Pius XII. und die Juden – Eine Meldung und ihr Hintergrund
Papst Pius XII. habe zu all dem geschwiegen, was die Nazis den Juden in Deutschland und anschließend auch in den von ihnen besetzten Ländern Europas antaten, von den täglichen Opressionen, den seelischen und physischen Quälereien, bis zum organisierten Mord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der SS.
Wer dies behaupte, habe Böses im Sinn, versuche die beabsichtigte Seligsprechung des Papa angelicus zu unterlaufen, halten die Befürworter der Kanonisation vehement dagegen. Mit allen Mitteln versuchen sie, das erfahren zu einem schnellen Abschluss zu bringen – 40 Jahre Wartezeit seien genug.
Besonders hervor tut sich bei dieser „Kampagne“ die private jüdische Stiftung „Pave the way“, was mit “den Weg freie machen” übersetzt werde kann.
Gründer und Präsident ist der New Yorker GeschäftsmannGary L. Krupp, der sich durch zahlreiche karitative und dem Religionsdialog gewidmeten Initiativen einen Namen gemacht hat. Von Johannes Paul II. wurde er mit dem Gregorius-Orden ausgezeichnet, als bisher siebter Jude, und von Queen Elizabeth II. in den anglikanischen Order of St. John aufgenommen. Nach Krupps Worten will sein Werk dazu beitragen, „die nicht-theologischen Hindernisse auf dem Weg zur Verständigung zwischen den Religionen“ zu beseitigen.
Das „Räumkommando“ wird unterstützt von Historikern und Schriftstellern wie Ronald Rychlak („Hitler, der Krieg und der Papst“)und Michael Hesemann („Der Papst, der Hitler trotzte“). Hesemann vertritt „Pave the way“ in Deutschland. Die Linie der vereinten Kräfte: eine ihrer Meinung nach immer noch negativ reagierende Öffentlichkeit, (zumal die deutsche, die jüdische?), von den „guten Taten Papst Pius XII.“ zu überzeugen. Auch „vorläufige Untersuchungsergebnisse“ sind offenbar Beleg genug. Auf was wartet Benedikt XVI. eigentlich noch?
Mit von der Partie der Operation „Pio Dodici“ ist der Nachrichtendienst ZENIT, der keine Gelegenheit auslässt, neues von der Aktionsfront zu berichten. Als wahre Fundgrube für die erforderlichen Belege zugunsten des „Weltkriegs-Papstes“ entdecken die Explorer zur Zeit die vatikanischen Geheimarchive, fördern „aus jüngst geöffneten Beständen“ angeblich neue Dokumente zutage, die jede Kritik verstummen lassen sollen.
Zum Sachverhalt : In den Jahren 1938 (nach den November-Pogromen ) und im Januar 1939(also vor der Wahl Eugenio Pacellis zum Papst und vor dem Kriegsausbruch) soll der damalige Kardinalstaatssekretär mehrere Briefe an Nuntiaturen, Apostolische Delegationen und Länder-Episkopate geschrieben haben. Darin bat er „um 200 000 Visa für sogenannte „nicht-arische Katholiken“. Auch habe er sich „um die Bewahrung jüdischer Kulturgüter“ bemüht.
Um Schlimmeres zu verhüten
Statt sich direkt an die Regierungen der befreundeten Staaten zu wenden, zieht der Staatssekretär Seiner Heiligkeit für seine Korrespondenz den innerkirchlichen Kreislauf vor. Die päpstlichen Botschafter und die Ortsbischöfe sollen bei den zuständigen Behörden vorstellig werden. In besonders prekären Situationen hat Pacelli diese interne Linie gefahren und auch als Papst beibehalten, siehe die Behandlung des Briefes der Edith Stein im April 1933 und der Briefwechsel im Jahr 1943 mit dem Berliner Bischof Konrad von Preysing. .
