Nationalsport Fußball

Es  spielten in einem international besetzten Fußball-Turnier in Südafrika  mit dem Ziel,  Sieger  und damit  „Weltmeister“ in dieser Sportdisziplin für die nächsten vier Jahre zu sein, unter anderem die „Three Lions“, die  „Black Stars“,   „Les  Bleus“, die „Squadra Azzurra“,   „La albiceleste“,  die  „Selecao“ – wobei  letztere in der deutschen Übersetzung mit „Auswahl“  am klarsten den  Typus der Fußballmannschaft wiedergibt, die ihre Kräfte auf dem grünen Rasen messen.   Insofern spielte nicht „Deutschland“, sondern die „Auswahl des DFB, also des Deutschen  Fußballbundes.  Und der Kenner weiß selbstverständlich, um welche Mannschaften es sich bei den vorgenannten handelt, trotz aller semantischen Verschnörkelungen und Mystifizierungen.

Sport als „Massensport“ – nichts dagegen zu sagen. Nun denn:  ob die wöchentlichen Matches in den Bundesliga-Arenen oder bei den internationalen Cups liturgischen Feiern gleichkommen,  „Ersatz-Gottesdiensten“,  dem „Fußballgott“ geweiht,  mit Spielern als  Zelebranten, die sich  bekreuzigen,  Stoßgebete „nach oben“  schickend,  auch zum eigenen Segen, eingedenk lockender Transfers  -  darüber mögen Sozialpsychologen diskutieren.

Sport begeistert, Sport, so geben manche aus nicht unbegründetem Anlass zu bedenken, wird auch instrumentalisiert.  Wie der Sport – nicht die Sportler, sondern die Sportfunktionäre  – sein hässliches Gesicht zeigte, haben wir nicht vergessen – weder im Zeichen des braunen noch des  roten Sozialismus.   Doch der Sport nahm eine Wende, zunächst in West, dann in Ost  – nicht nur zu seinem Vorteil : die Gangart auf dem Spielfeld entsprach den Ablösesummen.  In den Stadien sammelte sich eine neue Art von Zuschauern, „Fans“ genannt, darunter  auch solche, die nicht den Fußballbegeisterten  gleichkommen, die 1954 am Radio mit  Herbert Zimmermann fieberten.

Nach dem „Wunder von Bern“, das vielen Menschen, ein neues Lebensgefühl  vermittelte, auch das leicht infizierbare „Wir sind wieder wer“ , ereignete sich ein zweites Fußballwunder, bemerkenswert in jenem Land, das zweimal im vergangenen Jahrhundert mit seinem  „über alles“, die Welt in Angst und Schrecken versetzt hatte.  Dieses Wunder bildete eine Abwehrmauer gegen den Krakeel in bestimmten Stadien-Kurven, der Sport mit Krieg zu verwechseln schien.

Von den Füßen der Spieler rollte die lederne Kugel auf die Straßen und Plätze, jeder wollte mitspielen, die neue Botschaft hieß: lasst uns gemeinsam Spaß haben.  Eingeladen auch die  Gast-Teams, nicht auf „Gegner“ reduziert.  Die Fahne Schwarz-Rot-Gold wurde ausgerollt, an Fenster und Balkonen aufgehängt, an  Masten vor der Haustüre aufgezogen, an Auto-Seitenfenster geklemmt. Auch Griechen und Italiener, Spanier und Türken, mit und ohne deutschen Pass, hatten kein Problem mit der Zweiflaggen-Praxis. „Deutschland – Weltmeister!“ – und wenn schon knapp verpasst, dann doch  „Weltmeister der Herzen

Man habe wieder „Mut“ sich zu seiner Nation, seiner Heimat, seinem Deutschtum zu bekennen.  Für die meisten doch wohl allein Ausdruck von Fröhlichkeit und Ausgelassenheit.  Oder klang da schon  der alte Unterton heraus?

Ein drittes Mal  ist nun ein  Fußball- „Wunder“ zu vermelden.  Deutschland mit einem ganz neuen Gesicht:  „Jogis“  Elf, nicht nur „jung“ – Fußballkommentatoren schwärmen schon von der neuen Goldenen Generation – sondern  ein Team, zusammengesetzt aus Spielern unterschiedlicher nationaler und ethnischer Herkunft. Neudeutsch: „Multikulti“.  Brückenbau über Süd- und Nordkurven hinweg. Ein mutiges Spiel, dank dem Bundestrainer.

