Mittwoch, 13. September 2006 (Folge 22)
„Tempo privato“
Heute kein offizielles Programm. Auch ein Papst braucht Ruhe. Der Tag ist für private Stunden reserviert. Zusammensein mit dem Bruder. Ja, wenn er nicht der Papst wäre, der Papst in Bayern. Als könnte die Welt nicht überleben ohne den Blick durchs Schlüsselloch: Papst mit Bruder im Garten des Wohnhauses, Papst mit Bruder beim Gebet am Grab der Eltern. Irgendwo schnappt immer eine Leica oder Canon ungeniert zu; geht – exklusiv selbstverständlich – der päpstliche Hoffotograf seinem Gewerbe nach. Jedes Bild lässt sich verkaufen, und sei es die Garageneinfahrt vom „Häusl“, der Professoren-Wohnung in der Bergstraße, in dem nun berühmten Regensburger Vorort. Jede Banalität eine Nachricht wert.
„Chico“, von dem ja schon die Rede war, habe seine Streicheleinheiten erhalten. Der „Hausmeister des Papstes“, der Nachbar, der bei Abwesenheit des Haus- und Grundbesitzers auf das Anwesen aufpasste, kostet seine große Stunde aus. Der Rest der Nachbarschaft hält sich diskret zurück.
Zu Hause. Synonym für Geborgenheit. Wo gehöre ich hin. Eine Frage der persönlichen Identität. Familie als Rückbindung meines Ichs an eine körperlich erfahrbare Herkunft. An die Wurzel. Sedem non animum mutant, qui trans mare currunt. – Den Wohnsitz wechselt, nicht sein Wesen, der übers Weltmeer segelt. (Umschrift auf einer Münze, die für deutsche Auswanderer in Amerika geprägt wurde.)
Die Ratzingers haben sich nie aus den Augen verloren, heißt es in den jetzt vervielfältigten „Homestories“. Der Bruder an seiner Seite – wenn es sich einrichten lässt, auch in Rom. Die Eltern, auch die Schwester, sind auf dem nahen Friedhof beerdigt. Benedikt sagt: „Pentling ist für mich im tiefsten Sinn ein Daheim.“ Ein metaphysischer Grundton klingt hier an.
„Ein Dorf ist Papst“. Wäre doch verwunderlich, wenn sich die Wahlverwandtschaft nicht steigern ließe. Ab sofort verbindet ein Josef-Ratzinger-Gangl die Häuserzeilen in der Siedlung am Ortsrand, wo die Aussicht so weit ins Tal und hinüber zu den bewaldeten Höhen geht.
Ein letzter Blick, ein letztes Adieu für einen, der wohl nicht zurückkehren wird. Die Erinnerung an Regensburger Jahre: Der morgendliche Weg in die Stadt, von der Höhe der Augsburger Straße die Stadt im Panorama; Dächer und Giebel überragend die doppeltürmige Kathedrale. Nach getaner Arbeit, Buchdeckel geschlossen, Unterschriften erledigt – die Rückkehr in den Feierabend. An Sommerabenden den Fluss entlang. Zur Linken raue Natur, mit steilen, felsigen Uferpartien, die sich, in weichere Formen übergehend, zu Hangwiesen und Baumgruppen hin öffnet. Kinderlachen am Ufer. Ruderboote beim kraftvollen Training. Hunde toben sich aus. Vom Schober her der singende Ton des Wetzsteins, eine Sense will gedengelt sein. Im Pferch drängeln Schafe und Ziegen. Zu Hause, schon auf dem Heimweg.
Alte Kapelle
Ganz ohne Termin geht es allerdings nicht. Der Tag beginnt „halböffentlich“. Mit geladenen Gästen. Nicht beschwerlich. Eher eine Ouvertüre für entspannte Stunden. Eine Art Matinée geistlicher Natur für den Musikliebhaber auf dem Papstthron. Eine „Queen“ erwartet den Gesalbten, will von ihm gesegnet sein: Die neue Orgel in der „Stiftskirche und päpstlichen Basilika Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle“.
