Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 9)
Spionage-Ziel: Radio Vatikan
Wie für andere „sozialistischen Sicherheitsorgane“ galt auch für den Nachrichtendienst des kommunistischen Regimes in Prag „die Stimme des Papstes“, also Radio Vatikan, als eine erste Adresse der Ausforschung, ob mit funktechnischen Mitteln oder durch die „Arbeit am Mann“, sprich: den Spitzel. Radio Vatikan war bei seiner Gründung im Jahre 1931 dem Jesuitenorden übertragen worden. Den StB (gemeint ist die Staatssicherheit) interessierte selbstverständlich in erster Linie das tschechische Programm, d.h. die dort tätigen Redakteure aus der Tschechoslowakei. Von dort oder umgekehrt bestanden engste Beziehungen zum tschechischen Studienkolleg in Rom, dem „Nepomucenum“. (1) In beiden Richtungen begegnen einige der in den folgenden Kapiteln genannten Personen.
Zwar stehen nur wenige Details über diesen Spezialbereich der Spione aus dem Osten vor, dennoch soll an der Lebensgeschichte einiger Betroffener das Ausmaß der Bespitzelung und Verfolgung, bis hin zur physischen Vernichtung einiger Opfer, wenigstens in Umrissen dargestellt werden. Ein erschütterndes Zeugnis liefert der Brief, den P. Josef Kolácek SJ schrieb. (2)
Josef Kolácek, geboren 1929 in Brünn-Bystrc , fand 1968, „nach der Invasion der Roten Armee“ als politischer Flüchtling Aufnahme in Österreich. An der Hochschule der Jesuiten in Innsbruck (Katholisch-Theologische Fakultät der staatlichen Leopold-Franzens-Universität), beendet er seine Studien, ging zwei Jahre später nach Rom und leitete ab dem 1. Oktober 1970 die tschechische Sektion von Radio Vatikan.
Vatikanische „Ostpolitik“
Die Ketten sowjetischer Panzer noch im Ohr, oder anders ausgedrückt: „Nach der persönlichen Erfahrung mit den Kommunisten in der Heimat, mit dem Regime, mit der Verfolgung der Kirche, mit den Spitzeln und mehrstündigen Verhören von der StB, mit der harten Arbeit“, die von den kommunistischen Behörden als „Umschulung“ deklariert wurde, in Wirklichkeit aber nichts anderes als eine Strafmaßnahme gewesen sei, wird der tschechischen Exil-Priester mit einer anderen Art von Real-Politik konfrontiert. Es sind „die Vorstellungen oder Einsichten der verantwortlichen vatikanischen Diplomaten für die vatikanische „Ostpolitik“. Kolácek apostrophiert den Begriff.
Kolácek schreibt, er sei doch sehr erstaunt über die Haltung der Herren aus dem vatikanischen Außenministeriums gewesen. Er erwähnt namentlich Casaroli, Silvestrini, Cheli, Poggi und Colasuonno (3).
Das waren die Spitzendiplomaten des Heiligen Stuhls aus dem Führungskreis um Casaroli im Rat für öffentliche Angelegenheiten (dem vatikanischen „Außenministerium“), die in verschiedenen Teilen der Welt, besonders aber Sondermissionen in den Ländern des Ostblock unternahmen, d. h. in den Hauptstädten der sozialistischen Staaten einen nach vatikanischer Ansicht praktikablen „modus vivendi“ („mit etwas leben“ zu können) suchten und dabei, wohl oder übel, eine gewisse Flexibilität gegenüber den Wünschen der staatlichen Gesprächspartner zeigen mussten, in der Hoffnung auf zumindest Minimalerfolge. Papst Johannes Paul II. hat die hier Genannten allesamt später mit dem Purpur (des Kardinalats) ausgezeichnet.
Monsignore Cheli, erinnert sich Pater Kolácek, sei „anfangs regelmäßig“ bei Radio Vatikan erschienen sei, um „uns über die Situation in unseren Ländern zu `informieren`. Unser Misstrauen, unsere Vorbehalte und gar nicht versteckte Kritiken“ hätten diese „Belehrungen“ bald beendet. Danach seien die Informationen an die betreffenden Redaktionen nur noch über den Direktor des Senders gelaufen.
