Roma locuta, causa finita?

Trifft die inzwischen aus den Fugen geratene Diskussion um sexuelle Übergriffe in kirchlichen Erziehungseinrichtungen – die aktuellen Fälle treffen die katholische Seite – den Kern des  Problems? Wohl eher nicht.  Zu sehr sind Opfer, Beschuldigte und die Öffentlichkeit mit den naheliegenden  Fragen beschäftigt. Warum das Vertuschen, das lange Verschweigen.  Geht kirchliche Autonomie,  also auch der Anspruch,  Personalangelegenheiten intern zu regeln, vor  zivilrechtlicher Strafjustiz? Siehe die erzürnte Reaktion des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper auf die Anmahnung der deutschen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Jeder, der über einige Lebenserfahrung verfügt , kann und darf sich eine Meinung bilden.  Zu vermuten ist,  das pädophil veranlagte Männer – von Frauen hört man in dieser Hinsicht weniger – solche Bereiche  bevorzugen, wo sie die  „Gelegenheiten“  zu finden hoffen – ja, aktiv suchen: also  den Sport, die Schule,  Heime, Jugendgruppen  und eben auch die Kirche, um die gängigen „Zielobjekte“ dieser abartigen sexuellen  Bedürfnisse zu benennen.  Dies alles ist inzwischen ausschweifend besprochen, gleichwohl ist der Diskussionsbedarf zum Thema „Sexualität und Kirche“ nicht erledigt.

Kinder werden sexuell verführt, unter Ausnutzung von beidem:  sexueller Neugierde vielleicht in diesem und  jenem Fall;  Autorität des Täters -  wenn der Religionslehrer im Priestergewand sozusagen den „gute Onkel“  gibt oder den verständnisvollen Freund, dann kann es ja so schlimm nicht sein – wenn , Druck ausgeübt wird,  Ausnutzung von Abhängigkeit, Androhung von Konsequenzen, zur seelischen die körperliche Vergewaltigung

kommt – soll man das weiter ausführen?  Inzwischen kommt  immer häufiger eine weitere Dimension dieser Gewalt ins Blickfeld der Öffentlichkeit:   Erzieher, auch priesterliche, „züchtigen körperlich“, vulgo: es setzt Ohrfeigen, mit dem Lineal auf die flache Hand, mit dem „Stöckchen“ oder dem Lederriemen auf den „Po“.  Müssen diese beiden Erscheinungsformen von Gewalt gegenüber Kindern und Jugendliche auseinander gehalten werden oder haben sie miteinander zu tun?

Wieso ist die Diskussion aus den Fugen geraten?  Hören wir mal, wie  zwei geistliche Herren auf diesbezügliche  Fragen antworten:  Der eine, Bruder des derzeitigen Papstes und  ehemaliger Chorleiter der „Regensburger Spatzen“ räumt ein, selbst geohrfeigt zu haben. Wenn  man ihn richtig versteht dann nur  gegenüber besonders widerspenstigen Schülern und weil dies zu seiner Zeit übliche Schulpraxis war, sagt er sinngemäß und fügt hinzu, er sein „innerlich  erleichtert“  gewesen, als ab den  80er Jahren  staatlicherseits die körperliche Züchtigung verboten worden sei.

Eine bemerkenswerte Äußerung zum Verhältnis von Seelsorge und Pädagogik.  Die gesalbte Hand des Priesters, die  in das Gesicht eines jungen Menschen schlägt.  Nein, nicht das geistliche Gebot der Menschenfreundlichkeit, sondern  das säkulare Verbot, Menschen, zumal diese jungen, so leicht verletzlichen, auf diese Weise zu entwürdigen -  erst das

„Nein“ der staatlichen Obrigkeit verschaffte Chorleiter Ratzinger  „innere Erleichterung.“    Gott schuf den Menschen  nach seinem Bild und Gleichnis – muss man theologischer Experte sein,  um die Konsequenz dieses Glaubenssatzes zu  begreifen?

Ein anderer, der katholische  Stadtdekan von Wiesbaden, Johannes zu Eltz, übersteigt sprachlich alle Grenzen  maßvoller Kritik:  Aus  Enttäuschung aus der katholischen Kirche auszutreten, etwa zur evangelischen zu konvertieren,  vergleicht er mit einem „geistlichen Selbstmordanschlag“.  Ja, sind Hochwürden denn von allen guten Geistern verlassen?  „Mord“ steht   allgemein für einen Akt der Tötung aus niederen Beweggründen;  „ Selbstmordanschlag“  ist seit einiger Zeit konnotiert  mit den  Gewalttaten militanter Islamisten, die sich selbst töten,  um andere mit in den Tod zu reißen.  Solcher Sprachbilder gehen dann doch zu weit Herr zu Eltz, selbst dann, wenn Sie (natürlich) etwas anderes meinen. Haben Sie darüber nachgedacht,  wie  ihre Einschätzung eines Kirchenübertritts auf nicht-katholische Christen wirkt?

