Reicher Papst – Armer Papst

Gianluigi Nuzzi: Vatikan AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche.  Deutsche Ausgabe. Ecowin-Verlag, Salzburg.  2010.

Wieviel Geld hat der Papst in seinem Portemonnaie? Antwort:  Keines, denn er trägt keine Geldbörse mit sich herum. Rechnungen, wenn überhaupt, begleichen andere.  Privatsekretär Stanislaw Dziwisz,  seinem Herrn Johannes Paul II stets wie ein Schatten folgend,  pflegte auf Auslandsreisen gelegentlich eine kleine  Aktentasche mit sich zu führen,  aus der schon mal ein Geldschein in die Hand eines bedürftigen Menschen wechselte.

Wieviel aber hat der Papst auf seinen Konten? Millionen, Milliarden?  Erste Antwort:  Bekannt sind einige vatikanische Geldinstitute und Administrationen,  die mit Geld umgehen:   Die Vermögens-verwaltung des Heiligen Stuhls (Amministratione del Patrimonio della Sede Apostolica  APSA ); die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, eine Art  „Zentralbank“ des Vatikans;  die Kongregation für die Evangelisierung der Völker;  dann das von allerlei Gerüchten und Finanz- Skandalen aus der Vergangenheit umrankte „Institut für die Werke der Religion (Istituto per le Opere di Religione IOR), kurz die „Vatikanbank“.  Und schließlich:  Verfügt der Papst nicht über eine geheime Privat-Schatulle,  deren Inhalt und Verwendungszweck in ganz allein  angehen?

Und wenn der Pontifex  „knapp bei Kasse“ sein sollte?  Na, hören Sie mal, verfügt der Vatikan icht über riesige Kunstschätze, verteilt auf unzählige Museen und Kabinette?  Ließe sich in Zeiten der Not nicht schnell mal ein  Braque, Dalí, Marini oder Picasso auf den Kunstmarkt  werfen?  Antwort: Unverkäuflich.  Der jeweilige  Papst hätte vermutlich nicht einmal das Recht dazu.

Soviel zu dem, was die Leute gemeinhin sagen, wenn es um die Frage geht:  Wie reich, oder umgekehrt, wie arm ist der Papst?  Es wird wohl immer eines der letzten Geheimnisse des Vatikans bleiben.

Schwerlich widersprechen kann man allerdings  dem,  was der us-amerikanische Priester und Vatikankenner Thomas J. Reese zur „weltlichen“ Seite der Kirche bemerkte:  „ Ohne Geld wäre das päpstliche Amt nicht zu bewerkstelligen“. 1 Als Petrus die Tempelsteuer nicht zahlen konnte, half Jesus mit einem Wunder nach, berichtet zwar der Evangelist Matthäus im 17. Kapitel, Vers 27;  die Buchhalter des Papstes  kalkulieren allerdings nach anderen Rechenformeln, wohlwissend:  Wunder dauern manchmal etwas länger.

Bei ernsthafter Betrachtung der  Materie wird man  weniger  Gewicht auf  die Personal- und Sachkosten der römischen Kurie legen oder  auf die Spielereien mancher Päpste und  Höflinge vergangener Zeiten zurückgreifen, sondern vielmehr  die Verpflichtungen einer Weltkirche beachte müssen,  insbesondere jenen Ortskirchen gegenüber, die nicht mit speziellen Einnahmen rechnen können, wie etwa die Kirchensteuern in Deutschland.

