Im Kreuz die Wahrheit (Folge 9)
Der Krieg ist tot, der Krieg geht weiter
Im September 1945 war der amerikanische Militärgeheimdienst Office of Strategic Services OSS von Präsident Truman deaktiviert worden. Ihm folgte für einen kurzen Zeitraum die Central Intelligence Group CIG mit den Sondereinheiten Strategic Service Units SSU, die u.a. in Deutschland und Westberlin operierten. Mit dem National Security Act von 1947 wurde die Central Intelligence Agency CIA als ziviler Nachrichtendienst und ein Nationaler Sicherheitsrat (National Security Council NSC zur Unterstützung des Präsidenten) geschaffen.
Eine wichtige Rolle spielt James H. Critchfield, ehemaliger Bataillonskommandeur der US-Army während des Zweiten Weltkrieges in Europa beim Aufbau eines neuen bundesdeutschen Sicherheitssystems, der „Organisation Gehlen“, der Vorläuferin des BND. Anspruch. (1).
Critchfield, 1948 in den CIA übernommen, berichtet in seinem Buch über seine Aktivitäten in Europa, das 430. Bataillon des CIC (2) habe „eine stattliche Anzahl Verbindungen“ zum Vatikan unterhalten. Diese hätten sich für den Nachrichtenchef der amerikanischen Truppen in Österreich als sehr nützlich erwiesen. Katholische Flüchtlinge im Österreich der Nachkriegszeit seien willige Helfer gewesen, hätten die Aktionen der Netzwerke der amerikanischen Nachrichtendienste gegen den Sowjet-Kommunismus unterstützt. Die Verbindungen seien allerdings durch die Verbindungen der 5. Armee in Italien und dem Vatikan zustande gekommen.
Critchfield erzählt die Geschichte von zwei Priestern, die ihm die „unbezahlbare Briefmarken-Kollektion der katholischen Kirche in Ungarn anvertraut hätten – deponiert in einem Gepäckraum des Innsbrucker Hauptbahnhofs. Critchfield: „Wir stellten die Behälter sicher und brachten sie unversehrt nach Rom.“ Geschichten aus dem Geheimdienst-Milieu in einer Zeit, als die Länder Osteuropas und des Balkans Zug um Zug unter die Herrschaft kommunistischer Regimes gerieten, die von Moskau an die Macht und vom Kreml kontrolliert wurden, wie der ehemalige Abwehr-Offizier schreibt.
Critchfield nennt auch die Herkunft „zahlreicher“ dieser Helfer: katholische Priester aus Kroatien. Ohne deren Hilfe, die aus eigenen Gründen in katholischen Wohlfahrts- und Umsiedlungsorganisationen aktiv waren, hätten die amerikanischen Streitkräfte in Österreich nicht die „große Anzahl sowjetischer Überläufer aus Wien umsiedeln können.“ Dem 2003 verstorbenen (auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzten) amerikanischen Geheimdienst-Offizier wurde von Kritikern vorgeworfen, die „eigenen Gründe“ der kroatischen Helfershelfer bewusst verschwiegen, von Umsiedlung zu reden, wo es sich um Ausschleusung handelt. Nicht ganz so.
Nach dem der amerikanischen Kongress ein Gesetz zur Freigabe von Dokumenten über Nazi-Kriegsverbrechen (Nazi War Crimes Disclosure Act von 1999) beschlossen hatte, räumte er ein, daß die CIA in Kauf genommen habe, einige „ziemlich schlechte Leute“ rekrutiert zu haben. Auch in seinem Buch räumt Critchfield immerhin ein, „offensichtlich“ seien auch manche „quid pro quos“ beteiligt gewesen, also solche „Mitarbeiter“, die Gegenleistungen erwartet hätten, nach dem Motto: Hilfst du mir, helfe ich dir. Mit anderen Worten doch wohl: Sollte sich jemand beschmutzt haben – Schwamm drüber. Keine Strafverfolgung.
Quid quo pro – das hieß wohl auch, Ausschleusung von Angehörigen des Sicherheitsdienstes der SS und der militärischen Abwehr, unter ihnen auch solche, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Angeblich wurden angeblich vom US-amerikanischen Counter Intelligence Corps CIC und später von der zivilen CIA übernommen. Nicht die Vergangenheit zählte, sondern die neue Situation: „Gefahr aus dem Osten“. Jetzt waren Experten gefragt, im Einsatz gegen die inzwischen wieder vom Alliierten zum Feind mutierte Sowjetunion.
