Archiv des MonatsAugust, 2008

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 20)

Prag 68 – Vatikan im Bund mit der NATO
In den Monaten nach dem Einmarsch von Warschauer Pakt-Truppen wird weiter versucht, mit der „französischen Karte“ die westdeutsche Bundesregierung auszuspielen. Das „Spielmaterial“ beschafft sich der ungarische Nachrichtendienst aus dem Vatikan. Mit anderen Worten: Die römische Residentur des ungarischen Auslandsgeheimdienstes beschattete nicht nur den Vatikan, sondern versuchte, über diplomatische Kanäle des Heiligen Stuhls die westeuropäische Außenpolitik auszuforschen, in diesem Fall Frankreichs, speziell in seinem Verhältnis zu den beiden Supermächten und zum Nachbarn Deutschland.

Der französische Außenminister Michel Debré, berichten die Ungarn in einer Ihrer „Informationen“ aus dem Vatikan, habe „die Westdeutschen“ kritisiert. Diese wollten „die sozialistischen Länder nach eigenem Gutdünken teilen“ und mischten sich „deshalb in die inneren Angelegenheiten dieser Länder ein.“ Auch das Feindbild Vatikan als das eines NATO-Partners wird aufpoliert. Der Apostolische Nuntius in Paris, Paolo Bertoli habe „über Debré de Gaulle die Bitte des Papstes“ übermittelt, Frankreich möge während der Zeit der Krise die Verteidigungspläne des Atlantischen Bündnisses begünstigen.“ (1)

In der „Information“ vom 27. Dezember 1968 wird dies wiederholt: Der Nuntius habe die Wünsche des Papstes übermittelt, „daß die westeuropäischen Politiker die zwischen ihnen bestehenden Widersprüche zur `Erhaltung der Existenz Europas´ beiseite schieben.“ Bertoli habe Debré besonders darum gebeten, „de Gaulle die innigsten Wünsche des Papstes zu übermitteln, daß er die `Verteidigungs´-Pläne der NATO unterstützt.“ (2)

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 19)

Alfredo Ottaviani – „Wachhund“ der Kirche

Sowjetische Panzer walzten den „Prager Frühling“ nieder, die „Abweichler“ um Alexander Dubcek und konnten froh sein, nicht den Rest ihres Lebens in einem GULAG-Lager verbringen zu müssen. 20 Jahre nach dem kommunistischen Putsch in der Tschechoslowakei waren die alten Machtverhältnisse wieder hergestellt, unter Moskauer Kontrolle. Ab jetzt galt die „Breschnew-Doktrin“, wonach jedem, der von der Linie abweicht, „brüderliche Hilfe“ zuteil wird. Die Ostdeutschen und die Ungarn hatten sie schon erfahren, zwölf Jahre nach Prag werden die Polen an der Reihe sein – nicht ganz so massiv, aber deutlich genug, mit aufgezwungenem Kriegsrecht.

Im Vatikan kommt es in dieser Zeit zu Auseinandersetzungen zwischen „Außenminister“ Erzbischof Agostino Casaroli und Kardinal Alfredo Ottaviani (1) über die „Maßnahmen des Vatikans“ nach dem 21. August, berichten die Späher des ungarischen Nachrichtendienstes aus Rom. (2) In einer außerordentlichen Sitzung des Rates für die außerordentlichen Angelegenheiten der Kirche habe Ottaviani sein Bedauern geäußert, „dass den Opfern kein geistlicher Trost geschickt“ worden sei und „dass die Aggressoren nicht in gehörigem Maße verurteilt wurden.“

Ottaviani, der zu vatikanischen „Falken“ zählt, kritisiert: Die Kirche habe zehn Jahre verloren, die Fronten gewechselt und sich in einen „unmöglichen Dialog“ eingelassen. Man könne „froh sein“, wenn nach der Tschechoslowakei „nicht noch Schlimmeres“ komme. Ottaviani habe erklärt: die Teilnahme der Kirche an der Entspannung sei Verrat, die westlichen Regierungen hätten sich nur „aus taktischen Erwägungen“ darauf eingelassen und das nicht mit den Interessen der Gläubigen motiviert, die in den sozialistischen Ländern leben, da „sie wenigstens Märtyrer sind und unsterblich sein werden.“

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 18)