Das Gotteshaus: ein Kleinod des Spätbarock und Rokoko. Für manche vielleicht etwas zu viel Fracht an Gold und Stuck, Fresken und Figuren, Glanz und Prunk. Was sich ansammelt in einem Haus mit tausendjähriger Geschichte: Vom Heidentempel zum Marienheiligtum, an die Taufe Bayerns erinnernd, als Herzog Theodor, der Agilolfinger und sein Hofstaat vor Rupert niederknieten. Beginn der Kirche in Bayern. Es war die große Zeit des päpstlichen Schutzherrn, Patrons europäischer Dynastien, Garanten nationaler Eigenständigkeit gegenüber den Begehrlichkeiten stärkerer Mächte. Entlang der Grenze von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Polen allen voran, das slawisch blieb, mit lateinischer Kirchenkultur. Polonia – Bavaria semper fidelis.
Herzögen und Königen diente die romanische Basilika als Pfalzkapelle. Kirchlicher und politischer Höhepunkt nach dem ersten Jahrtausendwechsel: Am 14. Februar 1014 wird Heinrich II., der letzte Ottone, Herzog von Bayern, deutscher und italienischer König, vom Benedikt-Papst, dem achten dieses Namens, zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Noch war unbestritten, wer in der Welt des Heiligen Römischen Reiches das letzte Wort hatte, Altar oder Thron. Aber Karl der Große, mit politischem Raffinement, hat einen Zankapfel hinterlassen. Fünfzig Jahre nach der Kaiserkrönung ist es soweit mit dem Investiturstreit zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Der Papst blieb bis auf weiteres Sieger.
In St. Emmeram ist ein Hochgrab zu besichtigen. Memorial, dem Vater Heinrichs gewidmet. Ein streitlustiger Herr, der „Zänker“ genannt. Ganz anders der friedfertige Filius, verdienter Imperator Romanorum, der sich den Beinamen „der Heilige“ erwarb.
Zurück zur Alten Kapelle: Gelegentlich der Krönung überreichte Benedikt VIII. dem frommen Herrscher zum Unterpfand des Glaubens ein Ikonenbild: „Die allerseligste Jungfrau Maria mit dem Jesuskind“. Seit dieser Zeit wird die Gottesmutter in diesem Bild in Regensburg verehrt. Eines der Deckenfresken zeigt eindrucksvoll die Szene der Begegnung von Papst und Kaiser, der hierarchischen Zuordnung von Thron und Altar. Das Gnadenbild hat, nach wechselnden Aufenthaltorten, in der Jakobskapelle, einem Seitentrakt der Stiftskirche, seinen Platz gefunden.
Auf der Orgelbühne das Meisterstück aus Schweizer Werkstatt, eingebaut im restaurierten historischen Gehäuse von 1791: 40 klingende Register auf zwei Manualklaviaturen; 2.448 Pfeifen, die längste (das C des Violon Bass 16’) misst 4,83 Meter, die kürzeste (das a’’’ der Quint 1 1/3’) gerade mal sieben Millimeter. Der „Vogelsang“ wird mit drei im Wasser stehenden Pfeifen konstruiert. Ein Instrument für Hand- und Fußartisten. Ich verstehe nichts davon, genieße einfach ihr Spiel.
Der Mäzen
Es ist der große Tag des Gentiluomo di Sua Santitá, des Kammerherrn Seiner Heiligkeit, Professor Dr. Dr. Herbert Batliner, im profanen Leben Advokat und Treuhänder wohlhabender und prominenter Zeitgenossen, mit eigener Kanzlei in Vaduz. Der Fürstliche Kommerzienrat, Senator h.c. mult., war zur Stelle, als die kirchlichen Auftraggeber für die neue Orgel finanziell klamm wurden. Mit Geld ist Herbert Batliner sozusagen aufgewachsen: Sein Vater über 40 Jahre alleiniger Direktor der Liechtensteiner Staatsbank.
