Im Kreuz die Wahrheit (Folge 11)
Kirchenkampf der „Tscheka“
Ehemalige Stasi-Offiziere im Rahmen einer Begegnung mit Historikern außerhalb Deutschlands zu Wort kommen zu lassen, hat sich als untaugliches Mittel zum Zweck erwiesen. Eine Gruppe von 60 früheren offiziellen Mitarbeitern der HV A, des Nachrichtendienstes der DDR, war im November 2007 als „Zeitzeugen“ zu einem fachwissenschaftlichen Symposium an der Süddänischen Universität in Odense auf der Insel Fünen eingeladen worden. Die Experten für Aufklärung enttäuschten allerdings die in sie gesetzten Erwartungen. Statt weiter führende Einsichten gaben sie allgemein bekannte Ansichten zum Besten. Von keinerlei Zweifel und Selbstkritik bedrängt, nutzten sie ihren Auftritt in erster Linie zur „Selbstdarstellung“.
Elf Teilnehmer der Ex-Stasi-Delegation hielten Referate, keinen Millimeter von der Linie der Ideologie und des Auftrags des Systems, dem sie gedient hatten, abweichend. „Ohne mikroskopische Einschränkungen“ hätten sie erläutert, „wie erfolgreich, den Frieden sichernd und nicht zuletzt humanistisch“ die HVA gewirkt habe. (1)
Das Zustandekommen einer ähnlichen Konferenz in Deutschland war bereits zuvor gescheitert. Die Dänen, ebenfalls um eine Erfahrung reicher, mussten sich von dem Beobachter der Berliner „Birthlerbehörde“ sagen lassen: „Unsere Befürchtungen, dass dies kein geeignetes Forum ist, haben sich mehr als bestätigt.“ Die Erzählungen der Stasi-Leute, die in die Stadt Hans Christian Andersens reisten, waren alles andere als eine Märchenstunde. Um die Lücke zwischen „Selbstdarstellung“ und Wirklichkeit schließen zu können, bedarf es anderer „Zeitzeugen“: Aufzeichnungen, die aus den Archiven des MfS gesichert werden konnten. Auch der HVA war es nicht gelungen, alle Unterlagen „rechtzeitig“ zu vernichten.
Der „Vatikan“ ist der Erzfeind der sozialistisch-kommunistischen Partei-Regimes, die Kirche muss mit allen Mitteln „bekämpft“ werden. Diese „Linie“ führen die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR einem immer wieder vor Augen, ob in den Texten von Referaten führender Kader, den Protokollen der gemeinsamen Beratungen oder den Maßnahmeplänen der einzelnen Sicherheitsorgane. Auszüge aus zwei Schriftstücken mögen dies für die Zeit des Pontifikats von Papst Paul VI. belegen (2). Die beiden Manuskripte behandeln Vorträge, die ihm Rahmen einer „Beratung mit Erfahrungsaustausch“ gehalten wurden, die vom 24. bis 27. Juli 1967 in Budapest stattfand. An der Besprechung nahmen lt. Protokoll die Vertreter „der Organe für Staatssicherheit der Volksrepublik Bulgarien, der Ungarischen Volksrepublik, der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, der Deutschen Demokratischen Republik, der Volksrepublik Polen, der Rumänischen Sozialistischen Republik und der Sowjetunion“ teil. Also die vereinte tschekistische Internationale.
