Archiv zur KategorieBenedikt XVI. in Bayern

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 14)


Die Korrektur

Bleibt Benedikt Herr des Geschehens? Es folgt ein erneuter Anlauf. Eine weitere Erläuterung. Der Vatikan stellt eine vom Papst redigierte Fassung der Vorlesung ins Internet. Bestimmte Verlautbarungen sollen künftig auch auf Arabisch veröffentlich werden. In der Überarbeitung des Regensburger Textes erklärt Benedikt, halb Entschuldigung, halb Rechtfertigung, warum er den Kaiser von Byzanz zum Kronzeugen herangezogen hat.

„Dieses Zitat ist in der muslimischen Welt leider als Ausdruck meiner eigenen Position aufgefasst worden und hat so begreiflicherweise Empörung hervorgerufen. Ich hoffe, dass der Leser meines Textes sofort erkennen kann, dass dieser Satz nicht meine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausdrückt, dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt.“

Aber Benedikt ist noch nicht fertig. „Bei der Zitation des Textes von Kaiser Manuel II. ging es mir einzig darum, auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft hinzuführen. In diesem Punkt stimme ich Manuel zu, ohne mir deshalb seine Polemik zuzueignen.“ Das ist der eigentliche substantielle Teil des Zitats, der voll ins Zentrum der islamischen Glaubenslehre trifft. Benedikt würde seinem Leitwort „Cooperatores Veritatis“ – „Mitarbeiter an der Wahrheit“ untreu sein, bliebe er in dieser zentralen Frage entschieden. Das haben schon andere erfahren: Befreiungstheologen, die Brüder und Schwestern in Christo aus den nichtkatholischen Häusern, die theologischen Grenzgänger auf asiatischem und afrikanischem Terrain und unlängst, in äußerst scharfer Form, die Schmuddel-Priester, die kleinen Jungs nachstellen.

Vernunft und Glauben

Benedikt knüpft in seiner Regensburger Rede an einen Diskurs an, der in diesen Tagen unter Theologen und Philosophen en vogue ist: Vernunft und Glauben – komplementäre Wege, die Wahrheit zu erkennen und die Wirklichkeit zu deuten. Benedikt sagt: Es sei vernünftig, an Gott zu glauben. Denken ohne zu glauben, sei ein totalitäres Unterfangen, das den Menschen letztlich zerstöre.

Die Kritik galt zunächst nicht dem Islam, sondern zeitgenössischem westlichem Denken. Das war in der Münchener Predigt, ohne welche die Regensburger Rede nur die Hälfte vom Ganzen wäre. Diese geistige Zeitströmung habe die Vernunft um die Vernünftigkeit Gottes, die der griechischen Philosophie und dem christlichen Glauben gemeinsam seien, verkürzt. Diese Dimension müsse wieder erweitert, neu entdeckt werden. Denn, so Benedikt: „Die Sache mit dem Menschen geht ohne Gott nicht auf.“

Diese Feststellung wäre auch Muslimen einen Beifall wert gewesen. Aber es kam ja anders: Nein, Gott sei für den Islam nicht transzendent. Sein Wille „an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es die Vernünftigkeit“. Auf den wunden Punkt getroffen. Islam – totale Unterwerfung unter Gott? Keine personale Freiheit des Menschen, die auch das Nein gegenüber Gott zulässt? Allah ein Willkür-Gott, heute so und morgen so; allein sein Wille bestimmend? Ist der Theologie des Islam die Vernünftigkeit Gottes unbekannt, die ratio dem islamischen Gottesverständnisses fremd? Eine geballte Ladung, der sich muslimische Gesprächspartner zu erwehren haben.

Irrtum und Wahrheit

Der Lärm der „Straße“ ist verebbt, die Transparente sind eingerollt. Die Gemüter aber haben sich noch nicht beruhigt. Ungezügelte Wut schwingt mit, wenn ein „Vordenker“ aus dem Lager von al Quaida dem Papst vorwirft, mit der Behauptung, der Islam lasse sich nicht mit der Vernunft vereinbaren, habe dieser die Toleranz-Grenze überschritten. Ein Muslimbruder in Kairo setzt nach: Es sei das Christentum, das vom gesunden Menschenverstand her nicht zu begreifen sei. Wer spricht da von Dialog?

Wo Johannes Paul II. sich eher auf’s Zuhören beschränkte – wenig mehr als Rituale bei Begegnungen mit Vertretern des Islam – wirft Benedikt XVI., der Theologe Ratzinger, seinen Hut in den Ring. Mit dem Risiko, in den „Jab“ des Gegners zu laufen. Dieser tritt in eingeübter Formation an: Wie auf dem Kriegsschauplatz. Nach den Musketen der Füsiliere die Reiterei mit dem Säbel. Anders ausgedrückt: Nach den Steinewerfern auf der Straße die Blitze der Gelehrten. Der Islam verstehe sich keineswegs als blinder Glaubensgehorsam, die Theologie des Koran vertrete eine eigene Rationalität.

Dann „Waffenstillstand“, aber kein Friedensschluss. Es kommt zu einem „einmaligen Vorgang“ in der Geschichte der Beziehungen zwischen der islamischen Welt und der katholischen Kirche, wie die Fachzeitschrift „Islamic Magazin“ behauptet.

Die Vierteljahresschrift, mit Hauptredaktion in Los Angeles, veröffentlicht auf ihren Internet-Seiten einen „Offen Brief“, den 38 führende islamische Religionsführer und Theologen an Benedikt XVI. geschrieben haben, eine Antwort auf die päpstlichen „Ergänzungen“ zu seiner Regensburger Vorlesung.

Initiatoren der islamischen Stellungnahme sind Scheich Habib Ali vom Taba Institut in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Prinz Ghazi bin Muhammad bin Talal, der Sonderberater des jordanischen Königs Abdullah II. Der Brief war dem Apostolischen Nuntius in Amman überreicht worden.

Die Religionsführer akzeptieren das Bedauern des Papstes über die Reaktionen, die seine Rede in der islamischen Welt ausgelöst habe, stellen aber gleichzeitig seine Fachkompetenz in Frage – eine gewisse Gereiztheit ist unverkennbar. Benedikt lese den Koran falsch. Er begehe den Fehler, Begriffe korrekt zu verwenden und beziehe sich auf obskure und möglicherweise parteiische Quellen. „Al-Jazeera“ und „Tehran Times“ übernehmen den Text in ihren Internetseiten. Damit ist er in der Welt. Die meisten deutschen Zeitungen beschränken sich auf Kurzmeldungen.

Weil der ganze Fragenkomplex aufgerollt wird, lohnt sich vielleicht doch ein näherer Blick auf den „Offenen Brief“. Vorweg gesagt: Eine bittere Pille, mit Zuckerguss überzogen.

1. Wer sind die Unterzeichner? Die Großmuftis von Ägypten, Bosnien, Istanbul, Kroatien, Kosovo, Oman, Russland, Slowenien, Uzbekistan. Ein Ayatollah aus Iran, Theologen aus Mauretanien und Syrien, Universitätsprofessoren (darunter eine Frau) aus den USA (Los Angeles, Washington) und Cambridge. Alle acht Schulen für islamische Lehre und islamisches Recht seien vertreten, betont das „Islamic Magazine“. Aber man sieht auch, wer nicht dabei ist. Es fehlen die „hardliner“, voran die Saudis.

2. Die Höflichkeiten zuerst. Im „Geist des guten Willens“ sei der Brief geschrieben. Den Vorschriften des Korans folgend, Debatten auf „offenste Weise“ zu führen, hoffe man, dass das gegenseitige Verständnis erweitert, Vertrauen wiederhergestellt und die Situation beruhigt werden könne, im Interesse der Sache des Friedens und zur Erhaltung der muslimischen Würde. Die Unterzeichner signalisieren Dialogbereitschaft.

3. Sie betonen, den Papst auf intellektueller Höhe anzusprechen, auf entscheidende („crucial“) Themen, die über die „kontroverse Zitation des Kaisers“ hinausgehen, und was sie als Fehler oder Irrtum („mistake“) und „Übervereinfachung“ in den Anmerkungen des Papstes zu Fragen des islamischen Glaubens und dessen Praxis sehen.

Dann folgt, was der Papst, nach ihrer Meinung, fälschlich behauptet und wie sie es korrigieren.

Falsch: Die Verse, gemeint sind die Suren, wonach der Koran sich für religiöse Freiheit einsetze, habe der Prophet geschrieben, als er politisch geschwächt war. Als er stark war, habe er seine Instruktionen, die den „heiligen Krieg“ betreffen, verfasst.
Richtig:
Die Verse seien von Muhammed geschrieben worden, als er in Medina regierte. Der Prophet habe Konvertiten davon abhalten wollen, dass deren Kinder ihren christlichen oder jüdischen Glauben zugunsten des Islam aufgeben.

Falsch: Der Papst übersetze „Jihad“ mit „heiligem Krieg“.
Richtig: „Jihad“ bedeute „Streben nach einem besseren Leben auf dem Weg, den Gott zeigt.“ Dies beziehe nicht notwendigerweise Gewalt ein.

Falsch: Passagen, in denen der Papst direkt oder indirekt von einem irrationalen und gewalttätigen und auf zwangsweiser Konversion basierenden Islam ausgeht.
Richtig: Hätten Muslime den Wunsch verspürt, alle anderen durch Gewalt zum Glaubenswechsel zu bringen, gäbe es keine einzige Kirche oder Synagoge mehr irgendwo in der islamischen Welt.

Falsch: Wieso kann Benedikt argumentieren, dass Gewalt Gottes Natur widerspreche, wo doch Jesus Christus die Geldwechsler aus dem Tempel von Jerusalem getrieben habe? Es wäre besser zu sagen: Grausamkeit, Brutalität und Aggression seien gegen Gottes Willen gerichtet.
Richtig: Das islamische Konzept des „Jihad“ verdamme diese Plagen.

Schließlich räumen die Unterzeichner ein, dass „manche Muslime“ Gewalt gebrauchen, „im Namen von utopischen Träumen.“ Dies richte sich gegen die Lehre des Islam. Sie verurteilen insbesondere den Mord an der italienischen Nonne in Somalia, die von einem Fanatiker erschossen worden war.

Soweit der „Offene Brief“. Christlich-Islamischer „Dialog“ in diesen Tagen. Als hätte es nicht auch lichtvolle Zeiten in der Begegnung der Kulturen gegeben. Dem Orient verdanken die Völker nördlich der Alpen schließlich nicht nur Kaffee und Gewürze. Großartiges Gedankengut arabischer Philosophen befruchtete europäischen Geist. Wenn schon eine Reise in die Geschichte des Mittelalters, warum nicht auch zu den gemeinsamen Quellen, statt aus Kriegserinnerungen neue Waffen zu schmieden.

Auf die Gegenseite hören. Gewiss. Aber nicht unter Ausschluss auf Rückbesinnung, die eigenen Fehlentwicklungen betreffend. Von welchem Punkt aus sollte der Dialog sonst beginnen. Die Kirche hat sich auf den schweren Weg gemacht, unter der Last keuchend, manches Gepäckstück vielleicht zu schnell abgelegt. Johannes Paul II. wurde von manchen belächelt wegen seiner vielen Entschuldigungen. Aber die Welt zeigte sich berührt von der „großen Vergebungsbitte“ im Heiligen Jahr 2000. Sie entschuldigt nichts, sie bittet um Vergebung der Schuld.

„Deus lo vult – Gott will es“ auf dem Panier, stürmten die Kreuzfahrer gen Jerusalem, marodierend schon unterwegs. Gegen die Juden in Mainz, gegen die Christen in Konstantinopel. „Helm ab, zum Gebet“ – warfen sich die Konquistadoren vor dem Kreuz in den Staub, bevor sie ein Bad im Blut der indigenen Völker Südamerikas nahmen, „Gott mit uns“ auf dem Koppelschloss eingraviert, als des Kaisers Soldaten vor Ypern im Gas starben, in den in den Stacheldrahtverhauen des Ersten Weltkriegs verbluteten, „Gott mit uns“, unter dem Hakenkreuz und auf dem Gipfel der Blasphemie: „In dem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, Adolf H. in „Mein Kampf.“

Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis. Dann aber schuf der Mensch die Religionen und Ersatzreligionen.

„Gott mit uns“ in „Gottes eigenem Land.“ So starben die „Helden von Alamo“. Davy Crocett, Jim Bowy. Oder war’s John Wayne? „Der Herr ist auf unserer Seite“, zeichnete der Festungskommandant Travis seinen letzten Appell. Aber hatte da wohl noch auf der Seite der Amerikaner zu tun.

„In God we trust“. Staatsbekenntnis auf der Ein-Dollar-Note. Wenn „John Wayne“ im Weißen Haus zu Washington vor schweren politischen Entscheidungen nicht nur mit dem leiblichen Vater, sondern mit einem „höheren Vater“ spricht – wer könnte gegen ein stärkendes Gebet Einwände erheben. Wenn aber christliche Fundamentalisten sich auf himmlische Anweisungen berufen, ob für Sprengstoff-Anschläge auf Abtreibungskliniken oder bei konkreten politischen Handlungen, für die auch unter Christen unterschiedliche Antworten erlaubt sind (darauf weist der vormalige Bundeskanzler in seinem politischen Rückblick hin), dann wird die Sache schwierig.

Gefährliche Allianzen

In seltener Übereinstimmung votierten katholische Kirche und Vertreter islamisch geprägter Länder auf den Konferenzen der Vereinten Nationen in Kairo und Peking bei der Frage nach dem Schutz des Lebens, auch des ungeborenen. Sie hinterlegten ein dogmatisches „Nein“ zu Reproduktionstechniken, die künstliche Verhütung, Stichwort: Pille und Kondom, sowie den Schwangerschaftsabbruch bejahen.

Die öffentliche Diskussion hat sich von diesen Positionen entfernt, zumindest in der Frage der Empfängniskontrolle. Stichwort Aids. Von der Konfliktforschung ist ein weiterer Einwand in die Debatte eingebracht worden: Die Frage nach einem inneren Zusammenhang von demographischen Fehlentwicklungen und den Ursachen von Kriegen. Auf die Kurzformel gebracht: Je mehr Männer geboren werden, desto mehr Kriege. „Überzähligen“ Söhnen, ohne Aussicht auf einen „normalen“ Broterwerb, bliebe keine andere Möglichkeit, als die Uniform anzuziehen, zur Waffe zu greifen. Wo Ehepaare die Zahl ihrer Kinder beschränkten, in bisherigen „Problemstaaten“, zeige sich eine deutliche Verminderung der Bereitschaft, Kriege zu führen. Will wohl heißen: Mangel an „Kanonenfutter“ für Kriegsplaner; verbesserter sozialer Status der Familien. Vielleicht eine reduzierte Sichtweise. Noch ist die Erde kein Aufenthaltsort nur friedfertiger Menschen. Um die eigenen Humanressourcen zu schonen, stehen für Angreifer wie Verteidiger schon die Alternativen zur Verfügung: Massenvernichtungswaffen. Auch gekidnappte Passagierflugzeuge gehören dazu. Eine Handvoll „Gotteskrieger“ fordert die Supermacht heraus. Noch immer werden Soldaten und „Kämpfer“ gebraucht – Mütter bringt „Krieger“ zur Welt – in Afrika, Asien, Lateinamerika. Der Aufstand der Millionen, die Hunger leiden, findet eines Tages auf anderen Kriegsschauplätzen statt. Worte, die Frieden stiften sollen, sind genug gewechselt.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 13)


Papst Benedikt XVI. besucht in diesen Tagen die Türkei. Berichte und Kommentare dazu unter www.kath.de. Nicht dennoch, sondern deshalb erscheint in diesem Zeitraum auch weiter das „bayerische Reisetagebuch“. Denn die diesbezüglichen Folgen stehen im Kontext zu den aktuellen Ereignissen am Bosporus. Selbstverständlich müssen die folgenden Texte aus dem zeitlichen Abstand heraus gelesen werden.


