Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 10)

Purpur am Ende des Kreuzwegs
Als in den Tagen vor dem Konsistorium (der Generalversammlung der Kardinäle) am 23. Oktober 2003, das der Ernennung und Veröffentlichung des Namens neuer Mitglieder des ranghöchsten Kollegiums der Kirche der Name Tomás Spidlik fiel, dürften zunächst wohl nur Insider besonders aufmerksam geworden sein. Im Nachbarland Tschechoslowakei aber läuteten die Glocken. Johannes Paul II., der polnische Papst, der geradezu mit Leidenschaft
den Blick der Westens auf den Osten zu lenken suchte, hatte dies wieder einmal mit einer Personalie stark zum Ausdruck gebracht, als er den hoch geachteten tschechischen Theologen, eine Spezialisten der ostkirchlichen Tradition, in seinen Senat aufnahm. Spidlik, zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre alt, hatte zwar die Altersgrenze für ein Konklave (die Papstwahl) über
schritten, aber das Zeichen, das der „slawische“ Papst setzte, gewann vielfache Symbolkraft. Das Konsistorium war auf den 25. Jahrestag seines Pontifikats (22. 10. 1978) angesetzt. Zwei Diener der Kirche tauschten den Bruderkuss, beide geprägt von den Erfahrungen unter Systemen des ideologischen Absolutismus – Tomás Spidlak wohl noch massiver als Karol Wojtyla.

Ein Fachmann der ostkirchlichen Tradition
Tomás Spidlik gehört dem Jesuitenorden an. Er wurde 1919 im mährischen Boskovice, Diözese Brünn, geboren. Der langjährige Spiritual (geistliche Leiter) des „Nepomucenums“ gilt als einer der namhaftesten Vertreter des tschechischen katholischen Exils (Radio Praha, am 4. 5. 2006). Als Professor für Spiritualität am Päpstlichen Institut für Ostkirchenkunde erwarb sich seinen Ruf als weltweit anerkannter Fachmann auf diesem für Laien kaum überschaubaren Gebiet, der Tradition und Geschichte der so genannten Kirchen des Ostens.

Von 1938 bis 1940 studiert er in Brünn, absolviert sein Noviziat in Benesov bei Prag. 1942, als Folge der deutschen Besetzung, übersiedelt er nach Velehrad, dem in Mähren gelegenen, dem Slawen-Apostel Methodius (Bruder von Kyrill) geweihten tschechischen Nationalheiligtum. Die Begegnung mit der ostkirchlichen Tradition inspiriert ihn. Seine Studien werden unterbrochen: erst zieht ihn deutsches, dann rumänisches und schließlich russisches Militär zur Zwangsarbeit ein. 1949 verlässt er seine Heimat und geht nach Maastricht. Dort wird er zum Priester geweiht. Die in Prag an die Macht gekommenen Kommunisten versagen ihm die Rückkehr in seine Heimat. Spidlik setzt seine Studien auf seinem Spezialgebiet fort. Es folgt die Übersiedlung nach Rom.

Bei Radio Vatikan gestaltet er Programme für die Länder hinter dem Eisernen Vorhang. 1955 wird er promoviert und übernimmt eine Professur für Patristik und östliche Theologie am Päpstlichen Orient-Institut. Spidlik zieht sich im römischen Exil nicht in einen Elfenbeinturm zurück. Er habe, so heißt es, in Verbindung mit Alexander Dubcek und Vaclav Havel, den Protagonisten des „Prager Frühlings“, gestanden.

Der Geheimdienst nimmt Rache

Tomás Spidlik und seine Familienangehörigen in Mähren trifft der Hass des Geheimdienstes, vorliegenden Informationen zufolge, fürchterlich. Sein Neffe, der in Brünn (Brno) Architektur studierte, habe in den Monaten August/September 1981 Rom besucht, wohl nicht zuletzt, um seinen Onkel zu sehen. Sie machten eine Woche Urlaub in den Alpen. Nach seiner Rückkehr nach Brünn sei Pavel Svanda, so Jesuitenpater Kolácek, vom StB (Staatssicherheitdienst) „einem grausigen Verhör“ unterzogen worden. Seine Leiche sei im Abgrund der Macocha (1) gefunden worden. Die Behörden hätten von „Selbstmord“ gesprochen und dies amtlich bestätigt.

