Der Neue russische Patriarch Kyrill und die Beziehungen zum Papst

Analysen und Zitate aus einem Interview mit dem damaligen Metropoliten Kyrill

Kyrill (Wladimir Michailowitsch Gundjajew), Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, (dem ehemaligen Königsberg), wurde am 27. Januar 2009 zum Nachfolger des am 5. Dezember 2008 verstorbenen Alexij II. zum 16. Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus´ (so der Titel des Oberhauptes der Russischen Orthodoxen Kirche) gewählt. Ähnlich dem Papstamt eine Wahl auf Lebenszeit. Als Patriarch nahm der Gewählte den Namen Kyrill I. an.

Das Moskauer Patriarchat wurde 1589 errichtet und bildet, mit derzeit 100 Millionen Mitgliedern, die größte der 15 autokephalen Kirchen der Orthodoxie.

Der bisherige Leiter des Amtes für Außenbeziehungen des Patriarchats , also zuständig für die kirchendiplomatischen Beziehungen „Moskaus“, ist insofern für die westlichen Kirchen, also für den Vatikan und für den Weltkirchenrat, kein unbekannter Name – vielmehr gilt er als ein umgänglicher, in grundsätzliche Positionen zwar fester, jedoch dialogbereiter Gesprächpartner. Die Berufung Kyrills an die Spitze der größten autokephalen orthodoxen Kirche kam nicht überraschend; seine Rolle als Vordenker seiner Kirche und in der Sedisvakanz nach dem Tod Alexij´s vom Synod zum Statthalter des Patriarchats gewählt, machte ihn fast selbstverständlich zum Kandidaten erster Wahl, gleichwohl musste man gespannt sein, wie die konservativ-national geprägte Gruppe der Bischöfe abstimmen würden. Dass nun auch sie, in Zeiten internationaler gesellschaftlicher und politischer Krisen, sich für einen weitsichtigen und weltgewandten Bischof aus ihren Reihen entschieden, bestärkt die Hoffnung, dass nach abwechselnden Eiszeiten und Tauwetterperioden nun der Sommer eines fruchtbringenden Miteinanders einsetzt.

Kyrill I. – Patriarch von Moskau und der ganzen Rus´. Wie erwartet, stimmten bei der Wahl am 27. Januar 2009 in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale 508 der 702 Delegierten des Landeskonzils (bei 702 Delegierten und 677 abgegebenen gültigen Stimmen) für den Metropoliten von Smolensk und Kaliningrad und bisherigen Leiter des Außenamtes, der nach dem Tod von Patriarch Alexij II bereits zum Statthalter (Locum tenens) des Patriarchal-Sitzes gewählt worden war. Er wurde am 1. Februar 2009 in sein Amt eingeführt. Mit Kyrill, Jahrgang 1946, erhält die russische orthodoxe Kirche erstmals ein Oberhaupt, das sowohl aus der Nachkriegsgeneration als auch aus der Post-Stalin-Ära kommt. (1)

Noch in den Tagen vor seiner Wahl, während der Tagung des Landeskonzils, zeigten einige Grundzüge seiner kirchenpolitischen Vorstellungen auf. In Kürze: Öffnung der Kirche zur Gesellschaft, unter Nutzung der modernen Medien, auf der Linie seines Vorgängers; Absage an fundamentalistische Verengungen, Zusammenarbeit national und international, interreligiös (also auch mit nichtchristlichen Religionen, wie etwa dem Islam) und interkonfessionell, also mit den Katholiken sowie den nichtrömischen christlichen Kirchen, Bejahung des Dialogs, aber nicht zu Lasten irgendwelcher Kompromisse in der Glaubenslehre. Ferner Pflege der Kontakte mit staatlichen Behörden und schließlich, sozusagen als Generalauftrag jeder Religionsgemeinschaft: Verbreitung und Wiederbelebung des Glaubens sowie Stärkung der moralischen Grundwerte. (2)

