Archiv zur KategorieBenedikt XVI. in Bayern

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Nach Abschluss des bayerischen Reisetagebuches folgen hier nun alle Texte aus diesem Weblog als Archiv-Version zum gebündelten Lesen. Sie können sich die Dokumente anzeigen und auch herunterladen:

Unterm Himmel weiß und blau
Mit Papst Benedikt XVI. in Bayern
Tagebuch einer Reise von Werner Kaltefleiter
Als PDF-Datei zum Herunterladen (ca. 1,1 MB)

und

Kreuz und Halbmond
Papst Benedikt XVI. in der Türkei
Notizen von Werner Kaltefleiter
(gegenüber dem Weblog überarbeitete Fassung)
Als PDF-Datei zum Herunterladen (ca. 750 kB)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Donnerstag, 14. September 2006 (Folge 23)


Was bleibt

Für mittags ist der Rückflug nach Rom vorgesehen. Aber selbst wenn nur ein kurzes Hereinschau’n übrig bleibt, Freising gehört ins Programm, die erste und lange Wirkungsstätte des Joseph Ratzinger. Lern- und Lehrjahre als Student, Dozent und Professor und schließlich als Erzbischof. Im Dom St. Maria und St. Korbinian wurde er 1951 gemeinsam mit seinem älteren Bruder Georg von Kardinal Michael Faulhaber zum Priester geweiht. Eine dauerhafte Bindung an die Ortskirche. Freisinger Mohr und Korbinians-Bär hat er als erster Bischof der Erzdiözese in sein Wappen eingefügt und mit nach Rom genommen, auf den Papstthron.

Bonifatius, eifriger „Apostel der Deutschen“ – was ihm die Friesen bei Dokkum mit einem tödlichen Schwerthieb vergolten haben – hatte es mit Papst Gregor III. arrangiert, dass neben Salzburg, Regensburg und Passau ein Bistum auch nach Freising kam. 1100 Jahre lang. Bis die Ereignisse von Regensburg auch der Reichskirche ein Ende machten und – nach einer längeren Sedisvakanz – im Jahre 1821 eine neue Kurie ihre Arbeit aufnahm, das Erzbistum München und Freising.

Noch vor Bonifatius hatte Korbinian sich aus der Gegend um Paris nach Freising aufgemacht. Und in Regensburg hatten bereits vor den iro-schottischen Wandermönchen römische Soldaten das Kreuzzeichen hinterlassen, das Geschlecht der Agilolfinger den Grundstein zur bayerischen Kirche gelegt. Womit eine geschwisterliche Beziehung zwischen Regensburg und Freising ja sozusagen schon von der geistlichen Natur her besteht und sich der Kreis der Rundreise des Papstes, der aus Bayern stammt, auf sinnfällige Weise schließt.

Das floss am letzten Tag noch einmal zusammen, bei der Stunde unter Mitbrüdern, der „Begegnung mit Priestern und Ständigen Diakonen“. Zwanglos sollte es zugehen, soweit es das Hofprotokoll zulässt. Jetzt liest er nicht vom Blatt, legt das Redemanuskript beiseite. Will heißen: Bin einer von Euch. Mit nicht wenigen ist er „aufgewachsen“. Freunde, Mitbrüder. Da braucht’s den Pluralis Majestatis nicht.

Das Gedruckte könnten sie ja später nachlesen. Man weiß ohnehin, was wie es um den Weinberg des Herrn steht. Kennt die Sorgen und Nöte der Winzer. Zu jenen, die ihren Beruf verraten haben, wird er noch scharfe Worte finden. In Freising sagt er, und alles bündelt sich in diesem Moment, die persönlichen Grenzen, die noch gegebene Zeit: „Ich kann nur tun, was ich kann.“ Anderes müssten Mitarbeiter tun und Gott übernehmen. Noch einmal: „Cooperatores Veritatis“. Vielleicht einer der bewegenden Momente: Benedikt – Joseph Ratzinger, der an sich „herankommen“ lässt. Und zu guter Letzt behält Karl Lehmann, der Mainzer, mit seiner Charakterisierung Recht.

Die Zeitungen vom Tage berichten: Das Kabinett hat entschieden. Erstmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden Soldaten der Bundeswehr im Nahen Osten eingesetzt: „Libanon-Mission“, an der Grenze zu Israel. Das Afghanistan-Mandat wurde verlängert.

Der „International Herald Tribune“ ist es ein Aufmacher auf der Titelseite Wert: „A milestone in German-Jewish life“. Die Beauftragung der ersten Rabbiner in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister will das Ladenschlussgesetz noch vor dem 1. Advent kippen: „Der Heilige Vater kann auch am Sonntag einkaufen.“ (Da hätte er nicht einmal „dienstfrei“.)

„Chinas Ministerpräsident in Deutschland“. Sind die Menschenrechte ein Thema? – Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht türkische Zeitungsdruckerei in Deutschland. Sie wirbt für Integration.

„Börse steht vor Emissionsboom – heißer Herbst auf dem Markt für neue Aktien“, meldet ein Wirtschaftsblatt. Die Lokalzeitung informiert: Bei der Bahn stehen die Signale auf Streik.

„Ostdeutsche sehen Demokratie immer skeptischer“. Warum wohl: „Die soziale Kluft zwischen Ost und West wird größer.“

Immer noch stinkt das „Gammelfleisch“. Nach Bayern nun auch „Ekelfunde in zwei anderen Bundesländern“. Der Mensch vergiftet sich, so gut er kann: „Drogennotfall in der Schule.“ Was interessiert uns, wie es anderen geht: „Giftmüll bedroht Elfenbeinküste.“

Die tägliche Totenliste aus Bagdad: Kein Ende des „Befreiungskrieges“. Das Fernsehen zeigt „Pfarrer Braun im wilden Osten“. Ein Krimi mit dem Dicken, bekannt als „Bulle von Tölz“, in der Hauptrolle. In den Kinos läuft „Das Parfüm“ an, nach Patrick Süßkinds Welterfolgs-Roman.

Halt, noch eins: „Baby für Britney – ein zweiter Sohn ist da“. Mutterfreuden eines Popstars.

(Natürlich berichten alle Presseorgane, auch die „Linken“ und „Liberalen“, selbstverständlich mit eigener „Schreibe“, wie Benedikt den Vortag verbracht hat.)

Der Abschied

Auf dem Flughafen München-Riem „Franz-Josef-Strauß International“: Abschiedsprotokoll. Das kleine Podest, wo Benedikt noch einmal „Dank für alles“ gesagt und „angenehme Reise“ und „alles Gute für die Zukunft“ gewünscht wird, zieren Gerbera, Rosen und Dahlien. Das Schülerblasorchester St. Ottilien, die Stadtkapelle Hallstadt und die Städtische Jugendkapelle Friedberg haben Aufstellung genommen. Mit Musik geht bekanntlich alles besser.

Franz Bonaventura Adalbert Maria, Prinz von Bayern, kurz: Seine Königliche Hoheit, der Herzog von Bayern – der heimliche und vor allem beliebte Herr des Volkes der Bayern – gibt sich die Ehre, dem scheidenden Papst Adieu zu sagen. – Ginge es nach den schottischen Tudoristen, und wäre die Sache mit der Maria nicht so blutig ausgegangen, und hätte der Papst die erste Elisabeth nicht exkommuniziert, müsste eigentlich Herzog Franz statt der zweiten Elisabeth im Buckingham Palast residieren. König ist er ohnehin: nämlich nominell von Jerusalem. Man spricht nur Gutes über ihn im Lande. Ein bescheidener Mensch sei er, der Chef des Hauses Wittelsbach, und Junggeselle. Als wohltätig zeigt er sich, und im Gesellschaftsteil der Blätter steht nicht viel mehr, als dass er als eifriger Gassi-Geher mit Dackel „Wastl“ im Nymphenburger Schlosspark gesehen wurde.

Die weltliche Herrschaft, der Chef des profanen politischen Geschäfts, Ministerpräsident Edmund Stoiber, kommt selbstverständlich seiner protokollarischen und auch als persönliche Pflicht empfundenen Obliegenheit nach. Die Reden sind gehalten: Auf Wiedersehen Heiliger Vater – Sie sind der Papst unserer Herzen. Und weil das nicht alle hören konnten, hat der Landesvater auf der anschließenden Pressekonferenz noch einmal zu seiner Lieblingsformulierung gegriffen. So ist’s halt. Weltmeister der Herzen sind wir auch. Liebe Diana, hast ja immer noch die Kronländer Ihrer Majestät.

Letzte offizielle Worte des Papstes beim „Abschied von meinem geliebten Vaterland.“ Nach Deutschland sei er gekommen, „um meinen Landsleuten die ewigen Wahrheiten des Evangeliums erneut nahe zu bringen und die Gläubigen zu stärken in der Treue zu Christus, dem Sohn Gottes, der Mensch geworden ist zum Heil der Welt.“ Was anderes hätten sie von ihm erwartet? Dass er – potzblitz – die Kirche um hundertachtzig Grad dreht? Natürlich, was wäre ein Kommentar zur Reise ohne die Drewermänner und Küngs. Nichts, was die Kirche bewege, habe Benedikt in seinem Reisegepäck mitgebracht. Es fehle ihm an Offenheit für Reformen. Es geht halt nicht ohne einen Schuss Essig.

Aber auch Benedikt war noch nicht fertig. Fügte es sich doch, dass der letzte Besuchstag zusammenfiel mit dem 25. Jahrestag der Enzyklika „Laborem excens“ – „Über den Wert der menschlichen Arbeit“. Der „große Papst Johannes Paul II.“ habe die Arbeit als eine fundamentale Dimension menschlicher Existenz auf Erden bezeichnet und darüber einen Text verfasst, der „durchaus praktischen Wert“ besitze. Die praktische Anwendung könnte gerade heute von „großem Nutzen sein“, sagte Benedikt. Ob in der Vorstandsetage eines Münchner Konzerns, der gerade dabei war, Mitarbeiter auf die Straße zu setzen, der Fernseher auf die Live-Übertragung von München-Riem geschaltet war, ist nicht bekannt.

Neu im Wörterbuch der Soziologen: „Prekariat“. Ein Neologismus, wie die Sprachwissenschaftler sagen. Gebildet aus „prekär“ und „Proletariat“. Von „abgehängtem Prekariat“ spricht eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Im Klartext: Wenn du von heute auf morgen auf der Straße liegst, on the dark side of the street. Wenn eine Gesellschaft sich einteilt in „winner“ und „loser“. Wenn von einem „Unterschichtenproblem“ die Rede ist. Wenn die Angehörigen dieser „Schicht“ abgedrängt werden an den Rand, ins Abseits. Wenn, wenn, wenn. Die Begründungen, warum Fleißige, Tüchtige, Kompetente den „Job“ verlieren, liegen parat, auf Kassette – jederzeit abspielbar: Absatzmarkt, internationaler Wettbewerb, Globalisierung, Betriebskosten, Aktionäre. Die Geschäftsführung trifft keine Schuld. Gehälter und Tantiemen in den oberen Etagen steigen. Rückkehr zum Ständestaat. Oberschicht, Mittelstand. Unterschicht? Oder Dritte-Welt-Mentalität: Sieh zu, dass du oben bleibst, wenn du nicht ganz unten landen willst. Deutschland, im Herbst 2006.

Wer mit 50 den Laufpass bekommt, Polier und Malermeister, Student und Uni-Professor, Schichtarbeiter am Montageband und Fach-Ingenieur – alle „Prekariat“. Leviathan regiert die Welt: bellum omnium contra omnes. Krieg aller gegen alle. Das Wort „Solidarität“ wird am Sonntag aus der Schatulle geholt, für die Kanzelpredigt. Im Alltag gelten, wer hat’s nicht schon zu spüren bekommen: homo homini lupus est - der Mensch dem Menschen ein Wolf. In abgemilderter Form: Ellbogen-Gesellschaft.

BILD schreibt vorne: Der Papst kommt, um uns davon zu überzeugen, dass das Gute in der Welt lebt und siegen wird. Im hinteren Teil des Blattes dürfen die Leser teilhaben am normalen Leben der Schönen und Reichen, den Schampus zu zehntausend Dollar die Flasche. Manager (mit Millionen-Einkommen) kritisieren die Raffgier von Managern (mit Millionen-Einkommen). Politiker verlieren den Blick fürs Ganze im Hinblick auf den nächsten Wahltag. „Capital“ spricht von der „dunklen Seite der Macht.“

Drei Wochen später, zu Hause im Apostolischen Palast, ist Benedikt wieder ganz der alte. Der neue deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl überreicht sein Beglaubigungsschreiben. Gelegenheit, im Buch Leviticus nachzuschlagen, insbesondere Kapitel 26 betreffend, beginnend mit dem Gebot: „Ihr sollt euch keinen Götzen machen.“ In die Gegenwart übersetzt: Schutz der Ehe und Familie, Nein zu ehelichen Gemeinschaften, die sich von der natürlichen Familie entfernen, die durch nichts zurechtfertigende Abtreibung, auch nicht die Spätabtreibung. Ablehnung embryonaler Stammzellenforschung und neuartiger Therapien, deren Folgen man noch nicht genau kennt. Der religionsneutrale Ethikunterricht dürfe „keinesfalls wertneutral“ sein. Vom 3. Buch Mose her stammt das Wort „jemandem die Leviten lesen“. Wie gesagt, Papst Benedikt XVI. waltet seines Amtes. Aber da war er schon wieder im Vatikan.

Die Nationalhymne ist verklungen, es folgt das Lied der Bayern, mit Worten, „die auch ein Gebet sind“, wie Benedikt sagt: „Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland. Über deine weiten Gaue ruhe seine Segenshand. Er behüte deine Fluren, schirme deiner Städte Bau und erhalte dir die Farben seiner Heimat weiß und blau.“ Und die Mädchen und Buben auf der Tribüne schwenken noch heftiger ihre weißblauen und gelbweißen Jubel- Fähnchen.

Der Tölzer Knabenchor, nahe der Gangway formiert, beglückt Papst Benedikt mit einer besonderen Aufmerksamkeit: Mozarts Andachtsjodler. Dann, ganz zum Schluss: „Und Gott hat alles Recht gemacht“.

Abflug 13.09 Uhr, notiert die Reporterin einer Lokalzeitung. Da kann jeder in der Umgebung noch mal vergleichen: War’s also doch der Papst, der über unser Haus geflogen ist? Martin Ott, Ausbildungskapitän der Lufthansa, hat sich für die Flugroute entschieden. Aus Pförring an der Donau stammt er. Gläubig sei er, berichten die Blätter, ehemaliger Ratzinger-Student und natürlich Papstfan. Wie dieser liebe er die Natur und die Musik. Nur eines unterscheide ihn vom ersten Mann der Kirche: „Ich habe eine Frau und Kinder.“ Es sind sieben, wie eine Zeitung zu berichten weiß. Als zweiter Flugführer sitzt Francesco Sciortino im Cockpit. So kommen auch die Italiener an Bord zu ihrem Nationalgefühl, das in diesen Tagen doch arg strapaziert wurde, beim Unterwegssein mit dem Papa tedesco in Bavaria.

Die Zeitungen mit den großen Lettern und den vielen Bildern wenden sich inzwischen neuen Ereignissen zu. Denn bald ist wirklich der „Teufel“ los, den der Kardinal irrtümlich vor der Ankunft des Besuchers aus Rom befürchtet hatte. Auf der Wies’n beginnt am Wochenende die fünfte bayerische Jahreszeit. Mit dandschige Bopperl und gamsige Buam. O’zapft is. Wir sind halt Weltmeister – oder?

Flugzeugführer und Flugsicherung sind sich einig: Einfach ab in den Süden – das machen Mallorca-Flieger. Aber doch nicht der Airbus A 321-100 mit dem päpstlichen Wappen am Bug. In einer Schleife zieht die „Regensburg“ – Flugzeuge sind, wie Dampfer, meist weiblichen Geschlechts – über die Heimat Benedikts. Ein wehmütiger (?) Blick aus dem eigens eingebauten bequemen Papstsessel in der Ersten Klasse auf das „Traumland meiner Kindheit“: Aschau am Inn, dann weiter südlich über Marktl zur Salzach, in Richtung Salzburg Tittmoning passierend, und endlich, endlich sehen auch die Traunsteiner „ihren“ Papst, wenigstens am Himmel weiß und blau. Bodenberührung war beim besten Willen während der Rundreise nicht drin. Der Landrat darf von unten herzliche Grüße nach oben schicken. Benedikt erwidert auf gleichem Weg. Die Bundeswehr, auch ohne Bundestagsdebatte im Inlands-Einsatz, hilft mit Funkgeräten aus.

Da lassen sich die Österreicher nicht lumpen und schicken vier Maschinen des österreichischen Bundesheeres hinauf (was den Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden erfreuen mag, einen gebürtigen Österreicher), um den päpstlichen Flugreisenden in den Grenzen der eigenen Lufthoheit zu eskortieren. Servus, Heiliger Vater. Die Stewardessen legen die Servietten und das Essbesteck vor und die ansprechende Menükarte: In Kräutern pochiertes Rinderfilet mit Parmesan, Ochsenbackerl-Gulasch, Topfenspätzle, Karotten, Joghurt-Beerentörtchen mit Vanillesabayon, Erdbeeren und Pistazien. Derweil aus den Bordlautsprechern die Regensburger Domspatzen singen. Auch Mozart, Bach und Mendelssohn liegen im CD-Fach. Der Chefpilot: „Es war ein schöner Rückflug, von zu Hause nach Hause.“

© 2006 Werner Kaltefleiter, Wiesbaden

Mit dieser Folge schließt das bayerische Reisetagebuch. Am kommenden Montag stellen wir das bayerische Reisetagebuch und die Vor- und Nachbetrachtungen zur Türkei-Reise des Papstes in einer geringfügig überarbeiteten Gesamtversion bereit. Die zwei pdf-Dateien werden Sie selbstverständlich über dieses Weblog erreichen können.

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Mittwoch, 13. September 2006 (Folge 22)


„Tempo privato“

Heute kein offizielles Programm. Auch ein Papst braucht Ruhe. Der Tag ist für private Stunden reserviert. Zusammensein mit dem Bruder. Ja, wenn er nicht der Papst wäre, der Papst in Bayern. Als könnte die Welt nicht überleben ohne den Blick durchs Schlüsselloch: Papst mit Bruder im Garten des Wohnhauses, Papst mit Bruder beim Gebet am Grab der Eltern. Irgendwo schnappt immer eine Leica oder Canon ungeniert zu; geht – exklusiv selbstverständlich – der päpstliche Hoffotograf seinem Gewerbe nach. Jedes Bild lässt sich verkaufen, und sei es die Garageneinfahrt vom „Häusl“, der Professoren-Wohnung in der Bergstraße, in dem nun berühmten Regensburger Vorort. Jede Banalität eine Nachricht wert.

„Chico“, von dem ja schon die Rede war, habe seine Streicheleinheiten erhalten. Der „Hausmeister des Papstes“, der Nachbar, der bei Abwesenheit des Haus- und Grundbesitzers auf das Anwesen aufpasste, kostet seine große Stunde aus. Der Rest der Nachbarschaft hält sich diskret zurück.

