Archiv zur KategorieSpionage gegen den Vatikan

Sie nannten es „Bekämpfung“

Tschekisten gegen Papst und Kirche –
Über den Kirchenkampf im Kalten Krieg

Neunzig Prozent seiner Aufträge außerhalb des eigenen Territoriums vergab der sowjetische Staatssicherheitsdienst KGB nach der Erkenntnis westlicher Nachrichtendienste an die verbündeten Organe der Staaten des sozialistischen Warschauer Vertrages. Dies galt auch für die Ausforschung und „Bekämpfung“ der Kirchen und Religionsgemeinschaften, wobei dem Vatikan eine besondere Bedeutung beigemessen wurde. Die Spionageaufträge übernahmen in erster Linie die Dienste aus Ländern mit „katholischem Hintergrund“, also Polen und Ungarn. Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR setzte den Vatikan zwar nicht auf seine Prioritätenliste, war aber durchaus an „Erkenntnissen“ interessiert, die „deutsch-deutsche“ Fragen betrafen.

Die Fülle der Informationen, die im Austausch der so genannten „Bruderinformationen“ auch die für die Kirchen zuständigen Abteilungen des MfS erreichten, überrascht selbst Kenner der Materie. Bei der Aufarbeitung der Unterlagen durch die so genannte „Birthler-Behörde“ konnten Dokumentenmaterialien zur Veröffentlichung freigegeben werden, die einen erschreckenden Einblick in den von den „Tschekisten“ geführten Kalten Krieg gegen Papst und Kirche, seine ideologische Begründung und seine militanten Methoden geben.

Nach den vorausgegangenen Beiträgen zu den geheimdienstlichen Operationen gegen „Rom“ durch die Nationalsozialisten sowie über eine Sonderaktion des sowjetischen KGB nach dem Krieg steht die dritte Arbeit unter dem Titel

Der Spitzel war immer dabei
Über den Kirchenkampf im Kalten Krieg
Von Werner Kaltefleiter
Der gesamte Text als PDF-Datei hier zum Herunterladen (ca. 520 kB)

Die internationale Zusammenarbeit der verbündeten Nachrichten- und Geheimdienste gegen Glauben und Kirche, Berichte, Einschätzungen und Maßnahmenpläne der „Sicherheitsorgane der sozialistischen Staaten“ stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Sie sind auf den ersten Blick weniger spektakulär als die Enthüllung einzelner Fälle von Spionage, zumal wenn es sich um „Verräter in der Soutane“ handelt, von den jeweiligen Stasi-Zentralen angeworbene Mitarbeiter aus dem Klerus. Das Material vermittelt jedoch ein klares Bild über das politische und weltanschauliche System des ehemaligen Moskauer Imperiums, von seinem feindseligen Charakter gegenüber Menschen, die – um einem Wort Joachim Kardinal Meisners zu folgen – nicht bereit waren, dem Roten Stern zu folgen, sondern sich an den „Stern von Bethlehem“ hielten.

Die Veröffentlichung der Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der früheren DDR erfährt eine besondere Aktualität vor dem Hintergrund der jüngsten Enthüllungen aus der Slowakei und Polen, der „Geständnisse“ des Erzbischofs von Bratislava-Trnava (Pressburg-Turnau), Jan Sokol, und des Erzbischofs von Gnesen und Warschau, Stanislaw Wielgus, der am Tag seiner Amtsübernahme seinen Auftrag an den Papst zurückgeben musste. Sie waren in der Zeit des Kalten Krieges in die Fänge der „sozialistischen Staatsicherheitsorgane“ – vulgo: der kommunistischen Geheimdienste ihrer Länder – geraten.

Wie und warum, das ist eine im Nachhinein schwer zu klärende Frage. Geurteilt und verurteilt ist schnell. In Deutschland war schon kurz nach der Wiedervereinigung mit der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen, die nicht vom Reißwolf gefressen worden waren, begonnen worden. Zug um Zug, mit einem Jahrzehnt Verspätung, folgen nun die entsprechenden Institute in den Hauptstädten der ehemaligen Ostblockstaaten. Manchem, der sich schon im Gnadenzustand des Vergessens und durch die Milde seiner kirchlichen Oberen geschützt sah, ob durch „Rom“ oder durch die Bischofskollegen, sieht sich letztendlich zur längst überfälligen „Beichte“ genötigt. Mit weiteren „Lustrationen“, wie man in Polen diese „Erhellungen“ nennt, dürfte zu rechnen sein. Namen von Bischöfen und Priestern sind im Umlauf.