Die Regensburger Rede

Benedikt beehrt die Regensburger Universität, seine geliebte Alma Mater nach den Zwischenstationen Freising, Bonn, Münster und Tübingen – vom letzten Ort „vertrieben“ von studentischen Spielverderbern der 68er-Generation. Seine Heiligkeit, weiterhin Honorarprofessor in Regensburg, wird vor ausgewähltem Kreis nicht schlichtweg predigen, sondern, wie in alten Zeiten, eine Vorlesung geben. Allein schon der Titel des Themas verspricht hohe akademische Qualität: „Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen“.

Vergangenen Juni hat ihm der Rat der Stadt die Würde eines Ehrenbürgers verliehen, als „Ausdruck tiefer Verehrung für das Lebenswerk des Priester und Gelehrten der Theologie.“ Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. weiß um die Bedeutung einer solchen Laudatio auf seine Person. Immerhin hat in Regensburg „der größte deutsche Philosoph und Theologe des Mittelalters“ gelehrt und als Bischof gewirkt, wenn auch nur kurzzeitig, von 1260 bis 1262: Albertus Magnus, der „Doctor universalis“. 1931 hat Pius XI. Albert den Großen, den gelehrten Dominikaner, aus Lauingen im bayerischen Schwaben stammend, heilig gesprochen und zum Kirchenlehrer erklärt. Ortsbischof Gerhard Ludwig Müller erwartet eine „Sternstunde der deutschen akademischen Tradition.“

Das Zitat

Wann hat es das je gegeben? Ein Papst muss sich öffentlich zurücknehmen, Erklärungen nachreichen, Lesehilfen hinzufügen, Entschuldigungen aussprechen, nahe am Kotau. Und das alles wegen eines antiquierten Zitats, zur falschen Zeit im falschen Zusammenhang. Benedikt erfährt seine bitterste Lektion in seinem neuen Amt. Papst kann man nicht lernen, man wird es quasi über Nacht. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagte der Meister. „Aber in dieser Welt“, sagen die alten Hasen der Kurie. Und diese Welt hat ihre eigenen Spielregeln.

Benedikt hat in klarer Gedankenführung seine Überlegungen vorgetragen, bis hin zu jenem ins Wasser fallenden Stein, der Wellen schlägt bis an die Gestade des Mittelmeers und den Pazifischen Ozean. Ein Zitat, ein Halbsatz, aus der „Siebten Gesprächsrunde“ des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos mit einem muslimischen mudarris, einem theologisch gebildeten Lehrer, die der Basileios später als Dialoge mit einem Perser aufgezeichnet hat.

Das Zitat gliedert sich in zwei Teile. Zunächst geht es um die Frage des erzwungenen Religionsübertritts. „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht ha,t und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigt, durch das Schwert zu verbreiten.“ Aber da haben sich beide Seiten nichts vorzuwerfen. Hinzu kommt: Manuel ist nicht bei bester Laune, osmanische Truppen machen sich auf den langen Marsch nach Westen. Zunächst aber steht ihnen Konstantinopel im Weg. Umso heftiger fallen seine Worte aus. Benedikt ahnt wohl, welcher Zündstoff in diesem Zitat steckt, auf die Gegenwart bezogen. Vorsorglich geht er auf Distanz. „In erstaunlich schroffer Form“ habe der Kaiser gesprochen, kommentiert Benedikt und legt, abweichend vom Redemanuskript, noch eins drauf: „zugeschlagen“ habe Manuel.

Die Reaktion

Moslems in aller Welt hören gar nicht mehr weiter zu, bildlich gesprochen. Aufschrei in Moscheen, Widerspruch von Theologen, Entschuldigungsforderungen von Politikern, Drohungen der Fundamentalisten. Die Türkei vorneweg. Der ranghöchste islamische Staatsbeamte, Leiter der für Angelegenheiten der Religion zuständigen Behörde, ereifert sich: Das sei eine Erklärung voller Feindseligkeit und Missgunst und reflektiere Hass im Herzen des Papstes. Besser, er bleibe zu Haus und komme erst gar nicht, wie geplant, in die Türkei, sagt der Großmufti Ali Bardakoglu. Inzwischen ist die Reise bestätigt. Aber die Stimmung bleibt gefährlich gespannt.

In der Türkei kam im Frühjahr ein Buch auf den Markt. Der Titel, zweisprachig: Papa´ya Suikast. Who will kill the Pope in Istanbul? Eine Anspielung auf den geplanten Besuch im November beim Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel. Auf dem Frontcover ist Benedikt abgebildet, im Hintergrund ein Kruzifix in Flammen; ein „Gotteskrieger“, ein islamischer dem Outfit nach, der mit einer Spezialwaffe auf den Papst zielt. Nicht Islamisten seien am Werk, behauptet listig der Autor in seiner als Roman kaschierten Räuberpistole, sondern finstere Mächte im Vatikan. Von einem Verkaufsverbot ist bisher nichts bekannt geworden. Im Gegenteil. Das Buch sei sehr gefragt, ausverkauft. Wir wollen ihn hier nicht sehen, giftet ein Sprecher der nationalistischen Partei ins Mikrophon des deutschen Fernsehens. Es geht doch nur um die Christianisierung der Türkei, wie bei den Kreuzzügen. Christliche Kreuzfahrer, Kreuzzüge – immer noch willkommene Leimruten und Wurfgeschosse nationalistisch-islamistischer Scharfmacher. Damit hatte Ali Agca vor dem Türkei-Besuch von Johannes Paul II. gedroht, zwei Jahre vor den Schüssen auf dem Petersplatz.

Was war mit den Kreuzzügen, der spanischen Reconquista? In Trümmern ein blühendes Kalifat, versunken der Name Ibn Rusd-Averroes, der Koran den Flammen übergeben. Im „Almansor“-Gedicht schreibt Heinrich Heine: „Das war ein Vorspiel nur…“.

Waren die Frühwarnsysteme der Kurie deaktiviert, der versierte Angelo Sondano als Staatssekretär Seiner Heiligkeit schon außer Diensten, Tarcisio Bertone, sein Nachfolger, noch nicht eingearbeitet? Schreibt Benedikt seine Texte selbst, bis ins letzte Wort, ohne gegenlesen zu lassen? Der Vatikan äußerst sich zu solchen Fragen wie üblich nicht. Benedikt liest doch auch Zeitungen, hört und sieht Nachrichten. Namen wie Mudschaheddin, Taliban, al Quaida und Hisbollah dürften ihm nicht fremd sein. Die libanesischen Fundamentalisten haben soeben einen „göttlichen Sieg“ über Israel gefeiert.

Der „Krieg der Worte“ wird über die islamischen Medien geführt. Der globale Dschihad findet im Internet statt. Es melden sich bekannte und unbekannte Organisationen, offizielle und selbsternannte Sprecher. Eine hierzulande bislang nie gehörte Gruppe aus Mumbay schreibt einen „Offenen Brief“ an den Papst in Rom, „im Namen der Propheten Muhammed, Gautam Buddha und Jesus Christus, den gemeinsamen Lehrern der Menschlichkeit“. Man beansprucht, für die „islamische Gemeinschaft Indiens“ und „die indische Bevölkerung allgemein“ zu sprechen. Außerordentlich beunruhigt sei man über den „Bannstrahl“ aus Rom, den Affront gegen den Islam und „unseren Propheten“.

Seiner Heiligkeit empfohlen, bei allem gebührenden Respekt, die einschlägigen Werke westlicher Experten zu studieren, nicht zuletzt deutscher Gelehrter, die über Jahrhunderte zu einer konstruktiven und analytischen Kritik des Islam beigetragen hätten. Nein, die herzlichen Beziehungen „zu unseren christlichen Brüdern in Indien“ würden in keiner Weise tangiert.

Dann ändern die Absender ihre Tonlage. Die Äußerungen Benedikts kämen zu einem Zeitpunkt, da die interreligiösen Beziehungen an einem sehr kritischen Punkt angelangt seien.

Nicht umsonst sei von einem „Zusammenprall der Kulturen“ die Rede. Die Briefeschreiber aus Südindien malen das bekannte Bedrohungsszenarium in den schwärzesten Farben aus. Eine Allianz des US-Imperialismus unter der neokonservativen Bush-Junta mit NATO und Zionisten sei das, die einen potentiellen Krieg führe gegen die muslimische Länder und die Dritte Welt.

Ein wenig schade, dass er das so gesagt hat, meint mein türkischer Pizzabäcker, ein im Allgemeinen eher besonnener Mensch. „Fundamentalistische Leute warten doch nur auf eine solche Gelegenheit“. Die Glut ist noch da, von der Sache mit den Karikaturen her. „Es genügt ein Streichholz – und die Bombe explodiert“. Papstpuppen gehen in Flammen auf, und deutsche Fahnen brennen. „Wir sind Papst“ – mitgefangen, mitgehangen.

In Somalia stirbt eine Ordensfrau durch die Kugel eines Fanatikers. In Berlin wird – vorsorglich, so sagt die Theaterleitung – die Mozart-Oper Idomeneo vorübergehend abgesetzt, weil der Regisseur sich hat einfallen lassen, das Libretto durch eine Szene mit abgeschlagenen Köpfen zu ergänzen, frei nach dem Tötungsmotiv in der Originalvorlage. Nicht der Sohn wird vom Vater geopfert. Gezeigt werden die abgeschlagenen Köpfe von Jesus Christus, Buddha, Poseidon und eben – Corpus delicti befürchteter Gewalttätigkeit – das Haupt des Propheten Mohammed. – Die öffentlichen Proteste nehmen bizarre Formen an. Was für die einen Blasphemie, sehen die anderen als einen Angriff auf die Freiheit der Kunst und des Wortes an. „Man wird doch noch zitieren dürfen“, springt der deutsche Bundesinnenminister blauäugig seinem Landsmann bei.

Dem Mozart-Liebhaber Benedikt hätte die Köpfungsarie vermutlich ohnehin nicht gefallen, nicht nur aus künstlerisch-ästhetischen Gründen. Der christliche Heiland in einer Reihe mit den anderen, das ginge wohl nicht. Siehe „Dominus Iesus“.

Alarmstimmung

Die Alarmglocke hat geschlagen. Schadensbegrenzung ist das Gebot der Stunde, kompetente Dolmetscher sind gefragt, theologische Fachleute aus dem engsten Beraterkreis des Papstes, den Purpurträgern. Benedikt selbst spricht zum wiederholten Male sein Bedauern aus. Missverstanden sei er worden. Von „Selbstkritik und Toleranz, die die Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist, einschließt“ ist die Rede, und von „tiefem Respekt vor den Weltreligionen und vor den Muslimen, mit denen wir gemeinsam eintreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“. Benedikt zitiert die Konzilserklärung „Nostra aetate“ über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Damit sollten Muslims, die sich verunglimpft fühlten, leben können. Aber auch den Nachsatz nicht überhören.

Mehr noch. Wegen der „wohlbekannten Umstände“ beruft er einen „Krisengipfel“ ein. Repräsentanten islamischer Organisationen in Italien und beim Vatikan akkreditierte Diplomaten aus Staaten mit islamischer Prägung werden nach Castelgandolfo eingeladen. Häufigste Vokabeln in der päpstlichen Gruß-Adresse: Liebe muslimische Freunde. Verbundenheit im Zeichen der Freundschaft und Solidarität. Brücken will er bauen zu Gläubigen aller Religionen. Manche wollen einfach nicht. Der Sprecher der Kairoer Muslimbrüder reagiert abweisend. Das Treffen sei nur ein weiterer Versuch, eine Entschuldigung zu vermeiden.

Der Termin dieser Begegnung wurde mit Bedacht gewählt, die päpstlichen Diplomaten sind aufgewacht. Soeben hat der Ramadan begonnen. Tage der Besinnung, Tage der Reinigung des Gewissens. Der erste Tag des islamischen Fastenmonats fällt in diesem Jahr zusammen mit dem zweiten Tag von Rosch Haschana, dem Beginn des Jahres 5.767 jüdischer Zeitrechung, also Neujahr. Nur die Katholiken feiern den Sonntag ohne Drum und Dran, als 25. Sonntag im Jahreskreis. Gerhard, Rupert und Virgil haben Namenstag.

Onur, der Zehnjährige von Mehmet, meinem türkischen Wirt, ist an diesem Sonntag nicht so gut drauf. „Habe Hunger“, mault er. Seit Imsak, also ab 5.23 Uhr in der Frühe, hat er keinen Bissen mehr im Magen. Erst ab 19.28 Uhr, pünktlich für diesen Tag, gibt es wieder etwas auf die Gabel. Aber Onur nimmt den Ramazan bayrami ernst. Und freut sich auf das Fest des Fastenbrechens. Herr Ogurlu, Bekannter der Familie, wird auch in diesem Jahr einen Hammel schlachten, Freunde und auch bedürftige Landsleute einladen und vielleicht auch den christlichen Wohnungsnachbarn auf der Etage gegenüber.

Legt das Kopftuch und den Schleier in der Öffentlichkeit ab, grenzt euch nicht aus, sondern integriert euch, fordern liberale muslimische Frauen. Lasst euch nicht zum Sexualobjekt degradieren, durch diese „Symbole der Frauenunterdrückung“. Lasst euch nicht politisch missbrauchen. Ein Dauerthema, mit bisweilen gefährlichen Zuspitzungen. Eine Bundestagsabgeordnete türkischer Abstammung geht nicht mehr ohne Personenschutz auf die Straße. Ihr Appell „Kommt im Heute an, kommt in Deutschland an“ wurde für sie zur Lebensgefahr. Islamische Organisationen brauchen einige Zeit, bis sie darauf kommen, dass sie eine demokratische und humane Pflicht haben. Freiheit des Wortes. In Deutschland mühsam erkämpft. Welche Freiheit aber auch gegenüber Einwanderern aus dem islamischen Kulturkreis? Zählt westliche Kleiderordnung zur Aufenthaltsgenehmigung, grundsätzlich? Nicht jedes Kopftuch ist ein politisches Kopftuch, nicht jedes ein Zeichen der „Unterdrückung der Frau“.

