Reicher Papst – Armer Papst
Gianluigi Nuzzi: Vatikan AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche. Deutsche Ausgabe. Ecowin-Verlag, Salzburg. 2010.
Wieviel Geld hat der Papst in seinem Portemonnaie? Antwort: Keines, denn er trägt keine Geldbörse mit sich herum. Rechnungen, wenn überhaupt, begleichen andere. Privatsekretär Stanislaw Dziwisz, seinem Herrn Johannes Paul II stets wie ein Schatten folgend, pflegte auf Auslandsreisen gelegentlich eine kleine Aktentasche mit sich zu führen, aus der schon mal ein Geldschein in die Hand eines bedürftigen Menschen wechselte.
Wieviel aber hat der Papst auf seinen Konten? Millionen, Milliarden? Erste Antwort: Bekannt sind einige vatikanische Geldinstitute und Administrationen, die mit Geld umgehen: Die Vermögens-verwaltung des Heiligen Stuhls (Amministratione del Patrimonio della Sede Apostolica APSA ); die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, eine Art „Zentralbank“ des Vatikans; die Kongregation für die Evangelisierung der Völker; dann das von allerlei Gerüchten und Finanz- Skandalen aus der Vergangenheit umrankte „Institut für die Werke der Religion (Istituto per le Opere di Religione IOR), kurz die „Vatikanbank“. Und schließlich: Verfügt der Papst nicht über eine geheime Privat-Schatulle, deren Inhalt und Verwendungszweck in ganz allein angehen?
Und wenn der Pontifex „knapp bei Kasse“ sein sollte? Na, hören Sie mal, verfügt der Vatikan icht über riesige Kunstschätze, verteilt auf unzählige Museen und Kabinette? Ließe sich in Zeiten der Not nicht schnell mal ein Braque, Dalí, Marini oder Picasso auf den Kunstmarkt werfen? Antwort: Unverkäuflich. Der jeweilige Papst hätte vermutlich nicht einmal das Recht dazu.
Soviel zu dem, was die Leute gemeinhin sagen, wenn es um die Frage geht: Wie reich, oder umgekehrt, wie arm ist der Papst? Es wird wohl immer eines der letzten Geheimnisse des Vatikans bleiben.
Schwerlich widersprechen kann man allerdings dem, was der us-amerikanische Priester und Vatikankenner Thomas J. Reese zur „weltlichen“ Seite der Kirche bemerkte: „ Ohne Geld wäre das päpstliche Amt nicht zu bewerkstelligen“. 1 Als Petrus die Tempelsteuer nicht zahlen konnte, half Jesus mit einem Wunder nach, berichtet zwar der Evangelist Matthäus im 17. Kapitel, Vers 27; die Buchhalter des Papstes kalkulieren allerdings nach anderen Rechenformeln, wohlwissend: Wunder dauern manchmal etwas länger.
Bei ernsthafter Betrachtung der Materie wird man weniger Gewicht auf die Personal- und Sachkosten der römischen Kurie legen oder auf die Spielereien mancher Päpste und Höflinge vergangener Zeiten zurückgreifen, sondern vielmehr die Verpflichtungen einer Weltkirche beachte müssen, insbesondere jenen Ortskirchen gegenüber, die nicht mit speziellen Einnahmen rechnen können, wie etwa die Kirchensteuern in Deutschland.
Aber darum geht es Gianluigi Nuzzi nicht. Sein Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, zielt mit seinem Titel „Vatikan AG“ ( ziemlich genau der italienischen Orginalausgabe „Vaticano S.p.A.“ entsprechend) auf die Rückseite der päpstlichen Medaille und insinuiert die Vorstellung von einem global operierenden Unternehmen mit finanziellen Transaktionen, die nicht immer dem heiligmäßigen Ruf der Kirche gerecht geworden sind. Dabei ist er nicht er erste „investigative Journalist“ (Verlagsangabe), den vor allem eine Erfahrung bei diesem Thema reizen musste: Die Verschwiegenheit von Männern hinter den hohen Mauern des Vatikans, die selbst die sprichwörtliche Diskretion der „Gnome von Zürich“ übertrifft. Übereinstimmung mit den Vorkommnissen auf dem internationalen Finanzsektor in den vergangenen Wochen und Monaten wären selbstverständlich rein zufällig. Andererseits: „Ad maioram Dei gloriam“ lief nicht, wenn man für bare Münze nimmt, was Nuzzi aus den Tresorräumen des Vatikans zutage gefördert hat. Dabei beruft sich der Journalist auf vertrauliche Dokumente, die von einem gewissen Renato Dardozzi (1922-2003) insgeheim gesammelt und nach außerhalb des Vatikans verbracht wurden: rund 4000 Materialien, von Dardozzi , als „Privatarchiv“ angelegt und in einem entlegenen Tessiner Bauernhaus versteckt.

