Geheimorganisation Ergenekon in der Türkei angeklagt

Bezüge zum Papstattentat und zur Situation der christlichen Minderheit

Düstere Nachrichten aus der Türkei, undurchsichtig und beängstigend. Ein geheimes, und doch nicht so geheimes Netzwerk, liefert das Szenarium, Offiziere im Un-Ruhestand, Politiker, Journalisten, auch „Auftragskiller“ und „Halbweltgrößen“, ein bunte Mischung quer durch Militär, Justiz und die Gesellschaft, übernehmen die Rolle in dem Stück vom „kranken Mann am Bosporus“. Den Stoff liefern Ideologien, Rivalität zwischen so genannten „säkularen“ Kräften, nationalistischen und islamisch-fundamentalistischen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht auf der einen Seite eine angeblich konspirativ gegen die jetzige politische Ordnung operierende Geheimorganisation namens „Ergenekon“, nationalistisch und kemalistisch orientiert; auf der anderen Seite die islamisch orientierte Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung AKP.

Vor einigen Monaten begannen „Verhaftungswellen“ gegen angebliche Mitglieder der „Ergenekon“. Im Oktober vergangenen Jahres wurde vor einem Antiterror-Gericht ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet, aktualisiert durch Festnahmen vor wenigen Tagen. Den Beschuldigten wird Mitgliedschaft in der als „Terrororganisation“ bezeichneten Gruppierung vorgeworfen. Sie sollen ferner einen von langer Hand vorbereiteten Putsch geplant haben, um die von der AKP getragene Regierung Erdogan zu stürzen und die innenpolitische Lage zu destabiliseren. Auf diese Weise suchten sie, die Streitkräfte, die sich als Hüter des kemalistischen Erbes betrachten, zu einem Eingreifen zu provozieren. (1)

Die Beschuldigten behaupten, einer „Hexenjagd“ seitens der politischen Machthaber ausgesetzt zu sein. Andererseits sehen die Vertreter einer islamisch geprägten Gesellschaftsordnung ihre Vorstellungen durch die liberal-säkularen Elemente des laizistischen Staates gefährdet. Öl Im Vergangenen Jahr hat das Verfassungsgericht ein Verbot der AKP ablehnte. Soweit einige Grundzüge des innertürkischen Konflikts.

Wer sieht als Außensteher durch, bis hinein in die Facetten? Und: was geht es die westlichen Nachbarn an, etwa unter dem christlich-kirchlichen Aspekt, wenn (frei nach Goethe) „hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen“?

Was immer sich in dieser fernen und doch so nahen Türkei zusammenbraut, wobei noch nicht klar erkennbar ist, wie der „Machtkampf der Eliten“, der „Polit-Krimi“ (SPIEGEL-ONLINE v. 24.1. 2009) ausgeht – Sorge ist wenn man in den Herbst des vergangenen Jahres zurückblendet. Zählte zu dem, was sich im Dunkel angeblicher Verschwörung abspielte, auch das Inszenieren von Angriffen auf prominente Christen und kirchliche Einrichtungen?
Angeblich soll ein militärischer Geheimdienst in den Jahren 2004 und 2005 wiederholt Christen observiert haben. Darüber berichtete die liberale türkische Zeitung „Radikal“ bereits am 14. August 2008 (2)

Dem Blatt sowie weiteren Recherchen zufolge haben die Ermittlungsbehörden ihrer Anklageschrift gegen das geheime Netzwerk „Ergenekon“ ein Dossier der Heeresleitung für den Ägäischen Raum beigefügt. Es handele sich um die Zusammenfassung von Tagesprotokollen des für diesen Militärdistrikt zuständigen Nachrichtendienstes. Aus den Unterlagen gehe hervor, in welchem Umfang die Aktivitäten der Kirchen erfasst worden seien, nämlich „auf Schritt und Tritt“, so zum Beispiel interne Sitzungen von Pfarrgemeinden. Als „Zentren christlicher Aktivitäten“ werden dabei Adana, Ankara, Antalya, Bursa, Diyarbakir, Isparta, Izmir, Samsun und Trabzon benannt. Die Geheimdienst-Agenten hätten sich besonders für die Missionsarbeit evangelischer Christen interessiert. Aber auch Katholiken und nicht zuletzt das griechisch-orthodoxe Ökumenische Patriarchat seien ins Visier der Ausforschung geraten. (3)