Zu Hause. Synonym für Geborgenheit. Wo gehöre ich hin. Eine Frage der persönlichen Identität. Familie als Rückbindung meines Ichs an eine körperlich erfahrbare Herkunft. An die Wurzel. Sedem non animum mutant, qui trans mare currunt. – Den Wohnsitz wechselt, nicht sein Wesen, der übers Weltmeer segelt. (Umschrift auf einer Münze, die für deutsche Auswanderer in Amerika geprägt wurde.)

Die Ratzingers haben sich nie aus den Augen verloren, heißt es in den jetzt vervielfältigten „Homestories“. Der Bruder an seiner Seite – wenn es sich einrichten lässt, auch in Rom. Die Eltern, auch die Schwester, sind auf dem nahen Friedhof beerdigt. Benedikt sagt: „Pentling ist für mich im tiefsten Sinn ein Daheim.“ Ein metaphysischer Grundton klingt hier an.

„Ein Dorf ist Papst“. Wäre doch verwunderlich, wenn sich die Wahlverwandtschaft nicht steigern ließe. Ab sofort verbindet ein Josef-Ratzinger-Gangl die Häuserzeilen in der Siedlung am Ortsrand, wo die Aussicht so weit ins Tal und hinüber zu den bewaldeten Höhen geht.

Ein letzter Blick, ein letztes Adieu für einen, der wohl nicht zurückkehren wird. Die Erinnerung an Regensburger Jahre: Der morgendliche Weg in die Stadt, von der Höhe der Augsburger Straße die Stadt im Panorama; Dächer und Giebel überragend die doppeltürmige Kathedrale. Nach getaner Arbeit, Buchdeckel geschlossen, Unterschriften erledigt – die Rückkehr in den Feierabend. An Sommerabenden den Fluss entlang. Zur Linken raue Natur, mit steilen, felsigen Uferpartien, die sich, in weichere Formen übergehend, zu Hangwiesen und Baumgruppen hin öffnet. Kinderlachen am Ufer. Ruderboote beim kraftvollen Training. Hunde toben sich aus. Vom Schober her der singende Ton des Wetzsteins, eine Sense will gedengelt sein. Im Pferch drängeln Schafe und Ziegen. Zu Hause, schon auf dem Heimweg.

Alte Kapelle

Ganz ohne Termin geht es allerdings nicht. Der Tag beginnt „halböffentlich“. Mit geladenen Gästen. Nicht beschwerlich. Eher eine Ouvertüre für entspannte Stunden. Eine Art Matinée geistlicher Natur für den Musikliebhaber auf dem Papstthron. Eine „Queen“ erwartet den Gesalbten, will von ihm gesegnet sein: Die neue Orgel in der „Stiftskirche und päpstlichen Basilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle“.

Das Gotteshaus: ein Kleinod des Spätbarock und Rokoko. Für manche vielleicht etwas zu viel Fracht an Gold und Stuck, Fresken und Figuren, Glanz und Prunk. Was sich ansammelt in einem Haus mit tausendjähriger Geschichte: Vom Heidentempel zum Marienheiligtum, an die Taufe Bayerns erinnernd, als Herzog Theodor, der Agilolfinger und sein Hofstaat vor Rupert niederknieten. Beginn der Kirche in Bayern. Es war die große Zeit des päpstlichen Schutzherrn, Patrons europäischer Dynastien, Garanten nationaler Eigenständigkeit gegenüber den Begehrlichkeiten stärkerer Mächte. Entlang der Grenze von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Polen allen voran, das slawisch blieb, mit lateinischer Kirchenkultur. Polonia – Bavaria semper fidelis.

Herzögen und Königen diente die romanische Basilika als Pfalzkapelle. Kirchlicher und politischer Höhepunkt nach dem ersten Jahrtausendwechsel: Am 14. Februar 1014 wird Heinrich II., der letzte Ottone, Herzog von Bayern, deutscher und italienischer König, vom Benedikt-Papst, dem achten dieses Namens, zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Noch war unbestritten, wer in der Welt des Heiligen Römischen Reiches das letzte Wort hatte, Altar oder Thron. Aber Karl der Große, mit politischem Raffinement, hat einen Zankapfel hinterlassen. Fünfzig Jahre nach der Kaiserkrönung ist es soweit mit dem Investiturstreit zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Der Papst blieb bis auf weiteres Sieger.

In St. Emmeram ist ein Hochgrab zu besichtigen. Memorial, dem Vater Heinrichs gewidmet. Ein streitlustiger Herr, der „Zänker“ genannt. Ganz anders der friedfertige Filius, verdienter Imperator Romanorum, der sich den Beinamen „der Heilige“ erwarb.

Zurück zur Alten Kapelle: Gelegentlich der Krönung überreichte Benedikt VIII. dem frommen Herrscher zum Unterpfand des Glaubens ein Ikonenbild: „Die allerseligste Jungfrau Maria mit dem Jesuskind“. Seit dieser Zeit wird die Gottesmutter in diesem Bild in Regensburg verehrt. Eines der Deckenfresken zeigt eindrucksvoll die Szene der Begegnung von Papst und Kaiser, der hierarchischen Zuordnung von Thron und Altar. Das Gnadenbild hat, nach wechselnden Aufenthaltorten, in der Jakobskapelle, einem Seitentrakt der Stiftskirche, seinen Platz gefunden.

Auf der Orgelbühne das Meisterstück aus Schweizer Werkstatt, eingebaut im restaurierten historischen Gehäuse von 1791: 40 klingende Register auf zwei Manualklaviaturen; 2.448 Pfeifen, die längste (das C des Violon Bass 16’) misst 4,83 Meter, die kürzeste (das a’’’ der Quint 1 1/3’) gerade mal sieben Millimeter. Der „Vogelsang“ wird mit drei im Wasser stehenden Pfeifen konstruiert. Ein Instrument für Hand- und Fußartisten. Ich verstehe nichts davon, genieße einfach ihr Spiel.

Der Mäzen

Es ist der große Tag des Gentiluomo di Sua Santitá, des Kammerherrn Seiner Heiligkeit, Professor Dr. Dr. Herbert Batliner, im profanen Leben Advokat und Treuhänder wohlhabender und prominenter Zeitgenossen, mit eigener Kanzlei in Vaduz. Der Fürstliche Kommerzienrat, Senator h.c. mult., war zur Stelle, als die kirchlichen Auftraggeber für die neue Orgel finanziell klamm wurden. Mit Geld ist Herbert Batliner sozusagen aufgewachsen: Sein Vater über 40 Jahre alleiniger Direktor der Liechtensteiner Staatsbank.

Wie gern würde sich der Ehrengast aus Vaduz dem ungetrübten Genuss der festlichen Stunde hingeben, wären da nicht die hässlichen Berichte in der Presse, über dubiose Finanzgeschäfte prominenter Namen aus der Liste der superreichen Klientel des Liechtensteiner Vermögensverwalters. Google spuckt Infos zum Stichwort aus wie der Spielautomat Münzen beim Treffer.

Magnaten und Potentaten, auch deutsche Politiker, beleben die Szene in den Berichten über ein „Schattenreich“. Wie Gelder aus dunklen Quellen so rein wie ein Bergquell zurückfließen, illegale Parteispenden ihre Herkunft verschleiern, Schwarzgeld geparkt wird und so genannte Familienstiftungen mit allerlei Tricks helfen, Millionenbeträge am deutschen Fiskus vorbei in die Liechtensteiner Steueroase zu lenken, kurzum: wo Goldesel auf saftigen Wiesen grasen, dem Steuerfahnder aus dem nördlichen Nachbarland allenfalls das Hinterteil zeigen. Wie gesagt, die Suchmaschine fördert reichhaltigen Stoff zutage. Mit Vorbehaltsklausel.

Die Staatsanwaltschaft in Bochum, ein Schwerpunkt für die Strafverfolgung von Wirtschaftskriminalität, mit fachkundigen Ermittlern, die alle Schleichwege in diesem Dickicht kennen, wirft dem Liechtensteiner Treuhänder Beihilfe zur Steuerhinterziehung in dreistelliger Millionenhöhe vor. Im Visier der Fahnder eine Vielzahl deutscher Steuerpflichtiger.

„Lange“ hätten Batliners Anwälte mit der deutschen Justiz verhandelt. Was passiert, wenn ihr Mandant schwarz-rot-goldenen Boden betritt? Nichts, er dürfe passieren, die großzügige Antwort. Einem schwer kranken Mann (von einem Krebsleiden ist die Rede) wolle man die Begegnung mit dem Heiligen Vater nicht verbauen. Auch Respekt vor dem hohen Besuch aus dem Vatikan dürfte eine Rolle gespielt haben. Eklat muss nicht sein. In Bayern würde man sagen: Passt scho.

Ließe sich nicht gleich noch ein kleiner Seitenhieb auf die Kirche anbringen, dachte sich da wohl jemand von der Berliner Zeitung? Da war doch mal was. In dunkler Vorzeit. Ablasshandel und so. Geldbeschaffungsmaßnahme des Papstes und seines Mainzer Kirchenfürsten. Der eine war knapp bei Kasse wegen der hohen Baukosten beim Petersdom, der andere wegen der hohen „Betriebskosten“ für drei Bistümer, die er gern kontrollieren wollte. Satte 700.000 Euro (umgerechnet), die der Chef in Rom allein für das „Pallium“ (als Erzbischof von Mainz mit den Stühlen von Magdeburg und Halberstadt) berechnete. „Simonie“ nannte man das zwar, Johannes Paul II., Papst der Moderne, bezeichnete den Schacher um Stimmen, etwa im Konklave, gar als Verbrechen, aber die hohen geistlichen Herren von damals hatten damit kein Problem.

Business as usual. Leo X. und Albrecht von Brandenburg, der ja zugleich auch Kurfürst, Erzkanzler des Reiches und Hochmeister des Deutschen Ordens war – also so etwas wie Ämterhäufung – vereinbarten ein Geschäft, das auf eine Idee von Julius II. zur Finanzierung des Neubaus von St. Peter ging. Deshalb auch Peters-Ablass oder Plenar-Ablass genannt. Ein gutes Werk für die arme Kirche und einen armen Bischof – den Himmel würde man sich damit nicht erkaufen können, keine Sündenvergebung, wie manche hartnäckig behaupten, wohl aber ein wenig Rabatt auf allfällige Sündenstrafen.

Ein perfekter Tauschhandel. Albrecht würde für den Vertrieb der Ablassbriefe auf seinem Hoheitsgebiet sorgen. Unter einer Voraussetzung: Der Papst macht mit dem Mainzer Halbe-Halbe. Das würde Albrecht von schlaflosen Nächten befreien, denn er stand zugleich bei den Fuggern, den Geldverleihern des Reichs, mächtig in der Kreide. Man war sich schnell einig. In einem geheimen Zusatzabkommen. Musste das tumbe Kirchenvolk nicht unbedingt wissen. Dafür sorgte der Dominikanerprediger Johann Tetzel mit einer etwas eigenwilligen Auslegung der päpstlichen, vom Himmel erteilten Vollmacht, auf Erden die Absolution erteilen zu dürfen: „Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel’ im Himmel springt.“

Auf Straßen und Märkten redete der Agent Albrechts die Menschen „dumm und dusselig“, so dass sie sich wie verrückt um die Ablassbriefe rissen. Als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen, und sie merkten nicht, wie sie gleich zweimal aufs Kreuz gelegt wurden, mit dem zweckentfremdeten Bußgeldbescheid. Das wiederum trieb, wie allgemein bekannt, dem Martin Luther die Zornesröte ins Gesicht, dann an sein Schreibpult und anschließend, mit Nagel und Hammer bewaffnet, zur Türe der Wittenberger Schlosskirche. So zerfielen Deutschland und halb Europa in diverse Kirchen Christi, die übereinander herfielen – Reformation und Gegenreformation genannt. (Ein kleiner Ausflug in die kirchliche Vergangenheit, von der schon im Zusammenhang mit der Münchner Liebfrauenkirche die Rede war.)

Man muss wohl auf einem weit nach Norden vorgeschobenen Breitengrad angesiedelt sein – natürlich vom bayerischen Standort aus gemessen –, um in der Regensburger Orgelsache auf einen solchen Vergleich zu kommen, der, wie ja auch die Regel besagt, leider hinkt. Fehlte nur noch die alt-römische Spruchweisheit vom Geld, das bekanntlich nicht stinkt.

Also kein Ablass für einen schwerreichen vermuteten „Sünder“ – weder von der Kirche, noch von Justitia. Eher noch, wenn dem so sein sollte, Gnade vor Recht. Ein ganz und gar christlicher Zug, schlussendlich – oder?

Ficht die ausgewählte Gästeschar nicht an. Alles nur journalistische Bosheiten. Angelegenheiten, die Deutschland und die Deutschen betreffen. Einen Liechtensteiner Bürger allein schon von daher juristisch immunisiert – das wären wohl die Antworten. Man erspart sich die Fragen. Wer kennt sich schon aus in den Beziehungen und Verbindungen rund um die Alte Kapelle, wer mit wem dieses und jenes einfädelt, selbstverständlich für einen guten Zweck. Ein hoher geistlicher Herr quittiert derartige Vermutungen mit einem viel sagenden Blick. Sprach er von einem „G’schmäckle“ in diesem Zusammenhang? Der deutsche Papst in Rom und eine so wertvolle Orgel für den „Lateran nördlich der Alpen“ – da sollte man nicht kleinlich sein, dürften sich alle miteinander gedacht haben.

Nichts also an diesem Vormittag, was die schönen Momente in der Gegenwart der Nähe des Heiligen Vaters stören könnte und bei diesem offenbar auch keinen Zweifel an der Integrität des edlen Spenders aufkommen ließ. Als großzügig hatte sich der Fürstliche Kommerzienrat nicht zum ersten Mal erwiesen. Die vatikanischen Sixtina, nach Batliners Beschreibung „Herzkammer unserer Kirche und unseres Glaubens“, verdankt ihm ein neues fahrbares Orgelwerk. Jetzt sprang die Gedächtnis-Stiftung Peter Kaiser, der Herbert Batliner als Präsident auf Lebenszeit vorsteht, den in Geldnöten geratenen Auftraggebern der Alten Kapelle als Sponsor bei. Angeblich 730.000 Euro für das Musikinstrument, das den Namen Benedikt-Orgel erhielt. Das päpstliche Wappen über den beiden Manualen auf dem Orgelprospekt geben Zeugnis von diesem allerhöchsten Gunstbeweis; die Namen der generösen Stiftung und ihres Präsidenten sind auf der Rückseite verewigt.

Aber wer ist, bitteschön, Peter Kaiser? Der Namensgeber der 1985 gegründeten Stiftung? Antwort: ein Liechtensteiner Pädagoge und Historiograph aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dass nun wiederum der Zwergstaat, als Parteigänger Napoleons, irgendwie am Ende des schönen Regensburger Fürstentums beteiligt war, tut der Freude am heutigen Festtag keinen Abbruch. Schließlich wurden die Wittelsbacher Verhältnisse wieder gerade gerückt. Herbert Batliner, der gute Mensch von Vaduz, mit zweitem Wohnsitz in Davos und Patron des dortigen Eishockey-Sports, hat sich aufs Altenteil zurückgezogen, freilich ohne seiner wohltätigen Neigung zu entsagen. Der vermögende Mann (auf über 200 Millionen Franken geschätzt) hat sich stets den abendländisch-christlichen Werten verpflichtet gefühlt, vornehmlich den römisch-katholischen. Verschiedene Stiftungen widmen sich dem Guten, Wahren und Schönen, dienen der Wohltätigkeit und der Förderung der sakralen Kunst. Das hat Herbert Batliner, der hohe Liechtensteiner Staatsämter bekleidete und überhäuft wurde mit Ehrungen und Auszeichnungen, Kreuzen, Großkreuzen, auch eine Berufung in die päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften, das Groß-Gold mit Stern der Heiligen Rupert und Virgil sowie die Orden der Päpste Sylvester und Gregorius eingebracht.

Die Orgel werde seit alters her zu Recht als die Königin der Instrumente bezeichnet, weil sie alle Töne der Schöpfung aufnehme und die Fülle des menschlichen Empfindens zum Schwingen bringe, sagt Benedikt.

Eine kleine Anspielung muss sein, bevor der Organist Proben seines und der Orgel Können zu Gehör bringt. Benedikt: Pfeifen und Register müssten eine Einheit bilden, sagt Benedikt in beiderlei Hinsicht sachkundig. „Klemmt es hier oder dort, ist eine Pfeife verstimmt, dann ist dies zunächst vielleicht nur für ein geübtes Ohr vernehmbar. Sind mehrere Pfeifen nicht mehr richtig gestimmt, gibt es Disharmonien, und es wird unerträglich. Auch die Pfeifen dieser Orgel sind Temperaturschwankungen und Ermüdungseinflüssen ausgesetzt.“ Gewiss doch, Heiliger Vater. Gelegentlich kommt es allerdings auch auf den Organisten an.

Jetzt darf Professor Norbert Düchtel der Orgel zu ihrem ersten öffentlichen Spiel verhelfen: „Toccata et Fuga in d“, Johann Sebastian Bachs „Welthit“. Einiger seiner Kompositionen habe der Thomaskantor ausdrücklich dem Herrn im Himmel gewidmet, eigenhändig auf das erste Notenblatt geschrieben, erläutert der Musikkenner auf dem Papstthron. „Soli Dei Gloria“ – „Gott allein die Ehre“.

Nach Fürbitten und „Vater unser“ der Apostolische Segen und dann, mit Bläser- und Orgelvorspiel, aus vollem Herzen das Te Deum. „Großer Gott, wir loben Dich.“ Mächtig die Kirche erfüllend, dass es durch die Fenster und Türen dringen möchte, hinaus auf den weiten Kapellplatz, wo sich allmählich Schaulustige und Benedetto-Fans eingefunden haben.

Ein letztes Dankeschön an die Liechtensteiner Spender, mit einer Reverenz gegenüber dem dort geborenen Komponisten Josef Gabriel Rheinberger, Hofkapellmeister Ludwigs II., bayerischem König. Ein Mozart- und Bach-Verehrer, Inspirator der katholischen Kirchenmusik im 19. Jahrhundert. So finden sich am Schluss in Harmonie vereint der musikalische Papst, die großherzigen Finanziers und die vornehme Regensburger Gesellschaft. Noch einmal darf der Orgelvirtuose sein Können aufbieten: mit Rheinbergers Toccata, als sei sie maßgerecht der Benedikt-Orgel in die Tasten geschrieben. Es erklingt die Sonate Nr. 14 C-Dur op. 165. Groß, festlich und mit der Kraft, die in ihr steckt. Als wollte der heilige Geist sich selbst des Instruments bemächtigen und alle, die zusammen kamen, mit seinem Odem beflügeln.

Feierlichkeit erfasste die Alte Kapelle, Posauen und Trompeten, Pfeifen und Flöten, Glocken und Zimbeln. Die Bässe und Tenöre, Alt und Sopran. Die Engel über den Altären und die Heiligen auf ihren Postamenten hätten wohl einstimmen mögen in das Loben und Preisen an diesem festlichen Tag. Die Stimme der Orgel klang noch nach, als Benedikt schon gegangen war und man bei einem kleinen Imbiss – Häppchen wurden gereicht, Prosecco Colli Freoisgiani und Primitivo Puglia ausgeschenkt – das Erlebte Revue passieren ließ. Fürstin Gloria überschwänglich gegenüber einer soeben gewonnen neuen Freundin für ihre wiedererweckte marianische Gebetsgemeinschaft. Sie mochte sich an den Tag erinnert haben, als sie Nachricht vom Ausgang des Konklaves erreichte: Sie habe geweint vor Glück. – Benedikt nahm dann doch noch – bevor der Mittagstisch beim Bruder rief – ein kurzes Bad in der Menge. Eine Verehrerin schier überwältigt: Es war ein Gefühl wie Schmetterlinge im Bauch.