Wie keiner anderer soll der genannte Priester Einblicke in die Geschäftsmethoden der vatikanischen Hochfinanz gewonnen haben. Dazu trug weniger sein Amt als Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften bei, als seine Beratertätigkeit für das Staatsekretariat des Heiligen Stuhls unter den Kardinälen Agostino Casaroli und Angelo Sodano. Zu seinen delikatesten Aufgaben zählte die Untersuchung der skandalösen Hintergründe, die zum Zusammenbruch des Banco Ambrosiano geführt haben, einem Mailänder Geldinstitut, das enge Geschäftsbeziehungen mit der Vatikanbank unterhielt. Dozzi habe in seinem Testament bestimmt, dass die Unterlagen nach seinem Tod veröffentlicht werden, was zur Folge hatte, dass der Nachlassverwalter dem bekannten Journalisten Einsicht in die brisanten Dokumente gewährte.
Folgen wir Gianluigi Nuzzi an den Loggien und den mit Brokat und Gold drapierten, mit wertvoller Kunst und manchem religiösen Kitsch dekorierten Sälen vorbei zu den diskreten Schreibtischen in der Beletage des Apostolischen Palastes. In der Phantasie des Lesers nehmen Figuren, die das Laster der Sucht nach Macht und Geld in alter und neuer Zeit verkörpern, Gestalt an: „skrupellose Prälaten“, intrigante „Porporati“ des Kardinalats, auch mancher Pontifex, der sich dem Hedonismus hingab, insbesondere in der Zeit, als Simonie und Nepotismus zu den Gepflogenheiten der jeweiligen Amtsinhaber zählten.2 Sancta Ecclesia – sie war wohl immer schon eine Kirche der „Heiligen und Sünder“, wie Kardinal Lehmann mit einem Gestus der Barmherzigkeit die temporären Bewohner im Hause Gottes einmal beschrieb.
Nuzzis Buch wird von den Vorgängen in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bestimmt, die Pontifikate von Paul VI., die 33 Tage von Johannes Paul I. (im Zusammenhang mit seinem von düsteren Mordtheorien umhüllten Tod)3 und die des „polnischen“ Papstes Johannes Paul II. betreffend, wobei nicht die Päpste selbst als die eigentlichen Akteure fragwürdiger Geldgeschäfte in Erscheinung treten.
Im Zentrum des Nuzzi-Reports steht die sogenannten „Vatikan-Bank“, offiziell: das Institut für die Werke der Religion (Istituto per le Opere Religione IOR) und dessen langjähriger Präsident. Als die Päpste (Paul VI. und Johannes Paul II) begannen die Welt zu bereisen machte er sich auch als „Bodyguard“ des Heiligen Vaters einen Namen: der us-amerikanische Prälat Paul Casimir Macinkus, Sohn litauischer Einwanderer.
Von Marcinkus wird das durch ihn selbst fragwürdig gewordene Bonmot überliefert, mit „Ave Marias“ allein sei die Kirche nicht zu führen. Auch hätten sich die früheren Schatzmeister des Papstes an den römischen Volksmund halten können, wonach – „Pecunia non olet“ - es nicht immer darauf ankommt, woher das Geld stammte, mit dem sich die Kirchenkasse auffüllen ließ, gebunkert in Depots, die man gemeinhin als „Schwarze Konten“ zu bezeichnen pflegt, weil sie in keiner veröffentlichten Bilanz erscheinen.
Sprechen wir also nicht über das „normale“ Besitztum des päpstlichen Hofes, vom Patrimonium Petri aus der Zeit des Kirchenstaates, nicht über die Sammelleidenschaft kunstsinniger Päpste. Es geht nicht um das „Scherflein“ des frommen Mütterchens oder um die großherzige Spende eines generösen Mäzens, nicht um Stipendien und Dotationen für wohltätige Zwecke der Kirche. Auch die großzügige Kostenübernahme bei der Renovierung der Außenfassade des Petersdomes durch die us-amerikanischen Kolumbus-Ritter oder die Beteiligung eines japanischen Fernsehkonzerns bei der Restauration der Michelangelo-Gemälde in der Sixtinischen Kapelle. Sonderkollekten, wie der „Peterspfennig“ - „Peanuts“ im Vergleich, zu dem, was gewisse Finanzjongleure in und um den Vatikan bewegten, wie sich nach Nuzzis Akteneinsicht herausstellt.
