Archiv des MonatsOctober, 2008

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 29)

Die „Firma“ war kein Spass

Was manchen Zeitgenossen besonders witzig zu sein scheint, lässt bei anderen das Lachen gefrieren. So geschehen durch eine Zeitungsmeldung aus Berlin, wonach die Besitzer einer „Kneipe“ in der Normannenstrasse ihr Lokal mit Memorabilia aus der Zeit der Stasi-Herrschaft dekorierten. Über einem Fenster der Spruch „Kommen Sie zu uns – sonst kommen wir zu Ihnen“, daneben ein Zeichen, das dem Emblem des Ministeriums für Staatssicherheit nachempfunden ist, mit der Umschrift „Ministerium für Horch und Guck“. Die Absicht sollte klar erkennbar sein, auch die Ironie in diesem Possenspiel, unter Anspielung auf die Örtlichkeit. Von der Normannenstrasse aus dirigierte Armeegeneral Erich Mielke sein Hundertausendmann-Heer von Agenten und „Inoffiziellen Mitarbeitern“.

Die geschäftstüchtig erfinderischen Gastronomen gaben ihrem Ausschank den anzüglichen Namen „Der konspirative Treff – Zur Firma“. Den Spitznamen haben sie dem Volksmund abgehört. Was sich hinter dieser Bezeichnung verbarg, fanden „DDR-Bürger“ vor nicht allzu langer Zeit alles andere als spaßig. – Einer der Wirte dieser „Kneipe“ wird mit der erstaunlichen Wissensbekundung zitiert: die Staatssicherheit sei „im Endeffekt ein Geheimdienst, genau wie der BND oder der Mossad“ – ein Vergleich also mit dem bundesdeutschen und dem israelischen Geheimdienst. Den sowjetischen KGB, den polnischen SB, den tschechoslowakischen StB, den bulgarischen DS und andere „sozialistische Staatssicherheitsorgane“ hielt er, der Meldung zufolge, offenbar nicht für erwähnenswert. (1)

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Kommentar

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 28)

Ein „Perspektivplan“ zur Bekämpfung der Kirchen

Weder der Papst in Rom noch der Präsident des Weltkirchenrats in Genf dirigieren Panzerdivisionen und Luftwaffen-Geschwader und doch gelten sie als feindliche Mächte, nicht nur aus ideologischer Sicht, sondern als weltanschaulich-politischer Komplex und Instrument des westlichen Revanchismus und Imperialismus, voran die USA und deren botmäßiger Verbündeter, die Bundesrepublik Deutschland.

Kein Basisdokument östlicher Geheimdienste, das auf diese Vokabeln verzichtet. Der „Klassenfeind“ mit dem Kreuzzeichen Christi am Revers war also ausgemacht. Ihn zu „bekämpfen“, war Auftrag und Pflicht, wie gängig aus dem Mund von Stasi-Offizieren zu hören war.

Aus dem Archiv der HA XX/4 (dem „Kirchenreferat“ des MfS) ein Dokument vom 19. Februar 1975: Es bezieht sich auf das Symposium, das eine Woche zuvor in Warschau „Genossen der Sicherheitsorgane der Sowjetunion, der VR Polen, der CSSR, der VR Ungarn, VR Bulgarien, der DDR und Kubas“ versammelt hatte. (1) „Behandelt wurden Probleme der subversiven Tätigkeit der Kirchen und Religionsgemeinschaften gegen die sozialistischen Länder“ (Zitat aus dem Protokoll, s.a. Folge 27).

Dem Bericht ist, als Ergebnis der „Beratung“, eine „Perspektivplanung für die koordinierte Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen der sozialistischen Staaten auf der Linie Kirchen und Religionsgemeinschaften (Linie XX/4“ beigefügt.) (2) Sie wird mit der Behauptung begründet, „daß immer mehr die imperialistischen Kräfte versuchen, (handschriftlich nachträglich hinzugefügt; „bes. von BRD aus“), internationale kirchliche Weltorganisationen verstärkt in den antikommunistischen Kampf einzubeziehen.“ Dies werde „am deutlichsten an der Tatsache, daß spezifische kirchliche Organisationen“ gebildet worden seien, die sich mit dem „koordinierten Vorgehen aller subversiven Aktivitäten gegen die sozialistischen Länder befassen.