Wie gern würde sich der Ehrengast aus Vaduz dem ungetrübten Genuss der festlichen Stunde hingeben, wären da nicht die hässlichen Berichte in der Presse, über dubiose Finanzgeschäfte prominenter Namen aus der Liste der superreichen Klientel des Liechtensteiner Vermögensverwalters. Google spuckt Infos zum Stichwort aus wie der Spielautomat Münzen beim Treffer.
Magnaten und Potentaten, auch deutsche Politiker, beleben die Szene in den Berichten über ein „Schattenreich“. Wie Gelder aus dunklen Quellen so rein wie ein Bergquell zurückfließen, illegale Parteispenden ihre Herkunft verschleiern, Schwarzgeld geparkt wird und so genannte Familienstiftungen mit allerlei Tricks helfen, Millionenbeträge am deutschen Fiskus vorbei in die Liechtensteiner Steueroase zu lenken, kurzum: wo Goldesel auf saftigen Wiesen grasen, dem Steuerfahnder aus dem nördlichen Nachbarland allenfalls das Hinterteil zeigen. Wie gesagt, die Suchmaschine fördert reichhaltigen Stoff zutage. Mit Vorbehaltsklausel.
Die Staatsanwaltschaft in Bochum, ein Schwerpunkt für die Strafverfolgung von Wirtschaftskriminalität, mit fachkundigen Ermittlern, die alle Schleichwege in diesem Dickicht kennen, wirft dem Liechtensteiner Treuhänder Beihilfe zur Steuerhinterziehung in dreistelliger Millionenhöhe vor. Im Visier der Fahnder eine Vielzahl deutscher Steuerpflichtiger.
„Lange“ hätten Batliners Anwälte mit der deutschen Justiz verhandelt. Was passiert, wenn ihr Mandant schwarz-rot-goldenen Boden betritt? Nichts, er dürfe passieren, die großzügige Antwort. Einem schwer kranken Mann (von einem Krebsleiden ist die Rede) wolle man die Begegnung mit dem Heiligen Vater nicht verbauen. Auch Respekt vor dem hohen Besuch aus dem Vatikan dürfte eine Rolle gespielt haben. Eklat muss nicht sein. In Bayern würde man sagen: Passt scho.
Ließe sich nicht gleich noch ein kleiner Seitenhieb auf die Kirche anbringen, dachte sich da wohl jemand von der Berliner Zeitung? Da war doch mal was. In dunkler Vorzeit. Ablasshandel und so. Geldbeschaffungsmaßnahme des Papstes und seines Mainzer Kirchenfürsten. Der eine war knapp bei Kasse wegen der hohen Baukosten beim Petersdom, der andere wegen der hohen „Betriebskosten“ für drei Bistümer, die er gern kontrollieren wollte. Satte 700.000 Euro (umgerechnet), die der Chef in Rom allein für das „Pallium“ (als Erzbischof von Mainz mit den Stühlen von Magdeburg und Halberstadt) berechnete. „Simonie“ nannte man das zwar, Johannes Paul II., Papst der Moderne, bezeichnete den Schacher um Stimmen, etwa im Konklave, gar als Verbrechen, aber die hohen geistlichen Herren von damals hatten damit kein Problem.
Business as usual. Leo X. und Albrecht von Brandenburg, der ja zugleich auch Kurfürst, Erzkanzler des Reiches und Hochmeister des Deutschen Ordens war – also so etwas wie Ämterhäufung – vereinbarten ein Geschäft, das auf eine Idee von Julius II. zur Finanzierung des Neubaus von St. Peter ging. Deshalb auch Peters-Ablass oder Plenar-Ablass genannt. Ein gutes Werk für die arme Kirche und einen armen Bischof – den Himmel würde man sich damit nicht erkaufen können, keine Sündenvergebung, wie manche hartnäckig behaupten, wohl aber ein wenig Rabatt auf allfällige Sündenstrafen.