Aber darum geht es  Gianluigi Nuzzi nicht.  Sein Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, zielt  mit seinem Titel  „Vatikan AG“  ( ziemlich genau der italienischen Orginalausgabe „Vaticano S.p.A.“ entsprechend) auf die Rückseite der päpstlichen Medaille und insinuiert die Vorstellung von einem global operierenden Unternehmen mit finanziellen Transaktionen, die nicht immer dem heiligmäßigen Ruf der Kirche gerecht geworden sind.  Dabei ist er nicht er erste „investigative Journalist“ (Verlagsangabe),   den vor allem eine Erfahrung  bei diesem Thema reizen musste:  Die Verschwiegenheit  von Männern  hinter den hohen Mauern des Vatikans, die selbst die sprichwörtliche Diskretion der „Gnome von Zürich“ übertrifft.   Übereinstimmung mit den Vorkommnissen auf dem internationalen Finanzsektor in den vergangenen Wochen und Monaten wären selbstverständlich rein zufällig.   Andererseits: „Ad maioram Dei gloriam“ lief  nicht, wenn man für bare Münze nimmt,  was Nuzzi  aus den Tresorräumen des Vatikans  zutage gefördert hat.  Dabei beruft sich der Journalist auf vertrauliche  Dokumente,  die von einem gewissen Renato Dardozzi (1922-2003) insgeheim gesammelt und nach  außerhalb des Vatikans verbracht wurden: rund 4000  Materialien, von Dardozzi , als  „Privatarchiv“  angelegt und in einem entlegenen Tessiner Bauernhaus versteckt.

vatikanag

Wie keiner anderer soll der genannte  Priester Einblicke in die Geschäftsmethoden der vatikanischen Hochfinanz gewonnen haben.  Dazu trug weniger sein Amt als Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften bei,  als seine Beratertätigkeit  für das Staatsekretariat des Heiligen Stuhls unter den Kardinälen Agostino Casaroli und Angelo  Sodano.  Zu seinen delikatesten Aufgaben zählte die Untersuchung der skandalösen  Hintergründe, die zum Zusammenbruch des Banco Ambrosiano geführt haben, einem Mailänder Geldinstitut, das enge Geschäftsbeziehungen mit der Vatikanbank  unterhielt.  Dozzi habe in seinem Testament  bestimmt,  dass die Unterlagen nach seinem Tod  veröffentlicht werden,  was zur Folge hatte,  dass der Nachlassverwalter  dem bekannten Journalisten Einsicht in die brisanten Dokumente gewährte.

Folgen wir Gianluigi Nuzzi  an den Loggien und den  mit Brokat und Gold drapierten, mit  wertvoller Kunst und manchem religiösen Kitsch dekorierten Sälen vorbei zu den  diskreten Schreibtischen in der Beletage des Apostolischen Palastes.   In der Phantasie  des Lesers  nehmen Figuren, die das Laster der Sucht nach Macht und Geld in alter und neuer Zeit verkörpern, Gestalt an:   „skrupellose Prälaten“,  intrigante  „Porporati“  des Kardinalats,  auch mancher Pontifex,  der sich dem Hedonismus hingab, insbesondere in der Zeit, als  Simonie und Nepotismus zu den Gepflogenheiten der jeweiligen Amtsinhaber zählten.2   Sancta Ecclesia – sie war wohl immer schon eine Kirche der „Heiligen und Sünder“, wie Kardinal Lehmann mit einem Gestus der Barmherzigkeit die temporären Bewohner  im Hause  Gottes einmal beschrieb.

Nuzzis Buch wird von den Vorgängen in den  70er und 80er Jahren  des letzten Jahrhunderts bestimmt,  die Pontifikate von Paul VI.,  die 33 Tage von Johannes Paul I.  (im Zusammenhang mit seinem von düsteren Mordtheorien umhüllten Tod)3  und die des „polnischen“ Papstes Johannes Paul II.  betreffend, wobei nicht die Päpste selbst als die eigentlichen Akteure fragwürdiger Geldgeschäfte in Erscheinung treten.

Im Zentrum des Nuzzi-Reports steht die sogenannten „Vatikan-Bank“, offiziell:  das Institut für die Werke der Religion (Istituto per le Opere Religione IOR)  und dessen langjähriger  Präsident.  Als die Päpste (Paul VI. und Johannes Paul II) begannen die  Welt zu bereisen machte er sich auch als „Bodyguard“ des Heiligen Vaters  einen Namen: der us-amerikanische Prälat Paul Casimir Macinkus,  Sohn litauischer Einwanderer.