Prager Invasion – der Vatikan war vorgewarnt
Einige Priester, die bereits in den fünfziger Jahren, nach Rom gingen, entschieden sich für einen dauerhaften Verbleib am Tiber. Andere kehrten nach der politischen Wende in ihre Heimat zurück, so Jesuitenpater Petr Ovecka, Jahrgang 1922, der von 1953 bis 2002 in Rom lebte. Dort arbeitete er zunächst in der tschechischen Redaktion von Radio Vatikan. Damit gelangte sozusagen automatisch auf die „Abschussliste“ des tschechischen Geheimdienstes. Ein Landsmann, Professor an der Lateran-Universität, soll angeblich „sehr eifrig“ Ovecka`s „Entfernung“ aus der Redaktion von Radio Vatikan betrieben haben, „vermutlich auf Anordnung aus Prag“, also des Sicherheitsdienstes StB. Ovecka sei es wohl auch gewesen, der den Heiligen Stuhl, in dem er „über die alarmierende Situation in der CSSR“ informierte, gewarnt habe. Ab 1970 machte der Jesuitenpater eine Zeitung für Emigranten. Sein Büro hatte er im „Nepomucenum“ . Da konnte er allerdings „sicher“ sein, immer wieder von gewissen „Interessenten“ aufgesucht zu werden.
Der Spitzel war ein Landsmann
Diese ersten Beispiele zeigen schon an: der StB, ob direkt oder in Zusammenarbeit mit den „Bruderorganen“, suchte seine Quellen – zumal sich die Mauern des Vatikans auf direktem Weg schwer überwindlich erwiesen, in den Kreisen der Emigranten. Das waren sowohl Einzelpersonen in Rom, wie auch im „nichtsozialistischen Ausland“, vor allem in den westlichen Anrainer-Staaten Österreich und der Bundesrepublik Deutschland. Angesprochen wurden sowohl „lateinische“ Katholiken wie Angehörige der mit dem Papst verbundenen
katholischen Kirche des slawisch-byzantinischen Ritus, die sich vor allem in der Slowakei und der westlichen Ukraine konzentrierte. Anlaufstellen waren in diesem Zusammenhang nicht nur gesellschaftliche Zirkel und Treffpunkte, sondern auch die kirchlichen Studieneinrichtungen für Ost- und Mittelosteuropa, wie das bereits erwähnte tschechische „Nepomucenum“, sondern zum Beispiel auch das „Russicum“. Kollaborateure fanden sich immer: italienische Kommunisten, auf Distanz zur Kirche stehende Emigranten etwa aus der
Tiso-Zeit, unter Druck gesetzte Studenten und Priester aus Ländern des Ostblocks.
Pater Kolácek: „Ja, es wurde versucht, über die Emigration an die Namen geheim geweihter Priester und Bischöfe zu kommen. Mehrmals sei ihnen, als er und einige Mitbrüder noch in der Tschechoslowakei lebten, während der geheimen Seminare und vor der Weihe eingeschärft, „nicht einmal im Vatikan etwas über die Untergrundkirche zu sagen“, denn was dort gesprochen werde, wisse bald danach auch der StB in Prag.
Josef Beran – ein Oberhirte ins Exil gezwungen
Eng mit dem „Nepomucenum“ war in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der „Bekennerbischof“, den die tschechischen Katholiken als unbeirrbaren Glaubenszeugen verehren: Josef Beran (4). Der Prager Erzbischof war am 19. Juni 1949) verhaftet und zunächst in seiner Residenz unter Hausarrest gestellt worden, anschließend an wechselnden geheim gehaltenen Orten. Casaroli reiste nach Prag, um Erleichterungen für Beran auszuhandeln. Beran bleibt nach seiner Freilassung 1963 aber unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit. Schließlich erwirkt Papst Paul VI. ein Jahr später (1964) Berans Ausreise nach Rom. Es wird eine Reise ohne Rückkehr nach Prag sein.
