Königin Silvia und das Dritte Reich

Unter der Überschrift “Schweden schämt sich für Königin Silvia“ berichtete der „Wiesbadener Kurier“  in seiner Ausgabe vom 21. Mai  über Äußerungen der Monarchin zur NS-Vergangenheit ihres deutschen Vaters.  Aus einem Interview im Rahmen einer Fernsehdokumentation mit einem Stockholmer Sender  wird sie mit den Sätzen zitiert: „Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob. Und diese Freude darüber , dass das Vaterland wieder da war. Deshalb stützte mein Vater Deutschland und wurde Parteimitglied.“

Der Hintergrund, den ein schwedischer Historiker im Jahr 2002 enthüllte , wie der dpa-Korrespondent Thomas Borchert aus Stockholm berichtet:  Silvias Vater  Walther Sommerlath (1901 – 1990), damals Geschäftsmann im brasilianischen Sao Paulo, sei 1934  dort der Auslandsorganisation der NSDAP beigetreten.

Schwedens derzeitige  Königin,  1943 in Heidelberg geboren, hatte 1976 den seit 1973 regierenden König Carl XVI. Gustav geheiratet.  Als Hostess bei den Olympischen Sommerspielen von 1972 in München war sie dem damaligen Kronprinzen Carl Gustav  zum ersten Mal begegnet.

Zu den Motiven ihres Vaters, der Partei der Nationalsozialisten beizutreten,  wird sie mit dem Argument zitiert: „ Es war ja eine Maschinerie. Und ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“.

Die Äußerungen der „Drottning Silvia“, wie sie in Schweden offiziell angesprochen wird, haben Befremden und auch Empörung ausgelöst.  Ihr wird vorgeworfen,  mit dieser „seltsamen Einstellung zum Nationalsozialismus“  diesen zu verharmlosen. Die Publizistin  Olina Stig spricht dem Bericht der Zeitung  zufolge von „aktivem Mitläufertum“ Sommerlaths, das die Tochter „ohne Einschränkungen“  verteidige.

Zwar wird in der öffentlichen Debatte die Meinung vertreten, Silvia könne ebenso wenig für das Verhalten ihres Vaters  verantwortlich gemacht werden, wie ihr Ehemann  für die  „bekannten Nazi-Sympathien“ seines Vaters, des Erbprinzen Gustav Adolf.  Doch dürfe man von ihr, nicht zuletzt in ihrer Vorbildfunktion als Gattin des Regenten, einen anderen Umgang mit diesem Thema erwarten.  Die Diskussion hat inzwischen auch die deutschen  Medien erreicht.  Nach dem mir der Vorgang bekannt wurde hielt ich es für angebracht, Schwedens Königin Silvia den folgenden Brief zu schreiben:

Her Majesty
Drottning Silvia
Kungliga Slottet
Stockholm. Sverige

Eure Majestät,

im “Wiesbadener Kurier”, meiner Lokalzeitung, in der  Ausgabe vom 21. Mai, erschien ein Artikel mit der  Schlagzeile „Schweden schämt sich für Königin Silvia“. Ich gehe davon aus, daß Ihnen bekannt ist, um welche Angelegenheit es sich handelt.

Zwei Tage zuvor, am 19. Mai, veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“  einen Bericht über eine Nelly Sachs gewidmete Ausstellung in Berlin.  Dem Beitrag war ein Foto hinzugefügt, das König Gustav VI. Adolf  zeigt,  wie er sich bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur  1966  an Nelly Sachs vor der Dichterin verneigt.

Eines der bekanntesten Gedichte der Lyrikerin,  „die durch Auschwitz zur Dichterin“ wurde (FAZ), beginnt  mit den Sätzen: O die Schornsteine / auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes/ Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch/ Durch die Luft“…

Dem Jahrgang 1938 angehörend stelle ich mir wie Sie die Frage, ob mein Vater aus Freude darüber, dass  Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob, Parteimitglied wurde um Deutschland zu stützen.  Hat er sich dem Widerspruch verweigert? Denn : “ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“. Für einige meiner Formulierungen bediene ich mich der Zitate aus besagtem  Korrespondenten-Bericht aus Stockholm.

Meine Bemühungen um klare Antworten waren und sind immer von der Sorge begleitet nicht in Verdacht zu geraten, die Zeit des Nationalsozialismus, vor dem Hintergrund der Shoá, zu relativieren, sondern vielmehr die “gesamte Maschinerie” vor Augen zu haben.

Als Deutsche der Nachkriegsgeneration,  zu denen ich auch Sie Ihrer Geburt nach zähle,  tragen wir keine  Verantwortung für das Geschehene,  wohl aber eine den Opfern des Holocaust   geschuldete  Erinnerung,  verbunden mit der Mahnung   gegenüber gegenwärtigen und  künftigen Generationen.

Wie dringlich dieser Auftrag gerade auch in der Gegenwart ist, zeigt sich an der traurigen Tatsache, dass vor wenigen Tagen ein Brandanschlag auf die Synagoge in Worms verübt wurde – also an einem Ort, der wie wenige andere in Deutschland die Jahrhunderte lange Geschichte des Judentums am Rhein dokumentiert.

Mir erlaubt zu haben, dies alles  ins Gedächtnis zu rufen,  bitte ich um Verständnis.