Was hatten die Päpste an „zeitlichem“ Besitz mit dem Verlust des Kirchenstaates eingebüßt? 4 Mussolini, in schlauer Absicht, gewährte im Rahmen der Lateranverträge von 1929 einen gewissen Ausgleich, immerhin geschätzte 90 Millionen Dollar, verbunden mit der Wiederherstellung der politischen Souveränität des Papstes, auf eigenem, exterritorialen Hoheitsgebiet, der Stadt des Vatikanstaates und mit einem völkerrechtlichen Instrument ausgestattet, dem „Heiligen Stuhl“. Eigene Münzen, eigene Briefmarken, eigene Medien (Radio, Fernsehen, Zeitung, Bücher, inklusive Druckerei und Verlag), eigener Supermarkt, eigene Apotheke, eigener Fuhrpark mit eigener Tankstelle, ab und wann auch die eigene Eisenbahn mit eigenem Bahnhof – (nur die Hubschrauber und die Flugzeuge sind nicht „eigen“, tragen aber das päpstliche Wappen, wenn der Pontifex in die Lüfte geht. Wir befinden uns nach wie vor auf der legalen Seite der „zeitlichen“ Substanz der Kurie,
die eigene Feuerwehr und die eigene „Streitmacht“ – die bunten Schweizergardisten und die diskreteren Gendarmerie inklusive – in allem steckt natürlich auch Geld.
Eine Auflistung der finanziellen Beteiligung des Vatikans auf dem internationalen Finanzmarkt, zumal die Investmentgeschäfte der Ortskirchen hinzugerechnet, würde diesen Beitrag sprengen. Es genügt der Hinweis auf die in der Vergangenheit immer wieder geäußerten und von den Medien aufgegriffenen Vermutungen über gewisse Geldschäfte, die den christlichen ethischen Normen nicht entsprachen. Es sei ein Unterschied, ob der Vatikan durch Aktienbesitz an der Automobilherstellung verdiene oder durch Anteile an einem Rüstungsunternehmen. Der Papst widerspreche sich selbst, wenn er in die Pharmaindustrie investiere, gleichzeitig aber auch die Antibabypille finanziere. Wurden solche „anrüchigen“ Einlagen bekannt, folgte bald die Reaktion, sie seien zurückgezogen worden. Wie nicht anders zu erwarten: ein Rest von Misstrauen hat sich festgesetzt, wie Schwamm an altem Gemäuer.
Nun sollten Börsengeschäfte zum Beispiel nicht a priori mit dem Makel der Sündhaftigkeit behaftet sein und auch dem Ministerium der Kirche zugestanden werden, zumal wenn das eingesetzte Kapital dem bonum communis im weitesten Sinn zugute kommt.
Anders freilich verlief in den 80er Jahren ein Schwindel größten Ausmaßes, was sowohl den Kreis der beteiligten Personen anlangt wie den Umfang der Summe, die ins Spiel kam und am Ende auch die Vermögensverhältnisse der Vatikan-Bank überforderten. Im Mittelpunkt des Skandals stand der Zusammenbruch der ehemaligen Mailänder Bank „Banco Ambrosiano“. Die engen und offenbar zunächst für beide Seiten durchaus profitablen Beziehungen, die Banco-Chef Roberto Calvi mit Paul Marcinkus von der Vatikanbank unterhielten, trugen Calvi immerhin den Spitznamen „Bankier Gottes“ ein. Doch andere Kräfte hatten ihre Hand in Calvis Spiel, der sich schließlich in sein eigenes Netzwerk von „Geisterbanken“ verfing, dem „Waschanlagen“ für Drogengelder und aus anderen Mafia-Quellen zum Verhängnis wurden. Sein mysteriöses Ende fand der Finanzjongleur unter der Brücke der Dominikaner (Black Friars Bridge) in London, mit einem Strick um den Hals und beschwert mit Steinen in den Hosentaschen.5 Selbstmord oder Tod nach Art der Mafia – die Frage bleibt offen.
