Archiv zur KategorieTürkeibesuch

Archiv

Nach Abschluss des bayerischen Reisetagebuches folgen hier nun alle Texte aus diesem Weblog als Archiv-Version zum gebündelten Lesen. Sie können sich die Dokumente anzeigen und auch herunterladen:

Unterm Himmel weiß und blau
Mit Papst Benedikt XVI. in Bayern
Tagebuch einer Reise von Werner Kaltefleiter
Als PDF-Datei zum Herunterladen (ca. 1,1 MB)

und

Kreuz und Halbmond
Papst Benedikt XVI. in der Türkei
Notizen von Werner Kaltefleiter
(gegenüber dem Weblog überarbeitete Fassung)
Als PDF-Datei zum Herunterladen (ca. 750 kB)

Kommentar

Nach der Reise in die Türkei

Nach der Reise in die Türkei (Teil II)

„Brückenbauer“ will er sein, „Handwerker des Friedens.“ Kein scharfkantiges Wort. Lieber Komplimente á la Orient. In das Besucherbuch der nationalen Gedenkstätte trägt er sich, sich auf Kemal Atatürk beziehend, mit den Sätzen ein: „In diesem Land, einem Ort der Begegnung verschiedener Religionen und Kulturen, Brücke zwischen Asien und Europa, mache ich mir gern die Worte des Gründers der Republik zu eigen: „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt.“

Den Krakeelern – „Papst bleib weg“ – antwortet er mit einem Wort seines Vorgängers Johannes XXIII. / Angelo Roncalli, als dieser in Istanbul residierte: „Ich liebe die Türken, die ihren Platz in der Geschichte der menschlichen Zivilisation haben“. Er, Benedikt, hege die gleichen Gefühle. Der Großmufti von Istanbul, Ohrenzeuge dieser Worte während einer Begegnung im Religionsamt, zeigte sich noch am übernächsten Tag beeindruckt, als er Benedikt in der Blauen Moschee empfing: Von der Botschaft des Papstes gehe eine unglaubliche Synergie aus.

Sicherheit

Wie reist ein Sendbote des Friedens und der Versöhnung: Von militärischen AWACS-Aufklärungs-Flugzeugen beschützt, von Patrouillen der Marine, von Scharfschützen, Antiterrorkommandos, Sprengstoff-Experten, Polizei und Sondereinheiten, Abwehrspezialisten der Staatsicherheits- und Nachrichtendienste, Hubschraubern über Straßen und Plätzen, einer Phalanx von Leibwächtern, in gepanzerter, abgedunkelter Limousine, die ihn im Eiltempo zu den Pflichtterminen fährt, auf weiträumig abgesperrten Straßen, vorbei an leeren Bürgersteigen. Schärfer bewacht als der amerikanische Präsident. Falls dies ein Maßstab sein soll. Da mochte es wie ein Glücksmoment erscheinen, dass „Sabah“, die populäre Tageszeitung in Ankara, ihre Titelseite mit der Schlagzeile aufmachte: „Benvenuto.“ Nur „Milli Gazete“, der radikalen Nationalzeitung, schien es nicht genug: Besteht auf förmliche Entschuldigung. Gemeint ist „Regensburg“. Der Papst erwähnt den Vorgang mit keinem Wort. Aber er kommt nicht „ungeschoren“ davon.

Das Protokoll achtet auf die geltende Hierarchie im Lande Kemal Atatürks: Erst Staat und Politik und der obligatorische Besuch in der „Kathedrale der Nation“, dem Atatürk-Mausoleum. Kranzniederlegung am Sarkophag des Staatsgründers. Zwei Soldaten der Ehrenwache, angeführt von einem Offizier mit gezogenem Säbel: In gemessenem Defilier-Schritt tragen sie den Kranz voran. Ein Gebinde in den türkischen, nicht den vatikanischen Staatsfarben, weiße und rote Blüten – durchzogen von einem Namensband mit der schlichten Inschrift: Papa Benedikt XVI. – Der Mann des Kreuzes ist gekommen, ohne ein Kreuz zu zeigen, jubeln die Tageszeitungen. Benedikt hatte im langen weißen Wintermantel das Flugzeug verlassen. Wohl nicht nur der Tagestemperatur wegen. Das erste Bild von ihm also ein „neutrales“. Später wird er die Insignien nicht verbergen.

