Zweiter Weltkrieg – “Gott mit uns”? – Teil 1

Erinnerungsstücke zum 1. September 1939

1.

Manche Mitbürger in Wiesbaden und in der regionalen Nachbarschaft mögen sich erinnern und davon sprechen, wenn sie dazu geneigt sind, wie „damals“ der „Blaue Bus“ durch die nassauischen Städtchen und Dörfer fuhr und Menschen „abholte“, die der Ortsgruppenleiter als „Idioten“ bezeichnet hatte. Die hilflosen Opfer, psychisch Kranke und geistig Behinderte, kamen zum Beispiel auf den Eichberg bei Kiedrich, auf den Kalmenhof bei Idstein, nach Weilmünster und in weitere Einrichtungen im „Reich“. Die einen wurden dort, die meisten aber anschließend in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar einer „Sonderbehandlung zugeführt“, die im diametralen Gegensatz zum Eid des Hippokrates stand. Sie wurden ermordet – durch Entzug der Nahrung, durch die Giftspritze und schließlich in der Gaskammer.

Die Nazis nannten dies Euthanasie, zynisch den von den alten Griechen stammenden Begriff vom „schönen Tod“ missbrauchend. Adolf Hitler, Herr über Leben und Tod, hatte entschieden, Menschen, die nach der Rasseideologie seines Systems als „lebensunwert“ galten, den „Gnadentod zu gewähren.“ Die Aktion lief unter dem Tarnnamen „T4“, der Adresse der Organisationszentrale der Tötungsmaschinerie, Berlin, Tiergartenstrasse Nr. 4. Der entsprechende Erlass des Diktators war auf den 1. September 1939 datiert. Dies war doch der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg begann? Ja, aber eben nicht nur. Ich denke an jene, die dem Ungeist widersagten und mit ihrem Leben büßten, an die unzähligen Opfer unter den Männer und Frauen und Kinder der Zivilbevölkerung in Europa – heute in der Sprache der Militärs als Kollateralschäden eingeordnet, „leider nicht ganz vermeidbar“ und schließlich der Völkermord, begangen an den aus rassischen Gründen verfolgten, in erster Linie an den Juden – im allgemeinen Sprachgebrauch als „Holocaust“ bezeichnet, einem allerdings auch religiös konnotierten, eher chiffrierenden Begriff. Juden sprechen klarer von dem, was Absicht der Nazis war: Shoá – die Vernichtung der Juden in Europa.

2.

In der psychiatrischen Landes-Heil und Pflegeanstalt auf Schloss Colditz in Sachsen wurden 1938/39 „unheilbar kranke“ Patienten zu Tode gepflegt, vor allem durch die als Brei vorgesetzte „Colditzer Kost“ ohne Fett und Fleisch. In den Jahren zuvor war die uralte Barbarossa-Reichsburg in ein Schutzhaftlager für Gegner des Nationalsozialismus umfunktioniert worden, als Durchgangsstation nach Buchenwald. Aber davon kein Sterbenswert in den aktuellen Werbeschriften, die den Tourismus ankurbeln soll. Kommen Sie nach Colditz – „Da erleben Sie was“. Dieser Slogan lockt vor allem britische Besucher im Veteranenalter an. Das Schloss diente im Zweiten Weltkrieg als Hochsicherheitsgefängnis für alliierte Offiziere, die nach wiederholten Fluchtversuchen hier interniert wurden. Den Darstellungen zu Folge ging es im „Oflag IV C“ eher wie in einem Sanatorium zu, „wie Gentlemen“ seien die Herren Feinde von ihren deutschen Bewachern behandelt wurden – sozusagen von Offizier zu Offizier, ungeachtet der auch dort entdeckten Ausbruchversuche. Nur jeder zehnte kam durch.

3.

Die Sätze Hitlers in der Kroll-Oper, vor einem Reichstag, der nur seiner Partei gehörte, stehen in jedem Geschichtsbuch: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“ und: „…seither wird Bombe mit Bombe vergolten. Wer mit Gift kämpft, wird Giftgas bekommen.“ Der damalige Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Brauchitsch beendete seinen Tagesbefehl mit den Worten: „Wir glauben an den Führer – Vorwärts, mit Gott für Deutschland.“ Wie es so ähnlich auf dem Koppelschloss der Wehrmacht eingraviert war, darunter der Reichsadler mit dem Hakenkreuz in seinen Klauen. Unter der Losung „Gott mit uns“ waren schon des Kaisers Soldaten ins Feld gezogen und hatte die Reichswehr aufgerüstet – noch ohne Nazi-Symbole.

Wie Kriege enden: Von der Heldenverehrung zur Trauer um die Opfer an der Front, von Bombenterror, Flucht und Vertreibung, Vergewaltigung und Ermordung.

