Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 13)

Ein Hilferuf an die Vereinten Nationen
„Exzellenz! Als einem Verteidiger der Gerechtigkeit, wie es Ihrem Rang entspricht, wird es Ihnen unglaublich erscheinen, dass es solche Verhältnisse in einem Staat gibt, dessen Verfassung die Religionsfreiheit garantiert.“ Dies schrieb die Ordensfrau Antonie Hasmandová im Jahre 1956 dem damaligen UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld. (Siehe auch Folge 7). Schwester Votjecha (ihr Ordensname) war zu dieser Zeit im Frauengefängnis in Pardubice als „Politische“ inhaftiert. In den Zellen hatte sich herumgesprochen, der ranghöchste Diplomatie der Vereinten Nationen würde die Tschechoslowakei besuchen. Diese Gelegenheit wollten einige der mutigsten Frauen, die von den Kommunisten willkürlich abgeurteilt worden waren, ausnutzen, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. In der ganzen Welt werde den Häftlingen ein „ordentliches religiöses Leben mindestens in den elementaren Notwendigkeiten gewährleistet“, schrieb die Marie Hasmandová und fügte einen Satz hinzu, der den Kommunisten in die Haut brennen musste: dies sei „auch in den nazistischen Gefängnissen“ so gewesen. „Bei uns ist es nicht so.“ Als Christen an der heiligen Messe teilzunehmen, an Gottesdiensten überhaupt, von einer solchen selbstverständlichen Möglichkeit könnten sie nicht einmal träumen.

Der Brief der mährischen Ordensfrau an den schwedischen Chefdiplomaten der Weltorganisation (dem nach seinem mysteriösen Tod bei einem Flugzeugabsturz 1961 im Kongo posthum der Friedensnobelpreis verliehen wurde), endete mit dem Appell: „Herr Generalsekretär. Ich wende mich an Sie als eine der vielen, damit Sie uns wenigstens zu den grundsätzlichen Menschenrechten, nämlich unseren Glauben zu bekennen und ein Leben aus dem Glauben zu führen, verhelfen.“ Vier Jahrzehnte später, nach der politischen Wende und der Sichtung der Stasi-Unterlagen, stellte sich heraus: Der Brief hat den Chefdiplomaten der Vereinten Nationen nie erreicht. Wie nicht anders zu erwarten, hatte die staatliche Zensur den Hilferuf aus dem kommunistischen Kerker abgefangen. (1)

Wer war „Bolek“?
Ohne das Hauptthema aus dem Blick zu verlieren, soll die Chronik der laufenden Ereignisse nicht vernachlässigt werden. Im Frühsommer 2008 erschienen in den Medien einige Nachrichten, die den Komplex dieser Reihe und vorausgegangener Serien insgesamt betreffen.

Ende Juni 2008 berichtet die Nachrichtenagentur dpa aus Warschau, die erste Auflage eines Buches über eine angebliche Spitzeltätigkeit Lech Walesas für den kommunistischen Sicherheitsdienst SB sei innerhalb weniger Stunden vergriffen gewesen. (2) Die Herausgeber hatten sich, mit einer Startauflage von 4000 Exemplaren offenbar gehörig verschätzt.

Allein schon die Prominenz der dargestellten Person: Mitbegründer der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ (Solidarität), Vertrauter von Papst Johannes Paul II., erster demokratisch gewählter Staatspräsident, Friedensnobelpreisträger, sorgte für den Umsatzrekord. Die Informationen, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten, gehen auf Mitarbeiter des Nationalen Instituts der Erinnerung IPN zurück. Sie wollen entsprechende Belege für die Stasi-Kontakte des ehemaligen Betriebselektrikers auf der Danziger Lenin-Werft in den Unterlagen des kommunistischen Sicherheitsdienstes SB gefunden haben. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten sie in der vom IPN herausgegebenen Reihe von Dokumentationen.

Die kommunistische Geheimpolizei soll Walesa Ende Dezember 1970 als Mitarbeiter gewonnen haben, um über ihn an Informationen über Arbeitskollegen zu gelangen. Er sei unter dem Decknamen „Bolek“ geführt worden. Auch soll er Geld dafür genommen haben. Erst 1976 habe Walesa die Zusammenarbeit endgültig abgebrochen.

