Archiv des MonatsJuly, 2008

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 16)

Prag 1968 – Was wusste Washington?

Wie schon in der Folge 15 angesprochen, dürften die westlichen Geheimdienste über die Ereignisse in der Tschechoslowakei im Sommer 1968 weitgehend im Voraus im Bilde gewesen sein. Dies bestätigen Dokumente des us-amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes CIA , die – bis vor einem Jahr (2007) als „Top Secret“ eingestuft, inzwischen deklassifiziert und zur Veröffentlichung freigegeben wurden. Die beiden für diesen Beitrag herangezogenen Dossiers sind überschrieben: „Tschechoslowakei: Das Problem der sowjetischen Kontrolle“ und „Politische Richtungen im sowjetischen Politbüro und die Tschechische Krise.“ (1) In den Analysen der CIA-Auswerter werden die Vorgeschichte, der Ablauf und die erste Abschlussphase der sowjetischen Invasion von 1968 dargelegt. Es handelt sich um nachrichtendienstliche Expertisen im Interesse der politischen Auftraggeber in Washington. Sie verdienen Aufmerksamkeit, da sie einen Vergleich mit den Informationen aus Quellen der kommunistischen Seite erlauben. Mit der „amerikanischen Linie“ dürften sich Auffassungen decken, wie sie von kirchlichen Kreisen der tschechischen Emigration in Rom vertreten werden.

Zunächst der Blick nach Moskau in den 60er Jahren. Beschrieben werden divergierende Auffassungen eines „konservativen“ und eines „liberalen“ Flügels im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Die „kollektiven Führung“ nach der Ära Chruschtschow zeigt Erosionen. Den Hardlinern, die eine orthodoxe, dogmatische, konservative Linie verfolgen, stehen Politiker gegenüber, die sowohl nach innen wie nach außen eine moderate Politik vertreten. Als deren Protagonist gilt der Vorsitzende des Ministerrates, Alexei N. Kossygin (Ministerpräsident von 1964-1980). Ein Wirtschaftsfachmann, der sich stärker an den ökonomischen Realitäten orientiert als an dogmatischen Positionen der Sowjetideologie.

Vorboten des Prager Frühlings

Selbstverständlich: die Amerikaner übersehen nicht die „Vorboten des Prager Frühlings“, den Verlauf des 4. Kongresses des von der Partei kontrollierten Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Am Vortag der eigentlichen Konferenz, am 26. Juni 67, hatte sich der Parteisekretär für ideologische Fragen, Jiri Hendrych, die Parteimitglieder unter den Autoren
vorgenommen. Mit seiner Eröffnungsrede, die mit Beschuldigungen, Forderungen und Androhungen gespickt waren, sollten die unbotmäßigen Genossen (u.a. Jan Procházka, Ludvik Vaculik, Antonin Liehm, Ivan Klima) auf Linie gebracht werden und damit die nachfolgenden Generalversammlung.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 15)

„Überfallartig“ in die Tschechoslowakei einmarschiert

Prag unter der Herrschaft der Sowjets. Entsetzen, Empörung und Proteste“ titelte „Die Welt“ in ihrer Ausgabe von Donnerstag, 22. August 1968. Der Bericht über die „blitzartige“ Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes – „an ihrer Spitze sowjetische Einheiten“ – nahm die ganze Frontseite ein. Auch Einheiten Polens, Ungarns, Bulgariens sowie der „DDR“ („Die Welt“ hielt an den Gänsefüßchen fest), waren laut „Nachrichtendienst der Welt“ an der militärischen Intervention beteiligt. Den Abhörzentralen westlicher Geheimdienste, gewiss der NATO-Aufklärung, dürften die Bewegungen des strategischen Gegners zu Lande und in der Luft nicht entgangen sein. Funktionierte der tschechische Geheimdienst nicht – oder nur für die Sowjets, dem eigenen Partei- und Regierungschef in den Rücken fallend, sodass Alexander Dubcek noch in der „schicksalhaften Nacht“, (vom 20. auf den 21. August), „bei der Ehre eines Kommunisten“, er habe nicht die geringste Ahnung gehabt, dass jemand einen solchen Schritt gegen uns unternehmen will.“ (1) Als die ersten Hubschrauber über der Stadt kreisten und dann: „eine Maschinengewehrsalve durchschnitt plötzlich die Nacht“ (Ladislav Mnacko) – da ging es den Pragern furchtbar auf: „Die Russen sind da.“

Und sie blieben. Hatten sich Moskau 1948 bei der kommunistische Machtübernahme noch auf eine „beratende“ Rolle beschränkt, so war jetzt die totale Oberaufsicht etabliert. „Unsere Generalstäbe waren mehr oder weniger nur Zweigstellen sowjetischer Kommandos und Residenturen der sowjetischen militärischen Aufklärung,“ erinnert sich Vaclav Havel. (2)

Anzeichen für eine militärische Aktion, mit der die Machthaber im Kreml erneut einen ihrer Satelliten disziplinieren könnten, hatte es schon im Vorfeld gegeben. Die vom 19. bis 30. Juni laufende Kommandostabsübung „Sumawa“ (der tschechische Name des Böhmerwaldes) sowohl entlang der Grenze auf dem Gebiet der DDR und Polens, wie auch in der CSSR selbst, deutete auf mehr als eine routinemäßige Übung hin.