Der Vorgänger hatte noch schwer an der Hypothek vergangener Jahrhunderte zu tragen, der Zeit des fragwürdigen Triumphalismus unter zaristischer Vormundschaft und der Jahrzehnte, der Demütigungen eines atheistischen Regimes, im eigenen Volk und in der westlichen Welt nur zu oft von dem Vorwurf der Kollaboration der Hierarchie mit dem kommunistischen Regime begleitet. Diese Vergangenheit überschattete auch den Prozess der Neufindung, verbunden mit innerorthodoxen Kontroversen und gesellschaftlichen Umbruchphasen, etwa zwischen nationalistischen, beharrenden einerseits und nach dem Neuen suchenden Kräften andererseits. Sie beschränkten Macht und Möglichkeit des Patriarchen Alexij II, der durch das Erbe seiner Vorgänger belastet war, im politischen Übergang von der Sowjetunion in das manchen Zerreißproben ausgesetzte Russland. In der Schlussphase seines Pontifikats allerdings ließ Alexi Verständigungsbereitschaft und brüderliche Nähe gegenüber „Rom“ erkennen, wie sie sich in der Korrespondenz mit Papst Benedikt XVI. ausdrückt.

Man kann auch nicht sagen, dass der Pontifex des „Dritten Roms“ (soweit ein solcher Vergleich erlaubt ist, angesichts der unterschiedlichen kirchlichen Verfassungen) dem „polnischen“ Papst Johannes Paul II. feindselig begegnet wäre. Doch dem Bruderkuss, von Karol Wojtyla so sehnlich gesucht, analog zur Ausöhnung mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, versagte er sich. Zwar hat Alexij noch im Mai vergangenen Jahres gegenüber Kurienkardinal Walter Kasper angedeutet, dass eine Begegnung auf höchster Ebene „prinzipiell möglich“ sei, aber auch für den Nachfolger in Rom ist das Ticket nach Moskau noch nicht ausgestellt.

Seine Vorbehalte, die weniger in theologischen als in „kanonischen“ Fragen begründet sind, hat Alexi mir gegenüber in einem ausführlichen Interview deutlich gemacht. Allein für ein Medienspektakel, wie es ein solches „Gipfeltreffen“ vermutlich provoziert hätte, wollte er sich nicht zur Verfügung stellen, hat Alexij stets wissen lassen. Mit anderen Worten: ein solches Spitzengespräch müsse sorgfältig vorbereitet werden. Will heißen: auf dem Weg zwischen Moskau und Rom und umgekehrt liegen noch viele Steine, um nicht zu sagen Felsbrocken, und beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, diese aufgetürmt zu haben. Dazu hatten sie ja einige Jahrhunderte Zeit. Selbst wenn Alexij gewollt hätte, die Front der Hardliner im Heiligen Synod, wäre da wohl nicht mitgegangen.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, sich in historische Details zu vertiefen. Offen im Raum, und in der Vergangenheit mit scharfen Tönen begleitet, stehen vor allem folgende „Steine des Anstoßes“:

Da ist der Vorwurf Moskaus, Rom betreibe Proselytismus und errichte eine eigene Hierarchie auf dem ureigenen Territorium des Patriarchats. In der neueren Geschichte ist auch an die Versuche der Jesuiten-Mission in den 20er Jahren zu erinnern, also schon in der Anfangsphase der Sowjetunion nach der bolschewistischen Revolution und das Scheitern Eugenio Pacellis (damals Apostolischer Nuntius in Berlin, ab 1939 Pius XII), zu entsprechenden Vereinbarungen mit dem Volkskommissariat zu kommen. Gewollt oder ungewollt, mochte die Orthodoxe Kirche einen Nutzen daraus ziehen, ebenso wie 1946 bei der erzwungenen Zwangsvereinigung der ukrainischen Katholiken mit dem Moskauer Patriarchat.