Auf ähnliche Weise sei der Ingenieur Premysl Coufal (1932 im mährischen Prostejov geboren, ums Leben gekommen. Coufal war, wie Pater Kolácek schreibt, „geheim geweihter Priester, „vielleicht auch Bischof“. Als „sehr fähiger Ingenieur und Architekt“ sei er von den Kommunisten „hoch geschätzt“ gewesen. Sie hätten ihn sogar mit Aufgaben im Ausland betraut und vom zuständigen Ministerium in den Mittleren Orient, in mehrere afrikanische Länder sowie nach Tunesien und Algerien geschickt worden. Dann, im Herbst 1980 habe Coufal eine Romreise unternommen, dabei Radio Vatikan, das „Nepomucenum“, das Orientalische Institut, die Päpstliche Universität Gregoriana besucht, also alles Einrichtunge, die zu Begegnungen mit Landsleuten, zumal Jesuiten, führten. Am 24. Februar 1981 sei Coufal in seiner Wohnung in Bratislava (Pressburg) tot aufgefunden worden. Pater Kolácek: „Die Zeugen wagten von schrecklichen Spuren des Selbsterhaltungskampfes zu sprechen.“ Der Überfallene muss sich bis zum letzten Atemzug verzweifelt gewehrt haben. Die Behörden sprachen wiederum, amtlich beurkundet, von Selbstmord. Pater Kolácek, auf den wir in späteren Kapiteln zurückkommen werden, schließt seinen Brief, in dem er ungewöhnlich offen zu den Vorgängen in den Jahren der kommunistischen Zwangsherrschaft in seiner Heimat schreibt mit dem Bekenntnis: „Die Wahrheit will ich nicht verschweigen.“

Europa atmet mit zwei Lungenflügeln
Nach der politischen Wende in seiner Heimat konzentriert sich Spidlik wieder auf sein Spezialgebiet. Ab 1991 leitet er das „Centro Aletti“. Das Forschungs- und Studienzentrum ist dem Päpstlichen Orient-Institut angeschlossen. Die Einrichtungen werden vom Jesuiten-Orden geführt. Das Orient-Institut wurde im späten 19. Jahrhundert ins Leben gerufen, eingerichtet in einem Palazzo in der Via Paolina. Das vornehme Patrizierhaus war von einer Dame der römischen Gesellschafter, der Signora Anna Maria Gruenhut Bastoletti Aletti der Gesellschaft Jesu geschenkt worden.

Das „Ezio Aletti Studienzentrum“, so sein offizieller Name, will Begegnungsstätte zwischen Ost und West sein, für Studierende, Wissenschaftler und Künstler mit christlicher Orientierung. Insbesondere Johannes Paul II., der „slawische“ Papst hat sich stets den Austausch der Erfahrungen zwischen den Kulturen des Ostens und des Westens eingesetzt und dies mit seinem berühmten Wort von einem Europa, das mit „zwei Lungenflügeln“ atmet, unterstrichen. Arbeiten des Zentrums werden von dem angeschlossenen „Lipa“-Verlagshaus veröffentlicht. Der Name „Lipa“ bedeutet „Linde“. Der Laubbaum gilt als Symbol des westlichen Slawentums.

Im Jahre 1993, nach der politischen Wende in der Tschechoslowakei, konnte das römische Studienhaus eine erste Filiale in Tschechien errichten, das „Zentrum Aletti Velehrad-Rom“ im mährischen Olomouc (Olmütz). Seine Aufgabe, wie sie Johannes Paul II. in einem Grußwort zur Eröffnung formulierte: Die Forschung unter den Orientalisten selbst auf der Grundlage des Glaubens nach dem Zusammenbruch des Marxismus zu ermutigen.

Der „polnische Papst“, den eine persönliche Freundschaft mit Spidlik verband, nicht zuletzt durch das gemeinsame Interesse an der Spiritualität des slawischen Ostens, ernannte, wie eingangs vermerkt, den bedeutenden mährischen Theologen im Jahre 2003 zum Kardinal. Dieser ist es auch, der zum Beginn des Konklaves von 2005 die einführende Meditation übernimmt, gemäß der Wahlordnung von 1996, wonach ein an „Weisheit und moralischer
Autorität beispielhafter Kleriker den Kardinälen eine Betrachtung über die aktuellen Probleme der Kirche und der Papstwahl halten soll.“

Tomás Spidlik wird 1990 emiritiert. Sein Name veranlasst in der weltlichen Presse des Westens nicht gerade Schlagzeilen, doch Wissenschaft und Politik überhäufen ihn mit Ehrungen, im postkommunistischen Russland ebenso wie in den USA, und natürlich in seinem Heimatland, wo ihm Staat und wissenschaftliche Welt (die Prager Karls-Universität Universität) höchste Auszeichnungen verleihen.

Fortsetzung folgt

Fußnoten:

1) Doline Macocha (Macocha-Schlucht): Im mährischen Karstgebiet, nur wenige Kilometer von Brünn entfernt. Bedeutendste Sehenswürdigkeit: die mit 138 Metern tiefste Schlucht Europas, durchzogen von dem unterirdischen Fluss Punkva, der zwei kleine Seen speist. Im Jahre 1723 wagte zum ersten Mal ein Mensch den Abstieg auf den Schluchtgrund. Es war der Franziskanermönch Lazar Schopper. Heute ist der Naturpark, eines der bedeutendsten Karstgebiete Mitteleuropas, mit seinen zahlreichen Höhlen und unterirdischen Wasserläufen entlang der Kalkplatte, eine Touristen-Attraktion und begehrtes Ziel von Naturforschern und Archäoligen. Ausgangspunkt ist das Dorf Vilémovice/Wilhelmschlag.


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