Kirchen-Austritt leicht gemacht?

„Austritt? Gibt´s nicht“ – unter diese von der ZEIT gewählten Überschrift (Unterzeile: Warum die Tauf ewig währt) befasst sich Robert Leicht, der ehemalige Chefredakteur und derzeitige politische Korrespondent des Hamburger Wochenblattes (Nr. 26 / S.4) mit dem ebenso aktuellen wie brisanten Thema, das vor allem die römisch-katholische Kirche trifft. Leicht, prominenter evangelischer Publizist, war in den Jahren 1997 bis 2003 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD. Der nachfolgende Brief setzt sich mit der von Leicht vertretenen Auffassung kritisch auseinander. Einige Flüchtigkeitsfehler wurden nachträglich korrigiert.

Herrn
Prof. Dr. h.c. Robert Leicht
Politischer Korrespondent

Betr.: Austritt? Gibt´s nicht (ZEIT Nr. 26, Seite 4)

Sehr geehrter Herr Professor Leicht,

was Sie zur christlichen Taufe schreiben, nämlich die Unaufhebbarkeit des Sakramentes betreffend, ist jedem theologisch einigermaßen informierten Leser vertraut. Und durchaus ein probates „Hilfsmittel“ für jene, die der Körperschaft des öffentlichen Rechtes (Heinrich Böll) den Rücken kehren. Man bleibt katholisch. Die Sanktionen sind eine Angelegenheit auf dem Papier; jeder katholische Seelsorger, der seinen Dienst ernst nimmt, wird auch weiterhin Betreffende segnen und beisetzen, wenn sie zu Lebzeiten darum gebeten haben, ebenso, wie an zeitgemäßen Altären auch die Interkommunion längst übliche Praxis ist.

Es verärgern mich Ihre Auslassungen über „potenzielle Kritiker und Erneuerer“, die sich Ihrer Meinung nach offenbar „einfach aus dem Staub machen.“ Abgesehen von der Wahl der Formulierung, die ich als Verunglimpfung empfinde – hier scheinen wohl dem evangelischen Christen die protestantischen Gäule durchgegangen zu sein.

Ich schätze Ihre Fachkenntnis hoch genug ein, um von Ihnen erwarten zu können, dass Sie zwischen synodal verfassten Kirchen und einer hierarchischen zu unterscheiden wissen. Kein potenzieller Kritiker und Erneuerer hat sich bisher „aus dem Staub gemacht“. Weder ein Küng, noch ein Boff, noch ein Hasenhüttl und, und. Sie haben allenfalls verzweifelt das Handtuch geworfen, weil diese Kirche „von oben“ und nicht „von unten“ regiert wird. Da ist Erneuerung eher ein Fremdwort. Sie wissen doch nur zu gut, was aus den spärlichen Ansätzen des Zweiten Vatikanums geworden ist, und wer die Uhr nicht nur zurückgedreht hat und weiter daran schraubt, sondern in der Tat eben nicht der “fortschrittliche” Theologe war, als der er von gewisser Seite immer noch gefeiert wird, weder zu Zeiten des Konzils noch danach. Und die katholischen „Reformchristen“ sind doch kaum mehr als sich im Kreis drehende Aktionisten – deren Platte, die sie bei jeder sich bietenden und auch herausfordernden Gelegenheit auflegen, inzwischen Kratzer wie ein Schellack-Scheibe bekommen hat.

Das geht an die Hierarchen von Bertone in Rom bis Meisner in Köln schlicht und einfach nicht heran. Mixa, der arme Mensch, öffnet den Blick tief in eine beschädigte Seele. „Ich brauche Deine Liebe“, wird er aus einem angeblichen Dialog mit einem Jungpriester zitiert. Diese Vereinsamung, dieses „Allein gelassen sein“, jeder am Ende des Tages allein mit sich – ohne wärmende Zuneigung, die einer Ehe, einer Familie in der Regel eigen ist – daran gehen so viele zu Grunde. Die einen suchen den Ausgleich in Spielarten des Hedonismus, der Machtausübung, andere enden im Alkohol. Wen interessiert diese menschliche Problematik? Angeblich hat man in der Bischofskonferenz seit langem davon gewusst, “gemunkelt”, wie Ulrich Ruhe formuliert. Ja, lieb´s Herrgöttle von Biberach, was sind denn das für Mitbrüder, die einfach irgendwann die Notbremse ziehen, weil ihnen nichts Besseres einfällt? Wo ist der bischöfliche Freund von nebenan, der dem Hilflosen die Hand reicht? Man empfiehlt den Priestern seelsorgliche Begleiter. Das ist dann innerkatholische Psychotherapie in einer Situation, in der aber keine Therapie, sondern das Vertrauen eines wahren Freundes gebraucht wird.

Austritt? Ja, den gibt´s. Ich plädiere nicht dafür, rufe nicht dazu auf. Aber ich mach es mir nicht so leicht, wie Sie es denen unterstellen, die sich verabschieden. Nicht die Kirchensteuer, nicht einmal der Mixa – nein, der Austritt erfolgt aus einem System, das in seiner Grundstruktur nicht stimmt, von den Tagen der sogenannten legendären konstantintischen Schenkung an. Die religiöse Überzeugung bleibt für diejenigen, die sich für eine andere Form des Gottesdienstes entscheiden, unberührt. Das schreibe ich Ihnen nach vielen Jahrzehnten journalistischer Kenntnis und Erfahrung, die katholischen Verhältnisse betreffend, „binnen un buten“, wie man in Hamburg wohl zu sagen pflegt. Über die anderen christlichen Fakultäten mich zu äußern verbietet mir mein Eingeständnis, nicht berufen zu sein, die dortigen Zustände zu beurteilen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Werner Kaltefleiter

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