, wie „oft einfachhin“ im Johannes-Evangelium beschrieben. Musste es erst zu dem millionenfachen Mord in der Shoá kommen, bis die offizielle kirchliche Lesart Schluss machte mit der antijüdischen Verurteilung. Hatte der Gottessohn nicht davon gesprochen, „nach dem Willen des Vaters für die Menschen zu sterben und auferweckt zu werden.“ Alle Menschen zu entschulden. Der religiöse Vorbehalt gegenüber den Juden begründete nicht zwingend das furchtbare Verbrechen der Nazis, dem vor allem eine rassistische Ideologie zugrunde lag. Wer aber für die „untreuen“ Juden betete, wobei dem Priester untersagt war, das Knie zu beugen, um nicht, „wie die Juden, den Herrn zu verhöhnen“ – bis Papst Johannes XXIII. diese Karfreitagsfürbitte „reinigte“ – der muss erklären, wie es zu einer tausendjährigen „Blutspur“ in der Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen kommen konnte.

Ekklesia und Synagoga suchen Wege zueinander, auf hoher Ebene und in den Gemeinden. Zum „geschichtlich verwickelten“ Prozess Jesu, dem „Judas-Verrat“, der Entscheidung des Hohen Rats, dem Urteil des Pontius Pilatus, stellt der Katechismus der katholischen Kirche nun fest: Die Juden sind für den Tod Jesu nicht kollektiv verantwortlich. Auch ist nicht mehr pauschal vom jüdischen Volk die Rede, sondern nur noch von der „Gesamtheit der Juden von Jerusalem“, also einer Stadtbevölkerung die Rede, die man nicht zur Rechenschaft ziehen darf. Allenfalls „einige Übelgesinnte“, deren Schuldanteil aber nur Gott allein kennt. Nicht einmal alle Pharisäer sind betroffen, denn es werden auch jene nun gewürdigt, die den Wanderprediger, so unbequem er auch gewesen sein mochte, vor der drohenden Gefahr für sein Leben gewarnt hätten. Soweit das Handbuch der katholischen Glaubenslehre. Juden und Christen hätten viele Gründe, ihre Hauptfeste zwar nicht gemeinsam zu feiern, aber sich näher zu kommen: .Pessach – Erinnerung an die Befreiung aus dem „Sklavenhaus“ Ägyptens, Rückkehr in die Heimat; Ostern – eine „neue Existenzweise als Kinder Gottes“. Wären da nicht wieder „einige Übelgesinnte“ – diesmal vor allem auf der christlichen Seite in all den Jahrhunderten. Bis in unsere Tage: die schrecklichen Bemerkungen nationalistischer polnischer Politiker, die Nachrichten über „rechtsradikale Gesinnung“ in Deutschland, kaum dass ein Tag vergeht.

Man fragt sich, warum im „Gotteslob“, dem katholischen Gebet- und Gesangbuch, weiterhin ein ohne erklärende Fußnote missverständlicher Text festgehalten wird. In der Karfreitagsliturgie sang der Priester auf Latein die Improperiena (und wird sie wohl bald wieder nach dem Wunsch des amtierenden Papstes so singen), während den Bänken eine volkstümliche Übersetzung angeboten wird: „ O du mein Volk, was tat ich dir? Betrübt ich dich? Antworte mir! Ägyptens Joch entriss ich dich, du legst des Kreuzes Joch auf mich.“ Und die Schlussstrophe folgt dem ewig alten Pauschalurteil: „Ich gab dir Gnaden ohne Zahl, du schlägst mich an des Kreuzes Pfahl. O du mein Volk, was tat ich dir? Betrübt ich dich? Antworte mir!“ Also doch „Jerusalem“, das dem Messias gegenüber „hartnäckige Verblendung“ und „verstockte Undankbarkeit“ zeigte und dadurch „den Weg der Schuld“ auf sich nahm, „bis hin zum Gottesmord“? Pius XII., in seiner theologisch ziselierten Sprache, fand zu solchen Formulierungen. Hatte er das „Klagelied des Erlösers“ vor Augen, oder statt Israel die Kirche gemeint, jene, die von Gott abgefallen waren? Darüber lässt sich „nach Auschwitz“ in vielerlei Hinsicht deuten und deuteln und geschieht bis in unsere Tage.