Von Marcinkus wird das durch ihn selbst fragwürdig gewordene Bonmot überliefert,   mit „Ave Marias“  allein sei die Kirche nicht zu führen.  Auch hätten sich die früheren Schatzmeister des Papstes an den römischen Volksmund halten können, wonach – „Pecunia non olet“ -  es nicht immer darauf ankommt, woher das Geld stammte,  mit dem sich die Kirchenkasse auffüllen ließ, gebunkert in Depots, die man  gemeinhin als „Schwarze Konten“ zu bezeichnen pflegt, weil sie in keiner  veröffentlichten Bilanz erscheinen.

Sprechen wir also nicht über das „normale“ Besitztum des päpstlichen Hofes,  vom Patrimonium Petri aus der Zeit des Kirchenstaates,  nicht  über die Sammelleidenschaft  kunstsinniger Päpste. Es geht nicht um das  „Scherflein“ des frommen Mütterchens oder um die  großherzige Spende eines generösen Mäzens,  nicht um Stipendien und Dotationen für wohltätige Zwecke der Kirche.  Auch die großzügige  Kostenübernahme bei der Renovierung der Außenfassade des Petersdomes durch die us-amerikanischen Kolumbus-Ritter oder  die Beteiligung eines japanischen Fernsehkonzerns bei der Restauration der Michelangelo-Gemälde in der Sixtinischen Kapelle.   Sonderkollekten, wie der „Peterspfennig“   -  „Peanuts“ im Vergleich,  zu dem, was gewisse Finanzjongleure  in und um den Vatikan bewegten, wie sich nach Nuzzis  Akteneinsicht herausstellt.

Was hatten die Päpste an  „zeitlichem“ Besitz mit dem Verlust des  Kirchenstaates eingebüßt? 4 Mussolini, in schlauer Absicht, gewährte  im Rahmen der Lateranverträge von 1929 einen gewissen Ausgleich, immerhin geschätzte 90 Millionen Dollar, verbunden mit der Wiederherstellung der politischen Souveränität des Papstes, auf eigenem, exterritorialen Hoheitsgebiet, der Stadt des Vatikanstaates und mit einem völkerrechtlichen Instrument ausgestattet, dem „Heiligen Stuhl“. Eigene Münzen, eigene Briefmarken,  eigene Medien (Radio, Fernsehen, Zeitung, Bücher, inklusive Druckerei und Verlag), eigener Supermarkt, eigene Apotheke,  eigener Fuhrpark mit eigener  Tankstelle, ab und wann auch die eigene Eisenbahn mit eigenem Bahnhof  – (nur die Hubschrauber und die Flugzeuge  sind nicht „eigen“, tragen aber das päpstliche Wappen, wenn der Pontifex in die Lüfte geht.  Wir befinden uns  nach wie vor auf der legalen Seite der „zeitlichen“  Substanz der Kurie,
die eigene Feuerwehr und  die eigene „Streitmacht“ – die bunten Schweizergardisten und die diskreteren Gendarmerie  inklusive – in allem steckt natürlich auch Geld.

Eine Auflistung der finanziellen Beteiligung des Vatikans auf dem internationalen Finanzmarkt, zumal die Investmentgeschäfte der  Ortskirchen hinzugerechnet, würde diesen  Beitrag sprengen.  Es genügt der Hinweis auf die in der Vergangenheit immer wieder geäußerten und von den Medien aufgegriffenen Vermutungen  über  gewisse Geldschäfte, die den christlichen ethischen Normen nicht entsprachen.  Es sei ein Unterschied, ob der Vatikan  durch Aktienbesitz an der Automobilherstellung verdiene oder durch Anteile  an einem Rüstungsunternehmen.  Der Papst widerspreche sich selbst, wenn er in die Pharmaindustrie investiere, gleichzeitig aber auch die Antibabypille finanziere.  Wurden solche  „anrüchigen“ Einlagen bekannt, folgte bald die Reaktion,  sie  seien zurückgezogen worden.  Wie nicht anders zu erwarten:  ein Rest von Misstrauen hat sich festgesetzt, wie  Schwamm an altem Gemäuer.

