Archiv des MonatsSeptember, 2008

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 24)

„Lästernde Feinde aller Religion“

„…mit den Jahren war das Leben fast unerträglich geworden. Ihr Land hatte eine harte Regierung bekommen, welche autoritär herrschte und den Menschen nicht achtete“. Dieser Satz aus dem Roman von Bernard von Brentano, in der Zeit der Hitler-Diktatur geschrieben (1), könnte auch als Bildunterschrift unter den Panzern auf dem Wenzelsplatz im August 1968 stehen.

Wie sollte der einfache Mensch in einem System der „lästernden Feinde aller Religion und Übertrumpfer des Christentums“ überleben, wenn „keine Süßigkeit“ mehr im Land und in den Herzen der Menschen war; wo die Angst, „die sie in den Laboratorien des Staates züchten“, alles kahl gefressen hat, wie Mehltau. Eine der Schlüsselfiguren in Brentanos Roman ist einer, der seinen Arbeitskollegen bespitzelt, im Auftrag der Gesinnungspolizei, um selbst Karriere zu machen. Nicht alle, die so etwas taten, waren dazu gezwungen. Wie sich die Zeiten gleichen – unter dem Hakenkreuz und dem Roten Stern.

Wie also sollte man sich als „einfacher Bürger“ unter der Gewaltherrschaft einrichten? Wer wollte schon in einem der über das Land verteilten Käfige für Widergänger landen? Einigen gelang es, das Land zu verlassen. Manche konnten es sich leisten, die Mehrheit nicht. Wiederum andere nahmen den Kampf auf – geräuschlos, mit der Waffe des Geistes, im Untergrund. Sie wollten nicht zulassen, dass der Glaube an Gott erlischt.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 23)

Ein Komplott im Namen Gottes

Sie trafen sich an geheimen Orten, in verschwiegenen Wohnungen, auf Zuruf mit einem Code-Wort. Selbst die Namen der Beteiligten blieben bis zum Moment, da man sich gegenüberstand, anonym. Wenn das Szenarium einem konspirativen Treffen geglichen haben sollte, was die Staatsmacht zum Anlass für Verhaftungen und Verurteilungen nahm, dann war es eine Verschwörung. Ein Komplott im Namen Gottes. Der Termin diente einem einzigen Zweck: einen Mann, der seinem Glauben treu geblieben war, zum Priester zu weihen. Es war gewissermaßen die Geburtsstunde ein Gemeinschaft von Gläubigen, die sich unter dem
Druck des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei entschied, in den Untergrund zu gehen. Sie bildeten keine geschlossene Organisation, sondern einzelne Gruppen, Zellen gleich gesinnter Christen, kein eng geflochtenes Netzwerk schon aus Sicherheitsgründen, eher hier und da in Kontakt miteinander.

Aus den Anfängen entwickelte sich eine zwar nicht die Mehrheit erfassende, wohl aber eine Elite unter den Gläubigen ansprechende Bewegung, die sich den Namen „Ecclesia Silentii“ , (Kirche des Schweigens) gab. (s.a. Folge 22). Und doch war sie alles andere als eine Kirche des Schweigens, alles andere als stumm, eher eine Gemeinschaft der Verschwiegenheit. Der Verteidigung, des Erhalts und der Verbreitung der Wahrheit des Evangeliums getarnt gegenüber ihren Verfolgern. Wie sonst hätten die staatlichen „Sicherheitsorgane“ und ihre Helfershelfer besonders Jagd auf diese Widersacher ihrer Ideologie gemacht.

Erste Ansätze für diese klandestinen Gruppierungen formten sich schon in den ersten Jahren nach der kommunistischen Machtübernahme, ohne dass man sich auf eine bestimmte Jahreszahl festlegen sollte. Diese Entwicklung verstärkte sich in den folgenden Jahrzehnten.