Der Streit um das kanonische Hoheitsrecht in Russland ist bis heute nicht beigelegt. Auch Rom gibt nicht „klein bei.“ Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Interview mit dem früheren Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, der mit kaum unterdrücktem Unmut darauf verwies, die Zeiten des cuius regio eius religio seien endgültig vorbei; die Freiheit der Seelsorge, die den Orthodoxen in Westeuropa und in aller Welt eingeräumt werde, müsse auch für die Katholiken in Russland gelten. Dass Karol Wojtyla im Zuge des politischen Wandels in der Sowjetunion einen polnischstämmiger Erzbischof zum ersten ranghöchsten Oberhirten ernannte und ihm die ehemalige polnische Gemeindekirche in Moskau als Kathedrale zuwies, zeigte nicht nur den Eigensinn des „polnischen Papstes“, sondern berührte alte Animositäten zwischen den beiden Nachbarvölkern.

Als ernster, an die Substanz gehender Streitpunkt gilt jedoch die „ukrainische Frage“, die Existenz der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche (des slawischen Ritus) in der Ukraine. Daneben besteht als zweite Kirche unter päpstlicher Jurisdiktion, die des lateinischen Ritus polnischen Ursprungs. Beide Kirchen konzentrieren sich in der West-Ukraine, dem östlichen Galizien. Als Johannes Paul II. im Juni 2001 zu einem „Pastoralbesuch“ in die Ukraine reiste, ließ der Einspruch aus Moskau nicht lange auf sich warten. Patriarch Alexij wetterte gegen den Konkurrenten und sprach von Verletzung seines eigenen kanonischen Territoriums.

War die Teilung der Kirche in der alten Rus, die Union mit der Papstkirche, vor mehr 400 Jahren ein schismatischer Akt, wie dies Moskau sieht; die „Heimkehr“ der Abtrünnigen durch die „Räubersynode“ von 1946 (so die ukrainischen Katholiken) nicht etwa recht und billig, sondern eine von Stalin gebilligte Zwangsvereinigung durch Übernahme der Gläubigen in die orthodoxen Gemeinden sowie Enteignung der Kirchengebäude und anderer Immobilien, und war die im Zuge der politischen Wende von den Unierten in manchen Fällen rabiate „Rückeroberung“ der Immobilien nun eine rechtmäßige Restitution oder doch auch – wenn man Kirchenbesetzungen und Gewalttätigkeiten vor Augen hat, nicht doch eine Fortsetzung überkommener Gegensätze, genährt von Hass und Vergeltung, die erneut Unschuldige trafen. Menschen auf beiden Seiten warten immer noch auf Heilung, in geistlicher wie in materieller Hinsicht.

Im Jahr 2005 verlegte Kardinal Ljubomyr Husar seine Residenz von Lemberg nach Kiew, in jene Stadt, die östlich wie westlich des Djnepr als Mutter aller Städte Russlands verehrt wird. Er änderte mit dem Umzug seinen Titel in Groß-Erzbischof von Kiew und Halic – was entsprechende Migräne-Anfälle im Danilow-Kloster an der Moskwa verursacht haben dürfte.
Wobei die ukrainische Frage sich nicht nur in Machtspielen mit zwischen dem Moskauer Patriarchat und der orthodoxen Metropolie mit den Unierten erschöpft, sondern zusätzlicher Zündstoff durch innerorthodoxe Spannungen beigemischt ist, mit zeitweilig bis zu vier involvierten Teilkirchen.

Auch die ukrainischen Unierten haben lernen müssen, dass der Chef nicht in Kiew, sondern der im Vatikan die Richtung vorgibt. So bleibt ihnen der schon von Husars Vorgängern Slipiyj und Ljubatschiwsky vergeblich erstrebte Titel und Anspruch eines Patriarchats von Rom bis auf weiteres verwehrt. Bei all diesen, westliche Zaungäste eher verwirrenden Zuständen, darf die Zeit des Leidens nicht vergessen sein, die den Unierten wohl doch mehr als den Orthodoxen schwere Opfer abverlangte. Erinnert sei an die Katakombenkirche, die „Kirche in den Wäldern“, die Deportation und Ermordung von unierten Bischöfen und Priestern, die Entmündigung der Gläubigen durch staatliche und orthodoxe Autoritäten.