Tschechoslowakei 1968 – Casaroli irrte sich nicht

Diese Folge steht im Zeichen von zwei August-Ereignissen auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges.
Am 13. August 1961 ließ das Ostberliner Regime, im Widerspruch zu einer kurz zuvor abgegebenen Erklärung Walter Ulbrichts, eine „Mauer“ errichten, die Westberlin vom Ostsektor der Stadt meterhoch abgrenzte, „um die innere Sicherheit“ zu garantieren, wie die DDR-Propaganda verkündete. Bewacht wurden die Bauarbeiter von bewaffneten Einheiten. An der ersten Linie standen paramilitärische „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, unterstützt von Grenztruppen der Nationalen Volksarmee und Bereitschaften der Volkspolizei. Im Anschlag die Kalaschnikow, „um Leuten, die tanzen wollen, eins aufzuspielen“, wie einer dieser „Musiker“ in einer Radio-Reportage erklärte. Im Westen sah man im Mauerbau bereits ein Signal, Moskau könnte seine Divisionen bis zum Rhein marschieren lassen. Sieben Jahre später zogen wiederum dunkle Kriegswolken über Europa auf. Diesmal traf es die Tschechoslowakei.

Am Donnerstag, 22. August 1968, erschien die Tageszeitung „Die Welt“ mit einem einzigen Thema als Aufmacher auf der Titelseite. Die zweizeilige Schlagzeile: Prag unter der Herrschaft der Sowjets – Entsetzen, Empörung und Proteste.

War der Vatikan vorgewarnt? Wie gut waren vatikanische Diplomaten in den Wochen vor dem Überfall auf die Tschechoslowakei informiert? Genauen Aufschlüsse können nur Dokumente geben, die allerdings noch einige Jahrzehnte im Geheimarchiv des vatikanischen Staatssekretariats unter Verschluss bleiben dürften. „Informationen“, die aus den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR freigegeben wurden, müssen mit Vorbehalt gelesen werden. Ihr Inhalt war „zweckdienlich“ formuliert, die Transkription etwa aus dem Polnischen oder Ungarischen der von den „Bruderorganisationen“ übermittelten Geheimdienstberichte enthielt Sachfehler.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 17)

Öffentliche Sühne?

Mit der Verfolgung von Religion und Kirche durch das kommunistische Regime in der ehemaligen Tschechoslowakei von 1948 bis 1989 befasst sich auch diese Folge der Artikel-Serie. Vorab jedoch ein aktueller Vorgang aus einem anderen Land des untergegangenen Imperiums der „sozialistischen Sicherheitsorgane“.
Im „Kulturbetrieb“ Rumäniens brach Ende Juli 2008 eine Kontroverse über die Frage aus , wie mit Spitzeln des ehemaligen Geheimdienstes „Securitate“ umgegangen werden soll. Die Auseinandersetzung entzündete sich an der Kritik der in Berlin lebenden deutsch-rumänischen Schriftstellerin Herta Müller, die Leitung des rumänischen Kulturinstituts ICR betreffend. Nach Meinung der Autorin hatte sich das Bukarester Kulturinstitut gegenüber einem Germanisten und einem Historiker zu nachsichtig verhalten. Der Historiker hatte im Jahre 2006 seine Stasi-Mitarbeit eingeräumt, aber versichert, „niemandem geschadet zu haben“. Der Germanist, ein Herderpreisträger, sei 2007 von der rumänischen Behörde zur Aufarbeitung der „Securitate“-Akten enttarnt worden, schreibt die deutsche Nachrichten-Agentur dpa. (1)

In Rumänien gibt es nach Angaben des Leiters des ICR kein Gesetz, das „ehemaligen Helfern“ der Staatssicherheit „öffentliche Sühne“ auferlege; deren Informantentätigkeit sei „strafrechtlich nicht zu fassen.“ Wie aber dann mit ihnen umgehen? Sollen ihre Rechte eingeschränkt werden? Soll man sie isolieren? Ob man sie zu „niedrigen Diensten“ verurteilen soll, fragt der Kultur-Chef. Es ist nicht Ziel dieser Berichts-Serie, sich an dieser Polemik zu beteiligen. Gleichwohl darf gefragt werden, warum die beiden Herren so lange brauchten, um sich zu diesem Teil ihrer Vergangenheit zu bekennen.

Zurück zur ehemaligen CSSR. Wie sich die „Vergangenheit“ aus der Sicht der Opfer von Denunziantentum und Stasi-Methoden darstellt, mögen Geheimdienst-Akten und Aussagen von Zeitzeugen erhellen. Dabei liefern die Ergebnisse spezieller Untersuchungsbehörden, die sich mit den Stasi-Unterlagen abmühen, in Ergänzung zu den eigenen Recherchen, wichtige Aufschlüsse.

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