Archiv des MonatsNovember, 2008

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 33)

„Der Kurs war auf Vernichtung“

„Wenn eine Nation ihr historisches Gedächtnis verliert, geht sie neuen Katastrophen entgegen.“

Vaclav Havel, Bürgerrechtler und Präsident der ersten demokratischen Republik der Tschechoslowakei, nach der „Samtenen Revolution“ von 1989.

„Prag, Karlsbrücke, Blick auf den Burgberg. © Foto: : Werner Kaltefleiter

Deutsche, Tschechen und Slowaken sowie die anderen Ethnien in diesem Teil Europas sind miteinander verwoben. Sie blicken auf eine gemeinsame Geschichte zurück, in der öfter das Schwert als der Palmenzweig Regie führte. Zu den dunkelsten Kapiteln der Vergangenheit zählen die Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der sowjetkommunistischen Diktatur. Dem Wunsch nach Versöhnung und der Bitte um Vergebung tritt immer wieder die Erinnerung entgegen. Wunden mögen vernarbt sein, aber sie melden sich schmerzhaft zurück, wenn das „Wetter“ umschlägt, um dies mit einem medizinischem Phänomen zu vergleichen. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt stellte im Herbst 2008 fest: „ Das Verhältnis zwischen den Polen und den Deutschen ist nicht sehr gut, das Verhältnis zwischen den Tschechen und den Deutschen desgleichen.“ (1).

Warum gestalten sich die Beziehungen so schwierig? Es mag viele Anlässe geben, wie die Geschichte lehrt, bei kleinen Streitereien, wie sie unter Nachbarn offenbar unvermeidlich sind, ob im Privaten oder in der „großen Politik. Alte und neue gesellschaftliche Vorurteile können die Atmosphäre vergiften. Und schließlich, auf hoher Ebene, diese und jene internationalen Bündnisverpflichtungen, die dann und wann, wohl oder übel, die einen und die anderen, in Konflikte hineinziehen.

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Kommentar

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 32)

Gottesdienst in Privaträumen galt als Straftat

Dominik Duka (1) erzählt von einem Vorgang, der im Nachhinein nicht ohne gewisse Pikanterie ist, wenn man das Finale der Geschichte vor Augen hat. Eines Tages erhält der Dominikanerpater Besuch: unangemeldet und zu einer Zeit, in der es auf der Straße vor dem Haus mehr oder weniger menschenleer ist. Die Stunde der Geheimpolizei. Uniformierte Beamte der Staatssicherheitsgruppe fordern Einlass in die Wohnung des Ordensmannes. Sie beschlagnahmen Schriften, die in der Untergrundkirche zirkulieren: Samisdat-Material. Ein Agent des Staatssicherheitsdienstes StB überwacht die Aktion. Seinen Pkw, ein Fahrzeug in ziviler Aufmachung, ohne polizeiliche Kennzeichen, hat der Stasi-Mann in einer Seitenstrasse geparkt. Bevor er zu seinem Wagen zurückgeht, hält er P. Duka triumphierend entgegen: „Wir haben gesiegt.“

Im September 1998 wurde Dominik Duka zum Bischof von Hradec Kralové ernannt, der geschichtsträchtigen Stadt mit dem deutschsprachigen Namen Königgrätz. Die Episode, über die er berichtet, geht auf jene dunklen Jahre zurück, über die in den vorausgegangenen Folgen umfangreiches Material zusammengetragen wurde. Schon kurz nach der politischen Wende kam es zu einer ersten Begegnung mit Pater Duka. Seine Erfahrungen mit dem kommunistischen Willkür-Regime in den Jahren nach dem gescheiterten „Prager Frühling“ und der sowjetischen Militär-Intervention sollten in einer Fernsehdokumentation auch einem Publikum „im Westen“ zugänglich gemacht werden. Der Kommentar, der diese Sendung begleitete, ist aus der Zeit der Niederschrift zu verstehen. Er wurde aber nachträglich durch wenige Zusätze ergänzt: (2)

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Kommentar

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 31)

Justiz unter dem Roten Stern

„JEMAND MUSSTE Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

(Franz Kafka: Der Process. Erstes Kapitel. Erster Satz. Nach dem von Max Brod geordneten und herausgegebenen Manuskriptseiten des Romans, an dem Kafka in den Anfangsjahren des Ersten Weltkrieges geschrieben hat.)


19. September 1949. Ein Zeitprotokoll vermerkt: Abt Anastáz Opasek hatte um zehn Uhr eine Trauung in der Wallfahrtskirche auf dem Weißen Berg und kehrte kurz nach elf Uhr zurück. Nur wenig später verlangten zwei Männer in Zivil an der Pforte der Benediktiner-Abtei Brevnov (Breunau), in einem Außenbezirk von Prag, mit ihm sprechen zu dürfen. Kaum hatte man ihnen das Tor geöffnet, drängten weitere Männer hinein. Insgesamt vierzehn Polizisten waren gekommen, um den Abt zu verhaften.