Dem gelernten und geübten Diplomaten, zu äußerster Vorsicht und Diskretion neigend, sei es bei seinem Bemühen zugunsten der Juden stets darum gegangen, „Berlin“, also Hitler und seine Komplizen nicht unnötig zu reizen. Die Nazis hätten auf jeden kirchlichen Protest mit umso schärferen Maßnahmen reagiert, siehe die Deportation der „nichtarischen Katholiken“ aus den Niederlanden, nach dem öffentlichen Protest der dortigen katholischen Bischöfe im Jahr 1942. Pius zog es vor, die Einschätzung der jeweiligen aktuellen Situation seinen Bischöfen „vor Ort“ zu überlassen, „ad maiora mala vitanda“ (um Schlimmeres zu verhüten), wie er Preysing auf dessen Bitte um deutlichen Protest aus Rom gegen die in Berlin beginnenden Deportationen schrieb. In den Nachkriegs-Kommentaren und nicht zuletzt im Verlauf des kanonischen Verfahrens, Pius XII. zur Ehre der Altäre zu erheben, häuften sich die Erklärungen und „Entschuldigungen“ zur Rolle des Papstes und der Kirche in der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus.
Zum Zeitpunkt der jetzt von „Pave the way“ in die Öffentlichkeit gebrachten Papstbriefe war Eugenio Pacelli noch der Chefdiplomat Pius XI. Dem vatikanischen Staatssekretariat schien es durchaus angezeigt, zur Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen bereite Staaten um Einreise-Bewilligungen zu bitten, denn noch erlaubten die Nazis den Juden das „Reich“ zu verlassen. Himmler wollte sie loswerden. Noch war dies für ihn die vorrangige Option, Deutschland „judenrein“ zu machen. Ein vollständiges Ausreiseverbot für Juden erließ der Reichsführer SS erst im Oktober 1941. Mit der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 wurden dann die sogenannte „Endlösung“, der Massenmord an den Juden, in Gang gesetzt. Aber wer von den Verfolgten hätte sich diese kostspielige Flucht leisten können? Wer es dennoch schaffte, war in der Regel bis auf wenige Reichsmark seiner materiellen Habe beraubt, finanziell ausgeplündert worden. Welche Mittel stellten der Papst und die angesprochenen Ortskirchen den Ankömmlingen in ihrem Exil zur Verfügung?
Für seine Korrespondenz mit den kirchlichen Vertretungen verwendete Pacelli den Begriff „nichtarische Katholiken“. Die Übernahme des NS-Sprachgebrauches war selbst in kirchlichen Dokumenten und dem Schriftverkehr mit den staatlichen Dienststellen nicht unüblich. Die deutschen Bischöfe benutzten ihn, wenn sie bei den Reichsbehörden für katholisch getaufte Juden vorstellig wurden, damit begründet, dass es sich schließlich um Glaubensangehörige der römisch-katholischen Kirche handelte, die durch das Reichskonkordat geschützt sein sollten. Gegenüber den Anderen, und das waren nicht alles sogenannte Glaubens-Juden, konnten, wollten oder durften sie nichts unternehmen. Andererseits: Die Rasse-Ideologen der Nazis und ihre Helfershelfer interessierte äußerst wenig die Frage nach dem religiösen Bekenntnis der von ihnen gehassten Juden.
Benutzte Pacelli also die Bezeichnung „nicht-arische Katholiken“ als Deckname, sozusagen als versteckten Hinweis, sich nicht nur um Konvertiten, sondern um alle verfolgten Juden zu kümmern?
Diese Schlussfolgerung ziehen die von „Pave the way“ konsultierten Historiker. Ein Indiz sei die „Anweisung“ des Papstes, jüdische Kulturgüter zu retten. Auch ließen die Antworten der Adressanten diese Ausdeutung zu. In der Tat: Nicht-arische Katholiken benötigten keine Einrichtungen und Gegenstände des jüdischen Kultus, Synagogen und Thora-Rollen. Wieso aber sollten diese „gerettet“ werden, gab es für diese Aufforderung vor 39 in den nichtbesetzten freien Ländern einen Grund?
Auf diesbezügliche Fragen antwortet Michael Hesemann: Er verweist zunächst auf ein Telegramm, das Kardinalstaatssekretär Pacelli am 30. November 1938 an Nuntiaturen in Lateinamerika (Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Kuba, Peru und Zentralamerika) sowie in Irland und Litauen gesandt hat. Ferner ging die Depesche an die Apostolischen Delegationen in Albanien, Ägypten, Syrien, Indochina, Belgisch-Kongo, Zentralafrika, Australien und in den USA. Der Papst habe darum gebeten, „nach allen nur denkbaren Anstellungsmöglichkeiten für deutsche und italienische Akademiker unter den „ebrei convertiti“ zu forschen.