Pius XII. hatte die Allokution, die traditionelle hausinterne Ansprache an Heiligabend, zum Anlass dieser „Jerusalem“-Passage genommen. Das war im „Jahr der Wannseekonferenz“. Deren Tagesordnung mag den Herren Prälaten nicht bekannt gewesen sein, aber wohl doch, was der Besprechung über die „Endlösung der Judenfrage in Europa“ vorausgegangen war. (1) „Klagt nicht um mich“, wendet sich Jesus an die weinenden Frauen, bevor man ihn zur Kreuzigung führt. „Klagt um Euch selbst und Eure Kinder“, lässt der Evangelist Lukas den Menschensohn sagen. Das Echo hallt nach bis nach Auschwitz, dem „Golgatha unserer Zeit“ und zu den Schädelstätten unserer Tage.

In Aschaffenburg besuchte ich unlängst eine Lucas-Cranach-Ausstellung – mehr wohl eine Retrospektive, das bewegte Leben des Purpurträgers und Renaissance-Fürsten Albrecht von Brandenburg betreffend. Prachtvolle Inkunabeln, wie das Passionale Hallense, Albrechts Gebetbuch für die Karwoche, zählen zu den Kostbarkeiten der Exhibition. Bei näherem Hinsehen entlarven sich die dargestellten Folterknechte: Sie tragen keine „jüdischen Gesichtszüge“ oder römische Uniformen, sondern derbe „teutsche“ Fäuste schlagen zu. Der Humanismus, die Schwester der Renaissance, der Wiedergeburt antiker Ideale, hatte wohl nicht alle erreicht, die in jener Zeitepoche lebten. Vergleiche mit der Gegenwart sind allerdings beabsichtigt. Wie geht das mit den „Nazionalisten“ vom Atlantik bis zum Ural, darf man ohne Weiteres Antisemit sein wenn man sich ja nur anderweitig als politisch nützlich erweist? Je größer der zeitliche Abstand zu dem Geschehen vor 70 Jahren, desto mehr scheint der Raum für ein weiteres Übel zu wachsen, das sich als metabolisches Erinnerungssyndrom darstellt, die eigene Mitschuld an der europäischen Passion und deren Opfer betreffend.

Erinnerungen am Fluss

Es hat einige Zeit gebraucht. Aber nun ist es höchstrichterlich sanktioniert. Symbole, die sich eindeutig gegen die Ideologie des Nationalsozialismus und dessen Organisationen aussprechen, also zum Beispiel durchgestrichene Hakenkreuze, dürfen öffentlich gezeigt werden. Aber was nützt das gegen den Spuk in manchen Köpfen? Was kann man dagegen tun, auch ohne Gesinnungspolizei?

Unwirtlicher hätte der Tag nicht sein können. Die Straße zu überqueren, vom Caféhaus zum Buchladen gegenüber, verlangte schon ein Mutprobe. Scharfe Böen, zwischen den engen Häuserzeilen wie durch einen Windkanal getrieben, drohten den Schirm aus der Hand zu schlagen. Zugleich Regengüsse, die einem die Brille zuklatschten. Aber der Sprung übers nasse Pflaster musste sein. Das Antiquariat würde Literatur anzubieten haben zu dem Thema, das mich am Fenster im Caféhaus zunehmend beschäftigt hatte, während ich den Menschen zusah, die in diesem Sauwetter gegen die Kräfte der Natur ankämpften. Beinahe hätte die Exkursion zwischen den Bücher-Regalen als erfolglos abgeblasen werden müssen, als ein Kunde, der schon eine ganze Weile interessiert und schließlich teilnahmsvoll meine Sucherei beobachtet hatte, in einer Ecke seiner Gedächtnisschublade eine Erinnerung hervorkramte. Mit Erfolg. In einem Sammelkasten fand sich, zur Überraschung auch des Bibliothekars, eine schmale Schrift, die Zeugnis geben würde zu dem, was mir an diesem Tag in der Stadt am Fluss und zwischen den Brücken nicht mehr aus dem Kopf ging.

