Archiv des MonatsJune, 2008

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 11)

Kirche im Fadenkreuz der Geheimdienste
Abertausende Schriftstücke, von den kommunistischen Sicherheitsorganen nach dem großen Knall, hinterlassen, ermöglichen Einblicke in Wesen und Praxis der Spionage-Apparate des politisch-ideologischen Systems. Wenn nicht gerade prominente Namen oder spektakuläre Fälle aus den Unterlagen gefischt werden, hält sich das Interesse der Öffentlichkeit vermut-lich in Grenzen. Neben der Auswertung der „brisanten“ Materialien, wie Abhörprotokolle, Gesprächsnotizen über abgeschöpfte Quellen, so genannte „Informationen“ über Situationen und Ereignisse, verdienen Analysen, die bisweilen Buchumfang erreichten, der besonderen Aufmerksamkeit.

Dem Ausgang des 40 Jahre währenden Ost-West-Konfliktes verdankt die wissenschaftliche Forschung die einmalige Gelegenheit, in die Schattenwelt von Geheim- und Nachrichten
dienste vorzudringen. Selbst wenn diese sich vornehmlich die linke Seite des Eisernen Vorhangs betrifft, so spiegelt sich in gewisser Weise auch die weiterhin abgedeckte
Wirklichkeit der Gegenseite. Was hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges geändert? Kaum ein Tag, an dem nicht aus irgendeinem Winkel der Welt vom Tun und Treiben irgendwelcher Geheimdienste berichtet wird. Neue Techniken der Überwachung, die ins Unermesslich wachsende globale Kommunikation im Cyberspace – das Übergreifen einer Bespitzelungs-Manie auf den zivilen Sektor etwa in der Privatwirtschaft – lassen die Welt wie ein riesiges Spinnennetz erscheinen, in dem selbst der unbescholtene Bürger um seine Privatheit fürchtet, das Vertrauen in den Schutz seiner Privatheit verliert.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 10)

Purpur am Ende des Kreuzwegs
Als in den Tagen vor dem Konsistorium (der Generalversammlung der Kardinäle) am 23. Oktober 2003, das der Ernennung und Veröffentlichung des Namens neuer Mitglieder des ranghöchsten Kollegiums der Kirche der Name Tomás Spidlik fiel, dürften zunächst wohl nur Insider besonders aufmerksam geworden sein. Im Nachbarland Tschechoslowakei aber läuteten die Glocken. Johannes Paul II., der polnische Papst, der geradezu mit Leidenschaft
den Blick der Westens auf den Osten zu lenken suchte, hatte dies wieder einmal mit einer Personalie stark zum Ausdruck gebracht, als er den hoch geachteten tschechischen Theologen, eine Spezialisten der ostkirchlichen Tradition, in seinen Senat aufnahm. Spidlik, zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre alt, hatte zwar die Altersgrenze für ein Konklave (die Papstwahl) über
schritten, aber das Zeichen, das der „slawische“ Papst setzte, gewann vielfache Symbolkraft. Das Konsistorium war auf den 25. Jahrestag seines Pontifikats (22. 10. 1978) angesetzt. Zwei Diener der Kirche tauschten den Bruderkuss, beide geprägt von den Erfahrungen unter Systemen des ideologischen Absolutismus – Tomás Spidlak wohl noch massiver als Karol Wojtyla.

Ein Fachmann der ostkirchlichen Tradition
Tomás Spidlik gehört dem Jesuitenorden an. Er wurde 1919 im mährischen Boskovice, Diözese Brünn, geboren. Der langjährige Spiritual (geistliche Leiter) des „Nepomucenums“ gilt als einer der namhaftesten Vertreter des tschechischen katholischen Exils (Radio Praha, am 4. 5. 2006). Als Professor für Spiritualität am Päpstlichen Institut für Ostkirchenkunde erwarb sich seinen Ruf als weltweit anerkannter Fachmann auf diesem für Laien kaum überschaubaren Gebiet, der Tradition und Geschichte der so genannten Kirchen des Ostens.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 9)