Am 9. Januar 1939 sei ein Brief an 61 Erzbischöfe im Vereinigten Königreich, Irland, Schottland, in den Niederlanden, Luxemburg und Litauen, in den USA und Kanada sowie in den lateinamerika-nischen Staaten Argentinien, Bolivien, Chile, Costa Rica, Ecuador, Kolumbien, Peru, El Salvador und Venezuela sowie in Australien gefolgt. In diesem Schreiben bitte der Papst darum „für über 200 000 „katholische Nicharier“ aktiv zu werden und Komitees zu gründen, die bei den Regierungen Visa, eine Erleichterung der Einreisebedingungen, sowie aktive Betreuung der Flüchtlinge organisieren sollten.“ Den Komitees werde eine enge Zusammenarbeit mit dem St. Raphaelsverein empfohlen.
Hatte die Aktion Erfolg? Soviel hat Hesemann aus den vatikanischen Akten herausgefunden: Am großzügigsten habe sich Brasilien gezeigt, mit 3000 Einreisegenehmigungen, gefolgt von der Dominikanischen Republik mit zweimal 800 Visa im Jahr. Hesemann: „Deshalb war die gut gemeinte Aktion Pacellis leider zum damaligen Zeitpunkt nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Für die Passage von Lissabon in die Karibik mussten eigens Schiffe bereit gestellt werden; diese Kosten habe der Vatikan übernommen.
Welches Risiko ging Pacelli, als er diese konspirative Form diplomatischer Korrespondenz wählte. Welchen Grund hatte er dazu? Um die „nichtarischen Katholiken“ kümmerten sich zum Beispiel die deutschen Bischöfe, solange dies möglich war, auch ohne päpstliche Weisung. Und so dürfte es überall in der katholischen Welt gehandhabt worden sein. Wie konnten die ausländischen Prälaten davon ausgehen, dass mit „nicht-arischen Katholiken“ ein Codewort für alle Juden gegeben wurde, das den Spitzeln der Gestapo und der deutschen Nachrichtendienste verborgen bleiben sollte. Schwer verständlich. Ende 1938 / Anfang 1939 konnte man auch in Rom von einem allgegen-wärtigen Sicherheitsdienst (SD) der SS ausgehen, schließlich saßen abtrünnige katholische Priester in der Zentrale des Geheimdienstes der NSDAP.
Bekannt war, und in Wikipedia nachzulesen, dass der St. Raphaelsverein (s.a. Raphaelswerk), ursprünglich zum Schutz deutscher katholischer Auswanderer Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, sich im Schatten des drohenden Zweiten Weltkrieges darum bemühte, „Verfolgten des NS-Regimes die Flucht von Deutschland nach Südamerika – hauptsächlich nach Brasilien – zu ermöglichen.“ Geld kam von den deutschen Bischöfen, der Vatikan vermittelte auf diplomatischem Weg die Vergabe von Einreise-Visa in den süd-amerikanischen Botschaften. 1941 wurde der Raphaelsverein verboten, also in dem Jahr, ab dem den Juden die Ausreise untersagt wurde. Hatte das Reichssicherheitshauptamt nicht doch von den Aktivitäten des Raphaelsverein gewusst und die katholische Organisation gewähren lassen – weil , aus der Sicht des Regimes, ganz in dessen eigenem Interesse?
Der Wikipedia-Artikel vermerkt allerdings kritisch: Bei den Verfolgten habe es sich vor allem um Katholiken jüdischer Abstammung gehandelt. Die Mitarbeiter des St.-Raphaels-Vereins hätten jedoch darauf geachtet, dass Juden vor 1933 zum katholischen Glauben konvertiert waren, um auszu-schließen, dass die Konversion nur erfolgte, um aus Deutschland zu flüchten. Diese Regelung mag der politischen Situation entsprochen haben, um einem totalen Verbot durch das rassefeindliche System zu entgehen.