In einem Wohnbezirk am Stadtrand meiner Gemeinde will „Milli Görüs“ eine Moschee errichten. Die Anwohner laufen Sturm. „Wir wollen keine Fanatiker nebenan“. Der Staatsschutz spricht von einer islamistischen Organisation, die verfassungsfeindliche Ziele verfolgt. Nicht mit Gewalt, sondern durch die Hintertür. Wie der Wolf im Schafspelz. Nicht unsere Verfassungen, sondern die von Allah gegebene Ordnung sei rechtmäßig, diese nachzuahmen eine „teuflische Krankheit“. Stehe klar und deutlich in den Publikationen der Fundamentalisten, sagen Verfassungsschützer. Zwei weltanschauliche Grundzüge prägten „Milli Görüs“: türkischer Nationalismus und ideologisierter Islam. Verboten sind sie nicht. Aber eine gute Presse haben sie auch nicht, die Kämpfer für „Adil düzen“(„gerechte Welt“, nach ihrem Verständnis in der Einheit von Staat und Religion). In letzter Konsequenz wäre dies der überwunden geglaubte Gottesstaat. Für die deutsche Situation aber stellt sich die Frage: Hinterhof oder öffentliche Kontrolle?

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 12)


Papstwiese

Don und Lillian Gook haben einen weiten Weg hinter sich. Sie kommen aus Kanada, genauer: aus dem Städtchen Quesnel im nördlichen British Columbia, das liegt zwischen Prince George und Williams Lake, was man hierzulande wohl nicht so genau kennt, und – schon eher bekannt – 500 Kilometer nördlich von Vancouver, in Richtung Pazifischer Ozean, also ein ganzes Stück von Regensburg entfernt, fast um die halbe Erde.

Muss man Quesnel kennen? Aber sicher doch. Klettern wir auf einen Planwagen, und auf geht’s, entlang der Cariboo Wagon Road, immer dem Gold Mining Trail nach. Ein Hauch von Abenteuer umweht den Reisenden. Der Yukon ruft. Erinnerung an goldene, aber auch raue Zeiten. Quesnel streitet mit Nome, oben in Alaska, wer die größten Goldpfannen aus dieser Zeit vorzeigen kann. Heute finden allenfalls Hobby-Goldwäscher noch einen Nugget, dafür hat „Goldpan City“ jede Menge Natur pur zu bieten. „Eine malerische Stadt, in einem stillen Tal, umgeben von Bergen, in einer Landschaft mit klaren Flüssen und Seen“. Im Winter allerdings kann es lausig kalt werden. Es wurden bis zu 46,7 Grad minus gemessen. Also jede Menge Eis und Schnee, womit wir wieder bei Don und dem Anlass seines Regensburg-Besuches sind.

Die Erinnerung an Quesnels goldene Vergangenheit hat ihn nicht daran gehindert, sein Glück in „good old Germany“ zu versuchen, in einem Beruf, der den Kanadiern sozusagen auf den Leib geschneidert, oder besser noch: an die Füße geschnallt ist: Eishockey. Das kanadische Rauhbein fand ein passendes Team, die Regensburger Eisbären – was dem Mann aus den kälteren Breiten Amerikas schon vom Namen her sympathisch klang. Von daher also stammt – kurz gesagt – die Beziehung zu der Stadt, wo Naab und Regen mit der Donau weiterwandern und Fränkischer Jura und Bayerischer Wald sich die Hand reichen, Flussebenen und der Gäuboden miteinander verschmelzen. Womit auch schon etwas über die geographische Lage der Stadt gesagt ist, die für Don und seine Frau Lillian für einige Jahre zur zweiten Heimat wurden, wo sie enge Freundschaft schlossen und nun zur Hochzeit des Sohnes von Don’s Spezl mal schnell rübergeflogen kamen. Da passte es gut, gleich noch ein zweites „Big Event“ mitzunehmen. Papst Benedikt XVI., the Pope from Germany.

Das Islinger Feld, eine weitflächige Anhöhe über Regensburg, wurde kurzerhand in „Papstwiese“ umgetauft. Mit einigem Aufwand hergerichtet für das große Ereignis, den Gottesdienst unter freiem Himmel. Bis der Altarhügel aufgeschüttet werden konnte – auf fünf Meter über dem Publikum, 180-Grad-Panorama-Übersicht –, war gefährliche Vorarbeit angesagt. Das Gelände musste zentimetergenau nach Munition abgesucht werden – nicht aus aktuellen Gründen, obschon das auch –, sondern nach Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg. Regensburg war Ziel schwerer Luftangriffe der Alliierten gewesen. „Blindgänger“

wurden, soweit bekannt, nicht gefunden. Und Benedikt blieb erspart, auf einen nahen Truppenübungsplatz umzuziehen, wie die Oberpfälzer Regierung vorgeschlagen hatte, um die Autobahn nicht sperren zu müssen, weil die Veranstalter dort die Pilgerbusse parken lassen wollten. Also sprach Günther Beckstein, Bayerns Innen- und Polizeiminister, das für solche schwierigen Entscheidungen vorhandene „Machtwort“. Es blieb bei der Papstwiese.

Don und Lillian Gook nebst dem Meindl, Martin, dem Freund aus gemeinsamen Eishockeytagen, haben es sich inzwischen gemütlich gemacht, soweit man das von einem Hochsitz, drei Meter über dem Boden, sagen kann. Respektvoll hinter dem Absperrzaun und auf gebührende Distanz zur Papst-Insel. Aber wozu hat man Ferngläser. Die Polizei hatte die Sonderbaumaßnahme inspiziert, auch das Zelt, in dem die ungewöhnlichen Zaungäste die Nacht verbracht hatten, und alles für Recht und Ordnung befunden: kein Sicherheitsrisiko.

Das „Hauptpilgerfeld“ – frühere Ackerfläche, die vom Bistums eigens gepachtet und mit Gras eingesät worden war – ist „orthogonal strukturiert“, die „Sektoren“ nummeriert. Hunderttausende dürfen kommen, wenn sie denn kommen, weil viele – die Polizei hat vor einem „Ansturm“ und vor Staus auf den Straßen und vor Parkproblemen gewarnt – es dann doch vorgezogen haben, sich den Heiligen Vater im Fernsehen anzuschauen, in der ersten Reihe, daheim auf dem Sofa.

Beim „corsa di autopanoramica“ – Benedikts Fahrt im verglasten Papamobil – mussten die TV-Teilnehmer jedenfalls nicht so sehr die Hälse recken wie die Menge ab der zehnten Reihe auf dem Islinger Feld. Und dann auch nur auf Großbildwänden.

Papst Benedikt der Missionar: Die Zeit sei gekommen, wieder stärker von Gott zu sprechen, den Glauben zu verkündigen, zu beten. Denn: Seit der Aufklärung arbeite wenigstens ein Teil der Wissenschaft emsig daran, eine Welterklärung zu finden, in der Gott überflüssig werde.

Während einer Reise nach Litauen – seinerzeit gab das Politbüro die verbindlichen Glaubenswahrheiten vor – besuchte ich, „verdeckt“ gegenüber den allgegenwärtigen Aufpassern, das Atheismus-Museum, in das eine der großen Kirchen von Wilna umfunktioniert worden war. Unübersehbar in der Raummitte eine Art Triptychon. Es zeigte einen Jesuiten aus dem 16. Jahrhundert und zitierte dessen Erkenntnis: Der Mensch sei der Schöpfer aller Dinge. „Ergo non est Deus“ in etwas beknacktem sowjetisch-marxistischem Dolmetscher-Latein. Von der Decke baumelte ein Sputnik-Modell. Meldung des ersten Kosmonauten der Welt: Bin dort oben Gott nicht begegnet. Es muss allerdings wohl so gewesen sein, dass Jurij Gagarin während seines kurzen Ausflugs in den Weltraum vermutlich ziemlich intensiv mit der Beobachtung der Instrumente in seiner engen Kapsel beschäftigt gewesen war.

Die Altarinsel: eine wahre Schatzkammer religiöser Kunst. Der Altar, aus Auerkalk aus Kelheim (das Mittelstück wird später der Kirche zu Pentling, Benedikts frühere Wohngemeinde, geschenkt); das Altartuch haben die Armen Franziskanerinnen der Ordensgemeinschaft von der Heiligen Familie, kurz Mallersdorfer Schwestern genannt, mitgebracht, „die Generaloberin legt es persönlich auf den Altartisch“. Da fügt es sich, dass einen Monat später ihr Ordensgründer Paul Josef Nardini seliggesprochen wird. Erstmals nach langer Zeit wieder eine Beatifikation im Bistum. So hat Benedikt entschieden, nach der Flut der Heiligen und Seligen unter seinem Vorgänger, die einem Papst kaum noch Luft für andere Amtsgeschäfte lassen. Den kanonischen Akt im Dom zu Speyer nimmt ein Pfälzer Priester für einen Pfälzer Priester vor: Friedrich Wetter, Bischof von Speyer, bevor er auf den Stuhl von München-Freising berufen wurde. Nardini in Germersheim geboren, Wetter in Landau – zwei Nachbarschaftorte. Die Pfalz wurde zu Nardinis Zeit vom bayerischen König regiert. Elend herrschte in Pirmasens, als der Selige dort wirkte. Schattenseiten der Industrialisierung. Caritas war das christliche Gebot der Stunde. „Caritas urget nos – die Liebe Christi drängt uns“, das Leitwort der Armen Franziskanerinnen. „Deus caritas est“ – die erste Enzyklika Benedikts.

Bei den liturgischen Geräten verdient Erwähnung der Wolfgangskelch, um 1250/60, Memoria zu Ehren des Bistumspatrons, wie der vergoldete Wolfgangsschrein vor dem Altar. Das Altarkreuz, um 1370, stammt aus der Schottenkirche St. Jakob. Im „Hinterkopf Christi“ entdeckte man einen Hohlraum. Darin seit 600 Jahren verborgen zwei Reliquiensäckchen und ein Lederetui. In diesem wiederum ein silberner Behälter in der Form eines Schmetterlings in Lebensgröße. Die Enden der Fühler mit Perlen besetzt. Die Flügel mit Emailmalerei bunt verziert. Der Inhalt des Schmetterlings: Eine Darstellung der Kreuzigung Christi. Auf der Rückseite, in zwei Fächern, Reliquien der heiligen Ursula und des heiligen Achatius, und in einem eigenen kreuzförmigen Fach ein Partikel vom Kreuz zu Golgatha. Spötter behaupten, lege man alle Holzspäne aneinander, die angeblich aus Jerusalem in alle Welt getragen wurden, begehrtes Souvenir der Kreuzritter, könne man einen Fußsteg um die halbe Welt bauen. Glaube versetzt, wie man in Regensburg sieht, nicht nur Berge.

Nicht zu vergessen die alte Kathedra aus St. Ulrich, für Benedikt mit einer Husse (eine Schutzhaube für die Rückenlehne) bezogen, die sein Wappen zeigt. Aus St. Ulrich auch eine der ältesten Glocken Regensburgs, auf 1240 datiert. „Sechsmal wird sie bei der Wandlung angeschlagen“. Last but not least: Die Gärtnerei, gleich neben der „Papstwiese“, dekorierte das ganze Ensemble der Papstinsel mit 1000 weißen Lilien. Unterm Krummstab läßt’s sich’s gut leben, sagten die Untertanen in alter Zeit.

„Aber die Sache mit dem Menschen geht nicht auf ohne Gott, und die Sache mit der Welt, dem ganzen weiten Universum, geht nicht auf ohne ihn“, predigt der Papst. Von dort oben, vom Himmelszelt, sieht der Planet, auf dem die Menschen leben, wie eine marmorierte Murmel aus, wie wir von atemberaubenden Aufnahmen aus Raumstationen wissen. Die Erde ist kein Spielzeug für die einen, die die anderen nicht mitspielen lassen wollen. Benedikt: „Unrecht darf uns nicht gleichgültig lassen, wir dürfen nicht seine Mitläufer oder sogar Mittäter werden. Wollen wir nicht, dass einmal all den ungerecht Verurteilten, all denen, die ein Leben lang gelitten haben und aus einem Leben voller Leid in den Tod gehen mussten, Gerechtigkeit widerfährt?“

Die ersten Reihen unterhalb der Altarbühne sind mit Stuhlreihen versehen. Namensschilder, damit jeder seinen Platz finde: die „hohe“ Politik – der Ministerpräsident nebst Gemahlin, die Herren Staatsminister und Sekretär, der Herr Oberbürgermeister – die Bundeswehr-Generalität, der Adel. Voran Ihre Hoheiten Albert Fürst von Thurn und Taxis und Mutter Gloria.

Der Malteser-Hilfsdienst, für alle Fälle bereit, notierte ins Dienstbuch: Bis zum Mittag 318 Patienten versorgt, einen Herzstillstand reanimiert – kein Wunder, wenn einem die Knie weich werden.

Die Kirche feiert an diesem Tag das Fest „Mariae Namen“. Der Papst wird an seine Mutter denken. Vor dem Bild der „Schutzmantelmadonna“ (dem „Zentralen Gnadenbild der Marianischen Männerkongregation“) versammelt Benedikt die Gemeinde zum „Marienlob“. Man hat das Gnadenbild aus der Dominikanerkirche zur Papstwiese gebracht, „klimageschützt“. Joseph und Georg Ratzinger hätten schon immer eine innige Beziehung zu dieser Darstellung der Gottesmutter empfunden, weiß der Dom-Zeremoniar.

Bei uns zu Hause „auf dem Land“, gab´s zum Namenstag der Mutter am Nachmittag stets Kaffee und Kuchen. Beim Vater – auch er ein Josef – war es nicht anders. So zählte das Jahr, „gut katholisch“, wie die evangelische Anverwandtschaft drei Dörfer weiter zu sagen pflegte.

Die Liturgie des Tages ist reich an Gebeten und Liedern zur Gottesmutter: „Unter Deinen Schutz und Schirm…“ und „Maria breit den Mantel aus“. Das Ave Maria selbstverständlich. Zum Abschluss das mächtige „Te Deum“ mit Chor, Orgel und Bläsern und Hunderttausend Stimmen. Ein starkes Bekenntnis unterm Himmel weiß und blau.

„Ich glaube an Gott…“. Erster Satz des Credos. Der Mensch und seine Vernunft sei nicht ein Zufall der Evolution, eine Hervorbringung eines mathematisch geordneten Kosmos – sondern schöpferische Vernunft des Geistes. Hier wirke die Vernünftigkeit Gottes. Alles andere sei im letzten „also doch auch“ etwas Unvernünftiges. Fazit: Glaube ist nicht das Gegenteil von Vernunft.

„Wer glaubt ist nicht allein“. Auch der Andere soll nicht allein gelassen werden. Wenn er ausgegrenzt ist, Not leidet, ist das christliche Liebesgebot gefordert. Gleiches gilt für die Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen. Von einem eigenen festen Standpunkt aus. Nicht ohne Gott freilich. Benedikt sagt: Wer einer Vernunft anhänge, die taub sei gegenüber dem Göttlichen, und Religion in den Bereich der Subkultur abdränge, sei unfähig zum Dialog der Kulturen.