Marcinkus hatte seinem Geschäftsfreund Calvi Patronatsbriefe ausgestellt, als diesem das Wasser bis zum Hals stand. Nach dem Tod Calvis, war die Vatikanbank von den Gläubigerbanken gefragt. Das Ende vom Lied: der Vatikan erklärte sich bereit, für eine beträchtliche Schadenssumme einzutreten, nicht durch Schuldanerkennung, sondern aus „moralischen Gründen“. Die Summe von rund einer Viertel Milliarde Dollar zwang das Bankhaus des Papstes in die Knie.
Wer hätte nicht gern mit dem Heiligen Vater Geschäfte gemacht, unter dessen Obhut seine Guthaben gespeichert? Aber es lauerten auch die Wölfe, die sichere Beute unter arglosen Hirten witterten. War Paul Marcinkus so ahnungslos wie er tat? Bis zum Eintritt in die Vatikanbank habe er mit Geld nur zu Hause in Cicero zu tun gehabt, mit der „Sunday-Morning-Collection-Plate“ – will heißen, mit der Kollekte im Klingelbeutel während der Sonntagsmesse, anschließend in der Sakristei ins Kassenbuch der Pfarrei eingetragen.
Nun aber, als Herr über die Konten im mittelalterlichen Nikolausturm, dem Sitz der Vatikanbank, ging es nicht mehr um Münzen, sondern um Scheine. Neue Herausforderungen erwarteten den Banker des Papstes in der Zeit des Kirchenkampfes im kommunistischen Osten, zugespitzt während der zunehmenden Krise des Moskauer Imperiums und durch die polnischen Unruhen, ausgelöst durch die Proteste der Arbeiter, die sich vor allem in der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ verbündeten. In Südamerika expandierte der Latino-Marxismus, begleitet von den entschiedenen Forderungen einer revolutionären innerkirchlichen Strömung, der Theologie der Befreiung.
Über die Cisalpina, einer Holding des Banco Ambrosiano auf den Bahamas mit Beteiligung der Vatikanbank und Marcinkus als Vizepräsident soll dieser Möglichkeit gesehen haben, rechtskonservative Medien in Lateinamerika zu finanzieren. Der polnischen „Solidarität“ Lech Walesas flossen nicht unerhebliche Mittel über diverse Kanäle zu, angeblich gespeist vom IOR, dem erzkatholischen Opus Dei, dem us-amerikanischen Gewerkschaftsbund und, wen würde es erstaunen, es sollen auch westliche Geheimdienste im Spiel gewesen sein.
Ein Coup in den 70er Jahren, von nicht geringerer Dimension, scheiterte zwar in der angedachten Größenordnung in dreistelliger Millionenhöhe, brachte jedoch das moralische Ansehen einiger Kurienmitarbeiter erheblich ins Zwielicht. Amerikanische und italienische Kreise der Mafia, so ergaben die Ermittlungen, hatten mit Hilfe gerissener Finanzjongleure versucht, dem Vatikan gefälschte Wertpapiere auf den Namen potenter us-amerikanischer Unternehmen anzudrehen, nachdem ein „kardinales“ Interesse an sicheren Papieren signalisiert worden war. Eine Schlüsselrolle soll dabei der bereits genannte Michele Sindona gespielt haben. In Finanzkreisen galt der Anwalt und Bankier mit sizilianischen Wurzeln, als „Banker der Mafia“, am Ende jedoch als „größter Bankrotteur der italienischen Nachkriegsgeschichte“ (Die Zeit, Online-Dienst).
Enge Beziehungen führten Sindona mit Licio Gelli, dem Großmeister der Geheimloge „Propaganda Due (P2) sowie zu Roberto Calvi und dessen Banco Ambrosiano zusammen. Verantwortlich gemacht wurde Sindona für die Insolvenz seiner eigenen italienischen Privatbank und der us-amerikanischen Franklin National Bank in New York City. Licht in das Dunkel dieses gegen den Vatikan gerichteten Plots brachten die Ermittlungen eines Spezialfahnders der Polizei von New York City. Joseph J. Coffey, Jr., Commanding Officer of the Organized Crime Homicide Task Force – also der Sonder-Mordkommission in der Abteilung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, hatte eigentlich den Auftrag, Mafia-Geschäfte im Drogen- und Prostituierten-Milieu aufzuklären. Dabei stieß er auf die kriminellen Machenschaften von Geldfälschern und Geldwäschern, deren Spuren auf Umwegen und direkt in den Vatikan führten, zunächst mal zum Entsetzen des aus frommer katholischer irischer Einwanderfamilie stammenden „Cops“.