Die „Initiative“ zu diesem Treffen ging vom „Ministerium für innere Angelegenheiten der Ungarischen Volksrepublik“ aus, „auf der Grundlage der positiven Erfahrungen analoger Beratungen, die 1962 in Warschau und 1964 in Budapest stattfanden.“ Es sei darum gegangen, „die nach dem II. Vatikanischen Konzil entstandene Lage gemeinsam einzuschätzen, da solche Anfragen auf der letzten Beratung und in der seither verflossenen Zeit von vielen Seiten gemacht wurden – „hinsichtlich der Arbeit der Linie der Staatssicherheit gegen den Vatikan.“
Im Abschlussprotokoll, „in russischer Sprache in 7 Exemplaren ausgefertigt“, stellen „die Anwesenden“ u.a. fest: „Unter Berücksichtigung der konkreten Situation des Vatikans, seiner neuen Taktik und der daraus erwachsenden Möglichkeiten sind weitere aktive Maßnahmen für die Entlarvung der feindlichen Tätigkeit des Vatikans und die Einschränkung seines Einflusses erforderlich.“
Das erste Vortragsmanuskript betrifft „Einige Fragen der operativen Aufklärungsarbeit in Bezug auf Einrichtungen des Vatikans“. Zur „Außenpolitik des Vatikans“ wird festgestellt, auf diesem Gebiet seien „Veränderungen vor sich gegangen“. Es sei die „Tendenz zur Durchführung eines selbständigen Kurses sowie Versuche, mit der UdSSR und den anderen sozialistischen Ländern Kontakte anzuknüpfen“ zu beobachten. „Recht deutlich“ sei das „Bestreben des Vatikans zu erkennen, wenn möglich die Rolle eines Vermittlers in internationalen Angelegenheiten zu spielen, um sein Prestige in der Welt aufzubessern.“
Eine neue Front
Was war in Rom geschehen, was die kommunistischen Sicherheitsorgane alarmierte? Das Zweite Vatikanische Konzil stellte sich nicht nur als innerkatholische Angelegenheit dar. Papst Johannes XXIII. hatte alle Menschen guten Willens zum Dialog eingeladen, dieses Angebot bestimmte von Anfang an seinen Pontifikat. Gefahr für die kommunistischen Hardliner. Eine neue Front tat sich auf. Der Referent in Budapest stellt fest:
„Die Hauptanstrengungen der führenden Kreise des Vatikans sind gegenwärtig auf die Verwirklichung der Idee gerichtet, die die Vereinigung aller Religionen und Glaubensrichtungen zum Inhalt hat.“ Das war zwar übertrieben, sollte aber Eindruck auf die verbündeten Nachrichtendienste machen. Der Vatikan habe eigene Sekretariate eingerichtet (für die Einheit der Christen, für den interreligiösen Dialog, für die Nichtglaubenden). Diese „speziellen Organe“ hätten den Auftrag erhalten, „sich mit der Ausarbeitung der politischen und ideologischen Linie gegenüber den sozialistischen Ländern sowie mit der Ausbildung von Kadern für die Durchführung der psychologischen und ideologischen Arbeit in diesen Ländern zu befassen. Das war Original-Stasi-Ton. In anderen Kategorien vermochten die „Kirchen-Experten“ offensichtlich nicht zu denken.
Papst Paul VI. sei, „gemäß den Beschlüssen des Vatikanischen Konzils“ bestrebt, heißt es weiter im Text, „eine flexiblere Taktik gegenüber den sozialistischen Ländern und der kommunistischen Weltbewegung zu vertreten.“ Er habe jedoch beschlossen, „im Kampf gegen den Kommunismus, als einer Ideologie, die mit der christlichen Weltanschauung unvereinbar ist, die neuen taktischen Formen beizubehalten, die bei Papst Johannes XXIII. angewandt wurden.“
Der Papst – Washingtons Komplice?
Der Referent folgert: „Die Probleme der Arbeit gegen den Vatikan sind bedeutend und umfassend.“ Er empfiehlt, „in der Hauptsache auf zwei Richtungen“ einzugehen, „die unserer Meinung nach auf dem Gebiet der Organisierung der Aufklärungstätigkeit von Interesse sind:
- Die Verbindung des Vatikans, seiner Einrichtungen und der Kirche überhaupt mit der Politik der herrschenden Kreise der Vereinigten Staaten von Amerika.
- Die wichtigsten Organe und Einrichtungen des Vatikans, die als Objekte für das Eindringen der Aufklärung von erstrangigem Interesse sind.