„Der Papst ist zuerst Mensch“, verriet der Mainzer Kardinal seinem Frankfurter Leib- und Magenblatt. Wer hätte das gedacht? Der Kölner Mitbruder beförderte Benedikt gar zum „Mozart der Theologie“. Ein interessanter Beitrag zum Mozartjahr. Da blieb dem Genueser Kardinal, einem bekennenden Fußballfan, nur noch eine Steilvorlage: Ein „Beckenbauer“ sei der deutsche Papst, „ein zurückgezogener Regisseur, der lange Pässe schlagen kann.“ Und Tarcisio Bertone ist jetzt sein Allroundtalent, im Angriff wie in der Verteidigung. Als ehemaliger Sekretär der Glaubenskongregation und neuer Staatssekretär Seiner Heiligkeit sollte er natürlich den Ball beherrschen und in der Lage sein, Eigentore zu verhindern.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September 2006 (Folge 11)


Wie aus einer Liebesnacht eine Weltgeschichte wird

„Wenn hinten fern in der Türkei die Völker aufeinander schlagen“, was den Herrn Geheimrat Goethe nicht sonderlich beunruhigte, ließ den Papst, einige Jahrhunderte zuvor und geographisch näher an den Kriegsschauplätzen, natürlich nicht ruhig schlafen. Immer nur Ärger im Osten. Bevor es gegen die Türken ging, allerdings hausgemachte Schweinereien. Wie der vierte Kreuzzug in einer Mordorgie endete, nicht im Heiligen Land, sondern in Konstantinopel, und da lebten Christenmenschen. Getrennt zwar von Rom aus vielerlei Gründen, wobei Glaubensfragen bei näherem Hinsehen eher die geringere Rolle spielten. Und

jetzt das Blutbad. Weil Venedig die Konkurrentin am Bosporus aus dem Feld schlagen, das heißt selbst die wichtigen Seewege in den Orient und noch weiter nach Osten kontrollieren wollte. Die Osmanen rückten später nach Westen vor. Sie kamen mit dem Schwert und ungezügelten Reiterheeren, Kriegführung nach der Methode Dschingis: Kopf ab, Aufspießen. Aber da konnten die Kreuzritter sich nicht beklagen. Soldat sein ist kein Kinderspiel, wie man an entsetzlichen Bildern aus den Kriegszonen zwischen Bagdad und dem Hindukusch sieht.

Zurück ins Mittelalter. Kaiser Johannes VIII. Palaiologos, ein Nachfahre des inzwischen zu einer gewissen Berühmtheit gelangten Manuel, schickt einen verzweifelten Hilferuf an den Papst in Rom. Der verfügt nicht nur über finanzielle Mittel und politischen Einfluss, sondern befehligt auch eigene Truppen, zum Beispiel Sklaven auf Kriegsgaleeren. Eugen IV., gebürtiger Venezianer, erkennt die Gunst der Stunde, schickt einen seiner gescheitesten und erfahrensten Diplomaten an den Bosporus, einen gewissen Nikolaus Chryfftz, aus Kues an der Mosel stammend, unter Lateinern besser bekannt als Nikolaus Treverensis oder auch Nicolaus Cusanus. Beachtliche Karrieresprünge wird der Cusaner noch machen, eines Tages als „papabili“ gehandelt werden. 1437/38 aber stehen schwierige Verhandlungen an. Waffenhilfe für den bedrängten Kaiser gibt’s nicht für ein „Vergelt’s Gott“. Der Preis ist hoch: Rückkehr in den Schoß der Mutterkirche, Union mit Rom. Aufhebung der Scheidung von 1054.

Mit der anderen Seite, den Muslimen, hatte der Deutsche einschlägige Erfahrungen gesammelt. Statt mit Waffen mit Gedanken zu argumentieren war seine Devise. Vielleicht könnte man sie ja bekehren. Man fand das seinerzeit nicht abwegig. Auch die Union mit den Orthodoxen war zum Greifen nah, der Kaiser „reif“ für die Heimkehr. Aber seine Hausmacht war wohl nicht stark genug. Die Verhandlungen ziehen sich hin. Die Metropoliten, diese regionalen Kirchenfürsten, aber machen nicht mit. So kommt es, wie es nicht zu ändern war. Die Türken rücken vor. Janitscharen stürmen an. Nach zweimonatiger Belagerung, am 29. Mai 1453, fällt Konstantinopel der türkischen Übermacht zum Opfer. Der inzwischen amtierende byzantinische Kaiser Konstantin XI. fällt auf den Zinnen. Sultan Mehmed II. lässt

die Stadt plündern und die Oberschicht köpfen. Für den römischen Papst hat nun die „apokalyptische Gefahr für die gesamte Christenheit“ greifbare Gestalt angenommen.

Jenseits des Meeres sieht man die Fahnen des Propheten, die Reiter des Sultans aufziehen. Die Handelsstraßen zur See sind nicht mehr sicher. Wie die Gefahr bannen? Ein Militärbündnis muss geschmiedet werden, zwischen denen, deren Interessen auf dem Spiel stehen: Venedig, Spanien, Habsburg. Eine schnelle Eingreiftruppe, eine „Task Force“ würde man heute wohl sagen, vor allem zur See.

Und damit sind wir wieder in Regensburg, am Haidplatz. Vor dem Haus „Zum Goldenen Kreuz“, mit seiner prächtigen Fassade. Wer ist nicht alles in dieser Herberge abgestiegen? Habsburger und Preußen, Hessen und Württemberger, Sachsen und Wittelsbacher. Fürst Bismarck auf der Reise nach Gastein, um sich mit Wien das Land Schleswig-Holstein zu teilen. (Ein Jahr später hauen Preußen und Österreicher schon wieder aufeinander los.) Auch Kaiserin Elisabeth, unser aller Sissy, finden wir auf der Gästeliste des Hauses. Aber das ist natürlich nichts gegen die folgende Geschichte, die sich wahrhaftig so zugetragen haben soll, wie an der Außenfassade beschrieben. Zum besseren Verständnis mit leichten Verbesserungen wiedergegeben:

In diesem Haus von alter Art, / hat oft genächtigt nach langer fahrt,
Herr Kayser Carl, der fünft genandt, / in aller Welt gar wohl bekannt.
Der hat auch hier zu gueter Stund / geküsset einer Jungfrau Mundt.
die selb die hiess bei fern und nah / man nur die schöne Barbara.
Ihr Stamm war bieder schlicht und recht, / Plumberger schreibt sich das Geschlecht.
Dem bracht des Kaysers Lieb viel Leid, / doch trost und heyl der Christenheit.
Dann draus erwuchs, dem Vatter gleich, / der Don Juan von Oesterreich,
der bey Lepanto in der Schlacht, / vernichtet hat der Türken Macht.
Der Herr vergelts Ihm alle Zeit, / so jetzt wie auch in Ewigkeit.

Ohne Barbara Blomberg, Tochter eines Gürtlers zu Regensburg, also keine Rettung des Abendlandes. Don Juan steigt zum Admiral der Vereinigten Armada auf und besiegt die türkische Flotte in der Seeschlacht von Lepanto. Das war am 7. Oktober 1571. Regensburg, so stolz auf den in den Mauern der Stadt zwar nicht ganz nach den Vorschriften der Kirche gezeugten Sohn Seiner Katholischen Majestät, nahm vor einigen Jahren gern das Geschenk der Stadt Messina an, die Kopie einer Statue des Seehelden, und stellte diese im Stadtzentrum auf.

Pius V. (1566-1572) steuerte seinerzeit das Schifflein Petri durch die schwere See. Für ihn und seine gläubige Gemeine hatte allerdings jemand ganz anderes den Sieg errungen und das christliche Abendland vor dem Untergang gerettet: Natürlich die Gottesmutter, „Maria vom Rosenkranz“. Alle sollten den Rosenkranz beten, sozusagen simultan. So hatte es der Papst verordnet. Maria hat geholfen, die flehenden Gebete des ganzen katholischen Erdkreises erhört. Wer’s nicht glauben mag, betrachte die „kostbarste Monstranz der Welt“ in der Asamkirche zu Ingolstadt. In Gold und Silber dargestellt: Das Türkenschiff sinkt, Sultan Kara Mustafa flieht, und die Haremsdamen ersaufen. In den Mastkörben der Schiffe unter der christlichen Flagge schauen Juan d’Austria und auch ein Bayer, nämlich Herzog Albrecht V., sowie der Doge von Venedig über das weite Meer. An Deck des Leitschiffes steht selbstverständlich – wer denn sonst? – Pius V.

Als „scharfer Hund“ galt er, dieser Ghislieri. Dominikaner. Aus dem Orden, dem die Päpste die weiße Soutane verdanken. Andersdenkende haben bei ihm keine Chance. Das hat er schon als Großinquisitor demonstriert. Die Juden ließ er aus seinem Kirchenstaat vertreiben, bei Strafe der Exekution, wenn sie dem Ausweisungsbefehl nicht folgten. Auch die Bartholomäusnacht gegen die Hugenotten geht womöglich auf seine Kappe. Nicht Aussöhnung der Konfessionen, wie sie diese „Mischehe“ zwischen dem protestantischen Heinrich von Navarra und der evangelischen Margareta von Valois bewirken sollte, sondern Religionskriege waren die Folge der „Pariser Bluthochzeit“. Wie sein Vorgänger Paul III. legte er sich mit der englischen Krone an und exkommunizierte Elisabeth I. Was diese wiederum mit einem Blutbad unter den Katholiken auf der Insel beantwortete. Gleichwohl schaffte es dieser Pius, „der Fromme“, zur Ehre der Altäre zu gelangen.

Zunächst war Ruhe auf See und an der italienischen Küste. Auf dem Balkan freilich marschierten die Janitscharen voran, auch Christenknaben, vom Sultan zum Kriegsdienst übernommen. Dann der Ruf, dem Vormarsch der „blutdurstigen“ Truppen Solimans des Prächtigen vorauseilend: „Die Türken vor Wien!“ Der ersten Belagerung von 1529 folgt die zweite, 1683. Und schließlich die erlösende Nachricht. Ende des Alarms. Nach dem Sieg von Peterwardein (5. August 1716) verordnet Klemens XI. der ganzen Kirche den Rosenkranz, Leo XIII. will jeden Tag im Oktober den Rosenkranz beten lassen, Pius X. legt den 7. Oktober als Rosenkranzfesttag fest, und Pius XI. veröffentlicht eine entsprechende Enzyklika. Was eine Reise nach Regensburg nicht alles zutage fördert. Bayernland – Marienland.

War das schon der „clash of civilizations“? Vielleicht ein bisschen. Im „Namen Allahs“ oder um „Christi Willen“ ließen sich allerdings auch irdische Bedürfnisse befriedigen: Die Kriegsherren stillten ihren Hunger nach Ländern, Völkern und Meeren, den Kriegsknechten kam es mehr auf Form und Größe des Bragetto an, der Schamkapsel. Ein modisch’ Ding für Ausgaben und Einnahmen, wie der Sachkenner augenzwinkernd erläutert. (Wir ahnen noch nicht, dass einigen Leuten bald das Lachen vergehen wird, „Regensburg“ bald rund um die Welt läuft, insbesondere entlang dem Grünen Gürtel, Papstpuppen abgefackelt werden.)

Donaustrudl

Heute stockt der Umsatz. Der „Donaustrudl“ liegt unberührt im Packen neben der Frau, die aber ganz unaufgeregt die Sachlage zur Kenntnis nimmt. Die Fremden kaufen nicht, und die Einheimischen sind irgendwo beim Papst. Die Straßenzeitung dient den Menschen, die das Leben gebeutelt hat. Ein Teil des Erlöses geht in soziale Projekte. Natürlich kommt auch der „Donaustrudl“ um den hohen Besuch aus Rom nicht herum. Das Titelbild wäre doch Werbung genug gewesen. Schaut her. Auch wir machen mit. Vielleicht hat sich der Graphiker zu stark inspirieren lassen: Gotische Domspitzen vor untergehender Sonne, das Stationskreuz auf der „Papstwiese“ vor den Toren der Stadt. Dunkle Farben, etwas düster. Der Inhalt: Für jeden etwas. Ein papsttreuer Marienverehrer kommt zu Wort; die Frage nach den Kosten der gesamten Reise wird gestellt. Na klar, bei der Klientel, für die das Blatt verkauft wird. Dorothea Bauer schreibt Nachdenkliches: „An den verborgenen Gott“. Sie kann nicht glauben, dass dieser „nach obskuren Regeln den einen Krebs und frühen Tod, den anderen Reichtum zuerkennt.“ Nein, sie glaubt, „dass Dein Sohn Dein Wesentliches uns gelebt hat, … dass der Betende in einen Raum geleitet wird, den weder Angst noch große Schuld je füllen können, mit dem Fluch sinnlos im Strom der Zeit zu kreisen.“

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Dienstag, 12. September (Folge 10)


Ausflug in die Geschichte

Regensburg, „nördlichste Stadt Italiens“, 2000 Jahre alt. Die Sonne ist gerade aufgestanden, die Häuser reiben sich den Schlaf aus den Augen, Fensterläden öffnen sich, die Stadtreinigung sammelt die verstreuten Reste der nächtlichen Ausgehzeit beisammen. Frühtau klebt noch auf dem Pflaster. Eine Ladenbesitzerin schließt die Eingangstüre auf. Von der anderen Seite her weht der Duft frischen Backwerks über den Haidplatz. Regensburg erwacht.

Auch der Oberbürgermeister ist schon unterwegs. Einen Unterschenkel in Gips – unglücklicher Sturz. Aber Dienst ist Dienst, und heute ein besonderer. Höchster Besuch hat sich schließlich angemeldet. Regensburg weiß, was es dem großen Sohn der Stadt (ein Titel mehr für Benedikt) schuldig ist und – nicht zu vergessen – ihm verdankt: Könnten wir aus unserem Stadtsäckel gar nicht aufbringen, was uns der Papst an Sympathiewerbung einbringt, sagt verschmitzt der OB.

Hinein in die Zeitmaschine. Zurück in die Geschichte. Alte Kapelle und Porta Praetoria, das älteste Steinhaus Deutschlands; die Steinerne Brücke und das Alte Rathaus. Dort tagte der „immerwährende“ Reichstag des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, mit dem „grünen Tisch“, an dem entschieden, und der „langen Bank“, auf die schwierigere Sachen geschoben wurden. 173 Jahre hat er gewährt und Regensburg zum Nabel der Welt gemacht, und es wäre vielleicht so weitergegangen, wenn Napoleon nicht unbedingt hätte Kaiser werden wollen, was ihm von dem Habsburger Franz II. zunächst vermiest wurde. 1803 war aber erst einmal Schluss. Und deshalb heißt die Schluss-Sitzung ja auch „Reichsdeputationshauptschluss“. Wie man sieht, hatte die Bürokratie schon damals das letzte Wort. 1806 dann endgültig Aus, Ende und Vorbei, das Reich erloschen nach über 800 stolzen Jahren seit Otto dem Großen. Da hat sich Napoleon an dem Habsburger gerächt und ihm die deutsche Reichskrone vom Haupt genommen. Was diesen wiederum nicht grämte, weil der Wiener sich schon zwei Jahre zuvor zum Kaiser von Österreich erklärt hatte, sich seitdem Franz I. nannte und sich nun endgültig auf seine k.u.k. Besitztümer zurückziehen konnte. Während der Franzose den Preußen ein Bein nach dem anderen stellte, ihnen den Rheinbund vor die Nase setzte, erkauft mit allerlei Kronen und anderen Hoheitstiteln und -rechten. Bald war der kleine Mann mit dem unstillbaren Hunger nach Macht Herr über halb Europa. Bis auch ihn und vor allem seine Armeen das schreckliche Ende traf. Die Restauration folgte, die alten Zustände wurden wiederhergestellt, als hätte es nie den Marsch auf die Bastille gegeben. Armes Europa. Regensburg ist einen Gang durch die deutsche Geschichte wert.