Die haarsträubenden Details seiner Ermittlungsergebnisse hat Coffey dem Buchautor Richard Hammer enthüllt. 6 Hammer beschrieb daraufhin ein gespenstisches Szenarium, das belebt wird von „Racketeers, Forgers, Dons, Hitmen, Finanziers, Dop Smuglers“ – und aus dem Vorhang der Bühne treten kirchliche Purpurträger heraus. Mit dabei auch Paul Marcinkus, dessen Geburtsort gewisse Medien nicht ohne Süffisanz in diesem Zusammenhang erwähnen: Cicero, ein Vorort von Chikago, war auch Heimatort von Al Capone.
Auch bei Nuzzi fehlen nicht solche einem Schreckenskabinett entnommene Figuren: Finanztrickser, die Geldfälscher, Geldwäscher und Schmiergeldzahler, „skrupellosen Prälaten“ und eigenmächtige Karrieristen unter den Kardinälen.
Wie konnte dies alles geschehen, sozusagen unter den Augen der Päpste? Waren sie in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher? Die Antwort prallt ab an den Mauern des Schweigens. Die beteiligten Herrschaften innerhalb und außerhalb der vatikanischen Pforten sahen sich in einer eigenen Omertá gebunden, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Ein weiteres Beispie, nebenRoberto Calvi, liefert der Tod Michele Sindonas. Schuldig befunden, den Mord an einem Widersacher in Auftrag gegeben zu haben, wurde er in Italien zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt. In einemHochsicherheitsgefängnis inhaftiert bestellte er sich eines Morgens eine Tasse Kaffee. Wahrscheinlich hat er nicht einmal mehr verspürt, dass dieser mit Zyankali „gesüßt“ war.
Ob Sindona vergiftet wurde oder freiwillig aus dem Leben schied, ist ungeklärt.
Noch ist Gianluigi Nuzzi mit der „Vatikan AG“ nicht fertig. Am Ende seines Buches beschäftigt er sich mit einer der „klassischen“ innenpolitischen Intrigen, wiederum verwoben mit undurchsichtigen Geldschiebereien und Aktivitäten unter dem Generalnenner „Mafia“. Auch Ex-Multi-Minister-präsident Giulio Andreotti, eine Ikone der italienischen Nachkriegspolitik, wird vom Autor nicht geschont.
Zum Hintergrund: Anfang der 90er Jahre brach dem Apostolischen Palast der treueste politische Partner in Italien weg, die katholische Nationalpartei, die Democrazia Christiana. Den Ausschlag hatten letztlich von der Mailänder Staatsanwaltschaft unter dem Stichwort „Mani pulite – Saubere Hände“ geführte Ermittlungen gegen unter Korruptionsverdacht stehende Parteimitglieder gegeben. Hinter den Kulissen liefen Gegenmaßnahmen an: Eine „große Partei der Mitte“ sollte gebildet werden, um die Bresche in der zersplitterten konservativen Front zu füllen und die alten Machtverhältnisse gegenüber Mitte-Links-Bündnissen, womöglich neuen „historischen Kompromissen“ mit den Kommunisten wieder herzustellen. Keine Frage: Für den Vatikan von größtem Interesse und entsprechend wohlwollend unterstütz. Nuzzi stößt bei seinen Recherchen auf „politische Intrigen und Finanztricks, auf Girokonten von Politikern und Mafiosi“ und stützt sich auf „bisher unveröffentlichte Aussagen“. Ein sehr italienisches Buch über „italienische Verhältnisse“.
Irgendwann muss Schluss sein! Papst Johannes Paul II. , obschon in seinem „Kampf um Polen“ in den 80er Jahren auf mehr als moralische und diplomatische Unterstützung angewiesen, wollte auch in den Finanzangelegenheiten des Vatikans klare Verhältnisse schaffen, seinem Versprechen bei Amtsantritt folgend, die Kurie in ein „Haus aus Glas“ zu verändern. Nach dem Skandal um die Vatikanbank und die undurchsichtigen Finanzen, rief er international renommierte Berater zu sich, unter anderem den Patriarchen der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, dieser aus „streng katholischer“ rheinischere Familie stammend, Grabesritter und Träger des Großkreuzes des päpstlichen Gregorius-Ordens. Seine mit Fragezeichen versehene Rolle in Hitler-Deutschland hatte für den Papst in der anliegenden Sache kein Gewicht.