FIFA-World-Cup in Südafrika 2010.  Mein Wohnbezirk, 8000 Kilometer entfernt,  ist in ein Flaggenmeer getaucht, zu bestimmten Zeiten – das heißt, wann immer in Kapstadt, Johannesburg  Bloemfontein  und in den anderen Stadien im afrikanischen Anti-Apartheids-Staat angepfiffen wird, dringen auch hierzulande  seltsam röhrende Töne an unser Ohr, als trete ein brunftiger Hirsch auf die Lichtung.  Kneipen und Stadtparks laden zu einem neuen Gemeinschaftserlebnis ein, dem öffentlichen Zuschauen, in der Sprache von heute:  Public  viewing.

Freilich:  Die vorlautesten Propheten behaupteten schon vor dem ersten Anstoß:  „Deutschland“ wird Weltmeister.  Soll wohl heißen:   Waren wir immer schon, nicht nur im Fußball, und  bleiben wir. Das ist wie böse Geister beschwören nach Art der Schamanen – denn mit dem „Weltmeister“ hat es so seine Sache, politisch, ökonomisch, kulturell.

Selbst im Wartebereich der  Erste-Hilfe-Station der städtischen Klinik ist ein Fernseher aufgestellt.  Japan hat spielt, Ghana spielt.  Ist doch schön, dass die sogenannten „Kleinen“ nicht nur Punktelieferanten für die Großen sind.  Die Japaner hätten hervorragend gespielt, sagt ein Mann neben mir. Nach einer kurzen Pause setzt er hinzu:  „Die haben keine Neger in ihrer Mannschaft“.   „Und haben Sie gesehen, wie die mitgesungen haben, bei  ihrer Nationalhymne.“   Wer ist dieser Mann. Er trägt keine  „Glatze“, keine Tätowierungen.  Könnte Handwerker oder Angestellter in gehobener Stellung sein.  „Ordentliches“  Äußeres.  Auch physisch beeindruckend. Hochgewachsen, kräftig, laute Stimme.  Man hält sich besser zurück.

Bald darauf werde ich zum Arzt gerufen. Zurück bleibt der kurze Wortwechsel am „Spielfeldrand“ vor dem Fernseher. Ich dachte, das sei überwunden, seit den“ Wundern“  von Bern, Berlin und Südafrika  allenfalls noch Restgift in den Köpfen jener,  deren Aussehen und Ansichten man kennt und die man einigermaßen, so ist doch zu hoffen, im Griff hat.

Mir kommt ein Diktum von Johannes Paul II. in den Sinn, seine Antwort auf meine Frage nach dem Unterschied von Patriotismus und Nationalismus.  „Patriotismus ist, wenn man seine Heimat liebt“, sagte der Papst, „Nationalismus – wenn man die anderen nicht liebt, wenn man sie wegräumt“. Diese  Worte unterstrich er mit einer entsprechenden  Handbewegung.

Nach dem 4:1 gegen  „Traditionsgegner“  England (während ich diese Zeilen schreibe) hupten sie wieder ausgelassen auf den Straßen, die Vuvuzelas blieben gottlob verhalten.

Möge es beim „Nationalsport“ Fußball bleiben und,  dass Fußballkünstler, ungeachtet von Hautfarbe und Religion,  einen Platz in der Stamm-Mannschaft haben, wie ebenso in den Liga-Vereinen, sofern ihre spielerischen Qualitäten überzeugen. Wenn nicht im Reich von „König Fußball“ die gesellschaft-lichen Schranken aufgehoben sind, ausgenommen die des Respekts vor dem Mitmenschen, auf dem Spielfeld wie auf den Rängen -  wo dann sonst?  Das schlimmste Szenario wäre es, und wir haben es erleben müssen, wenn  22  junge Männer zu Ersatzkriegen angefeuert werden.   Zwischen den beiden Toren sollte die alte Sepp-Herberger-Regel genügen, nämlich allein gegen den Ball zu treten, damit das Runde im Eckigen landet.  Halt – hinzugekommen ist ein Weiteres.  Meine Spieler sollen Botschafter ihres Landes sein, empfahl der Bundestrainer.  „Außendarstellung“ in Technodeutsch.

Wie immer auch.  „Deutschlands“ Elf  möge beispielhaft sein.  Fußball „made in Germany“ – auch ohne den Worldcup in den Händen –  wäre dies ein schöner  Sieg.

Schreib einen Kommentar

Du mußt Dich zum Kommentieren einloggen.