Um welche „spezifischen kirchlichen Organisationen“ es sich nach Auffassung der östlichen Geheimdienste handelt und welche „politisch-klerikalen Aktivitäten gegen die (nachgetragen „DDR u.a.“) sozialistischen Staaten“ gemeint sind, wird ebenfalls eingangs festgestellt: an erster Stelle „der Vatikan, speziell das Sekretariat für die Nichtgläubigen“ (richtig: „Nichtglaubenden), „mit Sitz in Wien (nachgetragen: „Kard. König, (gemeint: der Wiener Erzbischof Kardinal Franz König als Präsident des Sekretariats). An zweiter Stelle wird genannt „der Weltkirchenrat, speziell die sog. Koordinierungsstelle der Ostforschung, 2. Welt, nachträglich korrigiert in „Glaube in der 2. Welt. (Schweiz)“

Als „Angriffsrichtungen politisch-klerikaler Aktivitäten“ werden u.a. bezeichnet:

„1. Die zielgerichtete Verbreitung imperialistischer Ideologien, die auf eine Massenwirksamkeit unter der Bevölkerung in“ (nachgetragen: d. DDR u.a.) „in den sozialistischen Staaten hinauslaufen, z.B. Diskussionen über sog. Menschenrechtsverletzungen in den sozialistischen Staaten, Verbreitung von konvergenztheoretischen und pluralistischen Ideologien u.a.“

„2. Verstärkte Einschleusung und Verbreitung religiöser und antikommunistischer Schriften und Literatur.“

Deutlicher als in keinem westlichen Lehrbuch kann das Feindbild des Ostens gegenüber den christlichen Kirchen nicht belegt werden als mit solchen Dokumenten aus den Stasi-Archiven der ehemaligen DDR.

Christliche Organisationen im Dienst der Stasi

Aufschlussreich auch die Beschreibung der „Hauptaufgaben“ für das „gemeinsame Vorgehen aller sozialistischen Länder“. Zunächst sollen „2 von den sozialistischen Staaten geschaffene christliche Organisationen, die den Friedenskampf der sozialistischen Staaten unterstützen“, in die Maßnahmen einbezogen werden. Die sind die Prager „Christliche Friedenskonferenz“ und die „Berliner Konferenz katholischer Christen aus sozialistischen Staaten“. Mit ihnen sollen „ständige multilaterale Beratungen“ zum gemeinsamen Vorgehen vorgenommen werden, „für die Erhöhung der Wirksamkeit“ dieser Organisationen. – Wer diese Zeilen liest und die 70er Jahre in Erinnerung hat, dem sind gewisse Sympathien und Sympathisanten Westeuropas, die sich um intensive „Dialoge“ mit diesen Kreisen bemühten, durchaus gegenwärtig.

Auf die CSSR bezogen, dem Kernthema dieser Serie, sollen mit den „Sicherheitsorganen“ (also dem StB) gemeinsame Maßnahmen „zur Aufklärung feindlicher Pläne und Absichten gegen politisch-klerikale Kräfte in der BRD und Westberlin,…die eine verstärkte Tätigkeit zur Unterwanderung und Störung der „Christlichen Friedenskonferenz“ organisieren“, beraten und abgestimmt werden.“ In einem weiteren Arbeitspapier wird dieser Auftrag spezifiziert: „Koordinierung gemeinsamer Maßnahmen gegen Personen der BRD, die in der CFK“ (gemeint: die Christliche Friedenskonferenz) eine Schlüsselposition einnehmen und von denen bekannt ist, daß sie die CFK benutzen, um in der CSSR feindlich tätig zu werden.“

