Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 16)
Prag 1968 – Was wusste Washington?
Wie schon in der Folge 15 angesprochen, dürften die westlichen Geheimdienste über die Ereignisse in der Tschechoslowakei im Sommer 1968 weitgehend im Voraus im Bilde gewesen sein. Dies bestätigen Dokumente des us-amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes CIA , die – bis vor einem Jahr (2007) als „Top Secret“ eingestuft, inzwischen deklassifiziert und zur Veröffentlichung freigegeben wurden. Die beiden für diesen Beitrag herangezogenen Dossiers sind überschrieben: „Tschechoslowakei: Das Problem der sowjetischen Kontrolle“ und „Politische Richtungen im sowjetischen Politbüro und die Tschechische Krise.“ (1) In den Analysen der CIA-Auswerter werden die Vorgeschichte, der Ablauf und die erste Abschlussphase der sowjetischen Invasion von 1968 dargelegt. Es handelt sich um nachrichtendienstliche Expertisen im Interesse der politischen Auftraggeber in Washington. Sie verdienen Aufmerksamkeit, da sie einen Vergleich mit den Informationen aus Quellen der kommunistischen Seite erlauben. Mit der „amerikanischen Linie“ dürften sich Auffassungen decken, wie sie von kirchlichen Kreisen der tschechischen Emigration in Rom vertreten werden.
Zunächst der Blick nach Moskau in den 60er Jahren. Beschrieben werden divergierende Auffassungen eines „konservativen“ und eines „liberalen“ Flügels im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Die „kollektiven Führung“ nach der Ära Chruschtschow zeigt Erosionen. Den Hardlinern, die eine orthodoxe, dogmatische, konservative Linie verfolgen, stehen Politiker gegenüber, die sowohl nach innen wie nach außen eine moderate Politik vertreten. Als deren Protagonist gilt der Vorsitzende des Ministerrates, Alexei N. Kossygin (Ministerpräsident von 1964-1980). Ein Wirtschaftsfachmann, der sich stärker an den ökonomischen Realitäten orientiert als an dogmatischen Positionen der Sowjetideologie.
Vorboten des Prager Frühlings
Selbstverständlich: die Amerikaner übersehen nicht die „Vorboten des Prager Frühlings“, den Verlauf des 4. Kongresses des von der Partei kontrollierten Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Am Vortag der eigentlichen Konferenz, am 26. Juni 67, hatte sich der Parteisekretär für ideologische Fragen, Jiri Hendrych, die Parteimitglieder unter den Autoren __(’weiterlesen »’)
vorgenommen. Mit seiner Eröffnungsrede, die mit Beschuldigungen, Forderungen und Androhungen gespickt waren, sollten die unbotmäßigen Genossen (u.a. Jan Procházka, Ludvik Vaculik, Antonin Liehm, Ivan Klima) auf Linie gebracht werden und damit die nachfolgenden Generalversammlung.