Ein ranghoher Offizier der NationalenVolksarmee (NVA) erinnert sich denn auch. Der politische Hintergrund sei die „zunehmende Spannung zwischen der sowjetischen Führung über den politischen Kurs der CSSR, den so genannten „Prager Frühling“ gewesen, schreibt Horst Stechbarth, zuletzt Generaloberst und Befehlshaber der Landstreitkräfte der NVA. „Als alle Beratungen mit der Führung der CSSR diese nicht zu einem Kurswechsel veranlassten“, sei eine „militärische Drohkulisse“ aufgebaut worden. Da sich die Lage in der CSSR nicht geändert habe, sei die Übung „immer wieder verlängert“ worden. Sie habe dann auch zur Vorbereitung „des überfallartigen Einmarsches einer starken Gruppierung der Vereinten Streitkräfte am 21. August 1968“ geführt. Ob Kampfeinheiten der NVA die Grenze überschritten haben, erfährt der Leser aus den Aufzeichnungen des ehemaligen DDR-Generals nicht. Nur soviel: dass sich die 7. Panzerdivision aus Dresden und die 11. Mot.-Schützendivision aus Halle auf dem Territorium der DDR nahe der Grenze zur CSSR in Konzentrierungsräumen befanden.“ (3) Deutsche Truppen, die auf Prag zu marschieren, wie knapp dreißig Jahre zuvor (im März 1939) sollte sich wohl nicht wiederholen – zumal in ein „sozialistisches Bruderland“. In Prag aber hält sich die Information, dass Nachrichten und militärische Aufklärung auch innerhalb der CSSR operierten. Und dass die politischen Geheimdienste auf höchste Alarmstufe geschaltet hatten, bedarf wohl keiner Frage.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 14)

Ein Spitzel wird eingeschleust

Mit dem „Klostersturm“, der Aktion „K“ (1), und der Internierung von Ordensangehörigen, Männern und Frauen, hatten die Kommunisten versucht, eine der vitalsten Quellen des religiösen Lebens in ihrem Herrschaftsbereich auszutrocknen. Es gelang ihnen nicht. Ab Mitte der fünfziger Jahre entwickelte sich eine neue Form des Überlebens. Priester und Laienbrüder insbesondere jener Ordensgemeinschaften, die sich der Jugendseelsorge und sozialen Betreuung widmen, wie zum Beispiel die Kongregation der Salesianer, entschieden sich für geheime Arbeitsformen. Die „schweigende Kirche“, die „Kirche der Katakombe“, bildete erste Wurzeln. Es fanden sich christliche Zirkel im Untergrund, geleitet von Priestern, die aus der Internierung entlassen worden waren. Offiziell war ihnen jegliche Seelsorgetätigkeit verboten. Sie sahen sich gezwungen, „zivile“ Berufe auszuüben. Andererseits, so glaubte man wohl, konnte dies von Vorteil sein, nämlich als Tarnung, um gegenüber den Kommunisten nicht aufzufallen. Ein folgenschwerer Irrtum, der manchen „Katakomben-Priester“ in die Fänge der Stasi trieb. Solange diesbezügliche Dokumente unter Verschluss bleiben, kann allerdings nicht gesagt werden, ob die Betroffenen davon wussten, ob und wie sie ständig beobachtet und instrumentalisiert wurden.

Wie die Geheimpolizei vorging, erklärt der Vorgang um einen Stasi-Spitzel mit dem Decknamen „Verbovka“. Der Eintrag in die Stasi-Akte deutet auf einen Anwerbe-Vorgang hin. Es handelte sich um einen Seminaristen, der einer der mährischen Salesianergruppen angehörte. Auf ihn hatte es der StB abgesehen. Ihn zu „überzeugen“ gelang schnell, nach bewährter Methode. Der ehemalige Student M. wurde einem scharfen Verhör unterzogen mit dem Ergebnis, dass er „gründlich“ über die nach den kommunistischen Gesetzen illegale Tätigkeit seiner Mitbrüder berichtete, sich selbst für „schuldig“ erklärte und das gesamte Netzwerk der Salesianer enthüllte. Seine Aussage führte zur Verhaftung mehrer Mitglieder des Ordens. Damit hatte die Stasi den Verräter in der Hand. Damit er gegenüber seinen Mitbrüdern nicht als Spitzel auffiel und er selbst weiter konspirativ eingesetzt werden konnte, wurde auf die Bestrafung von „ungefähr zehn Personen“ im Bezirk Olomouc/Olmütz verzichtet. Auch er selbst blieb selbstverständlich straffrei.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 13)