Walesa wies die Anschuldigungen umgehend „vehement“ zurück und erinnerte daran, „dass ihn ein Gericht bereits im Jahr 2000 von Vorwürfen einer Spitzeltätigkeit freigesprochen hatte.“ (3)

Ein Zuträger mit dem Tarnnamen „Bolek“ taucht den Berichten aus Warschau zufolge zwar in den Stasi-Unterlagen auf. Ob es sich dabei um Walesa handelt wird von ihm selbst entschieden bestritten. Das aufgefundenen Material bezeichnete der polnische Ex-Präsident als zum Teil gefälscht und beschuldigte wiederum seinen Nachfolger Lech Kaczynski, eine Schmutzkampagne gegen ihn initiiert zu haben.

Ob die Dokumente eindeutig belegen, wer „Bolek“ tatsächlich war, wird die wissenschaftliche Auswertung des Materials zeigen müssen. Dass der führende Kopf der Werftarbeiter in Danzig in der „Kampfzeit“ gelegentlich „Besuch“ von Stasi-Agenten oder deren „Kundschaftern“ bekommen haben könnte, die ihm bestimmte Fragen stellten, darf nach Kenntnis der SB-Praxis als möglich angenommen werden. In welcher Form das geschah, ob er „abgeschöpft“ wurde, nicht wusste, wer ihn ansprach, und was dabei herauskam, kann nur die sorgfältige Analyse der aufgefundenen Archiv-Materialien und ein Abgleich mit anderen Quellen erbringen. Immerhin hatte die Geheimpolizei den Arbeiterführer schon 1974 als „feindlich“ eingestuft. (4)

Der Vatikan „rüstet“ auf
„Der Papst. Wie viele Divisionen hat er?“, soll Stalin – so schreibt Winston Churchill in seinen Memoiren – den französischen Außenminister Pierre Laval gefragt haben. Der Vorgang datiert in das Jahr 1935. Nun, von Panzereinheiten wird der Pariser Diplomat in seiner Antwort nicht gesprochen haben. Er durfte wohl von der Zuverlässigkeit des französischen Geheimdienstes ausgehen. Doch hätte er gegenüber dem sowjetischen Diktator jedoch „ohne Bedenken eine Anzahl von Legionen erwähnen können, die man bei einer militärischen Parade nicht immer zu sehen bekommt“, meint der britische Premier, wohl im Blick auf die Millionen Katholiken in der ganzen Welt. (5)

Über ein Arsenal moderner Kriegswaffen verfügt der Vatikan auch heute nicht. Und die Seeschlacht von Lepanto, als der Papst seine Kriegs-Galeeren gegen die anrückenden Osmanen rudern ließ und siegte, liegt auch schon über 400 Jahre zurück. Ein Hauch dieser Zeit, freilich unter anderen Vorzeichen, lag in der Luft, als Mitte 2008 aus Rom berichtet wurde, die Gendarmerie des Staates der Vatikanstadt baue eine „Schnelle Eingreiftruppe“ und eine „Anti-Sabotage-Abteilung“ zum Schutz gegen Terroranschläge auf. Angehörige dieser Spezialeinheit sollen bereits beim Abschiedsbesuch des amerikanischen Präsidenten Busch bei Papst Benedikt XVI. gesichtet worden seien, als unauffällig-auffällige „Schatten“, die beiden hohen Herren beim Spaziergang in den vatikanischen Gärten begleitend.

Wie immer auch solche Mitteilungen zu bewerten sind, überraschen können sie nicht. Spätestens seit dem Mordanschlag auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz, sind „Bodyguards“ die allgegenwärtige Begleitung eines Papstes, wo immer sich der Pontifex in der Öffentlichkeit zeigt.

Für die Sicherheit des Kirchenoberhaupts und seiner Verwaltung sorgen nicht nur die römische Gendarmerie, Sondereinheiten der italienischen Polizei und die berühmte Schweizer Garde – wohl auch die mit Pieke und Hellbarde an den Eingangstoren des Vatikans und bei den Audienzen im Apostolischen Palast und den Massenbegegnungen auf dem Petersplatz. Massiver noch die Sicherheitskräfte im Hintergrund, in diskretes Zivil gekleidet, aber mit modernen Handfeuerwaffen ausgestattet, und was sonst noch dazu gehört. Der gesamte Sicherheitsapparat wird kontrolliert und koordiniert von einer eigenen Sonderkommission des Vatikans.