Die Redner (u.a. der sowjetische Vertreter) heben insbesondere auf eine angebliche Komplizenschaft zwischen dem Vatikan und Washington ab. „Vorliegende Aufklärungsinformationen“ zeugten davon, „dass sich der Vatikan und seine Organisationen in ihrer Tätigkeit mit der Außenpolitik der USA solidarisch erklären. Die herrschenden Kreise der USA gehen zur breitesten Zusammenarbeit mit dem Vatikan über. Sie halten es für günstig, die katholische Kirche, die katholischen Parteien und Organisationen für ihre Ziele auszunutzen und stützen sich auf sie bei der Durchführung des ideologischen Kampfes gegen die Länder des sozialistischen Lagers. Um seine Behauptung zu untermauern, spricht der in der verfügbaren Textvorlage ungenannt Bleibende von der verstärkten „Rolle der amerikanischen Vertreter in einigen Einrichtungen des Vatikans und der Mönchsorden“. Es lohne sich, noch einmal darauf hinzuweisen, „dass eine besondere Rolle bei der Ausnutzung des Vatikans und seiner Organisationen im Interesse der USA der amerikanische Kardinal Spellmann spielt, der lange Zeit im diplomatischen Apparat des Vatikan tätig war.“ (zu Kardinal Francis Spellmann, Erzbischof von New York und ranghöchster amerikanischer Militärbischof: s.a. auch vorausgehende Beiträge dieser Serie).
Auch auf den „gegenwärtigen Staatssekretär des Vatikans Kardinal Cicognani“ zielt die Spitze des Stasi-Referenten. Cicognani sei „über 25 Jahre lang Vertreter des Vatikans in den USA“ gewesen und sei „einer der proamerikanischsten Kardinäle unter den höchsten Führern des Vatikans.“ Ebenso wachse „der Einfluss der katholischen Kreise selbst im Staatsapparat der USA und besonders im Außenministerium und im Kriegsministerium ständig.“
Eindringen in Objekte
Das Abschlussprotokoll unterzeichnete Oberstleutnant Willi Damm, Leiter der Abteilung X (Internationale Verbindungen). Der Referent kommt schließlich zu dem Punkt, welche „Objekte“ vorrangig von der Aufklärung durch die Staatssicherheitsorgane erfasst werden sollen. Eines „der wichtigsten Objekte für das Eindringen einer Agentur“ sei das Staatssekretariat des Vatikans, „das sich mit Fragen der Außenpolitik beschäftigt. „Laut bei uns vorhandenen Informationen, die auch durch Mitteilungen der Freunde (gemeint ist der KGB) bestätigt wurden, ist das Staatssekretariat gleichzeitig das Zentrum der politischen Aufklärung.“
Sprache des Kalten Krieges
Generalmajor Aganjans, Chef der Auslandsaufklärung des KGB, stößt in das selbe Horn: In der letzten Zeit“ habe sich „die feindliche Tätigkeit der katholischen und der unierten Geistlichkeit auf dem Territorium der UdSSR beträchtlich aktiviert“. Dies sei damit zu erklären, „dass die Westmächte, und vor allem die USA, bei der Rechtfertigung ihrer imperialistischen Politik wachsende Bedeutung den klerikalen Parteien und Organisationen beimessen, die sie als eines der wichtigsten Glieder in ihrem ideologischen Arsenal betrachten.“ Weiter: Der Vatikan unterstütze offiziell, „und wenn es für ihn günstig ist schweigend, die gegen die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder gerichtete imperialistische Politik der westlichen Staaten.“ Diese Tätigkeit der Spitze des Vatikans gegenüber den Ländern des Sozialismus „resultiere aus dem Wesen der katholischen Kirche, ihren Bemühungen, ihre schwächer werdenden Positionen in diesen Staaten zu erhalten und zu festigen. Dafür sei sie bereit, „sogar mit den reaktionärsten Regimen zu paktieren.“ Der Vatikan fördere „im Komplott mit den herrschenden aggressiven Kreisen der USA die Durchführung der Politik JOHNSONS (Original-Schreibweise), der so genannten Politik des „Brückenschlagens“ zwischen Ost und West.“ In diesem Zusammenhang sei der Vatikan an der Führung von Verhandlungen mit der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern interessiert.