Warten auf den Papst

An der Feuerwache geht’s zu wie beim Kirtabaum-Aufstellen. (Für Zu’greiste: Der Baum zum Kirchweihfest, nicht zu verwechseln mit dem Maibaum). Abordnungen der Aktiven sind angetreten: die dunkelblauen Uniformen gebürstet, die Einsatzanzüge mit den silbern reflektierenden Signalstreifen in Schuss gebracht. Bürgermeister, Kreisfeuerwehr-Seelsorger, Kreisbrandrat. Die Goldene Ehren-Medaille liegt auf Samt im Etui, sollte das Wunder geschehen. Wenn das Ehrenmitglied schon mal da ist, warum nicht eben vorbeikommen und den Anbau am Spritzenhaus segnen. Obwohl der Schultes es besser weiß: Das wird nix. Das gehe vielleicht doch zu weit. Der frühere Mitbürger sei jetzt immerhin Papst. Und Staatsmann auch. Er, der Bürgermeister, sei nur gekommen, um beruhigend auf die Menge zu wirken. Die Pentlinger können den unverhofften Ruhm auch anderweitig genießen. Im neuen Rathaus lädt eine Sonderausstellung ein. „Einer von uns“ – die Geschichte,wie es einer „vom Gendarmenbuam zum Oberhaupt der katholischen Kirche“ schaffte.

Aber man weiß ja nie. Der Rundfunk hat sicherheitshalber einen Übertragungswagen zum Ort des Geschehens beordert, mobile Kamerateams stehen bereit. Musi spielt auf. „Die Altneihauser Feierwehrkapell’n“, Gaudi-Blasmusik aus Windischeschenbach im Oberpfälzerwald. Dem langen Dürren sitzt der antike Lederhelm recht und schlecht auf dem Schopf, der Dicke an der Pauke hat sich in eine historische Uniformjacke gezwängt. Aber wenn sie loslegen, dann geht der Löschzug ab.

Auf den Seitenstreifen des Abzweigs von der Hauptstraße zur Feuerwache reihen sich Neugierige auf, von Stunde zu Stundemehr, direkt von der Arbeit weg, oder von zu Hause, schnell noch etwas gegessen. Ein Trekking-Radler kurvt herein, lässt die letzten Kilometer sausen. Vorbei trabt ein Jogger. Für eine Runde reicht’s noch. Die Kapell’n singt und spielt einen Zwiefachen. Die Stimmung steigt. Bleibt aber entspannt. Zeit für ein Schwätzchen. Dieses und jenes. Und natürlich über Benedikt, „unseren Papst“. Ein ganz hoher Mensch ist das jetzt. Den kannst net einfach so ins Haus einladen, wia dein Spezl.

Zeitzeugen geben herbeigereisten Reportern bereitwillig Auskunft. Der Bürgermeister bekennt: „Ich bin Papstfan. Und eine alte Nonne: Joseph war mein erstes geistliches Kind. Zwei fromme Damen versprechen dem Heiligen Vater per Annonce in der Mittelbayerischen Zeitungen: „Wir beten für Sie.“ Der Friseursalon am Ort wünscht einen segensreichen Aufenthalt, und ein Einwohner sagt dem Lokal-Berichterstatter: Ein Grüß Gott würde ich ihm schon entbieten. – Auch Ringkuss und Kniebeuge? – „Na, dös muas I net ham.“

Die fünfte Stunde Wartezeit ist angebrochen. Kinder quengeln. Wäre Zeit für’s Bett. Die Polizei, unauffällig auffällig mit Einsatzwagen im Hintergrund geparkt, erhält Verstärkung. Sachkenner schließen daraus, dass sich bald etwas tun dürfte. Dann Polizeikräder, Scheinwerfer an, schnittig die Hauptstraße hinunter, oben von der Bergstraße her. Nur von dort kann der Papst kommen, wenn er kommt. Zwei, drei Mannschaftswagen hinterher. Der Einsatzführer gibt über Lautsprecher knappe Kommandos, wie weiland Frundsberg in der Schlacht bei Regensburg.

In Manila, beim Besuch von Johannes Paul II., waren es vier Millionen. So viele Menschen hat, selbst wenn es nicht im „Guiness Book of Records“ steht, ein Einzelner noch nie um sich versammelt. Um ehrlich zu sein: Die meisten bekamen den Sendboten aus dem fernen Europa überhaupt nicht zu Gesicht. Hörten allenfalls seine Stimme aus quäkenden Lautsprechern, die irgendwo an einer Hauswand angebracht waren, an einem Baum hingen. Warum dann die beschwerliche Anreise, über mühselige Wege, übers Meer? Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: Mit ihm am selben Ort zu sein, zur selben Stunde. Das genüge. „Er ist zu uns gekommen und bringt Segen für unser Land.“ Das „Wunder Wojtyla“ – der Messenger of Peace. Ihm schenken sie ihr Vertrauen, ihre Hoffnung. Wem sonst im Reich der siebentausend Inseln. Wo eine Präsidentengattin ihren Wohlstand nach der Anzahl ihrer Schuhe maß, Killerkommandos geschäftliche Widersacher aus dem Weg räumten, Guerilleros aus den Bergen das Land heimsuchten, der muslimische Süden einen Dauerkrieg führt, Manila sich des größten Slums in Südostasien „rühmen“ kann, Superreiche von goldenen Tellern essen, Sextourismus für üble Schlagzeilen sorgte – mit anderen Worten: Die „Revolution mit dem Rosenkranz“ wieder in das alte Fahrwasser geraten ist.

Langsam verabschiedet sich die Sonne hinter den Höhen von Pentling. Wenn er jetzt nicht kommt, dann kommt er überhaupt nicht. Da oben, wo die Hauptstraße an ihrem Scheitelpunkt nach hinten abkippt, eine Linie mit dem Horizont bildet, taucht eine geballte Scheinwerfer-Front auf. Kommt im schnellen Tempo auf die Schlucht mit den Wartenden zu. Inzwischen wurden Seile gespannt, Feuerwehrleute bilden Spalier, auch auf dem Weg zur Wache. Der Konvoi fährt durch. Er hält nicht an. Er fährt weiter. Ein Schatten huscht vorbei. Der Spezial-BMW mit dem langen Radstand und dem sechs Zentimeter dicken Sicherheitsglas. (Das wollten Wolfsburger, die preußischen, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und haben inzwischen dem Papst einen PS-starken fahrbaren Untersatz geschenkt, der den besonderen Ansprüchen des Fahrgastes und den heutigen Sicherheitsbedürfen entspricht.)

Mitarbeiter der Wahrheit

War’s das mit Regensburg? Ein Randgeschehen noch: Ein Bund der Geistesfreiheit proklamiert den Haidplatz zur religionsfreien Zone. Verspricht „Heidenspaß statt Höllenqualen“. Gibt sich der Lächerlichkeit preis. Ernster schon der „Laienkrieg“ rund um den Dom, nach dem der Ortsbischof sein Beratungsgremium auflöste, weil ihm einige Personen quer kamen – oder war es umgekehrt? – und dieses durch ein angenehmeres ersetzte. Wie in alten Zeiten: Wo der Bischof, dort die Kirche. Man nennt das Jurisdiktionsgewalt Oder hat er nur die störrischen Böcke von den Schafen getrennt? Durch lammfromme ersetzt, giftet es zurück. In der Sprache des modernen Managements: Synergie-Verluste. Benedikt als Friedensstifter. Man weiß natürlich nicht, was hinter den Kulissen gesprochen wurde. Vielleicht hat er jedem seine Visitenkarte in die Hand gedrückt, darauf sein Wahlspruch: „Cooperatores Veritatis“ – „Mitarbeiter für die Wahrheit“ zu sein. In der Bibel nachzulesen, im dritten Johannesbrief. Der Verfasser wendet sich an Christen, die ihren Glauben in die Welt hinaustragen sollen. Eine höchst aktuelle Botschaft.

Der Verfasser des Briefes wandte sich jedoch auch an einen herrschsüchtigen Gemeindeleiter, der Christen aus der Gemeinde ausschloss. Wir kennen die damaligen Gründe im Einzelnen nicht, und auch nicht die Interna der Regensburger Affäre. In der frühen Kirche, als der „Älteste“ sich um die Zukunft der zerstreuten Christengemeinden machte, gab es noch keine Kirchenverfassung, wohl aber lebendige Zellen. Nicht wenige vertreten die Auffassung, dass die Zeit gekommen sei, wo nur eine Richtung in die Zukunft der Kirche weise: Der Weg zurück zu den Anfängen.

Regensburg, touristisch-ökonomisch betrachtet, zeigt sich rundum zufrieden. Schon hätten die ersten Fernsehzuschauer angerufen und ihren nächsten Urlaub in der Region gebucht. Ja, und die Bayernpartei überlege schon mal, ob der Bismarck-Platz künftig auf Papst Benedikt umgetauft werden soll. Verzeihlich wär’s ja. Hat sich der Eiserne Kanzler, dieser Preuß’, ohnehin viel zu lange mit den Katholiken angelegt – Kulturkampf und so. Erst zum Schluss hat er seinen Frieden mit dem Papst gemacht, weil er ihn brauchte, als Schiedsrichter zwischen Deutschland und Spanien. Es ging um die Inselgruppe der Karolinen in der fernen Südsee.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 21)


Man vergisst nicht was war (Ein Nachtrag)

Die jüdischen Gemeinden Oberbayerns haben wieder ihren „Dom“, die Hauptsynagoge am St. Jakobsplatz in der Altstadt. Sie trägt den Namen „Ohel Jakob“ – „Zelt Jakobs“. Der Stammvater. Welch ein großer Name in der Geschichte Israels. Das jüdische Bethaus wiederum an einem Platz, der den Namen des einen Jüngers Jesu trägt. Und schließlich: der biblische Patriarch als einer der Propheten, die der Koran nennt. Jakob – in wie vielen Sprachen hören wir seinen Namen, werden die Söhne der Völker nach ihm benannt.

Die Hauptsynagoge in München wird am Gedenktag „9. November“ eingeweiht. Vor 68 Jahren, vom Datum her, und in diesem Jahr auch fast auf den Wochentag genau, fiel die Vorgängerin, die Synagoge an der Herzog-Max-Straße, dem Nazi-Terror zum Opfer. Brandschatzung und Menschenjagd – der „Probelauf“ für den staatlich organisierten Massenmord. Es war mehr als nur ein „schreckliches Wetterleuchten, das den Holocaust ankündigte“, wie ein Kolumnist die Pogrome beschreibt. Nein, es war bereits das erste schwere Unwetter, um im Bild zu bleiben. Blitze schlugen ein, steckten Wohnungen und Synagogen in Brand. Menschen wurden getötet. Goebbelsche Propaganda hetzte und machte sich lustig: „Reichskristallnacht“.

November-Pogrome

Die Organisatoren der Gewaltaktionen im November 1938 hatten schon die Blaupause für Todesfabriken im Kopf. „Dein goldenes Haar Margarete, dein aschenes Haar Sulamith – wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng“, schreibt Paul Celan in der „Todesfuge“, denn: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Wer für den Tod vorgesehen war, hatte einen gelben Stern an der Brust zu tragen, den Stern Davids mit der Inschrift „Jude“, dem Schriftbild der hebräischen Bibel nachgemacht – angeheftet dort, wo das Herz schlägt.

Gedenkveranstaltung in einer Stadt am Rhein. Wo immer in Deutschland an diesem 9. November Menschen zum Gedenken an die Opfer der Shoá zusammenfinden – ihre Hilflosigkeit, auch im nachträglichen Versuch einer Erklärung, ist geradezu körperlich zu spüren. Der schluchzende Gesang des Rabbiners reißt das Herz auf. Wie Granitsteine fallen die Namen, die er aufruft, auf den Asphalt, schallen von den Häuserwänden zurück: Auschwitz, Birkenau, Bergen-Belsen, Dachau, Ravensbrück, Majdanek, Treblinka und die vielen, vielen anderen Orte. „El malej Rachamamim“ – „Gott voller Erbarmen, schenke ihnen die Ruhe.“ Selbst in dieser Stunde gibt der Hymnus dem Lobpreis des Ewigen den Vorrang.

Ein Senior der jüdischen Gemeinde spricht das Kaddisch jatom, das Gebet der Trauernden, zur Heiligung des Gottesnamens und im Gedenken an die Verstorbenen. „Erhoben und geheiligt ist sein großer Name. Er belebt die Toten und führt sie empor zu ewigem Leben. Er erbaut die Stadt Jiruschalajim und errichtet seinen Tempel auf ihren Höhen.“

Eine kleine Gruppe von Juden und Christen hat sich an dem Ort versammelt, wo bis zum 9. November 1938 die prächtigste Synagoge der Stadt stand. Mädchen einer Abschlussklasse des Gymnasiums lesen aus Aufsätzen und Tagebuchnotizen, die jüdische Schüler ihres Alters damals geschrieben haben. Solche Texte verlassen den abstrakten Lernstoff des Klassenzimmers. Ein Redner sorgt sich: Wann wird der 9. November nur noch als „Tag der Maueröffnung“ erinnerlich sein?

In München – doch schon eine „Konkurrentin“ zum „jüdischen“ Berlin – ist großes Protokoll aufgeboten. An der Spitze der Bundespräsident. Entsprechender Polizeischutz. Sicherheitsstufe Eins. Aber nicht nur an diesem Tag. Man hat sich schon daran gewöhnt, dass jüdische Einrichtungen in Deutschland nur mit Wachposten und Türschleusen sicher sind, auch außerhalb von Terror-Alarm. Hat man das?

Den Hass überwinden

Welch ein Ereignis in diesem Jahr. Die Nation wie verwandelt. Das Volk, zumindest das Fußballvolk, lag seinem König zu Füßen, huldigte einem „Kaiser“, der sich immerhin zugute halten kann, erreicht zu haben, was sein „Vorgänger“ Wilhelm Zwo, die richtige Majestät, nie und nimmer geschafft hätte: Nämlich, dass die ganze Welt uns plötzlich mochte. Die Schatten der Vergangenheit wie weggewischt. Nun sind die schwarz-rot-goldenen Sympathie-Fahnen wieder eingerollt; die Weltmeister der Herzen gehen wieder ihrer geregelten Wochenendarbeit nach. Das „Sommermärchen“ – nur noch dèjá-vu im Kino. Der Alltag ist zurückgekehrt in die Stadien, mit ihren schönen Seiten, aber auch den hässlichen.

Eine Studie, vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Auftrag gegeben, kommt zu einem deprimierenden Ergebnis: Fan-Gemeinden seien vom Rassismus unterwandert. Auslöser ist wieder mal der „Migrationshintergrund“. Es nimmt kein Ende mit den Neologismen unserer sozialen Wildnis. Betroffen seien vor allem Vereine in den unteren Spielklassen, auffällig häufig ostdeutsche Stadien. – In Mecklenburg-Vorpommern wurde gewählt. Rechtsradikale Panikmache verhalf zu Sitz und Stimme im Landesparlament. Kameradschaften und deren Fronttrupps, „Glatzköpfe“, diesbezügliche Tattoos und „Springerstiefel“ als Erkennungszeichen, argumentieren mit dem Baseball-Schläger.

In einer Sekundarschule in Sachsen-Anhalt zwingen Halbwüchsige einen Mitschüler, ein Schild um den Hals zu tragen. Der Text muss nicht eigens zitiert werden, er ist hinreichend publiziert. Die Vorlage gibt ein Foto aus Cuxhaven, Juli 1933. Judenhass im ersten Nazi-Jahr. Die SA demütigt einen jüdischen Mann und eine nichtjüdische Frau. Die Zielrichtung der Hitler-Ideologie ist klar: Hier der „arische“ Herrenmensch, dort das „minderwertige Blut.“ Wer das missachtet, begeht „Rassenschande“. Näheres bestimmen zwei Jahre später die Nürnberger Gesetze. Für „Volksaufklärung“ sorgt Goebbels Propaganda-Apparat.

Der Verfassungsschutz hat festgestellt: Das Risiko, Opfer einer rassistischen Gewalttat zu werden, sei im Jahr 2005 in Sachsen-Anhalt zwölf Mal höher gewesen als beispielsweise in Hessen. In der Gesellschaft zeige sich eine schleichende Akzeptanz für rechtsextreme Einstellungen. Eine (westdeutsche) Zeitung titelt: „Im Osten der Republik erschüttert der rechte Sumpf immer häufiger die örtliche Idylle.“ Was sagt die Schlagzeile über die Ursachen aus? Das Blatt meint: „Ein diffuses Gefühl benachteiligt zu sein“. Erklärt das die tiefer liegenden Zusammenhänge? Kein Freispruch für die Gesellschaft im „Westen“. Rechtsextremismus ist keine Randerscheinung, sondern ein Problem in der „Mitte der Gesellschaft“. Dies ist die zentrale Aussage einer Studie der Universität Leipzig im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Zahlen: Jeder vierte Deutsche (26,7 Prozent) stimmt ausländerfeindlichen Aussagen zu. 8,6 Prozent der Befragten haben ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“.

Rechtsradikalismus sei kein jüdisches Thema. Gewiss, nicht die Opfer müssen sich verantworten. Das hatten wir vor 68 Jahren. Rechtsradikalismus ist ein Thema aller Bürger des Landes, gleich welcher Herkunft und Weltanschauung. Damit „jüdisches Leben in Deutschland eines Tages wieder eine Selbstverständlichkeit ist, ein Teil des Gesamten, eine Normalität, die nicht eigens betont werden muss“.

Der Bundespräsident spricht bei der Eröffnung der neuen Großen Synagoge in München von einem Traum, der darauf wartet, verwirklicht zu werden. Um „Tacheles“ zu reden: Sechs Jahrzehnte nach Kriegsende ist für Juden in Deutschland auch weiterhin nichts normal und nichts selbstverständlich. Horst Köhler sagt, es schmerze, dass vor drei Jahren, als der Grundstein gelegt wurde, ein Attentat geplant war. Es schmerze, dass am Tag der Einweihung, dem Tag der Erinnerung an die November-Pogrome von 1938, Neo-Nazis auf dem Marienplatz aufmarschieren wollten. Der Marienplatz, war das nicht, vor knapp zwei Monaten, der „Herzmittelpunkt“ des Papstbesuches?

Die Exzesse rechtsextremer Straftäter haben „dramatisch“ zugenommen. Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2006 wurden 8.000 Übergriffe gezählt. Charlotte Knobloch fühlt sich an eine Entwicklung „wie 1933 bei der Machtergreifung Hitlers“ erinnert.

Während der Filmaufnahmen für eine Reportage in Belfast/Nordirland, in den 80er Jahren: Kinder spielen dicht an der unsichtbaren Grenze, die man „Peaceline“ nannte. Trennlinie zwischen Shankill Road und Falls Road, hüben Protestanten, drüben Katholiken. Die Buben werfen Steine auf die gegnerische Seite. Aus dem Hinterhalt. „Warum macht ihr das? Sind doch Kinder, wie ihr? Nein, da sind sie nicht! Was denn dann? Das sind Schweine! Wir werden sie schlagen. Bis sie tot sind.“

Hatten wir das „Schwein“ nicht auch am Regensburger Dom gesehen? „Ich hatte gelernt, dass man sich den Juden nicht nähern durfte, weil sie halouf waren“. (arabisch: Schwein) „Man durfte sie nicht einmal anschauen. Ich weiß nicht, warum mir das eingetrichtert wurde, aber daran war nicht zu rütteln“, schreibt Souad, eine palästinensische Muslima, in ihrer Lebensgeschichte.