So grau das Licht, es kann der Stadt ihren Charme nicht nehmen, den sie selbst an einem solch wolkenverhangenen Tag ausstrahlt. Postkarten-Idylle ringsum. Die Ansichten einer Flusslandschaft inmitten der historischen Altstadt, umrahmt von der Kulisse malerischer Gebäude-Ensembles: Fachwerk und Wehrmauern, Zinnen und Erker. Tausendjährige Geschichte von Malern, Bildhauern und Holzschnitzern an Fassaden und Häuser-Ecken verewigt, Bischöfe und Fürsten, Ratsherren und Kaufleute, und profaner und religiöser Zierart in barocker Fülle: Kronen und Zepter, Wappenschilde und allerlei Unheil wehrendes Getier über Torbögen und Gesims. Doch bei allem Verhaftetsein in der Furcht vor finsteren Mächten, die wahre Königin war in den Jahrhunderten die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Unter ihren Schutz und Schirm gestellt wussten sich die Bürger gegenüber den Zeitläuften gefeit. Keine Gasse, in der nicht ihr Abbild ein Haus schmückt.

Von den alten Brücken verfolgt der Blick die kräftige Strömung des Flusses, dessen zwei Arme die Inseln mit ihrem Netz von Pfaden und Stegen umspülen, in den Strudeln unterhalb der Wehre tosen, bis sie nach dramatischer Schussfahrt wieder zur Ruhe kommen. Dort haben vor Zeiten die Fischer ihre eng aneinander geklebten Fachwerkhäuser aufgestellt, auf leicht erhöhtem Uferstreifen und doch nie ganz unverschont vor dem Kalender-Hochwasser im Früh- und Spätjahr. „Klein-Venedig“, nennen die Bürger, in einem Anflug von Mittelmeer-Romantik diesen pittoresken Winkel. Noch liegt die Weiße Flotte vertäut an der Mole. Ein großer schwarzer Nachen dümpelt an der Mauer des ehemaligen Schlachthauses.

Ja, die Stadt lebte mit und vom Wasser des Flusses, das überreichlich in den Adern von der Bergseite des linksseitigen Ufers dem Fluss zuströmt. Mit dem Wasser mussten die Bürger nicht geizen. Vornehme Bürger, zumal die Herren auf dem Burgberg, verfügten über Bad und Toilette mit eigener Pumpe – doch ob hohes oder niederes Volk, weggespült wurde in den Fluss, was schließlich nicht ohne Folgen blieb. Am Ende verdarb es den Fischen den Spaß, sich in der Nähe der Menschen zu tummeln, was wiederum der Zunft der Fischer nicht bekam. Beides gehört nun der Vergangenheit an. Aber der Fluss blieb die Lebensachse der Stadt. Und seine Brücken die Verbindungslinien von hüben nach drüben und umgekehrt. Der Fluss öffnete das Tal zur weiten Welt dort, hinter dem Horizont. Reisende „aller Herren Länder Völker und Nationen“ kamen zu Besuch, andere ließen sich nieder. Einheimisch sein hieß, in einer eigenartig geprägten kulturellen Vielfalt am Ort zu leben. Tümelei fand wenig Platz auf Straßen und Plätzen. Dafür sorgten schon die „hohen Herrschaften“, die beiderseits des Flusses regierten und einen gewissen Wert auf kosmopolitischen Umgang pflegten, dem Wohl der Stadt und dem eigenen geschuldet.