Ein perfekter Tauschhandel. Albrecht würde für den Vertrieb der Ablassbriefe auf seinem Hoheitsgebiet sorgen. Unter einer Voraussetzung: Der Papst macht mit dem Mainzer Halbe-Halbe. Das würde Albrecht von schlaflosen Nächten befreien, denn er stand zugleich bei den Fuggern, den Geldverleihern des Reichs, mächtig in der Kreide. Man war sich schnell einig. In einem geheimen Zusatzabkommen. Musste das tumbe Kirchenvolk nicht unbedingt wissen. Dafür sorgte der Dominikanerprediger Johann Tetzel mit einer etwas eigenwilligen Auslegung der päpstlichen, vom Himmel erteilten Vollmacht, auf Erden die Absolution erteilen zu dürfen: „Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel’ im Himmel springt.“
Auf Straßen und Märkten redete der Agent Albrechts die Menschen „dumm und dusselig“, so dass sie sich wie verrückt um die Ablassbriefe rissen. Als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen, und sie merkten nicht, wie sie gleich zweimal aufs Kreuz gelegt wurden, mit dem zweckentfremdeten Bußgeldbescheid. Das wiederum trieb, wie allgemein bekannt, dem Martin Luther die Zornesröte ins Gesicht, dann an sein Schreibpult und anschließend, mit Nagel und Hammer bewaffnet, zur Türe der Wittenberger Schlosskirche. So zerfielen Deutschland und halb Europa in diverse Kirchen Christi, die übereinander herfielen – Reformation und Gegenreformation genannt. (Ein kleiner Ausflug in die kirchliche Vergangenheit, von der schon im Zusammenhang mit der Münchner Liebfrauenkirche die Rede war.)
Man muss wohl auf einem weit nach Norden vorgeschobenen Breitengrad angesiedelt sein – natürlich vom bayerischen Standort aus gemessen –, um in der Regensburger Orgelsache auf einen solchen Vergleich zu kommen, der, wie ja auch die Regel besagt, leider hinkt. Fehlte nur noch die alt-römische Spruchweisheit vom Geld, das bekanntlich nicht stinkt.
Also kein Ablass für einen schwerreichen vermuteten „Sünder“ – weder von der Kirche, noch von Justitia. Eher noch, wenn dem so sein sollte, Gnade vor Recht. Ein ganz und gar christlicher Zug, schlussendlich – oder?
Ficht die ausgewählte Gästeschar nicht an. Alles nur journalistische Bosheiten. Angelegenheiten, die Deutschland und die Deutschen betreffen. Einen Liechtensteiner Bürger allein schon von daher juristisch immunisiert – das wären wohl die Antworten. Man erspart sich die Fragen. Wer kennt sich schon aus in den Beziehungen und Verbindungen rund um die Alte Kapelle, wer mit wem dieses und jenes einfädelt, selbstverständlich für einen guten Zweck. Ein hoher geistlicher Herr quittiert derartige Vermutungen mit einem viel sagenden Blick. Sprach er von einem „G’schmäckle“ in diesem Zusammenhang? Der deutsche Papst in Rom und eine so wertvolle Orgel für den „Lateran nördlich der Alpen“ – da sollte man nicht kleinlich sein, dürften sich alle miteinander gedacht haben.