Wie diesen Hass überwinden? Ist es sinnvoll, die Religionen zu befragen? Sie seien nicht die Lösung des Problems, sie seien das Problem selbst, behaupten einige mit Schärfe – und Zynismus. Die Antwort laute: Finde zu Gott zurück, sagt Benedikt. Der Atheismus und Antihumanismus unserer Tage zerstöre nur. Welchen Gott meinen die Religionen? Jeweils ihren Gott? Michael Wolffsohn bringt das Miteinander von Juden und Christen auf die Formel „Ein Gott, zwei Wege“. Fügt dann hinzu: „Eigentlich drei“. Er meint auch den Islam.

Neue Bücher sind auf dem Markt: „Bekenntnisse“. Themenwechsel in der „Bewältigung der Vergangenheit.“ Waren nicht auch wir Opfer – die die Toten, die Vertriebenen, die Ausgebombten, die von den Nazis Verfolgten, eingekerkert, hingerichtet; von den Besatzern misshandelt, vergewaltigt, gedemütigt? Ein Literaturnobelpreisträger „beichtet“: Auch ich war begeistert, in meinen Kinder- und Jugendjahren. HJ, Arbeitsdienst. Dann, für kurze Zeit, Waffen-SS, zu kurz, um ein Held zu werden. Elite zu spielen. Warum hat er seine scharfen Einsprüche zu „Bitburg“ nicht mit seiner eigenen „Läuterung“ begründet? Jetzt setzt er sich der Frage nach seiner Glaubwürdigkeit aus, auch dem Urteil der moralischen Wertungsrichter: für das Linsengericht der Prominenz. Nichts wird kompensiert durch hohe Auflage. Zwiebeln häuten. Mir kommen die Tränen.

Der andere, ein Jahr älter, „die Stimme eines Deutschen, der als Erster gewagt hat, der Verdrängung ein Ende zu bereiten“, wie Avi Primor in einer Würdigung sagt. Das war Joachim Fest. Gestern ist er an einer schweren Erkrankung gestorben. Er hat dem poeta laureatus widersprochen: „Ich nicht“, so der Titel seines letzten Buches. Das „Dritte Reich“ sei sein Lebensthema geworden, „der immer wieder unbegreifliche Absturz Deutschlands in die Barbarei“, schreibt Arnulf Baring in der FAZ. Hatte der Professor an anderer Stelle nicht von einer „beklagenswerten Entgleisung“ gesprochen, im Zusammenhang mit der Nazi-Diktatur?

Übertreibt, wer die Gräueltaten an den Juden als einzigartige und unvergleichbare Verbrechen bezeichnet? Das müssen „Missverständnisse“ gewesen sein, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Baring gibt es seinen Kritikern zurück und stellt richtig: Das Dritte Reich war eine Katastrophe, von Anfang an. Aber bitte auch den Blick in vergangene Jahrhunderte richten, was vor der Hitlerzeit passiert ist, und danach. Meinte der Historiker: Um bessere Proportionen zu gewinnen, als immer auf Auschwitz zu blicken? Gewiss doch: Kreuzzüge, Spanische Conquista, selbstverständlich Stalin und Pol Pot und Idi Amin. Alle und alles bekannt? Hitler dauerte zwölf Jahre. Die Blutspur der ermordeten Juden geht tausend Jahre in die deutsche Geschichte zurück. Das macht den Unterschied, kennzeichnet die Proportionen.

Ein guter Bekannter, sagen wir Freund, hat auch den Krieg „mitgemacht.“ Als Flakhelfer schon zu alt, aber brauchbar für den Arbeitsdienst. Kerngesund, stramm – auch in der Auffassung, was ihm „eingetrichtert“ wurde. „Wir alle waren doch von Hitler begeistert. Und wenn schon, denn schon. Dann wollte man zur Elite.“ Was den meisten allerdings versagt blieb. Der „Führer“ brauchte nicht nur Prätorianer unter dem Totenkopf, sondern feldgraue Mannschaften, viele, viele – für draußen, an der Front, im Dreck. Der Krieg war hungrig. Die Kanonen brauchten Futter, da kam es nicht auf Gesinnung an.

Der „gemeine Soldat“ hatte nichts zu sagen. Hermann Göring bestimmte nicht nur, wer Jude ist, sondern auch, wie der Hitler-Soldat zu sein hatte. Fand auf einem Flohmarkt ein entsprechendes Werk des Marschalls des Großdeutschen Reiches. Literatur dieser Art liegt als reichhaltiges Angebot in den Bücherkisten der Verramscher. Einer, der auch „dabei“ war, in der Waffen-SS, sagt es überdeutlich, wovon seiner Meinung nach alle wussten und überzeugt waren: „Die ganze Wehrmacht war nationalsozialistisch.“ Wer anders dachte, sich gegen den Führer und sein Reich stellte, verwirkte sein Leben. Die Republik ehrt „den Widerstand gegen Hitler“ mit Gedenktagen, „ewig Gestrige“, ob alt oder junge, verleumden sie als Verräter. Die Anständigen, die den Wurf gegen den Verbrecher und seine Helfershelfer wagten, hatten ein „anderes“ Deutschland vor Augen.

Mein Bekannter fährt fort: Menschen anderer Hautfarbe und Religion waren einfach die Gegner. Und alles andere? Wenn man uns davon erzählt hätte – wir hätten es einfach nicht geglaubt. So war es ihnen „eingetrichtert“ worden. Die Menschen haben sich verändert. Der Gebrauch des Trichters ist geblieben – wo immer sie Hass und Missgunst säen.

Der Neupfarrplatz, vor der evangelischen Kirche, ist zur alten jüdischen Geschichte Regensburgs zurückgekehrt. Steinblöcke, zu einem Bodenrelief arrangiert, erinnern an die mittelalterliche Synagoge. Das künstlerische Ensemble folgt dem Grundriss des Gotteshauses, das hier einmal stand. Dani Karavan hat die Gedenkstätte entworfen. Er nennt den Ort „Misrach“. Das ist die Gebetsrichtung, nach Osten gewandt, dem Sonnenaufgang entgegen. Der Blick nach Jerusalem. Der Künstler wollte kein Mahnmal schaffen, sondern einen Ort der Begegnung, einen Platz der Kulturen. Ex oriente lux – auch Christen ist diese Himmelsrichtung nicht fremd. Muslime wenden sich nach Mekka. Wir sagen, wir „orientieren“ uns.

Hans Rosengold überreicht dem Papst, zur Erinnerung an die Juden von Regensburg, einen Zinnteller. Er zeigt die mittelalterliche Synagoge. Bei der Zerstörung des jüdischen Viertels im Jahr 1519 ging sie in Flammen auf. Hans Rosengold: „Man vergisst nicht, was war.“

Gedenkstätten erinnern an das, was war. Sind authentische Zeugen, Siegel einer Geschichte, die in einen Abgrund gestürzt ist, alles mit sich reißend, unter sich begrabend. Menschen und Sachen verbrannt. Objekte programmierter Vernichtung.

Was war, bis es dahin kam? Die Wohnungen und das Straßenleben, die Ladengeschäfte und die Lokalitäten, die Theater und die Synagogen – das war zu Hause. Mehr noch: Das war Heimat, nicht isoliert, sondern als Teil des Ganzen der Zivilgesellschaft. War aus dem Exil herausgewachsen, ungeachtet der Zeitenwechsel in den tausend Jahren des Judentums in Deutschland. Jüdische Deutsche. Das Galut – das Exil, konservierte sich in der geistlichen Übung. Eher wohl eine existentielle Erfahrung der Frommen. Die „Sehnsucht“ nach Jerusalem. – Bis Deutschland wieder fremd wurde, zur Fremde, in der man nicht mehr zu Hause sein durfte. Kein „sicherer Hafen“ mehr. Viele mochten es nicht wahrhaben, blieben bis zum Abtransport, bis zur Deportation – nomen est omen.

Wer die Verfolgung überlebt hat und nach der Austreibung zurückgekehrt ist, hat eine andere Farbe jüdischer Identität mitgebracht. Aus der Emigration in Übersee. Ebenso die Zugewanderten aus dem „Osten“, die jetzt in vielen Gemeinden die Mehrheit bilden. Englisches und Spanisches Idiom hat sich eingewoben, Lebensart aus den baltischen Ländern, aus der Ukraine, Rumänien und Ungarn. Jiddisch, kostbares Erbe aus den Jahren in Polen und im polnischen Galizien.

Künstler rufen die Kultur des Stedtl in Erinnerung, Musiker begeistern ihre Zuhörer: „Wenn der Chassid singt, die Klezmer-Klarinette spielt.“ Müssen sich fragen lassen, ob „Jüdisches“ als Folklore unter die Leute gebracht wird. Wie andernorts der Shanty-Chor oder die Kastelruther Spatzen. Die Grundfarbe verblasse. Jüdisches Leben verlaufe in anderen Bahnen.

Wer sprach Jiddisch in den Städten am Main und Rhein und an der Donau? Hessisch, Pfälzisch, Bayerisch das Idiom – selbstverständlich. Die Zugewanderten, die Flüchtlinge aus Litauen und Galizien, lebten auf ihren eigenen kleinen Inseln. Hatten es schwerer, sich zu akkulturieren. Gewiss, auch die „Assimilierten“ erinnerten sich wehmütig und zugleich mit Stolz ihrer Wurzeln. Der Schabbath und die Jahresfeste gehörten der Synagoge, die Wochentage der Familie. Was hätte das jüdische bürgerliche Leben, das durchzogen war von feinen religiösen Fäden, von dem der christlichen Nachbarn unterscheiden sollen, so dass es unverträglich gewesen wäre?

Heimat

„Zu Hause“ und „Heimat“ sei nicht dasselbe, sagt ein junger Jude. Weil das eine bietet, was das andere vorenthält? Geborgenheit in der Familie, in der Nähe der Freunde, in der Wärme der Synagoge, das wäre „zu Hause“. Der private Lebenskreis erweitert sich zur Heimat, wenn diese nicht mehr „draußen“ ist, unwirtliches Ausland. Wie verräterisch der Sprachgebrauch, wenn zwischen Deutschen und Juden unterschieden wird. Meist gedankenlos. „Sind Sie Jude?“ fragt die Jüdin im Spielfilm den jungen Fotografen in Auschwitz. „Nein“, antwortet er: „Ich bin Deutscher.“ Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Absicht oder Lapsus des Drehbuchautors?

Wir essen beim „Lieblings-Italiener“, trinken Wein beim „Griechen“, kaufen das Gemüse beim „Türken“, besuchen einen „jüdischen Liederabend“. Selbstverständlich sind wir längst Einwanderungsland. Christen hätten eine gesellschaftliche Vorbildfunktion, meinte in anderem Zusammenhang einmal die große evangelische Theologin Dorothee Sölle. Die frühchristliche Tradition vor Augen sagte sie:

„In der Urgemeinde haben Frauen den städtischen Verwaltungen gegenüber Garantien für die Gäste übernommen. Sie haben mit ihnen gewirtschaftet und gelebt. Sie haben gemeinsam gebetet, gegessen und sich in allen Fragen des Alltags beraten und unterstützt. Den Arbeitslosen haben sie Arbeit beschafft, den Obdachlosen Obdach. Die Häuser der Christen waren offen. In diesem Fremdling konnte sich Christus verstecken. Sollte man ihn herauswerfen oder nicht einlassen?

Wenn ich einen Traum von der Kirche habe, so ist der Traum von den offenen Türen gerade für die Fremden, die anders sprechen, anders essen, anders riechen. Mein Haus wünsche ich mir nicht als eine für andere unbetretbare Festung, sondern als ein Haus mit vielen Türen. Heimat, die wir nur für uns selber besitzen, macht eng und muffig. Jeder Gast bringt etwas mit ins Haus, das wir selber nicht haben. Heimat und Exil gehören zusammen. Weil wir ganz zu Hause auch im schönsten Haus nicht sind.“

Von der Vision zurück in die Realität: Die „Furcht“ vor allem „Fremden“, Xenophobie, steigert sich zur physischen Umsetzung der Gewalt gegen alles, was für fremd und undeutsch erklärt wird. Der „fremde“ Mensch wird zum Feind erklärt. Xenos, der Fremdling, klopfte an die Tür. Und er wurde empfangen wie ein Gast. Das ist heute rund ums Mittelmeer so geblieben. Sprichwörtlich. Wo lernt man von den „alten Griechen“?

Die Nachkriegszeit brachte eine Wende in den „jüdischen“ Alltag. Nachfahren alteingesessener Familien tun sich mit den Zugereisten schwerer als mit dem bodenständigen Umfeld. Junge Juden unterscheiden sich nicht von jungen Christen. Vielleicht etwas stärker von Herkunft und religiöser Tradition „infiziert.“ Das hat seine Gründe. Sie kamen zu uns, ob unmittelbar nach dem Neubeginn Deutschlands oder in späteren Jahren, weil sie ein „freies Land“ suchten. Andere haben sich für Deutschland entschieden, um zu lernen, zu lehren, sich eine Lebensgrundlage zu schaffen. Sind sesshaft geworden. „Wir Juden sind wieder Teil dieses Landes, unseres Landes“, sagt Charlotte Knobloch bei der Einweihung der neuen Synagoge in der Münchener Altstadt.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 20)


Ein Schuldbekenntnis

Wo stehen Christen und Juden heute? Die Päpste der Nachkriegszeit, in gewisser Weise auch Pius XII., haben Zeichen gesetzt. Vor allem Johannes Paul II., der Mann aus Wadowice, der im jüdischen Umfeld aufwuchs, die Juden im Krakauer Ghetto nicht verleugnete, als erster Papst eine Synagoge besuchte, an der Todeswand in Auschwitz der Ermordeten gedachte, in Yad Vashem und an der Westmauer, der „Klagemauer“ zu Jerusalem. In seinem Auftrag veröffentlichte die vatikanische Kommission für religiöse Beziehungen zu den Juden im März 1998 das Dokument: „Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoá.“ In seinem Begleitbrief an Kardinal Cassidy hatte Johannes Paul II. die „innige Hoffnung“ ausgesprochen, dass diese Erklärung „wirklich dazu beiträgt, die von Missverständnissen und Ungerechtigkeiten in der Vergangenheit herrührenden Wunden heilen.“ Er hatte hinzugefügt: „Möge es dabei helfen, dass die Erinnerung ihren unerlässlichen Teil zum Aufbau einer Zukunft beiträgt, in der die unsagbare Schandtat der Shoá niemals mehr möglich sein wird.“

Das geschah zur Vorbereitung auf das „Jubeljahr“ 2000, das, wie der Papst erklärte, auf Vergebung der Sünden und Versöhnung mit Gott und mit dem Nächsten gründe. Welche gewaltige Herausforderung. Die Kirche ermutige ihre Söhne und Töchter, ihre Herzen zu läutern, indem sie die in der Vergangenheit gemachten Fehler und ihre Untreue gegenüber dem Glauben bereuen. „In einer historisch einmaligen Geste“ bekannten der Papst und einige ausgewählte Kurienkardinäle namens der Glaubensgemeinschaft, dass Christen sich in der 2000jährigen Kirchengeschicht an anderen schwer versündigt haben.

Am „Tag der Vergebung“, Sonntag, den 12. März im Heiligen Jahr 2000, übernahm der australische Kurienkardinal Edward Idris Cassidy, im Vatikan zuständig für die Beziehungen zum Judentum, folgende Fürbitte: „Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Seligpreisungen begangen haben und so ihr Herz reinigen.“ (Der Botschafter Israels hörte zu.) Auch Kardinal Joseph Ratzinger trat nach vorne. Als Chef jener Kirchenbehörde, deren Vorgängerin über Jahrhunderte als universale heilige Inquisition mehr Angst und Schrecken als Hoffnung und Zuversicht verbreitet hatte. Der deutsche Kurienkardinal bekannte, dass „Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen.“

Wie immer in solchen Fällen: Es blieben die Stimmen nicht aus, die sich an dieser und jener Formulierung stießen. Zu spitzfindig, zu wenig mutig. Was heißt „nicht wenige“? Wie lässt sich das quantitativ benennen? Haben nur „Söhne und Töchter“ der Kirche gesündigt, nicht die Kirche selbst? Die Kirche, von Jesus eingestiftet, könne nicht fehlen. Nur der Einzelne. Ob theologische Differenzierung oder kuriale Rabulistik – deutsche Katholiken gingen weiter, in klarer Erkenntnis, was auf dem Spiel stand. Sahen die Kirche in ihrem Ganzen – von der Spitze bis zur Basis oder umgekehrt – in Mitschuld und Verantwortung. Worauf es letztlich ankommt, bündelte Johannes Paul II. in seinen Appell am Ende des Bußgottesdienstes: „Nie wieder!“

Otto Schwerdt, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Regensburg, schenkt mir sein Erinnerungsbuch: „Geschichte eines Überlebenden von Auschwitz-Birkenau“. Der Titel brennt in der Hand: „Als Gott und die Welt schliefen“. Ich sehe mich mit Roberta, Sara und Don Simone vor den Resten der Verbrennungsöfen im KZ bei Dachau. Wir schämen uns unserer Tränen nicht. „O Gott, so ich Dich Vater nennen darf, hilf mir, Dich zu erkennen, mit Herz und Verstand.“ Otto Schwerdt schreibt eine Widmung auf das Vorsatzblatt seines Buches: „Die Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Toten.“

Don Simone hat eine Meditation geschrieben. Zu „Dachau“. Zu der Frage, die Menschen umtreibt. Warum hat Gott das zugelassen? Warum lässt Gott das zu? Wir kommen von dieser Frage nicht los. Die Gottesgelehrten sprechen von Theodizee. Die einschlägigen Lexika, die man schnell zur Hand hat, erklären, was der Begriff meint, nicht aber, ob er zutrifft. Die Antwort findet der glaubende Mensch im Vertrauen auf Gott, in der (wie Benedikt sagt) „Vernünftigkeit Gottes“. Nur ein Glaubender kann sagen: Gott war bei den Menschen in den Haftzellen, Folterkellern und Gaskammern, gab ihrem Tod einen menschlichem Denken nicht fassbaren Sinn. „Sonst wäre meine Mutter ‚umsonst‘ gestorben“, sagte ein Rabbiner.