Der bisherige Einblick in die Akten der vereinigten Nachrichtendienste des kommunistischen Machtbereichs lässt nur annähernd erahnen, wie umfassend und tief der Überwachungsstaat in das Leben des Einzelnen eingedrungen ist – auch im Bereich von Kirche und Religion. Jedem Teilaspekt nachzugehen, zumal auf nationaler Ebene, würde die hier vorgelegte Arbeit überfordern. Es ist die Absicht des Autors, einen der Öffentlichkeit vermutlich weniger bekannten Themenbereich vorzulegen: den Kampf der östlichen Geheimdienste gegen den Vatikan, als der religiösen und kirchenpolitischen Schaltzentrale, gegen die vom Papst geführte römisch-katholische Weltkirche.

Kommentar

Keine Sympathie für die Nazis

Was Agenten über Papst Pius XII. berichteten

„Der Papst selbst ist, wie alle V-Leute übereinstimmend berichten, dem deutschen Volk und dessen Wesen gegenüber sehr sympathisch eingestellt, was sich jedoch nicht auf das Regime bezieht.“
(Auszug aus einem Agentenbericht des ehemaligen deutschen Reichsaußenministeriums)

Papst Pius XII. war Hitlers Feind; er war kein Komplize der Nazis. Katholiken, die den „Verstand nicht verloren haben“, bedürfen keiner ausdrücklichen Belege für diese Aussage. Aber auch die zeitgeschichtliche Forschung kann sich inzwischen auf weitere Zeugnisse berufen, die jene Stimme widerlegen, die sich seit Kriegsende und bis heute hartnäckig an die negative Charakterisierung des „Weltkriegs-Papstes“ klammern. Zwar warten Historiker weiterhin darauf, dass der Vatikan seine Geheimarchive, auch Spezialabteilungen wie die des Staatssekretariats, weiter öffnet und mehr Entgegenkommen zeigt, als das bisher bei der Einhaltung der allgemein üblichen Sperrfristen der Fall ist. Sensationen dürften allerdings kaum noch ans Tageslicht kommen, nach dem, was bisher bekannt geworden ist. Aber auch Details, in denen bekanntlich – pardon – „der Teufel steckt“, versprechen, manche wichtige und interessante Ergänzung des bereits zugänglichen Materials.

Soweit Primärquellen weiter verschlossen bleiben, überraschen staatliche Archive immer wieder mit aufschlussreichen Entdeckungen. Dies gilt insbesondere für die Unterlagen aus den Aktenbeständen der östlichen Geheimdienste, die „dank“ des Zusammenbruchs der politischen Systeme auf den Tisch kommen. In Berlin umfassend, in Moskau wenig, in Warschau und Prag, Budapest und Sofia zunehmend mehr. Auch der Blick nach Bukarest dürfte sich lohnen. Welches Interesse leitete diese Nachrichtendienste, geradezu hingebungsvoll und umfangreich Akten über den Vatikan anzulegen – und zwar nicht erst mit Beginn des Kalten Krieges, sondern auch durch Auswertung der Akten der NS-Spionage und der Behörden des Hitler-Regimes?

Soeben hat die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR, Marianne Birthler, eine „Informationssammlung der faschistischen Geheimdienstorgane und der Vertreter des Auswärtigen Amtes im Vatikan“ zur Veröffentlichung freigegeben. Es handelt sich, so die Auswerter des Auslandsnachrichtendienstes (HV A), um „Erkenntnisse der faschistischen Staatsorgane zum Wirken der Institutionen des Vatikans“. Sie wurden auch der Kirchenabteilung der „Stasi“ zur Verfügung gestellt. Der Verwendungszweck war klar: Papst und Kirche als vorrangigen „Staatsfeind“ – wie von den Nazis pauschal als „politi-scher Katholizismus“ bezeichnet – zu bekämpfen.

Mit den Papieren aus den Aktenschränken des Hitler-Reiches dürften die Agitatoren ihre Probleme gehabt haben: Die Unterlagen gaben wenig her, um Pius XII. anzuschwärzen. Gleichwohl bieten die Dokumente einen Einblick in Maßnahmen und Methoden der „Sicherheitsorgane“. Ob Reichssicherheitshauptamt oder Ministerium für Staatssicherheit – in den „handwerklichen Fertigkeiten“ und ihrer Zielsetzung, abgesehen vom weltanschaulichen Gegensatz, waren sie so verschieden nicht.

In einem ersten Beitrag („Die Kirche schlechtmachen“) berichtete Werner Kaltefleiter über eine Aktion des sowjetischen und rumänischen Geheimdienstes gegen Papst Pius XII.