Mit  freundlichen Grüßen

Werner Kaltefleiter

Königin Silvia und das Dritte Reich

Unter der Überschrift “Schweden schämt sich für Königin Silvia“ berichtete der „Wiesbadener Kurier“ in seiner Ausgabe vom 21. Mai über Äußerungen der Monarchin zur NS-Vergangenheit ihres deutschen Vaters. Aus einem Interview im Rahmen einer Fernsehdokumentation mit einem Stockholmer Sender wird sie mit den Sätzen zitiert: „Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob. Und diese Freude darüber , dass das Vaterland wieder da war. Deshalb stützte mein Vater Deutschland und wurde Parteimitglied.“

Der Hintergrund, den ein schwedischer Historiker im Jahr 2002 enthüllte , wie der dpa-Korrespondent Thomas Borchert aus Stockholm berichtet: Silvias Vater Walther Sommerlath (1901 – 1990), damals Geschäftsmann im brasilianischen Sao Paulo, sei 1934 dort der Auslandsorganisation der NSDAP beigetreten.

Schwedens derzeitige Königin, 1943 in Heidelberg geboren, hatte 1976 den seit 1973 regierenden König Carl XVI. Gustav geheiratet. Als Hostess bei den Olympischen Sommerspielen von 1972 in München war sie dem damaligen Kronprinzen Carl Gustav zum ersten Mal begegnet.

Zu den Motiven ihres Vaters, der Partei der Nationalsozialisten beizutreten, wird sie mit dem Argument zitiert: „ Es war ja eine Maschinerie. Und ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“.

Die Äußerungen der „Drottning Silvia“, wie sie in Schweden offiziell angesprochen wird, haben Befremden und auch Empörung ausgelöst. Ihr wird vorgeworfen, mit dieser „seltsamen Einstellung zum Nationalsozialismus“ diesen zu verharmlosen. Die Publizistin Olina Stig spricht dem Bericht der Zeitung zufolge von „aktivem Mitläufertum“ Sommerlaths, das die Tochter „ohne Einschränkungen“ verteidige.

Zwar wird in der öffentlichen Debatte die Meinung vertreten, Silvia könne ebenso wenig für das Verhalten ihres Vaters verantwortlich gemacht werden, wie ihr Ehemann für die „bekannten Nazi-Sympathien“ seines Vaters, des Erbprinzen Gustav Adolf. Doch dürfe man von ihr, nicht zuletzt in ihrer Vorbildfunktion als Gattin des Regenten, einen anderen Umgang mit diesem Thema erwarten. Die Diskussion hat inzwischen auch die deutschen Medien erreicht. Nach dem mir der Vorgang bekannt wurde hielt ich es für angebracht, Schwedens Königin Silvia den folgenden Brief zu schreiben:

Her Majesty

Drottning Silvia

Kungliga Slottet

Stockholm. Sverige

Eure Majestät,

im “Wiesbadener Kurier”, meiner Lokalzeitung, in der Ausgabe vom 21. Mai, erschien ein Artikel mit der Schlagzeile „Schweden schämt sich für Königin Silvia“. Ich gehe davon aus, daß Ihnen bekannt ist, um welche Angelegenheit es sich handelt.

Zwei Tage zuvor, am 19. Mai, veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einen Bericht über eine Nelly Sachs gewidmete Ausstellung in Berlin. Dem Beitrag war ein Foto hinzugefügt, das König Gustav VI. Adolf zeigt, wie er sich bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1966 an Nelly Sachs vor der Dichterin verneigt.

Eines der bekanntesten Gedichte der Lyrikerin, „die durch Auschwitz zur Dichterin“ wurde (FAZ), beginnt mit den Sätzen: O die Schornsteine / auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes/ Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch/ Durch die Luft“…

Dem Jahrgang 1938 angehörend stelle ich mir wie Sie die Frage, ob mein Vater aus Freude darüber, dass Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob, Parteimitglied wurde um Deutschland zu stützen. Hat er sich dem Widerspruch verweigert? Denn : “ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“. Für einige meiner Formulierungen bediene ich mich der Zitate aus besagtem Korrespondenten-Bericht aus Stockholm.

Meine Bemühungen um klare Antworten waren und sind immer von der Sorge begleitet nicht in Verdacht zu geraten, die Zeit des Nationalsozialismus, vor dem Hintergrund der Shoá, zu relativieren, sondern vielmehr die “gesamte Maschinerie” vor Augen zu haben.

Als Deutsche der Nachkriegsgeneration, zu denen ich auch Sie Ihrer Geburt nach zähle, tragen wir keine Verantwortung für das Geschehene, wohl aber eine den Opfern des Holocaust geschuldete Erinnerung,  verbunden mit der Mahnung gegenüber gegenwärtigen und künftigen Generationen.

Wie dringlich dieser Auftrag gerade auch in der Gegenwart ist, zeigt sich an der traurigen Tatsache, dass vor wenigen Tagen ein Brandanschlag auf die Synagoge in Worms verübt wurde – also an einem Ort, der wie wenige andere in Deutschland die Jahrhunderte lange Geschichte des Judentums am Rhein dokumentiert.

Mir erlaubt zu haben, dies alles ins Gedächtnis zu rufen, bitte ich um Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen

Werner Kaltefleiter

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