Ferner sollen gemeinsame Maßnahmen „zur operativen Kontrolle über illegale Zusammenkünfte sog. Wehrdienstverweigerer aus der DDR und der BRD in der CSSR“ festgelegt werden sowie gemeinsame Maßnahmen „gegen die Kurier – und Zersetzungstätigkeit der Zentrale der „Zeugen Jehova“ in Wiesbaden, die in der CSSR Treffen mit leitenden Funktionären aus der DDR organisiert.“ Der Kalte Krieg gegen Glauben und Religion richtete sich also nicht nur gegen die christlichen Großkirchen. Als Termin zur Erledigung dieser „Hauptaufgaben“ wird das „III. Quartal 1975 in Berlin“ vorgegeben, also die nächste gemeinsame Arbeitssitzung der für die Überwachung und Bekämpfung der Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständigen Abteilungen der kommunistischen Staatssicherheitsorgane.

Eine „kirchliche Feindorganisation“

Der ideologische Kalte Krieg hat in dem Jahrzehnt nach dem Einmarsch in Prag wieder volle Fahrt aufgenommen. Das MfS schießt sich vor allem auf die als „kirchliche Feindorganisation“ bezeichnete „Ostpriesterhilfe“ in Königstein ein. Diese Aktion verbindet sich mit dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“, das in der Nachkriegszeit von dem niederländischen Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten gegründet wurde und sich im Verlauf der Jahre auf die Kirchen in Osteuropa konzentrierte. (3)

Besondere „Aufmerksamkeit“ findet in den 80er Jahren der Präfekt der Kongregation für die Glaubensverbreitung („Propaganda Fide“), der slowakische Kurienkardinal Josef Tomko. (4) Dieser sei für seine negative Haltung gegenüber den sozialistischen Staaten, darunter auch Ungarn bekannt. In der „Information“ des ungarischen Nachrichtendienstes wird Tomko (wie auch Erzbischof Eduardo Somalo Martinez (5) aus dem Staatssekretariat) als mögliche Nachfolger von Kardinalstaatssekretär Sodano genannt. Beide hielten sich an den Kurs des Papstes. Tomko gehöre „zum engen und vertraulichen Kreis des Papstes.“ (Nachfolger Casarolis wurde Angelo Sodano (6). Die in Rom platzierten Agenten der östlichen Spionage gaben wohl nicht viel mehr als die in den italienischen Medien sozusagen täglich gehandelten Produkte aus dem vatikanischen Kaffeesatz weiter. Als Beleg für bestimmte „operative Maßnahmen“ verdienen sie eine gewisse Beachtung. (7)

Wien – zentraler Verkehrsknotenpunkt europäischer Wechselbeziehungen von West nach Ost und umgekehrt, Drehscheibe der Begegnungen, Erinnerungen an die Donaumonarchie, Linien werden ausgezogen nach München, Paris, Rom – nach Pressburg, Prag, Berlin, Warschau, nach Budapest, Bukarest und Sofia. Schauplatz für die große Welt und für die im Dunkeln. Orson Welles spielt den Dritten Mann. Szenarium für manchen Spionagethriller. Europäische Geschichte an jedem Platz in jeder Gasse. Auch die dunkelsten Seiten kommen ins Gedächtnis.

An der Außenfassade links vom Eingang vom Hawelka in der Dorotheergasse – etwas verblichener Glanz der Wiener Literaten und Malerszene – erinnert eine Schrifttafel an Adolf Frankl, geboren 1903 in Pressburg, gestorben 1983. Frankl und seine Familie werden im September 1944 verhaftet. Er wird zunächst in das slowakische KZ Sered eingeliefert. Zu dieser Zeit stand der katholische Pfarrer Josf Tiso an der Spitze eines Staates von Hitlers Gnaden. Anfang November wird er nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Er überlebt in der Typhus-Baracke des Außenlagers Stará Kuznia (Althammer). Die Bilder, die sich ihm eingebrannt haben, er muss sie malen. Es sind Gefühlsausbrüche. „Visionen aus dem Inferno – Kunst gegen das Vergessen“. Er habe mit seinen Werken „allen Völkern dieser Welt ein Mahnmal gesetzt. Es soll niemandem, egal welche Religion, Rasse oder politische Anschauung er vertritt, dieses oder ähnliches widerfahren“

Sowjetische Truppen hatten Auschwitz befreit. Fortan bestimmte Moskau den Kurs in den befreiten Ländern weiter geht. Frankl, der zunächst in seine Heimatstadt Pressburg zurückgekehrt war, verließ 1949, ein Jahr nach der kommunistischen Machtübernahme, sein Vaterland, emigrierte zunächst nach Wien.