Quo vadis – Kyrill? Wird er die Türen seiner Kirche weit öffnen, dem Vorbild eines römischen Papstes gleich, jenem Johannes XXIII, dem ein Vorgänger Kyrills im Außenamt, der Metropolit Nikodim (Rostow) eine Aufsehen erregende Biographie widmete. Seit meiner Begegnung mit Kyrill im Moskauer Danilow-Kloster in Moskau sind einige Jahre ins Land gegangen. Zwischen den beiden „Hauptquartieren“ hat ein intensiver Reiseverkehr eingesetzt, für den der einstige vatikanische Chefdiplomat Agostino Casaroli den Weg geebnet hatte.
Heute ist es vor allem der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen, der schon keinen Stadtplan mehr benötigt, um zum Sitz der Moskauer Kirchenleitung zu finden.

Erinnert werden darf wohl auch an die Pfadfinderdienste der deutschen Bischofskonferenz, geleitet von dem Bemühen, freundschaftliche Beziehungen zwischen den Ortskirchen zu bilden, ähnlich den Schritten gegenüber den französischen und polnischen Nachbarn. Wie weit sich die beiden Großkirchen angenähert haben, wird man abwarten müssen, bis sich Kyrill etabliert haben wird. „Schwester-Kirchen“ sind sie ja, wie schon der Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger konstatierte. (Wobei die „Fettnäpfchen“ nicht übersehen werden können, will heißen, die Empfindungen, die solche Umarmungen etwa bei den Kirchen der Reformation auslösen. So hat denn Papst Benedikt wohl die Erwartungen auf eine rasche Wende gedämpft. Vor den katholischen Bischöfen aus Russland, die in diesen Tagen zum Pflichtbesuch („ad limina“ – zu den Gräbern der Apostel) im Vatikan weilten, äußerte er seine „Freude über die Wahl des neuen Patriarchen“ und ermutigte die Oberhirten aus dem Osten zum Dialog mit der Orthodoxie. Er räumte allerdings auch ein, dass dieser Dialog „trotz der erreichten Fortschritte noch vor einigen Schwierigkeiten stehe“.

Einer dieser Stolpersteine könnte in der Art liegen, wie der Pontifex sein Amt ausübt. Den universalen Anspruch können und dürfen römische Päpste wohl vom katholischen Selbstverständnis her nicht aufgeben. Johannes Paul II versuchte mit einem Schreiben – allerdings nicht von allen Seiten goutierten Kompromiss den Weg für eine umfassende Ökumene zu öffnen – ut unum sint – und beschränkte sich darauf – von dem innerkatholischen Bestehen auf seinen Jurisdiktionsprimat – gegenüber der christlichen Außenwelt auf den „Vorsitz der universalen Gemeinschaft der Liebe“. Benedikt XVI. bleibt auf dieser Linie. Dann schaffte er den partikulären Titel eines „Patriarchen des Westens“ aus der Zeit des großen Schismas ab und unterstrich damit den Anspruch des Petrusamtes für die Stadt und den Erdkreis.

So knüpfen sich einige Erwartungen an die Veränderungen in Moskau und den fortschreitenden Pontifikat in Rom. Noch einmal kommt Nikodim, der Metropolit von Leningrad und Nowgorod in den Sinn. (Als Leiter des Außenamtes hatte er am 5. September 1978 den neu gewählten Papst Johannes Paul I. besucht und war während der Begegnung plötzlich zusammengebrochen, „in den Armen des Papstes“ einem Herzinfarkt erlegen, wie gemeldet wurde. Spekulationen, die Todesursache sei eher bei Geheimagenten zu suchen, ließen nicht lange auf sich warten, wie auch bald darauf beim plötzlichen Tod seines päpstlichen Gastgebers.)

In seinem Buch über Johannes XXIII (3), dem die Kirche das Zweite Vatikanische Konzil verdankt, zitierte der orthodoxe Kirchenführer den deutschen Jesuitenpater Karl Rahner mit dem Satz: „Der Papst der Übergangszeit zum Neuen hat die Kirche gezwungen, auf den Weg der Zukunft überzuwechseln.“ Dem neuen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche möchte man ebenfalls wünschen, dass er neue Wege findet und hoffen, dass der 62 Jahre alte Kirchenfürst (geb. 20. November 1946 in Leningrad/Petersburg) nicht nur als Übergangspatriarch bei einer maßvollen Richtungsänderung weder von den eigenen Mitbrüdern, noch von Hirten anderer Konfessionen allein gelassen wird.