Sozusagen „termingerecht“ hat ein für seine Weltkriegsliteratur einschlägig bekannter Verlag einen Nachdruck von Hitler-Ansprachen, Tagesbefehlen und Berichten des Oberkommandos der Wehrmacht auf den Markt gebracht. Geschichts-Revisionismus nach der seit Kriegsende bekannten Lesart, gängig an gewissen Stammtischen: Schuld sind die anderen. England und Frankreich, die einen Regionalkonflikt zum Weltkrieg ausweiteten. Kein Wort zum Hitler-Stalin-Pakt einen Monat zuvor, als die beiden Diktatoren geheim vereinbarten, Polen sich als Beute zu teilen, für den Fall „territorial-politischer Umgestaltung.“ Dieser Fall trat ein – der „Fall Weiß“ ausgelöst mit den ersten Schüssen, eine Stunde vor der Zeitangabe Hitlers. Ein ebenso verlogener „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ untermauerte den damals noch gemeinsamen Raubzug von Nazis und Sowjets. Polen sollte als eigenständige Nation von der Landkarte verschwinden.

Ehemaliger Schlachthof in Wiesbaden. Von der Viehrampe wurden die Juden der Stadt abtransportiert. Die provisorische Gedenkstätte soll durch eine würdigere ersetzt werden.
Fotos: (c) Werner Kaltefleiter

In dem soeben veröffentlichten Machwerk wird auch die Version aufgewärmt, Polen habe zu Beginn des Krieges Giftgas eingesetzt. Tatsächlich handelt es sich um einen einzelnen Vorgang, als am 8. September deutsche Pioniere beim „Wegräumen einer Baumsperre“ auf einer Brücke bei Jaslo in den Vorkarpaten die Explosion einer Gelbkreuzmine auslösten. Zwei Soldaten wurden getötet, ein Dutzend schwer verwundet – weil ein polnischer Offizier den aberwitzigen Befehl erteilt hatte, gegen die Haager Konvention über die Ächtung von Kampfstoffen. Für die deutsche Kriegspropaganda ein gefundenes Fressen, als nachträgliche Rechtfertigung der Hitler´schen Gas-Androhung. Heute wird man fragen dürfen, ob nicht jene, die mit dem inszenierten Gleiwitz-Zwischenfall einen Kriegsgrund provozierten, ihre Hand auch bei der Senfgasgranate im tiefen Süden Polens im Spiel hatten.

Waren die Deutschen ein Volk, „über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte“. Geht es so kurz und bündig, Heiliger Vater? Sollte jemand die Sätze des deutschen Papstes in Auschwitz-Birkenau als Generalabsolution missverstanden haben?

Die Nazis malten die Bedrohung von der jüdisch-bolschewistischen Gefahr an die Wand, und ermordeten selbst das Ungeborene einer Jüdin in Galizien. Hitler weiß, wen er anspricht, wenn er in „Mein Kampf“ ankündigt: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, hatte Hitler in „Mein Kampf angekündigt“ – 1942, im Jahr der Wannsee-Konferenz glaubte Pius XII in einer internen Ansprache an Heiligabend vor den ranghöchsten Kurienprälaten das Wort vom Gottesmord „Jerusalems“ in den Mund zu nehmen zu müssen. Ähnlich klang es schon in der deutschsprachigen Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937 an. Um jedem Missverständnis vorzubeugen. Dies ist keine Gleichsetzung mit den Verbrechen der Nazis, allerdings eine fatale Gleichzeitigkeit eines fortdauernden christlichen Antijudaismus über die Jahrhunderte. Insofern ist der Gedenktag nicht nur eine Angelegenheit der Zivilreligion, des Protokolls von Rathäusern und Regierungskanzleien. Die Kirchen, die römisch-katholische, wie die der Reformation, haben Grund zur Besinnung. In den Kontext des 1. September 1939 gehört untrennbar der 9. November 1938. An jedem Tag, als in Deutschland die Synagogen brannten, feierte die evangelische Kirche den Geburtstag ihres Namensgebers, jenes Dr. Martinus Luther, der in seiner gegen die Juden gerichteten Schrift gefordert hatte, „dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke/Und was nicht verbrennen will, mit Erde überheuffe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacken davon sehe ewiglich… – „Genau das haben wir getan“, brüstete sich einer der schlimmsten Judenhasser der Nazis, der fränkische Gauleiter Julius Streicher vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal

„Dieser theologische Antijudaismus und diese Doktrin wurden jahrhundertelang offen gelehrt und dann durch Luthers Judenfeindschaft im Bewusstsein der Deutschen tief eingeprägt“, schreibt Leo Trepp, 1913 in Mainz geboren, der einzige noch lebende Rabbiner der Vorkriegszeit.

Schärfer noch sagte es der jüdische Theologe Pinchas Lapide in einem Kommentar zur „Barmer Erklärung“ der Bekenntnis-Synode von 1943. Deren christologische Engführung markiere die Trennlinie zwischen Kirche und Synagoge, den Ausschluss aller nicht an Christus glaubenden Juden vom Heil. Evangelische Theologie habe in diesem Sinne „indirekt zum Förderer eines gesellschaftlichen Antisemitismus“ werden können. Kurzum: „Wer Jude ist, der ist kein Christenmensch …kann also nur ein Untermensch sein und hat als solcher kein Lebensrecht“. Philipp Reemtsma kommt zu dem Schluss: „Die Politik der totalitären Religion ging dem Totalitarismus als politischer Religion voraus.“

Fortsetzung folgt.

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