Nichts also an diesem Vormittag, was die schönen Momente in der Gegenwart der Nähe des Heiligen Vaters stören könnte und bei diesem offenbar auch keinen Zweifel an der Integrität des edlen Spenders aufkommen ließ. Als großzügig hatte sich der Fürstliche Kommerzienrat nicht zum ersten Mal erwiesen. Die vatikanischen Sixtina, nach Batliners Beschreibung „Herzkammer unserer Kirche und unseres Glaubens“, verdankt ihm ein neues fahrbares Orgelwerk. Jetzt sprang die Gedächtnis-Stiftung Peter Kaiser, der Herbert Batliner als Präsident auf Lebenszeit vorsteht, den in Geldnöten geratenen Auftraggebern der Alten Kapelle als Sponsor bei. Angeblich 730.000 Euro für das Musikinstrument, das den Namen Benedikt-Orgel erhielt. Das päpstliche Wappen über den beiden Manualen auf dem Orgelprospekt geben Zeugnis von diesem allerhöchsten Gunstbeweis; die Namen der generösen Stiftung und ihres Präsidenten sind auf der Rückseite verewigt.
Aber wer ist, bitteschön, Peter Kaiser? Der Namensgeber der 1985 gegründeten Stiftung? Antwort: ein Liechtensteiner Pädagoge und Historiograph aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dass nun wiederum der Zwergstaat, als Parteigänger Napoleons, irgendwie am Ende des schönen Regensburger Fürstentums beteiligt war, tut der Freude am heutigen Festtag keinen Abbruch. Schließlich wurden die Wittelsbacher Verhältnisse wieder gerade gerückt. Herbert Batliner, der gute Mensch von Vaduz, mit zweitem Wohnsitz in Davos und Patron des dortigen Eishockey-Sports, hat sich aufs Altenteil zurückgezogen, freilich ohne seiner wohltätigen Neigung zu entsagen. Der vermögende Mann (auf über 200 Millionen Franken geschätzt) hat sich stets den abendländisch-christlichen Werten verpflichtet gefühlt, vornehmlich den römisch-katholischen. Verschiedene Stiftungen widmen sich dem Guten, Wahren und Schönen, dienen der Wohltätigkeit und der Förderung der sakralen Kunst. Das hat Herbert Batliner, der hohe Liechtensteiner Staatsämter bekleidete und überhäuft wurde mit Ehrungen und Auszeichnungen, Kreuzen, Großkreuzen, auch eine Berufung in die päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften, das Groß-Gold mit Stern der Heiligen Rupert und Virgil sowie die Orden der Päpste Sylvester und Gregorius eingebracht.
Die Orgel werde seit alters her zu Recht als die Königin der Instrumente bezeichnet, weil sie alle Töne der Schöpfung aufnehme und die Fülle des menschlichen Empfindens zum Schwingen bringe, sagt Benedikt.
Eine kleine Anspielung muss sein, bevor der Organist Proben seines und der Orgel Können zu Gehör bringt. Benedikt: Pfeifen und Register müssten eine Einheit bilden, sagt Benedikt in beiderlei Hinsicht sachkundig. „Klemmt es hier oder dort, ist eine Pfeife verstimmt, dann ist dies zunächst vielleicht nur für ein geübtes Ohr vernehmbar. Sind mehrere Pfeifen nicht mehr richtig gestimmt, gibt es Disharmonien, und es wird unerträglich. Auch die Pfeifen dieser Orgel sind Temperaturschwankungen und Ermüdungseinflüssen ausgesetzt.“ Gewiss doch, Heiliger Vater. Gelegentlich kommt es allerdings auch auf den Organisten an.
Jetzt darf Professor Norbert Düchtel der Orgel zu ihrem ersten öffentlichen Spiel verhelfen: „Toccata et Fuga in d“, Johann Sebastian Bachs „Welthit“. Einiger seiner Kompositionen habe der Thomaskantor ausdrücklich dem Herrn im Himmel gewidmet, eigenhändig auf das erste Notenblatt geschrieben, erläutert der Musikkenner auf dem Papstthron. „Soli Dei Gloria“ – „Gott allein die Ehre“.
Nach Fürbitten und „Vater unser“ der Apostolische Segen und dann, mit Bläser- und Orgelvorspiel, aus vollem Herzen das Te Deum. „Großer Gott, wir loben Dich.“ Mächtig die Kirche erfüllend, dass es durch die Fenster und Türen dringen möchte, hinaus auf den weiten Kapellplatz, wo sich allmählich Schaulustige und Benedetto-Fans eingefunden haben.