Die Zeiten, wo Jesus im Garten Gethesemane einem tapferen Jünger befahl, sein Schwert
in die Scheide zu stecken, als sich die Schergen näherten, liegen fast zweitausend Jahre zurück. (6) Der „Vicario di Gesú Cristo“, der Stellvertreter Christi, unterwirft sich den politischen Realitäten der Gegenwart.

Informationszentrale Vatikan
Abwehrbereitschaft setzt allerdings möglichst zuverlässige Hintergrundinformationen voraus. Und darauf hat sich die römische Kurie seit Jahrhunderten verstanden. Ausländische Gesandte, zumal wenn sie dem geistlichen Stand angehörten, standen sowohl ihren Auftraggebern zu Hause Rede und Antwort, über das was sie am Hofe der Päpste erfuhren, wie sie sich auch ihrem höchsten kirchlichen Vorgesetzten verpflichtet sahen, weiterzugeben, was sich jenseits der Grenzen des Kirchenstaates abspielte. Doppelagenten waren sie vielleicht nicht, aber auf zwei Schultern haben sie schon getragen.

In der Neuzeit suchten sich die unteren Etagen der Kurie, die nicht zum unmittelbaren Amtszimmer der Päpste zählten und insofern jeder Gefahr aus dem Weg gehen konnten, Seine Heiligkeit zu kompromittieren, Informationsquellen in den zunehmend an Bedeutung gewinnenden Medien, sprich Presse und Rundfunk, sowohl im säkularen als auch im kirchlichen Bereich, nicht zuletzt Korrespondenten und deren Organe, die dem Heiligen Stuhl verbunden waren. Erinnert sei an die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg eingerichtete Korrespondenz-Agentur (Corrispondenza Romana) des vatikanischen Prälaten Umberto Benigni. Der Dienst beschränkte sich wohl nicht nur auf eine tägliche Presse-Schau für die vatikanischen Chefetagen. Aus dieser Agentur entwickelte Benigni eine Einrichtung mit der verschleiernden Bezeichnung „Sodalitium Pianum“, eine dem „Antimodernisten-Papst“ Pius X. verpflichtete Bruderschaft. Hanspeter Oschwald sieht in dieser Institution eine Art ersten vatikanischen Geheimdienst im Rahmen eines von Benigni aufgebauten Spitzelsystems, das jene aufzuspüren hatte, die – auf fortgeschrittene Erkenntnisse der Philosophie und Naturwissenschaft gestützt, eine andere Auffassung vertraten, als die traditionelle, mit Dogmen abgesicherte Lehre der Kirche. (7)

Auf ähnliche Weise dürften dem Staatssekretariat vor und während des Zweiten Weltkrieges sowie in der Zeit des Kalten Krieges der belgische Dominikanerpaters Felix Maria Morlion zu Diensten gewesen sein. In den fünfziger Jahren entwickelte er aus seinen Press- und Informationsdiensten die Katholische Universität Pro Deo mit den Schwerpunkten Journalismus und öffentliche Meinungsbildung. Das Studienzentrum, streng antikommunistisch ausgerichtet, geriet dementsprechend ins Fadenkreuz der kommunistischen Geheimdienste.

Es ermangelte dem Vatikan nicht an Quellen und „back-channels“ innerkirchlicher wie „säkularer“ Natur. Katholische Journalisten standen insbesondere in schwierigen Zeiten der Kurie informierend zur Verfügung, wie dies etwa von einem Mitglied des katholischen rheinischen Reichsadels angenommen werden darf. Freiherr Edmund Reitz von Frentz, Italien- und Vatikan-Korrespondent vor und während des Zweiten Weltkrieges galt als einer der bestinformierten „Vatikanisten“, 1924 mit dem Titel „Päpstlicher Geheimkämmerer“ ausgezeichnet. (8).

Schließlich und endlich: jeder Kleriker, vom Gemeindepfarrer bis zum Bischof, vom Missionar bis zum Ordensoberen war dem Papst gegenüber (und sei es über die Dienstwege) zur Berichterstattung verpflichtet. Schon Hitler glaubte im Vatikan das größte „Spionagenest“ anzutreffen, so auch seine, in diesem kirchenfeindlichen Sinne, kommunistischen Nachfolger.