Wo anfangen, wo aufhören: Keltisches Radasbona und „Catra Regina“ – römisches Militärlager, der Dritten Legion. Heinrich der Löwe, den in Regensburg das Pech in der Person des Kaisers Barbarossa ereilte, der den Welfen als Bayern-Herzog in die Wüste schickte und die Wittelsbacher holte, die dann 700 Jahre blieben. Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging. Wallenstein und Tilly, und so weiter und so fort.

Regensburg kreuz und quer: Baumberger Turm und Kräutermarkt, Tandlergasse und Kramgasse. Das Wurstkuchl, das älteste der Welt. Und die älteste deutsche Confiserie vorbei, deren Pralinés sich schon die Reichstagsabgeordneten haben munden lassen. Oder einen Schmalzler gefällig, auf Hochdeutsch: Schnupftabak? Aus der ältesten Herstellung in Deutschland. Die Regensburger Rekordliste will kein Ende nehmen. Die Regensburger Domspatzen singen seit über 1000 Jahren und inzwischen auf allen Tonträgern und reisen um die Welt. Beim Hutmacher im Schaufenster, zwischen „Speckbachern“, „Miesbachern“ und „Kötztingern“ neuerdings das Modell „Benedikt XVI.“, rot ausgeschlagen mit rotem Hutband.

Die bayerische Tourismusbranche rechnet mit einer Einnahmesteigerung um 85 Millionen, a la longue. Benedikt hat geholfen. Ihre Hoheit die Fürstin hat ebenfalls bisher tatkräftig mitgewirkt, als Schirmherrin des Stadtmarketing. Adel verpflichtet. Fürst Alexander, einer der älteren Vorfahren aus der Thurn und Taxis-Linie, hielt schließlich als Generalpostmeister der unter seinen Farben reisenden Kutschen in der Hand und auch die politischen Fäden, als Repräsentant des Kaisers beim Reichstag. Die Fürstin, der Managementqualitäten bescheinigt werden, dürfte ein klein wenig auch an die eigenen Interessen gedacht haben: „Vielleicht sehen wir uns auf Schloss Emmeram in einem unserer Museen und anschließend im Biergarten des fürstlichen Brauhauses im Schlosspark“ – was natürlich nun nicht heißt, die Prinzessin habe jederzeit und für jedermann einen Termin frei. Aber wer weiß, wann einem das Glück hold ist.

Nur wenige Schritte entfernt vom Schloss zur Stadtseite hin St. Emmeram. Ort der geistigen Ruhe und inneren Einkehr. Mit der Basilika haben die Gebrüder Asam ein Barockkunstwerk hinterlassen. Das Gotteshaus hat freilich eine Reihe von Vorfahren. Beginnend mit einem Kloster der Benediktiner im 7. Jahrhundert. Kurz vor der Jahrtausendwende findet Wolfgang, der gebürtige Schwabe, nach Regensburg. Als Wandermissionar war er von der Schweiz bis an den Niederrhein unterwegs, hatte sich Ansehen auch in Führungsaufgaben erworben. Die letzten 22 Jahre seines Lebens, von 972 bis 994, leitet er das Bistum Regensburg. Reichsbischof ist er zeitweilig auch. 975 gründet er eine Domschule mit Chor, die Wiege der „Regensburger Domspatzen“. – Papst Leo IX. sprach in 1052 heilig. Wolfgang – der erste bayerische Nationalpatron.

Über Leo IX. wäre allerdings noch ein anderes Wort zu verlieren, bevor sich Benedikt zum Vespergottesdienst mit den getrennten christlichen Kirchen trifft. Bruno von Egisheim (1002-1054), so sein weltlicher Name, Elsässer der Herkunft nach, hat sich als einer der Väter des Großen „Morgenländischen“ Schismas verewigt, im letzten Jahr seines Pontifikats. Den Dogmenstreit zwischen Rom und Byzanz erledigt er per Federstrich – der nachhaltigste Verwaltungsakt vor seinem Tod. Er exkommuniziert kurzerhand die gesamte Abteilung Ost der einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Der Bruch ist da, die Einheit dahin. Die Zurückgewiesenen, selbst auch nicht gerade zart besaitet, zahlen mit gleicher Münze, dem Anathema heim. Zeigen den Lateinern trotzig die Stirn. „Glaubensverräter sind nicht wir, Irrlehrer seid ihr. Wir sind die Rechtgläubigen.“ Drum nennen sie sich fortan „orthodox“. Rom und Konstantinopel brauchen mehr als 900 Jahre, um wenigstens den gegenseitigen Kirchenbann aufzuheben. – Ein klein wenig Kirchengeschichte, nachgeschlagen zum Papstbesuch in Regensburg.

Der Watmarkt kommt in Sicht und der Zieroldsplatz, Patrizierhäuser und die Neue Waag, wo der Johannes Eck und Philipp Melanchthon während des Reichstags ihre Religionsgespräche fortsetzten. Das war 1541. Ihnen wurde aufgetragen, „nicht sich bekämpfen und Thesen zu verteidigen, sondern herauszufinden, welche Lehraussagen versöhnt werden könnten.“ Eine bis heute aktuelle Maxime.

Keinen Disput wollte man führen; ein freundschaftliches Gespräch sollte es sein, amicum colloqium. Noch stand Luther schließlich am Anfang. Sein Erzfeind aber, Johannes Eck, der eigentlich Mayer hieß, dieser flinkzüngige Mensch, im schwäbischen Rottenburg aufgewachsen: „schwätzen“ konnte er ja, aber mit scharfem Verstand. Wie er gegen die Reformatoren polemisierte – ein beinharter Verteidiger der Papst-Kirche, der Wittenberger mochte ihn nicht. Grob, wie der Mönch a. D. nunmal war, nannte er diesen Eck schlichtweg „Doktor Sau“. Ecks Gegenüber, der Humanist Philipp Melanchthon, eigentlich Schwartzerdt, trug den Ehrennamen Praeceptor Germaniae. Streiter an Luthers Seite, dem Eck gewachsen. Aber warum musste er nun ausgerechnet aus Bretten stammen? Einen Badener und einen Württemberger aufeinander loslassen – konnte das gut gehen?

Die beiden gelehrten Herren hatten es ohnehin nicht in der Hand. Es herrschten wirre Zeiten. Auf dem Papstthron saß Paul III. (1534-1549), ein Farnese, ein Fürst der ausgehenden Renaissance, der den Begriff „Nepotismus“ erfunden haben könnte, mit all den Wohltaten, die er sich und den Angehörigen seiner Familie zukommen ließ. Aber er erkannte auch die Gefahren, die der Mutter Kirche drohten. Heinrich VIII. mit seinem eigenwilligen Eheverständnis: den Bann über ihn und das Interdikt über England! Seitdem gibt es eine zweite Hochkirche: die anglikanische. Eine scharfe Glaubenspolizei musste her: die römische und universale Inquisition! Der Reformation setzte er die Gegenreformation entgegen (das Konzil von Trient, das in Bologna stattfand) und genehmigte sich eine geistliche Streitmacht: den Jesuiten-Orden! Die Schweizer Garde stellte er wieder auf die Beine und sorgte dafür, dass der Bau des Petersdomes vorankam! Er engagierte Michelangelo. Dem Papst sei Dank!

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Montag, 11. September 2006 (Folge 9)


Dorfszenen

Marktl: „Ein Dorf wird Papst“. Zwei Jahre seines Lebens hat der Ratzinger Bub im Dorf verbracht. In der Wiege, im Kinderwagen. Bild am Sonntag lüftet „das Geheimnis seiner Familie.“ Wie am 7. März 1920 im Altöttinger Liebfrauenboten der Vater, Josef Ratzinger, „niederer Staatsbeamter, katholisch, 43 Jahre alt, pensionsberechtigt“, in einer Kleinanzeige den Wunsch äußert, sich mit „gut katholischem Mädchen, das kochen und auch etwas nähen kann, über Aussteuer und etwas Vermögen“ verfügt, „baldigst zu verehelichen“. Die erste öffentliche Anfrage bleibt ohne Echo, so dass der schon etwas in die Jahre gekommene, inzwischen zum „mittleren Staatsbeamten mit tadelloser Vergangenheit“ aufgerückte Polizeikommissär es nochmal versucht. Vermögen macht er nun nicht mehr zur Bedingung und findet Erhörung bei Maria Peitner, gelernte Köchin und Tochter einer Dienstmagd.

Schon ist der Pfarrer von St. Oswald mit dem Taufbuch zu Hand, wonach den Eheleuten am 16. April 1927 ein Sohn geboren wurde, am selbigen Tag noch auf den Namen Joseph Aloisius getauft, an einem Karsamstag – wahrlich ein Ostergeschenk.

Bald schon musste die Familie umziehen, nach Tittmoning, bedingt durch amtliche Versetzung des Vaters. Damit war das Kapitel Marktl im Leben eines Papstes schon zu Ende. Aber da hat er die Rechnung ohne die Marktler gemacht. Die wissen schon, wo der Bartl den Moscht holt. Dem weiß-blauen Himmel sei Dank. Schließlich gibt es das Geburtshaus. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt, weil dort jetzt ein Museum steht. Fein herausgeputzt. Kleiner Zwischenfall: Ein unbekannter Täter muss sich ziemlich geärgert und in seiner Erregung zu Wurfbeuteln gegriffen haben, mit blauer Farbe gefüllt. Welch Sakrileg. In letzter Minute konnte die Schmach beseitigt werden, geübte Hände sorgten für die Wiederherstellung einer makellosen Fassade.

Hat der Ehrenbürger (Seit 1997. „Wir waren die Ersten!“) das Haus, in dem er den ersten Blick in die Welt tat, überhaupt eines Blickes gewürdigt, der deutbar und verwertbar wäre? Viel ist nicht überliefert, denn nur im Vorübergehen sozusagen machte er Halt – weil ein weiteres Ehrenmal huldvolle Aufmerksamkeit verlangte, einschließlich päpstlichen Segens selbstverständlich: Marktl hat jetzt eine Benedikt-Säule. Vom Eggenfeldener Bildhauer Joseph Michael Neustifter geschaffen. In Form einer großen Schriftrolle, vier Meter hoch, mit einem Auszug aus der Regel des heiligen Benedikt und Zitaten des Sechzehnten Benedikt.

Was noch ? Nicht nur Papstbier im „Tragerl“. Auch Papst-Medaillen galt es zu erwerben. Von Benedikt höchstpersönlich gesegnet, am Ende einer Generalaudienz, wie Monsignore Gänswein mit Brief und Siegel zertifiziert. Ein Teil des Erlöses geht an die Stiftung „Weltkinderlachen“. Freud und Leid einer Dorfgemeinschaft. Man wird später sicher noch einiges zu dem Thema zu besprechen haben, im Rat und an den Stammtischen. Bleibt’s stad!

Gloria, die Fürstin, hat sich eingefunden, nebst hochadeliger Freundin Alessandra, aus dem Hause Borghese. Wann und wohin auch immer sie eine Einladung erreiche, sie werde dabeisein. Auch Christoph Gottschalk, der Bruder vom Thomas aus der Telekom-Werbung, wird gesichtet. Und auch „Nobby“ – die Popularität mag er wohl schätzen – Norbert Blüm, unser „Die Rente ist sicher“-Minister. Begleitet von Ehefrau Marita. Aus gutem Grund, wie er jedem, der es wissen und später denn auch wohl ins Blatt bringen will, gern mitteilt: Sie beide hätten bei Ratzinger studiert, seinerzeit in Bonn. Und, welch glücklicher Zufall: sich dabei näher kennen- und schätzen gelernt. Das war damals, Anfang der 60er, als die Kirche sich aufmachte, Fenster und Türen zu öffnen, um die Innenräume kräftig durchzulüften. Man sprach ganz im Stil des Zweiten Vatikanischen Konzils von Aggiornamento – auf Deutsch etwas umständlich: Heutigwerden der Kirche. Und Papa Giovanni, der gute Papst, wurde von allen geliebt. Ein gewisser deutscher Theologe ging damals dem Konzilsvater Joseph Frings zur Hand. Es hält sich die Version, Joseph Ratzinger sei seinerzeit ein Progressiver gewesen, was dieser aber, die Einseitigkeit des Begriffs bedenkend, nur bedingt gelten lassen dürfte.

Anna Maria Kauffmann singt „Amazing Grace“, von Lautsprechern in die Straßen von Marktl übertragen. Die kanadische Sopranistin mit deutschen Wurzeln fühlt sich Land und Leuten verbunden. Hat am Tegernsee das Hotelfach gelernt, bevor sie als gefeierte Sopranistin und Musical-Star die Bühnen der Welt eroberte. Begleitet wird sie von der Gruppe „Genesis“ aus

dem Bistum Regensburg. Es dirigiert – welch ein Zufall – der Lufthansa- und Papst-Pilot Martin Ott. Er wird Benedikt nach Rom fliegen, wie im vergangenen Jahr von Köln aus. Da hatte er für eine Funkverbindung gesorgt, sozusagen vom Himmel auf die Erde, beim „legendären Überflug“ über die Heimatorte von Papst Ratzinger.

Amazing Grace“ erzählt die wundersame Geschichte von der Bekehrung eines Sklavenschiff-Kapitäns, der – welch „staunenswerte Gnade“ – aus schwerer See gerettet, bekehrt und schließlich Pastor wurde.

Unter den Ehrengästen in der ersten Reihe, vis-a-vis der Pfarrkirche St. Oswald, wird Madame Eva Filipiak begrüßt, die Bürgermeisterin von Wadowice, dem Geburtsort von Johannes Paul II. Zwei Orte schließen Freundschaft, gewissermaßen von Papst zu Papst. Gut nachbarschaftliche Beziehungen tun Not, besonders an dieser Grenze.

Benedikt XVI. verweilt, gemeinsam mit seinem Bruder – nicht ohne die leidige Fotografierei im Nacken – zu einem stillen Gebet in seiner Taufkirche und erneuert, wie berichtet wird, sein Taufgelübde. Anschließend schreibt er ins Goldene Buch der Gemeinde: „Der Herr segne diesen mir so teuren Ort.“

Marktl lädt aus gegebenem Anlass seine Besucher zu einer Ausstellung ein, die sich mit den Päpsten des 20. Jahrhunderts befasst. Jedem Pontifex wird ein persönliches Zitat zugeordnet. Man könnte das Programm des jeweiligen Pontifikats heraushören: „Wenn du eine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei entfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, gehe und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ – Paul VI. (Giovanni Battista Montini). Für Benedikt XVI. (Joseph Aloisius Ratzinger) steht: „Öffnet die Tore für Christus, dann findet ihr das wirkliche Leben“. Sein Vorgänger dem Namen nach, Benedikt XV. (Giacomo della Chiesa), auf die Zeitumstände bezogen: „Krieg ist die diskrete Tragödie des Hasses und des menschlichen Wahnsinns.“

Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli) empfahl: „Kommen wir zusammen, machen wir den Spaltungen ein Ende.“ Und am Anfang dieses Zeitabschnitts: Leo XIII. (Vincenzo Gioacchino Pecci), Papst der Jahrhundertwende, in den Umbrüchen des Industriezeitalters: „Das moderne Leben christianisieren, das geistliche Leben modernisieren.“

Zwei junge Männer, die sich entschlossen haben, mal vorbeizuschauen beim Papst, bringen es auf den Punkt: Die Kirche könnte etwas mehr Kreativität vertragen. Lockerer, nicht so verkrampft. Und offener zu den Christen der anderen Fakultät. So groß seien die Unterschiede doch gar nicht.