„Kundschafter“ in der Soutane

Wien 2008: Im Stadtheurigen zu den Zwölf Aposteln freut sich die Kellnerin über die Frage nach ihrer Herkunft. Aus Rumänien sei sie, aus Siebenbürgen. Vom Nebentisch sind tschechische Stimmen vernehmbar. An den Donaubrücken machen Fahrgastschiffe, schwimmende Hotels unter ukrainischer und bulgarischer Flagge, fest. Im Prater preist ein Lokal seine kroatischen Spezialitäten an. Böhmisches Bier, Budapester Wurst. Die Donaumonarchie lässt grüssen. In Grinzing, im Heurigen, spielen Geige und Akkordeon zum wiederholten Mal das Lied vom Dritten Mann.

Zufallsbegegnung auf dem Heimweg. Ja, man erinnere sich. Da sei ein katholischer Priester aus Tschechien nach Wien gekommen. Ende der 70er Jahre müsse das gewesen sein. Man habe sich schon gewundert, weil man irgendwie gehört hatte, dass die Kommunisten mit der Kirche nicht gerade sanft umgesprungen seien. Ein österreichischer Diplomat habe sich wohl für den geistlichen Herrn verbürgt. Dieser habe ein auffallendes Interesse für einen Wiener Arzt gezeigt, der wiederum mit einem Mediziner aus Afghanistan bekannt war. Einen Reim habe man sich zunächst nicht daraus machen können. Wer wäre schon auf die Idee gekommen, dass etwa „die Russen“, die ja gerade am Hindukusch standen, den tschechischen Geheimdienstgenossen einen Auftrag erteilt haben könnten, sich in Wiener Exilgruppen umzuhören, zum Beispiel unter dort lebenden Afghanen.

Nun ja, der geistliche Herr hätte vielleicht ein solcher „Kundschafter“, oder sagen wir besser Auskundschafter, sein können. Leicht anzuwerben, zumal ihm ein amouröses Verhältnis nachgesagt worden sei. Aber nichts Genaues wisse man nicht. Ein Dutzendschicksal, vielleicht: Hochwürden hatte sich oder war der Stasi ausgeliefert worden. Deutlicher tritt dies in der Geschichte des Salesianerpaters M. zutage, eines Seelsorgers der Tschechen in der Donaumetropole.

Eines Tages habe ihm ein Informant die Warnung „gesteckt“, er möge auf der Hut sein, denn der Geheimdienst wolle ihn entführen, erzählt einer, der die Sache etwas genauer kennt. Der Mitbruder sei eigentlich ein „lieber Mensch“ gewesen und habe Wien völlig verängstigt verlassen, sei in die USA ausgewandert, mit endgültigem Abschied aus der Ordensgemeinschaft.

Aus anderem Holz war da wohl Pater B. geschnitzt. Er leitete die Gemeinde der tschechischen Katholiken in Wien. Es sei aufgefallen, über welche Geldmittel er gelegentlich verfügte. Auch seine häufigen Heimreisen in die Tschechoslowakei seien nicht unbemerkt geblieben, weil aus dem Rahmen der üblichen Besuchsreisen, für die man nur unter Mühen eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung erhielt. Weitergehenden Verdacht schöpften seine Konfratres allerdings nicht. Erst nach der politischen Wende kam heraus, dass er für den kommunistischen Geheimdienst spioniert haben soll. Einzelheiten? Leider nein. Nur soviel: „Er war ein großes Übel“.