„Enthüllungen“ aus der Unterwelt
Abenteuerlicher könnten die Plots gewisse Krimis aus dem Geheimdienst- und Unterwelt-Milieu nicht sein, als die Geschichte, mit der die Ex-Freundin eines auf unnatürliche Weise ums Leben gekommenen römischen Unterwelt-Bosses die Aufmerksamkeit italienischer Medien fand. Sie „enthüllte“, wie Emanuela Orlandi, die Tochter eines Vatikan-Angestellten ums Leben kam. Das Mädchen verschwand im Sommer 1983 auf mysteriöse Weise und gilt seit dieser Zeit als verschollen. Zwar gingen erste Gerüchte und obskure Meldungen von einer Entführung und Geiselnahme vor dem Hintergrund des Attentats auf Papst Johannes Paul II. aus, um den Täter Ali Mehmet Agca aus der Haft freizupressen. Dieser aber soll angeblich eine solche Art der „Freilassung“ abgelehnt haben.

Die neue Version der ehemaligen Mafiosi-Braut: Das damals 15 Jahre alte Mädchen sei am 22. Juni 1983 von ihr entführt und einer römischen Gangsterbande übergeben worden. Man habe im Dienst mächtiger Persönlichkeiten gehandelt. In diesem Zusammenhang fällt auch der Name des damaligen vatikanischen Bankdirektors, päpstlichen Reisemarschalls und Leibwächters, dem 2006 verstorbenen Erzbischof Paul Casimir Marcinkus. Eine eher absurde Vorstellung, wenn man die Begründung hört. Man habe den Vatikan zu einer Gegenleistung für die Freilassung des Mädchens nötigen wollen – die wohl darin bestehen sollte, dass der Papst entsprechenden Druck auf die italienischen Justizbehörden ausübe.

Mehrere Wochen lang sei Manuela in einer Wohnung festgehalten, vergewaltigt und schließlich getötet worden. Ihre Leiche habe man auf dem Gelände einer Zementfabrik südlich von Rom in eine Betonmischmaschine geworfen. Am 5. Juli soll ein Unbekannter die Familie Orlandi angerufen und am Telefon erklärt haben, die Tochter sei von der „Türkischen antichristlichen Befreiungsfront – Türkesch“ (9) entführt worden. Sie werde am 20. Juli gegen Agca ausgetauscht – was dieser abgelehnt habe.

Desinformationen der Ostberliner Stasi
Bei bestimmten operativen Maßnahmen hatte das Ostberliner MfS die Hand mit im Spiel; Der Vorgang würde an die „Operation Papst“ erinnern, als die Abteilung X der Hauptverwaltung Aufklärung HVA westliche Medien durch gezielte „Informationen“ von der Version überzeugen sollten, dass für den Anschlag auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 die türkischen „Grauen Wölfe“ verantwortlich seien, als deren Mitglied Ali Agca bezeichnet wurde. Dieses sich über mehrere Jahre hinweg ziehende Desinformationsmanöver war auf Bitten der bulgarischen Sicherheitsorgane gegenüber den „Bruderorganen“ nach Absprache zwischen dem bulgarischen Innenminister General Stojanow und dem Minister für Staatssicherheit, Armeegeneral Mielke, inszeniert worden. Zählten die Tricks der Ostberliner Desinformationsabteilung auch zur Orlandi-Operation?

Weitere Recherchen bestätigten die Vermutung. Für das Ostberliner MfS kam der Fall Orlandi geradezu gelegen, er ließ sich, wie von einer Quelle zu erfahren war, in die „Operation Papst“ einbauen, um auch auf dieser Linie Druck von den Bulgaren zu nehmen, die beiden Aktionen zu verknüpfen und die Entführung Orlandis den türkischen Grauen Wölfen in die Schuhe zu schieben. Für Agca als Komplice oder Mitglied der Grauen Wölfe war schon im Rahmen der „Operation Papst“ eine ausführliche Legende gestrickt worden.