Ein Hilferuf an die Vereinten Nationen
„Exzellenz! Als einem Verteidiger der Gerechtigkeit, wie es Ihrem Rang entspricht, wird es Ihnen unglaublich erscheinen, dass es solche Verhältnisse in einem Staat gibt, dessen Verfassung die Religionsfreiheit garantiert.“ Dies schrieb die Ordensfrau Antonie Hasmandová im Jahre 1956 dem damaligen UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld. (Siehe auch Folge 7). Schwester Votjecha (ihr Ordensname) war zu dieser Zeit im Frauengefängnis in Pardubice als „Politische“ inhaftiert. In den Zellen hatte sich herumgesprochen, der ranghöchste Diplomatie der Vereinten Nationen würde die Tschechoslowakei besuchen. Diese Gelegenheit wollten einige der mutigsten Frauen, die von den Kommunisten willkürlich abgeurteilt worden waren, ausnutzen, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. In der ganzen Welt werde den Häftlingen ein „ordentliches religiöses Leben mindestens in den elementaren Notwendigkeiten gewährleistet“, schrieb die Marie Hasmandová und fügte einen Satz hinzu, der den Kommunisten in die Haut brennen musste: dies sei „auch in den nazistischen Gefängnissen“ so gewesen. „Bei uns ist es nicht so.“ Als Christen an der heiligen Messe teilzunehmen, an Gottesdiensten überhaupt, von einer solchen selbstverständlichen Möglichkeit könnten sie nicht einmal träumen.

Der Brief der mährischen Ordensfrau an den schwedischen Chefdiplomaten der Weltorganisation (dem nach seinem mysteriösen Tod bei einem Flugzeugabsturz 1961 im Kongo posthum der Friedensnobelpreis verliehen wurde), endete mit dem Appell: „Herr Generalsekretär. Ich wende mich an Sie als eine der vielen, damit Sie uns wenigstens zu den grundsätzlichen Menschenrechten, nämlich unseren Glauben zu bekennen und ein Leben aus dem Glauben zu führen, verhelfen.“ Vier Jahrzehnte später, nach der politischen Wende und der Sichtung der Stasi-Unterlagen, stellte sich heraus: Der Brief hat den Chefdiplomaten der Vereinten Nationen nie erreicht. Wie nicht anders zu erwarten, hatte die staatliche Zensur den Hilferuf aus dem kommunistischen Kerker abgefangen. (1)

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 12)

Ein Generalsekretär muss gehen
Es war ein Rücktritt in Etappen: Ende Oktober 2004 reichte Monsignore Karel Simandl, der Generalsekretär der Tschechischen Bischofskonferenz seine Demission beim Präsidenten des Episkopats, dem Olmützer Erzbischof Jan Graubner ein, nicht etwa freiwillig, sondern erzwungenermaßen. Der Grund: Simandl soll fünfzehn Jahre lang „als Informant der kommunistischen Staatssicherheit der Tschechoslowakei gearbeitet“ haben.

Die Kirchenspitzen sahen sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Wie hatte es geschehen können, dass ein Top-Agent der Stasi, wie es schien, so hoch in den Apparat der tschechischen Hierarchie aufsteigen konnte. Schließlich sei sein „Dossier“ in den offiziellen Listen des Innenministeriums entdeckt worden, wie Kardinal Miloslav Vlk, der Erzbischof von Prag einräumte. „Aber wir haben damals die Schwere dessen, was er getan hat, nicht erkannt.“ (1)

Das klang für Beobachter, die sich eingehender mit der Vergangenheitsbewältigung der tschechischen und slowakischen Kirche befassten, eher verwunderlich. Schon im Jahr zuvor hatte Simandl seine frühere Stasi-Mitarbeit zugegeben. Von der Pressestelle der Bischofskonferenz in Prag war mitgeteilt worden, Simandl habe sich mit 19 Jahren gegenüber dem StB verpflichtet „um aus der Tschechoslowakei ins westliche Ausland ausreisen zu können.“

Das war das Muster, nach dem die „sozialistischen Sicherheitsorgane“ auch in anderen Ländern des Ostblocks ihre Leimruten unter Theologiestudenten und Geistlichen auslegten. Sie lockten mit materiellen Vorteilen, zum Beispiel im eigenen Land verbotene westliche Fachliteratur zu empfangen. Ganz oben auf der Liste: Reisen in den Westen, zu Veranstaltungen oder einem Studienaufenthalt. Der so „großzügig“ Begünstigte würde sich erkenntlich zeigen.

Es blieb zunächst bei Simandl´s „Bekenntnis“, sein Bedauern über sein damaliges „Versagen“ und seine Bereitschaft, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Die böhmischen und mährischen Bischöfe seien nach kritischer Bewertung der Angelegenheit jedoch zur Überzeugung gelangt, dass Simandl nicht zurücktreten müsse, meldete die Katholische Nachrichten Agentur (KNA) aus Prag (2)

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