Archiv zur KategorieMein Gewissen ist die Wahrheit

Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 25)

Überleben wie die ersten Christen

Bei der Bekämpfung der sichtbaren Strukturen der katholischen Kirche, der Ausschaltung
regimekritischer Kleriker, der Unterwanderung von Pfarrgemeinden und der Bedrohung
aktiver Laien, hatten der Staat und seine „Sicherheitsorgane“ wenig Mühe. Dazu genügte
der Unterdrückungsapparat des Systems. Eine größere Herausforderung stellten die
kirchlichen Strukturen im „Untergrund“ dar – die geheimen Seminare, die vertraulichen
Gesprächsrunden und Gebetstreffen und die Personen, die diese Ecclesia silentii leiteten,
Priester und Bischöfe, die aus der vorkommunistischen Zeit stammten und solche, die
nach dem Machtwechsel geheim geweiht worden waren.

Der klerikale Nachwuchs rekrutierte sich zu einem Teil aus dem Kreis der Theologiestudenten, die konsequent ihr Ziel verfolgten, Priester zu werden. Dazu zählten Angehörige der Männerorden. Vor allem aber kam es darauf an, verheiratete Männer für das Priesteramt zu gewinnen, in der Annahme, dass auf einen Familienvater, der tagsüber einer „normalen“ Arbeit nachging, möglichst in einem Tätigkeitsbereich, der mit Handarbeit oder Technik zu tun hatte und somit dem Berufsbild des sozialistischen Gesellschaftssystems entsprach, auf einen solchen Mann also nicht von vornherein der Verdacht der Geheimpolizei fallen würde.

Wer sich im Nachhinein mit den komplizierten Zusammenhängen und Hintergründen dieser geheimen Weihen beschäftigt sieht sich einem schwer durchschaubaren Beziehungsgeflecht der handelnden Personen gegenüber. Insbesondere die eher innerkirchlich geführte Diskussion, welche Weihen zwar gültig, weil sakramental gespendet, aber (kirchenrechtlich) nicht erlaubt waren, wer sich auf besondere päpstliche Befugnisse in Anlehnung an die so genannten „Mexikanischen Fakultäten“ berufen konnte, wem sie erteilt wurden oder wer sie nur in Anspruch nahm – dies bleibt im Einzelfall, und weil der eine oder andere Betroffene nicht mehr unter den Lebenden weilt, eine ungeklärte Frage. (1) Manche Dinge seien mit den Hauptakteuren ins Grab gesunken und würden sich wohl nie vollständig enträtseln lassen, stellt Franz Gansrigler in seinem Buch abschließend fest.(2)

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 24)

„Lästernde Feinde aller Religion“

„…mit den Jahren war das Leben fast unerträglich geworden. Ihr Land hatte eine harte Regierung bekommen, welche autoritär herrschte und den Menschen nicht achtete“. Dieser Satz aus dem Roman von Bernard von Brentano, in der Zeit der Hitler-Diktatur geschrieben (1), könnte auch als Bildunterschrift unter den Panzern auf dem Wenzelsplatz im August 1968 stehen.

Wie sollte der einfache Mensch in einem System der „lästernden Feinde aller Religion und Übertrumpfer des Christentums“ überleben, wenn „keine Süßigkeit“ mehr im Land und in den Herzen der Menschen war; wo die Angst, „die sie in den Laboratorien des Staates züchten“, alles kahl gefressen hat, wie Mehltau. Eine der Schlüsselfiguren in Brentanos Roman ist einer, der seinen Arbeitskollegen bespitzelt, im Auftrag der Gesinnungspolizei, um selbst Karriere zu machen. Nicht alle, die so etwas taten, waren dazu gezwungen. Wie sich die Zeiten gleichen – unter dem Hakenkreuz und dem Roten Stern.

Wie also sollte man sich als „einfacher Bürger“ unter der Gewaltherrschaft einrichten? Wer wollte schon in einem der über das Land verteilten Käfige für Widergänger landen? Einigen gelang es, das Land zu verlassen. Manche konnten es sich leisten, die Mehrheit nicht. Wiederum andere nahmen den Kampf auf – geräuschlos, mit der Waffe des Geistes, im Untergrund. Sie wollten nicht zulassen, dass der Glaube an Gott erlischt.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 23)

