Zweiter Weltkrieg – “Gott mit uns”? – Teil 2

4.

Der 1. September 1938, als der Beginn eines „Vernichtungskrieges“ im Osten und der Aussonderung von Menschen und Völkern nach der rassistischen Weltanschauung des Nationalsozialismus  könnne in ihrem inneren Zusammenhang nicht ignoriert werden.  Der 9. November 1938 und die ihm folgenden Tage der antijüdischen Pogrome eröffnete den Weg zur Shoá, der Krieg, zunächst gegen Polen, dann gegen den Westen und schließlich gegen die Sowjetunion, schuf die Voraussetzungen, die Vernichtungspläne der Ideologie der Herrenmenschen zu verwirklichen.  Geboren aus einem Nichts, oder  aus  zeitgeschichtlichen Prozessen des 19. Jahrhunderts, wie sie von antisemitischen Gedankenträgern um Marr und Zeitgenossen geboren wurden?

Wer sieht die antijüdischen Symbole an christlichen Kirchen: die triumphierende Ecclesia gegenüber der blinden Synagoga.  Man muss nicht  erst nach Straßburg und Bamberg fahren, oder nach Regensburg, wo die  widerliche Darstellung der sogenannten „Judensau“ am Südportal angebracht ist.   Darstellungen, die das jüdische Volk herabsetzen waren Tradition in der Geschichte christlicher Kirchenbaukunst und müssen nicht lange gesucht werden. Beispiele:  Teufel und Jude am Wetzlarer Dom, die Szene der Seligen und Verdammten am ehemaligen Westlettner im Mainzer Dom-Museum: Die Seligen, zur Rechten Gottes sitzend, angeführt vom Papst, die Abgewiesenen, an erster Stelle die Juden,  „von vornherein für die Hölle bestimmt“, wie der Ausstellungskatalog erläutert .  Kirchenlehrer  Augustinus hatte die Juden der massa damnata zugerechnet, als Ungetaufte der ewigen Verdammnis ausgeliefert.

Erinnerung an eine „Blutspur“ (Pinchas Lapide) in der Geschichte:
„Triumphierende Kirche“ –  „Besiegte Synagoge“

Der Leser mag vor seiner eigenen Haustüre schauen. In Wiesbaden ist es  die Dreifaltigkeitskirche  in der Frauenlobstraße, vom Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker im neo-romanischen Stil entworfen, von 1910 bis 1912 fertiggestellt. Ein Schaustück des Historismus, aber auch ein Zeugnis der Gebrochenheit in den christlich-jüdischen Beziehungen. Auch hier am Eingangsportal die allegorische Darstellung der siegreichen Kirche gegenüber der unterworfenen Synagoge.

Wir  schauen auf die evangelische Ringkirche:  In der  Erinnerung kommen uns die „Deutschen Christen“ entgegen, stramm arisch einmarschierend in die Reichskirche von Hitlers Gnaden. Bis 2005 noch erstrahlte im großen Kirchenfenster das Blut-und-Boden-Symbol.  Aber es begegnen uns auch die Aufrechten: Pfarrer-Notbund, Gemeindetag unter dem Wort, Barmer Bekenntnis-Synode von 1934.  Und Pastor Martin Niemöller – der U-Boot-Kommandant des Ersten Weltkrieges.  Auch er kurz der nationalsozialistischen Idee verfallen, dann „persönlicher Häftling Hitlers“.  Nach 19435 bekannte er:  „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“  Nach Kriegsende hat es von kirchlicher Seite nicht an Schuldbekenntnissen gefehlt – von oben, wie in Gemeinde-Gottesdiensten.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat jede Form von Zurückweisung der Juden verurteilt.  Doch wird immer noch und schon wieder an Karfreitag für die Juden gebetet – und die Pius-Brüder – aus deren Reihen ein bischöflicher Holocaust-Leugner hervorging – sagen es deutlich, warum. In Bacharach,  erinnert die Werner-Kapelle  an die über Jahrhunderte gepflegt abscheuliche Legende vom jüdischen Ritualmord  erinnert,  wie sie an der nassauische Mundartdichter Rudolf Dietz in einem seiner Scherzgedichte an einem Beispiel aus dem Vogelsberg kolportierte.

