Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 15)
„Überfallartig“ in die Tschechoslowakei einmarschiert
Prag unter der Herrschaft der Sowjets. Entsetzen, Empörung und Proteste“ titelte „Die Welt“ in ihrer Ausgabe von Donnerstag, 22. August 1968. Der Bericht über die „blitzartige“ Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes – „an ihrer Spitze sowjetische Einheiten“ – nahm die ganze Frontseite ein. Auch Einheiten Polens, Ungarns, Bulgariens sowie der „DDR“ („Die Welt“ hielt an den Gänsefüßchen fest), waren laut „Nachrichtendienst der Welt“ an der militärischen Intervention beteiligt. Den Abhörzentralen westlicher Geheimdienste, gewiss der NATO-Aufklärung, dürften die Bewegungen des strategischen Gegners zu Lande und in der Luft nicht entgangen sein. Funktionierte der tschechische Geheimdienst nicht – oder nur für die Sowjets, dem eigenen Partei- und Regierungschef in den Rücken fallend, sodass Alexander Dubcek noch in der „schicksalhaften Nacht“, (vom 20. auf den 21. August), „bei der Ehre eines Kommunisten“, er habe nicht die geringste Ahnung gehabt, dass jemand einen solchen Schritt gegen uns unternehmen will.“ (1) Als die ersten Hubschrauber über der Stadt kreisten und dann: „eine Maschinengewehrsalve durchschnitt plötzlich die Nacht“ (Ladislav Mnacko) – da ging es den Pragern furchtbar auf: „Die Russen sind da.“
Und sie blieben. Hatten sich Moskau 1948 bei der kommunistische Machtübernahme noch auf eine „beratende“ Rolle beschränkt, so war jetzt die totale Oberaufsicht etabliert. „Unsere Generalstäbe waren mehr oder weniger nur Zweigstellen sowjetischer Kommandos und Residenturen der sowjetischen militärischen Aufklärung,“ erinnert sich Vaclav Havel. (2)
Anzeichen für eine militärische Aktion, mit der die Machthaber im Kreml erneut einen ihrer Satelliten disziplinieren könnten, hatte es schon im Vorfeld gegeben. Die vom 19. bis 30. Juni laufende Kommandostabsübung „Sumawa“ (der tschechische Name des Böhmerwaldes) sowohl entlang der Grenze auf dem Gebiet der DDR und Polens, wie auch in der CSSR selbst, deutete auf mehr als eine routinemäßige Übung hin.
Ein ranghoher Offizier der NationalenVolksarmee (NVA) erinnert sich denn auch. Der politische Hintergrund sei die „zunehmende Spannung zwischen der sowjetischen Führung über den politischen Kurs der CSSR, den so genannten „Prager Frühling“ gewesen, schreibt Horst Stechbarth, zuletzt Generaloberst und Befehlshaber der Landstreitkräfte der NVA. „Als alle Beratungen mit der Führung der CSSR diese nicht zu einem Kurswechsel veranlassten“, sei eine „militärische Drohkulisse“ aufgebaut worden. Da sich die Lage in der CSSR nicht geändert habe, sei die Übung „immer wieder verlängert“ worden. Sie habe dann auch zur Vorbereitung „des überfallartigen Einmarsches einer starken Gruppierung der Vereinten Streitkräfte am 21. August 1968“ geführt. Ob Kampfeinheiten der NVA die Grenze überschritten haben, erfährt der Leser aus den Aufzeichnungen des ehemaligen DDR-Generals nicht. Nur soviel: dass sich die 7. Panzerdivision aus Dresden und die 11. Mot.-Schützendivision aus Halle auf dem Territorium der DDR nahe der Grenze zur CSSR in Konzentrierungsräumen befanden.“ (3) Deutsche Truppen, die auf Prag zu marschieren, wie knapp dreißig Jahre zuvor (im März 1939) sollte sich wohl nicht wiederholen – zumal in ein „sozialistisches Bruderland“. In Prag aber hält sich die Information, dass Nachrichten und militärische Aufklärung auch innerhalb der CSSR operierten. Und dass die politischen Geheimdienste auf höchste Alarmstufe geschaltet hatten, bedarf wohl keiner Frage.