Ein Komplott im Namen Gottes

Sie trafen sich an geheimen Orten, in verschwiegenen Wohnungen, auf Zuruf mit einem Code-Wort. Selbst die Namen der Beteiligten blieben bis zum Moment, da man sich gegenüberstand, anonym. Wenn das Szenarium einem konspirativen Treffen geglichen haben sollte, was die Staatsmacht zum Anlass für Verhaftungen und Verurteilungen nahm, dann war es eine Verschwörung. Ein Komplott im Namen Gottes. Der Termin diente einem einzigen Zweck: einen Mann, der seinem Glauben treu geblieben war, zum Priester zu weihen. Es war gewissermaßen die Geburtsstunde ein Gemeinschaft von Gläubigen, die sich unter dem
Druck des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei entschied, in den Untergrund zu gehen. Sie bildeten keine geschlossene Organisation, sondern einzelne Gruppen, Zellen gleich gesinnter Christen, kein eng geflochtenes Netzwerk schon aus Sicherheitsgründen, eher hier und da in Kontakt miteinander.

Aus den Anfängen entwickelte sich eine zwar nicht die Mehrheit erfassende, wohl aber eine Elite unter den Gläubigen ansprechende Bewegung, die sich den Namen „Ecclesia Silentii“ , (Kirche des Schweigens) gab. (s.a. Folge 22). Und doch war sie alles andere als eine Kirche des Schweigens, alles andere als stumm, eher eine Gemeinschaft der Verschwiegenheit. Der Verteidigung, des Erhalts und der Verbreitung der Wahrheit des Evangeliums getarnt gegenüber ihren Verfolgern. Wie sonst hätten die staatlichen „Sicherheitsorgane“ und ihre Helfershelfer besonders Jagd auf diese Widersacher ihrer Ideologie gemacht.

Erste Ansätze für diese klandestinen Gruppierungen formten sich schon in den ersten Jahren nach der kommunistischen Machtübernahme, ohne dass man sich auf eine bestimmte Jahreszahl festlegen sollte. Diese Entwicklung verstärkte sich in den folgenden Jahrzehnten.

Priester-Theologen, insbesondere Ordensleute, die aus der Haft entlassen worden waren, (u.a. im Rahmen der Amnestien von 1960 und 1962), denen aber die Rückkehr in ihre Pfarreien verwehrt wurde, begannen, ihre seelsorgliche Arbeit geheim fortzusetzen. Auch nach dem Ende des Prager Frühlings von 1968 kapitulierten nicht alle. Katholische Theologen, die Dubceks Reformkurs mittragen wollten, schlossen sich nun der Untergrundkirche an.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 22)

Priester in geheimer Mission


Es war der vielleicht schönste Tag in seinem Leben, wenn Jan einmal von seinem Hochzeitstag und den Tagen der Geburt seiner vier Kinder absieht. Ein Bischof legte ihm die Hände auf, er wiederum legte sein Gehorsamsversprechen in die Hände des Bischofs und von diesem Moment an war er rechtmäßig, „sub conditione, das heißt, nach den Vorschriften, Priester der römisch-katholischen Kirche. Bekanntlich keine Alltäglichkeit in der lateinischen Kirche, sondern eine späte Frucht jener Passion, durch die er während der Glaubensverfolgung in seiner Heimat, der Tschechoslowakei gegangen war. Seine Geschichte wird im Laufe dieser Folge erzählt, wie sie mündlich von ihm überliefert wurde, mit leichten Abänderungen, zur Wahrung seines Schutzbedürfnisses.

Es war eine lange Geschichte nicht nur unter dem bedrohlichen Zeichen des kommunistischen Sterns, auch der politische Neubeginn nach der erfolgreichen „Samtenen Revolution“ war mit manchen innerkirchlichen Konflikten und persönlichen Zweifeln verbunden, denn Jan war bereits zum Priester geweiht worden, geheim und rechtmäßig. Von einem Bischof, der selbst von einem Geheimbischof geheim geweiht worden war und für sich in Anspruch nahm, über die so genannten „mexikanischen Fakultäten“ (1) zu verfügen. Das war jene spezielle Bevollmächtigung, die auf die Zeit des mexikanischen Kirchenkampfes in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zurückgehen. Papst Pius XI. hatte diese besonderen Regelungen für besondere Notsituationen verfügt. Dies galt insbesondere, um die bischöfliche Hierarchie, mithin die kirchliche Struktur zu erhalten, nach dem Grundsatz des Irenäus von Lyon: „Wo der Bischof, dort die Kirche“. (2)

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 21)