Fingierte Briefe wurden an den Vatikan, an einen der italienischen Untersuchungsrichter und an die Nachrichten-Agentur ANSA geschickt. Gebrochenes Italienisch, mit türkischen Sprachbrocken versetzt, sollte die Echtheit der Warnung als eine Aktion türkischen Ursprungs unterstreichen. Gleichzeitig war sie in einem Ton gehalten, der keinen Zweifel daran aufkommen lassen sollte, dass „noch mehr“ passieren könnte. Das war eine Anspielung, die einem der beauftragten HVA-Offiziere in der Erinnerung an eine Begegnung mit dem italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro im Jahre 1978 gekommen war, vier Wochen vor dessen Ermordung durch die Roten Brigaden, fünf Jahre vor der Entführung Manuela Orlandis. (10)

Moro hatte den „Journalisten“ aus der DDR in Ungarn kennen gelernt, bei einem gemeinsamen Abend im „Maxim“, einem Budapester Varieté. Man tauschte sich über die Lage in Italien aus, über das Unwesen von Terroristen und der Mafia. Moro: Sie vergiften das Land. Der unerkannte Kundschafter aus Ostberlin und der italienische Regierungschef verstanden sich schließlich so gut, dass der Italiener am Ende die gesamte Zeche übernahm.

Informationen aus Rom, also auch aus dem Vatikan, aus erster Hand zu erfahren, war für die HVA mehr als problematisch. Die beiden auf die römische Kurie angesetzten Offiziere besorgten ihr Geschäft von Berlin aus, angesiedelt bei der Abteilung II der HVA (11) – die auch zuständig für die CDU war – schrieben mehr oder weniger aus allgemein zugänglichen Publikationen ab und waren alles in allem für die ihnen zugewiesene Aufgabe „zu schwach auf der Brust“. Zumal ein unmittelbarer Zugang zum Apostolischen Palast nahezu aussichtslos für die Genossen war. An Einzelheiten zu kommen, setzte häufigere „Urlaube“ eines auf außenpolitische Fragen spezialisierten Offiziers der „Feindbekämpfung“ voraus und ohne den römischen Residenten der Stasi, der bei der Botschaft der DDR platziert war, wäre die Ausbeute an Informationen noch magerer gewesen.

In den Briefen sowie in Telefon-Anrufen, auch in den Vatikan, (etwa an die Familie Orlandi?), wurden die weltlichen und kirchlichen Behörden unmissverständlich aufgefordert, Agca in Ruhe zu lassen. Dieser sei ein friedliebender Mensch, der nur „Höheres“ im Sinn habe und alles andere als ein Dieb und Mörder. Wie mit ihm umgegangen werde, wolle man sich nicht länger gefallen lassen. Man solle die Warnung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Und immer sollte diese Botschaften den Eindruck erwecken: Hinter der Drohung stehen die rechtsextremen Grauen Wölfe.

Die Aktion lief, wie die „Operation Papst“, als konzertierte Aktion, „eng besprochen“ mit den Genossen der Bruderorganisationen, vor allem zwischen dem Ostberliner MfS, dem Moskauer KGB und dem bulgarischen DS, angeordnet von hoher politischer Ebene. Der polnische SB, der bis zum Konklave von 1978 mit im Boot der gemeinsamen operativen Maßnahmen gegen Papst und Kirche saß, sei zunehmend „vakant“ geworden, d.h. unzuverlässig. Mit Karol Wojtyla als „polnischem“ Papst an der Spitze der Kirche geriet die Warschauer Staatssicherheit jedenfalls bei den befreundeten Genossen unter Verdacht, die nationalen Interessen vor die der sozialistischen Gemeinschaft zu stellen.

Radio Vatikan meldete am 4. Dezember 2002, dass die Entführung auf das Konto östlicher Geheimdienste gehe, um den Papst einzuschüchtern und ihn von seiner Kritik am Kommunismus abzubringen. Diese Linie stimmte mit der Auffassung italienischer Untersuchungsrichter und westlicher Geheimdienstkreise überein, die auch hinter den Pistolenschüssen auf dem Petersplatz „Moskau“ als Auftraggeber vermuten. – Was immer auch bisher an die Öffentlichkeit drang: Meldungen aus trüben Quellen können nur mit großem Vorbehalt zur Kenntnis genommen werden. Auch die Angehörigen der
verschwundenen Manuela Orlandi schenken den jüngsten „Enthüllungen“ keinen Glauben; sie haben jedoch die italienische Justiz aufgefordert, den Fall weiter zu verfolgen. Zu guter Letzt eine Lesart, die nicht minder vortrefflich die Schlagzeilen gewisser Skandalblätter bedienen könnte. Manuela sei nicht etwa römischen Banditen in die Hände gefallen; vielmehr habe sie ihr Elternhaus wegen einer Beziehung zu einem Priester verlassen und sei nach Kolumbien ausgewandert. (12). Genaueres wird man wissen, sollten je sterblichen Reste als die von Manuela Orlandi identifiziert und das Schicksal des unglücklichen Mädchens einwandfrei aufgeklärt werden können.