Hesemann wiederum meint, Pacelli habe die Bezeichnung „Nichtarier“ nach der NS-Terminologie aus der Überlegung heraus verwendet, dass die Nazis wahrscheinlich eher „katholische Nichtarier“ als gläubige Juden mit den vom St. Raphaelsverein übermittelten Visa ausreisen ließen. Sie hätten nicht fragen können, „was die Kirche die Juden angeht“, (wie in anderen Fällen, wenn Bischöfe versuchten, gegen antijüdische Maßnahmen zu intervenieren). Dass diese Einschätzung nicht ganz mit der Praxis Himmlers bis 1941 übereinstimmte, wurde schon an anderer Stelle dargelegt. Kritischer wohl ist die Folgerung von Hesemann zu beurteilen, dieses procedere – im Widerspruch zu der Wikipedia-Darstellung – habe dazu geführt, „dass der Vatikan zigtausende falscher Taufurkunden ausgab“. Nochmals gefragt: Welches Risiko ging der Papst, wenn er dies tatsächlich genehmigt hat? Was, wenn die Nazis dahinter gekommen wären?
Anders in Italien, in Rom, wo das Raphaelswerk, wie andere von der römischen Kurie getragene Hilfskomitees, in den letzten Kriegsmonaten und nach der Kapitulation einer Vielzahl von Menschen, die in Rom Zuflucht gefunden hatten, zur Seite stand, nicht zuletzt vielen Juden, die dem Holocaust hatten entkommen können.
Eine spezielle italienisch-jüdische Hilfsorganisation „Delasem“ (Delegazione assistenza ebrei emigranti) nahm sich, wie schon die Bezeichnung sagt, offenbar nicht nur der „nichtarischen Katholiken“ an. Dem Heiligen Stuhl kam es darauf an, Abschiebungen zu vermeiden und die Emigration Ausreisewilliger zu ermöglichen.
Von falschen Taufscheinen und echten Reisedokumenten
Die Geschichte von den gefälschten Taufscheinen und Personalpapieren, wonach auf Weisung des Vatikans geradezu eine Flut von solchen Falsifikaten zur Rettung von Juden in Umlauf gebracht wurde, hat Hesemann nicht erfunden. Vielmehr beruft er sich auf bekannte Quellen, allerdings von unterschiedlicher Qualität. Er zitiert sowohl persönliche Einschätzungen von früheren Autoren als auch Aussagen von Personen, die persönlich an diesen Operationen beteiligt waren.
So hat, wie Hesemann schreibt, der jüdische Diplomat und Theologe Pinchas Lapide („Rom und die Juden“) die Praxis der falschen Taufurkunden bezeugt. (Wobei die Behauptung Lapides, mit Hilfe des Vatikans seien 800 000 Juden gerettet worden, von der zeitgenössischen Geschichtsforschung nicht übernommen wird.) Den Historiker Dan Michman, Verfasser der Untersuchung „Die Historiographie der Shoa aus jüdischer Sicht“ zitiert Hesemann aus dessen Buch „Belgium and the Holocaust. Jews, Belgians, Germans“ mit dem Satz: „ Ich bin der Meinung, dass die Praxis, falsche Taufscheine auszugeben, häufiger übliche war als tatsächliche Taufen.“
Hesemann hätte auch die allerdings ins Gegenteil zielenden Ergebnisse der Untersuchung von Ernst Klee („Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirche den Nazis half“) anführen können. Sein Interesse gilt vielmehr dem französischen Kapuzinerpater Marie-Benoit, der hunderten von Juden bei der Flucht aus Südfrankreich in die Schweiz oder nach Spanien half. Pater Benoit, dem die Gestapo auf die Spur gekommen war, musste schließlich selbst nach Rom fliehen. In seinem Büro im Kolleg des Ordens habe er in Zusammenarbeit mit der jüdischen Wohlfahrtsorganisation Delasem seine Hilfsaktionen fortgesetzt. Pater Benoit wurde von den Geretteten als „Vater der Juden“ geehrt. (Nachzulesen auf der Internetseite „Einzigartiges Israel“ des Hänssler Verlages im Verlag Stiftung Christliche Medien, der größten evangelikalen Verlagsgruppe in Deutschland.) Im Warteraum seines Klosters, so eine von Hesemann herangezogene Quelle, habe es zu jeder Tageszeit von Menschen gewimmelt und auf der im Keller installierten Druckmaschine seien tausende von falschen Taufzeugnissen gefertigt worden, zur Weitergabe an Juden.