1965 (22. Februar) wird der Prager Oberhirte in den Kardinalsstand versetzt, zusammen mit dem Lemberger Großerzbischof Jozef Slipyj, auch er im römischen Exil. Beran nimmt am Zweiten Vatikanischen Konzil teil und gründet in Rom das Tschechische Religiöse Zentrum „Velehrad“. Von Rom aus nimmt er Stellung zu den politischen Vorgängen in seiner Heimat, etwa in einer stark beachteten Ansprache in Radio Vatikan vor dem Hintergrund der Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach im Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz.
Wer von Josef Beran spricht ist sogleich auch bei Jaroslav Skarvada, (5) der seinem Bischof im römischen Exil als Privatsekretär diente. Der junge Prager Student, Jahrgang 1924, war 1945 nach Rom gekommen, um dort an der Lateranuniversität seine Studien fortzusetzen. Er lebte als Alumne im „Nepomucenum“ in Prag. 1949 wurde er zum Priester geweiht. Die Rückkehr in seine Heimat war nach der kommunistischen Machtübernahme für ihn nicht mehr möglich. Er bleibt in Italien, kümmert sich um die Seelsorge an Flüchtlingen in einem Lager bei Neapel und lehrt Dogmatik an einem Priesterseminar. 1965 nimmt Beran den Kenner vatikanischer und italienischer Verhältnisse als seinen persönlichen Sekretär, man kann auch sagen: als seinen engsten Vertrauten. Denn der Prager Oberhirte, nach jahrelanger Isolation von den Entwicklungen am päpstlichen Hof ferngehalten, kam „in eine fremde Welt“, wie sich Skarvada erinnert. Sicher, „er war hart“ in seiner Haltung gegenüber den Machthabern an der Moldau. Aber was bedeutete für einen Kirchenführer in kommunistischem Gewahrsam das von Johannes XXIII. gepredigte „aggiornamento“ – das „Heutigwerden“ der Kirche? Seine Ausreise nach Rom – ohne Wiederkehr nach Prag – sollte sie auch die neuen ostpolitischen Ambitionen unter Paul VI. erleichtern?
Skarvada lebte nun als Asylant in Italien: Eines Tages, er feiert gerade mit Beran die heilige Messe, liegt ein Telegramm der Mutter in seinem Zimmer: „Komme sofort. Vater gestorben.“ Wie soll er sich verhalten. Reist er nach Prag, muss er fürchten, seinen Status in Italien zu verlieren. Also verzichtet er. 1975 steht er vor einer ähnlichen Entscheidung. Anlass ist ein Besuch in Prag. Casaroli hatte gewisse Erleichterungen erreicht. Skarvada: „Der war intelligent und hatte ein Gespür für die Entwicklung“.
Wie die Stasi lockte
Skarvada wird zu einem Gespräch in ein Prager Café gebeten. Zwei Herren in Zivil erscheinen. Skarvada erinnert sich an die Offerte: „Wir wissen, dass die Mutter jeden Tag sterben kann. Für Sie ist die Tür immer offen.“ Klar, warum sich die Stasi so „großzügig“ zeigte. Klar also auch, dass Skarvada den Agenten nicht auf den Leim ging. Im August 1968 macht Skarvada mit seinem Kardinal Urlaub in den Südtiroler Bergen. Dort erfahren sie durch das Radio vom Einmarsch sowjetischer Truppen in ihre Heimat. Ohnmächtig müssen sie zusehen, wie auch der kleinste Funke an Hoffnung erlischt. Und sie gehen davon aus, dass keiner ihrer Schritte unbeobachtet und keines ihrer Worte zu den politischen und kirchenpolitischen Vorgängen ungehört bleibt.