Nach Ostberlin (1953), Ungarn (1957), dem Mauerbau (1961) hatte der Sozialismus nach Kreml-Diktat auch in der CSSR seine Faust gezeigt. Der August 1968 war nicht die Geburtsstunde, wohl aber die nachgelieferte angebliche und erstmals so formulierte Begründung der so genannten „Breschnew-Doktrin“ und ein weiterer Test für den Dezember 1980 und das nachfolgende Jahr auf dem Höhepunkt der „polnischen Ereignisse“. Wiederum stand eine NVA-Panzerdivision bereit. Und wieder wurde eine „Drohkulisse“ aufgebaut: Das
Manöver „Wintermarsch“, zum Sprung bereit, von der Übung unter sowjetischer Führung zum Kampf überzugehen. Es genügte unter den Hartlinern das Stichwort „Konterrevolution“, um in einem der Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrages „die Ordnung“ wieder herzustellen.
Ein so früher Erfolg der Prager Reformer hätte den Anfang vom Ende des Warschauer Vertrages „dieses grundlegenden Machtinstruments der sowjetischen Hegemonie“ bedeuten können, wie sich in den 80er Jahren nach den „polnischen Ereignissen“ bestätigen sollte. Der Erhalt dieser Allianz galt als eine „lebenswichtige Unerlässlichkeit“ und mithin als ein „unbezweifelbares Dogma“, das selbst durch die Forderung und Gewährung bürgerlicher Freiheiten nicht in Frage gestellt werden durfte. Eine Liquidierung dieses Paktes hätte in die Auflösung der Sowjetunion selbst münden müssen. Vor diese Situation sah sich, darauf meint Vaclav Havel hin, Michael Gorbatschow am Ende der Supermacht gestellt. Ein zweites „Prag“ und eine „polnische Situation“ durfte es nicht mehr geben, um seine Perestroika nicht zu verraten. (4)
Macht durch Gewalt
Im Sommer 68 freilich stellte sich die Frage des sowjetischen Weltuntergangs noch nicht.
Was in Ostberlin, Budapest und dann auch in Prag mit Panzerketten demonstriert wurde, hat Vaclav Havel bei seiner Beschreibung der Diktatur der politischen Bürokratie über eine nivellierte Gesellschaft auf die knappe Formulierung gebracht. Er spricht von der verhältnismäßig kleinen Personengruppe, die in irgendeinem Land „durch Gewalt die Macht über die Mehrheit der Gesellschaft eroberte“. Diese Gruppe stütze „ihre Macht offen auf direkte Machtinstrumente, über die sie verfügt“. Unabhängig davon, “ob sich so eine Diktatur durch diese oder jene Ideologie legitimiert“, leite sie ihre Macht „vor allem von der Anzahl und Ausrüstung ihrer Soldaten und Polizisten ab.“ (5)
Havel, 1989 erster Staatspräsident der aus der „samtenen Revolution“ hervorgegangenen Tschechoslowakei, gehörte zu den Organisatoren des IV. Schriftstellerkongresses im Juni 1967 in Prag. Die Intellektuellen verstanden sich nicht als politische Revolutionäre, sondern als kritische Stimme der Zeit. Statt Machtapparat, der sich in der allgegenwärtigen Zensur ausdrückte, forderten sie grundsätzliche Reformen. Das Regime hatte sich einbetoniert; seine einzige „Fähigkeit“ bestand in „Missachtung von Verfassungsrechten, Willkür, Unordnung und Inkompetenz von Seiten des Staates.“ (6)
Nach dem Scheitern des „Prager Frühlings“ verstummten die Stimmen um Havel nicht. 1977 fanden sie sich in der Bürgerrechtsgruppe „Charta 77“, eine Bezeichnung, die sie ihrem Manifest gaben, mit dem sie die Praktizierung der Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten in der CSSR forderten, sich dabei auf Korb Drei der Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) berufend, die am 1. August 1975 in Helsinki unterzeichnet worden war, von den beteiligten Staaten der Bündnisse von Ost und West.
