Unterm Himmel weiß und blau
Dienstag, 12. September 2006 (Folge 14)
Die Korrektur
Bleibt Benedikt Herr des Geschehens? Es folgt ein erneuter Anlauf. Eine weitere Erläuterung. Der Vatikan stellt eine vom Papst redigierte Fassung der Vorlesung ins Internet. Bestimmte Verlautbarungen sollen künftig auch auf Arabisch veröffentlich werden. In der Überarbeitung des Regensburger Textes erklärt Benedikt, halb Entschuldigung, halb Rechtfertigung, warum er den Kaiser von Byzanz zum Kronzeugen herangezogen hat.
„Dieses Zitat ist in der muslimischen Welt leider als Ausdruck meiner eigenen Position aufgefasst worden und hat so begreiflicherweise Empörung hervorgerufen. Ich hoffe, dass der Leser meines Textes sofort erkennen kann, dass dieser Satz nicht meine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausdrückt, dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt.“
Aber Benedikt ist noch nicht fertig. „Bei der Zitation des Textes von Kaiser Manuel II. ging es mir einzig darum, auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft hinzuführen. In diesem Punkt stimme ich Manuel zu, ohne mir deshalb seine Polemik zuzueignen.“ Das ist der eigentliche substantielle Teil des Zitats, der voll ins Zentrum der islamischen Glaubenslehre trifft. Benedikt würde seinem Leitwort „Cooperatores Veritatis“ – „Mitarbeiter an der Wahrheit“ untreu sein, bliebe er in dieser zentralen Frage entschieden. Das haben schon andere erfahren: Befreiungstheologen, die Brüder und Schwestern in Christo aus den nichtkatholischen Häusern, die theologischen Grenzgänger auf asiatischem und afrikanischem Terrain und unlängst, in äußerst scharfer Form, die Schmuddel-Priester, die kleinen Jungs nachstellen.
Vernunft und Glauben
Benedikt knüpft in seiner Regensburger Rede an einen Diskurs an, der in diesen Tagen unter Theologen und Philosophen en vogue ist: Vernunft und Glauben – komplementäre Wege, die Wahrheit zu erkennen und die Wirklichkeit zu deuten. Benedikt sagt: Es sei vernünftig, an Gott zu glauben. Denken ohne zu glauben, sei ein totalitäres Unterfangen, das den Menschen letztlich zerstöre.
Die Kritik galt zunächst nicht dem Islam, sondern zeitgenössischem westlichem Denken. Das war in der Münchener Predigt, ohne welche die Regensburger Rede nur die Hälfte vom Ganzen wäre. Diese geistige Zeitströmung habe die Vernunft um die Vernünftigkeit Gottes, die der griechischen Philosophie und dem christlichen Glauben gemeinsam seien, verkürzt. Diese Dimension müsse wieder erweitert, neu entdeckt werden. Denn, so Benedikt: „Die Sache mit dem Menschen geht ohne Gott nicht auf.“
Diese Feststellung wäre auch Muslimen einen Beifall wert gewesen. Aber es kam ja anders: Nein, Gott sei für den Islam nicht transzendent. Sein Wille „an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es die Vernünftigkeit“. Auf den wunden Punkt getroffen. Islam – totale Unterwerfung unter Gott? Keine personale Freiheit des Menschen, die auch das Nein gegenüber Gott zulässt? Allah ein Willkür-Gott, heute so und morgen so; allein sein Wille bestimmend? Ist der Theologie des Islam die Vernünftigkeit Gottes unbekannt, die ratio dem islamischen Gottesverständnisses fremd? Eine geballte Ladung, der sich muslimische Gesprächspartner zu erwehren haben.
Irrtum und Wahrheit
Der Lärm der „Straße“ ist verebbt, die Transparente sind eingerollt. Die Gemüter aber haben sich noch nicht beruhigt. Ungezügelte Wut schwingt mit, wenn ein „Vordenker“ aus dem Lager von al Quaida dem Papst vorwirft, mit der Behauptung, der Islam lasse sich nicht mit der Vernunft vereinbaren, habe dieser die Toleranz-Grenze überschritten. Ein Muslimbruder in Kairo setzt nach: Es sei das Christentum, das vom gesunden Menschenverstand her nicht zu begreifen sei. Wer spricht da von Dialog?