In einem Interview, das Metropolit Kyrill vor dem Autor dieser Zeilen gab, äußerte sich der ranghohe orthodoxe Geistliche sowohl zu innerorthodoxen Fragen und zur Lage in Russland wie zu den Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche. Einige Zitate aus diesem Gespräch, aufgezeichnet für das Fernsehen, mögen die Intentionen des neuen Patriarchen verdeutlichen, Grundgedanken, die auch heute noch aktuell sind. (4)

Blick in die Vergangenheit

„Was die Leiden meiner Kirche angeht, so ist das eine Realität. Wir haben sie erlebt. Leider vergessen das heute viele. Sowohl bei uns im Land, als auch in der Kirche. Es ist bereits eine neue Generation von Menschen herangewachsen, die sich an jenes schwere Leben nicht erinnert, das wir durchgemacht haben. Das ist gut und schlecht zugleich, denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Weisheit eine Fähigkeit ist, die eigenen und die Erfahrungen anderer zu analysieren und das Ergebnis für das reale Leben zu nutzen.“

„Die Rolle der Kirche war in der Geschichte Russlands eine ganz besondere. Man muss sich daran erinnern, dass es in Russland keine Reformation gegeben hat. Es gab kein Schisma. Im 17. Jahrhundert gab es allenfalls eine unerhebliche Kirchenspaltung, aber sie hat nicht zur Herausbildung einer neuen Konfession geführt. Das war eine Trennung innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche. Ungeachtet dessen, dass sie eine schmerzhafte war, hat sie nicht die geistige Einheit des Volkes zerstört. Deshalb kann man sagen, dass die russisch-orthodoxe Kirche im Verlauf all dieser Jahrhunderte eine geistig Stütze für das gesamte Volk war.“

Kirche und Politik

„Tatsächlich gibt es in Russland unterschiedliche politische Kräfte, die sich gern auf die Kirche stützen würden. Und das erneut unter dem Aspekt, dass die Kirche einen erheblichen geistigen Einfluss auf die Menschen ausübt. Diese Kräfte machen uns besonders im Zusammenhang mit Wahlen zu schaffen. Nicht unbedingt bei landesweiten Wahlen, sondern selbst auf lokaler Ebene. Unterschiedliche Kräfte versuchen, die Kirche auszunutzen. Doch ich denke, dass es uns heute gelingt, sehr deutlich zu erklären, nicht nur verbal, sondern auch in der Tat, dass es die Kirche nicht wünscht, eine Stütze irgendeiner politischen Kraft zu sein, weder der rechten, noch der linken Kräfte, weder der nationalistischen, noch der liberalen.“

Beziehungen zum Vatikan

Kyrill sprach damals von Beziehungen auf „niederem Niveau“. Dagegen habe man eine „Blütezeit“, so merkwürdig es klingen möge, in der Sowjetzeit erlebt. Die Russisch-Orthodoxe Kirche sei die erste Kirche gewesen, die auf die Einladung der Römisch-Katholischen Kirche reagiert und Vertreter zum Zweiten Vatikanischen Konzil entsandt habe. Selbst in den „schwierigsten Jahren“, Ende der 70er/ Anfang der 80er, sei es zu einem intensiven Austausch von Studenten und Professoren gekommen. Das seien „Momente der Hoffnungen“ gewesen.“

Anschließend sprach Kyrill von einer „negativen Entwicklung“ im Westen der Ukraine: Die Legalisierung der griechisch-katholischen Kirche sei „vom Wesen her völlig legitim“ gewesen und von der Russisch-Orthodoxen Kirche unterstützt worden. Dann aber sei es zu einer „Tragödie für die orthodoxen Gemeinden“ gekommen, die aus ihren Gotteshäusern vertrieben worden seien. Man haben ihnen „alles genommen, was sie besaßen.“

