Ora et labora

Ein deutsches politisches Monatsmagazin bringt regelmäßig gegen Ende des Blattes eine kleine philologische Gedenkecke, wo unter Verzicht auf ausschweifende Expertenmeinung kurz und bündig jedesmal einige „gefährdete Wörter“, aber auch „untergegangene Wörter“ sowie „neu entstandene Wörter“ aufgelistet werden. Eine kurze Nachdenklichkeit über diese Mitteilungen führte mich zurück zu einem Spaziergang am Vortag entlang dem Rheinufer meiner Heimatstadt. Die Augenblicke am Strom sind immer wieder ein Erlebnis. Das im Jahresreigen wechselnde Schauspiel der Natur, das Leben am und auf dem Strom, die Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse dieser Völker verbindenden aber immer wieder trennenden Grenzlinie, in so vielen Romangeschichten beschrieben, dann den vorbeifahrende Schiffen nachzusehen, bis mit ihnen der Blick an der Flussbiegung fernen Traumzielen entgegeneilt einen Hauch von Fernweh stimulierend oder doch ein wenig Reiselust.

Wie viele Container-Riesen und Lastkähne ziehen täglich vorbei, wenn die Statistik vom am stärksten frequentierten Wasser-Transport-Weg Europas spricht. Nichts, was sie tief in ihren Bäuchen und haushoch aufragend zu ihren Bestimmungsorten tragen, Stückgut, Schüttgut, flüssiges Gut. Bei aller modernen Navigationstechnik immer noch eine Arbeit, bei der es auf jede Hand ankommt – sei es der Matrose oder noch mehr der Kapitän auf der Brücke. Schwierige Passagen hat er auf der Höhe meines Flusskilometers hinter sich, die Klippen der Loreley, das sorgsam zu durchfahrende Binger Loch, die hinterlistigen „Hungersteine“, die sich beim Niedrigwasser in dieser Jahreszeit zu erkennen geben. „Wahrschau“ ruft es dem Schiffsführer nicht nur von den Leuchttafeln an den Gefahrenstellen des Rheins beständig zu.

Wer alles ist unterwegs, „wer kennt die Länder, wer die Namen“? Am Flaggstock weisen sich die Schiffsleute aus, die Deutschen natürlich voran, aber auch die Nachbarn der übrigen Anrainerstaaten, voran die Antipoden vom Anfang und Ende des Stroms, die Schweizer – jawohl, sie klettern nicht nur die Berge hinauf – und die Niederländer. Wie ihre tief im Wasser liegenden Konvois schwer stromaufwärts keuchen. Seitlich am Bug und auch am Heck leuchten in hellen Farben die Namen der Schiffe, Heimathäfen, Städte und Landschaften, manchmal nur eine nüchterne Firmen-Aufschrift, aber auch immer wieder ein Mädchenname, manchmal in Koseform. Alte Seemanns-Tradition.

Unter den romantischen oder auch weniger klangvollen Namen, die ich immer gern studiere, fiel mir dann doch, bei aller Gewohnheit, ein Schriftzug besonders auf: Das war keine „Duisburg“, keine „Solothurn“ und auch keine „Veendam“ – an den Bug des Schiffes unter niederländischer Flagge waren drei Wörter „gemalt“: ora et labora. Was mag den Schiffseigner bewogen haben, dieses alte benediktinische Leitwort zu wählen? Ich gehe mal davon aus, daß ihn keine merkantilen Interessen geleitet haben – ständige Mahnung an die Besatzung, sozusagen als beständigen Leistungsschub.

Im hinteren Teil des Schiffes hat die Familie des Kapitäns Wohnung genommen, dort lebt sie vermutlich länger als an Land. Seefahrt-Romantik mag vielleicht das Bild ausstrahlen, das bei Gelegenheit in einer Galerie in Amsterdam erstanden wurde. Natürlich sieht die „rauhe Wirklichkeit“, wie es „so schön“ heißt, ganz anders aus, das muss nicht näher erläutert werden. „Ora et labora“. Erst kommt das Wort „bete“, danach die Aufforderung „arbeite“. Nicht umgekehrt.

Die Leute auf dem Wasser, ob auf hoher See oder auf stark befahrenen Flüssen mit ihren Untiefen, wissen mehr vielleicht, als ihr Zeitgenossen an Land, um das Verwiesen sein auf Gottes schützende Hand. Gefahr für Hab und Gut, für das eigene Leben zu jedem Augenblick – ist es das, was ihren Glauben nährt? „Da hilft nur beten“, wie billig wäre der Spruch. Welche Arbeit auch immer, ob die des Matrosen an der Ankerwinsche, des Rudergängers auf der Brücke , oder auf den Höhen über dem Rheinufer die Arbeit der Winzer in den Weinbergen – alle Arbeit hat ihre Grenze, verläuft in der Endlichkeit, für den Tag, für den Monat, für das Jahr. „Auf seiner Arbeit ruht ein Segen“, sagten die Alten, wenn sie von einem Menschen sprachen, dem andere Gutes verdankten. Sie meinten Gottes Handeln im Menschen.

Wenn sie so beteten, dann war dies ein Danken. Und wenn sie beteten, um zu bitten, dann trug sie das Vertrauen, ihnen würde geschenkt werden, „so Gott es will.“ Beten kann nur zweckfrei sein. Boni sind nicht der Ertrag von Beten, nicht einmal immer Lohn für „gute Arbeit“, wie wir seit einiger Zeit wissen. Im Beten äußert sich die Freiheit des Menschen, mit Gott sprechen, nicht „zweckgebunden“ – etwa bei einem Spaziergang entlang des Rheinufers. Orare, nur so, ein wenig. Ohne Imperativ. Zu arbeiten (lat. laborare) hat jeder genug, auf seine Weise, und auch zu bitten – um Beistand, die Kraft gibt und Verstehen. „Ora et labora“ – mögen diesen Verben, auch als „Tu-Wörter“ bezeichnet, deren Sinn keine fremdsprachlichen Kenntnisse voraussetzt, davor bewahrt bleiben, auf die Liste der gefährdeten Wörter oder gar der untergegangenen zu kommen, sondern dass sie sich gegenüber den Modewörtern unserer Zeit behaupten. Philologie , so lehrt die Sprachwissenschaft, ist dem Altgriechischen entlehnt und bedeutet soviel wie „Liebe zum Wort“ – dass es nicht bei einer philologischen Betrachtung geblieben ist, dafür sei dem Spaziergang am Rhein und einem vorbeiziehenden Schiff, das heißt den Menschen, die auf ihm „beten und arbeiten“, an dieser Stelle gedankt.

Werner Kaltefleiter

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