Pfingstmontag 1991: Die spanische Königin Sophia besucht die Basilika des Klosters. Abt Opasek zeigt der Monarchin seine ehemaligen Privaträume. Er erzählt von seiner Verhaftung. „Lebenslänglich“ habe er bekommen. Die Königin „verwundert“: Was er denn verbrochen habe. In Spanien sei dies die Strafe für jemanden, der einen Menschen ermordet habe. Der Mönch erläutert dem hohen Besuch aus dem fernen Spanien: Die roten Richter hätten ihn zum Spion des Vatikans erklärt, in und acht weitere katholische Geistliche. Am Ende des „Monsterprozesses“, am sechsten Tag der Hauptverhandlung (die vom 27. November bis zum 2. Dezember 1950 dauerte), sei das Urteil gesprochen worden: Von zehn Jahren aufwärts bis zu seinem „Lebenslänglich“. Bis zum Prozess habe er in Einzelhaft gesessen, berichtete der Ordensmann der spanischen Königin. Und diese Einzelhaft sei auch nach der Urteilsverkündigung zunächst beibehalten worden, bis zum Februar des folgenden Jahres. Der Prozess hätten die Kommunisten zwei Monate vorher mit den Inhaftierten „eingeübt.“

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 30)

Ein totalitärer Sicherheitsapparat

Seit 1948, also nach der Machtübernahme der Kommunisten, änderten sich Hauptaufgabe und Zielsetzung der Behörden für „Öffentliche Sicherheit“ im Rahmen der Nationalen Sicherheit entsprechend den ideologischen und politischen Vorgaben der neuen Herren „signifikant“. Nicht nur wurde der Staatspolizei und ihren Agenten ein Katalog neuer Aufgaben übertragen; ihre Methoden und ihre Arbeitstechniken hatten sich an die Prioritäten des kommunistischen Regimes anzupassen. Zwar war hatte die „Nationale Sicherheit“ in erster Linie die „öffentliche Ordnung“ zu verteidigen, kriminelle Aktivitäten zu bekämpfen und nationales wie persönliches Eigentum zu schützen. Allerdings kam es in dieser Zeit, in der ein ganzes Volk in „Polizeigewahrsam“ genommen wurde, kaum zu Störungen der öffentlichen Ordnung oder öffentlichen Äußerungen der Unzufriedenheit (etwa in Verbindung mit der Währungsreform).

Wo sich Unruhe im Volk zeigte, stellte die „Nationale Sicherheit“, sprich Staatspolizei, „Unruhestifter“ kurzerhand „still“ – frei übersetzt aus einem Bericht über die organisatorische Entwicklung der für die öffentliche Ordnung zuständigen Diensteinheiten, die dem Bereich der Nationalen Sicherheit zugeordnet war, bei dem Prager Innenministerium unterstellt. Das Material ist dem Beiträgen des Archivs des Innenministeriums der Tschechischen Republik entnommen. (1) Mehr Aufmerksamkeit verdient, vor dem Hintergrund der Dokumentationsserie, eine weitere Erkenntnis der Untersuchung, die nach der politischen Wende vom Archiv der Regierungsbehörde herausgegeben wurde. Sie stellt fest, die Nationale Sicherheit sei ein integraler Bestandteil des totalitären Sicherheitsapparates gewesen, der mit der Staatssicherheit kooperierte und an verschiedenen Aktionen und Maßnahmen der Staatssicherheitsorgane mitwirkte. Kurz gesagt: Ob Polizei mit ihren diversen Einrichtungen oder Überwachung im In- und Ausland, Nachrichtendienst und militärische Aufklärung und Abwehr – der Sicherheitsapparat war total. Das Netz, das über die Menschen gelegt wurde, machte jedes Entrinnen nahezu unmöglich.

Es ist hier nicht der Ort einen Schematismus der staatlichen Sicherheitsorgane der ehemaligen kommunistischen Tschechoslowakei zu erstellen. Im Verlauf der Jahrzehnte und bis zur Wende ändern sich die Strukturen und Aufgabenstellungen der Dienststellen wiederholt. Aktiv waren die Wachtposten des Systems sozusagen bis zur letzten Minute. In den Archivunterlagen der Prager Staatspolizei, die den operativen Bereich betreffen wurde nach der Wende eine seit 1957 geführte spezielle Sammlung von Unterlagen mit dem Aktenzeichen „Z“ vorgefunden. Allerdings nur in Fragmenten. Die Aufzeichnungen betreffen unter anderem Operationen der Gegenspionage, d.h. verdächtigte Personen und deren Überwachung. Die letzte „reguläre“ Archivierung solcher Materialien in die Ablage „Z“ sei noch im Januar und Februar 1990, also nach dem Ende der kommunistischen Vorherrschaft im Dezember 1989, erfolgt.

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