Katholische Strukturen in Russland

Die Errichtung von vier Diözesen auf russischem Gebiet sei durch Rom „auf der Grundlage einer völlig falschen Analyse erfolgt, auf Grund von „Fehlinformationen aus russischen Katholikenkreisen in Rom.“ – „Jedes Land hat seine Tradition, jedes Land hat seine Prinzipien. Und wenn man auf dessen Territorium agiert, muss man dies beachten. Wir jedenfalls bemühen uns bei unserer Arbeit in Deutschland auf die deutschen Gesetze, Traditionen und Bräuche Rücksicht zu nehmen.

„Wir bemühen uns nicht, das deutsche Volk zu christianisieren. Leider spiele sich in Russland „alles umgekehrt“ ab, sagte Kyrill. Dutzende Nonnen- und Missionsorden arbeiteten heute in Moskau. „Wozu arbeiten sie hier?“, fragte der Metropolit. „Sie sind doch in ein christliches Land gekommen. Wir sind doch kein heidnisches Land.“ – „Wir sind der Auffassung, dass sich unsere katholischen Brüder sehr gut an den Aufruf erinnern sollten, den der Apostel Paulus an die frühen Christen gerichtet hatte. Er sagte: Predige nicht an dem Ort, wo bereits das Wort Gottes gepredigt worden ist.“

Kyrill ging auch auf eine damalige Äußerung des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper, den vatikanischen Beauftragten für die ökumenischen Beziehungen, ein. Kasper habe zwar recht, wenn er sage, man könne die Kirche nicht zwingen, den Missionsauftrag einzuschränken. „Denn wenn es eine einheimische Kirche gibt“, so Kyrill, dann muss sie sich mit der Glaubensverbreitung befassen.“ Doch habe die katholische Kirche einheimische katholische Ortskirchen in Russland gebildet. Kyrill wörtlich: „ Damit sind nicht mehr nur die Katholiken, nicht die Polen, Litauer und Deutschen gemeint, die seit Generationen auf unserem Territorium leben. sondern sie hat neue Strukturen gebildet. Und dagegen sind wir.“

Ein Patriarchat für die Unierten?

Er glaube nicht, dass der Papst (gemeint war seinerzeit Johannes Paul II.) die unierte Kirche in der Ukraine zum Patriarchat aufwerte. Er bete dafür, dass dies nicht geschehe. „Wenn ein solches Patriarchat von ihnen geschaffen wird, was Gott verhüten möge, dann würde das bedeuten, dass die katholische Kirche ihr Patriarchat gegen das russische stellt. Womit die Legitimität des orthodoxen Patriarchats in Zweifel gezogen wird. …Wenn in der Ukraine für die Unierten ein katholisches Patriarchat errichtet wird, wäre dies eine absolut neue Struktur, die wirklich auf eine Konfrontation mit der orthodoxen Kirche ausgerichtet ist.“

Zukunft der Kontakte

„Ich denke, dass wir im Ergebnis der Kontakte, die es gibt und die nie eingestellt wurden, einen Ausweg finden sollten, Ich bin zumindest zutiefst davon überzeugt, dass man in Rom sehr wohl begreift. wie ernst die Situation ist. Und wir verstehen, dass heute, wo sich zwei solche große Kirchen in so schlechten Beziehungen befinden, dass dies nicht normal ist. Das ist für die gesamte christliche Welt nicht normal. Das schwächt die ganze christliche Gemeinschaft.“

Wann ein Gipfeltreffen?