Das aktuelle Geschehen ruft die beiden Papstbesuche in der Türkei in Erinnerung: Johannes Paul II. vom 28. bis 30. November 1979 und 27 Jahre später Benedikt XVI. vom 28. November bis 1. Dezember 2006. – Der Türke Ali Mehmet Agca, der am 13. Mai 1981 auf Johannes Paul II feuerte, vermutlich von einem weiteren türkischen Komplicen unterstützt, hatte schon 1979 gedroht, den „Oberbefehlshaber der Kreuzzüge“ zu töten, der im Auftrag „westlicher Imperialisten“ komme, „um zu verhindern, dass die Türkei gemeinsam mit ihren islamischen Schwesternationen eine politisch-militärische Macht im Vorderen Orient werden könnte.“ (4)

Agca hatte seine Absicht am Vorabend des Papstbesuches in einem Brief an die Istanbuler Tageszeitung Milliyet angekündigt; am 1. Februar desselben Jahres hatte er Abdi Ipekci, den Chefredakteur des liberalen Blattes, erschossen und war deswegen verurteilt worden. Agca wird den Grauen Wölfen zugerechnet, der angeblichen Nachwuchsorganisation der Partei der Nationalen Bewegung MHP. Faktisch gilt sie jedoch als deren paramilitärischer Arm. Von Gesinnungsfreunden wurde Agca schon kurze Zeit nach seiner Inhaftierung aus dem Militärgefängnis „Kartal Maltepe“ befreit. Nach dem Anschlag auf dem Petersplatz kursierten in den Medien die unterschiedlichsten Versionen über die vermuteten Hintermänner des Anschlags, von einem „Auftrag Moskaus“ mit bulgarischer Beteiligung, bis hin zu Spuren, die in den Mittleren Osten führen sollten. Selbst westliche Dienste gerieten ins Zwielicht wilder Spekulationen und gesteuerter Desinformationen – der Kalte Krieg schuf sich ein weiteres Gefechtsfeld, das bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist.

Der gefährlichste „Job“ der Welt: Päpste im Visier von Todesschützen

Aus diesem Mix nährte sich ein Buch, das anlässlich des Besuches von Benedikt XVI. in der Türkei erschien, von den Behörden und der Öffentlichkeit offenbar unbeanstandet, im Westen jedoch kaum wahrgenommen. Der als Polit-Thriller aufgemachte „Roman“ zeigt auf dem Titelbild den Papst, im Hintergrund ein mit einer „Rambo“-Schnellfeuerwaffe zielender Kämpfer und ein von einer Feuerlohe erfasstes Kruzifix, wohl als Anspielung auf die Verbrennung von Menschen im Zeichen des Kreuzes in vergangenen Jahrhunderten. (5) Unbeeindruckt von echten und obskuren Warnungen nutzte Benedikt XVI. seinen Besuch in Ankara und Istanbul, um auf die bedrängte Lage der Christen hinzuweisen und an die in der türkischen Verfassung garantierte Religionsfreiheit zu erinnern.

Die innertürkischen Vorgänge sind aus der räumlichen Distanz nur schwer durchschaubar. Man kann die Einzelheiten nur mit Vorbehalt beurteilen. Ob das nun angelaufene Gerichtsverfahren auch Zusammenhänge zu den Morden und blutigen Attacken nachweist, denen katholische Priester und evangelische Geistliche zum Opfer fielen, zu den Übergriffen auf orthodoxe und assyrische Christen in den Jahren 2005 und 2007 oder einen anderen Kontext offen legt, bleibt abzuwarten. Dies gilt insbesondere auch für die Frage, warum sich ausgerechnet ein militärischer Nachrichtendienst für kirchliche Angelegenheiten interessiert haben soll. Waren auch andere Dienste, etwa die der Gendarmerie, unter dem Dach der mächtigen und allgegenwärtigen Staatssicherheit Milli Istihbarat Teskilati MIT in die Überwachung christlicher Gemeinden eingeschaltet?