Vom Fluss ging und geht vielleicht bis heute eine gewisse Magie aus, wie sie von Menschen erahnt wird, wenn sie von einer der Brücken in die gurgelnden Wassermassen hinunterschauen. Vom Mühlviertel her drücken sie sich in mächtigem Schwall durch die Öffnung des Wehres, sammeln sich wirbelnd und strudelnd im Tosbecken für einen weiteren Ansturm, diesmal auf die Insel des so genannten Alten Rathauses, deren gemauerter Unterbau sich wie der Steven eines Schiffsbugs der Strömung entgegenstellt und den Fluss der Länge nach zerteilt wie früher die Sägemühle am Oberwasser die Baumstämme. So teilt sich, aber auch fügt sich, in dieser Stadt manches zusammen. Zwei Brücken muss der Fluss noch unterqueren, dann darf er sich beruhigen und an schönen Tagen heitere Feriengäste tragen, die in wiegenden Booten, von beinahe waschechten Gondolieri gelenkt, von der Lagunenstadt träumen. Dieser Genuss entspräche jedenfalls dem Marketing-Konzept des Magistrats. Willkommen in der „Traumstadt der Deutschen.“

Die Bürger dieser Stadt entwickelten von jeher ihren eigenen Sinn und mitunter im Widerspruch zu den Vorstellungen der Herrschaft „tras tevere“: Den Bischöfen und Fürsten, die Altar und Thron in Personalunion verwalteten. „Da oben“, das war, von „da unten“ aus gesehen, die Kirchenstadt. Von wo, geistliche und politische Autorität in Personalunion, der Bischof und Fürst regierte und etliche Zeit allein dem Papst in Rom verantwortlich war. Der heilige Bezirk auf und zwischen sieben Hügeln – wundert es, wenn nicht ganz unbescheiden, ein Vergleich mit der Stadt am Tiber gezogen wurde, zum profanen Teil der Stadt hin vom Fluss getrennt, mal „breiter“, dann wieder „schmaler“ – je nach politischer Wetterlage. Aber die Geschichte von Bistum und Stadt beginnt, als Imperium und Sacerdotium noch nicht über Kreuz lagen, geistliche und politische Interessen, nicht zuletzt auch die geschäftlichen, noch einvernehmlich geregelt wurden. Die Machtprobe der Investitur, bei der die Krone für längere Zeit den Kürzeren zog, lag noch in der Ferne. Wenn die Brücken reden könnten.

Teil zwei erscheint morgen.

Literaturhinweise:

(1) Die Zitate wurden folgender Literatur entnommen: Acta Apostolicae Sedis. Acta Pii. Pp. XII., Commentarium officiale v. 26. Januar 1943; Adolf Adam: Das Kirchenjahr mitfeiern. Freiburg 1979; Katechismus der Katholischen Kirche. (deutsche Ausgabe), München-Vatikan 1993; Gotteslob. herausgegeben von den Bischöfen Deutschlands und Österreichs und der Bistümer Bozen-Brixen und Lüttich, Stuttgart 1975.

Kommentar

Sie nannten es „Bekämpfung“

Tschekisten gegen Papst und Kirche –
Über den Kirchenkampf im Kalten Krieg

Neunzig Prozent seiner Aufträge außerhalb des eigenen Territoriums vergab der sowjetische Staatssicherheitsdienst KGB nach der Erkenntnis westlicher Nachrichtendienste an die verbündeten Organe der Staaten des sozialistischen Warschauer Vertrages. Dies galt auch für die Ausforschung und „Bekämpfung“ der Kirchen und Religionsgemeinschaften, wobei dem Vatikan eine besondere Bedeutung beigemessen wurde. Die Spionageaufträge übernahmen in erster Linie die Dienste aus Ländern mit „katholischem Hintergrund“, also Polen und Ungarn. Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR setzte den Vatikan zwar nicht auf seine Prioritätenliste, war aber durchaus an „Erkenntnissen“ interessiert, die „deutsch-deutsche“ Fragen betrafen.