Besonders aktiv waren vatikanische Prälaten offenbar auf dem Balkan und im Nahen Osten. Angelo Roncalli (der nachmalige Papst Johannes XXIII.), seinerzeit Apostolischer Nuntius in der Türkei, habe in Zusammenarbeit mit Chaim Barlas vom Rettungskomitee der Jewish Agency 12.000 ungarische Juden gerettet, in dem diese mit falschen Taufscheinen und Reisedokumenten ausgestattet worden seien. (Die Jewish Agency war, auf Grund des Völkerbundmandats für Palästina, die von den Engländern offiziell anerkannte Vertretung der Juden). Auf gleiche Weise sei Angelo Rotta (1944-45 Nuntius in Budapest) während seiner Aktivitäten in der Apostolischen Delegation in Sofia tätig geworden. Er versah bulgarische Juden ebenfalls mit gefälschten Taufscheinen und erteilte ihnen Reisebescheinigungen für Palästina. Von diesem vatikanischen Diplomaten wird gesagt, er habe 15 000 echt wirkende Leumundszeugnisse und hunderte von ebensolchen Taufbescheinigungen für Juden in Arbeitslagern, die vor Deportation und Todesmärsche standen, ausgestellt.
Hesemann fügt ergänzend hinzu: Roncalli und Rotta seien, nach eigener Aussage, den Weisungen aus Rom gefolgt, „zuerst und vor allem Menschenleben zu retten“ (Roncalli). Auch Pater Benoit habe „in Rücksprache mit und mit Hilfe finanzieller Unterstützung durch Pius XII.“ gehandelt.
Zudem habe ihm, Hesemann, der Pallottiner-Pater Centioni aus Rom persönlich bestätigt, „dass er im Auftrag Pius XII. falsche Taufscheine an Juden ausgab und diese Praxis auch beim St. Raphaels-Verein (zu dem er im Auftrag des Papstes Kontakt hielt) üblich war.“
Giancarlo Centioni (Jg. 1912), war während des Krieges Militärkaplan in der Heimat-Miliz und lebte während dieser Zeit im Generalat der Pallottiner in Rom. Er erinnert sich an eine „Geheimes Hilfswerk“, um Juden zur Flucht aus Deutschland zu verhelfen, schon vor dem Krieg und vor dem Einmarsch der Deutschen in Italien. Die Hilfsaktion lief wohl unter dem Deckmantel der römischen Dependance des Raphaelvereins; der „führende Kopf“ war Pallotinerpater Anton Weber, seine Wohnung in der Via Pettinari die Anlaufadresse. Er habe in direktem Kontakt zu Pius XII. und dem Staatssekretariat gestanden, von dort habe er Geld und Reisedokumente erhalten, „direkt vom Sekretariat Seiner Heiligkeit, in seinem Namen und von seinem Konto.“ Don Centioni erwähnt auch die Steyler Missionare (SVD), ob in Zusammenarbeit mit den Pallottinern oder in eigener Regie, lässt sich seinen Äusserungen nicht entnehmen.
Die Fluchtroute aus Deutschland habe zunächst nach Italien geführt, dann in die Schweiz oder nach Lissabon. (Auch gesuchte NS-Vertreter suchten diesen Weg – die sogenannte „Klosterlinie“ – zu nutzen, was einigen unter Decknamen gelang, wissentlich und unwissentlich mit kirchlicher Hilfe.)
Don Centioni hatte zwar geglaubt, als „faschistischer“ Militärkaplan nicht in Verdacht zu geraten, jüdischen Flüchtlingen zu helfen. So habe ihn beispielsweise der damalige Gestapochef und Polizeiattaché in Rom Herbert Kappler vor dem Tod gerettet. Kappler war verantwortlich für die
Geiselerschießungen am 24. März 1944 in den Ardeatinischen Grotten. Diese willkürlichen Morde waren als Vergeltung für einen Partisanen-Überfall auf eine Einheit des Polizeiregiments „Bozen“ in der Via Rasella am Vortag ausgeübt worden. Bei diesem Anschlag, von der römischen Bevölkerung später verurteilt, waren 33 Angehörige der Polizei-Einheit getötet worden. Dem Massaker in den Fosse Ardeatine fielen 335 italienische Zivilisten zum Opfer, unter ihnen 75 jüdische Geiseln. Auf die Frage des Militärkaplans, warum er nicht gerufen worden sei, (wohl für einen letzten seelsorglichen Dienst) habe Kappler geantwortet, „Dann hätte man auch Sie umgebracht.“
Dennoch kam die SS dem italienischen Priester auf die Spur. Vor der Verhaftung aber habe ihn „Exzellenz Hudal“ bewahrt. Der sei ein „einflussreicher und hoher Deutscher in Rom“ gewesen. Hudal zu Centioni: „Komm hierher, denn sonst wird die SS Dich verhaften.“ (Einige dieser Details sind in den Internet-Informationen des katholischen Nachrichtendienstes H20news nachzulesen.) Dies alles klingt abenteuerlich. Was ist Fakt, was der verblassenden Erinnerung geschuldet?