In einer  Sammlung seiner Poeme unter dem Titel „Deham is deham“ ließ er noch 1940 – zwei Jahre nach den ersten schweren Übergriffen der Nazis –  unter dem Titel „Der Ritualmord“   Zeilen über ein Gespräch zwischen „Waschweibern“ veröffentlichen zu denen sich ein Lumpensammler gesellt, „der saat:  Baßt acht! E Rictualmord is gescheh´! Dem Lisbeth blieb des Maul uffsteh`.  E Ritualmord! Denkt euch aa´, E´ ahler Jud, der hot´s gedah´! Im Vogelsberg in Owerhesse – Do hot der Jud e Kristche gefresse!“.  Woraus der „Dichter“ Dietz schließt:  „Kaa´Wunner, daß de´die kleenste Kinn / Schunt all do Antisemite sinn!“.

In  einem Wiesbadener  Vorort trägt eine Grundschule bis heute  den Namen dieses Heimatdichters Die politischen Lokalgrößen sehen keinen Anlass, dies zu ändern. Der Stoff langt allenfalls zu örtlichem parteipolitischem Gezänk und um Wählerstimmen.

5.

Vor 70 Jahren begann der zweite Weltkrieg. Der erste war erst zwanzig Jahre zuvor zu Ende gegangen.  Das 20. Jahrhundert  ein Jahrhundert der Kriege und das neue Jahrtausend begann, wie das alte endete.  Erinnerung an den 1. September würde ihren Sinn verfehlen, würden darüber die „Konfliktherde“ und „Brennpunkte“ unserer Tage in den Hintergrund gerückt. „Unsere Soldaten“ , den friedlichen zivilen Wiederaufbau Afghanistans schützen sollen, sind offenbar mehr mit Selbstverteidigung beschäftigt. Sie sprechen von „Gefallenen“ und von „Krieg“ ungeachtet der politischen Sprachregelung.   „Pro patria mori“  – damit eilten die junge Generation 1914 zu den Fahnen und endete in Stahlgewittern. Wer die Bilder sieht, wie Soldaten auch in unseren Tagen „am Hindukusch sterben“ kann sich schwer vorzustellen,  wie „süß und ehrenvoll“ dies gewesen sein soll.  Wer seinen Horaz kennt, weiß auch um die andere Spruchweisheit:   Sapere aude -  den Verstand zu nutzen?

Vor einem „Untergang des Abendlandes“, wie ihn die  xenphobischen Hysteriker  unserer Tage in gewollter Verdrehung des Spenglerschen Begriffs schwarzmalen kann ebenso wenig die Rede sein, wie von den „Anfängen“  eines „Vierten Reiches“  angesichts der allerdings gespenstischen Aufmärsche von kahlköpfigen Neonazis und ihren Straßenkämpfen mit der linksradikalen, sogenannten „autonomen“ Szene.   Europas kulturhistorische Errungenschaften sind nicht „ausgemodelt“,  sondern in die Form neuer,  offener Gesellschaften eingeflossen:   „Tradition mit Fortschritt“,   ohne  einer  inhaltslosen Phrase das Wort zu reden.  Die Mehrheit der Deutschen, die Nachkriegsgeneration ist in liberale Gesellschaftsformen eingewurzelt und verdient  eine besser Art der  Glaubwürdigkeit seitens einiger politischer Meinungsführer, als diese der Nation zumuten.

Erinnerung an den 1. September 1938. Nehmen wir zur Kenntnis, dass der Generalinspekteur der Bundeswehr Wolfgang Schneiderhahn darauf hinweist: „In unseren Schriften – auch in jenen für den einfachen Soldaten – finden Sie eine abendländisch-christliche geprägte Einstellung“. (Cicero 8/2009) Soll heißen: die Verpflichtung zu sittlichem Handeln, d.h. keine Befehle zu befolgen, die ein Verbrechen oder ein Vergehen beinhalten, ist die konsequente Reaktion auf die Verbrechen des Dritten Reiches, für die auch die Wehrmacht missbraucht wurde, in die sie verwickelt war.

Doch halten wir es auch mit Martin Niemöllers Erkenntnis nach der Katastrophe. Sein Votum gilt auch heute  „irgendwie“, unter anderen Umständen.

September 2009, Werner Kaltefleiter

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