Theodizee ist

a) „Rechtfertigung Gottes gegenüber den Einwänden, die aus der Tatsache des physischen und moralischen Übels in der Welt gegen seine Weisheit , Liebe und Gerechtigkeit erhoben werden können“. (Bertelsmann Volkslexikon, Gütersloh, Ausgabe 1959)

b) speziell die Frage, wie mit der Gottesauffassung gewisse Dinge, gewöhnlich Unglücksfälle und Übel, zu vereinen seien, d.h. also nach der Zulassung des Bösen. (Wörterbuch der Religionen, Alfred Kröner Verlag Stuttgart. 1952)

c) Anschauung, die den Glauben an die göttliche Gerechtigkeit mit dem weltlichen Übel in Einklang bringen will. (Kleines Fremdwörterbuch, VEB Verlag Enzyklopädie, Leipzig. 1973)

d) Die Theologen Karl Rahner und Herbert Vorgrimler gehen mit ihrem Versuch einer Gott bejahenden Antwort am weitesten. Theodizee bedeute ursprünglich den (wenigstens negativen) Nachweis durch die gläubige oder philosophische Vernunft, dass das Übel in der Welt (Leid, Unglück, Tod, Schuld) im biologischen und menschlichen Bereich (Böses) die natürliche, philosophische oder gläubige Überzeugung der Existenz eines heiligen, unendlich vollkommenen und guten Gottes nicht aufhebt. (Kleines Theologisches Wörterbuch, Herder-Bücherei, Freiburg. 1965)

Hier nun Don Simones Meditation, aus dem Italienischen übersetzt:

Warum? Im Angesicht unschuldigen Schmerzes kommt spontan diese Frage auf, und es scheint, als lasse sich keine akzeptable und plausible Antwort finden. Vor allem, wenn dieser Schmerz nicht vom Zufall herrührt, sondern von der teuflischen Grausamkeit des Menschen!

In der Geschichte, ob gestern oder heute, werden wir immer wieder vor diese Frage gestellt: Es genügt nicht, den Blick nur auf das zu richten, was um uns herum geschieht. Wir müssen das ganze Weltgeschehen vor Augen haben, besonders die weniger bekannten und prägnanten Orte, die für unsere reiche westliche Welt von Interesse sind.

Diese Frage war der Leitfaden einer außergewöhnlichen „Pilgerreise“: „Pilger“ in Dachau! Ja, es ist notwendig, „Pilger zu werden“, um unserer Frage einen Sinn zu geben und zu versuchen, eine Antwort auf das „Warum?“ zu finden! Der gewöhnliche Besucher kommt aus Neugier, oft auch nur, um „auf dem Laufenden zu sein“. Der „Pilger“ hat ein Ziel, er geht den Weg des Nachdenkens, den Weg der Umkehr. Dies war der Sinn, nach „Dachau“ zu gehen.

Die Stille, nur unterbrochen durch die Schritte auf den Kieseln, die immense Weite des Lagers. Am Ende dieser „Wallfahrt“, die bis ins Dunkel diese „Stille Gottes“ mit einbezieht, und die viele immer noch so ausdrücken, als wollte Gott jede Verantwortung von sich wälzen, wird ein „Wort“ bedeutsam. Es verweist auf einen „Unschuldigen“, der an sich selbst die „Abwesenheit“ Gottes erfahren hat: „Eloì, eloì, lemà sabachtanì…”!

Die einzige Antwort, der menschlichen Vernunft unverständlich, ist die Miteinbeziehung Gottes in das Leid all derer, die der Grausamkeit der Menschen ausgeliefert worden sind, treffend ausgedrückt in dem „Ecce homo – Seht, welch’ ein Mensch!“. Es ist dieses Antlitz, das sich in dem Bild von Millionen von gequälten und geschundenen Menschen darstellt, gestern, heute und solange die Logik des „homo homini lupus“ gilt. Es ist das Kreuz, das die vielsagende Erklärung gibt auf das gequälte „Warum?“. Die Präsenz des Karmel ist die Antwort, der Weg der Versöhnung, zu dem dieser Gott aufgerufen hat, der auf Golgatha starb: „Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Das Dachau damals und die vielen in der Welt „konstruierten“ Dachaus sind die „Golgathas“, bei denen man „bleiben“ muss wie Maria, einige Frauen und Johannes. Nicht verzagen wegen der Bedeutungslosigkeit der Vielzahl, sondern wissen, wie man die Qualität der Innerlichkeit ausdrücken kann: „Karmel“ sein an all den Orten des Leidens, des Schmerzens, der „Verunstaltung“ des Menschen; an der freien Seite des Kreuzes hinaufsteigen, um mit dem gekreuzigten Jesus, der sich uns in den Kreuzen unserer Zeit darstellt, zu teilen. Um gemeinsam das Ostern der Wiederauferstehung zu erwarten.

Gemeinde heute

Christen und Juden haben in Regensburg wieder eine Nachbarschaft. Vom Brixener Hof, dem Regensburger Quartier, einer der sieben mittelalterlichen Residenzen auswärtiger Bischöfe, biegt man ein in die Luzengasse. Im Eckhaus wohnt der Apostolische Protonotar und Domkapellmeister im Ruhestand Georg Ratzinger. Die Jüdische Gemeinde wenige Schritte entfernt, auf der anderen Straßenseite. Am „Papsttag“ ist das gesamte Karree abgesichert wie Fort Knox. Man wird wohl erst für den nächsten Tag einen Termin mit Hans Rosengold, dem Gemeindevorstand, vereinbaren können.

Zweimal habe der Papst einen Moment am Tor des Gemeindehauses verweilt. Der Terminplan erlaubte – man zeigt Verständnis – keinen längeren Besuch. Benedikt: „Wie schön, dass mein Bruder eine so gute Nachbarschaft hat. Möge daraus eine noch tiefere menschliche Beziehung werden“. Hans Rosengold: „Bleiben Sie gesund, damit Sie Ihr schwieriges Amt lange ausüben können.“

Ein Fotoalbum – von der Gemeinde ins Internet gestellt – mit Bildern aus den dreißiger Jahren, bevor auch in Regensburg die Synagoge brannte. Familienfotos, wie man sie bei solchen Gelegenheiten knipst: „Tagesausflug ins Laabertal“. Juli 1937. Man hat sich’s zum Picknick auf einer Wiese gemütlich gemacht. Martha Mandelbaum (45) und ihr Lebensgefährte Ernst Meyer (43), die Lehmanns, Julius (47) und Susi (36) mit den Kindern Walter (11) und Nora (8), und eben Hans Rosengold, damals 14, mit seiner Mutter Therese (41). Die Herren, „standesgemäß“ bayerisch, tragen kurze Lederhosen, helle wollene Wadenstrümpfe, weißes offenes Hemd.

Alle konnten sich retten. Geflohen sind wir, sagt Hans Rosengold, deutlicher gesagt: Wir wurden vertrieben. Wieder Exil. Diesmal Amerika. Die Rosengolds gingen nach Argentinien. Der leibliche Vater von Hans aber dachte, er würde die Nazis in Deutschland überstehen. Am 2. April 1942 wurde er zusammen mit den anderen der Gruppe der 106 Regensburger Juden deportiert. „Umschlagplatz“ Piaski, dann Vernichtungslager Belzec. Das Geschäft des Stiefvaters wurde „arisiert.“ Was hätten wir damals tun, was verhindern können, um die Zurückgebliebenen zu retten? „Hansi, zieh dich an. Wir gehen weg“, hatte die Mutter gesagt. Aber der Gedanke bohrt sich ihm in den Kopf. Schuldgefühle der Überlebenden. Auch unter der nachgeborenen Generation des „Tätervolkes“ wühlen Selbstzweifel. Was hätte ich damals getan? Was tun können?

Papst Benedikt hatte Anfang des Jahres den Oberrabbiner von Rom empfangen. „Das Volk Israel wurde zu verschiedenen Zeiten aus den Händen seiner Feinde befreit. Und in den Jahrhunderten des Antisemitismus während der tragischen Momente der Shoá hat die Hand des Allmächtigen dieses Volk erhalten und geleitet. Die besondere Zuwendung des Gottes des Bundes hat Israel alle Zeit begleitet und ihm die Stärke gegeben, um Prüfungen zu überstehen.“ Man kann nicht sagen, dass dieser Teil der christlich-jüdischen Beziehungen vernachlässigt würde. Benedikt: Die jüdische Gemeinde, seit mehr als zweitausend Jahren in Rom existierend, könne Zeugnis ablegen von dieser liebenden göttlichen Zuneigung.

Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und auch der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, hätte den Papst gern im eigenen Haus empfangen. Sie wäre mit ihm zum St. Jakobsplatz gefahren, wo in Kürze die neue Hauptsynagoge eingeweiht wird. Imposantes architektonisches Wahrzeichen des künftigen Jüdischen Zentrums in der Bayern-Hauptstadt. Erinnerung und Mahnung zugleich. „Es gibt auch in München keine Geschichte der Juden ohne „Vergangenheit“, wie die Süddeutsche bemerkt. Zu guter Letzt gab es für die Vorsitzende dann doch noch eine Begegnung, „freundlich“ sei sie verlaufen und auch „bewegend“.

In der Neuen Synagoge in Dresden wurden drei Rabbiner ordiniert. Die ersten Beauftragungen in Deutschland nach der Verfolgungszeit. Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs der Universität Potsdam. Das Vorgänger-Institut, die Hochschule für Wissenschaft des Judentums, war 1942 geschlossen worden, im Jahr der Wannsee-Konferenz. Die jüdischen Geistlichen werden nach München, Oldenburg und Kapstadt gehen. „Ein Tag des Sieges“, sagt der Landesrabbiner bei der Einführungsfeier.

Die meisten Mitglieder der Regensburger Gemeinde – etwa 80 Prozent, so die Auskunft – kommen aus dem „Osten“, vor allem Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Ein Bild, wie man es heute in vielen deutschen Synagogen antrifft. Die „Neuen“ sind doppelt herausgefordert. Müssen sich gesellschaftlich integrieren. Texte, Gebete, Lesungen, Lieder werden zum Teil mehrsprachig angeboten: aschkenasisch, sephardisch und in kyrillischen Buchstaben. Man muss sich aneinander gewöhnen, die „Russen“ und diejenigen, die ihre Wurzeln seit Generationen am Ort haben. Ein Prozess mit Reibflächen.

Überraschung für die päpstliche Entourage am letzten Tag in Regensburg. Die jüdische Gemeinde hat zum Mittagessen in den Gemeindesaal der Synagoge eingeladen. (Benedikt hat „frei“; der Tag ist allein für ihn und seinen Bruder reserviert.) Es war eine „charmante Begegnung, unbeschwert“, wird Hans Rosengold, der Grandseigneur, hinterher resümieren.

Zu Tisch gab es – selbstverständlich koscher und doch nicht fremd für die „christlichen“ Gaumen – Gemüsesuppe, Rinderbraten mit Petersilien-Kartoffeln, Salat, zum Dessert Ananas mit Kirschen und auch Zwetschgen-Kuchen, Obst und Kaffee. Wein aus Israel. Hans Rosengold, der gelernte Koch, greift persönlich nach Topf und Pfanne. Der Reisemarschall, der Leibarzt und der Privatsekretär Seiner Heiligkeit hätten es sich munden lassen. Monsignore Gänswein habe seine Gastgeber spontan aufgefordert: „Kommen Sie, essen Sie mit uns.“ Beim Lunch geht es schließlich nicht um theologische Grundsatzfragen, sondern um Gastfreundschaft, ganz normal, wie unter zivilisierten Menschen normal. Aber wie sagte Hans Rosengold in anderem Zusammenhang: „Was ist schon normal.“

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 19)


Tausend Jahre und ein Tag

Regensburg – die jüdische Perle im Mittelalter, Zentrum der Gelehrsamkeit. Rabbi Menachim ben Mekhir, der Dichter der Liturgie; Rabbi Rabbi Efraim ben Isaak, genannt der Große, Rabbi Petachjeh ben Jakob ha-Laban, der Weltreisende, Rabbi Jehuda ben Samuel he-Chasid, der „Fromme“. Sie galten als „Leuchten des Exils“. Aus Mainz, Worms und Speyer kam man, um an der Regensburger Talmudschule zu studieren.

Im Vorraum der Regensburger Synagoge ein alter Stich: Das Bethaus von 1225. Die Vorgängerin stammt aus dem Jahr 1050. Tausend Jahre Juden in Regensburg. Eine der ältesten Gemeinden in Deutschland. Die Juden kamen im Gefolge der Römer. Ein Dokument vom 2. April 981, den Kauf des Wohnrechts für den Juden Samuel beurkundend, belegt die frühen Anfänge. Jüdische Kaufleute aus Regensburg handeln mit Russland und Ungarn.

Aus Regensburg lassen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Anhänger des Zionismus vernehmen. Eine Heimstatt in Jerusalem ist jetzt das leidenschaftliche Ziel, Befreiung von der Last der Diaspora, dem Galut in seinen guten wie den schlechten Tagen, bis zu den Leiden unter der zaristischen Despotie.

Auch Regensburg kennt „Höhepunkte“ bei der Verfolgung der Juden aus religiösen und/oder materiellen Gründen. Im Jahr des ersten Kreuzzuges – 1096 – wird die Regensburger Gemeinde in der Donau geschlossen zwangsweise getauft. Als Christen würden sie wohl den Herrn Jesus als Messias erkennen und vor dem ewigen Feuer gerettet werden. (In Mainz verzichteten die Juden auf diese Art Erlösung durch den Bischof und gingen, Gott preisend, in den Tod.) 1097, also ein Jahr später, durften die Regensburger Juden dank einem von Kaiser Heinrich IV. erteilten Privileg zu ihrem Glauben zurückkehren. (Innerlich haben sie ihn wohl

nie aufgegeben.) Ging es der Majestät von Gottes Gnaden gut, konnten sich auch die Juden des Lebens freuen, war es umgekehrt, hatten sie nichts zu lachen.

Pogrome

Der 21. Februar 1519 wird unauslöschlich in den Annalen der Stadt eingetragen bleiben, wie der Rat die Austreibung der Juden beschloss und exekutierte. Reichsstadt und Bischof waren sich einig. Die Israelitische Gemeinde wird aufgelöst, die Juden haben innerhalb von zehn Tagen zu verschwinden. Was störten der Kaiser und das Reichsgericht, was nützten den Betroffenen verbriefte Rechte. Schon in der Nacht zuvor hatte Unruhe das Getto erfasst. Wer konnte in diesen Stunden Schlaf finden, als die Angst durch die Gassen schlich, sich Eingang verschaffte in die Wohnungen. Geschrei vor dem Haus war zu vernehmen. Ein schwerer Schlag gegen eine Tür, das helle Klirren, wenn Glas zerbricht. Weinen von Gegenüber. Wachen waren an den Toren aufgezogen, wie sich flüsternd von Mund zu Mund verbreitete. Hatten blank gezogen. Was, wenn der Mob die Gassen erobert? Die gelegentliche Ausbrüche des Volkszorns, der schnell zur Hand war, wenn Hagelschlag die Ernte vernichtete, Pest durch die Stadt zog, waren nur zu bekannt. Die Schuldigen der Misere waren schnell ermittelt, Urteil und Strafe verlangten kein Federlesen. So war es immer in der Geschichte. Übermorgen würde man wieder „zum Juden“ gehen, ihm das Vieh zum Verkauf anvertrauen. Er wäre wohl auch flüssig für ein dringlich benötigtes Darlehen. Mancher fühlte sich richtig gut, wenn wieder einmal Lärm ausbrach. Den Juden der Weg zum Stadttor gewiesen wurde. Schneller wurde man seine Schulden nicht los. So ging es bisher, stets zum eigenen Vorteil.

Der 21. Februar 1519 aber war anders, diesmal war es anders. Als der Sturm des Pogroms sich gelegt hatte, gab es kein jüdisches Viertel mehr. Man hat sie über die Steinerne Brücke getrieben. Kranke und Wöchnerinnen seien auf ein Floß gesetzt worden, lief das Gerücht. Die Fähre sei zerbrochen, gesunken. Niemand habe überlebt. Das Bethaus und die Wohnhäuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, der Friedhof geschändet. In den Jahren danach fand man Grabsteine, in die Außenmauern von „christlichen“ Bürgerhäusern und in Klostermauern eingesetzt, als Siegestrophäen. Auf den Grundmauern der Synagoge bauten Zimmerleute die Wallfahrtskirche zur Schönen Maria. Dann folgte eine Steinkirche, später die evangelische Neupfarrkirche. Ohne „Judensau“ an der Wand. Die gab es schriftlich, von dem Herrn aus Wittenberg. Mit dem Immerwährenden Reichstag trauten sich Juden nach Regensburg zurück, als „nichtstädtische Bürger“ dem Nationalrat direkt unterstellt. Ab 1813 durften sie sich als „bayerische Bürger“ betrachten, bescheinigt durch ein von dero Allerhöchste Gnaden unterzeichnetes Judenedikt.

Eine Stadt in Moldawien wird zur Metapher für die Despotie das Zarismus und das, was im 19. Jahrhundert auf die Juden zukam. Für die meisten kein Entrinnen: Kischinew, am äußersten Rand des Zarenreichs, in Bessarabien. Die „Ochrana“, die Geheimpolizei, war allüberall. Politisch Unbequeme – ab nach Kischinjow, Puschkins „dunkle Stadt“. Allerlei Gesindel in den Straßen. Armut schaut aus den Fenstern. Die Stadt – damals eine Stadt zum Ausspeien. Die Christen feiern Osten. Am 6./7. April 1903 (nach dem Julianischen Kalender). Man braucht Sündenböcke. Hass bricht aus. Auf Russisch: Pogrom. Der Name ist Programm. Nach ausländischen Protesten verteidigt St. Petersburg das dreitägige Blutbad als Antwort auf sozialistischen Aufruhr gegen den Zaren. Juden-Bolschewisten, eine Gleichung, die sich fortsetzen wird. Auch in manchen kirchlichen Kreisen.

Börries Freiherr von Münchhausen, der Balladendichter aus Göttingen, ist erschüttert. Als in Deutschland die Hitlerleute die Themen vorgeben, mag er den „jüdischen Geist“ nicht mehr, „obwohl ich kein Antisemit“ bin. Beim Herankommen der Amerikaner nimmt er sich das Leben. 1904 aber schreibt er „Die Hesped-Klage“. Der adelige Dichter war damals 30:

Kischinew. Der Tag schrie heiser: Töte!
Schamrot war das Rot der Abendröte.
Bis es vor Entsetzen ist erblichen,
Weil so viele Namen ausgestrichen.

Kopf an Kopf im Tempel glühen die Lichter
Und bescheinen blasse Angesichter,
Hesped wird gesagt, und alle Toten
werden laut bei Namen aufgeboten.
Alle Namen, ausgelöscht am Tage
Nennt noch einmal das Gebet der Klage:

„Rabbi Simon! Judassohn! Löb Schmeien!“
Lange, lange, lange Namenreihen.
„Saul Rachmowski! Samuel Abraham!“
Viele Blätter von Jehudas Stamm!

„Baruch Mose! Sarah und Ruth Trüber!“
Geisterhaft die Namen ziehn vorüber,
Vatersnamen, Brüder-, Schwester-Namen.
Schweigend hörens, die zur Feier kamen.

Nur als alle Namen ausgesprochen,
Ist ein lautes Schluchzen ausgebrochen.
Als es hieß: „Und in der Mutter Schoß
Ein klein Kindlein, das noch namenlos.“

Regensburg wurde nationalsozialistisch. Hielt zum Führer und seinem Programm, das die Juden betraf. Noch vor dem reichsweiten Boykott vom 1. April 1933. Ein Maschinengewehr vor dem Kaufhaus „Merkur“ gab jedem deutlich zu verstehen, was es heißt, weiter „beim Juden“ zu kaufen. Auch am 9./10. November 1938 keine Ausnahme. Die Pogrome übertreffen sogar die Übergriffe an anderen Orten. SS, SA und das Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps: Angetreten zur Hatz auf die Juden. Die Synagoge wird angesteckt, die Geschäfte zerschlagen und geplündert, die jüdischen Mitbürger aus den Wohnungen gezerrt, ab fünf Uhr am Morgen. Geschlagen, getreten und dann zusammengetrieben, zum „Schandmarsch“ durch die Stadt, „ab elf Uhr durch die Maximilianstrasse.“ Damit es jeder sehen konnte. Die bereit waren, mit Steinen und wörtlichem Unflat zu werfen, auszuspucken und zu schlagen, waren zur Stelle. Es wurde verhaftet. Dann Abtransport nach Dachau. (Die Bilder vom Vandalismus der braunen Schlägertrupps in der Ludwigstraße, die Busse, die bereitstehen, für die Fahrt ins KZ. Heute jedermann zugänglich, per Klick, im Internet – auf der Webseite der jüdischen Gemeinde.)