Prager Frühling – Alarm in Polen
Die Demütigung Polens durch die Sowjetmacht nach der Moskauer Geheimkonferenz im Dezember 1980 musste schon 1968, nach der Rede Breschnews auf dem Parteitag der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei PVAP, die politische Führung gewarnt haben. Auch im Vatikan liefen Informationen ein. Auf der Sondersitzung des Rates im Juni 68 kam der vatikanische „Außenminister“, Erzbischof Agostino Casaroli auf die Gefahrensituation von Prag bis Warschau und Ostberlin und möglicherweise für das gesamte sozialistische Lager zu sprechen. Insbesondere sprach er die Frage an, mit welchem Widerstand die polnischen Kommunisten den „tschechoslowakischen Umschwung“ verfolgen. (1)

„Die kommunistische Führung Polens“, soll der vatikanische Chefdiplomat nach einem Bericht des ungarischen Auslandsgeheimdienstes erklärt haben, „fürchtet mehr als alles einen Umschwung im benachbarten Lande.“ In Ostberlin interessiert man sich allerdings mehr, wie sich die Entwicklung jenseits des Erzgebirges auf den eigenen Machtbereich auswirken könnte. Insofern wird aufmerksam studiert, wie in der politischen Zentrale des Vatikans, die bekanntermaßen über hervorragende Analysten verfügt, wie ein ehemaliger deutscher Geheimdienst-Beamter bescheinigt, die Lage eingeschätzt wird. Casaroli ging, folgt man den ungarischen „Informationen“, nicht davon aus, „dass es nach dem Beispiel der Tschechoslowakei in der DDR zu Veränderungen kommen kann, mit denen weder die Polizei noch die Armee fertig werden, und dass das die Verteidigungspositionen Polens schwächen könnte.“ Casaroli habe versucht, „mit Pressezitaten darzulegen, in welche unglückliche Lage die DDR geraten könnte, wenn sie die Richtigkeit des Umschwungs in der Tschechoslowakei anerkenne und damit demokratischen Tendenzen im eigenen Lande Tür und Tor öffnen würde.“

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 20)

Prag 68 – Vatikan im Bund mit der NATO
In den Monaten nach dem Einmarsch von Warschauer Pakt-Truppen wird weiter versucht, mit der „französischen Karte“ die westdeutsche Bundesregierung auszuspielen. Das „Spielmaterial“ beschafft sich der ungarische Nachrichtendienst aus dem Vatikan. Mit anderen Worten: Die römische Residentur des ungarischen Auslandsgeheimdienstes beschattete nicht nur den Vatikan, sondern versuchte, über diplomatische Kanäle des Heiligen Stuhls die westeuropäische Außenpolitik auszuforschen, in diesem Fall Frankreichs, speziell in seinem Verhältnis zu den beiden Supermächten und zum Nachbarn Deutschland.

Der französische Außenminister Michel Debré, berichten die Ungarn in einer Ihrer „Informationen“ aus dem Vatikan, habe „die Westdeutschen“ kritisiert. Diese wollten „die sozialistischen Länder nach eigenem Gutdünken teilen“ und mischten sich „deshalb in die inneren Angelegenheiten dieser Länder ein.“ Auch das Feindbild Vatikan als das eines NATO-Partners wird aufpoliert. Der Apostolische Nuntius in Paris, Paolo Bertoli habe „über Debré de Gaulle die Bitte des Papstes“ übermittelt, Frankreich möge während der Zeit der Krise die Verteidigungspläne des Atlantischen Bündnisses begünstigen.“ (1)

In der „Information“ vom 27. Dezember 1968 wird dies wiederholt: Der Nuntius habe die Wünsche des Papstes übermittelt, „daß die westeuropäischen Politiker die zwischen ihnen bestehenden Widersprüche zur `Erhaltung der Existenz Europas´ beiseite schieben.“ Bertoli habe Debré besonders darum gebeten, „de Gaulle die innigsten Wünsche des Papstes zu übermitteln, daß er die `Verteidigungs´-Pläne der NATO unterstützt.“ (2)

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 19)

Alfredo Ottaviani – „Wachhund“ der Kirche

Sowjetische Panzer walzten den „Prager Frühling“ nieder, die „Abweichler“ um Alexander Dubcek und konnten froh sein, nicht den Rest ihres Lebens in einem GULAG-Lager verbringen zu müssen. 20 Jahre nach dem kommunistischen Putsch in der Tschechoslowakei waren die alten Machtverhältnisse wieder hergestellt, unter Moskauer Kontrolle. Ab jetzt galt die „Breschnew-Doktrin“, wonach jedem, der von der Linie abweicht, „brüderliche Hilfe“ zuteil wird. Die Ostdeutschen und die Ungarn hatten sie schon erfahren, zwölf Jahre nach Prag werden die Polen an der Reihe sein – nicht ganz so massiv, aber deutlich genug, mit aufgezwungenem Kriegsrecht.