Alles ist schon lange her, aber nicht vergessen. Nicht die Geschichte der drei Geschwister, der zwei Ordenfrauen und ihrem Bruder, einem Ordenspriester. Sie verbrachten viele Jahre in der Ostasien-Mission in Japan und Taiwan. Auf ihre alten Tage, sie hatten die 80 überschritten, wollten sie noch einmal ihre Heimat in Mähren besuchen. Kaum hatten sie die Passkontrolle passiert, wurden sie von Grenzposten festgehalten. Es wurde ihnen vorgeworfen, Rosenkränze und Gebetbücher mitzuführen. Alles sei ihnen abgenommen worden. Anschließend habe man sie für dieses „Verbrechen“ eingesperrt. Ein anderer Mitbruder, so erinnert sich ein Wiener Salesianerpater, habe sich „drüben“ in der Jugendarbeit engagiert. Eben ein „Don Giovanni Bosco“ unserer Tage, ein tapferer Nachfolger des Turiner Patrons der Kongregation. Die Quittung für den Ordensmann, nachdem die Stasi ihn wieder einmal beobachtet hatte, wie er mit Jugendlichen unterwegs war: drei Jahre Gefängnis.

Fortsetzung folgt

Fußnoten:

1) BStU – MfS/ HA XX/4 – 289 – Beratung von Vertretern der Sicherheitsorgane der Sowjetunion, der VR Polen, der CSSR, der VR Ungarn, der VR Bulgarien, der DDR und Kubas vom 11. bis 14. 2. 1975 in Warschau. Berlin, den 19. Februar 1975. (VR = Volksrepublik).

2) BStU –MfS HA XX/4 – 289 – Perspektivplanung für die koordinierte Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen der sozialistischen Staaten auf der Linie Kirchen und Religionsgemeinschaften (Linie XX/4), Hauptabeilung XX, Berlin, den 19. Februar 1975.

3) BStU –MfS HA XX / 16922 / Abteilung X v. 14. 02. 85 / X/9143/85

4) Jozef Tomko (Jg. 1924), von 1950 bis 1965 Vize-Rektor des Päpstlichen Kollegs „Nepomucenum“ für Tschechen und Slowaken. Ab 1962 Verwendung in verschiedenen vatikanischen Dikasterien (Kongregation für die Glaubenslehre, Kongregation für die Bischöfe, Generalsekretär der Weltbischofs-Synoden), Dozent an kirchlichen Universitäten in Rom, auf zahlreichen Auslandsmissionen für den Apostolischen Stuhl, am 25. Mai 1985 zum Kardinal ernannt. Im selben Jahr (bis 2001) Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker.

5) Eduardo Somalo Martinez (Jg. 1927). emeritierter spanischer Kurienkardinal, 1979 Substitut (Leiter der 1. Abteilung des Staatssekretariats), 1988 Kardinal und bis 1992 Präfekt vatikanischer Kongregationen (Gottesdienste, Institute geweihten Lebens). 1993 Camerlengo (Kardinalkämmerer)

6) Angelo Sodano (Jg. 1927), emeritierter italienischer Kurienkardinal, ab 1968 in Diensten des Staatssekretariats, 1977 bis 1988 Apostolischer Nuntius in Chile (umstrittene Rolle während der Pinochet-Militärdiktatur), 1990 Pro-Sekretär, 1991 Kardinal und (bis 2006) Staatssekretär Seiner Heiligkeit.

7) BStU – MfS HA Xx / 16922 / Abteilung X v. 12.12. 85 / X/9787/85

Kommentar

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 27)