Das Zeremoniell im Mausoleum beendet ein Trompetensignal. Kaum ist es verklungen, ertönt der Ruf des Muezzin vom Minarett der nahen Moschee: Allah ist der Allergrößte. Kommt, o ihr Gläubigen, zum Gebet. Deutlicher kann man dem christlichen Religionsführer nicht bedeuten, wer im Land den Ton angibt. Atatürk hin, Erdogan her.

Es gab Steine wegzuräumen. Gleich am ersten Tag, nach den politischen Verpflichtungen, Termin beim Präsidenten des Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Herr über mehr als 70.000 Moscheen und Imame, im Auftrag des Staates, aber sichtbar auf weitgehende Eigenständigkeit bedacht. Ali Bardakoglu, Professor für Islamisches Recht, empfängt seinen Gast aus dem Vatikan vor der Tür. Eine Geste bevorzugter Aufmerksamkeit. Würdevoll trägt er den roten Fez, mit dem weißen Turban umwunden. Dazu einen langen weißen Mantel, mit goldenen und roten Borten besetzt. Selbstbewusstsein. Augenhöhe. Der Papst will schon mit dem Protokoll ein Zeichen setzten. Nicht er empfängt, sondern er wird empfangen. Kein „Gang nach Canossa“, schreiben vorsorglich einige Kommentatoren. Eine Geste der Versöhnlichkeit. Die Großmuftis von Istanbul und Ankara nehmen an dem Gespräch teil. Ein christlich-islamischer Gipfel.

Zunächst die Förmlichkeiten und Höflichkeitsadressen. Übereinstimmung wird festgestellt. Dringlichkeit des Dialogs. Einander besser kennenlernen, Gemeinsamkeiten anerkennen, die Unterschiede respektieren, Spannungen ohne Gewalt überwinden. Oder, wie der Papst dem begleitenden Journalistenkorps erklärte: Die Differenz und Kohärenz zwischen Christen und Muslimen ausloten.

Einig waren sich die geistlichen Herren auch in der Klage über den fortschreitenden Säkularismus in der Welt, den Relativismus und den Nihilismus. Die strenge Verbannung der Religion aus dem öffentlichen Leben führe in die Sackgasse, sagt der Papst und begibt sich auf „vermintes“ Gelände. Doch er fügt hinzu, Angebot und Mahnung zugleich in beiden Richtungen: Die Religionen sollten sich aus der konkreten Politik heraushalten, sich selbst nicht gewaltsam gegenüber anderen durchzusetzen versuchen, sondern gemeinsam sich bemühen, akzeptable Lösungen für eine bessere Welt zu finden. Nach dem Titel eines Buches über Joseph Ratzinger, dem Auftrag Jesu, einer christlichen Maxime folgend: „Ihr seid das Salz der Erde“. Der Papst in einer seiner Ansprachen in der Türkei fährt fort: Das setzt allerdings voraus, dass auch der Staat die Religionen als gesellschaftliche Kraft akzeptiert, die freie Religionsausübung auch in der Praxis durchsetzt, insbesondere für die religiösen Minderheiten. Man habe den Eindruck, dass der Staat gezielt die Sunniten als überwiegende Mehrheit der Bevölkerung fördere, sagen Kenner der Verhältnisse. Die anderen allenfalls Bürger zweiter Klasse dieser „Staatsvolk“-Politik und -Ideologie.

Was kann man tun? Wo Worte nicht reichen, überrascht Benedikt auch mal mit einer Geste. Wie man ihn so gar nicht kennt: Bei der katholischen „Familienfeier“ auf dem „Nachtigallenhügel“, wo die Gottesmutter gelebt haben soll, beendet er die Fürbitte am Schluss seiner Predigt auf Türkisch: „Aziz Meryem Mesih’in Annesi bizim icin Dua et – heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns.“ Auf Türkisch auch die Dedikation und der Friedensgruß zu Beginn der Predigt: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Friede sei mit Euch.“ Das ist die auch dem Muslim geläufige, wenn auch bei der Anrufung Gottes verschiedene Formel. „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Selamün Aleyküm.“ Nach dem Gottesdienst im Freien, umringt von den Gläubigen, ergreift Benedikt spontan eine türkische Fahne – die Kameras sind dabei: Schaut her, meine Christen wollen auch gute Bürger sein. Als sei dies nicht genug, wird er mit den Worten zitiert: „Ich habe die große türkische Kultur immer bewundert, deshalb war es seit Beginn meines Pontifikats mein inniger Wunsch, die Türkei zu besuchen, die Freundschaft zwischen dem Heiligen Stuhl und der Türkei zu vertiefen. Ich wollte einen Beitrag leisten zur Begegnung der Kulturen, zur Arbeit für Frieden und Versöhnung. Das ist die Pflicht unserer Zeit.“