Im Vatikan kommt es in dieser Zeit zu Auseinandersetzungen zwischen „Außenminister“ Erzbischof Agostino Casaroli und Kardinal Alfredo Ottaviani (1) über die „Maßnahmen des Vatikans“ nach dem 21. August, berichten die Späher des ungarischen Nachrichtendienstes aus Rom. (2) In einer außerordentlichen Sitzung des Rates für die außerordentlichen Angelegenheiten der Kirche habe Ottaviani sein Bedauern geäußert, „dass den Opfern kein geistlicher Trost geschickt“ worden sei und „dass die Aggressoren nicht in gehörigem Maße verurteilt wurden.“

Ottaviani, der zu vatikanischen „Falken“ zählt, kritisiert: Die Kirche habe zehn Jahre verloren, die Fronten gewechselt und sich in einen „unmöglichen Dialog“ eingelassen. Man könne „froh sein“, wenn nach der Tschechoslowakei „nicht noch Schlimmeres“ komme. Ottaviani habe erklärt: die Teilnahme der Kirche an der Entspannung sei Verrat, die westlichen Regierungen hätten sich nur „aus taktischen Erwägungen“ darauf eingelassen und das nicht mit den Interessen der Gläubigen motiviert, die in den sozialistischen Ländern leben, da „sie wenigstens Märtyrer sind und unsterblich sein werden.“

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 18)

Tschechoslowakei 1968 – Casaroli irrte sich nicht

Diese Folge steht im Zeichen von zwei August-Ereignissen auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges.
Am 13. August 1961 ließ das Ostberliner Regime, im Widerspruch zu einer kurz zuvor abgegebenen Erklärung Walter Ulbrichts, eine „Mauer“ errichten, die Westberlin vom Ostsektor der Stadt meterhoch abgrenzte, „um die innere Sicherheit“ zu garantieren, wie die DDR-Propaganda verkündete. Bewacht wurden die Bauarbeiter von bewaffneten Einheiten. An der ersten Linie standen paramilitärische „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, unterstützt von Grenztruppen der Nationalen Volksarmee und Bereitschaften der Volkspolizei. Im Anschlag die Kalaschnikow, „um Leuten, die tanzen wollen, eins aufzuspielen“, wie einer dieser „Musiker“ in einer Radio-Reportage erklärte. Im Westen sah man im Mauerbau bereits ein Signal, Moskau könnte seine Divisionen bis zum Rhein marschieren lassen. Sieben Jahre später zogen wiederum dunkle Kriegswolken über Europa auf. Diesmal traf es die Tschechoslowakei.

Am Donnerstag, 22. August 1968, erschien die Tageszeitung „Die Welt“ mit einem einzigen Thema als Aufmacher auf der Titelseite. Die zweizeilige Schlagzeile: Prag unter der Herrschaft der Sowjets – Entsetzen, Empörung und Proteste.

War der Vatikan vorgewarnt? Wie gut waren vatikanische Diplomaten in den Wochen vor dem Überfall auf die Tschechoslowakei informiert? Genauen Aufschlüsse können nur Dokumente geben, die allerdings noch einige Jahrzehnte im Geheimarchiv des vatikanischen Staatssekretariats unter Verschluss bleiben dürften. „Informationen“, die aus den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR freigegeben wurden, müssen mit Vorbehalt gelesen werden. Ihr Inhalt war „zweckdienlich“ formuliert, die Transkription etwa aus dem Polnischen oder Ungarischen der von den „Bruderorganisationen“ übermittelten Geheimdienstberichte enthielt Sachfehler.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 17)

Öffentliche Sühne?

Mit der Verfolgung von Religion und Kirche durch das kommunistische Regime in der ehemaligen Tschechoslowakei von 1948 bis 1989 befasst sich auch diese Folge der Artikel-Serie. Vorab jedoch ein aktueller Vorgang aus einem anderen Land des untergegangenen Imperiums der „sozialistischen Sicherheitsorgane“.
Im „Kulturbetrieb“ Rumäniens brach Ende Juli 2008 eine Kontroverse über die Frage aus , wie mit Spitzeln des ehemaligen Geheimdienstes „Securitate“ umgegangen werden soll. Die Auseinandersetzung entzündete sich an der Kritik der in Berlin lebenden deutsch-rumänischen Schriftstellerin Herta Müller, die Leitung des rumänischen Kulturinstituts ICR betreffend. Nach Meinung der Autorin hatte sich das Bukarester Kulturinstitut gegenüber einem Germanisten und einem Historiker zu nachsichtig verhalten. Der Historiker hatte im Jahre 2006 seine Stasi-Mitarbeit eingeräumt, aber versichert, „niemandem geschadet zu haben“. Der Germanist, ein Herderpreisträger, sei 2007 von der rumänischen Behörde zur Aufarbeitung der „Securitate“-Akten enttarnt worden, schreibt die deutsche Nachrichten-Agentur dpa. (1)