Deutsches Fachwissen bleibt weiter gefragt. Auch Papst Benedikt XVI. setzt auf einen im Vatikan „immer gern gesehenen Berater“, wie Radio Vatikan im November 2006 anlässlich des 75. Geburtstages von Hans Tietmeyer meldete. Dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Bundesbank, gebürtig aus dem „Schwarzen Münsterland“ stammend, fehlt es nicht an dem gebotenen Vertrauensverhältnis zur Kirche.
Schließlich und endlich weist Gianluigi Nuzzi in einem Vorwort für deutsche Ausgabe auf das neue Währungsabkommen des Heiligen Stuhls mit der Europäischen Union, das am 1. Januar 2010 in Kraft getreten ist und die Währungsvereinbarung zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat aus dem Jahr 2000 ergänzt. Dabei geht es aus kirchlicher Sicht wohl nicht allein darum, dass dem Staat der Vatikanstadt nunmehr erlaubt ist, 2,3 Millionen statt bisher 1,1 Millionen Münzen mit dem Porträt des Papstes prägen zu lassen, verbunden mit der Verpflichtung, 51 Prozent der Ausgabe in den regulären Umlauf zu bringen (damit demnächst vielleicht nicht mehr allein Sammler an die begehrten Geldstücke kommen. Wenngleich nicht Mitglied der Europäischen Union, jedoch durch besondere Beziehungen mit Brüssel verbunden, legt „der Vatikan“ nach den Skandalen ein Bemühen an den Tag, nicht mit jenen Offshore-Finanzplätzen verwechselt zu werden, deren Geschäftspraktiken sich weniger an der Kontrolle seitens dritter Instanzen orientieren, als an Methoden, die sich eben dieser Aufsicht und der Steuergesetzgebung der Herkunftsländer ihrer Depot-Inhaber entziehen.
Nuzzi scheint zuversichtlich, Interventionen aus dem Apostolischen Palast nicht zu befürchten sein, wenn er den amtierenden Papst selbst zitiert. In seiner Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ vom 29. Juni 2009, spricht Benedikt XVI. von der „Liebe in der Wahrheit“, die auch für die Wirtschaftsethik gilt: „Viel hängt nämlich vom moralischen Bezugssystem ab. Zu diesem Thema hat die Soziallehre der Kirche einen besonderen Beitrag zu leisten, der sich auf die Erschaffung des Menschen »als Abbild Gottes« (Gen 1, 27) gründet, eine Tatsache, von der sich die unverletzliche Würde der menschlichen Person ebenso herleitet wie der transzendente Wert der natürlichen moralischen Normen. Eine Wirtschaftsethik, die von diesen beiden Säulen absähe, würde unvermeidlich Gefahr laufen, ihre moralische Qualität zu verlieren und sich instrumentalisieren zu lassen; genauer gesagt, sie würde riskieren, zu einer Funktion für die bestehenden Wirtschafts- und Finanzsysteme zu werden, statt zum Korrektiv ihrer Missstände.“
Bleibt abzuwarten, zu welchen Korrekturen der „saubere chirurgische Schnitt“ führt, wie Nuzzi die neue Finanzpolitik im Päpstlichen Haus beschreibt. Offene Bilanzen, die ein Mindestmaß an Vertrauen in Bankgeschäfte ermöglichen, sind das eine. Aber die Kirche besteht nicht nur aus Kassenbüchern und Wechselstuben. In Sachen Offenheit statt Geheimniskrämerei und Vertuschung gibt es noch vieles und anderes zu tun, wie die Enthüllungen auf einem anderen, noch schmutzigerem Gebiet als Geldschummeleien in den letzten Monaten drastisch vor Augen geführt haben.
Quellen:
1. Thomas J. Reese: Im Innern des Vatikans. Frankfurt am Main 1998
2. Hanspeter Oschwald: Vatikan. Die Firma Gottes. München 1998;
Heiner Boberski, Josef Bruckmann, Andreas Pfeifer: Geheimnis
Vatikan. Salzburg 2006
3. David A. Yallup: Im Namen Gottes. Der mysteriöse Tod des 33-Tage Papstes Johannes Paul I. – Tatsachen und Hintergründe.
München 1984
4. Benny Lai: Finanze e Finanzieri Vaticani fra L´800 e il 900. Da Pio IX. a Benedetto XV. Milano 1979
5. Heribert Blondiau/Udo Gümpel: Der Vatikan heiligt die Mittel. Mord am Bankier Gottes. Düsseldorf 1999
6. Richard Hammer: The Vatican Connection. The astonishing account of a Billion-Dollar-Counterfeit Stock Deal between the
Mafia and the Church. New York, N.Y. 1982