Fluchtrouten, „Rattenlinien“ im Geheimdienstjargon der damaligen Zeit, sollen mit Wissen vatikanischer Prälaten, wohl aber sicher nicht des Papstes, und mit Unterstützung katholischer Geistlicher organisiert worden sein. Unrühmliche und in der einschlägigen Literatur immer wieder zitierte Beispiele aus dem Rom der ersten Nachkriegsjahre: die Aktivitäten des österreichischen Titularbischofs Alois Hudal, (Rektor des österreichisch-deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell`Anima) und des kroatischen Theologieprofessors Krunoslav Draganovic, (Sekretär der Bruderschaft beim Priesterkolleg Pontificio Collegio Croato di S. Girolamo) und Parteigänger der national-faschistischen kroatischen Ustascha. Mal waren es nur Leumundszeugnisse, um Ausweispapiere und Reisepässe zu bekommen, mal wurde Unterschlupf in einem Kloster geboten – ob mit oder ohne Wissen des Abtes oder Priors wäre im Einzelfall festzustellen.
Kirchenkampf nach Moskauer Art
Wie in den Sechziger so in den Siebziger Jahren: auf diplomatischem Parkett werden Süßigkeiten verteilt, wenn die „Spezialisten“ tagen, wird der Knüppel poliert. Im Oktober 1972 kommen auf Einladung des Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Kirchenfragen der Volksrepublik Bulgarien, Kiutschukow, „leitende Genossen“ der Staatsämter für Kirchenfragen Bulgariens, Ungarns, der DDR, der Mongolei, Polens, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und Rumäniens in Sofia zusammen. (3) „Anwesend“ sind auch „Genossen aus den Zentralkomitees der Bruderparteien“.
Das Ergebnis der Beratung wird in einer gemeinsamen Erklärung zusammengefasst, „in der u.a. festgestellt wird, dass der Vatikan als ideologisches Zentrum des Weltkatholizismus nach wie vor den Kapitalismus unterstützt, aktiv den revolutionären Bewegungen entgegenwirkt und eines der wichtigsten Zweige der antikommunistischen Front darstellt.“
Als „Scharfmacher“ trat, wie in früheren „Beratungen“ der „Vorsitzende des Rates für Religionsangelegenheiten beim Ministerrat der UdSSR“, Wladimir Kurojedow, in den Vordergrund. Der Vatikan habe die Aufgabe, diplomatische Beziehungen mit der UdSSR herzustellen, an die erste Stelle seiner außenpolitischen Bestrebungen gerückt, weil er damit rechne, „dass ihm das auch die Annäherung an andere sozialistische Länder erleichtern werde. Man hoffe im Vatikan „nicht grundlos“, dass man es mit Hilfe diplomatischer Beziehungen leichter haben werde, „den Sozialismus aufzuweichen und ihn zu unterspülen“.
„Beauftragte“ aus Ostberlin
Wie sich das Ministerium für Staatssicherheit, bei allen Beteuerungen, der Vatikan habe „keine Priorität“ gehabt (HVA-Chef Werner Großmann), um die römische Kurie „kümmerte“, sei es im eigenen Interesse oder im Rahmen der Zusammenarbeit der „sozialistischen Sicherheitsorgane“ belegen die Unterlagen, die von der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen zur Veröffentlichung freigegeben wurden.
Man verließ sich nicht allein auf „Mitarbeiter“ aus dem katholischen Milieu. Gern nutzte man auch die „evangelische Linie“, wie etwa beim Rom-Besuch von Kirchenbau-Experten des Bundes der Evangelischen Kirche der DDR. Was die Touristen aus dem Lande Luthers wussten oder ahnten, auf der Reise vom 9. bis 16. Juni 1975 wurden sie von drei als „Fachleute“ getarnten Mitarbeitern des MfS „begleitet.“ Aber diese interessierten sich weniger als die anderen Mitglieder der Gruppe für „gestalterische Details sowie Zeichnungen über den Aufbau des Doms Sankt Peter in Rom“.