Nach der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 wird auch in Regensburg „nicht lange gefackelt“, wie Nazipropaganda den Volksgenossen eintrichtert. Die „Endlösung der Judenfrage“ läuft an. Am 2. April, 7 Uhr, Beginn der Deportation. 106 Juden, „vom Kleinkind bis zum Mann im Rentner-Alter“. Die Fahrtziele waren dem Personal der Züge bekannt: das Durchgangslager Piaski bei Lublin. Endstation Belzec und Auschwitz. Die Gestapostelle in Würzburg meldet dem SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann den Vollzug der „Wohnsitzverlegung“ der letzten Regensburger Juden, unter ihnen die Bewohner des jüdischen Altenheims. Neue Anschrift: Theresienstadt.

Saul Friedländer hat soeben den zweiten Band seiner Geschichte des Holocaust veröffentlicht: „Die Jahre der Vernichtung“. Er schreibt: „Dass die Nazis ihre Vernichtungsprogramm durchsetzen konnten, hing stark von der Bereitschaft zur Kollaboration, von örtlicher Unterstützung und von der Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an den Untaten und deren schlichte Hinnahme ab.“ Ob Hitler letztlich seinen religiös besetzten Wahn austobte, von obskuren Rassenlehren sich leiten ließ, seinen persönlichen Kreuzzug der Erlösung der Welt durch Beseitigung der Juden führte, wie in „Mein Kampf“ angekündigt, interessierte die Gasse wenig. „Arbeitslosigkeit, Schmach von Versailles, Internationales Finanzjudentum“ reichten als „Schlagworte“ aus. „Auch vor Kindern macht der Pöbel nicht halt“, heißt es in einem Bericht über den Regensburger „Schandmarsch.“

Hat Pius XII. geschwiegen, hat er zu „diplomatisch“ gesprochen, um die Nazis nicht noch mehr gegen die Katholiken aufzubringen? Um „Schlimmeres“ zu verhüten – ad maiora mala vitanda? Angst vor einer katholischen Kirchenspaltung in Reichsdeutschland. Die Braunen weniger gefährlich als die Roten. Die Auseinandersetzung füllt Bibliotheken, nährt bis heute die heißesten Diskussionen. Die Grenze zwischen Wahrheit und Wirklichkeit verläuft auf schmalem Grad. Vorgänger Pius XI. hat nicht geschwiegen, auch Pacelli, sein Staatssekretär nicht. Eingaben, Predigten, die Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Wer verstehen wollte, konnte verstehen. Soeben hat das Päpstliche Geheimarchiv sämtliche Akten aus dem Pontifikat von Pius XI. freigegeben. Nicht nur die Deutschland betreffenden Materialien.

Wie hat man im Apostolischen Palast auf die brennenden Synagogen reagiert? Das Schweigen der deutschen Bischöfe ist bekannt. Spiegel online stellt fest: „Über das Pogrom vom 9. und 10. November 1938 gibt es keine Notiz.“ Frage: „War die so genannte Reichskristallnacht ihnen nicht der Rede wert, oder war der Papst nur krank?“ (Gemeint ist Pius XI., der ein Jahr vor seinem Tod eine Enzyklika gegen den Rassismus in Auftrag gab. Sie wurde nie fertig.) Und wenn es eine solche Notiz geben sollte? Irgendwo dazwischen gerutscht, in einem anderen Ordner? Würde ein merkwürdiges Licht auf die sonst so penible Buchführung der Kirchenzentrale werfen. Hat Pacelli in der Nachfolge Pius XI. diesbezügliche Notizen hinterlassen? Ausgiebige vatikan-interne Sichtungen finden seit Jahrzehnten statt. Intensiver wohl noch im Zusammenhang mit der Einleitung des Verfahrens zur Seligsprechung des Papa angelicus.

Pius XII. hat in der Vergangenheit von jüdischer Seite nicht nur scharfe Kritik, sondern auch Beistand erfahren. Überraschend auch in diesen Tagen. Michael Wolffsohn, Historiker an der Universität der Bundeswehr in München, stellt fest: Kein Wort von Pacelli sei überliefert, das auch nur mit einer Silbe den Holocaust gebilligt hätte. Wer beklage, dass der Papst die Naziverbrechen „nicht deutlich genug“ angeprangert habe, müsse sich fragen lassen, was an seinen Ausführungen hätte missverständlich sein können. Die Nazis hätten jedenfalls sehr genau verstanden und sich ungerührt gezeigt. – Sehr richtig, Professor Wolffsohn. Niemand im Vatikan wollte Konzentrationslager und Gaskammern. Wo aber ist der christliche Antijudaismus verortet? Sind die Passagen aus der Allokution des Pacelli-Papstes von Heiligabend 1942 nicht bekannt: Jerusalem habe seinen Weg der Schuld auf sich genommen: „lungo il cammino della colpa, fino al deicidio – bis hin zum Gottesmord“.

So verständnisvoll der jüdische Wissenschaftler mit Papst Pacelli umgeht, um so kritischer mit dem kirchlichen Verständnis vom Judentum im allgemeinen. „Jesus war kein Christ, sondern Jude. Ohne Judentum kein Jesus, kein Christus, kein Christentum und keine Botschaft der Liebe“. Erst der Verzicht auf Antijudaismus – Wolffsohn spricht im Präsens – führe Kirche und Christentum zu Jesus zurück. Wenn und solange die Kirche Christentum und Judentum nicht als zwei gleichberechtigte Wege zum selben, einen einzigen Gott betrachte und benenne, könne und werde es keinen wahrhaftigen Dialog geben. Die Juden „extra ecclesiam“ und „sub ecclesiam“ – daraus kann, folgt man dem Juden Wolffsohn, kein Dialog auf Augenhöhe werden.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 18)


Die älteren Geschwister

„Auch wir beten für die Gemeinschaft, wenn es um den Frieden geht“, sagt Dannyel Morag, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Regensburg. Der Vorstand hatte entschieden, der Einladung in den Dom zu folgen. Nicht schweren Herzens, aber im Bewusstsein vergangener Ereignisse. Beten wie die Christen, unter dem Bild des Gekreuzigten, des christlichen Messias – geht das? Es ging.

Für Juden stehen eine Reihe von religiösen Feiertagen an: Rosch Haschana (das Neujahrsfest); Yom Kippur (der Tag der Besinnung und Versöhnung) und Sukkot (der Erntedank). – Für die Muslime – natürlich auch in Regensburg – beginnt am zweiten Tag von Rosch Haschana in diesem Jahr der Fastenmonat Ramadan.

Christen und Juden, und auch umgekehrt, gehen sensibel miteinander um. Vor Beginn der ökumenischen Feier im Dom separater Empfang in St. Ulrich, einst Palastkapelle und Dompfarrkirche, heute Diözesanmuseum. Der Rabbiner spricht die Beracha, den Segensspruch: Ein langes Leben sei dem Papst geschenkt. Das bedeute auch, „wir werden ihn in seinem Dienst an den Menschen unterstützen“. Der Rabbiner fügt Grüße aus Jerusalem hinzu, im Namen der Oberrabbiner.

Man erinnert sich: Benedikt hat im vergangenen Jahr die Kölner Synagoge besucht, die älteste jüdische Gemeinde auf deutschem Boden. Sechzig Jahre nach Kriegsende, sechzig Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager, 40 Jahre nach der Konzilserklärung „Nostra aetate“, die das Verhältnis zu den Juden so bestimmt, wie es Johannes XXIII. verstand: „Ich bin Josef, euer Bruder.“

Benedikt sagt: „Gemeinsam müssen wir uns auf Gott und seinen weisen Plan für die von ihm erschaffene Welt besinnen.“ „Viele Male“, wie er einmal betonte, habe er die Stätten des Grauens besucht. In diesem Jahr als Papst, als „Sohn des deutschen Volkes“, der „unmöglich nicht hierher kommen konnte“. Bewegend der Satz: „An diesem Ort versagen die Worte, kann nur ein erschüttertes Schweigen stehen.“ Missverstanden wurde er – oder war es missverständlich gesprochen? – als er von dem Volk sprach, „über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte.“

Sind die Deutschen, in ihrer Mehrheit leider Verführte, Opfer einer kleinen Schar von Verbrechern? Der Judenhass im 19. Jahrhundert, die Entwicklung bis zum 30. Januar 1933 – keine Wegbereitung für das, was dann kam? Die Aussagen von Überlebenden der Shoa sprechen eine andere Sprache, Dokumente legen ein anderes Zeugnis vor. Stand nicht manche Vokabel, die Benedikt für seine Ansprache in Auschwitz einsetzt, auch in bischöflichen Kundgebungen der 30er Jahre? Wiederherstellung von Größe und Ehre der Nation, wenn nicht wortwörtlich, so doch in diesem Sinne. Von der „Reinheit des Blutes“ war auch mancher katholischer Oberhirte überzeugt, von gewissen evangelischen Pastoren ganz zu schweigen. „An diesem Ort kann nur erschüttertes Schweigen stehen“, sagte Benedikt in Auschwitz. Eine zutreffende Erkenntnis.

Vergessenes erinnern

Man habe kein Problem darin gesehen, an der ökumenischen Feier teilzunehmen, sagt der Rabbiner nach der ökumenischen Andacht. Hans Rosengold, Mitglied des Vorstands, bekannt für feinsinnigen Umgang mit diesem Thema, fügt aber hintergründig hinzu: „Aber wir übertreiben es nicht mit der Burschikosität“. Natürlich, die Messe sei ihnen fremd. „Geht uns nicht in den Kopf, wir beten in der Synagoge.“ Mit Freude werde der Bischof empfangen, wenn er die Gemeinde besuche. Und das sei wiederholt geschehen. Zum diesjährigen Yom Kippur-Fest werde er wohl wieder vorbeischauen. Die Beziehungen zur Kirche entwickelten sich normal. „Aber was ist schon normal“.

Niemand würde auf die Idee gekommen sein, den Papst durch einen Seiteneingang in den Hohen Dom zu führen. So wurde aus Anlass des hohen Besuches das prächtige Westportal, das 600 Jahre alte Triangelportal geöffnet. Jahrzehnte hatten es Bauzäune versperrt. Eine andere, für die Öffentlichkeit zugängliche Türe wäre allerdings auch aus anderen Gründen nicht empfehlenswert gewesen: Am Pfeiler rechts vom Südwesteingang ist – unübersehbar – eine bildliche Darstellung eingemauert: die Spottfigur der „Judensau“. Nicht ohne eindeutige Absicht an dieser Seitenfassade der Domkirche angebracht. Von hier geht der Blick in Richtung des ehemaligen historischen Judenviertels am Neupfarrplatz. Abgebildet ist ein Schwein, an dessen Zitzen drei Juden sich zu schaffen machen. Das Bild will sagen: Die Juden melken ein Schwein, dessen Milch sie als Verkörperung des Teufels in sich aufnehmen. Ungeist und Aufforderung, Juden zu hassen und zu verfolgen, „in Christi Namen“, seit Jahrhunderten.

Der Soziologe Walter Sulzbach, 1937 in die USA emigriert, empfiehlt, den Begriff „Antisemitismus“ durch „Judenhass“ zu ersetzen. – „Antisemitismus“ geht auf Wilhelm Marr zurück, einen der geistigen Väter des Antijudaismus im 19. Jahrhundert („Der Weg vom Siege des Germanenthums ueber das Judenthum“). Sulzbach meint, Marr sei von der „semitischen Sprache“ ausgegangen, der „Sprache Israels“. Habe Sprache und ethnische Herkunft in eins gesetzt. Sich dabei allerdings nur auf Juden bezogen; gegen die Araber habe er, Marr, keinerlei Einwände gehabt. Tatsächlich, darauf verweist Sulzbach, gehören zu den semitischen Sprachen nicht nur Hebräisch, sondern auch Aramäisch und Arabisch. – Wer aber käme auf die Idee, feindselige Äußerungen gegenüber Arabern als antisemitisch zu bezeich-nen?

Der Judenhass hat seine eigene Spur. Antisemitismus als Synonym für Rassenhass, der sich allein und ausschließlich gegen das jüdische Volk richtet. Ein Volk mit historischer, kultureller und religiöser Eigenheit. Aber eben nicht als Rasse. „Dazu haben uns die Nazis gemacht, eine Begründung konstruiert, um uns zu vernichten“. So sinngemäß Ruth Lapide, die sich leidenschaftlich für den Dialog mit den Christen einsetzt, im geistigen Erbe ihres verstorbenen Mannes Pinchas.

Es muss der zuständigen Behörde, der Dom „gehört“ seit der Säkularisation dem Staat, einige Mühe gekostet haben, einen erklärenden Hinweis zu dem Bild der „Judensau“ am Dom anzubringen. Die Texttafel wurde erst vor einigen Jahren in der Nähe des „Wandschmucks“ angebracht: „Die Skulptur als steinernes Zeugnis einer vergangenen Epoche muss im Zusammenhang mit ihrer Zeit gesehen werden. Sie ist in ihrem antijüdischen Aussagegehalt für den heutigen Betrachter befremdlich. Das Verhältnis von Christentum und Juden in unseren Tagen zeichnet sich durch Toleranz und gegenseitige Achtung aus.“ Kein Wort zu dem, was in der Zwischenzeit passiert ist, in der das Schmähbild eine fürchterliche Bestätigung fand – nur wenige Schritte vom Dom entfernt. Kein Wort zu der Tatsache, dass Toleranz und gegenseitige Achtung keineswegs überall „in unseren Tagen“ das Verhältnis von Christentum und Judentum kennzeichnen. Kunstschaffende aus München beschrifteten eine alternative „Staatstafel“, versuchten, sie als Demonstration an den Dom zu heften – aber die kirchlichen und staatlichen Autoritäten fackelten nicht lange, um diese Aktion zu unterbinden.

Ende der Eiszeit?

Von Eiszeiten zwischen der römisch-katholischen und russisch-orthodoxen Kirche in der Windschleppe politisch-ideologischen Spannungen wiederholt die Rede, sowohl während des Zweiten Weltkrieges wie im Kalten Krieg. Die Päpste – auf der Moskauer Liste standen sie als Agenten Hitlers, Mussolinis, des Weißen Hauses, der NATO. Was hat man ihnen nicht alles unterstellt. Historische Gegensätze, Erbschaften aus dem zaristischen orthodoxen Russland, insbesondere das katholische Polen betreffend, gingen als Hypothek in die Zeitläufte mit. Johannes XXIII. knüpfte ein neues Band, das allen Klimaschwankungen und Zerreißproben standhielt. Das Interesse an gegenseitigen konstruktiven Beziehungen erwies sich als stärker als dann und wann aufflammende Differenzen. Als Brückenbauer haben sich nicht zuletzt deutsche Bischöfe seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil angeboten. Zu den jüngsten positiven Entwicklungen nicht unerheblich beigetragen zu haben, darf der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper für sich verbuchen.

Vielleicht ist dem „deutschen“ Papst noch vergönnt, was seinem „polnischen“ Vorgänger versagt blieb: eine Begegnung zwischen Benedikt XVI. und Alexij II. Der Botschafter des Papstes in Moskau, der Apostolische Nuntius Antonio Mennini, signalisierte schonmal, ein solches Treffen liege „immer mehr im Bereich des Möglichen“.

Obschon das Protokoll die jeweilige Amtssprache vorschreibt – wohl Russisch und Italienisch – könnten sich die beiden vermutlich problemlos auf Deutsch unterhalten. Der Moskauer Patriarch entstammt baltischem Adel, als Alexej Ridiger (von Rüdiger) 1929 in Reval/Tallin, der Hauptstadt Estlands geboren. Ende November 2006 bedankte sich der russische „Ersthierarch“ beim katholischen Pontifex für eine Geldspende, die Benedikt für den Wiederaufbau der bei einem Brand beschädigten Dreifaltigkeitskathedrale in Sankt Petersburg zur Verfügung gestellt hatte.

Die Misstöne der Vergangenheit sind ungewohntem Wohlklang gewichen. Schon im Februar war es zu einem Briefwechsel zwischen den beiden Kirchenfürsten gekommen. Zur Doppelfeier von Namenstag und Geburtstag von Alexij II. Von Gesten und Worten erneuerter Brüderlichkeit zwischen Hirten der Herde des Herrn, die den Geist der Gemeinschaft fördern, hatte Benedikt gesprochen, und der Moskauer Patriarch ebenso liebenswürdig gedankt. In seinem jüngsten Brief nun dankt er erneut, diesmal für das „Zeichen echter Zuneigung zur russisch-orthodoxen Kirche“. Er würdigt die „existierenden Bande im Geist christlicher Brüderlichkeit und gegenseitiger Unterstützung“. Und erweist seinem römischen Gegenüber in seiner Grußformel am Schluss „tiefen Respekt“.

Zwei geistliche Herren, im gesegneten Alter, schaffen vielleicht doch noch den lang ersehnten Durchbruch, einen geraden Weg zwischen dem Vatikanische Palast und dem Moskauer Danilow-Kloster (dem Sitz des Patriarchats). Eine stabile Brücke zwischen den beiden Patriarchaten, wobei Benedikt den Titel eines Patriarchen des Abendlandes abgelegt hat, könnte dazu beitragen, ein innerorthodoxes Problem zu lösen, den zwar unausgesprochenen, aber allenthalben spürbaren Spannungen zwischen Moskau gegenüber Konstantinopel zu entkrampfen. Dem Patriarchen am Bosporus mag ein Ehrenprimat zugestanden sein, aber Alexij beruft sich auf 100 Millionen Gläubige und einen wieder wachsenden Einfluss auf das Reich und die Politik imn Kreml. Der römisch-orthodoxe Gipfel im Phanar wird größte Aufmerksamkeit an der Moskwa finden, nicht zuletzt der Inhalt der vereinbarten gemeinsamen Erklärung.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 17)


Der lange Weg zur Einheit

„Ut unum sint – Damit sie eins sind wie wir“. Jesu Auftrag an seine Jünger, im Hohepriesterlichen Gebet. Johannes Paul II. hat, man könnte sagen, mit Leidenschaft sich diesem Ziel verpflichtet. Sein Nachfolger, auf Bewahrung des Eigenbestands bedacht, hat einige Sicherungen eingebaut. Die Tür zu den anderen lässt sich öffnen, aber man muss die richtige Zahlenkombination kennen, wie bei einem Tresor. Und der steht in Rom. Vor der Ausstellung einer Chip-Karte, um im Sprachbild zu bleiben, muss ein ausführlicher Fragebogen beantwortet werden. Zu diesem Zweck wurden Gremien geschaffen, zwischen Rom und der Orthodoxie, mit den Kirchen der Reformation und anderen christlichen Gemeinschaften, diese wiederum untereinander. Agenden werden verabschiedet, Konkordien, Lehrvereinbarungen. Nur der Fachmann behält den Überblick. Kirchen und Konfessionen – ein Angst erregender Apparat zur Verwaltung des Glaubens.