Die nun erscheinende zweite Folge befasst sich vor allem mit Schriftstücken des Reichssicherheitshauptamtes und des Auswärtigen Amtes sowie der diplomatischen Missionen in Rom beim italienischen Staat und beim Vatikan, der „weißen“ und der „schwarzen“ Botschaft:

Pius XII. – Ein Papst als Feindbild
Der Vatikan im Fadenkreuz der Geheimdienste
Von Werner Kaltefleiter
Der gesamte Text als PDF-Datei hier zum Herunterladen (ca. 540 kB)

In seiner dritten Arbeit wird der Autor die internationale Zusammenarbeit der Nachrichtendienste der sozialistischen Staatengemeinschaft unter Federführung des sowjetischen KGB untersuchen. Auch dieses Thema konzentriert sich auf die operativen Maßnahmen gegen den Vatikan, als internationalem politischen Machtfaktor und, so das Feindbild der Kommunisten, als Zentrum „subversiver“ Unternehmungen gegen den Sozialismus. Dieser dritte Teil wird voraussichtlich Anfang der kommenden Woche in diesem Weblog erscheinen.

Kommentar

Die Kirche schlechtmachen

Zum Kirchenkampf der kommunistischen Geheimdienste –
Papst Pius XII. als Angriffsziel des KGB

Ist der Dramatiker Rolf Hochhuth bei seiner Kritik an Papst Pius XII. und der Rolle der katholischen Kirche gegenüber dem Hitler-Regime gefälschten Dokumenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB aufgesessen? In seinem Theaterstück „Der Stellvertreter“, das am 20. Februar 1963 von Erwin Piscator im „Theater am Kurfürstendamm“ uraufgeführt wurde, wirft der Schriftsteller dem damaligen Papst vor, zum millionenfachen Mord an den Juden geschwiegen zu haben. Für seine dem Textbuch beigefügte Dokumentation sei der Autor von den Sowjets mit aufbereiteten Materialien beliefert worden, behauptet der ehemalige rumänische Geheimdienst-General Ion Mihai Pacepa. Seine „Enthüllungen“ veröffentlichte der frühere Agent Ende Januar in der New Yorker „National Review“.

Hochhuth hat die Unterstellungen, die auch in Deutschland Aufsehen erregten, empört und als verleumderisch zurückgewiesen. Der rumänische Ex-Spion, der 1978 in den Westen überlief und in den USA lebt, will selbst an dieser Desinformationskampagne beteiligt gewesen sein. Sie seien von Parteichef Chruschtschow gebilligt worden mit der Absicht, Papst und Kirche moralisch zu diskreditieren. Dieses Ziel sei allerdings nicht erreicht worden, räumt der ehemalige rumänische Spionage-Offizier ein.

Diese „Enthüllungen“ bilden den augenblicklichen Höhepunkt der Auseinandersetzung um Pius XII. Die Diskussion spitzt sich zu, da sich der Seligsprechungsprozess nach mehr als dreißig Jahren Vorlaufzeit seiner entscheidenden Phase nähert. Am 18. November 1965, während der vierten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils, hatte Papst Paul VI. die Absicht angekündigt, Pius XII. „zur Ehre der Altäre“ zu erheben.

Der Rückblick in eines der dunklen Kapitel des Kalten Krieges erfolgt auch in einem Moment der schwersten Krise der katholischen Kirche in Polen, hervorgerufen durch die Veröffentlichung von Unterlagen aus den Archiven des polnischen Geheimdienstes. Sie betreffen Priester und Bischöfe, die als Spitzel für die Geheimpolizei und die Auslandspionage gearbeitet haben oder abgeschöpft wurden.

In einer drei Beiträge umfassenden Arbeit beleuchtet Werner Kaltefleiter die Hintergründe der gegen Papst und Kirche gerichteten Spionagetätigkeit östlicher Geheimdienste während des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges. Der erste Teil beschäftigt sich mit den Informationen des rumänischen Ex-Geheimdienst-Generals:

Die Kirche schlechtmachen
Papst Pius XII. als Ziel östlicher Geheimdienste

Von Werner Kaltefleiter
Der gesamte Text als PDF-Datei hier zum Herunterladen (ca. 100 kB)

Im zweiten Teil kommentiert der Autor Unterlagen aus den Archiven des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Es handelt sich in erster Linie um Korrespondenz des Reichssicherheitshauptamtes und des Reichsaußenministeriums, die eindeutig belegt: Pius XII. war nicht Komplize der Nazis, wie nach dem Krieg wiederholt behauptet wurde, sondern der Feind Hitlers. Die Dokumente wurden von der „Birthler-Behörde“ jetzt zur Veröffentlichung freigegeben.

Im dritten Teil der Reihe erläutert Kaltefleiter anhand von neuen Materialfunden aus den Archiven der Kirchenabteilung des MfS die Zusammenarbeit der östlichen Auslands-Geheimdienste in ihrem Kampf gegen den Vatikan. Überraschend ist die Menge an Informationen, die unter den so genannten „Bruderorganen“ ausgetauscht wurde, wobei hauptsächlich der ungarische Geheimdienst, also aus einem Land mit „katholischem“ Hintergrund, unter Federführung des sowjetischen KGB die Ausforschung des Vatikans übernahm.

Diese beiden Teile werden im Laufe der nächsten Tage ebenfalls hier in diesem Weblog erscheinen.

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