Alexander Dubcek hatte sieben Jahre vorher nicht etwa eine Rückkehr zu vorkommunistischen Verhältnissen in Staat und Gesellschaft geplant, sondern allenfalls einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ versprochen. Die „unabhängigen Initiativen“, von denen Vaclav Havel spricht, mochten ihm den Rücken gestärkt haben. Doch die Hartliner des altkommunistischen Stils ließen diesem Projekt keine Chance. Wer nach Reformen rief, galt als Dissident. Verhaftung und Schauprozess, „bestenfalls“ die „Exkommunikation“ und Ausbürgerung war Regimekritikern sicher. Im August 1968 fällte der Moskauer Vormund sein Urteil über die Prager Abweichler, von den stets in solchen Fällen besonders laut Beifall spendenden Genossen in Ostberlin unterstützt.
Ex-Generalmajor Stechbarth: „Das ZK der KPC unter Alexander Dubcek wollte einen anderen Weg beim Aufbau des Sozialismus gehen, als die Sowjetunion und die benachbarten sozialistischen Staaten. Dieser Weg wurde aber von Moskau als gefährlich, dem Sozialismus abträglich verurteilt.“ (7)
Selbst die Proteste kommunistischer Parteien im Westen (Österreich, Italien zum Beispiel) blieben wirkungslos; ebenso eine Resolution des UN-Sicherheitsrates, die am Veto der Sowjetunion und Ungarns scheiterte. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, U Thant, der noch zuvor offiziell von der tschechoslowakischen Regierung eingeladen worden war, am 22. August in Prag eintreffen und am 23. August die Ehrendoktorwürde der Karls-Universität empfangen sollte, der „das Flugticket schon in der Tasche hatte“, verzichtete auf seinen Besuch an der Moldau und in Bratislava. (8)
Wendepunkt Prag 68
An der „Zäsur“ von 1968 scheiden sich bis in unsere Zeit die Geister, je nach der Tiefenschärfe und Einfärbung der Brille, durch die jene Ereignisse gesehen werden. Zu den Unterzeichnern des „Hilferufs“ an die Moskauer Genossen gehörte der Slowake Vasil Bilàk, ruthenischer Abstammung, ein gelernter Schneider, der es zu führenden Positionen in der slowakischen und tschechoslowakischen kommunistischen Partei brachte. Für seine Sympathisanten gilt er auch heute noch als Reformer, der nichts anderes wollte, als das Land aus einer schweren wirtschaftlichen Krise und einer Konfliktsituation der beiden großen Ethnien, der Tschechen und Slowaken, herauszuführen. Bilàk sei es um die „demokratische Erneuerung der sozialistischen Gemeinschaft“ gegangen.
Der „Prager Frühling“ war für diese Kritiker der Reformpolitik Dubceks und Husaks eine „Überlebensfrage“ des bisherigen Systems. Es sei um „Bestand oder Untergang der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der Tschechoslowakei gegangen. Darüber hinaus werteten diese Interpreten der Entwicklung im Nachbarland als einen „Teil der Systemauseinandersetzung zwischen dem Sozialismus und dem Imperialismus.“ Bilàk habe bei allen Reformbemühungen die CSSR stets als „treuen Bündnispartner der Sowjetunion“ und „integralen Bestandteil der sozialistischen Gemeinschaft“ betrachtet.
Auf dem Schriftstellerkongress von 1967 probten die führenden Köpfe (Liehm, Kohout, Kundera, Kosik, Vaculik und Procházka) nach dieser Lesart den Aufstand. Insbesondere die Rede von Ludvik Vaculik, Chefredakteur von Literarni noviny, über das „Verhältnis zwischen Staatsbürger und Macht, zwischen Macht und Kultur“ sei eine „offene Kampfansage und gezielte Provokation“ gewesen.