Ein letztes Dankeschön an die Liechtensteiner Spender, mit einer Reverenz gegenüber dem dort geborenen Komponisten Josef Gabriel Rheinberger, Hofkapellmeister Ludwigs II., bayerischem König. Ein Mozart- und Bach-Verehrer, Inspirator der katholischen Kirchenmusik im 19. Jahrhundert. So finden sich am Schluss in Harmonie vereint der musikalische Papst, die großherzigen Finanziers und die vornehme Regensburger Gesellschaft. Noch einmal darf der Orgelvirtuose sein Können aufbieten: mit Rheinbergers Toccata, als sei sie maßgerecht der Benedikt-Orgel in die Tasten geschrieben. Es erklingt die Sonate Nr. 14 C-Dur op. 165. Groß, festlich und mit der Kraft, die in ihr steckt. Als wollte der heilige Geist sich selbst des Instruments bemächtigen und alle, die zusammen kamen, mit seinem Odem beflügeln.
Feierlichkeit erfasste die Alte Kapelle, Posauen und Trompeten, Pfeifen und Flöten, Glocken und Zimbeln. Die Bässe und Tenöre, Alt und Sopran. Die Engel über den Altären und die Heiligen auf ihren Postamenten hätten wohl einstimmen mögen in das Loben und Preisen an diesem festlichen Tag. Die Stimme der Orgel klang noch nach, als Benedikt schon gegangen war und man bei einem kleinen Imbiss – Häppchen wurden gereicht, Prosecco Colli Freoisgiani und Primitivo Puglia ausgeschenkt – das Erlebte Revue passieren ließ. Fürstin Gloria überschwänglich gegenüber einer soeben gewonnen neuen Freundin für ihre wiedererweckte marianische Gebetsgemeinschaft. Sie mochte sich an den Tag erinnert haben, als sie Nachricht vom Ausgang des Konklaves erreichte: Sie habe geweint vor Glück. – Benedikt nahm dann doch noch – bevor der Mittagstisch beim Bruder rief – ein kurzes Bad in der Menge. Eine Verehrerin schier überwältigt: Es war ein Gefühl wie Schmetterlinge im Bauch.
Warten auf den Papst
An der Feuerwache geht’s zu wie beim Kirtabaum-Aufstellen. (Für Zu’greiste: Der Baum zum Kirchweihfest, nicht zu verwechseln mit dem Maibaum). Abordnungen der Aktiven sind angetreten: die dunkelblauen Uniformen gebürstet, die Einsatzanzüge mit den silbern reflektierenden Signalstreifen in Schuss gebracht. Bürgermeister, Kreisfeuerwehr-Seelsorger, Kreisbrandrat. Die Goldene Ehren-Medaille liegt auf Samt im Etui, sollte das Wunder geschehen. Wenn das Ehrenmitglied schon mal da ist, warum nicht eben vorbeikommen und den Anbau am Spritzenhaus segnen. Obwohl der Schultes es besser weiß: Das wird nix. Das gehe vielleicht doch zu weit. Der frühere Mitbürger sei jetzt immerhin Papst. Und Staatsmann auch. Er, der Bürgermeister, sei nur gekommen, um beruhigend auf die Menge zu wirken. Die Pentlinger können den unverhofften Ruhm auch anderweitig genießen. Im neuen Rathaus lädt eine Sonderausstellung ein. „Einer von uns“ – die Geschichte,wie es einer „vom Gendarmenbuam zum Oberhaupt der katholischen Kirche“ schaffte.
Aber man weiß ja nie. Der Rundfunk hat sicherheitshalber einen Übertragungswagen zum Ort des Geschehens beordert, mobile Kamerateams stehen bereit. Musi spielt auf. „Die Altneihauser Feierwehrkapell’n“, Gaudi-Blasmusik aus Windischeschenbach im Oberpfälzerwald. Dem langen Dürren sitzt der antike Lederhelm recht und schlecht auf dem Schopf, der Dicke an der Pauke hat sich in eine historische Uniformjacke gezwängt. Aber wenn sie loslegen, dann geht der Löschzug ab.