Ein Hauch von Kaltem Krieg


Regierungen lösen einander ab, Systeme wechseln, Staatsideologien werden ausgetauscht – aber die „Dienste“ bleiben. Unter anderen Vorzeichen gehen sie ihrer gewohnten Arbeit nach: Aufklärung und Abwehr. Beide Operationsbereiche machen vor befreundeten Ländern nicht halt. Die Entwicklung nach dem Zerfall der der kommunistischen Allianz, insbesondere die Sympathie ehemaliger „Brudernationen“ für den Westen, für den ehemaligen Erzfeind NATO, reizt den russischen Bären, der nun nicht mehr Herr in seinen ausgedehnten Wäldern sein soll. Zumal über seinem Revier der amerikanische Adler kreist. Länder wie Polen und die Tschechoslowakei bekommen die Zugluft zu spüren, die an den Kalten Krieg erinnern. Anlass: die Aufstellung von Systemen eines Raketenabwehr-Systems, dass gegen sogenannte Schurkenstaaten mit terroristischem Potential gerichtet seien, jedoch von Moskau als Bedrohung empfunden werden. Der „Bär“ droht zurück.

Aus dem Jahresbericht für 2007 des tschechischen Nachrichten- und Informationsdienst (BIS) geht hervor, dass russische Agenten „tüchtig an ihrem Ziel gearbeitet haben“, wie Radio Prag meldete, die öffentliche Meinung in Tschechien gegen die geplante Stationierung eines US-amerikanischen Raketenabwehrradars aufzubringen. Die Methoden sollen nach dem bekannten Muster abgelaufen sein: Infiltrieren und „differenzieren“, das heißt, eigene Leute in Gruppen, die gegen diese militärischen Einrichtungen sind, einzuschleusen. Deren Aufgabe sei es gewesen, Politiker und Medien zu beeinflussen.

Blenden wir in die 70er Jahre zurück. Nach der sowjetischen Besetzung der Tschechoslowakei kehrt der Unterdrückungsapparat zurück mit seinen Operationen gegen bestimmte Personen und Organisationen, auch kirchlichen. Darüber hinaus werden die Maßnahmen, die sich gegen den Vatikan richten, verstärkt fortgesetzt, die Sicherheitsorgane der CSSR sind wieder fest in diese Planungen einbezogen, wie Dokumente aus dieser Zeit belegen. So heißt es in einem internen Arbeitspapier der HA XX des MfS zur Vorbereitung der „Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen der sozialistischen Länder im Jahre 1975“, nachdem eine für 1974 vereinbarte multilaterale Besprechung „auf der Linie XX/4“ (1) nicht zustande kam: Nach wie vor bestehe das gemeinsame Anliegen aller sozialistischen Länder, die politisch-operativen Maßnahmen abzustimmen. Es werden dann die „Probleme“ beschrieben. An erster Stelle: „Die gegenwärtige Ostpolitik des Vatikans, die vor allem darauf ausgerichtet ist, verstärkt Kontakte in die sozialistischen Ländern auf- und auszubauen mit dem Ziel, die dort vorhandene Substanz der katholischen Kirche zu erhalten und nach Möglichkeit noch zu erweitern.“ (2)

Auch der Ökumenische Rat der Kirchen wird in die Maßnahmen zur Bekämpfung der Kirchen einbezogen. Der Genfer Zentrale werden „feindliche Aktivitäten“ bei ihrer „subversiven Tätigkeit in Richtung sozialistische Länder“ unterstellt. Und wie der Vatikan gilt der Weltrat als ein politisches Instrument des Westens. Die USA versuchten, „leitende Positionen im Weltkirchenrat zu besetzen, bzw. zurückzugewinnen.“

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 26)

CSSR 1968 – „Ein brutaler militärischer Überfall“

Mit dem sowjetischen Einmarsch im August 1968 waren die alten Machtverhältnisse restituiert worden. Pavel Kohout, 1968 noch Mitglied der Kommunistischen Partei und 1969 ausgeschlossen, hat 40 Jahre später festgehalten: Es sei ein „brutaler militärischer Überfall“ gewesen, nur dadurch „provoziert“, „dass die Tschechoslowaken nach eigenen Wertvorstellungen leben wollten“. (1)

Im Kreml wurden entschieden, wie man auf dem Hradschin zu spuren war. Über kirchliches Frühlingserwachen zogen wieder dunkle Wolken. Der vatikanischen Diplomatie blieb nicht viel mehr, als auf den vorherigen Kurs zurückzukehren. Es ging nun wieder um die Frage des
Überlebens, als Voraussetzung galt, nach katholischem Kirchenverständnis, eine intakte Hierarchie.