1968 übernimmt Skarvada für den Heiligen Stuhl den Auftrag eines Visitators für die Tschechen und Slowaken im Ausland. Er sei ein „Instrument der Seelsorge“ gewesen, sagt er auch heute noch mit einem gewissen Unterton der Vorsicht. Nach Auffassung der Stasi war er damit ein „Agent des Vatikans“, der gegen die Interessen der sozialistischen Republik arbeitete. Seine Reisen führten ihn bis nach Australien und in die USA und im tschechischen Programm von Radio Vatikan sei er „jeden Montag“ zu hören gewesen. Es waren nicht nur gläubige Katholiken, die das Programm einschalteten.
In Rom „kümmerten“ sich harmlos aussehende Bürger, wie sie wohl selbst glaubten, um ihn. So habe vis-a-vis der Via Concordia Nr. 1 (das ist die Anschrift des „Nepomucenums“) ein italienischer Kommunist gewohnt. Der habe von seinem Fenster aus eine „klare Übersicht über die Besucher des Kollegs sowie über alles, was sich dort bewegte“, gehabt, berichtet Skarvada. Viel zu hören bekommen hätte er allerdings nicht von seinem „Schutzbefohlenen“. Denn der „Cooperatore“ des Staatssekretariats war auf das „Päpstliche Geheimnis“ vereidigt. Da kam nichts, was der Geheimhaltung unterlag, außerhalb autorisierter Gesprächspartner über seine Lippen.
Unter dem Schutz von St. Peter und dem Apostolischen Palast schienen die kirchlichen Führungsleute aus Tschechien und der Slowakei von weniger Dissens geplagt zu sein, als nationale Emotionen gelegentlich an Moldau und Donau die Herrschaften beschäftigen. Im Exil ging es um das Fortbestehen der Kirche in der Heimat, um das Schicksal der „Schweigenden Kirche“, um Bischöfe, Gemeindepriester, Theologen, Ordensfrauen und Laiengläubige in Stasi-Gefängnissen. Um die Gemeinden im westlichen Ausland.
Hilfe für die verfolgte Kirche
Gemeinsam mit Pavel (Josef Marie) Hnilica, einem slowakischen Jesuiten, führte er das Hilfswerk „Pro Fratribus“ für die verfolgte Kirche in Osteuropa (6)
Hnilica machte sich durch einen eher schon militanten Antikommunismus in den Stasizentralen bemerkbar. Insbesondere war für ihn sein Eintreten für die Botschaft von Fatima kennzeichnend, die von der Rettung Russlands mit Hilfe der Gottesmutter spricht, angeblich aber auch von Schüssen auf einen Papst, was als Prophezeiung des Attentats auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 ausgelegt wurde, zwar nicht offiziell seitens der vatikanischen Glaubensbehörde unter Kardinal Ratzinger, aber vielleicht vom „polnischen“ Papst so verstanden. In den Unterlagen des Ostberliner MfS befindet sich eine „Information“ der ungarischen Sicherheitsorgane von März 1969 über „Pro Fratribus“, die wohl im Zuge des Nachrichtenaustausches auch nach Prag weitergeleitet wurde.
Pavel Hnilica (1921 – 2006) zählte wohl zu jenen Zeitgenossen, die in den Jahren der ideologischen Zwangssysteme aufgewachsen, zum Opfer seines leidenschaftlichen Eintretens für den Glauben und gleichzeitig in für ihn offenbar nicht durchschaubare politische und kriminelle Strukturen hineingezogen wurde, aus denen er nicht mehr herausfand. In seiner Biographie markieren einige Daten die entscheidenden Wendepunkte: Nach der Auflösung der Klöster zunächst in einem Sammellager mit 700 anderen Ordensleuten interniert. 1950 (am 21. 11) zum Priester geweiht, wenige Wochen später, am 2. 1. 1951 mit Zustimmung von Pius XII. (nach den Regeln der so genannten „mexikanischen Fakultät“) zum Bischof ernannt und geheim geweiht, 1964 vom Vatikan veröffentlicht, verbunden mit dem Rang eines Titular-Bischofs.