Nun sollten Börsengeschäfte zum Beispiel nicht a priori mit dem Makel der Sündhaftigkeit behaftet sein und auch dem Ministerium der Kirche zugestanden werden,  zumal wenn das eingesetzte Kapital  dem bonum communis  im weitesten Sinn zugute kommt.

Anders freilich verlief in den 80er Jahren ein Schwindel größten Ausmaßes, was sowohl den Kreis der beteiligten Personen anlangt wie den Umfang der Summe, die ins Spiel kam und am Ende auch die Vermögensverhältnisse der Vatikan-Bank überforderten. Im Mittelpunkt des Skandals stand der Zusammenbruch der ehemaligen Mailänder Bank  „Banco Ambrosiano“.  Die engen und offenbar zunächst für beide Seiten durchaus profitablen Beziehungen, die Banco-Chef Roberto Calvi mit Paul Marcinkus von der Vatikanbank unterhielten, trugen Calvi immerhin den Spitznamen „Bankier Gottes“ ein.  Doch  andere Kräfte hatten ihre Hand in Calvis Spiel, der sich schließlich in sein eigenes Netzwerk von „Geisterbanken“ verfing,  dem  „Waschanlagen“ für Drogengelder und  aus anderen Mafia-Quellen zum Verhängnis wurden.  Sein mysteriöses Ende fand der Finanzjongleur unter der Brücke der Dominikaner (Black Friars Bridge) in London, mit einem Strick um den Hals und beschwert mit Steinen in den Hosentaschen.5   Selbstmord oder  Tod nach Art der Mafia – die Frage bleibt offen.

Marcinkus hatte seinem Geschäftsfreund  Calvi Patronatsbriefe ausgestellt, als diesem das Wasser bis zum Hals stand.  Nach dem Tod Calvis,  war die Vatikanbank von den Gläubigerbanken gefragt.  Das Ende vom Lied:  der Vatikan erklärte sich bereit, für eine beträchtliche Schadenssumme einzutreten, nicht durch Schuldanerkennung, sondern aus „moralischen Gründen“.  Die Summe von rund einer Viertel Milliarde Dollar zwang das Bankhaus des Papstes in die Knie.

Wer hätte nicht gern mit dem Heiligen Vater Geschäfte gemacht, unter dessen Obhut seine Guthaben gespeichert?   Aber es lauerten auch die Wölfe,  die sichere Beute unter  arglosen Hirten witterten.  War Paul Marcinkus  so ahnungslos wie er tat?  Bis zum  Eintritt in die Vatikanbank habe er mit Geld nur zu Hause in Cicero zu tun gehabt,  mit der „Sunday-Morning-Collection-Plate“ – will heißen, mit der Kollekte im Klingelbeutel während der Sonntagsmesse,  anschließend in der Sakristei  ins Kassenbuch der Pfarrei  eingetragen.

Nun aber, als Herr über die Konten im mittelalterlichen Nikolausturm, dem Sitz der Vatikanbank, ging es nicht mehr um Münzen, sondern um  Scheine.  Neue Herausforderungen erwarteten den Banker des Papstes in der Zeit des Kirchenkampfes im kommunistischen Osten, zugespitzt während der zunehmenden Krise des Moskauer Imperiums und  durch die polnischen Unruhen, ausgelöst durch die Proteste der Arbeiter,  die sich vor allem in der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ verbündeten.  In Südamerika  expandierte der Latino-Marxismus, begleitet von den entschiedenen Forderungen einer revolutionären innerkirchlichen Strömung, der Theologie der Befreiung.