Es ist ihm mit der Religionsfreiheit – Verzeihung – „verdammt“ ernst. Vor dem Diplomatischen Corps holt er aus: „Es ist Aufgabe der zivilen Autoritäten eines jeden demokratischen Landes, die effektive Freiheit aller Glaubenden zu garantieren und ihnen zu erlauben, das Leben ihrer eigenen religiösen Gemeinschaft zu organisieren. Dies beinhaltet sicher, dass die Religionen ihrerseits nicht versuchen, direkt politische Macht auszuüben, weil sie dazu nicht berufen sind, und im besonderen, dass sie absolut darauf verzichten, den Rückgriff auf Gewalt als legitimen Ausdruck religiöser Praxis zu rechtfertigen.

Auch in der „Gemeinsamen Erklärung“ mit dem Ökumenischen Patriarchen wird die Frage der Religionsfreiheit aufgegriffen. Das Dokument fordert die „unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person“ ein, „insbesondere der Religionsfreiheit, die der Beweis und Garant des Respekts vor jeder anderen Freiheit ist“ und die in der Europäischen Union anerkannt werden möge. Die sei ein Gütezeichen der europäischen Gemeinschaft. Das ist natürlich auch in Richtung Ankara geschrieben. Mehr kann man von Benedikt in diesen vier Tagen wohl nicht erwarten.

Kehren wir zu dem Gespräch mit dem christlichen Papst und einem islamischen Religionslehrer zurück. Kein tiefer Meinungsaustausch sicherlich, nicht im zeitlichen Rahmen einer solchen Reise. Immerhin ein bemerkenswerter Ansatz. Benedikt wartet erneut mit einem Zitat auf. Seine Zuhörer zunächst wohl verblüfft. Aber er will es ihnen zeigen: Ich kann auch anders. Benedikt bezieht sich auf eine Begebenheit aus dem Jahr 1076. Man bleibt im Mittelalter. Diesmal ist nicht Kaiser Manuel sondern Papst Gregor VII. der Kronzeuge. Dieser Papst hatte einen muslimischen Prinzen aus Nordafrika empfangen. Dabei soll er das Thema der brüderlichen Liebe angesprochen haben, in der Sprache der Christen „Caritas“ genannt. Aber beide, Christen und Muslime, seien sich diese Liebe gegenseitig schuldig, zitiert Benedikt seinen frühen Vorgänger, der dies mit dem Hinweis begründete: „Denn wir glauben und bezeugen den einen Gott, wenn auch in verschiedener Weise. Jeden Tag loben wir ihn und verehren ihn als Schöpfer der Jahrhunderte und Herrscher dieser Welt.“ Nun müsste man wohl hinzufügen: Die Moslems freilich ohne Gottessohn und Heiligen Geist. Aber hier und jetzt ist nicht der Moment zu unterscheiden, was in der Bibel und im Koran steht, im Katechismus und in der Sunna.

Katholische Kommentatoren zeigen in diesen Tagen ein gewisses Verständnis, dass die erzwungene „Kemalisierung“, die Trennung von Staat und Religion, auch nach siebzig Jahren vom Islam noch nicht verdaut wurde, woraus die Radikalen ihre Nahrung bezögen. Soviel Verständnis geht manchen Sprechern der christlichen Seite dann doch etwas zu weit. Wenn der Papst von den eindrucksvollen Zeugnissen der christlichen und islamischen Kultur spricht und dabei wohl eher die Monumente aus vergangenen Zeiten vor Augen hat, dann erinnern Ortskundige an die verfallenden Kirchen und zeigen auf die Steine, die den Christen heute auf die Füße geworfen werden. Der Einzelne könne seinem Glauben zwar nachgehen. Aber die Kirchen als Institution seien schwer betroffen. Ohne Rechtsstatus, sozusagen „nicht existierend“. Grundstücke erwerben, Kirchen bauen, Kindergärten, Schulen. Alles im zivilisierten Europa selbstverständlich. Hier nicht ohne juristische Kniffe und, vorsichtig vermutet, nicht ohne manches Bakschisch. Folgt man dem jüngsten Korruptionsbericht von Transparency International.