Im Regensburger Dom gottlob davon nichts zu spüren. Nur guter Wille, versöhnlicher Geist, das gemeinsame Gebet zu dem Einen. Wo es „hakt“ in der „Ökumene“, das hatte die politische Prominenz des protestantischen Lagers dem päpstlichen Besuch gleich am ersten Tag mit den Blumen überreicht.

Überflüssig eigentlich die Spitze des Regensburger Oberhirten, die Sache sei damit erledigt, dass man dem Papst ein Stöckchen hinhalte, über das er springen soll. Man muss wissen, der besagte Bischof ist der Ökumene-Referent in der deutschen Bischofskonferenz. Es geht offenbar nicht ohne Stichelei. Entsprechend die gelegentlichen Ausfälle auf der anderen Seite.

Regensburg ist, historisch gesehen, allemal für eine Überraschung gut. Evangelisch war die Stadt, 261 Jahre lang, eine protestantische Insel im „schwarzen“ Meer. Von 1542 bis 1803. Es war vermutlich weniger die Glaubensüberzeugung, dass der Rat der Stadt den Reformator aus Wittenberg sympathischer fand als den Papst in Rom. Der Konfessions-Wechsel versprach den Bestand kommunalpolitischer Entscheidungshoheit und mancher Privilegien. Macht, Einfluss und Pfründe, mit anderen Worten.

Der einzige saure Apfel, in den man zwar ungern beißen musste, den man aber auch nicht verlieren wollte, weil er doch auch wiederum an einem für den Stadtsäckel ergiebigen Baum wuchs, war der „immerwährende“ Reichstag. Da an diesem auch Delegierte aus katholischen Landen teilnahmen, blieb es nicht aus, dass diese einen katholischen Anhang mit sich brachten. So konnte der Rat der Stadt wohl oder übel nicht umhin, diesen Anhängern der Papstkirche, die sich dann auch noch mit Haus und Geschäft niederließen, den Status von städtischen „Schutzverwandten“ einzuräumen. Nicht geliebt, aber gelitten – bis das Heilige Reich und „cuius regio, eius religio“ ein Ende und die Reichstagsabgeordneten ihr letztes Amtsgeschäft erledigt hatten, ein Toleranzedikt die Christen aller Bekenntnisse gleichstellte – die katholischen Altbayern mussten ebenso zurückstecken wie die evangelischen Regensburger – und freie Religionsausübung zusicherte. Nur die Juden mussten im realen Leben einmal mehr erfahren, dass einige gleicher behandelt wurden. Die diskriminierende Matrikelpraxis blieb in Bayern bestehen.

Schwesterkirche

Der Gottesdienst der christlichen Konfessionen im Regensburger Dom: Die Vertreter der „Ostkirche“, Orthodoxe wie Unierte, durften sich geschmeichelt fühlen. Der Papst lässt beim feierlichen Einzug das Andreas-Reliquienkreuz vorantragen. Es enthalte Partikel vom Kreuz des Andreas. Es gilt als ältestes Reliquienkreuz des Domschatzes. Süddeutsche Arbeit, um 1250. Die Reliquie hatte Abt Jakob Torwarth im Jahre 1652 aus dem Kloster Iburg im Teutoburger Wald dem Regensburger Fürstbischof Franz Wilhelm von Wartenberg verehrt. Damit nicht genug: Im Hochchor wird die rechte Hand des heiligen Johannes Chrysostomos gezeigt. Kirchenvater, Kirchenlehrer – von Orthodoxen, Katholiken, Protestanten und Anglikanern gleichermaßen verehrt. Wahrlich ein „ökumenischer“ Heiliger. In der katholischen Kirche „gebotener Gedenktag“ am 13. September; die ökumenische Vesper am Vorabend ein Kompliment.

Regensburg beherbergt ein ostkirchliches Institut für Gaststudenten aus den orthodoxen Kirchen. Sie sollen westliche Theologie und kirchliche Lebensformen kennen. Zeitgleich zum Papstbesuch treffen sich ehemalige Studenten zu einem Symposion. Thema: Deus caritas est – die erste Enzyklika Benedikts. Bulgaren und Griechen, Tschechen und Slowaken, Kopten und Äthiopier, Rumänen und Russen, Makedonier und Serben, orthodoxe Inder der syrischen Kirche der Malankaren und Antiochiens. Wer kennt die Kirchen, zählt die Namen. Ehrengast: Walter Kasper, Präsident des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen und zuständig auch für die Beziehungen zum Judentum. Regensburg – wahrlich eine Brücke zwischen West und Ost.

Die gottesdienstliche Feier wird mit ostkirchlichen Gesängen verschönt. Aber wie die irdischen Dinge nun einmal sind: lateinische, byzantinische und slawische Traditionen bringen nicht nur kostbare Mitgift in den angestrebten gemeinsamen Hausstand ein, sondern schleppen mancherlei Sperrmüll mit: Starre Gewohnheiten, nationaler Eigensinn, Festhalten an Macht und Einfluss, die Hypothek aus verhängnisvollen Verknüpfungen von Thron und Altar. Eine Doktrin, die manchen orthodoxen Kirchenfürsten im ehemaligen kommunistischen Machtbereich zum Verhängnis wurde.

Die Gespräche zwischen Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios I. stehen unter dem Eindruck der Verhältnisse in der gesamten Orthodoxie. Der Ökumenische Patriarch verfügt über einen imposanten Titel, sein Einfluss ist begrenzt. Wann wird Benedikt nach Moskau reisen, wenn überhaupt? Noch immer liegen schwere Steine auf dem Weg dorthin. Territoriale Ansprüche des Patriarchen: Russland ist orthodox. Streit um katholische Seelsorge, des Proselytismus beschuldigt. Dauerthema seit mehr als 400 Jahren die Spaltung der Orthodoxie in der Ukraine, die Union eines Teils der byzantinischen Kirche mit Rom, „Abtrünnige“ in den Augen Moskaus. Kann ein „Europa bis zum Ural“, kann Europa um des Friedens willen sich den kirchlichen Hickhack leisten? Können sich die Kirchen dieses Gegeneinander leisten? Die Verwirklichung des gemeinsamen Abendmahls hat eine starke gesellschaftliche und politische Komponente. Ob schneller mit den Orthodoxen verwirklicht oder mit den Evangelischen – nicht das Tempo, sondern der entschlossene Wille zählt.

Der „englische“ Sonderweg

Die Islamische und die Orthodoxe Frage lassen ein nicht mindere akutes Problem für die Weltchristenheit in den Hintergrund treten. Soeben haben Papst Benedikt XVI. und der anglikanische Primas, der Erzbischof von Canterbury Rowan Williams, bei einem Gespräch im Vatikan „ernsthafte Hindernisse“ auf dem Weg der Annäherung festgestellt, die auf ein zumindest vorübergehendes Einfrieren des Dialogs hindeuten. Gemeint sind die von den Anglikanern praktizierte Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren, die Bejahung homosexueller Priester und die Bischofsweihe für Frauen. Der als liberal geltende Rowan befürwortet nicht nur Bischöfinnen, kann sich eine Frau der Spitze der anglikanischen Gemeinschaft vorstellen. Da bleibt den Römern die Luft weg, und selbst Heinrich VIII. mag sich im Grab umdrehen.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 16)


Auf den ersten Blick mag diese Folge über den Papstbesuch in Bayern unsere Leser irritieren. Inzwischen geht die Türkei-Reise zu Ende. Manches hier gesagte wurde in der Tagespresse vorweggenommen. Wir wollen dennoch die Chronik des Tagebuchs beibehalten. Sie wird im zeitlichen Abstand die Erinnerung wieder in die alte „Reihenfolge“ zurückführen, beim Nachlesen, wie Benedikt XVI. im September 2006 seine Heimat besuchte.


Istanbul und Konstantinopel

Benedikts Manuel-Zitat tangiert nicht nur religiöse Empfindlichkeiten, sondern birgt aktuelle politische Brisanz – denn: Der Termin der geplanten Türkei-Reise rückt näher. (Inzwischen, zum Zeitpunkt des Abschlusses dieses Kapitels, Mitte Oktober 2006, von der Orthodoxen Kirche und vom Staat offiziell bestätigt.) Vom 28. November bis 1. Dezember; Ankara, Izmir, Ephesos (das Marienheiligtum Meryem-Ana Evi – „Haus Mariens“) und Istanbul. Die Reihenfolge der Stationen könnten den Gepflogenheiten entsprechen: die Hauptstadt für den Staatsbesuch, Ephesos für die Pilgerreise, Istanbul für die Visite beim Orthodoxen Patriarchen. Der letzte Termin der eigentliche Anlass der Reise an den Bosporus: „Petrus“ besucht „Andreas“. Rom und Konstantinopel sind einander näher gekommen, seit der Aufhebung der gegenseitigen Bannflüche, nach dem Austausch der Bruderküsse. Ein wärmendes Feuer in einer für türkische Christen eisigen Umgebung. Ermordung, Morddrohungen, Verfolgung von Priestern, Missionsverbot – der Versuch, die Kirchen auszutrocknen – Benedikt XVI. steht vor seiner ersten Erkundung „extra muros“, die man ohne weiteres als äußerst heikel und brisant bezeichnen kann.

Diaspora unter schwierigsten Bedingungen, wie sie selbst in manchen Ländern des kommunistischen Imperiums nicht üblich waren. Die Zahlen sprechen für sich, mit Fragezeichen versehen, weil es keine zuverlässige Statistik gibt, wohl im Staatsinteresse. Von den rund 73 Millionen Staatsbürgern werden an die 99 Prozent pauschal dem Islam zugeordnet, auch jene, die keine Konfession angeben. Die Christen zu zählen ist ein mühsames Geschäft. Die Schätzungen reichen bis zu 100.000. Die größte Gruppe bildet die eigenständige armenische Kirche mit etwa 70.000, es folgen die übrigen Kirchen und Riten: die Lateiner (römisch-katholische Christen) und mit Rom unierte Christen: Armenier, Chaldäer, Syrer. Fast das ganze Spektrum der „Kirche des Ostens“ ist im türkischen Kleinasien. Der Ökumenische Patriarch, Oberhirte der griechisch-orthodoxen Kirche, überschaut gerade mal eine Herde von 5.000 Seelen. Folge des türkischen Nationalismus.

Nicht zu vergessen die evangelischen Gemeinden in Istanbul, Ankara und Antalya und die Juden, deren Zahl auf etwa 23.000 geschätzt wird. Allesamt, soweit sie nicht als Ausländer in der Türkei leben, nicht nur als Staatsbürger, sondern als Türken gezählt. Ethnie und kulturelle Zugehörigkeit spielen eine untergeordnete Rolle. Folge der Politik der Assimilation nach der Staatsgründung unter Atatürk, Umgang mit Minderheiten, entgegen den völkerrechtlichen Verpflichtungen. Siehe die Frage der Armenier und in jüngerer Zeit das „Kurden-Problem“. Das kurdische Volk wird als „Bergtürken“ deklariert.

Schon die Vorbereitung der Reise hat türkische Empfindlichkeiten berührt. Die Einladung war von Patriarch Bartholomaios I. (Bartholomäus) ausgegangen, offenbar nicht mit der Regierung abgestimmt, jedenfalls nicht zu deren Zufriedenheit, wie Ankara deutlich zu verstehen gab. Der Termin musste um ein Jahr verschoben werden, bis auch eine Einladung des türkischen Staatspräsidenten erfolgen konnte. Kleine Nadelstiche und Hinweise, wer in der Halbmond-Türkei das Sagen hat.

Der Patriarch von Konstantinopel muss türkischer Staatsbürger sein. Er wird nur als Oberhaupt der griechischen Kirche im Lande anerkannt, nicht als Ehrenprimas der Weltorthodoxie. 1979, beim Besuch von Johannes Paul II., stand türkisches Militär „Gewehr bei Fuß“, mit aufgepflanztem Bajonett in den Zufahrtsstraßen zum Phanar, dem Amtssitz des Patriarchen. Auch in der Basilika, als Patriarch und Papst den Bruderkuss austauschten.

Der ökumenische Patriarch, im Erbe des geistlichen Statthalters eines untergegangenen Reiches, ist sozusagen ein König ohne Land: die Gemeinden in der Diaspora zerstreut, in Europa und von Amerika bis Australien. Kann Benedikt, der Vatikan unterhält diplomatische Beziehungen zu Ankara, seine „guten Dienste“ ins Spiel bringen, um die Lage der bedrängten Christen zu entspannen? Nicht nur das Schicksal der Armenier steht der Welt dramatisch vor Augen: Nicht vergessen sind die syrischen Christen im anatolischen Tur Abdin. Von islamischen Kurden grausam verfolgt und vertrieben. Viele fanden in Deutschland eine zweite Heimat. Nun beklagen die Kurden die Verletzung ihrer Rechte. Wie die Väter der modernen Türkei eine Balkanisierung Kleinasiens verhindern wollten, so scheinen ihre Nachfolger den Wesiren der Vergangenheit zu folgen. Wie ein Staat im Staat das Militär, die Generalität. Ein nationaler Gärungsprozess, aus dem politischer und religiöser Fundamentalismus als explosiver Extrakt an die Oberfläche geschwemmt wird.

Dem Papst werden kaum Zeit und Gelegenheit bleiben, außer dem Austausch von diplomatischen Höflichkeiten und gewissen „Andeutungen“ mit seinen politischen Gesprächspartnern die Themen durchzugehen, die sich im Zusammenhang mit dem Beitrittswunsch der Türkei zur Europäischen Union stellen.

Es war Völkermord

Ein wohl nie verheilende Wunde: der Genozid an den Armeniern. „Die zweite Türkenkugel durchschmetterte ihm die Schläfe. Er klammert sich ans Holz, riß es im Sturze mit. Und das Kreuz des Sohnes lag auf seinem Herzen“, lässt Franz Werfel seinen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ enden.

Wer heutzutage darüber schreibt, „beleidigt“ das Türkentum, sieht sich schnell vor dem Kadi und hinter Gittern. Die Armenisch-Apostolische Kirche mit Sitz des Oberhaupts, dem Katholikos, im armenischen Etschmiadzin, unterhält ein eigenes Patriarchat für „Istanbul und die ganze Türkei“. Seit 1999 steht Mesrob II. Mutafyan, der mit „Seine Seligkeit“ angesprochen wird, an der Spitze der christlichen Armenier in der Türkei. Gebürtiger Istanbuler und, wie der Ökumenische Patriarch, türkischer Staatsbürger. Das ist gesetzliche Bedingung. 70.000 Gläubige zählt sein Sprengel.

Die Armenier betrachten ihre Kirche als die älteste in der Geschichte, auf 1.700 Jahre zurückblickend, auf die Mission der Apostel Thaddäus und Bartholomäus in Ostanatolien.

Sie starben als Märtyrer. Armenisches Blut floss in so vielen Freiheitskämpfen. Die Osmanen waren gnadenlos.

Kein Armenier vergisst die Pogrome von 1878, von 1895 und – gesteigert zum Genozid – die Ermordung von mehr als einer Million Armenier in den Jahren 1915 bis 1917 – massakriert oder auf Todesmärsche durch die syrische Wüste geschickt. Europa führte gerade den Ersten Weltkrieg und interessierte sich wenig für das, was weit hinten in der Türkei passierte. Berlin und die Hohe Pforte waren Verbündete, ein deutscher General kommandierte osmanische Truppen, und Wilhelm Zwo schwieg. Der Hohenzoller hatte sich ja schon nach den Schüssen von Sarajevo als robust gezeigt. Waffenbrüderschaft und Wirtschaftsbeziehungen (Erdöl und die Bagdadbahn), das allein zählte. Vergangenheit, die Benedikts Besuch weniger betrifft.

Wenn der Papst sich in Ankara mit der politischen und islamischen Führung trifft, wird ihn vielleicht seine Regensburger Rede einholen. Auch seine aktuelle Meinung zu einer Mitgliedschaft der Türkei in der europäischen Gemeinschaft dürfte gefragt sein. Die ablehnende Haltung des Kardinals ist in Ankara sicherlich aufmerksam zur Kenntnis genommen worden. Jüngst hat die deutsche Kanzlerin, bei ihrem Antrittsbesuch in Ankara, keinen Hehl aus ihrer Auffassung gemacht: „Privilegieren, aber nicht integrieren“. Und erst recht der bayerische Ministerpräsident: „Die Türkei ist nicht Europa und gehört auch nicht hinein.“

Soeben noch im Gespräch mit Benedikt XVI. in München, eilt die deutsche Regierungschefin nach Ankara. Auch ein wenig in päpstlicher Mission, für den deutschen Landsmann auf Petri Stuhl? Wären gegebenenfalls „Gute Dienste“, eine diplomatische Übung, die sonst vor allem dem Heiligen Stuhl eigen ist. Schon unmittelbar „nach Regensburg“ war die christdemokratische Spitzenpolitikerin „unserem“ Papst zur Hilfe gekommen. „Wer den Papst kritisiert, verkennt die Intention seiner Rede“.

Kirche und Politik Hand in Hand – dem Islam kein fremder Gedanke, dem türkischen Laizismus eine Gelegenheit zu scharfer Replik. Es ist nicht anzunehmen, dass die vatikanische Diplomatie in diese „Falle“ tappt.

Radikale Muslime verbrennen eine als orthodoxer Priester verkleidete Strohpuppe. „Ein Vorspiel nur …“ – Einzelfälle oder organisierte Christenverfolgung? Die Türkei wird sich dieser Frage stellen müssen. Bei einem Treffen der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Präsidium der CDU wird „Sorge“ über „die Einschränkungen, denen Christen zum Beispiel in der Türkei ausgesetzt sind“, geäußert. Maßvoll, aber deutlich. Von islamischen Staaten werde ein „Beitrag zur Gewaltlosigkeit und zur Religionsfreiheit“ erwartet. Über Benedikts Türkei-Reise liegen Schatten.

Bischof Luigi Padovese, der Apostolische Vikar von Anatolien, sieht die Gefahr einer zunehmenden Islamisierung des Landes am Bosporus. Der katholische Prälat kann sich nur noch mit Polizeischutz auf die Straße wagen; einem Mitbruder musste er Unterschlupf gewähren. Radikale hatten diesem zu Hause aufgelauert, unmissverständlich gedroht. Wie man mit der flachen Handkante einen Kreis um den Hals zieht.

Islam ante portas

Die Türken vor Wien – lang ist’s her; aufgespießte Köpfe auf der Brücke über die Drina. Franziskanermönche, mit Fez und Pluderhose in den „Schluchten des Balkans“ unterwegs.

„Die Türken hatten eine zielstrebige Idee: Sie wollten die Welt dem Islam und damit sich selbst unterwerfen. Zu diesem Zwecke schufen sie eine Armee, die jeder anderen überlegen sein sollte“, schreibt Nikolaus von Preradovich in seinem Buch über „300 Jahre Türkenabwehr“. Dank König Jan Sobieski, dem Polen, Prinz Eugen, dem „edlen Ritter“, und Juan d’Austria, jenem Geschenk einer kaiserlichen Liebesnacht zu Regensburg, blieb der Christenheit der Halbmond über dem Wiener Steffl und dem Kölner Dom erspart. Die türkischen „Armeen“ heute: an deutschen Montagebändern, bei den kommunalen Versorgungs- und Entsorgungsbetrieben. „Deutschländer“, hier wie dort nicht wirklich zu Hause. Klassenlehrer und Polizeirevierbeamte schreiben Berichte: Gewalt auf dem Schulhof, Streit auf der Straße, Ehrenmord in einer Familie. Stichwort: „Migrationshintergrund“. Für alles gibt es einen Namen, für alles eine Erklärung, für alles eine Abkürzung.