Erinnert sei an die mahnenden Worte von Vertretern der christlichen Kirchen an die Türkei im Herbst vergangenen Jahres. So forderten der Leiter des Katholischen Büros bei der Bundesregierung, Prälat Karl Jüsten sowie der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, den religiösen Minderheiten im Land am Bosporus mehr Rechte einzuräumen. Das Land müsse nicht nur die individuelle, sondern auch die kollektive Religionsfreiheit in der Verfassung und der gesellschaftlichen Wirklichkeit umsetzen, sagte Jüsten der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA (6). Erst wenn es zu solchen Verbesserungen komme, könne die Türkei ein möglicher Beitrittskandidat für die Europäische Union sein. Jüsten war zusammen mit seinem Amtskollegen, dem Beauftragten der Evangelischen Kirche bei der Bundesregierung und der EU, Prälat Stephan Reimers, sowie neun Abgeordneten aller Bundestagsfraktionen vom 30. August bis 3. September 2008 in die Türkei gereist.

Die innenpolitischen Vorgänge in der Türkei gewinnen aus christlicher Sicht zusätzliche Aktualität vor dem Hintergrund des von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen Gedenkjahres aus Anlass des 2000. Geburtstages des heiligen Paulus. Im Mittelpunkt steht dabei die Stadt Tarsus im Süden der Türkei als Geburtsort des Völkerapostels und Ziel von Pilgerreisen in diesem Paulus-Jahr (vom 28. Juni 2008 bis 29. Juni 2009).

Paulus von Tarsus. Papst Benedikt XVI. ehrt ihn mit einem Gedenkjahr

Auf den Spuren des Apostelfürsten wandelten im Herbst 2008, vom 29. September bis 3. Oktober, auch deutsche Bischöfe unter der Leitung des Kölner Erzbischofs, Kardinal Joachim Meisner. Höhepunkt sei die Feier der Heiligen Messe in der „Pauluskirche“ in Tarsus gewesen, meldete die Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz. (7).

In einem Brief an Ministerpräsident Tayyip Erdogan hatte Kardinal Meisner bereits im März 2008 den türkischen Regierungschef um die Rückgabe der vom Staat in ein Museum umfunktionierten früheren Pauluskirche gebeten. Meisners Schreiben knüpfte an eine Zusage Erdogans an, die dieser bei seinem Besuch im Februar 2008 in Köln angedeutet hatte. An dem Projekt beteiligt sich dem Vernehmen nach auch die Orthodoxe Kirche: Tarsus im Zeichen der Ökumene. (8)

Wie Prälat Reimers nach seiner Rückkehr aus der Türkei berichtete, haben ihm seine türkischen Gesprächspartner versichert, dass die historische Kirche von Tarsus auch nach dem Paulusjahr als Gebetsstätte genutzt werden könne. Laut Reimers ist die Türkei bemüht, europäischen und deutschen Standards zu genügen. Durch ein neues Stiftungsrecht und ein neues Religionskundebuch für den Unterricht sei die Situation für die religiösen Minderheiten verbessert worden.

Wie immer auch die türkischen Zusagen am Ende ausgehen – es bleibt zu hoffen, dass sich die demokratischen Kräfte durchsetzen und die Christen in dem Brückenland zwischen Orient und Okzident, dessen christliche Wurzeln bis in die Anfänge der Kirche zurückreichen, nicht erneut und wie so oft in der Geschichte zwischen und unter die Räder anderer politischer und religiös-ideologischer Mächte zerrieben werden.