Wo Johannes Paul II. sich eher auf’s Zuhören beschränkte – wenig mehr als Rituale bei Begegnungen mit Vertretern des Islam – wirft Benedikt XVI., der Theologe Ratzinger, seinen Hut in den Ring. Mit dem Risiko, in den „Jab“ des Gegners zu laufen. Dieser tritt in eingeübter Formation an: Wie auf dem Kriegsschauplatz. Nach den Musketen der Füsiliere die Reiterei mit dem Säbel. Anders ausgedrückt: Nach den Steinewerfern auf der Straße die Blitze der Gelehrten. Der Islam verstehe sich keineswegs als blinder Glaubensgehorsam, die Theologie des Koran vertrete eine eigene Rationalität.
Dann „Waffenstillstand“, aber kein Friedensschluss. Es kommt zu einem „einmaligen Vorgang“ in der Geschichte der Beziehungen zwischen der islamischen Welt und der katholischen Kirche, wie die Fachzeitschrift „Islamic Magazin“ behauptet.
Die Vierteljahresschrift, mit Hauptredaktion in Los Angeles, veröffentlicht auf ihren Internet-Seiten einen „Offen Brief“, den 38 führende islamische Religionsführer und Theologen an Benedikt XVI. geschrieben haben, eine Antwort auf die päpstlichen „Ergänzungen“ zu seiner Regensburger Vorlesung.
Initiatoren der islamischen Stellungnahme sind Scheich Habib Ali vom Taba Institut in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Prinz Ghazi bin Muhammad bin Talal, der Sonderberater des jordanischen Königs Abdullah II. Der Brief war dem Apostolischen Nuntius in Amman überreicht worden.
Die Religionsführer akzeptieren das Bedauern des Papstes über die Reaktionen, die seine Rede in der islamischen Welt ausgelöst habe, stellen aber gleichzeitig seine Fachkompetenz in Frage – eine gewisse Gereiztheit ist unverkennbar. Benedikt lese den Koran falsch. Er begehe den Fehler, Begriffe korrekt zu verwenden und beziehe sich auf obskure und möglicherweise parteiische Quellen. „Al-Jazeera“ und „Tehran Times“ übernehmen den Text in ihren Internetseiten. Damit ist er in der Welt. Die meisten deutschen Zeitungen beschränken sich auf Kurzmeldungen.
Weil der ganze Fragenkomplex aufgerollt wird, lohnt sich vielleicht doch ein näherer Blick auf den „Offenen Brief“. Vorweg gesagt: Eine bittere Pille, mit Zuckerguss überzogen.
1. Wer sind die Unterzeichner? Die Großmuftis von Ägypten, Bosnien, Istanbul, Kroatien, Kosovo, Oman, Russland, Slowenien, Uzbekistan. Ein Ayatollah aus Iran, Theologen aus Mauretanien und Syrien, Universitätsprofessoren (darunter eine Frau) aus den USA (Los Angeles, Washington) und Cambridge. Alle acht Schulen für islamische Lehre und islamisches Recht seien vertreten, betont das „Islamic Magazine“. Aber man sieht auch, wer nicht dabei ist. Es fehlen die „hardliner“, voran die Saudis.
2. Die Höflichkeiten zuerst. Im „Geist des guten Willens“ sei der Brief geschrieben. Den Vorschriften des Korans folgend, Debatten auf „offenste Weise“ zu führen, hoffe man, dass das gegenseitige Verständnis erweitert, Vertrauen wiederhergestellt und die Situation beruhigt werden könne, im Interesse der Sache des Friedens und zur Erhaltung der muslimischen Würde. Die Unterzeichner signalisieren Dialogbereitschaft.