Die Fülle der Informationen, die im Austausch der so genannten „Bruderinformationen“ auch die für die Kirchen zuständigen Abteilungen des MfS erreichten, überrascht selbst Kenner der Materie. Bei der Aufarbeitung der Unterlagen durch die so genannte „Birthler-Behörde“ konnten Dokumentenmaterialien zur Veröffentlichung freigegeben werden, die einen erschreckenden Einblick in den von den „Tschekisten“ geführten Kalten Krieg gegen Papst und Kirche, seine ideologische Begründung und seine militanten Methoden geben.

Nach den vorausgegangenen Beiträgen zu den geheimdienstlichen Operationen gegen „Rom“ durch die Nationalsozialisten sowie über eine Sonderaktion des sowjetischen KGB nach dem Krieg steht die dritte Arbeit unter dem Titel

Der Spitzel war immer dabei
Über den Kirchenkampf im Kalten Krieg
Von Werner Kaltefleiter
Der gesamte Text als PDF-Datei hier zum Herunterladen (ca. 520 kB)

Die internationale Zusammenarbeit der verbündeten Nachrichten- und Geheimdienste gegen Glauben und Kirche, Berichte, Einschätzungen und Maßnahmenpläne der „Sicherheitsorgane der sozialistischen Staaten“ stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Sie sind auf den ersten Blick weniger spektakulär als die Enthüllung einzelner Fälle von Spionage, zumal wenn es sich um „Verräter in der Soutane“ handelt, von den jeweiligen Stasi-Zentralen angeworbene Mitarbeiter aus dem Klerus. Das Material vermittelt jedoch ein klares Bild über das politische und weltanschauliche System des ehemaligen Moskauer Imperiums, von seinem feindseligen Charakter gegenüber Menschen, die – um einem Wort Joachim Kardinal Meisners zu folgen – nicht bereit waren, dem Roten Stern zu folgen, sondern sich an den „Stern von Bethlehem“ hielten.

Die Veröffentlichung der Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der früheren DDR erfährt eine besondere Aktualität vor dem Hintergrund der jüngsten Enthüllungen aus der Slowakei und Polen, der „Geständnisse“ des Erzbischofs von Bratislava-Trnava (Pressburg-Turnau), Jan Sokol, und des Erzbischofs von Gnesen und Warschau, Stanislaw Wielgus, der am Tag seiner Amtsübernahme seinen Auftrag an den Papst zurückgeben musste. Sie waren in der Zeit des Kalten Krieges in die Fänge der „sozialistischen Staatsicherheitsorgane“ – vulgo: der kommunistischen Geheimdienste ihrer Länder – geraten.

Wie und warum, das ist eine im Nachhinein schwer zu klärende Frage. Geurteilt und verurteilt ist schnell. In Deutschland war schon kurz nach der Wiedervereinigung mit der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen, die nicht vom Reißwolf gefressen worden waren, begonnen worden. Zug um Zug, mit einem Jahrzehnt Verspätung, folgen nun die entsprechenden Institute in den Hauptstädten der ehemaligen Ostblockstaaten. Manchem, der sich schon im Gnadenzustand des Vergessens und durch die Milde seiner kirchlichen Oberen geschützt sah, ob durch „Rom“ oder durch die Bischofskollegen, sieht sich letztendlich zur längst überfälligen „Beichte“ genötigt. Mit weiteren „Lustrationen“, wie man in Polen diese „Erhellungen“ nennt, dürfte zu rechnen sein. Namen von Bischöfen und Priestern sind im Umlauf.

Der bisherige Einblick in die Akten der vereinigten Nachrichtendienste des kommunistischen Machtbereichs lässt nur annähernd erahnen, wie umfassend und tief der Überwachungsstaat in das Leben des Einzelnen eingedrungen ist – auch im Bereich von Kirche und Religion. Jedem Teilaspekt nachzugehen, zumal auf nationaler Ebene, würde die hier vorgelegte Arbeit überfordern. Es ist die Absicht des Autors, einen der Öffentlichkeit vermutlich weniger bekannten Themenbereich vorzulegen: den Kampf der östlichen Geheimdienste gegen den Vatikan, als der religiösen und kirchenpolitischen Schaltzentrale, gegen die vom Papst geführte römisch-katholische Weltkirche.

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