Man sollte einmal Margot Käßmann aus Hannover mit Mariae Gloria Ferdinanda Joachima Josefine Wilhelmine Huberta, Prinzessin von Thurn und Taxis, kurz „die Fürstin“ genannt, zusammenbringen, die Bischöfin und die „Päpstin“ (ein Wortspiel selbstverständlich nur). Was die beiden sich wohl zu sagen hätten? Die resolute Lutheranerin, die wegen des Verzichts auf ökumenische Gottesdienste im Weltrat der Kirchen dem Spitzengremium den Rücken kehrte, und die strenggläubige Katholikin, die ja bekanntlich auch nicht auf den Mund gefallen ist. Mit ihren anthropologischen Kenntnissen, speziell intime afrikanische Sitten betreffend („der Schwarze schnackselt gern“), hat sie allerdings einiges Erstaunen ausgelöst.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Montag, 11. September 2006 (Folge 8 )


Amazing Grace

Morgendlicher Gottesdienst mit Kollegen des „volo papale“ – das sind die auf dem Papstflug zugelassenen Journalisten, die meisten beim Vatikan akkreditiert. Viel Zeit bleibt nicht. Die Liturgie ausnahmsweise in Kurzfassung. Wir beten auf Italienisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Englisch und Amerikanisch. Jeder in seiner Sprache. Aber kein Zungenwirrwarr. Gott ist polyglott. Der Bus zum nächsten Termin wartet schon: Altötting.

Ein Generalissimus muss in diesen Tagen hinter Bühnenaufbauten in Deckung gehen. Dabei haben ihm Altöttinger Bürger ein schönes Reiterstandbild geschenkt, nach dem üblichen Für und Wider bei solchen öffentlichen Angelegenheiten. Zur Debatte standen die Verdienste des Johann t’Serclaes Graf von Tilly. Womit nicht seine Siege im Dreißigjährigen Krieg zugunsten der katholischen Liga in Frage gestanden haben dürften, bei denen er die Gottesmutter als Mitstreiterin an seiner Seite wusste, dank der heißen Gebete ihres größten Verehrers. In jenen Jahren, als die schwedischen Reiter dem Dschingis Khan in Europa den Rang abliefen, war Marias Beistand wohl mehr als himmlische Amazone gefragt denn als liebende Mutter und Trösterin der Betrübten, wie man aus Polen weiß. Dass Tilly zuvor gegen die Türken gekämpft hatte, dürfte ihm ebenfalls nicht zum Nachteil in der öffentlichen Meinung Altöttings gereicht haben. Und wie er in der Schlacht am Weißen Berg gegen Gustav VI. Adolf gezogen und zurückgeholt hat, was an die Protestanten verloren gegangen war.

Nein, das war es wohl nicht, was dem Tilly in Altötting nicht nur Freunde eingetragen hat. Nicht dass er ein Kriegsheld war, wird ihm angekreidet, sondern wie seine Glaubwürdigkeit, für eine gerechte Sache einzutreten, erheblich gelitten hat, er um keinen Deut besser war als der Feind mit dem anderen Taufschein. Wir reden von Magdeburg. Ein Hauen und Stechen war das, ein Brandschatzen, und kein Weib war vor der Soldateska sicher. Die prächtige Stadt an der Elbe, ein Fixstern europäischer Geschichte, fiel in Schutt und Asche. Seitdem wird diese Art der Kriegsführung auch „Magdeburgisieren“ genannt, „dank“ Tilly. Ein Dreipfünder aus einer leichten Feldschlange besorgte ihm schließlich eine massive Tetanus-Vergiftung, aus der es keine Rettung gab. Diese miserable Art des Heimgangs hat er mit tausenden seiner Soldaten teilen dürfen. Nun ruht er, seit 1652, in der Altöttinger Stiftskirche, in einem „gefensterten Sarg“. Man kann nicht sagen, er sei besonders attraktiv anzuschauen.

Benedikt hat ein Rendezvous mit seinen Erinnerungen. Heimat. Wo das bayerische, das altbayerische Herz schlägt. Wo die Häuser um den Markt sich an die Hand nehmen, ihre Giebel einander zuneigen, weil es immer etwas zu erzählen gibt. Wo die schmalen und verwinkelten Straßen noch Gassen heißen, Bäcker, Metzger und Apotheker sich den Ladenschluss zurufen können: bis gleich im „Goldenen Anker“. Wo man sich am Sonntag zum Hochamt um Zehn verabredet, die Uhren nach der Zeit des Mittagsläutens stellt und den Kalender mit den kirchlichen Hochfesten abstimmt und den Jahreskreis nach den Wallfahrten berechnet. Wo sich die Zu’greisten um den Ortskern niedergelassen, zunächst die Siedler in schmucken Häuserzeilen, dann, die Peripherie ausweitend, die Discounter, nicht nach architektonischer Einheitsnorm, sondern als buntes Gewürfel nach dem Gewerbesteuer-Prinzip. Wo Bauern-Kinder auf Pendler umsatteln mussten, Feld und Vieh als Nebenerwerb. Das ist Bayern „draußen auf dem Land“, Durchschnittsalltag. Keine Postkarten-Idylle, wie hoch droben auf der Alm, aber auch keine Ausnahme zwischen Alpen und Meeresstrand.

Reporter und Redakteure sind ausgeschwärmt. Denn jetzt sind homestories gefragt: Wie ein bayerischer Bub zum Führer einer Weltkirche wurde. Nachbarn, Bekannte, ehemalige Mitschülern zeigen ihre Fotoalben vor. „Der Papst war unser Nachbar“, „der Papst war mein Lehrer“. Der Ratzinger Joseph: ein Musterschüler, mit lauter Einsern und Zweiern; allerdings von mäßigem Untergewicht, wie der Schularzt feststellte, und insofern ein „schmales Hemd“. Der Turnunterricht eine „wahre Folter“. Akribische Recherchen: Traunsteiner Studienseminar St. Michael. Die HJ-Pflicht sei ihm einige Zeit erspart geblieben, dann aber doch nicht zu umgehen gewesen; anschließend, auch nicht freiwillig – wie andere seines Jahrgangs – Flakhelfer-Generation.

Nicht genug mit dem Joseph Alois, die ganze „Heilige Familie“ – geläufiger Name in der Nachbarschaft – muss her: Vater Josef und Mutter Maria, die Geschwister, der Georg und die Maria, das „Marienkäferle“ gerufen, „wegen ihres Kraushaars“, wie ein Freund der Familie, ein ehemaliger bayerischer Kultusminister, weiß. Vor allem Bruder Georg, Apostolischer Protonotar, ehemaliger Domkapellmeister und Dirigent der Regensburger Domspatzen, ist jetzt gefragt. Obschon er’s mit der Presse früher nicht so recht hatte, vor allem nicht mit den „Sensationsjournalisten.“

Eine Cousine hütet zwei kleine Messkännchen. Damit habe der Joseph gern gespielt. Also, wenn das kein Zeichen der Vorsehung war. Und der geneigte Leser erfährt nun endlich, wer der „Orgel-Ratz“ und wer der „Bücher-Ratz“ war. Und dass dem „Zigarrensepp“ dicke Tränen der Freude über die Wangen gelaufen sind, als die Nachricht vom Wahlergebnis schneller als früher der Postbote mit seinem Radl durchs Dorf eilte. Und warum die Standesämter seit dem Konklave einen Renner unter den Vornamen feststellen: Benedikt sei jetzt Favorit.

So, irgendwie, findet der Wanderer nach Altötting – zur „Kniebank des bayerischen Volkes“. Man umrundet gläubig oder ungläubig staunend die Gnadenkapelle, studiert interessiert zahllose Votivtafeln, Krücken und Handstöcke, Prothesen von Hand und Fuß. „Maria hat geholfen.“ Der Glaube versetzt Berge. Im Innern der Kapelle erwartet den Beter die Schwarze Madonna. Um sie herum ein Funkeln und Glänzen. Prachtvolles Silber. Wittelsbacher Walhall. Nicht irgendwelche Gebeine, nein, die Herzen, in kostbaren Schauurnen geborgen, bis zum Tag der Auferstehung. Also sagen die Einheimischen, die patriotischen jedenfalls: In Altötting schlägt das Herz Bayerns. Immerhin zehn regierende Herrscher, drei weitere Fürsten, elf fürstliche Frauen und fünf Bischöfe haben hier ihr Innerstes beisetzen lassen. Man zählt drei Leichname. Kaiser Karl VII. begegnen wir wieder, den wir schon in München kennengelernt haben, mit seinem Sohn, dem aus der amourösen Verbindung.

Bayerische, Wittelsbacher Geschichte und Geschichten: Dass Karl Albrecht in Brüssel geboren wurde, weil der Vater als Generalstatthalter der spanischen Niederlande dort oben im Flachland beschäftigt war. Mal Gut Freund, mal Händel mit den Habsburgern; familiäre Beziehungen zum polnischen Hof. Etliche hundert Jährchen Familienchronik haben einiges zu bieten. Man vertrug sich und man schlug sich. Kurfürst Soundso siegte gegen Graf Soundso. Unter den Morgensternen und Säbeln, Kartätschen und Kanonen ist allerdings in erster Linie das Fußvolk gestorben. Die „überzähligen“ Söhne von Hofbauern und Häuslern. Vor Höchstadt zum Beispiel. In einer Schlacht. Nomen est omen.

Nach Pius VI. und Johannes Paul II. gibt sich zum dritten Mal ein Papst die Ehre. Benedikt erwartet ein gedrängtes Programm. Außerdem hat er sich verspätet. Die Bundespolizei hat ihm einen ausgedehnten Hubschrauberflug über Dörfer und Städte, Wald und Flur seiner engeren Heimat geschenkt. „Größere Schleifen über Oberbayern“, und dann noch „eine große Runde“ vor der Landung.

Gottesdienst auf dem Kapellplatz, Gebet vor dem Grab des heiligen Bruder Konrad. Stets gut war er zu den Armen, die an seiner Pforte anklopften, um einen Teller Suppe. In der Basilika Begegnung mit den geistlichen Berufen, den Angehörigen der Orden und Gemeinschaften des geweihten Lebens. Benedikt ist gern in Altötting, man spürt’s. Da muss man nicht mit dem Papamobil den Kapellplatz umrunden. Es geht auch gut zu Fuß. „Wir nehmen den langen Weg“, entscheidet er kurzentschlossen. Lässt sich Zeit, nach links und rechts zu grüßen und zu segnen. Der Ortsbischof ist ganz angetan: „Schon ein kleines medizinisches Wunder, die Rüstigkeit des alten Herrn.“

Es lohnt sich, der Altarinsel einen Moment der Aufmerksamkeit zu schenken. Zuletzt 1980 gebraucht, zum Besuch von Papst Wojtyla – aber das Alter verbirgt sich elegant hinter dem frischen Make-up. Schön haben’s die Aufbauten hergerichtet. Die Papstbühne in verschiedenen Ockertönen, harmonisch abgestimmt auf die liturgischen Gewänder der Zelebranten. Die Musikbühne in Blautönen gehalten, als Kontrast zu den schwarz-weiß gekleideten Musikern. Man überträgt schließlich live. Unter dem Altar die Kopf-Reliquie des heiligen Bruders Konrad. Das liturgische Gerät vom Feinsten: Kelche, silber-vergoldet, aus der Zeit des Barock. Eigens aus der Schatzkammer hergetragen. Wie edel die Monstranz, die Erzherzog Franz Karl von Österreich der Gottesmutter vermachte. Die Hostienschale wurde eigens für den Anlass gefertigt, mit Wappen und Inschrift Benedikts, das Datum des Besuchstages eingraviert.

Es war in Vietnam. In einem Hotel außerhalb Hanois. Reserviert für Ausländer. Damit sie nicht „verloren“ gehen. Das Regime war streng, aber nicht zu streng, jedoch misstrauisch bei Leuten, die mit Religion und Kirche zu tun hatten. Heimlich haben wir – der Prälat aus Freiburg, eine Mitarbeiterin der Caritas und ich – beim Abendessen etwas Weißbrot stibitzt. Wein konnten wir ebenfalls auftreiben. Morgens, im Zimmer des Priesters, auf der Bettkante sitzend, Einblicke durch die Außenfenster waren nicht möglich, haben wir Eucharistie gefeiert. Der liebe Gott hatte kein Visum, ist einfach illegal eingereist. Sie haben ihn nicht geschnappt.

Das Messgewand des Papstes wurde von den Zisterzienserinnen von Thyrnau gefertigt. Mutter Mechthild, die Äbtissin, und Schwester Michaela haben persönlich Hand angelegt. Da dürfen auch die übrigen „Accessoires“ nicht nachstehen: die Wasser- und Weinkrüge aus einer Glashütte im Bayerischen Wald, mundgeblasen von Ronald Fischer. Der Bildhauer Max Faller hat ein Vortragekreuz geschaffen. Das sogenannte Desideriuskreuz diente als Vorlage, ein Gemmenkreuz aus dem 8. Jahrhundert. Wenn der Papst hinter dem Kreuz geht, schaut er auf Jesus, den Auferstandenen, umrankt von Rebzweigen und Trauben. Die Schauseite – von vorne also – ist mit Lapislazuli und Bergkristallen geschmückt. Die Blumengärtner, pardon: Floristen, zeigen, was sie können: Cremefarbene Callas und Olivenzweige, die sich um die Mariensäule winden; das Vortragekreuz an seinem Standort auf der Altarbühne mit Olivenzweigen geschmückt, fünf große Flamingos, die fünf Wundmale des Herrn symbolisierend. Buchsbaumgirlande am Jugendkreuz, Buchs gilt als Zeichen des Ewigen Lebens. Schließlich rote Nelken – Erinnerung an das Leiden Christi.

Die Sieben von Altötting

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, „fünf Minuten vor Zwölf“: die Amerikaner stehen bei Altötting, am Gegenufer des Inns. Die „Freiheitsaktion Bayern“ hat in der Nacht zum 28. April 1945 die Parole zum Sturz des Regimes ausgegeben, Codewort „Fasanenjagd“. Die örtlichen Parteiführer, Bürgermeister und Ortsgruppenleiter, sollten ausgeschaltet werden. Die kleinen Herrgötter – braune Uniform mit Deutschem Kreuz in Gold, auch „Spiegelei“ genannt, die breite Hakenkreuzbinde am Oberarm: „Goldfasanen“. Sie wollen unbedingt schnell noch den Endsieg, und „wenn alles in Scherben fällt“. In Altötting, an der „Hauptkampflinie“.