Erzbischof Casaroli, der „Architekt der vatikanischen Ostpolitik, habe die Möglichkeiten eines erfolgreichen Abschlussdialogs mit den sozialistischen Ländern pessimistisch“ eingeschätzt, berichtet der polnische Nachrichtendienst in einer „Information“, die in Ostberlin unter Datum vom 21. August 1974 (also am 6. Jahrestag des Einmarsches in Prag) zu den Akten genommen wurde. (2) Namentlich genannt werden die Volksrepubliken Polen, und Ungarn sowie die Tschechoslowakische Sozialistischen Republik. „Besondere Schwierigkeiten“ sieht das Staatssekretariat nicht nur mit der CSSR, sondern auch bei den Verhandlungen mit der ungarischen Regierung. Erzbischof Angelo Sodano (später Nachfolger Casarolis als Staatssekretär) habe nach seinem Besuch in Budapest berichtet, „dass es die sozialistischen Länder nicht eilig haben, mit der Normalisierung der Beziehungen zum Vatikan, aber ihr Dialog mit dem Heiligen Stuhl ist bedingt durch konkrete innen- und außenpolitische Notwendigkeiten. Von den Verhandlungen mit der CSSR, die auf den 16. September 1974 verschoben worden seien, erwarte der Heilige Stuhl keine effektiven Ergebnisse.“

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 25)

Überleben wie die ersten Christen

Bei der Bekämpfung der sichtbaren Strukturen der katholischen Kirche, der Ausschaltung
regimekritischer Kleriker, der Unterwanderung von Pfarrgemeinden und der Bedrohung
aktiver Laien, hatten der Staat und seine „Sicherheitsorgane“ wenig Mühe. Dazu genügte
der Unterdrückungsapparat des Systems. Eine größere Herausforderung stellten die
kirchlichen Strukturen im „Untergrund“ dar – die geheimen Seminare, die vertraulichen
Gesprächsrunden und Gebetstreffen und die Personen, die diese Ecclesia silentii leiteten,
Priester und Bischöfe, die aus der vorkommunistischen Zeit stammten und solche, die
nach dem Machtwechsel geheim geweiht worden waren.

Der klerikale Nachwuchs rekrutierte sich zu einem Teil aus dem Kreis der Theologiestudenten, die konsequent ihr Ziel verfolgten, Priester zu werden. Dazu zählten Angehörige der Männerorden. Vor allem aber kam es darauf an, verheiratete Männer für das Priesteramt zu gewinnen, in der Annahme, dass auf einen Familienvater, der tagsüber einer „normalen“ Arbeit nachging, möglichst in einem Tätigkeitsbereich, der mit Handarbeit oder Technik zu tun hatte und somit dem Berufsbild des sozialistischen Gesellschaftssystems entsprach, auf einen solchen Mann also nicht von vornherein der Verdacht der Geheimpolizei fallen würde.

Wer sich im Nachhinein mit den komplizierten Zusammenhängen und Hintergründen dieser geheimen Weihen beschäftigt sieht sich einem schwer durchschaubaren Beziehungsgeflecht der handelnden Personen gegenüber. Insbesondere die eher innerkirchlich geführte Diskussion, welche Weihen zwar gültig, weil sakramental gespendet, aber (kirchenrechtlich) nicht erlaubt waren, wer sich auf besondere päpstliche Befugnisse in Anlehnung an die so genannten „Mexikanischen Fakultäten“ berufen konnte, wem sie erteilt wurden oder wer sie nur in Anspruch nahm – dies bleibt im Einzelfall, und weil der eine oder andere Betroffene nicht mehr unter den Lebenden weilt, eine ungeklärte Frage. (1) Manche Dinge seien mit den Hauptakteuren ins Grab gesunken und würden sich wohl nie vollständig enträtseln lassen, stellt Franz Gansrigler in seinem Buch abschließend fest.(2)

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