Geheim-operative Maßnahmen
Zur Politik des Papstes weiß Generalmajor Aganjans zu berichten, Paul VI. habe sich „hinsichtlich der Sowjetunion“ besondere Ziele gesetzt. Er sei der Meinung, „daß die Festigung der Position der katholischen Kirche in der UdSSR“ eine „Angelegenheit von erstrangiger Bedeutung“ ist. Dies gelte auch für ein Abkommen mit der russischen Orthodoxen Kirche. Der KGB verfüge über Informationen darüber, „dass Paul VI. bemüht ist, gegenüber der Sowjetunion eine Politik des „Liebedienerns“ durchzuführen, um eine Normalisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen zu erreichen.“ Entsprechend seinen Überlegungen sei es nur unter diesen Bedingungen möglich, „eine Aktivierung der Tätigkeit der katholischen Kirche auf dem Territorium der Sowjetunion zu erreichen und Beziehungen zur russischen orthodoxen Kirche anzuknüpfen.“ Außerdem betrachte der Papst eventuelle Kontakte mit Vertretern der UdSSR „als Mittel der Erhöhung der Autorität der römisch-katholischen Kirche in der internationalen Arena.“
Der Text umfasst in der Transkription 25 Seiten; auffallend die fehlerhafte Schreibweise der Namen prominenter Vatikan-Prälaten, wie so oft, wohl auf Unkenntnis wie auf Übersetzungsprobleme zurückzuführen. Der Referent geht dann auf weitere Details ein, die politischen Akteure im Vatikan, in den Ortskirchen betreffend, kirchliche Einrichtungen und Ordensgemeinschaften, die vom KGB unisono als feindliche Kräfte eingestuft werden, fordert der Moskauer Genosse General die „Freunde“ auf, „ sich tiefer und vollständiger mit den Materialien über die Tätigkeit des Vatikans insgesamt vertraut zu machen und einheitliche geheim-operative Maßnahmen der Organe für Staatssicherheit unserer Länder auf dieser Linie auszuarbeiten.“
Vor der „Wachablösung“ in Rom
Das Jahr 1977: unübersehbar. Papst Paul VI. ist schwer krank. Der zunehmende gesundheitliche Verfall löst, auch hinter vatikanischen Mauern, leidet die Pietät, die Nachfolge-Diskussion aus. Auch vom Osten werden die Spione ausgesandt, um Ausschau zu halten, wer als Kandidat auf dem Papstthron gehandelt wird. Erste Vermutungen schleichen sich in die „Informationen“ des polnischen Geheimdienstes. Bereits im vorausgegangenen Jahr hatte der polnische Geheimdienst gemeldet: „Glaubwürdigen Angaben zufolge spürt man in der römischen Kurie immer mehr eine Atmosphäre des Wartens auf das baldige Ausscheiden Pauls VI., der bereits nicht mehr so aktiv wie früher an der Festlegung der Außenpolitik des Vatikans teilnimmt.“ (3)
In der römischen Kurie herrsche die Überzeugung, daß nach dem Tode Pauls VI. die konservativen Elemente dominierenden Einfluss auf die Gestaltung der politischen Konzeptionen und die Verhärtung des Vatikans gegenüber den sozialistischen Ländern nehmen würden.
In ihrer „Einschätzung der Entwicklungsperspektiven der polnisch-vatikanischen Beziehungen am Ende des Pontifikats Pauls VI.“ meinen die Experten des SB, „die Anhänger des aktiven Dialogs mit den sozialistischen Ländern mit Erzbischof A. Casaroli, Sekretär des Rates für öffentliche Angelegenheiten der Kirche, an der Spitze“, hielten es, einer Äußerung Casarolis zufolge, für notwendig, „einige Probleme aus dem Bereich der Ostpolitik noch zu Lebzeiten Pauls VI. zu lösen, um einige Tatsachen unumkehrbar zu machen.“
Der Auslands-SB meldet weiter, nach Einschätzung der römischen Kurie widersetze sich Kardinal Stefan Wyszynski „schon nicht mehr“ dem Vorschlag zur Schaffung einer ständigen diplomatischen Mission des Vatikans in Polen. Allerdings habe der polnische Primas seine Zustimmung von der Bedingung abhängig gemacht, einen eigenen „Beobachter“ im vatikanischen Staatssekretariat zu haben. Polnische Geistliche in Rom vermuteten, berichtet der Auslands-SB, dass der Vatikan inzwischen entsprechende Zusicherungen erhalten habe und damit die „sichere Möglichkeit“, den „Prozess der Normalisierung der Beziehungen zwischen Polen und dem Vatikan unmittelbar zu beobachten. (4)