„Schluss damit“, entscheidet ein Kreis mutiger Männer. Altötting soll kampflos den Befreiern übergeben werden. Die Bonzen werden verhaftet. Aber eine SS-Kampfgruppe ist schneller. Fünf der Getreuen werden in den Garten des Landratsamtes getrieben. Einige noch im Laufen durch Genickschuss umgebracht. Am Nachmittag, gegen 15.30 Uhr. An anderer Stelle müssen weitere Männer sterben: der Landrat, als Anführer des Widerstands, und ein Elektromonteur, wahllos aus einer Gruppe von Demonstranten herausgegriffen. Auch ein Priester, der Administrator der Heiligen Kapelle, wird getötet. Er war nicht beteiligt, hatte sich auf dem Rathaus nur erkundigen wollen, was in der Stadt vorgeht. Die Mordbrenner wüten bis in die letzten Stunden des längst verlorenen Krieges. Unter den Amerikanern, die Altötting schließlich einnehmen, ist der Cousin eines der Nazi-Opfer. Er kam um wenige Stunden zu spät. – Man hat den Sieben von Altötting ein Denkmal gesetzt, an der Stelle, an der sie ermordet wurden, und 1959 zur so genannten Rastkapelle ausgebaut. Sie wurde später in die Stiftskirche eingegliedert. Ein Ort stillen Gebetes. Die Ermordeten zählten zu den ehrenwerten Bürgern der Stadt, Honoratioren eben. Gerechte unter den Einwohnern Altöttings.

Heiliger Ramsch

Nach dem Gottesdienst verliert sich die Menge im Netz der Gassen und Straßen. Einige Unentwegte umringen die Verkaufsstände der fliegenden Händler und die Läden der Alt- Eingesessenen. Ein Souvenir muss schon sein. Bei anderen Anlässen hat man nach den Schwarzen Wetterkerzen gefragt, eine Spezialität der Wallfahrt. Bei Donnerschlag und Hagel anzuzünden. Jetzt aber hat Benedikt Konjunktur. Figürchen mit beweglichem Segensarm, Schlüsselanhänger mit Papstwappen, T-Shirts und Fahnen mit seinem Konterfei. Portraitbilder jeder Art und Größe vom Heiligen Vater. Auch Backwaren, „Papstmützen“ genannt, gehen weg wie die warmen Semmeln. „Heiliger Ramsch“ halt, wie die Süddeutsche befindet. Von „Anrühr-Reliquien“ spricht die FAZ.

„Wer glaubt, ist nie allein, schaut ins Stadtcafé herein“. Das lässt sich steigern: „Wer glaubt, sitzt nie allein“, wirbt ein Hersteller von Sesseln und Sofas für seine Möbel. Und noch eins drauf: „Unser Papst sorgt für Ihr Seelenheil – wir für Ihre Fitness!“ behauptet ein Fachgeschäft für Fortbewegungshilfen.

Am Ende der Vesper in der Basilika legt Benedikt der Schwarzen Madonna von Altötting seinen Kardinalsring zu Füßen, auf einem Samtkissen. Sie wird ihn jetzt wohl an einem Ihrer Finger tragen. Klauen lohnt nicht. Ist eine Nachbildung.

Der Tross bewegt sich zur nächsten Station: Marktl. Im Ohr noch die vielstimmige Weise zum Ende des Gottesdienstes. Von kindlicher, anrührender Frömmigkeit getragen. Jung und alt, Männer und Frauen. Vereint im Glauben. Von einem inneren Band gehalten, in diesem alten Marienlied. „Segne du Maria, segne mich, dein Kind. Daß ich hier den Frieden, dort den Himmel find.“ Die Beatles hätten vielleicht mitgesungen. Paul McCartney hat sicherlich zuerst an seine leibliche Mutter gedacht. Sie hieß Maria. Ob ihm vielleicht doch auch die Mutter Jesu in den Sinn gekommen ist? Was wäre so falsch daran. Bleibt sein Geheimnis. Wir verdanken ihm jedenfalls eines der zärtlichsten Lieder der Gruppe: „When I find myself in times of trouble, Mother Mary comes to me. Speaking words of wisdom , let it be.“

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Sonntag, 10. September 2006 (Folge 7)


Münchener Tagebuch III

Mittagspause. Pranzo e riposo. Ein gutes Mittagessen und ein „Nickerchen“. Schon für den Nachmittagskaffee dürfte es knapp werden. Der nächste Termin wartet schon. Und man ist schließlich nicht der Jüngste. Benedikt residiert im Erzbischofshof, Kardinal-Faulhaber-Straße Nr. 7. Für die Dauer seines Aufenthalts ein „Vatikan in München“, exterritorial. Der Papst regiert auch, wenn er unterwegs ist. Wie die Reisekaiser seit Karl dem Grossen mit ihren Pfalzen. Entschuldigung, was gab’s zu Tisch? Blattsalat-Variation mit Apfelbalsam-Dressing, geräucherter Chiemsee-Saibling und Renken-Filets. Pfannkuchensuppe, gekochter Kalbstafelspitz mit Wirsing-Gemüse und Salzkartoffeln. So, jetzt hat auch die Gesellschaftsseite ihren Stoff. Zusammengestellt und auch gekocht hat das Menü der Minoriten-Bruder Erich Raspel aus der Klostergaststätte Maria Eck bei Siegsdorf am Chiemsee. Zum Nachtisch wird – selbstverständlich – Bayerischer Apfelstrudel mit Vanillesoße serviert. Eine ganz wichtige Frage noch: Hat der Papst einen Vorkoster? Aber nein. Wir sind ja nicht bei den Borgias.

Anmerkungen zum Bischofshof: ehemaliges Holnstein-Palais, Rokoko. Wohnung und Amtssitz der Erzbischöfe von München und Freising, vom bayerischen Staat zur Verfügung gestellt, seit 1821. Kurfürst Karl Albrecht hatte die aufwändige Immobilie beim Baumeister Francois de Cuvilliés bestellt, für seinen unehelichen Sohn Franz Ludwig, Frucht einer Liebesnacht mit seinem Verhältnis, der Sophie Caroline von Ingelheim. Wie’s so geht, auch bei dene adelige Leut’. Drum halt auch das Geburtsmal im kurbayerischen Wappen an der Fassade des Palastes: Im geteilten Feld die bayerischen Löwen und weißblauen Rauten, quer durch, von links oben nach rechts unten, ein breiter roter Trennstrich – Bastard-Balken genannt. Scheußliches Wort für ein Kind der Liebe. Ebenbürtig war es zwar nicht, aber schlechter sollte es der illegitime Sohn, der Graf von Holnstein, dann auch nicht haben. Sicherlich mit dem Segen der Kirche. „Supplet ecclesia“ – was ja wohl eher mit christlicher Nächstenliebe zu tun hatte als das, was „die Leute“ so alles tuscheln, von Fenster zu Fenster, am Stammtisch, nach dem Kirchgang, unter der Trockenhaube und beim Gemüsemann, mit vielsagendem Blick und züngelnder Stimme: Der „Bankert“, und so weiter.

Karl Albrecht – als „fromm“ wird er beschrieben; „züchtig“ kann man wohl nicht sagen – sei der Seitensprung gegönnt, bei dem intensiven, aber kurzen Leben, das ihm beschieden war. Als zweiter Wittelsbacher, nach Ludwig dem Bayern, zwar auf dem Kaiserthron des Heiligen Römischen Reiches. Sein Regiment währte kurze drei Jahre. Dann musste er schon sterben, gerade mal 48 Jahre alt. – Von Juan d’Austria gibt es eine ähnliche Geschichte, seine Herkunft betreffend. Davon später mehr, wenn wir zu den Regensburger Tagen kommen.

Das Jugendblasorchester Penzing spielt „Blauer Enzian“ und die „Annen-Polka“, die Ouvertüre aus Händels Feuerwerksmusik und den „Choral and rock out.“ Die Polizei hat wieder einmal zu viel des Guten getan. Will heißen: Die Leute stehen hinter Gittern, so weit entfernt, dass, wenn, wie angekündigt, der Papst auf dem Mittelbalkon erscheint, das Publikum weder Seine Heiligkeit richtig zu sehen bekommt, noch Seine Heiligkeit das Publikum. Gemurre. Man könne ja auch übertreiben. Schließlich werden die Absperrgitter nach vorne gezogen. Und nun ist die Öffentlichkeit wiederhergestellt. Als Münchener Erzbischof habe der Herr Kardinal zum Beginn des Oktoberfestes immer gern vom Balkon herab der Stadt und dem – sagen wir – „bayerischen Erdkreis“ seinen Segen erteilt. Nun aber nimmt die Begeisterung außerordentliche Formen an. Aufpassen, dass es nicht in Personenkult umkippt, sorgt sich ein ortsansässiger Prälat.

Am „Platzl“ ist’s umtriebig um diese Zeit. Tische und Stühle erwartungsvoll unter Sonnenschirmen aufgereiht, Papst-Schmankerln auf der Anzeigetafel. Wie wär’s mit frischen Rahmschwammerln, dazu Semmelknödl, die kleine Portion zu 7.50 Euro, die große zu Euro 12.50. Ein „Benedictus“-Bier gefällig? Dunkel unfiltriert. Stammwürze 13,8. Das geht ganz schön in die Knie, mei Liaber. In der Schwemme wie immer Stimmung. Das Helle fließt, die Weizen schäumt. Ofenfrischer Leberkäs, auch abgebräunte Milzwurst. Auf der Treppe vor dem Einlass erklärt ein Münchner Stadtführer japanischen Jünglingen die Bedeutung der Lederhose, speziell der Türl-Öffnung. Wenn’s eilig ist, so nach zwei, drei Maß, dann braucht’s net umständlich am Zip ziehen, wie bei eurer Hosn, zwei Knöpf bloss und den Latz (englisch: flap) nach vorn. Obacht gebn, damit’s nix daneben geht beim Biesln. Die Blasmusik spielt den Hohenfriedberger und den Knödelwalzer und das ganze Programm rauf und runter.

„Where ist the Hofbrauhaus“? Ein älteres Ehepaar, dem Äußeren nach USA, befragt zuerst den Stadtplan, dann den Passanten. „Right over there, straight ahead“ – „Oh, thank you.“ – Die Frau wendet sich an ihren Mann. „Is’nt it the place, where Hitler started his Party?“ Die sind aus Kalifornien angereist. „You want to see some other places: the Feldherrnhalle, for example?“ München – „Hauptstadt der Bewegung“, Schatten der Vergangenheit. Kameradschaftsabend der „Alten Kämpfer“ im Alten Rathaus, am 8. November 1938. Freirunden – ein Hoch dem Führer – zur Feier des Tages: Fünfzehn Jahre zuvor der Stoßtrupp Hitler. Sturm auf den Bürgerbräu-Keller. Mit Ludendorff und Adolf H., der „mit der Pistole herumfuchtelnd“, einen Schuss in die Decke abgebend, die „nationale Revolution“ ausruft. Verhaftung der Gegner. Zuerst die politischen. Demokraten. Marsch auf die Feldherrnhalle. Tote im Kugelhagel der Polizei. Blutfahne und Blutorden. Es braucht nicht lange. Die Luft im Saal ist stickig, das Blut steigt zu Kopf. „Der Jude“ ist an allem Schuld. Durch Deutschland eilt in dieser Nacht der böse Geist. Staatlich organisierter Terror. Schaufenster gehen zu Bruch, Wohnungseinrichtungen landen zertrümmert auf der Straße, jüdische Bürger werden geschlagen und erschlagen. „November-Pogrome“.

Eine Begegnung im Liebfrauen-Dom beschließt das offizielle Tagesprogramm: Vesper mit jungen Familien. Kommunionkinder, Eltern, Religionslehrer, Lehrer. Die Zeitungen werden von anrührenden Momenten berichten.

Die „Frauenkirche“ – Wahrzeichen Münchens. Die beiden Türme, mit ihren hübschen Welschen Hauben, 99 Meter hoch. Kein Gebäude darf darüber hinauswachsen. Grablege der Wittelsbacher. In der Oberkirche das imposante Kenotaph für Ludwig den Bayern. Schwarzer Marmor, Stein und Bronze. Etwas versteckt nahe dem hinteren Ausgang. Da fällt das Licht nicht so sein. Dem Verblichenen mag es recht sein. De mortuis nil nisi bene. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war er, ab 1328, für einige Jahre. Mit dem Papst in Rom nicht gerade in Freundschaft verbunden. Die Sympathie hielt sich beiderseits in Grenzen. „Bavarus“ nannte Johannes XXII. geringschätzig den politischen Erzrivalen, er aber selbst alles andere als ein Papa buono.

So war sie nun mal, die gute alte Zeit. Es ging um Glanz und Herrschaft, um Kronen und Tiaren. Wenn es allerdings darum ging, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, war man sich schnell wieder einig, etwa zur Baufinanzierung der Marienkirche. Vollkommener Ablass bei Entrichtung eines Wochenlohnes. Selbstverständlich eine ordentliche Beichte vorausgesetzt, und Bußfertigkeit.

Das wäre dem Augustiner-Mönchlein gerade zupass gekommen. Aber der Luder Martinus war bei der Einweihung der Kirche Unserer Lieben Frau zu München gerade mal elf Jahre alt, mußte noch warten, bis er die Welt der Kirche ein wenig aus den Angeln heben konnte. Da nahm er, der Martin Luther, sich einen Brandenburger zur Brust, den Kurfürsten von Mainz, der war als Kanzler des Reiches auf aufwendigen Staat bedacht und insofern immer etwas klamm. Und an dessen Schutzherrn im Apostolischen Palast ließ er kein gutes Haar. Dieser Leo (der Zehnte), als geborener Medici an Luxus gewöhnt, stand dem Mainzer Albrecht in nichts nach. Auch was die immerwährenden Schulden anlangte. Man weiß ja, was daraus geworden ist. Cuius regio, eius religio. Außer kleineren Geländegewinnen der Evangelischen blieb das bayerische Territorium aber weitflächig schwarz.

Der kleine Ausflug in die Religionsgeschichte wäre unvollständig ohne diesen Dominikanermönch Johann Tetzel, der den Leuten das Geld abschwatzte, in dem er ihnen schlimmste Höllenqualen beschrieb und einen vollkommenen Ablass versprach, gegen bar Kasse versteht sich – weil es angeblich gegen die Türken, die gottlosen ging, in Wirklichkeit aber um eine neue, schöne und große Peterskirche in Rom.

Vor einigen Jahren haben sich die Anhänger des Propheten revanchiert und eine ihrer größten Moscheen auf europäischem Boden errichtet, in der Ewigen Stadt, beinahe auf Sichtweite zu den Zinnen des Vatikans. Man kommt auf dieser Bayern-Reise einfach von den Türken nicht los.

Im Dom Zu Unserer Lieben Frau betete Benedikt an den Gräbern seiner bischöflichen Vorgänger, welche die Münchener und deutsche Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts prägten, verbunden allem mit den Namen Michael Faulhaber (dieser hatte 1951 Joseph Ratzinger zum Priester geweiht) und Julius Döpfner. Bei dessen Nachfolger Joseph Ratzinger wollten die Münchener Diözesanen aber nicht so lange – post mortem – warten, jetzt, wo er doch Papst geworden war. So setzte man ihm nach der Wahl ein lebensgroßes Bronzerelief in seine frühere Kathedralkirche. Der Vollständigkeit halber: auch Johannes Paul II. ist verewigt. München ist halt, so gesehen, doch eine katholische Stadt, ob im Rathaus die Sozis regieren oder nicht, und in Schwabinger „locations“ nicht gerade der Katechismus angesagt ist.