Priester-Theologen, insbesondere Ordensleute, die aus der Haft entlassen worden waren, (u.a. im Rahmen der Amnestien von 1960 und 1962), denen aber die Rückkehr in ihre Pfarreien verwehrt wurde, begannen, ihre seelsorgliche Arbeit geheim fortzusetzen. Auch nach dem Ende des Prager Frühlings von 1968 kapitulierten nicht alle. Katholische Theologen, die Dubceks Reformkurs mittragen wollten, schlossen sich nun der Untergrundkirche an.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 22)

Priester in geheimer Mission


Es war der vielleicht schönste Tag in seinem Leben, wenn Jan einmal von seinem Hochzeitstag und den Tagen der Geburt seiner vier Kinder absieht. Ein Bischof legte ihm die Hände auf, er wiederum legte sein Gehorsamsversprechen in die Hände des Bischofs und von diesem Moment an war er rechtmäßig, „sub conditione, das heißt, nach den Vorschriften, Priester der römisch-katholischen Kirche. Bekanntlich keine Alltäglichkeit in der lateinischen Kirche, sondern eine späte Frucht jener Passion, durch die er während der Glaubensverfolgung in seiner Heimat, der Tschechoslowakei gegangen war. Seine Geschichte wird im Laufe dieser Folge erzählt, wie sie mündlich von ihm überliefert wurde, mit leichten Abänderungen, zur Wahrung seines Schutzbedürfnisses.

Es war eine lange Geschichte nicht nur unter dem bedrohlichen Zeichen des kommunistischen Sterns, auch der politische Neubeginn nach der erfolgreichen „Samtenen Revolution“ war mit manchen innerkirchlichen Konflikten und persönlichen Zweifeln verbunden, denn Jan war bereits zum Priester geweiht worden, geheim und rechtmäßig. Von einem Bischof, der selbst von einem Geheimbischof geheim geweiht worden war und für sich in Anspruch nahm, über die so genannten „mexikanischen Fakultäten“ (1) zu verfügen. Das war jene spezielle Bevollmächtigung, die auf die Zeit des mexikanischen Kirchenkampfes in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zurückgehen. Papst Pius XI. hatte diese besonderen Regelungen für besondere Notsituationen verfügt. Dies galt insbesondere, um die bischöfliche Hierarchie, mithin die kirchliche Struktur zu erhalten, nach dem Grundsatz des Irenäus von Lyon: „Wo der Bischof, dort die Kirche“. (2)

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 21)

Prager Frühling – Alarm in Polen
Die Demütigung Polens durch die Sowjetmacht nach der Moskauer Geheimkonferenz im Dezember 1980 musste schon 1968, nach der Rede Breschnews auf dem Parteitag der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei PVAP, die politische Führung gewarnt haben. Auch im Vatikan liefen Informationen ein. Auf der Sondersitzung des Rates im Juni 68 kam der vatikanische „Außenminister“, Erzbischof Agostino Casaroli auf die Gefahrensituation von Prag bis Warschau und Ostberlin und möglicherweise für das gesamte sozialistische Lager zu sprechen. Insbesondere sprach er die Frage an, mit welchem Widerstand die polnischen Kommunisten den „tschechoslowakischen Umschwung“ verfolgen. (1)

„Die kommunistische Führung Polens“, soll der vatikanische Chefdiplomat nach einem Bericht des ungarischen Auslandsgeheimdienstes erklärt haben, „fürchtet mehr als alles einen Umschwung im benachbarten Lande.“ In Ostberlin interessiert man sich allerdings mehr, wie sich die Entwicklung jenseits des Erzgebirges auf den eigenen Machtbereich auswirken könnte. Insofern wird aufmerksam studiert, wie in der politischen Zentrale des Vatikans, die bekanntermaßen über hervorragende Analysten verfügt, wie ein ehemaliger deutscher Geheimdienst-Beamter bescheinigt, die Lage eingeschätzt wird. Casaroli ging, folgt man den ungarischen „Informationen“, nicht davon aus, „dass es nach dem Beispiel der Tschechoslowakei in der DDR zu Veränderungen kommen kann, mit denen weder die Polizei noch die Armee fertig werden, und dass das die Verteidigungspositionen Polens schwächen könnte.“ Casaroli habe versucht, „mit Pressezitaten darzulegen, in welche unglückliche Lage die DDR geraten könnte, wenn sie die Richtigkeit des Umschwungs in der Tschechoslowakei anerkenne und damit demokratischen Tendenzen im eigenen Lande Tür und Tor öffnen würde.“

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