Hnilica erinnert sich später an diese Priesterweihe in der Zeit der Verfolgung: der greise und kranke Bischof Robert Pobozný, Kapitularvikar von Roznava/Rosenau habe ihn heimlich ins Krankenhaus bestellt, einer Untersuchung in der Tuberkulose-Abteilung. Dorthin hätten sich die drei „Schutzengel“, die dem Bischof als ständige Begleiter nie von der Seite wichen, nicht gewagt. Es sei der Festtag des Erzengels Michael gewesen. – Dieser Schutzengel hat dann wohl auch den Gottesmann Pavel geleitet und seine Streitbarkeit für den Glauben geprägt. Wenig später folgte dann bereits die geheime Weihe zum Bischof; in einem verborgenen Lagerraum, es genügten zwei Kerzen und ein diskretes Evangeliar. Pobozny hatte auch Jan Korec zum Priester geweiht (am 1. Oktober 1950 – auch hier ein Krankenzimmer als Ort der geheimen Weiheliturgie).
Hnilica weihte im August 1951 seinen Mitbruder im Jesuitenorden und slowakischen Landsmann Ján Chryzostom Korec, (Jahrgang 1924), geheim zum Bischof. Mit der Linie Hnilica – Korec war der Grundstein für die „Gruppe der Jesuiten“ in der Geheimkirche in stalinistischer Zeit gelegt. Hnilica kann bei der Frage der Apostolischen Sukzession, der rechtmäßigen Weihe in der Nachfolge der Apostel, immerhin auf so prominente Namen wie Josef Beran und Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., verweisen. Vorbilder, die ihn wohl noch zusätzlich motivierten. Für Korec folgte ein besonders langer Leidensweg. Nach dem Verbot des Ordens durch die Kommunisten arbeitet er (bis 1960) in einer Fabrik. Anschließend Gefängnis bis 1968. Dann Generalamnestie. Für Korec bleibt nur Arbeit als Straßenkehrer und Beschäftigung in einer Fabrik. Bis 1974. Dann erneut Gefängnis, vier Jahre. Gesundheitlich schwer angeschlagen wird er 78 entlassen. Darf als Lagerist arbeiten. Die Samtene Revolution beendet diese Quälerei. 1990 ernennt ihn Johannes Paul II. zum Bischof von Nitra und 1991 zum Kardinal.
Hnilica in Rom, sicherlich gut informiert über das, was in seiner Heimat passiert, dürfte innerlich gebebt haben. Manches unternimmt er auf eigene Faust, „im Alleingang“, wie Casaroli ihn eines Tages zwingen wird, in einem besonders delikaten Fall sein Handeln zu erklären. 1984 reiste er inkognito nach Moskau, trickreich mit Hilfe eines Transit-Visums von Kalkutta (wo er Mutter Teresa besucht hatte) nach Rom. Im „Heiligtum“ der Roten Zaren weiht er am 24. März in der Himmelfahrtskapelle des Kreml, offenbar von der sonst allgegenwärtigen Staatssicherheit nicht erkannt, das Land und das russische Volk dem unbefleckten Herzen Mariens, wie einst Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges und mit nachträglicher Billigung von Johannes Paul II., wie er später selbst behauptete.
Im Staatssekretariat war man über die „Alleingänge“ des Pavel Hnilica wohl eher „not amused“. Ähnliche, wenn auch nicht vergleichbare Unternehmungen hatte ein anderer Bischof in Rom, außerhalb der Vatikan-Mauern, agierender Prälat auf dem Gewissen: der österreichische Titularbischof Alois Hudal, Rektor des österreichisch-deutschen Kollegs „Santa Maria dell`Anima“, der nach Kriegsende vielen in Rom gestrandeten Vertriebenen zu Papieren für die Emigration verhalf, aber auch gesuchten Kriegsverbrechern die Flucht nach Übersee ermöglichte, wie er selbst einmal eingeräumt hat.