Soweit ins Detail gehen konnten die beiden geistlichen Autoritäten, die sich zur Audienz im staatlichen Amt für Religion trafen, nicht. Es ließ sich eher freundlich an. Austausch von Artigkeiten, Übereinstimmung in einigen ethischen Grundsätzen, Ermunterung zum weiteren Dialog. Dann aber konnte der türkische Religionswächter nicht mehr an sich halten. „Regensburg“ – von Benedikt sorgsam gemieden. Alles gesagt, was zu sagen ist – musste nun doch noch auf den Tisch: „Leider sehen wir, dass sich in jüngster Zeit eine Islamophobie verbreitet“, setzte der ranghöchste Mufti an. Diese gegen den Islam gerichtete Haltung bringe zum Ausdruck, „dass der Islam durch seine Geschichte und Quellen zur Gewalt ermuntert und der Islam mit dem Schwert in der Welt verbreitet wurde.“ Das war direkt auf das Manuel-Zitat gemünzt.

Bardokoglu weiter: „Ich möchte hier die Trauer und Klage jedes Muslims über diese Behauptungen zum Ausdruck bringen, die keiner wissenschaftlichen oder historischen Überprüfung standhalten und überdies ungerecht und ungerechtfertigt sind.“ Die Vertreter der verschiedenen Religionen müssten sich zu einem friedvollen Dialog zusammentun und die Probleme der Menschheit lösen, gemeinsam nach einer Übereinstimmung suchen, ohne notwendigerweise die anderen Lehren anzuerkennen oder über sie zu urteilen. Diese Zusammenarbeit dürfte von niemandem dazu missbraucht werden, Befürworter des Glaubens zu finden oder die eigenen Vertreter zu begünstigen. Wenn sich die Religionsführer verschiedener Kulte und Riten treffen, müssten sie Themen und Methoden für den theologischen Diskurs finden, ohne dabei die Überlegenheit des eigenen Glaubens zu demonstrieren.

Die nächsten Sätze zielten – wenn auch indirekt, aber wer hätte sie anders verstehen können –direkt auf den Redner von Regensburg: „Insbesondere wir als Religionsführer dürfen uns nicht diesen Vorurteilen hingeben, sondern müssen uns aufrichtig verhalten und für den Weltfrieden einsetzen.“ Und auch für „Professor Papst“ hatte der islamische Oberlehrer einen Merksatz parat. Hatte Benedikt in Regensburg nicht das Verhältnis von Glaube und Vernunft im Islam in Frage gestellt? Ali Bardakoglu, der Rechtsgelehrte, antwortet: „Die Grundlagen des Islam basieren in Theorie und Praxis auf dem Verstand. Im Islam sind Glaube an Gott und die Beziehung des Einzelnen zu Gott die Basis für Vernunft und Bekenntnisfreiheit. Deshalb wollen wir eine Verbindung, die auf den gegenseitigen Respekt und auf Toleranz aufbaut.“ Damit hat’s der Papst schriftlich. Der Dialog kann beginnen.

Aber nicht einseitig. Namentlich die deutschen Bischöfe wollten ihren Mitbruder auf dem Stuhl Petri in dieser Sache nicht alleinlassen. Schon unmittelbar nach dem Sturm suchten sie zur Versachlichung beizutragen: Unglücklich vielleicht die Zitation in der Regensburger Rede, aber man müsse wohl auch den Muslimen ein wenig die Leviten lesen. In welchem Zeitabschnitt der Geschichte steht ihr mit eurer Religionskritik, was sagt die Bildungselite zu den Umtrieben der Straße. „Sie müssen Farbe bekennen“, sagte der Limburger Franz Kamphaus in seiner viel beachteten Rede zum Dialog mit dem Islam. Forderte auf zu ehrlicher Reflektion: Das „Säurebad der Kritik“ habe die Bibel nicht zersetzt. Muslime sollten ebenfalls dieses Wagnis nicht scheuen. Der Koran, die Hadithen, die Sunna, die Scharia – was ist tabuisiert bis in Punkt und Komma? Und gefragt: Ist der Weg des Islam nach Europa nur eine Einbahnstraße?

Die vorletzte Station der Reise – die Umstände haben es so gefügt – gehörte dem eigentlichen Anlass der Türkei-Reise. Besuch beim Patriarchen von Konstantinopel zum Fest des Heiligen Andreas, dem Petrus-Bruder und Apostel Kleinasiens. Brüderliche Umarmung, seitdem sie sich wieder als „Schwesterkirchen“ ansprechen. Paul VI. hatte 1964 in Jerusalem damit begonnen, war 1967 nach Istanbul gereist; 1979 folgte Johannes Paul II. als der bis 2006 letzte Besuch aus dem alten Rom beim geistlichen Statthalter des Neuen Rom.