Auf den Seitenstreifen des Abzweigs von der Hauptstraße zur Feuerwache reihen sich Neugierige auf, von Stunde zu Stundemehr, direkt von der Arbeit weg, oder von zu Hause, schnell noch etwas gegessen. Ein Trekking-Radler kurvt herein, lässt die letzten Kilometer sausen. Vorbei trabt ein Jogger. Für eine Runde reicht’s noch. Die Kapell’n singt und spielt einen Zwiefachen. Die Stimmung steigt. Bleibt aber entspannt. Zeit für ein Schwätzchen. Dieses und jenes. Und natürlich über Benedikt, „unseren Papst“. Ein ganz hoher Mensch ist das jetzt. Den kannst net einfach so ins Haus einladen, wia dein Spezl.
Zeitzeugen geben herbeigereisten Reportern bereitwillig Auskunft. Der Bürgermeister bekennt: „Ich bin Papstfan. Und eine alte Nonne: Joseph war mein erstes geistliches Kind. Zwei fromme Damen versprechen dem Heiligen Vater per Annonce in der Mittelbayerischen Zeitungen: „Wir beten für Sie.“ Der Friseursalon am Ort wünscht einen segensreichen Aufenthalt, und ein Einwohner sagt dem Lokal-Berichterstatter: Ein Grüß Gott würde ich ihm schon entbieten. – Auch Ringkuss und Kniebeuge? – „Na, dös muas I net ham.“
Die fünfte Stunde Wartezeit ist angebrochen. Kinder quengeln. Wäre Zeit für’s Bett. Die Polizei, unauffällig auffällig mit Einsatzwagen im Hintergrund geparkt, erhält Verstärkung. Sachkenner schließen daraus, dass sich bald etwas tun dürfte. Dann Polizeikräder, Scheinwerfer an, schnittig die Hauptstraße hinunter, oben von der Bergstraße her. Nur von dort kann der Papst kommen, wenn er kommt. Zwei, drei Mannschaftswagen hinterher. Der Einsatzführer gibt über Lautsprecher knappe Kommandos, wie weiland Frundsberg in der Schlacht bei Regensburg.
In Manila, beim Besuch von Johannes Paul II., waren es vier Millionen. So viele Menschen hat, selbst wenn es nicht im „Guiness Book of Records“ steht, ein Einzelner noch nie um sich versammelt. Um ehrlich zu sein: Die meisten bekamen den Sendboten aus dem fernen Europa überhaupt nicht zu Gesicht. Hörten allenfalls seine Stimme aus quäkenden Lautsprechern, die irgendwo an einer Hauswand angebracht waren, an einem Baum hingen. Warum dann die beschwerliche Anreise, über mühselige Wege, übers Meer? Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: Mit ihm am selben Ort zu sein, zur selben Stunde. Das genüge. „Er ist zu uns gekommen und bringt Segen für unser Land.“ Das „Wunder Wojtyla“ – der Messenger of Peace. Ihm schenken sie ihr Vertrauen, ihre Hoffnung. Wem sonst im Reich der siebentausend Inseln. Wo eine Präsidentengattin ihren Wohlstand nach der Anzahl ihrer Schuhe maß, Killerkommandos geschäftliche Widersacher aus dem Weg räumten, Guerilleros aus den Bergen das Land heimsuchten, der muslimische Süden einen Dauerkrieg führt, Manila sich des größten Slums in Südostasien „rühmen“ kann, Superreiche von goldenen Tellern essen, Sextourismus für üble Schlagzeilen sorgte – mit anderen Worten: Die „Revolution mit dem Rosenkranz“ wieder in das alte Fahrwasser geraten ist.