Anders Hnilica: Er habe „große Sachen“ gemacht, erinnert sich Jaroslav Skarvada, aber er schien „zu wenig vernünftig zu sein. Casaroli (der „Außenminister“ und später Staatssekretär des Vatikans) sei nicht einverstanden gewesen. Dies dürfte insbesondere bei einer äußerst dubiosen Transaktion Anfang der 80er Jahre der Fall gewesen sein. Der Hintergrund ist ein nicht durchschaubares, bis heute im Dunkel gebliebenes Spiel, in dessen Drehbuch Summen in Millionen oder sogar Milliardenhöhe, die Mafia, der Zusammenbruch des Banco Ambrosiano durch Vergabe ungesicherter Kredite, zum Beispiel an die Vatikan-Bank IOR unter der Leitung von Monsignore Paul C. Marcinkus, Gelder in astronomischer Höhe für die polnische Solidaritäts-Bewegung und Betrügereien auf allen Seiten vorkommen. Vor jeden dieser Punkte muss ein „angeblich“ gesetzt werden. Die Quellen sind mitunter so dubios wie einige der handelnden Personen.
Hnilica habe versucht, dem Direktor des Banco Ambrosiano, Roberto Calvi bestimmte Dokumente für einen horrenden Betrag abzukaufen. Diese Papiere seien geeignet gewesen, das IOR (Institut für die Religiösen Werke) und die Kurie unter Druck zu setzen. Als es im März 1993 zu einem Prozess gegen Hnilica kam, soll Casaroli den slowakischen Exil-Bischof gezwungen haben, von einem „Alleingang“ zu sprechen. In Stasi-Akten liest man zu diesen Vorgängen verhältnismäßig wenig. Den Profis schien selbst dieser Stoff, aus dem sich vielleicht eine schmackhafte Desinformationskampagne hätte basteln lassen, zu obskur.
Pavel Hnilicas Glaubenswelt wird bestimmt von der Verehrung der Gottesmutter, der Jungfrau Maria. Sein Engagement in „Pro Fratribus“ ist von dieser Frömmigkeit erfüllt. Sein Gedankengut spiegelte sich in den Veröffentlichungen unter gleichem Titel in Koblenz unter der Redaktionsleitung von Pater Sebastian Labo SJ; die letzte Ausgabe, nun schon als „Stimme der befreiten Kirche“ erschien im Dezember 2003. In den Jahren der Kirchenverfolgung verbreitete „Pro Fratribus“ christliche „Samisdat“-Literatur (7), Informationen aus den Gemeinden der Katakombenkirche in der Sowjetunion.
Der Marienkult, wie er in Medjugorje (Herzegowina) gepflegt wird, findet in Pavel Hnilica einen starken Befürworter, der sich des Segens seines Gönners Johannes Paul II. versichert. Sein Engagement geht weiter: In Veröffentlichungen über das fundamentalistischen Innsbrucker Engelwerk (Werk der Heiligen Engel – Opus Angelorum) tritt Hnilicas Name ebenfalls in Erscheinung. Er steht an der Spitze der Gesamtorganisation der Priestergemeinschaft vom Heiligen Kreuz. (Nicht zu verwechseln mit dem Opus Dei). Die Organisation, mit Strukturen auf Diözesanebene, knüpft an den „Kreuzorden“ aus dem 11. Jahrhundert an. Die Nähe zu diesem Werk dürfte jedenfalls dem Wesenszug Hnilicas entsprochen haben – eines Streiters für den Glauben, der seine Waffen mitunter aus etwas seltsamen Arsenalen bezog.
Fortsetzung folgt
Fußnoten:
1) Nepomucenum. Vorläufer das römische Kolleg „Bohemicum“, 1884 von Papst Leo XIII. gegründet. Die erweiterte und in „Nepomucenum“ umbenannte Päpstliche Hochschule, nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik – Proklamation am 28. 10. 1918; Verträge von 1919 (Saint Germain und Trianon) beenden österreichische Doppelmonarchie) – von Papst Benedikt XV. approbiert. Das Seminar nahm 1928/29 seinen Studienbetrieb auf.