Fortsetzung folgt

Fußnoten:

1) Topmás Bursik: Ztratily jsme mnoho casu – Ale ne sebe! – Wir haben viel Zeit verloren – aber nicht uns selbst! – Bd. 15 (15. 12. 2006) der Schriftenreihe des UDV (Urad Dokumentace a Vysetrováni Zlocinu Komunismu – Behörde für die Dokumentation der Verbrechen des Kommunismus), Prag 2006

2) vgl. dpa-Meldung im Wiesbadener Kurier v. 23. 6. 08

3) Wiesbadener Kurier v. 19. Juni 2008. Korrespondentenbericht von Jacek Lepiarz.

4) vgl. Polskaweb News v. 10. 06. 2006 (Polskaweb News www.polska.web); Berliner Kurier v. 19. 06. 2008

5) Winston S. Churchill. Der Zweite Weltkrieg. S. 85. Scherz Verlag. Bern-München-Wien,
Neuauflage 1992

6) Das Evangelium nach Matthäus (26, 47-56), in: Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 1980 (Lizenzausgabe für den Verlag Herder, Freiburg im Breisgau.

7) Hanspeter Oschwald: Pius XII. Der letzte Stellvertreter. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh. 2008.

8 ) Werner Kaltefleiter/Hanspeter Oschwald. Spione im Vatikan. Die Päpste im Visier der Geheimdienste. Pattloch-Verlag. München 2006.

9) Alparslan Türkesch, gest. 1997, nationalistischer Politiker und Vertreter der pantürkischen Idee, Vorsitzender der von ihm gegründeten Partei der Nationalen Bewegung MHP (Milliyetci Hareket Partisi). Schlagkräftiger Arm der Partei ist eine als rechtsextrem geltende, paramilitärisch organisierte Formation, die sich selbst Graue Wölfe nennt.

10) Aldo Moro, christdemokratischer Politiker, wiederholt Minister und Ministerpräsident, mit Paul VI. befreundet, trat für einen Historischen Kompromiss, eine Art Solidaritätspakt mit den italienischen Kommunisten ein, um die schwere Wirtschaftskrise Italiens zu lösen. Befürwortete einen Austritt Italiens aus der NATO. Am 16. März 1978 von Mitgliedern der Terrororganisation „Rote Brigaden“ entführt; am 9. Mai desselben Jahres wurde seine Leiche im Kofferraum einer Limousine nahe den Parteihauptquartieren von DC und PCI aufgefunden. Eine spätere Untersuchungskommission sprach von „stichhaltigen Indizien“ für eine Beteiligung von Geheimdiensten an der Entführung Moros, ohne tatsächlich Beteiligte aus diesem Milieu oder politischen Klasse der damaligen Jahre zu nennen.

11) HV A Hauptverwaltung Aufklärung. Abteilung A II: Aufklärung und Bearbeitung der Führungsgremien der politischen Parteien, Organisationen, Gewerkschaften, Verbände und Stiftungen der Bundesrepublik sowie der Kirchen, religiösen Gemeinschaften und deren Gliedeinrichtungen und einzelne Kirchengemeinden sowie der Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland und von amnesty international. (Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Dokumente. Die Organisationsstruktur des Ministeriums für Staatssicherheit 1989. Vorläufiger Aufriss nach dem Erkenntnisstand von Juni 1993. Reihe A. Nr. 2/93.)

12) vgl. Südtirol ON LINE v. 24. Juni 2008; Der Standard, Online-Ausgabe: derStandard.at v. 24. Juni 2008; – wissen.de/Bildung, o.Datum: „Wer entführte Emanuela Orlandi?

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