Im Vatikan sind – nach den Versäumnissen „vor Regensburg“ – die Sensoren auf höchste Empfindlichkeit geschaltet. Kardinalstaatssekretär Bertone, inzwischen wohl in sein neues Amt „eingearbeitet“, kann nicht deutlich genug hervorheben, dass der Dialog mit dem Islam für Papst Benedict XVI. Priorität besitze, weil auf diesem Weg „Gott wieder als Bezugspunkt des menschlichen Lebens“ aufgezeigt werden könne.

Türkischer „Korb

Nachtrag, Anfang November 2006: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat keine Zeit für den Papst. Er ist schon ausgebucht. Muss verreisen, zum gleichzeitig stattfindenden NATO-Gipfel in Riga. Der Termin in Lettland dürfte dem Premier nicht ungelegen kommen. Erspart ihm womöglich Ärger mit der extremen Rechten, zumal der Wahlkampf angelaufen ist. Die Deutsche Presseagentur verbreitet ein Foto, aufgenommen in Istanbul, das ein Spruchband an einem Brückengeländer zeigt: „Wir wollen den Papst nicht in der Türkei.“

Der Vatikan versucht, die Angelegenheit tiefer zu hängen: Der Heilige Stuhl sei über die mögliche Abwesenheit Erdogans während des Türkeibesuchs des Heiligen Vaters unterrichtet. Der Ministerpräsident habe sich zwar um eine Begegnung bemüht, aber keine Zusicherungen geben können. Der stellvertretende Ministerpräsident werde gegebenenfalls zur Verfügung stehen. Und natürlich Präsident Ahmet Necdet Sezer, der für den türkischen Staat die Einladung an den Papst ausgesprochen hat. Diplomatische Kunststücke also schon im Vorfeld.

Der NATO-Gipfel als Entschuldigung für die Unabkömmlichkeit des türkischen Regierungschefs entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, macht die politische Gemengelage deutlich, auf die der Papst trifft. Es ist der Bündnispartner Türkei, dem manche den Zutritt in die EU verweigern wollen. Eine Trumpfkarte Ankaras. Der Termin in Riga wichtiger als die Begegnung mit einem christlichen Kirchenführer, der nicht gerade als Freund angesehen wird, jedenfalls was die türkischen Europa-Ambitionen betrifft. Umso heftiger die Reaktionen auf die Regensburger Rede.

Hatte Erdogan nicht schroffer als manch andere Politiker islamisch geprägter Staaten sich mit dem Papst angelegt? Dieser habe nicht wie ein Mann der Religion, „sondern wie ein gewöhnlicher Politiker gesprochen“. Er müsse sich „ausdrücklich“ entschuldigen und seine „hässlichen und unglücklichen“ Äußerungen über Gewalt, Dschihad und Religion im Islam „sofort zurücknehmen.“ Erdogan ist bekennender Moslem, gilt als „gewendeter“ Islamist, seine Partei, die Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP) – Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung – als Instrument des politischen Islam in der Türkei. Sie hat im November 2002 einen Erdrutschsieg errungen. Erdogans Stellvertreter in der Parteiführung, Salih Kapusuz, scheint der Mann für’s Grobe zu sein. Er unterstellte dem Papst eine „dunkle Mentalität des Mittelalters“, Rückkehr in die „Ära der Kreuzzüge“, und verglich Benedikt mit zwei der schlimmsten Diktatoren des Faschismus: Wer die Fakten kenne, sie aber verdrehe, begehe Verrat und gehe in die Geschichte in der gleichen Kategorie ein wie Hitler und Mussolini.

Töne dieser Art sind dem Oberhaupt der katholischen Kirche seit dem Beginn des zivilisierten Sprachgebrauchs, also spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr entgegengeschleudert worden. Angeblich hat sich Kapusuz nach dem „Krisengipfel“ in Castelgandolfo für seine verbale Entgleisung entschuldigt. Aber die Situation bleibt labil.

Der von Benedikt XVI. in diesen Tagen so nachhaltig geforderte Dialog mit dem Islam stößt an seine Grenzen: die politischen Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten, die Terror-Anschläge, für die militante Islamisten verantwortlich gemacht werden, die Spannungen innerhalb der islamischen Welt durch einen erstarkenden Fundamentalismus. Last but not least das besondere „türkische“ Problem, das dem Papst in diesen Tagen begegnen wird: Die Zypernfrage. Sie ist nicht nur ein politischer Zankapfel zwischen der Türkei und Griechenland, sondern auch ein kirchlicher. Vor allem die „Griechen“ in der Türkei, also die orthodoxen Christen, müssen darunter leiden.

(Fortsetzung folgt)


Am kommenden Montag (4.12.) wird eine Nachbetrachtung zur Türkei-Reise beide Ereignisse – den gerade abgeschlossenen Türkeibesuch und die Ereignisse in und nach Regensburg im September – miteinander verknüpfen und diese Thematik damit abschließen. Ab dem darauffolgenden Mittwoch (6.12.) wird das bayerische Reisetagebuch wieder im normalen Rhythmus fortgeführt.

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 15)


„Jihad“ und „heiliger Krieg“

In seiner Münchener Predigt spricht Papst Benedikt die Frage der Gewalt an. Auch solche, die sich auf eine Religion beruft. Die Anspielung auf den „11. September“ 2001 ist unüberhörbar. „Wir verletzen nicht den Respekt vor anderen Religionen und Kulturen, die Ehrfurcht vor ihrem Glauben, wenn wir uns laut und eindeutig zu dem Gott bekennen, der der Gewalt sein Leiden entgegenstellt; der dem Bösen und seiner Macht gegenüber als Grenze und Überwindung sein Erbarmen aufrichtet.“

Eine Meldung vom Tage: Al Quaida werbe immer neue „Rekruten des Todes“ an. Die Frage an den Islam bleibt aktuell und scharf. Ihr unterscheidet zwischen dem Dar al-Islam und dem Dar al-Harb, teilt die Welt in gut und böse ein. Die eine: das Haus der eigenen Gemeinschaft, der umma; die andere: das „Haus des Krieges“. Eure Feinde?

„Heiliger Krieg“ ist kein exklusiver Begriff des Islam. Papst Urban II. (1042-1099), äußerst beschäftigt, die Reste des Karolinger-Reiches zu retten, mit der Kirche als Ordnungsmacht selbstverständlich, Investitur-Streit mit Heinrich IV., allerlei Kabale um politische Macht und Liebe in Süddeutschland und Norditalien, Hilferufe aus Byzanz, die Muselmanen in Jerusalem und an den Toren Europas – Eudes von Chatillon, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, hatte in der Tat alle Hände voll zu tun. Das Abendland, das christliche, von den Ungläubigen, den Muslimen, zu befreien. Wie sich die Bilder gleichen.

Christliche Kreuzfahrer hinterlassen blutige Spuren: Jerusalem, Konstantinopel. Heilige Inquisition. Azteken und Tolteken, Inkas und Kariben. In Christi Namen. Deus lo vult – Gott will es. Dieser doch wohl nicht. Herrscher und Entdecker, Kreuzritter im Harnisch und Sendboten in der Mönchskutte wollten es, auch Päpste und Bischöfe der gewalttätigen Art. Was die einen stornierten, setzten die anderen wider in Kraft. Glaubensflüchtlinge schleppen sich durch die Religions- und Kirchengeschichte.

Christen sollen den Koran „richtig“ lesen. In den Suren 73 und 111 erfahren sie etwas zur Frage von Religion und Gewalt: „Führe Krieg gegen die Ungläubigen und die Heuchler, sei hart gegen sie. Gott hat den Gläubigen ihre Person und ihr Vermögen dafür abgekauft, dass sie das Paradies haben sollen. Nun müssen sie um Gottes Willen kämpfen und dabei töten und selber den Tod erleiden.“ Die Nationalflagge des Königreiches Saudi-Arabien zeigt auf grünem Grund ein weißes, waagerecht angeordnetes Schwert. Darüber die Worte der „Schahada“, des islamischen Glaubensbekenntnisses: Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Gesandter. – Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit symbolisiere das Schwert. Die Fahne des Stellvertreters Jesu Christi zeigt einen goldenen und einen silbernen Schlüssel. „Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein ….“ Autorität im Namen Gottes.

Schwertmission

„Keinen Zwang gebe es in der Religion“, besagt Sure 2. Dem widerspricht ein zum Islam konvertierter Insider. „Es wird Tote geben, so Gott will.“ Und Bassam Tibi, der sich für einen reformierten „Euro-Islam“ einsetzt, glaubt: Sie wollen in Wirklichkeit nichts anderes, als die Welt islamisieren.“ – Ob mit oder ohne Schwert, das wäre dann die Frage. Erinnern wir uns an die Geiseln im Irak, zur dreimaligen Rezitation der „Schahada“ gezwungen, die Kalaschnikow ihrer Schergen im Nacken.

Auch die christliche Geschichte in Europa ist nicht arm an Beispielen: Die Hussiten zu Naumburg. Pawel Wlodkowicz, Rektor der Akademie in Krakau im 15. Jahrhundert, hat während des Konzils in Konstanz gegen eine gewaltsame Bekehrung zum Glauben gesprochen. Karol Wojtyla, in einem Interview mit mir vor dreißig Jahren, kam darauf zu sprechen: „Dieses Prinzip ist jetzt, nach sechs Jahrhunderten, sowie damals völlig aktuell. Man darf auch nicht mit Gewalt Atheismus fordern.“ Der Rote Stern zerbrach. An anderer Stelle des geschundenen Europas brachen alte Wunden auf. Die Schändungen auf dem Balkan, im Namen von Religionen, schreien zum Himmel.

Deutschlands dunkelste Jahre: Das Hakenkreuz blanke Gotteslästerung. Man könnte nicht sagen, dass die römische Kirche diese Abschnitte der Geschichte aus ihrer Erinnerung gestrichen hätte. Johannes Paul II. war nicht müde geworden, an diese Blutspuren zu erinnern. Wo katholische Christen direkt oder indirekt Schuld auf sich geladen haben.

„Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“, beginnt jede der 114 Suren des Korans. Mit dem Glaubenssatz eröffnen Islamisten ihre Botschaften, Terroristen ihre Exekutionsbefehle. „Gotteskrieger“ beanspruchen religiöse Legitimation und töten aus dem Hinterhalt. Blutvergießen im Namen Allahs, die Vernichtung menschlichen Lebens gilt als gerechte Sache. So treten Halbwüchsige vor Fernsehkameras. Sich selbst zu opfern – nach westlicher Lesart: Selbstmord – wird sofort entlohnt. Dem Märtyrer das Paradies!

Islamische Autoritäten haben solchen Missbrauch als verwerfliches Alibi entlarvt. Wer sich im Namen Allahs in die Luft sprenge, ernte nicht den Ruhm des Märtyrers, sondern verkaufe seine Seele dem Teufel.

Benedikt, der sich auf Manuel beruft, zitiert ihn weiter. Der Kaiser habe (dann) eingehend begründet, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. „Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“

„rahi aql“ – Der Weg der Vernunft

Benedikt hätte einen anderen Kronzeugen finden können, statt den bedrängten christlichen Kaiser zu zitieren. Zwei Jahrhunderte nach Manuel regiert in Indien Kaiser Akbar, der Große Moghul. Ein Muslim übrigens. Auch er führt ein gelehrtes Gespräch mit einem Vertrauten, dem Statthalter Abul Fazl, und auch sie diskutieren über die Frage von Vernunft und Glauben, in überraschend offener Form und mit bemerkenswerten Erkenntnissen. Auch Akbar sah sich innerhalb seiner eigenen Glaubensgemeinschaft Anfeindungen ausgesetzt. Der Glaube dürfe nicht über die Vernunft gestellt werden, sagte Akbar, da man seinen überkommenen Glauben erst durch die Vernunft zu rechtfertigen und, wenn notwendig, abzulehnen habe.

Auf Akbar ist der indische Nobelpreisträger Amartya Sen gestoßen. Er zitiert ihn in seinem in der Septemberausgabe von „Cicero“ veröffentlichten Aufsatz über Gottes und des Menschen Vernunft. Akbar sei dem Weg der Vernunft, dem „rahi aql“ treu geblieben und habe darauf bestanden, in einen offenen Dialog zu treten und frei wählen zu können.

Papst Benedikt lädt zum Dialog des christlichen Glaubens mit allen Kulturen und Religionen ein. Als Kardinal und Glaubenspräfekt hatte er – unbeschadet mancher theologischer Vorbehalte – interreligiöse Begegnungen bejaht, das Gebetstreffen in Assisi als „wichtiges Zeichen des Friedens“ bezeichnet. Nicht die höchste, aber doch wohl notwendigste Ebene zur Beantwortung gegenwärtiger Krisen.

Deutsche Muslime entdecken Benedikt. Er ist auch „unser Papst“. Er setzt sich für den Dialog ein, und dafür, dass sich den muslimischen Mitbürgern die Türen öffnen, so wie sie selbst gehalten sind, den „Schleier“ abzulegen. Stichwort: Integration. Jugendliche ohne Berufschancen, mangelnde Schulabschlüsse, „bildungsferne“ Eltern, „Parallelgesellschaften“, ein deutsches, ein europäisches Dauerthema. Das Problem: Der Staatsschutz zählt inzwischen 28 Vereinigungen mit so genannter islamistischer Orientierung. Die Republik werden sie nicht aus den Angeln heben. Wohl aber können sie die islamische Diaspora in eine Zerreißprobe zwingen, von deutschem Boden aus operieren, um anderswo zu schüren.

„Dialog auf Augenhöhe“ bietet Papst Benedikt an. Auf „Augenhöhe“. Mit wem? Und über was? Mit jenen Ländern und Gesellschaften, die extreme Formen der Scharia zulassen: Stockhiebe, Steinigung, das Richtschwert, die Zwangsverheiratung (nach westlichen Gesetzen) minderjähriger Mädchen. Einspruch von muslimischer Seite: Solche Ehen seien ungültig. Verbindliche Eheschließung nach islamischem Recht setzte die freiwillige Entscheidung der Partner voraus. Rückfrage: Wieso dann die Ehrenmorde, die Selbsttötung unglücklicher Frauen – Missbrauch des Religionsgesetzes? Folge von archaischen Gesetzen überkommener Agrargesellschaften: „Finsteres Mittelalter“? Reicht es, wenn der Muslim sich öffentlich zum Grundgesetz bekennt, privat nach anderen Regeln lebt?

Der Papst empfiehlt Selbstreflektion als Ausgangspunkt eines Dialogs. Die Professoren aus der Gruppe der 38 sehen das anders. Was nütze es, sich auf die eigenen Quellen zu beziehen, statt auf diejenigen zu hören, mit denen man in einen Dialog treten will. Schon das Procedere, der Weg zum Ziel mit Steinen verstellt?

Welche „Augenhöhe“, wenn sich Absolutheitsansprüche gegenüber stehen? Die „Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“ – siehe die vatikanische Erklärung „Dominus Iesus“ vom 6. August 2000, unterzeichnet von Kardinal Ratzinger – Contra-Anspruch der anderen Seite, Mu’ammad sei das „Siegel der Propheten“, der Islam die von allen Irrungen der Vorläufer-Religionen Judentum und Christentum gereinigte Rückkehr zum wahren Glauben. Wie soll das gehen, der angestrebte Dialog? Wer spricht verbindlich? Für welche Strömungen, Schulen, Schismen – Sunna, Schia, Aleviten, Amadya und so weiter. Allein schon die interkonfessionellen Versuche, ob unter Christen, Moslems oder Juden, zeigen, wie mühselig es ist, auch nur den geringsten gemeinsamen Nenner zu finden. Nicht allein der Glaube trennt. Ethnische, kulturelle, traditionelle, soziale, politische, ökonomische und was sonst noch an Interessengegensätzen bilden eine immer wieder kritische Masse.

Hans Küng’s „Weltethos“ – ein bunter Luftballon im Land der interkulturellen Illusion? Orhan Pamuk, soeben mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt, wünscht sich eine Begegnung von Orient und Okzident, die nicht in Konflikt mündet, sondern zu Konsens führt, zu gegenseitiger Bereicherung.

Fotos aus Afghanistan

Vor der abschließenden Fassung dieses Kapitels, am 25. Oktober, machen die Fernsehnachrichten mit einer Schreckensmeldung auf. Werden wieder deutsche Fahnen brennen? Nach Papstzitat und Enthauptung Mohammeds als Theaterszene liefern Fotos aus Afghanistan neuen Sprengstoff. Deutsche Soldaten „spielen“ mit Toten-Schädeln und anderen Skelett-Resten.

Die Politik reagiert „mit Entsetzen und Abscheu“. Für die Übeltäter sei kein Platz in der Bürger-Armee. Spielen die Angelegenheit herunter: Dummheit, Übermut, Machogehabe. Je länger die öffentliche Diskussion, desto bizarrer die Argumente: Juristisch gesehen seien Knochen aus einer Kiesgrube etwas anderes als Leichen aus einem ordentlichen Grab. Was waren diese, als sie nicht nur aus Haut und Knochen bestanden? Doch Menschen aus Fleisch und Blut – ausgestattet mit „unverfügbarer Würde“ – „nach Gottes Bild und Gleichnis“. Wo sind die kirchlichen Stellungnahmen?

Der Mensch – Blumenbergs „besonderes Tier“, der Mensch – „ein durch erotische Motive bewegtes Lebewesen“. Peter Sloterdijk verweist auf das philosophische Paradigma des 20. Jahrhunderts. Wenn die Balance von Eros und Thymos aus dem Gleichgewicht geraten. Entladung sexueller Obsessionen durch „obszöne Gesten“. Philosophen, Psychologen und andere Theoretiker zerbrechen sich die Köpfe. Was spielt sich da ab? Rudelverhalten? Mutproben: Wer fürchtet sich vorm Tod? Die Überwindung eigener Ängste?

In den Auslagen eines „Fachgeschäfts“: Totenköpfe auf T-Shirts, in Silber, mit funkelnden Augen, auf Fingerringen, als Vorlage für Tätowierungen, als „Piratenflagge“ für den Schrebergarten. Gebleichte Schädel als Modedesign, der Totenkopf und Erkennungszeichen. August von Mackensen, der „Schwarze Husar“, trug ihn groß und breit auf seiner Mütze: „Tapferkeit ohne Todesfurcht“; Heinrich Eberhard, General der Panzertruppen, auf den schwarzen Kragenpatten seiner Jacke; Reinhard Heydrich auf dem schwarzen Mützenband der SS-Uniform: „Orden unter dem Totenkopf“.

Ein Muslim in Kabul sagt, was seine Religion lehrt: Der Tote ist uns heilig, die Schändung seiner sterblichen Hülle eine der tiefsten Demütigungen. Hat er dabei auch an den geschändeten Körper eines US-Sergeanten gedacht, vom Mob gelyncht und über den Asphalt geschleift?

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

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