3. Sie betonen, den Papst auf intellektueller Höhe anzusprechen, auf entscheidende („crucial“) Themen, die über die „kontroverse Zitation des Kaisers“ hinausgehen, und was sie als Fehler oder Irrtum („mistake“) und „Übervereinfachung“ in den Anmerkungen des Papstes zu Fragen des islamischen Glaubens und dessen Praxis sehen.
Dann folgt, was der Papst, nach ihrer Meinung, fälschlich behauptet und wie sie es korrigieren.
Falsch: Die Verse, gemeint sind die Suren, wonach der Koran sich für religiöse Freiheit einsetze, habe der Prophet geschrieben, als er politisch geschwächt war. Als er stark war, habe er seine Instruktionen, die den „heiligen Krieg“ betreffen, verfasst.
Richtig: Die Verse seien von Muhammed geschrieben worden, als er in Medina regierte. Der Prophet habe Konvertiten davon abhalten wollen, dass deren Kinder ihren christlichen oder jüdischen Glauben zugunsten des Islam aufgeben.
Falsch: Der Papst übersetze „Jihad“ mit „heiligem Krieg“.
Richtig: „Jihad“ bedeute „Streben nach einem besseren Leben auf dem Weg, den Gott zeigt.“ Dies beziehe nicht notwendigerweise Gewalt ein.
Falsch: Passagen, in denen der Papst direkt oder indirekt von einem irrationalen und gewalttätigen und auf zwangsweiser Konversion basierenden Islam ausgeht.
Richtig: Hätten Muslime den Wunsch verspürt, alle anderen durch Gewalt zum Glaubenswechsel zu bringen, gäbe es keine einzige Kirche oder Synagoge mehr irgendwo in der islamischen Welt.
Falsch: Wieso kann Benedikt argumentieren, dass Gewalt Gottes Natur widerspreche, wo doch Jesus Christus die Geldwechsler aus dem Tempel von Jerusalem getrieben habe? Es wäre besser zu sagen: Grausamkeit, Brutalität und Aggression seien gegen Gottes Willen gerichtet.
Richtig: Das islamische Konzept des „Jihad“ verdamme diese Plagen.
Schließlich räumen die Unterzeichner ein, dass „manche Muslime“ Gewalt gebrauchen, „im Namen von utopischen Träumen.“ Dies richte sich gegen die Lehre des Islam. Sie verurteilen insbesondere den Mord an der italienischen Nonne in Somalia, die von einem Fanatiker erschossen worden war.
Soweit der „Offene Brief“. Christlich-Islamischer „Dialog“ in diesen Tagen. Als hätte es nicht auch lichtvolle Zeiten in der Begegnung der Kulturen gegeben. Dem Orient verdanken die Völker nördlich der Alpen schließlich nicht nur Kaffee und Gewürze. Großartiges Gedankengut arabischer Philosophen befruchtete europäischen Geist. Wenn schon eine Reise in die Geschichte des Mittelalters, warum nicht auch zu den gemeinsamen Quellen, statt aus Kriegserinnerungen neue Waffen zu schmieden.
Auf die Gegenseite hören. Gewiss. Aber nicht unter Ausschluss auf Rückbesinnung, die eigenen Fehlentwicklungen betreffend. Von welchem Punkt aus sollte der Dialog sonst beginnen. Die Kirche hat sich auf den schweren Weg gemacht, unter der Last keuchend, manches Gepäckstück vielleicht zu schnell abgelegt. Johannes Paul II. wurde von manchen belächelt wegen seiner vielen Entschuldigungen. Aber die Welt zeigte sich berührt von der „großen Vergebungsbitte“ im Heiligen Jahr 2000. Sie entschuldigt nichts, sie bittet um Vergebung der Schuld.