In Rumänien gibt es nach Angaben des Leiters des ICR kein Gesetz, das „ehemaligen Helfern“ der Staatssicherheit „öffentliche Sühne“ auferlege; deren Informantentätigkeit sei „strafrechtlich nicht zu fassen.“ Wie aber dann mit ihnen umgehen? Sollen ihre Rechte eingeschränkt werden? Soll man sie isolieren? Ob man sie zu „niedrigen Diensten“ verurteilen soll, fragt der Kultur-Chef. Es ist nicht Ziel dieser Berichts-Serie, sich an dieser Polemik zu beteiligen. Gleichwohl darf gefragt werden, warum die beiden Herren so lange brauchten, um sich zu diesem Teil ihrer Vergangenheit zu bekennen.

Zurück zur ehemaligen CSSR. Wie sich die „Vergangenheit“ aus der Sicht der Opfer von Denunziantentum und Stasi-Methoden darstellt, mögen Geheimdienst-Akten und Aussagen von Zeitzeugen erhellen. Dabei liefern die Ergebnisse spezieller Untersuchungsbehörden, die sich mit den Stasi-Unterlagen abmühen, in Ergänzung zu den eigenen Recherchen, wichtige Aufschlüsse.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 16)

Prag 1968 – Was wusste Washington?

Wie schon in der Folge 15 angesprochen, dürften die westlichen Geheimdienste über die Ereignisse in der Tschechoslowakei im Sommer 1968 weitgehend im Voraus im Bilde gewesen sein. Dies bestätigen Dokumente des us-amerikanischen Auslandsnachrichtendienstes CIA , die – bis vor einem Jahr (2007) als „Top Secret“ eingestuft, inzwischen deklassifiziert und zur Veröffentlichung freigegeben wurden. Die beiden für diesen Beitrag herangezogenen Dossiers sind überschrieben: „Tschechoslowakei: Das Problem der sowjetischen Kontrolle“ und „Politische Richtungen im sowjetischen Politbüro und die Tschechische Krise.“ (1) In den Analysen der CIA-Auswerter werden die Vorgeschichte, der Ablauf und die erste Abschlussphase der sowjetischen Invasion von 1968 dargelegt. Es handelt sich um nachrichtendienstliche Expertisen im Interesse der politischen Auftraggeber in Washington. Sie verdienen Aufmerksamkeit, da sie einen Vergleich mit den Informationen aus Quellen der kommunistischen Seite erlauben. Mit der „amerikanischen Linie“ dürften sich Auffassungen decken, wie sie von kirchlichen Kreisen der tschechischen Emigration in Rom vertreten werden.

Zunächst der Blick nach Moskau in den 60er Jahren. Beschrieben werden divergierende Auffassungen eines „konservativen“ und eines „liberalen“ Flügels im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Die „kollektiven Führung“ nach der Ära Chruschtschow zeigt Erosionen. Den Hardlinern, die eine orthodoxe, dogmatische, konservative Linie verfolgen, stehen Politiker gegenüber, die sowohl nach innen wie nach außen eine moderate Politik vertreten. Als deren Protagonist gilt der Vorsitzende des Ministerrates, Alexei N. Kossygin (Ministerpräsident von 1964-1980). Ein Wirtschaftsfachmann, der sich stärker an den ökonomischen Realitäten orientiert als an dogmatischen Positionen der Sowjetideologie.

Vorboten des Prager Frühlings

Selbstverständlich: die Amerikaner übersehen nicht die „Vorboten des Prager Frühlings“, den Verlauf des 4. Kongresses des von der Partei kontrollierten Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Am Vortag der eigentlichen Konferenz, am 26. Juni 67, hatte sich der Parteisekretär für ideologische Fragen, Jiri Hendrych, die Parteimitglieder unter den Autoren
vorgenommen. Mit seiner Eröffnungsrede, die mit Beschuldigungen, Forderungen und Androhungen gespickt waren, sollten die unbotmäßigen Genossen (u.a. Jan Procházka, Ludvik Vaculik, Antonin Liehm, Ivan Klima) auf Linie gebracht werden und damit die nachfolgenden Generalversammlung.

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