2) Brief vom 18. Juni 2007 an den Autor
3) Agostino Casaroli (1914-1998), Sekretär des Rates für die öffentlichen Angelegenheiten der Kirche, vatikanischer „Außenminister“, ab 1979 Kardinalstaatssekretär; Achille Silvestrini (Jg. 1923), seit den 60er Jahren im diplomatischen Dienst, 1979 Nachfolger von Casaroli als Leiter der diplomatischen Sektion des Staatssekretariats, 1988 Kardinal; Giovanni Cheli (Jg. 1918), ab 1973 Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, 1998 Kardinal; Luigi Poggi (Jg. 1917), seit 1965 im diplomatischen Dienst, 1994 Kardinal; Francesco Colasuonno (1925-2003), wie einige seiner Vorgänger mit Auslandsmissionen betraut, u.a. Pro-Nuntius in Jugoslawien, Delegationschef in Polen und von 1985 bis 1994 päpstlicher Vertreter in Moskau (Sowjetunion/Russland). 1998 Kardinal.
4) Josef Beran (1888-1969) Regens und Professor an der Prager Karls-Universität; 1942, nach dem Attentat auf Heydrich, von den Nazis als politische Geisel genommen, zunächst Gefängnis, dann Theresienstadt und Dachau. Nach dem Krieg, ab 1946, Erzbischof von Prag. Er widerspricht dem Versuch der kommunistischen Machthaber, mit Hilfe einer regimetreuen „Katholischen Aktion“ eine Nationalkirche zu schaffen, mit dem ihn weltweit bekannt machenden „Non possumus – Wir können nicht.“ (Die Formel geht, unter Anlehnung an die Apostelgeschichte 4,20 auf Papst Clemens VII. zurück, der mit dieser Antwort Heinrich VIII. zu verstehen gab, dass er den englischen Herrscher nicht von Katharina von Aragón scheiden werde, weil die Ehe keinen erwünschten Thronfolger hervorbrachte. Offenbar spielten weniger prinzipielle Glaubensgründe als politische Überlegungen eine Rolle, die Furcht des Papstes vor Repressalien seitens des „katholischen“ Weltbeherrschers seiner Zeit, dem mächtigen Kaiser Karl V.). Beran, 1965 zum Kardinal ernannt, stirbt 1969 (17. Mai). Er wird in der Krypta des Petersdomes, nahe der Confessio, der Grablege des Petrus, beigesetzt – ein Ort, der in der neueren Geschichte nur Päpsten vorbehalten ist.
5) Jaroslav Skarvada, Ab 1970, u.a. als „Cooperator“ im Staatssekretariat, 1982 zum Titularbischof ernannt und am 6. Januar 1983 von Papst Johannes Paul II. geweiht, weiter zuständig für die Auslandsseelsorge. 1991 Weihbischof in Prag und Generalvikar der Erzdiözese. Im September 2002 emeritiert. d.h. im Ruhestand.
6) Pro Deo et Fratribus: eine marianische Vereinigung, 1968 von Bischof Pavel Hnilica in Sessa Aurunca (Caserta) als Hilfswerk für die verfolgte Kirche in Osteuropa gegründet. Ursprünglicher Name: Fromme Vereinigung „Pro Fratribus“ (Für die Brüder). 1993 kirchenrechtliche Anerkennung durch die Diözese von Roznava in der Slowakei, 1995 Dekret des Päpstlichen Rates für die Laien. Der Name des Werkes: Pro et Fratribus – Famiglia di Maria“, internationale Vereinigung der Gläubigen des Päpstlichen Rechtes. Die Mitglieder verstehen ihre Glaubenspraxis „im Licht der Botschaft von Fatima“, in der Weihe an „Unsere Liebe Frau von der Unbefleckten Empfängnis“, sie geloben Treue zum Papst und zum kirchlichen Lehramt. Angehörige der besonderen Gruppe, die eine verpflichtende Mitgliedschaft eingehen, führen ein Leben in spiritueller Gemeinschaft (in Kommunitäten). Das Werk, inzwischen auf allen Kontinenten vertreten, hat seinen Hauptsitz in Rom.
7) Samisdat: aus dem Russischen für Selbstverlag. Unter der Hand verbreitete regimekritische und auch offiziell verbotene religiöse Literatur, nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in der Sowjetunion, der CSSR, der DDR, in Ungarn und Polen verbreitet und über geheime Kanäle in den Westen geschleust.