Über die Cisalpina, einer Holding des Banco Ambrosiano auf den Bahamas mit Beteiligung der Vatikanbank und Marcinkus als Vizepräsident  soll dieser  Möglichkeit gesehen haben,  rechtskonservative Medien in Lateinamerika  zu finanzieren.  Der  polnischen „Solidarität“ Lech Walesas  flossen nicht unerhebliche Mittel über diverse Kanäle zu, angeblich gespeist vom IOR,  dem erzkatholischen Opus Dei, dem us-amerikanischen Gewerkschaftsbund und,  wen würde es erstaunen, es sollen auch westliche Geheimdienste im Spiel gewesen sein.

Ein Coup in den 70er Jahren, von nicht geringerer Dimension, scheiterte zwar in der angedachten Größenordnung in dreistelliger Millionenhöhe, brachte jedoch das moralische Ansehen einiger Kurienmitarbeiter  erheblich ins Zwielicht.  Amerikanische und italienische Kreise der Mafia, so ergaben die Ermittlungen,  hatten mit Hilfe gerissener Finanzjongleure versucht,  dem Vatikan gefälschte Wertpapiere auf den Namen potenter us-amerikanischer Unternehmen anzudrehen, nachdem ein „kardinales“ Interesse an sicheren Papieren signalisiert worden war.  Eine Schlüsselrolle  soll dabei der  bereits genannte Michele  Sindona  gespielt haben.  In Finanzkreisen galt der Anwalt und Bankier mit sizilianischen Wurzeln, als „Banker der Mafia“, am Ende  jedoch als „größter Bankrotteur der italienischen Nachkriegsgeschichte“  (Die Zeit, Online-Dienst).

Enge Beziehungen führten Sindona  mit  Licio Gelli, dem Großmeister der Geheimloge „Propaganda Due (P2) sowie zu Roberto Calvi und dessen Banco Ambrosiano zusammen.  Verantwortlich gemacht wurde Sindona für die Insolvenz seiner eigenen italienischen Privatbank und der us-amerikanischen  Franklin National Bank in New York City.  Licht in das Dunkel dieses gegen den Vatikan gerichteten Plots brachten die  Ermittlungen eines  Spezialfahnders der Polizei von New York City.   Joseph J. Coffey, Jr., Commanding Officer of the Organized Crime Homicide Task Force – also der Sonder-Mordkommission in der Abteilung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, hatte eigentlich den Auftrag, Mafia-Geschäfte im Drogen- und Prostituierten-Milieu aufzuklären. Dabei stieß er auf die kriminellen Machenschaften von Geldfälschern und Geldwäschern, deren Spuren auf Umwegen und direkt in den Vatikan führten,   zunächst mal  zum Entsetzen des aus frommer katholischer irischer Einwanderfamilie stammenden „Cops“.

Die haarsträubenden  Details seiner Ermittlungsergebnisse  hat Coffey  dem Buchautor Richard Hammer enthüllt. 6  Hammer beschrieb daraufhin ein  gespenstisches Szenarium, das belebt wird von   „Racketeers,  Forgers, Dons, Hitmen, Finanziers, Dop  Smuglers“  – und aus dem Vorhang der Bühne treten kirchliche Purpurträger heraus.  Mit dabei auch Paul Marcinkus,  dessen Geburtsort gewisse Medien nicht ohne Süffisanz in diesem Zusammenhang erwähnen:  Cicero, ein Vorort von Chikago, war auch Heimatort von Al Capone.

Auch bei Nuzzi fehlen nicht solche einem Schreckenskabinett entnommene Figuren: Finanztrickser, die Geldfälscher,  Geldwäscher und  Schmiergeldzahler,  „skrupellosen  Prälaten“ und eigenmächtige Karrieristen unter  den  Kardinälen.
Wie konnte dies alles geschehen, sozusagen unter den Augen der Päpste?   Waren sie in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher?  Die Antwort prallt ab an den Mauern des Schweigens. Die beteiligten Herrschaften innerhalb und außerhalb  der vatikanischen Pforten sahen sich in einer eigenen Omertá  gebunden, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.  Ein weiteres Beispie, nebenRoberto Calvi, liefert der Tod Michele Sindonas.  Schuldig befunden,  den Mord an einem Widersacher in Auftrag gegeben zu haben,  wurde er in Italien zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt.  In einemHochsicherheitsgefängnis inhaftiert bestellte er sich eines Morgens eine Tasse Kaffee.  Wahrscheinlich hat er nicht einmal mehr  verspürt, dass dieser mit Zyankali „gesüßt“ war.
Ob Sindona  vergiftet wurde oder freiwillig  aus dem Leben schied, ist ungeklärt.