Der Bruderkuss am Ende eines langen, nicht nur für Glauben und Kirche, sondern für die Geschichte Eurasiens folgenschweren Weges. Über 900 Jahre geschieden in West und Ost, immer noch stark verwandt miteinander, aber wie die Zeit es mit sich bringt: die Lebensgewohnheiten und Ansichten ändern sich. Sprich: Theologie, Liturgie, Strukturen. Wie ein Menetekel stets vor Augen, einst auf den Altar der Hagia Sophia geworfen: das Anathema. Es ging vom Westen aus. Der Osten folgte mit eigener Verwerfung. Erst das Zweite Vatikanische Konzil erleuchtete auch die getrennten Schwestern und Brüder, ließ sie die „Zeichen der Zeit“ erkennen, wozu der „gute Papa“ Johannes aufgerufen hatte. Die gegenseitigen Bannflüche wurden „aus der Erinnerung getilgt“. Ein feiner Ausdruck, wenn man andererseits nicht sagen will, dass das, was damals geschah, Unrecht war. Am Ende behalten die Juristen Recht.

Umstritten – sagen wir mal aus der Sicht des reinen Glaubens – bleibt die Sache schon. Ging es nur um theologischen Dissens, oder nicht mehr noch, oder doch ziemlich heftig, um Macht und Einfluss: Ein selbstherrlicher Papst in Rom, der einen „Barbaren“, den fränkischen Karl zum Kaiser krönt und damit die Byzantiner provoziert; die Herren am Bosporus, diee die eigenen Missionare – Kyrill und Methodius – zu den Slawen schicken und die römisch-fränkischen Interessen des Westens im Osten stören. Kurze Weltgeschichte in einen Satz gepackt.

Ein Deutscher soll es gewesen sein, dem die Christenheit den mittelalterlichen Supergau verdankt: Leo IX. alias Bruno von Egisheim-Dagsburg. In Wirklichkeit, so behaupten andere Sachkenner, hat ein Kardinal das Ding gedreht: Humbert von Silva Candida, der dem Patriarchen Michael I. Kerullarios wutentbrannt die Exkommunikation, besser gesagt, die kirchliche Kriegserklärung auf den Altar der Hagia Sophia – zu Deutsch: Göttliche Weisheit – knallte, nachdem er mit gutem Zureden (waren es eher Drohungen?) nichts erreicht hatte. Datum des Geschehens: der 16. Juli 1054. Zwar berief sich der päpstliche Abgesandte auf seinen Dienstherrn, tatsächlich soll er aber selbst den Scheidebrief verfasst haben.

Worauf Michael mit der Exkommunikation des Katholiken aus Rom konterte. Die Oströmer konterten, sprachen den Weströmern die Rechtgläubigkeit ab, die sie nun exklusiv für sich beanspruchten: Orthodoxe eben. Was wäre der Welt in den Jahrhunderten danach erspart geblieben? Auch Benedikt schleppt noch an der Last der Geschichte. Etwas Ballast hat er aber mit eindrucksvolle Gesten abgeworfen. Zunächst die Tiara, die Dreifachkrone im Papstwappen, durch die Bischofsmütze, die Mitra ersetzt. Das spricht für Kollegialität, auch wenn er die Beschlüsse von 1870 nicht ohne weiteres kippen kann, das heißt den Jurisdiktionsprimat und die Infallibilität, zu Deutsch: „die volle, höchste und universale Gewalt für den, der gleich Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt ist“ und der über ein allerdings klar umgrenzte, nicht willkürlich zu handhabende Unfehlbarkeit verfügt. Dennoch die „Knackpunkte“ gegenüber den Orthodoxen, von den Protestanten und Anglikanern und so weiter ganz zu schweigen.

Das Erste Vatikanische Konzil hatte, bei deutlichen Gegenstimmen vor allem auch aus Deutschland, mit der Festschreibung dieser Suprematierechte des Papstes wohl auch den politischen Umständen Rechnung tragen wollen. Der Pontifex hatte seinen Kirchenstaat an Italien verloren. Ein König ohne Land. Was das heißt, erlebt Bartholomaios von Istanbul. Er hält zwar den Titel „Ökumenischer Patriarch“, als der „Zweite nach Rom“. Schaut auf 300 Millionen Orthodoxe weltweit, aber verfügt nicht über sie. Das einstige mächtigste Amt nach dem Papst: heute nur noch ein Ehrenamt. Und das es so bleibt, darauf achten eifersüchtig die Hierarchen einer Vielzahl von eigenständigen orthodoxen Landeskirchen – nicht zuletzt der geistliche Großfürst weiter im Osten, Alexij II., Patriarch von Moskau und ganz Russland mit 100 Millionen Gläubigen, einem Drittel der gesamten Orthodoxie. Die Reise nach Konstantinopel ist nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Einheit.