Spionage-Ziel: Radio Vatikan
Wie für andere „sozialistischen Sicherheitsorgane“ galt auch für den Nachrichtendienst des kommunistischen Regimes in Prag „die Stimme des Papstes“, also Radio Vatikan, als eine erste Adresse der Ausforschung, ob mit funktechnischen Mitteln oder durch die „Arbeit am Mann“, sprich: den Spitzel. Radio Vatikan war bei seiner Gründung im Jahre 1931 dem Jesuitenorden übertragen worden. Den StB (gemeint ist die Staatssicherheit) interessierte selbstverständlich in erster Linie das tschechische Programm, d.h. die dort tätigen Redakteure aus der Tschechoslowakei. Von dort oder umgekehrt bestanden engste Beziehungen zum tschechischen Studienkolleg in Rom, dem „Nepomucenum“. (1) In beiden Richtungen begegnen einige der in den folgenden Kapiteln genannten Personen.

Zwar stehen nur wenige Details über diesen Spezialbereich der Spione aus dem Osten vor, dennoch soll an der Lebensgeschichte einiger Betroffener das Ausmaß der Bespitzelung und Verfolgung, bis hin zur physischen Vernichtung einiger Opfer, wenigstens in Umrissen dargestellt werden. Ein erschütterndes Zeugnis liefert der Brief, den P. Josef Kolácek SJ schrieb. (2)

Josef Kolácek, geboren 1929 in Brünn-Bystrc , fand 1968, „nach der Invasion der Roten Armee“ als politischer Flüchtling Aufnahme in Österreich. An der Hochschule der Jesuiten in Innsbruck (Katholisch-Theologische Fakultät der staatlichen Leopold-Franzens-Universität), beendet er seine Studien, ging zwei Jahre später nach Rom und leitete ab dem 1. Oktober 1970 die tschechische Sektion von Radio Vatikan.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 8)

Priester vor kommunistischen Tribunalen
Als sich der Theologiestudent Karel S. verpflichtete, dem Geheimdienst StB nützlich zu sein, ging er offenbar davon aus, dass diese Entscheidung auch seiner eigenen Karriere förderlich sein werde: keine Schwierigkeiten beim Studium, Auslandsreisen, Aufenthalt in der Stadt der Städte seiner Kirche: dem ewigen Rom. Die Rechnung ging nicht auf. Am Ende landete er, dank dem Mitgefühl eines päpstlichen Botschafters als Sachbearbeiter am Schreibtisch einer Nuntiatur. Auch wenn Details, insbesondere die Identität der Personen betreffend, an dieser Stelle nicht dargelegt werden sollen – die äußeren Umstände entsprechen den vorliegenden Informationen zur Sache.

Aus dem Vorgang erschließen sich zwei Erkenntnisse über das Vorgehen der Sicherheitsorgane der kommunistischen Tschechoslowakei gegen die katholische Kirche: Kampf der Religion, insbesondere im eigenen Land; Bekämpfung des „politischen Katholizismus“ durch gezielte Maßnahmen gegen Papst und römische Kurie. Vor allem sollte die so genannte Ostpolitik des Vatikans diskriminiert werden. Dass es Differenzen über die Strategie gegenüber den Staaten des Ostblocks innerhalb der vatikanischen Führungsspitze gab, war auch dem Prager Geheimdienst bekannt. Ein vatikanischer Insider: ob Benelli (der Substitut / “Innenminister“) oder Casaroli (der vatikanische “Außenminister“) – „jeder hatte seine Strategie“. Und wohl auch seine Ambitionen, wäre hinzuzufügen. Giovanni Benelli, als Kardinal und Erzbischof von Florenz, galt immerhin als „papabili“ in den beiden Konklaven von 1978 – auch wenn dann andere gewählt wurden (Albino Luciani, resp. Karol Wojtyla).

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