„Deus lo vult – Gott will es“ auf dem Panier, stürmten die Kreuzfahrer gen Jerusalem, marodierend schon unterwegs. Gegen die Juden in Mainz, gegen die Christen in Konstantinopel. „Helm ab, zum Gebet“ – warfen sich die Konquistadoren vor dem Kreuz in den Staub, bevor sie ein Bad im Blut der indigenen Völker Südamerikas nahmen, „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss eingraviert, als des Kaisers Soldaten vor Ypern im Gas starben, in den in den Stacheldrahtverhauen des Ersten Weltkriegs verbluteten, „Gott mit uns“, unter dem Hakenkreuz und auf dem Gipfel der Blasphemie: „In dem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, Adolf H. in „Mein Kampf.“
Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis. Dann aber schuf der Mensch die Religionen und Ersatzreligionen.
„Gott mit uns“ in „Gottes eigenem Land.“ So starben die „Helden von Alamo“. Davy Crocett, Jim Bowy. Oder war’s John Wayne? „Der Herr ist auf unserer Seite“, zeichnete der Festungskommandant Travis seinen letzten Appell. Aber hatte da wohl noch auf der Seite der Amerikaner zu tun.
„In God we trust“. Staatsbekenntnis auf der Ein-Dollar-Note. Wenn „John Wayne“ im Weißen Haus zu Washington vor schweren politischen Entscheidungen nicht nur mit dem leiblichen Vater, sondern mit einem „höheren Vater“ spricht – wer könnte gegen ein stärkendes Gebet Einwände erheben. Wenn aber christliche Fundamentalisten sich auf himmlische Anweisungen berufen, ob für Sprengstoff-Anschläge auf Abtreibungskliniken oder bei konkreten politischen Handlungen, für die auch unter Christen unterschiedliche Antworten erlaubt sind (darauf weist der vormalige Bundeskanzler in seinem politischen Rückblick hin), dann wird die Sache schwierig.
Gefährliche Allianzen
In seltener Übereinstimmung votierten katholische Kirche und Vertreter islamisch geprägter Länder auf den Konferenzen der Vereinten Nationen in Kairo und Peking bei der Frage nach dem Schutz des Lebens, auch des ungeborenen. Sie hinterlegten ein dogmatisches „Nein“ zu Reproduktionstechniken, die künstliche Verhütung, Stichwort: Pille und Kondom, sowie den Schwangerschaftsabbruch bejahen.
Die öffentliche Diskussion hat sich von diesen Positionen entfernt, zumindest in der Frage der Empfängniskontrolle. Stichwort Aids. Von der Konfliktforschung ist ein weiterer Einwand in die Debatte eingebracht worden: Die Frage nach einem inneren Zusammenhang von demographischen Fehlentwicklungen und den Ursachen von Kriegen. Auf die Kurzformel gebracht: Je mehr Männer geboren werden, desto mehr Kriege. „Überzähligen“ Söhnen, ohne Aussicht auf einen „normalen“ Broterwerb, bliebe keine andere Möglichkeit, als die Uniform anzuziehen, zur Waffe zu greifen. Wo Ehepaare die Zahl ihrer Kinder beschränkten, in bisherigen „Problemstaaten“, zeige sich eine deutliche Verminderung der Bereitschaft, Kriege zu führen. Will wohl heißen: Mangel an „Kanonenfutter“ für Kriegsplaner; verbesserter sozialer Status der Familien. Vielleicht eine reduzierte Sichtweise. Noch ist die Erde kein Aufenthaltsort nur friedfertiger Menschen. Um die eigenen Humanressourcen zu schonen, stehen für Angreifer wie Verteidiger schon die Alternativen zur Verfügung: Massenvernichtungswaffen. Auch gekidnappte Passagierflugzeuge gehören dazu. Eine Handvoll „Gotteskrieger“ fordert die Supermacht heraus. Noch immer werden Soldaten und „Kämpfer“ gebraucht – Mütter bringt „Krieger“ zur Welt – in Afrika, Asien, Lateinamerika. Der Aufstand der Millionen, die Hunger leiden, findet eines Tages auf anderen Kriegsschauplätzen statt. Worte, die Frieden stiften sollen, sind genug gewechselt.
(Fortsetzung folgt)