Manche Zweifel mögen aufkomme, insbesondere die Frage, warum dies den Geheimdiensten, ob der deutschen Abwehr und dem SD oder westlichen Agenturen, verborgen geblieben sein sollte. Und wer bei diesen Fluchthilfen mitspielte. Schriftliche Belege werden sich im Detail schwerlich beibringen lassen, man ist auf die mündliche Überlieferung angewiesen; für die seriöse Geschichtsforschung eine problematische Ausgangslage. Es bleibt allein das Diktum des Papstes „Zuerst Menschenleben retten“, das sich über jede Kritik und jeden Zweifel erhebt.
Centioni sagte in dem Interview mit H20news, das geheime Fluchthilfe-Netzwerk habe seine Tätigkeit auch nach 1945 fortgesetzt, denn: „die Verbindung Webers mit dem Vatikan war sehr aktiv“. Einzelheiten, sofern er mehr wusste, gab der Italiener nicht preis. Auch Pater Anton Weber zeigte sich nach seiner Rückkehr ins Mutterhaus in Limburg an der Lahn eher schweigsam, was diese Jahre betrifft, wie sich seine Mitbrüder erinnern
Fluchthilfe auch für die Täter?
Nun wären diejenigen, die nicht müde werden, eine Fülle von „Persilscheinen“ gegen die Kritiker des Pacelli-Papstes vorzulegen, aufgefordert, ebenso klare Zeugnisse gegen die bis heute immer wieder gestellte Frage nach der angeblichen Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher seitens des Vatikans
zu finden. Dass einige prominente SS-Führer sich auch über kirchliche Hilfsstellen ausschleusen ließen, die sogenannten „Klosterlinie“ nutzten, oder die „ratlines“, wie sie von Geheimdiensten organisiert wurden, ist hinreichend bekannt. Prominentester Fall: Adolf Eichmann, alias Ricardo Klement. Den einen gelang es, sich unerkannt unter die Hilfesuchenden zu mischen, andere wurden wissentlich mit falschen Papieren versorgt, siehe die Aktivitäten des Titularbischofs Alois Hudal (Rektor des deutsch-österreichischen Kollegs Santa Maria dell`Anima in Rom) und des kroatischen, der Ustascha verbundenen Theologieprofessor Krunoslav Draganovic.
Wie konnte dies geschehen, ohne dass der Papst oder sein engster Mitarbeiter im Staatssekretariat Giovanni Battista Montini (nachmaliger Papst Paul VI.) davon erfahren haben sollten. Der Substitut („Innenminister“) Montini unterhielt schließlich selbst geheimdienstliche Kontakte während des Krieges und danach. Diese Ungereimtheiten endlich aufzulösen, wäre sicherlich ebenso angesagt, um das Gespenst der Gerüchte und Unterstellungen ein- für allemal aus der Welt zu schaffen. Dazu müsste die unabhängige Forschung allerdings freien Zugang zu den Akten des Pontifikats von Pius XII. im Zusammenhang mit Montini haben – und das kann, nach den geltenden Verschlusszeiten, noch etliche Jahre dauern. Selbst dann ist fraglich, ob irgendwelche Aufzeichnungen diesbezüglicher Art gefertigt und wenn ja, auch archiviert wurden.
Dass mit den „katholischen Nichtariern“ schon in den Pacelli-Briefen von 38/39 „durchaus auch nichtkonvertierte gläubige Juden“ gemeint waren, belegen nach der Einschätzung von Hesemann zweierlei Umstände“. So hätten „viele der Erzbischöfe“ in ihren Antworten nicht etwa von „ebrei convertiti“ geschrieben, sondern gleich von „ebrei“. Ferner werde in dem Brief vom 9. Januar „ausdrücklich darum gebeten“, für die Emigranten eigene „aedes sacra“ (Heiligtumer ) und Schulen bereitzustellen und ihnen die Ausübung ihrer Religion, ihrer Sitten und Traditionen zu garantieren.