(Fortsetzung folgt)

Kommentar

Unterm Himmel weiß und blau

Sonntag, 10. September 2006 (Folge 6)


Münchener Tagebuch II

Einige Zeitungen haben ein Glossar zusammengestellt. Kirche intern – einige Beispiele:

1. Albe, 2. Humerale, 3. Stola, 4. Kasel, 5. Mitra, 6. Pallium, 7. Mozetta, 8. Pluviale, 9. Zingulum, 10. Mantello, 11. Camauro, 12. Anulus Piscatoris (nie gehört?), 13. Pileolus, 14. Pektorale, 15. Ferula, 16. Saturno, 17. Campagi.

Und hier die Übersetzung:

1. weißes Unterkleid; 2. Schultertuch; 3.Schärpe; 4. Messgewand; 5. Bischofsmütze; 6. schmales Schulterband der katholischen Metropoliten, aus ungefärbter Lammwolle (von Benedikt, nach altkirchlicher Sitte, wieder als breite Stola in V-Form getragen, mit einem Ende über die linke Schulter gelegt); 7. Schultercape: 8. weiter Rauch-Mantel; 9. Bauchschärpe; 10. der rote Mantel, für kühle Tage, auch mit Hermelin-Futter möglich;. 11. rote, mit Hermelin besetzte Kappe, die bis über die Ohren geht (von Benedikt wieder eingeführt; zuletzt von Johannes XXIII. getragen, ebenfalls für die kältere Jahreszeit); 12. Fischerring; 13. Scheitelkäppchen, (auch Zuchetto oder Soli Deo genannt): 14. Brustkreuz; 15. Kreuzstab; 16. roter Sonnenhut, 17. die roten Slipper.

Wie man hört, geht Benedikt mit der Mode. Man habe schon Serengeti-Sonnenbrillen an ihm gesehen und Geox-Schuhe. Oder von Prada? Auch für diese wichtigen Einzelheiten – wie könnten sonst die Society-Rubiken leben – gibt es selbstverständlich Experten. Nein, so andere, die es besser wissen wollen, die Schuhe fertige der Hof-Schumacher des Vatikans. Und der Altöttinger Oberbürgermeister hat dem Ehrenbürger einen ganz normalen hellen Sommerhut übereignet. Ob er ihn wohl trägt, wenn er in den vatikanischen Gärten spaziert oder droben in Castel Gandolfo? Oder heimlich in der Stadt? Na, Benedikt kann sich nicht verstecken. Jeder in Rom würde ihn sofort erkennen. Also, wo bleibt der Hut?

Paul VI. trug anfänglich noch die Tiara, hat sie dann aber abgeschafft. Die dreifache Krone ruht jetzt hinter Glas in der Kathedrale zu Washington, für gutes Geld an die Amis verkauft und dieses den Armen zur Verfügung gestellt. Hinzu kamen früher – von manchen Kardinälen außerordentlich geschätzt – Pontifikalhandschuhe, Manipel (der altrömischen Infanterie abgeschaut, anfangs als eine Art Serviette verwendet, am linken Handgelenk getragen, jetzt liturgisches Accessoire), bestickte Pontifikalschuhe und eine ellenlange Seidenschleppe. Vorbei der Pomp. Nur manchmal wagt sich einer der älteren „Porporati“ so herausgeputzt – von der Tiara natürlich abgesehen – unter seine Anhänger. Zum Beispiel, wenn die Traditionalisten ihre Messe feiern, nach tridentinischem Ritus.

Auf dem Messegelände in Riem hat eine „Benedikt-Glocke“ – von den Traunsteiner Bürgern geschenkt, obschon der Schmerz manche überwältigt, weil der Heilige Vater, der doch vor allem in Traunstein aufgewachsen ist, sich einen Besuch aus Zeitgründen versagen muss – also die „Benedikt-Glocke“ hat den Gottesdienst eingeläutet. Und der Papst hat, heimischem Brauch folgend, dem Friedensgruß, der die Eucharistiefeier einleitet, ein herzliches Grüß Gott hinzugefügt.

Schwerhörige

Die Predigt. Worte des obersten Hirten und Lehrers der Kirche. Was die einen hören wollen, die anderen nicht. Das ist immer so in der einen Mutter Kirche, in der sich aber nicht immer alle einig sind. Im folgenden Text aber könnten ihm selbst die bissigsten Kritiker nicht widersprechen: Schwerhörig gegenüber Gott seien die Menschen geworden, eine Taubheit, „an der wir gerade in diesen Tagen leiden.“ Und weiter: „Wir können ihn einfach nicht mehr hören. Zu viele Frequenzen haben wir im Ohr.“ Das Handelsblatt kommentiert: „Rückkehr zur Mission“. Benedikt in den Spuren seines Vorgängers. „Evangelisieren“. Das hatte auch Johannes Paul II. als Gebot der Stunde ausgegeben. Benedikt führt fort: Von christlichem Glauben getragen, allein nur so könne soziales Handeln funktionieren. „Deus Caritas est“ hat er seine erste Enzyklika überschrieben.

Ein afrikanischer Bischof pflichtet seinem bischöflichen Kollegen bei. In der Tat. Benedikt darf beim Wort genommen werden. Selbst aus dem päpstlichen Wappen hat er die Dreifach-Krone gestrichen, stattdessen die Bischofsmütze, die Mitra gewählt. Die päpstlichen Privilegien wird er nicht in Frage stellen, das Amt nicht auf den Kopf stellen. Päpste kommen und gehen, wie die Römer sagen. Aber bleiben wir bei dem Afrikaner: „Wenn ich in Deutschland soziale Projekte vorlege, finde ich sofort offene Türen. Aber wenn ich mit einem Evangelisierungsprojekt komme, stoße ich eher auf Zurückhaltung. Offenbar herrscht da doch bei manchen die Meinung, die sozialen Projekte müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen, die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben, die seien doch eher partikuläre oder nicht gar so wichtig.“

Etwas falsch gemacht, liebe Leute von Misereor in Aachen? Und was zeigt ein aktuelles „missio“-Plakat in Wort und Bild: Eine Volksschule irgendwo in einem afrikanischen Dorf. Der Lehrer hat eine Maschinenpistole an die Tafel gemalt und dick durchkreuzt. Bildzeile: „Und sie werden lernen, nicht mehr Krieg zu führen.“ Mairead Corrigan – oder war es Jody Williams? Es war auf jeden Fall eine der beiden nordirischen Friedensnobelpreisträgerinnen, die gesagt haben soll: „Sie haben uns beigebracht, wie man den Rosenkranz betet, nicht aber gelehrt, wie man Konflikte löst.“ Also doch richtig gemacht.

Orientierung

Ein Gerücht läuft um auf der Pressetribüne. Eine werdende Mutter wolle niederkommen. Wäre zu schön. Der Papst als Taufpate. Kurz darauf: Fehlanzeige. Das Bayerische Rote Kreuz sei schnell zur Stelle gewesen. Ab in den Kreißsaal im nächstgelegenen Krankenhaus. Nichts wird dem Zufall überlassen. Man ist auf alles vorbereitet.

Wie schön, dass heute Sonntag ist, der Himmel lacht und wir in Bayern sind, dem Herrgottswinkel der Nation. Die Fotoapparate, Digi natürlich – schau her, das bin ich und dort ist der Papst – und die Handycams fürs Heimkinos – selbstverständlich auch die Profis vom Fernsehen – nicht satt genug können sie sich sehen. Wann hat man schon so viele Trachtler beisammen, in ihrem feinsten Sonntagsstaat. Von den Rebenhügeln am Main bis zum Werdenfelser Land, vom Schwäbischen Meer bis zur Oberpfalz. Dirndln und Gamsbärt. Das wird Prachtbildbände geben. Die Rotationen warten schon.

Bevor die Sicherheitsleute dicht machen, noch schnell die „Prima fila“ – die erste Reihe: Adel und politische Haute Volée. Königliche Hoheit, Herzog Franz, den Arm in der Schlinge nach dem unglücklichen Sturz neben dem Roten Teppich auf dem Rollfeld; die Stoibers natürlich.

Benedikt auf der Altarbühne, hoch über der versammelten Gemeinde. Einem aus dem Kreis der Vaticanista, das sind die Presseleute, die ganz genau wissen, was der Papst denkt und tut – also, er kann es gar nicht fassen. Überirdische Verzückung erfasst den Seher. Eine Fata Morgana wohl. Schwebte da nicht eine weiße Wolke unter dem Himmelsblau, über dem Haupt des Papstes ruhend, gleich einer kosmisch-päpstlichen Scheitelkappe? Es war ihm wohl, als hörte er süße Stimmen, ein feierliches Singen in den Höhen, das nicht enden wollte, an diesem so gesegneten Tag.

Benedikt ist keiner, dem der großen Auftritt angeboren ist. Keiner, der mit Stentor-Stimme und – zum Donnerwetter – auch mal mit geballter Faust die Zuhörer deckelt. Johannes Paul II. war Superstar. Spielte in einer anderen Liga. Sein Nachfolger spricht filigran, mit leiser Intonierung: Andante moderato.

„Er wird uns in einer ratlos gewordenen Welt Orientierung geben“, hatte der bayerische Ministerpräsident angekündigt. Wenn man so nach Berlin schaut und dann wieder nach München, also: der Edmund Stoiber dürfte recht behalten. Die Predigt habe ihm gut gefallen, nicht theologisch abgehoben, sagt ein Teilnehmer nach dem Gottesdienst. Ein anderer pflichtet ihm bei. „Man konnte ihn leicht verstehen“.

Was aber hat Benedikt gesagt? „Die Völker Afrikas und Asiens erschrecken vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man ihren Kulturen beibringen will.“ Da dürften ihm eigentlich auch die Religionswächter in Kairo, Teheran und Jakarta nicht widersprechen. Benedikt appelliert an seine deutschen Landsleute, nicht mit dem Finger auf die Muslime zu zeigen, sondern ihnen behilflich zu sein, in den anderen Lebensalltag zu finden, gesellschaftlich, politisch, kulturell. Damit sie verstehen, was wir unter Toleranz verstehen – jedenfalls dem Grundgesetz nach. Und zuhören sollen wir, wenn sie uns ihre Sitten und Gebräuche erklären, und mit ihnen über den Koran und die Scharia sprechen, und ihnen sagen, womit wir Probleme haben. Vielleicht sogar ganz erhebliche. Die Experten nennen das Dialog und Integration. Sperrig, weil immer irgend jemand oder irgend etwas dazwischen funkt.

(Fortsetzung folgt)

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Unterm Himmel weiß und blau

Sonntag, 10. September 2006 (Folge 5)


Münchener Tagebuch

Lieber Herr K., wir haben Ihnen einen Kaffee für 3.45 Uhr bereitgestellt. Aufschnitt finden Sie im Kühlschrank. – Danke für die Fürsorge, liebe Schwestern vom Karmel „Heilig Blut“. Wach- und Ruhezeiten gehen den Ordensfrauen sozusagen ins Blut. Eingeübt. Klösterliche Ordnung und geistliche Strenge. Stundengebet, Arbeit, Rekreation. Ora et labora. Disziplin hält eine Gemeinschaft zusammen.

Wer den Papst treffen will beim Gottesdienst draußen in Riem, muss früh aufstehen. Wegen des Verkehrsaufkommens, sagt die Polizei, und wegen der Sicherheit. Man müsse leider mit allem rechnen, seit den Schüssen auf dem Petersplatz vor fünfundzwanzig Jahren.

Ein zerstreuter Kollege hat seine verschlossene Aktentasche im Pressezentrum zurückgelassen. Unbeaufsichtigt. Die Halle musste über Nacht „total“ geräumt werden. Man ist hochgradig nervös. Den Teilnehmern am Gottesdienst wurde empfohlen, sich reichlich mit Wasser zu versorgen. Aber bitte keine Klappstühle und Regenschirme. Der Tag hellt auf. Gruppen haben sich zum Morgenlob versammelt, dem frühen Stundengebet der Kirche. Andere, die noch eine Mütze Schlaf genommen hatten, schälen sich aus den mitgebrachten goldfarbenen Wärmefolien. Zur weiteren Ausstattung gehören: Pilgertasche, Liedheft, „Erinnerungstuch mit Benedetto-Aufdruck“, ein Gedenkbild selbstverständlich, ein Erfrischungsgetränk und für alle Fälle ein Regencape. Wird wohl eingerollt bleiben dürfen, nach einem prüfenden Blick zum Himmel.

Die Veranstalter zeigen sich gerüstet. Benedikt kann kommen. Einen Blick erhaschen, wenn er mit dem Papamobil eine Runde dreht. „Es würde schon genügen, wenn er ganz dicht an uns vorbeifährt.“ Die Bildschirme sind bereits auf Sendung. Experten reden und reden und reden. Unterbrochen von Live-Schaltungen zu Reportern. Was meint das Kirchenvolk? Sonntagsstimmung. Festtagslaune, unterm Himmel, inzwischen „weiß und blau“.

Aus den kirchlichen Tages-Informationen: Liturgische Farbe ist heute Grün. Standardfarbe für die Tage im Jahreskreis, die keine Besonderheiten vorschreiben, wie Rot für das Martyrium, Violett für Reue und Buße, Schwarz für Trauer und Weiß – natürlich als Symbol der Reinheit. Hinter dem Altar eine Kostbarkeit: Das „monumentale“ Enghausener Kreuz. Der Korpus lebensgroß. „Das älteste Großkreuz der Christenheit.“ Datiert auf die Jahre um 890-900. Späte Karolinger-Zeit. Die Nägel, durch die parallel gestreckten Füße getrieben, stechen spitz aus dem Fleisch hervor. Dünne Blutfäden ziehen sich aus den Wunden. Aber die Augen sind geöffnet. Er hat den Tod überwunden. So interpretieren die Fachleute die Abbildung. So sagt es der Glaube aus.

Beim Steh-Kaffee wärmen sich einige bischöfliche Gäste aus dem Ausland auf. Mit besonderer Genugtuung begrüßt die Nachbarn aus dem Osten: Alfons Nossol aus Oppeln. Kardinal Vinko Puljic aus Sarajewo, Kardinal Miloslav Vlk, aus Prag – der bei den Kommunisten Fenster putzen durfte. Und dann entdeckten die suchenden Augen Don Stanislao. Auch er war „Schatten“, über Jahrzehnte. Johannes Paul II. konnte ohne ihn sozusagen gar nicht leben. Seit den Jahren in Krakau. Nun ist der Sekretär selbst Graue Eminenz. Benedikt gab ihm den Krakauer Stuhl – manchen bei Hofe wohl nicht ganz ungelegen. Versüßt durch den Purpur, der zum zweitwichtigsten Metropolitansitz der polnischen Kirche dazu gehört. Frag Stanislaw Dziwisz erst gar nicht, was an Aufzeichnungen seines verstorbenen Chefs mit auf den Wawel gegangen ist, und schon gar nicht, was drin steht. „Servo di Dio – calmo“, wispert ein Insider. Der große Schweiger. Jedenfalls allgemein. Und schließlich gilt auch für ihn, wie für alle an den Schalthebeln der kirchlichen Macht, das „päpstliche Geheimnis“. Gewissermaßen ein heiliges Gesetz des Mundes, der stumm sein muss.

(Fortsetzung folgt)

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