Noch ist Gianluigi Nuzzi mit der „Vatikan AG“ nicht fertig.  Am Ende seines Buches beschäftigt er sich mit einer der „klassischen“ innenpolitischen Intrigen, wiederum verwoben mit undurchsichtigen Geldschiebereien und Aktivitäten unter dem Generalnenner „Mafia“.  Auch  Ex-Multi-Minister-präsident Giulio Andreotti, eine Ikone der italienischen Nachkriegspolitik,  wird vom Autor nicht geschont.

Zum Hintergrund:  Anfang der  90er Jahre brach dem Apostolischen Palast  der treueste politische Partner in Italien weg, die katholische Nationalpartei, die Democrazia Christiana.  Den Ausschlag  hatten  letztlich von der Mailänder Staatsanwaltschaft  unter dem Stichwort „Mani pulite – Saubere Hände“  geführte Ermittlungen  gegen unter Korruptionsverdacht stehende Parteimitglieder  gegeben.   Hinter den Kulissen liefen Gegenmaßnahmen an:   Eine „große Partei der Mitte“  sollte gebildet werden, um die Bresche  in der zersplitterten konservativen Front zu füllen und die alten Machtverhältnisse gegenüber Mitte-Links-Bündnissen,  womöglich neuen  „historischen Kompromissen“ mit den Kommunisten wieder herzustellen.  Keine Frage:  Für den Vatikan von größtem Interesse und entsprechend wohlwollend unterstütz.  Nuzzi  stößt  bei seinen Recherchen  auf „politische Intrigen und Finanztricks, auf Girokonten von Politikern und Mafiosi“ und stützt sich auf „bisher unveröffentlichte Aussagen“.  Ein sehr italienisches Buch über „italienische Verhältnisse“.

Irgendwann muss Schluss sein! Papst Johannes Paul II. , obschon in seinem „Kampf um Polen“ in den 80er Jahren  auf mehr als moralische und diplomatische Unterstützung angewiesen,  wollte auch in den Finanzangelegenheiten des Vatikans klare Verhältnisse schaffen, seinem Versprechen bei Amtsantritt folgend,  die Kurie in ein „Haus aus Glas“ zu verändern.  Nach dem Skandal um die Vatikanbank und die undurchsichtigen Finanzen,  rief er international renommierte Berater zu sich, unter anderem den Patriarchen der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs,  dieser aus „streng katholischer“  rheinischere Familie stammend, Grabesritter und Träger des Großkreuzes des päpstlichen Gregorius-Ordens.  Seine mit Fragezeichen versehene Rolle in Hitler-Deutschland hatte für den Papst in der anliegenden Sache kein Gewicht.

Deutsches Fachwissen bleibt weiter gefragt.  Auch  Papst  Benedikt XVI.  setzt auf einen  im Vatikan „immer gern gesehenen Berater“, wie Radio Vatikan im November 2006  anlässlich des 75. Geburtstages von Hans Tietmeyer meldete.  Dem  ehemaligen Präsidenten der Deutschen Bundesbank, gebürtig aus dem „Schwarzen Münsterland“ stammend,  fehlt es nicht an dem gebotenen Vertrauensverhältnis zur Kirche.