Dass Synagogen gemeint sind, und keine Kirchen, mit hin Glaubensjuden und keine Konvertiten, ergibt sich, folgt man Hesemanns Argument, allein schon aus der Logik, dass katholisch getaufte Juden keine Einrichtungen des jüdischen Kultus benötigen und dass in den Adressat-Staaten, fast ausnahmslos katholisch geprägte oder doch mit starken katholischen Minderheiten, Gotteshäuser und kirchliche Einrichtungen ausreichend zur Verfügung gestanden haben dürften.
Erstaunlich ist, wie kräftig offenbar die vatikanischen Archiv-Quellen neuerdings sprudeln und angeblich neues Material zutage fördern. Ist nicht längst alles, was von Relevanz für den Seligsprechungsprozess ist, schon gelesen und geprüft worden. Dies gilt sowohl für die jetzt auch für die außerkirchliche Forschung freigegebenen Akten bis einschließlich des Pontifikats von Pius XI. (mithin auch den Kardinalstaatssekretär Pacelli betreffend), als auch für bestimmte Aufzeichnungen aus der Regierungszeit von Pius XII. Über die Rolle des Heiligen Stuhls während des Zweiten Weltkrieges liegen zwölf im Auftrag der Kurie veröffentliche Bände seit langem vor. Weitergehende Einsicht in die Unterlagen dürften dem Relator (Untersuchungsrichter) zur Vorbereitung des Verfahren, dem Jesuitenpater Dr. Peter Gumpel SJ, früher Professor an der Gregoriana, gewährt worden sein. Darauf lassen seine wiederholten Äußerungen schließen.
Mit anderen Worten: alles ist bereits gesagt und geschrieben, es fehlt nur noch die Unterschrift des Papstes unter das erwünschte Dekret. Um Pius XII in den Stand der Seligen seiner Kirche zu erheben, bedarf es sicherlich nicht nur der Überprüfung seines politischen Verhaltens in der Zeit der Diktaturen. Der Vorbildcharakter, der von einem Seligen der Heiligen Kirche erwartet wird, verlangt eine breiter und tiefer angelegte Bewertung seines Denken und Handelns.
Auch jene jüdische Kreise, die sich noch immer nicht hinreichend informiert sehen, werden Eugenio Pacelli nicht unterstellen können, ein Antisemit gewesen zu sein. Doch ebenso gilt es, seine Theologie des Judentums zu berücksichtigen. Sie war geprägt von der katholischen Linie des 19. Jahrhunderts und somit auch präokkupiert von dieser tausendjährigen Geschichte des Vorbehalts, mit seinen über lange Zeitperioden schrecklichen Konsequenzen für die „Gottesmörder“. Bestimmte Formulierungen in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937, für die Pacelli redaktionell verantwortlich zeichnet und auch die Allokution von Pius XII an Heiligabend 1942 sollen als Ausweis genügen.
Benedikt XVI. weiß von all dem. Seine eigene Einstellung gegenüber den Juden, bei aller öffentlichen Kritik an seiner Haltung in der Causa der Pius-Bruderschaft und der von ihm wieder belebten, die Juden betreffende Karfreitags-Fürbitte, gilt sein Verhältnis zum Judentum dem seines Vorgängers beinahe entgegengesetzt. Sagen jene, die ihn persönlich besser kennen.
Bleibt also die Frage, ob der Zweck auch die Mittel heiligt, die „Pave the way“ einsetzt. Ob die Eiferer, statt Hindernisse auszuräumen, neue errichten, weil sie längst beantwortete Fragen aufwerfen und mit der Art ihres propagandistischen Aufwands neuen Zweifeln Nahrung geben, die den angestrebten Abschluss des Prozesses allenfalls verlängern. Bliebe dem armen Pius XII. eingedenk seiner eigenen selbstkritischen Worte doch zu wünschen, dass er die Ruhe in Frieden endlich auch hier auf Erden finden möge – denn was immer die noch vorhandenen Akten aussagen – Gott allein weiß um seinen Sohn Eugenio. In sein Urteil sollte der Mensch nicht zu viel hineinreden.