Langsam verabschiedet sich die Sonne hinter den Höhen von Pentling. Wenn er jetzt nicht kommt, dann kommt er überhaupt nicht. Da oben, wo die Hauptstraße an ihrem Scheitelpunkt nach hinten abkippt, eine Linie mit dem Horizont bildet, taucht eine geballte Scheinwerfer-Front auf. Kommt im schnellen Tempo auf die Schlucht mit den Wartenden zu. Inzwischen wurden Seile gespannt, Feuerwehrleute bilden Spalier, auch auf dem Weg zur Wache. Der Konvoi fährt durch. Er hält nicht an. Er fährt weiter. Ein Schatten huscht vorbei. Der Spezial-BMW mit dem langen Radstand und dem sechs Zentimeter dicken Sicherheitsglas. (Das wollten Wolfsburger, die preußischen, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und haben inzwischen dem Papst einen PS-starken fahrbaren Untersatz geschenkt, der den besonderen Ansprüchen des Fahrgastes und den heutigen Sicherheitsbedürfen entspricht.)
Mitarbeiter der Wahrheit
War’s das mit Regensburg? Ein Randgeschehen noch: Ein Bund der Geistesfreiheit proklamiert den Haidplatz zur religionsfreien Zone. Verspricht „Heidenspaß statt Höllenqualen“. Gibt sich der Lächerlichkeit preis. Ernster schon der „Laienkrieg“ rund um den Dom, nach dem der Ortsbischof sein Beratungsgremium auflöste, weil ihm einige Personen quer kamen – oder war es umgekehrt? – und dieses durch ein angenehmeres ersetzte. Wie in alten Zeiten: Wo der Bischof, dort die Kirche. Man nennt das Jurisdiktionsgewalt Oder hat er nur die störrischen Böcke von den Schafen getrennt? Durch lammfromme ersetzt, giftet es zurück. In der Sprache des modernen Managements: Synergie-Verluste. Benedikt als Friedensstifter. Man weiß natürlich nicht, was hinter den Kulissen gesprochen wurde. Vielleicht hat er jedem seine Visitenkarte in die Hand gedrückt, darauf sein Wahlspruch: „Cooperatores Veritatis“ – „Mitarbeiter für die Wahrheit“ zu sein. In der Bibel nachzulesen, im dritten Johannesbrief. Der Verfasser wendet sich an Christen, die ihren Glauben in die Welt hinaustragen sollen. Eine höchst aktuelle Botschaft.
Der Verfasser des Briefes wandte sich jedoch auch an einen herrschsüchtigen Gemeindeleiter, der Christen aus der Gemeinde ausschloss. Wir kennen die damaligen Gründe im Einzelnen nicht, und auch nicht die Interna der Regensburger Affäre. In der frühen Kirche, als der „Älteste“ sich um die Zukunft der zerstreuten Christengemeinden machte, gab es noch keine Kirchenverfassung, wohl aber lebendige Zellen. Nicht wenige vertreten die Auffassung, dass die Zeit gekommen sei, wo nur eine Richtung in die Zukunft der Kirche weise: Der Weg zurück zu den Anfängen.
Regensburg, touristisch-ökonomisch betrachtet, zeigt sich rundum zufrieden. Schon hätten die ersten Fernsehzuschauer angerufen und ihren nächsten Urlaub in der Region gebucht. Ja, und die Bayernpartei überlege schon mal, ob der Bismarck-Platz künftig auf Papst Benedikt umgetauft werden soll. Verzeihlich wär’s ja. Hat sich der Eiserne Kanzler, dieser Preuß’, ohnehin viel zu lange mit den Katholiken angelegt – Kulturkampf und so. Erst zum Schluss hat er seinen Frieden mit dem Papst gemacht, weil er ihn brauchte, als Schiedsrichter zwischen Deutschland und Spanien. Es ging um die Inselgruppe der Karolinen in der fernen Südsee.
(Fortsetzung folgt)