GMS „Klaus“ und IMK „Bund“ (4) halten in ihrem anschließenden Bericht für die Stasi fest,
„ein Herr, ein italienischer Herr, der uns nicht vorgestellt wurde, der uns jedoch genauestens beobachtete und wahrscheinlich auch deutsch verstand“, habe an der gesamten, dreistündigen Führung teilgenommen. Danach sei er verschwunden, „ohne Gruß und ohne Verabschiedung, so dass wir annehmen mussten, dass dies ein Herr des vatikanischen Geheimdienstes gewesen sein muss.“ Höllisch wachsam blieben „Klaus“ und „Bund“ gegenüber der Dolmetscherin, die vom deutschen Kolleg beim Campo Santo den Besuchern aus der DDR zur Verfügung gestellt wurde. Eine „Erzkatholikin“ sei das gewesen und: „bei uns entstand ganz offen der Eindruck, dass wir damit unter Kontrolle genommen werden sollten.“ Klaus meldet, er habe „ganz offen“ erklärt, dass er „diese Verbindung zum Campo Santo auf keinen Fall wünsche, da sie nicht zu unseren Aufgaben in Rom gehört.“ Wohl, aber der Kontakt mit der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Rom, wobei sich das Interesse der drei „Mitreisenden“ vom Rest der Reisegruppe unterschied.
Ungarische Schützenhilfe
Wie im Gesamtverbund der „sozialistischen Sicherheitsorgane“ so kam es auch bilateral zu einer engen Kooperation der Nachrichten- und Geheimdienste. So vereinbarten das MfS (Hauptabteilung XX) und das ungarische Innenministerium (Verwaltung III) einen gemeinsamen Operationsplan für den Zeitraum von 1987 bis 1992. (5) Nach der üblichen einleitenden Phraseologie, wie: „geleitet von den Prinzipien des proletarischen Internationalismus, begründet auf den Ergebnissen des gemeinsamen Kampfes gegen die äußeren und die inneren Feinde und gegen Aktionen der politisch-ideologischen Diversion…“ und so weiter werden die Genossen bei Punkt III., wo es um die Kirchen geht, deutlich (Zitat):
Beide Seiten setzen die Aufdeckung der gegen ihre Länder gerichteten feindlichen Tätigkeit des Vatikans fort.
Es werden weiterhin wirksame Gegenmaßnahmen erarbeitet bzw. Möglichkeiten des Eindringens in die verschiedenen Organisationen des Vatikans erkundet.
Es wird versucht, die Interessengegensätze zwischen den einzelnen nationalen Kirchen aufzudecken und zu vertiefen.
Beide Seiten müssen ihre Anstrengungen darauf richten, aufzuzeigen, dass die Politik des Vatikans zwei Gesichter hat.
„Offener Antikommunismus“
Wie diese Leitsätze der geheimdienstlichen Vereinbarungen erkennen lassen, wurden die Linie nach dem Wechsel an der Spitze der katholischen Kirche beibehalten und nach der Amtsübernahme durch einen Papst aus Polen eher noch verschärft. Das „Feindbild“ war vorgegeben und zielte, wo es nicht um die Bekämpfung einzelner Personen und kirchlicher Einrichtungen und Organisationen im katholischen Milieu ging, auf die Diplomatie des Vatikans. Papst Paul VI. hatte den von Johannes XXIII. eingeschlagenen Weg, einen Modus vivendi für die Kirche im kommunistischen Herrschaftsbereich zu finden, fortgesetzt: die so genannte vatikanische Ostpolitik – in sprachlicher Anlehnung an das westdeutsche Beispiel.