Zweck der nachrichtendienstlichen Aufklärung, das auch in den hier zitierten „Informationen“ nicht aus dem Auge verloren wird, Material so aufzuarbeiten, dass es sich für die „ideologisch-politische Zersetzung“ eignet. Im Fokus, und für das MfS von speziellem Interesse, sind auf die Bundesrepublik Deutschland, d.h. auf die dort in Opposition zueinander stehenden Parlamentsparteien und deren Position gegenüber der vatikanischen Diplomatie. Im Vatikan werde „vor allem die offenkundige Unterstützung, die die westdeutsche Kirchenhierarchie den politischen Konzeptionen der CDU/CSU erweist“, kritisch vermerkt. Erzbischof Casaroli wird mit der Äußerung zitiert, „die politischen Konzeptionen der SPD zur Entwicklung der internationalen Beziehungen“ wiesen „viel Ähnlichkeiten mit den vatikanischen auf, besonders im Bereich der Ostpolitik, weshalb der Vatikan zur sozialdemokratischen Regierung des Kanzlers Schmidt bessere Beziehungen unterhält, als zur christdemokratischen Opposition.“ Hier kommt das operative Konzept der Agenturen des Ostens in den Jahren des Kalten Krieges klar zum Ausdruck, nämlich „Rom“ und die divergierenden politischen Kräfte in Bonn, Befürworter und Kritiker der sogenannten „vatikanischen Ostpolitik“ gegeneinander auszuspielen.
Papst Paul VI. starb am 6. August 1978. Die römische Kurie lag in der letzten Phase dieses Pontifikats lag keineswegs in Agonie, wenn man die Stasi-Informationen liest; vielmehr waren die Macher im Hintergrund am Werk. Man ließ den Papst in seiner Art, die von körperlicher und psychischer Schwäche bestimmt war, gewähren. Mochte er leidenschaftlich oder „zweideutig“ reden und schreiben, man würde die Weisungen später in eine härtere Form gießen. (5)
Sein Mitleiden an den Bedrängnissen Not leidender Menschen hat viele Herzen gerührt. Als „unglücklich“ und „zögerlich“ wurde seine Zurückhaltung in der Frage der künstlichen Geburtenkontrolle beurteilt. Die Ursachen der sozialen Ungerechtigkeit den Ruf nach Frieden auf Erden hat er in seiner Enzyklika „Populorum progressio“ („Die Entwicklung der Völker“ vom 26. 3. 1967) zur Sprache gebracht, zum ersten Mal in einem päpstlichen Rundschreiben die Asymmetrie zwischen Erster und Dritter Welt thematisiert und einen Ausgleich zwischen „Nord und Süd“ gefordert. Seine Spiritualität beeindruckt viele Gläubige. (5) Das Ende dieses Pontifikats leitete eine Wende in der Wahl der Petrus-Nachfolger ein. Hirten, nicht Diplomaten, sollten künftig die Kirche führen. Dem Patriarchen von Venedig, Albino Luciano blieben nur 33 Tage. Ihm folgte der Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla. Ein Alarmsignal für die Moskauer Spione.
Kein Religions-Frieden mit Moskau
Ende November 2007 berichtete Bischof Clemens Pickel, der katholische Oberhirte des Bistums St. Clemens in Saratow über ein Jugend-Dekanatstreffen in der Stadt an der mittleren Wolga. (7) Mit Rücksicht auf und in Anlehnung an die orthodoxe Kirche sind die vier inzwischen in Russland bestehenden römisch-katholischen Diözesen nicht nach Städten des Bischofssitzes, sondern nach Heiligen der katholischen Kirche als Schutzpatrone des Bistums benannt. Zwei „Schwestern der Mutter Teresa“ war von der Moskauer Religionsbehörde erlaubt worden, an der Eröffnung einer Ausstellung über ihre Ordensstifterin teilzunehmen. Die offizielle Bezeichnung der Ordensgemeinschaft heißt „Missionarinnen der Liebe“. Allein das Wort „Mission“ scheint bei einigen Nationalisten hysterische Anfälle auszulösen. Wie anders ist zu verstehen, dass noch immer der Gespenster-Begriff „Proselytismus“ durch die russische orthodoxe Welt geistert, als hätten die Katholiken an Moskwa und Wolga und bis nach Sibirien nichts Besseres zu tun, als gläubige Russen oder solche, die es werden wollen, abzuwerben.