Schließlich und endlich weist Gianluigi Nuzzi in einem Vorwort für deutsche Ausgabe auf das neue Währungsabkommen des Heiligen Stuhls mit der Europäischen Union, das am 1. Januar 2010 in Kraft getreten ist und die Währungsvereinbarung zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat aus dem Jahr 2000  ergänzt.  Dabei geht es aus kirchlicher Sicht wohl nicht allein darum, dass dem Staat der Vatikanstadt nunmehr erlaubt ist,   2,3 Millionen statt bisher 1,1 Millionen Münzen mit dem Porträt des Papstes prägen zu lassen,  verbunden mit der Verpflichtung,  51 Prozent der Ausgabe  in den regulären Umlauf zu bringen (damit demnächst  vielleicht nicht mehr allein  Sammler an die begehrten Geldstücke kommen.   Wenngleich nicht Mitglied der Europäischen Union, jedoch durch besondere Beziehungen mit Brüssel verbunden,  legt „der Vatikan“  nach den  Skandalen ein  Bemühen an den Tag,  nicht mit  jenen Offshore-Finanzplätzen verwechselt  zu werden, deren Geschäftspraktiken sich weniger an der Kontrolle seitens dritter Instanzen orientieren, als an Methoden, die sich eben dieser Aufsicht und der Steuergesetzgebung der Herkunftsländer ihrer Depot-Inhaber entziehen.

Nuzzi  scheint zuversichtlich, Interventionen aus dem Apostolischen Palast  nicht zu befürchten sein, wenn er  den amtierenden Papst selbst zitiert.  In seiner Sozialenzyklika   „Caritas in Veritate“ vom 29. Juni 2009,  spricht Benedikt XVI. von der  „Liebe in der Wahrheit“, die  auch für die Wirtschaftsethik gilt:  „Viel hängt nämlich vom moralischen Bezugssystem ab.  Zu diesem Thema hat die Soziallehre der Kirche einen besonderen Beitrag zu leisten, der sich auf die Erschaffung des Menschen »als Abbild Gottes« (Gen 1, 27) gründet, eine Tatsache, von der sich die unverletzliche Würde der menschlichen Person ebenso herleitet wie der transzendente Wert der natürlichen moralischen Normen.  Eine Wirtschaftsethik, die von diesen beiden Säulen absähe, würde unvermeidlich Gefahr laufen, ihre moralische Qualität zu verlieren und sich instrumentalisieren zu lassen; genauer gesagt, sie würde riskieren, zu einer Funktion für die bestehenden Wirtschafts- und Finanzsysteme zu werden, statt zum Korrektiv ihrer Missstände.“

Bleibt abzuwarten, zu welchen Korrekturen der  „saubere  chirurgische Schnitt“ führt, wie Nuzzi die neue Finanzpolitik im Päpstlichen Haus beschreibt.  Offene Bilanzen, die ein Mindestmaß an Vertrauen in Bankgeschäfte ermöglichen,  sind das eine.   Aber die Kirche besteht nicht nur aus Kassenbüchern und Wechselstuben.  In Sachen Offenheit statt Geheimniskrämerei und Vertuschung gibt es noch vieles und anderes zu tun,  wie die Enthüllungen auf  einem anderen,  noch schmutzigerem Gebiet als  Geldschummeleien  in den letzten Monaten  drastisch  vor Augen geführt haben.

Quellen:

1.        Thomas J. Reese: Im Innern des Vatikans. Frankfurt am Main 1998
2.        Hanspeter Oschwald: Vatikan. Die Firma Gottes. München 1998;
Heiner Boberski, Josef Bruckmann, Andreas Pfeifer: Geheimnis
Vatikan. Salzburg 2006
3.        David A. Yallup: Im Namen Gottes. Der mysteriöse Tod des 33-Tage Papstes Johannes Paul I. – Tatsachen und Hintergründe.
München 1984
4.        Benny Lai:  Finanze e Finanzieri Vaticani fra L´800 e il 900. Da Pio IX. a Benedetto XV. Milano 1979
5.        Heribert Blondiau/Udo Gümpel: Der Vatikan heiligt die Mittel. Mord am Bankier Gottes. Düsseldorf 1999
6.        Richard Hammer: The Vatican Connection. The astonishing account of a Billion-Dollar-Counterfeit Stock Deal between the
Mafia and the Church. New York, N.Y. 1982

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