„Wir sagen immer wieder, dass ein Treffen stattfinden muss, aber nicht, damit das Fernsehen schöne Bilder bekommt.“ Ein solches Treffen müsse dazu dienen, die Beziehungen zwischen den Kirchen zu ändern – und folglich auch, „damit sich tief greifende Veränderungen in den Beziehungen zwischen den Menschen vollziehen.“ Eine solche Begegnung auf höchster Ebene der Kirchenführer müsse schließlich zu einem Epoche machenden werden. „Es muss die schwere Geschichte unserer Beziehungen beenden und eine neue Seite in unseren Beziehungen aufschlagen.“

Aufgabe in postkommunistischer Zeit

Kyrill gibt der kirchlichen Aufgabe den Vorrang, die christlichen Werte zu bewahren. Die moralischen Werte im Leben des Volkes zu erhalten. Darüber hinaus müsse man versuchen, diese Werte in das heutige Bewusstsein der Menschen zu inkorporieren: „dass das Christentum nicht nur eine persönliche oder familiäre Angelegenheit ist.“ – „Wir müssen erreichen, dass ein Minister bei einer Kabinettssitzung sagen kann: Ich kann nicht so handeln, aber nur so, weil ich Christ bin. Dass ein Geschäftsmann beim Abschluss eines Vertrages mit einer anderen Firma sagt: Ich kann mich nicht auf diese ungutem Bedingungen einlassen, weil ich Christ bin. Wir möchten sehr gern, dass die christliche Moral, die christlichen Werte, heute zu einer Stütze unseres öffentlichen, unseres politischen und wirtschaftlichen Lebens werden. Dafür lebt die Kirche.“

„In der zaristischen Zeit war die Kirche eine Staatskirche. Aber sie war nicht frei. Danach begann die Zeit des Genozids gegen die Kirche. Und erst jetzt haben wir praktisch die Möglichkeit, die Beziehungen zwischen Kirche und Staat frei zugestalten. Es ist uns gelungen, wie mir scheint, ein Modell zu schaffen. Dieses ist in unserer Soziallehre festgeschrieben worden.“

Weltrat der Kirchen

Die Beziehungen zwischen dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf und dem Moskauer Patriarchat waren in eine Krise geraten, da sich die Orthodoxen bei Mehrheitsabstimmungen benachteiligt fühlten. Sie kritisierten, dass nur die Mitgliedschaft der einzelnen Kirchengemeinschaften zählten, nicht jedoch die Anzahl der Gläubigen die sie jeweils vertreten. So sei es dazu gekommen, dass die russisch-orthodoxe Kirche, obwohl der Anzahl der Gläubigen nach die größte Einzelkirche, bei Abstimmungen ins Hintertreffen gerate. Moskau bestand auf Konsens-Abstimmungen und drohte mit Bruch.

Ausdrücklich sprach sich Kyrill für eine Mitgliedschaft der römisch-katholischen Kirche im Weltkirchenrat aus. „Wir würden den Beitritt der katholischen Kirche zum Weltrat der Kirchen sehr begrüßen. Es droht keinerlei Gefahr für die Protestanten.“ Da werde es „einfach drei Familien, die katholische, die orthodoxe und die protestantische“ im Weltrat geben. Dies ermögliche „einen wirklichen weltweiten christlichen Dialog“, der alle Schwierigkeiten, wie sie nun einmal gegeben seien, widerspiegelt. Ohne eine Beteiligung der römisch-katholischen Kirche sei die Tätigkeit des Weltkirchenrates keine vollwertige. Kyrill: „Wir haben die katholische Kirche deutlich aufgerufen, diese neuen Möglichkeiten zu nutzen, sich dem Weltrat der Kirchen anzuschließen, um eine aktiverer Rolle in der internationalen Ökumene zu spielen.“

Fußnoten:

1) Foto: Offizielle Webseite des Moskauer Patriarchats

2) vgl. P. Sebastian Hacker OSB: Wer ist Patriarch Kyrill. Was sind seine Prioritäten? ZENIT.org v. 29. 1. 2009

3) Nikodim Metropolit von Leningrad und Nowgorod: Johannes XXIII. Ein unbequemer Optimist.), mit einem Geleitwort des Erzbischofs von Wien, Franz Kardinal König. Zürich, Einsiedeln, Köln 1978.

4) vgl. „Wir sind kein heidnisches Land“, Metropolit Kyrill zu Religion und Gesellschaft in Russland. Ein Bericht von Werner Kaltefleiter, Phoenix, 3. 11. 2002.

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