Fünfzehn Jahre nach dem endgültigen Zusammenbruch des sowjetischen Regimes und der Einführung der Demokratie a la Russe sollten „normale Verhältnisse“ auch im religiösen Leben des neuen Russland eingetreten sein. Doch nicht wenige fragen, ob die Russische Orthodoxe Kirche mit dem Moskauer Patriarchat an der Spitze noch immer nicht sich selbst gefunden hat oder zur Definition ihrer eigenen Identität einen Dauerkonflikt mit anderen christlichen Konfessionen benötigt, namentlich im Kräftemessen mit der Papstkirche.
Im Jahre des Herrn 2007 war es vermutlich nicht mehr erforderlich, dass ein Geheimdienst mitschrieb, was auf dem Treffen der katholischen Jugendlichen von Saratow und Marx gesprochen wurde. Wo der Staat vielleicht wegsieht, halten Beobachter der von Rom so freundlich adressierten Schwesterkirche Augen und Ohren offen, bisweilen mit verstelltem Blick und Hörschwäche. Und so hagelt es von Zeit zu Zeit die bekannten Vorwürfe: Missionierung von russischen Menschen unter Aneignung „kanonischen“ (kirchenrechtlich definierten) Territoriums, das vom Moskauer Patriarchat beansprucht wird. Unvermindert auch die leidige Frage bezüglich der ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus. Für Moskau bleiben sie Abtrünnige.
Steht ein baldiges Treffen zwischen Alexi II. und Benedikt XVI. in Aussicht? Die dutzende Mal gestellte Frage erfuhr Ende November 2007 erneut eine Absage. Zuvor müssten die „Fragen des Wirkens der katholischen Kirche in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken endgültig geklärt werden“, ließ sich ein Sprecher des Außenamtes des Patriarchats vernehmen. (8) Und das nach bisher wer weiß vielen Begegnungen zwischen Metropoliten und Kardinälen, zwischen dem Ersten und dem Dritten Rom. Ob der wahre Hintergrund etwa mit Positionskämpfen im Zusammenhang mit Nachfolge-Fragen im Danilow-Kloster, dem Amtssitz des Patriarchats zu tun hat? Vielleicht könnten Dossiers einer gewissen, im Geheimen tätigen weltlichen Behörde die Frage beantworten. Völlig uninformiert dürften die Herren dort wohl nicht sein.
Fortsetzung folgt
Fußnoten:
1) Korrespondentenbericht im Wiesbadener Kurier v. 19. 11. 07
2) MfS – HA XX/4 – Abteilung X v. 4. August 1967, KO/X Nr. 1819/67 – Das Protokoll wurde für die UdSSR unterschrieben von Generalmajor Iwan Aganjans (1911-1968), zuletzt stellvertretender Leiter der 1. Hauptverwaltung (Auslandsaufklärung) des KfS. (KfS = Komitee für Staatssicherheit, die im Osten verwendete Bezeichnung für den KGB. )
3) MfS – HA XX/4 Nr. 127 v. 9. Dezember 1976, Abteilung X, Tgb.Nr. X/4587/76
4) Die schrittweise Annäherung erfolgte unter Johannes Paul II. zunächst durch eine „Delegation für Ständigen Kontakte“ mit der polnischen Regierung, von 1986-1989 von Sondernuntius Francesco Colasuonno geleitet. Volle diplomatische Beziehungen, die 1945 unterbrochen worden waren, nahm der Heilige Stuhl am 17. Juli 1989 wieder auf.)
5) MfS – HA XX/4 – Abteilung X v. 7. Januar 1969, Tgb. Nr. X/54/69
6 )Johannes Paul II. hat am 11. 5. 1993 das Seligsprechungsverfahren für seinen Vorgänger eröffnet. Seit dieser Zeit darf Paul VI. als „Diener Gottes verehrt werden.
7) Clemens Pickel: Ein Sachse als Bischof in Südrussland. Online-Dienst des Bistums Dresden-Meissen v. 26.11. 2007 (www.bistum-dresden-meissen.de)
„Moskauer Patriarchat dämpft Hoffnung auf Treffen mit Papst“(Online-Dienst der Nationalzeitung und Basler Nachrichten v. 26. 11. 2007(www.baz.ch)
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