Aus einer 19 Seiten umfassenden „Einschätzung“ vom 21. Mai 1970, überschrieben „Die Ostpolitik des Vatikans und die zu ihrer Durchführung geschaffenen klerikalen Institutionen und Organisationen“, (6) welche Linie von Moskau bis Ostberlin vorgegeben war: „in der ersten Nachkriegsperiode nach 1945 bis etwa 1960“ habe die vatikanische Ostpolitik „mit ihrem offenen Antikommunismus und Ablehnung aller Verhandlungen und Kontakte mit Vertretern sozialistischer Staaten weiterhin unter der Leitung von Papst Pius XII.“ gestanden, „dem Repräsentanten des engen Bündnisses mit den faschistischen Staaten.“
Unter Papst Johannes XXIII. sei die so genannte „neue Ostpolitik“ begonnen worden, „gekennzeichnet durch Vermeidung des offenen Antikommunismus, die Aufnahme von Kontakten zu Repräsentanten sozialistischer Ländern und das Bekenntnis zum Frieden.“ – „Dieser unter Papst Johannes XXIII. eingeleitete und sowohl innerkirchlich als auch politisch unumgängliche Prozess der Anpassung der Katholischen Kirche an die moderne Welt habe nach seinem Tod von Papst Paul VI. und den offen reaktionären kirchenleitenden Kräften weder liquidiert noch aufgehalten werden können.“ „Zentralstelle“ zur Durchsetzung dieser vatikanischen Außenpolitik“: der „Rat für die öffentlichen Angelegenheiten der Kirche“.
Ihr Leiter: der Sekretär des Rates, Erzbischof Agostino Casaroli, „besonders bekannt durch seine Reisen in sozialistische Länder, die er im Auftrage des Papstes zur Aufnahme von Kontakten und der Vorbereitung zum Abschluss von Konkordaten und Teilkonkordaten durchführte“.
Weitere Objekte besonderer Beschattung durch die „sozialistischen Sicherheitsorgane“: Das Sekretariat für die Nichtglaubenden“ (Leiter der Wiener Erzbischof Kardinal Franz König) und das „Büro für Tourismus-Seelsorge“ – beide Einrichtungen „zur Unterstützung der Ostpolitik“ vom Vatikan „im Ergebnis des II. Vatikanums“ geschaffen, um „über den Dialog zwischen Christen und Marxisten“ und die „Ausnutzung des immer umfangreicher werdenden internationalen Tourismus“ insbesondere zwei Zielen zu dienen: der „Stärkung der Katholischen Kirche in den sozialistischen Ländern“ und „Schaffung von Kontakten und Stützpunkten.“
In diesem Zusammenhang wird insbesondere auf die Internationale Paulus-Gesellschaft mit Sitz in München und einer Zweigstelle in Österreich hingewiesen, der sowohl katholische als auch protestantische Wissenschaftler und „Politologen“ angehörten. Ihr Ziel sei es, durch einen so genannten „Dialog zwischen Christen und Marxisten“ ideologischen Einfluss auf „schwankende kleinbürgerliche Intellektuelle in den sozialistischen Ländern“ zu gewinnen. Ihr Arbeitsprogramm sei eindeutig auf die Durchsetzung der Bonner „Ostpolitik“ ausgerichtet. Diese beweise auch die Tagung der Internationalen Paulus-Gesellschaft in Marianske Lazne, CSSR, (7) die unmittelbar vor den antisozialistischen Ereignissen 1968 in der CSSR stattfand.“ Nicht wenige der damals dort aufgetretenen tschechoslowakischen „Marxisten“, so die „Einschätzung“, seien später als „Theoretiker der Konterrevolution“ in der CSSR in Erscheinung getreten und lebten heute in Westdeutschland.
Fortsetzung folgt
Fußnoten:
1) James H. Critchfield: Partners at the Creation. The Men behind Postwar Germany´s Defense and Intelligence Establishments. Naval Institute Press, Annapolis, Maryland. USA 2003 (deutscher Titel: Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948 – 1956, Hamburg 2005).
2) Counter Intelligence Corps, us-amerikanischer Militärgeheimdienst für Spionageabwehr
3) MfS – HA XX/4 Nr. 289 / v. 9.11. 1972 / Arbeitsgruppe Kirchenfragen. Information über die Beratung der Leiter der Staatsämter für Kirchenfragender sozialistischen Länder vom 23. bis 26. Oktober 1972 in Sofia (VR Bulgarien)
4) Abkürzungen: GMS = Gesellschaftlicher Mitarbeiter für Sicherheit (eine besondere Form des Inoffiziellen Mitarbeiters); IMK = Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens.
5) vgl. MfS – Abt. X Nr. 377
6) MfS – HA XX/4 – Nr. 316
7) deutsche Schreibweise: Marienbad, Kurort im westböhmischen „Bäderdreieck“ mit Karlsbad (Karlovy Vary) und Franzensbad (Frantiskovy Lázne)
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