Auch an der „Charta 77“ wird kein gutes Haar gelassen. Sie sei ein Sammelbecken und organisatorischer Zusammenschluss jener Kräfte gewesen, die schon als Akteure oder stille Sympathisanten hinter der „berüchtigten Rede“ Ludvik Vaculiks auf dem Schriftstellerkongress von 1967 und den von ihm verfassten 2000 Worten aus dem Jahr 1968 gestanden hätten. Gemeint ist das „Manifest der 2000 Worte, auch überschrieben mit „Zwei Tausend Worte, die an Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle gerichtet sind“, angeregt von Angehörigen der Akademie der Wissenschaften und verfasst von Ludvik Vaculik, veröffentlicht in Liternarny listy und drei „liberalen“, nichtkommunistischen Tageszeitungen. Kern des Inhalts: Fortsetzung der Reformpolitik, Absage an reaktionäre Kräfte im In- und Ausland, Korrektur der „Irrtümer des Sozialismus“.
Die Ursachen für die tschechoslowakische Krise waren, wie stets in solchen Fällen von der kommunistischen Seite propagandistisch aufgebaut, im Westen zu suchen. Vorrangige Zielscheibe: der Imperialismus der USA, in jenen Jahren an der „Vietnam-Agression“ der Amerikaner festgemacht. (Das Afghanistan-Abenteuer Moskaus in den 70er Jahren wird in der Nachbetrachtung glatt vergessen.) Ein weiteres Argument, um den Militärschlag gegen Prag zu rechtfertigen: Die Politik des „Wandels durch Annäherung“, wie sie von der Brandtschen Ostpolitik verfolgt worden sei. Ihr wird der Versuch unterstellt, Moskauer Satelliten aus dem sozialistischen Verband, d.h. aus dem Warschauer Vertrag herauszulösen und zu neutralisieren. Die Tschechoslowakei sei in jenen Jahren das „schwächste Glied“ gewesen. Welche Position hinter diesen Einschätzungen steht, wird aus dem Fazit ihres Verfassers deutlich: Sollte es sich 1968 nur um den „Probelauf“ gehandelt haben (bis zum militärischen Eingreifen Moskaus), dann sei „die Reaktion“ im Herbst 1989 „erfolgreich“ gewesen. (9)
Soweit in knappen Zügen der politische Zeitrahmen, aus dem heraus die kirchliche Situation verständlich wird.
Fortsetzung folgt
Fußnoten:
1) Erich Bertleff: Mit bloßen Händen. Der einsame Kampf der Tschechen und Slowaken 1968. (S. 69) Verlag Fritz Molden. Wien-München-Zürich. o.J.
2) „Ich bin schamhaft“. Ein Gespräch mit Vaclav Havel. Cicero Nr. 4/2007
3) Horst Stechbarth: Soldat im Osten. Erinnerungen und Erlebnisse aus fünf Jahrzehnten. (S. 87). Herausgeber: KulturKunststatt Prora/NVA-Museum, Binz/Rügen. Verlag: Edition Stadt+Buch, 32609 Hüllhorst, Februar 2006
4) „Ich bin schamhaft . Ein Gespräch mit Vaclav Havel. Cicero Nr. 4/2007
5) Václav Havel: Versuch, in der Wahrheit zu leben. Essay. Aus dem Tschechischen von Gabriel Laub.
(Seite 10) Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg. Mai 1989
6) dto, Seite 7
7) Horst Stechbarth: Soldat im Osten. (S. 87)
8 ) Erich Berthleff: Mit bloßen Händen. (S. 67)
9) vgl. Buchbesprechung in den Publikationen von Mitgliedern des Verbandes für Internationale Politik und Völkerrecht e. V. Berlin (VIP): Osteuropa/Tschechien. Kukuk, Klaus: „Nachbetrachtung“. in: Vasil Bilàk: Wir riefen Moskau zu Hilfe. Der „Prager Frühling aus der Sicht eines Beteiligten. (Verlag edition ost, 2006, heraus
gegeben und übersetzt von Klaus Kukuk). http://www.vip-ev.de/text251.htm