Fußnoten:

1) Mustafa Kemal, genannt Atatürk, begründete in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhundert den modernen türkischen Staat als Nachfolger des Osmanischen Reiches: Abschaffung von Sultanat und Kalifat. Die islamische Rechtsordnung wurde durch eine laizistische Staatsform ersetzt. Trennung der Religion vom Staat. Mustafa Kemal, der bis heute kultische Verehrung genießt, wurde schon 1934 durch Parlamentsbeschluss mit dem Beinamen „Atatürk“ – „Vater der Türkei“ – in Ewigkeitsrang gehoben. Von 1923 bis 1938 stand er als erster Präsident an der Spitze der von ihm geschaffenen Republik. Den Christen brachte die moderne Türkei nicht die im Europa des 20. Jahrhundert gewohnten Freiheiten. Sie sind zwar nominell den Muslimen und anderen Bekenntnissen gleichgestellt, in der Praxis aber unterliegt die Religion der Aufsicht des Staates. Die Glaubensfreiheit bezieht sich allein auf die einzelne Person, nicht auf die Glaubensgemeinschaft insgesamt.

2) vgl. KNA Katholische Nachrichten Agentur v. 14. 08. 2008 / Die Geheimorganisation „Ergenekon“. Die Bezeichnung nimmt Bezug auf einen Mythos, der ein angebliches früheres großtürkisches Reich verherrlicht.

3) Der griechisch-orthodoxen Kirche. Patriarch ist derzeit Bartholomaios I Archondonis, seit 1991 Erzbischof von Konstantinopel und Ökumenischer Patriarch. Der türkische Staat verweigert der Glaubensgemeinschaft (wohl in erster Linie aus politisch-ethnischen Gründen, die sich in einer langen Geschichte des Konfliktes zwischen Türken und Griechen entwickelt haben) den Status einer juristischen Person, verbunden mit rechtlichen Einschränkungen. Dem Ökumenischen Patriarchen wird lediglich die Rolle eines Oberhauptes der wenigen griechisch-orthodoxen Christen in der Türkei zugestanden. Der Titel eines Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel wird von staatlicher Seite abgelehnt. Die Position, die Bartholomaios innerhalb der byzantinischen Tradition der orthodoxen Gemeinschaft einnimmt, geht auf das sechste Jahrhundert zurück. Sie bedeutet in der Praxis jedoch nicht mehr als einen Ehrenvorsitz unter den autokephalen (d.h. eigenständigen) orthodoxen Kirchen und ist heute mit keinerlei Machtanspruch, wie ihn die türkische Politik offenbar befürchtet, verbunden.

Die Religionsstatistik: In der Türkei leben rund 100 000 Christen; 99 Prozent der rund 70 Millionen Einwohner sind Muslime. Neben den Christen stehen, wie sowohl die Kirchenvertreter wie auch Politiker in der Bundesrepublik der Türkei vorhalten, die anatolischen Aleviten (eine Abspaltung von den türkischen Sunniten) unter einer Zwangssituation.

Nach Angaben des Phanars (d.i. der Sitz des Patriarchen in Istanbul/Konstantinopel) unterstehen seiner Jurisdiktion rund 3, 5 Millionen Gläubige (nach dem Stand von 2006); davon in der Türkei nur etwa 6000/7000,
davon 4000 Angehörige der griechischen Sprachgruppe. Die überwiegende Mehrheit verteilt sich auf Gemeinden in Griechenland, in Mitteleuropa, in Nord- und Südamerika und in Australien verteilt.

Abgesehen von den Orthodoxen, bilden die Mitglieder der altorientalischen und ostkirchlichen Gemeinschaften die christlichen Mehrheiten. Rund 50.000, nach anderer Quelle etwa 70.000 Mitglieder zählt allein die Armenisch Apostolische Kirche, hinzu kommen rund 10.000 aramäische Christen verschiedener Traditionen, sowie Protestanten einzelner Denominationen, darunter auch evangelikale, missionarisch tätige Gruppierungen.

4) vgl. Andreas Förster: Ein freier Mann. Internet-Ausgabe der Berliner Zeitung, Seite 3, 12. Januar 2006 (Textarchiv)

5) Der Titel des Romans von Yücel Kaya lautet „Papa´ya Suikast, mit dem englischen Zusatztitel „Who will kill the Pope in Istanbul?“ (Verlag Güclü Yayimcilik, Istanbul 2006.)

6) vgl. CIBEDO / Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle / Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz v. 4. 9. 2008

7) Pressemitteilungen der Deutschen Bischofskonferenz v. 2. 10. 2008
8 ) ZENIT V. 12. 3. 2008

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