Der Vatikan nehme die Vorgänge ernst, lässt die Kurie in einer Art Dauerinformation verbreiten.  Vielleicht beginnt Sie zunächst einmal damit, die unqualifizierten Lautsprecher abzuschalten; vielleicht nimmt Bruder  Joseph (der Papst) seinen Bruder Georg einmal ins Gebet. Dieser will ja von den missbrauchten Domspatzen nichts gewusst haben. Ja, glaubt er denn, dass einer der Jungen zu ihm gekommen wäre – zu einem, der bekannt dafür war, dass er  Ohrfeigen verteilt?

Roma locuta, causa finita. Nicht mit der Erledigung der anhängenden Fälle.  Es geht um die grundsätzliche Frage der Sexualität im Vollzug des geweihten Lebens.  Wie gehen junge Männer, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten, mit ihrer Körperlichkeit um.

„Sublimieren“, empfiehlt der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. Wie das geht hat er in der Talkshow, in der er  den fragenden Blicken  der übrigen Teilnehmer gegenüber saß, nicht näher erläutert.   Wie hoch ist der Anteil derjenigen im Klerus, die ein apokryphes Verhältnis zu einem weiblichen Wesen, sprich: zu einer Frau,  unterhalten? (Gelegentlich mit „Folgen“).  Das trifft knallhart den Zölibat.

Verschwiegen trifft auch den  Kreis der Homophilen.  Es sei dahingestellt, welches Motiv den Einzelnen in den Priesterstand drängt, so ehrenwert die geistliche Berufung, so ehrlich das  Eingestehen des menschlichen  „Andersseins“.  Der Zölibat spielt allenfalls  als katholische  Standesregel, als berufliche  Voraussetzung  eine Rolle.  Es wäre zu fragen, ob er vergleichs-weise nicht stärker, weil  unauffälliger und „gefahrloser“ unterlaufen wird, als durch „Heteros“ oder durch die „Irrläufer“ auf der widerwärtigen Ebene, die   aus allen Richtungen sexueller Orientierung kommen und wohl nie ganz verhindert werden können.  Hat jemand die Frage gestellt,  wie man mit ihnen umgeht, nach dem sie entdeckt, abgeurteilt und nach Strafverbüßung in die Gesellschaft entlassen werden? Wer  kümmert sich um ihre „Re-Sozialisierung“, um ihre „Heilung“.  Das Thema geht angesichts der Empörung über die Vorgänge und die  Schilderung der Skandale etwas unter.

Darüber muss in der Kirche gesprochen werden.  Verantwortlich gelebte Sexualität gehört zum Wertvollsten menschlicher Existenz.   Wer „ohne“ auskommt, bitteschön.  Dann aber auch wirklich „ohne“,   der mag  nach dem als von Jesus überliefertem Wort  leben:

„Wer es fassen kann, der fasse es“.  Wer es nicht fassen, kann – fehl am Platze?  Diese Crux trennt in der Gemeinschaft der Heiligen, wie der Lettner einst  das Volk und den Klerus,  die Bänke und  den Altar – trennt Lateiner von den Orthodoxen, jedenfalls im Priesterstand, von den Kirchen der Reformation ganz zu schweigen.  Immer mehr Menschen „kommen“ nicht mehr mit – nicht sie entfremden  sich der Kirche, sondern die Kirche sich ihnen,  statt auch in dieser Hinsicht  „semper reformanda“ zu sein.  Gelebte menschliche Erfahrung bildet auch ein Stück des Glaubensgutes, von dem die Kirche lebt.  Sich stärker darauf zu besinnen und die gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen, würde den Glaubens- und Vertrauenslust aufheben,  kirchliches Leben freundlicher machen,  Priester und  Laien auf gleicher Augenhöhe näher bringen – und nicht, wie nach römischer Art  und Absicht auf Distanz halten, als sei dies „gottgewollt“.

Und – die unsäglichen Missbrauchsfälle dürften erheblich eingeschränkt werden können, wenn verdrängte Sexalität sich nicht in „Fummeleien“ und Pentrationen  oder in Schlägen auf das Hinterteil von Kindern austoben müssen.   Ganz ausschalten wird man dies  wohl nie, wohl aber alles, was dieses schändliche Tun begünstigt.

Schreib einen Kommentar

Du mußt Dich zum Kommentieren einloggen.