Wie nahe sich Papst Benedikt, der Theologe Ratzinger, der Kirche des Ostens fühlt, machte er mit einer weiteren auffälligen Geste sichtbar. Als er sich entschied, die ostkirchliche Form des Palliums, Insignium der erzbischöflichen Würde, zu übernehmen, wie es in der ganzen Kirche bis zum Mittelalter getragen wurde: Das weiße Band auf Lammwolle, breiter als das römische, mit fünf purpurfarbenen Kreuzen bestickt, zur Erinnerung an die fünf Wundmale Jesu, drei Kreuze mit Nadeln durchstochen, die Kreuznägel symbolisierend und zum V-Zeichen über Brust und linke Schulter gelegt. Eine Referenz an den ostkirchlichen Brauch, wo das Omophorion vom Metropoliten getragen wird, nicht als Zeichen der Autorität, sondern auf das Gleichnis vom verlorengegangenen und wiedergefundenen Schaf auf der Schulter des Hirten hindeutend. Benedikt ging noch weiter und legte den Titel eines Patriarchen des Abendlandes ab. Auch dies eine Reverenz gegenüber dem Osten. Ob er damit die vier anderen Patriarchen der alten Kirche damit in Zugzwang bringen könnte und dies angesichts der prekären Lage, in der sich diese im Nahen Osten befinden? Man wird sehen.

Es drängt ihn. Es wäre „sein“ großer Wurf in einem zeitlich doch wohl überschaubaren Pontifikat. In Istanbul ergriff Benedikt erneut die Initiative – was manche Beobachter schon als revolutionär kommentierten. Er lasse mit sich darüber reden, wie künftig das Petrusamt ausgeübt werden könne. Das ist kein neuer Vorschlag, sondern eine Idee, die Benedikt von seinem Vorgänger aufgreift. Johannes Paul II. hatte schon in seiner Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ davon gesprochen. Die Frage steht im Raum: Wie viel an Autorität über die Gesamtkirche, historisch vielleicht begründet, aber praktisch unwirksam, ist „Rom“ bereit aufzugeben? Die päpstlichen Vollmachten innerhalb der eigenen Kirche blieben ohnehin unberührt? Wäre eine Art „Primus inter pares“ denkbar, ein „Vorsitz in der Liebe“? Das wäre nicht unser Problem, sagt ein Bischof der russisch-orthodoxen Kirche. Was für uns nicht in Frage kommt, ist der „universale“ Jurisdiktionsprimat, und ebenfalls nicht der Anspruch, „Stellvertreter Christi“ zu sein. Moscovia locuta, causa finita. Moskau – das „Dritte Rom?

Bartholomaios, türkischer Staatsbürger mit griechischer Geburtsurkunde, daheim zählt er nur noch einen Sprengel von vielleicht 5.000 Seelen, weniger als in einer deutschen Großstadtpfarrei – als Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie dennoch ein wichtiger Gesprächspartner für die römische Kirche. Schließlich ist der Nachfolger des Petrus dem Nachfolger des Andreas verpflichtet und mithin den Christen am Bosporus. Der Amtsinhaber Nr. 264 beim Amtsinhaber Nr. 270.

Die kirchlichen Feierlichkeiten erreichen ihren Höhepunkt in der St. Georgs-Kathedrale. Die göttliche Liturgie, der Gottesdienst im byzantinischen Ritus, entfaltet all ihre Pracht und Herrlichkeit. Wolken von Weihrauch erfüllen den Raum der Kathedrale des Heiligen Georg. Der Gesang der Mönche erfüllt den Raum. Die Gläubigen sind ergriffen vom Schein der Kandelaber, dem Glanz der liturgischen Geräte. Schauen ehrfürchtig zu den Bildern der Heiligen der Ostkirche auf, von denen auch einige in der Westkirche verehrt werden. Verneigen sich vor der Ikonostase, die das Allerheiligste vor profanen Augen schützt, bekreuzigen sich nach der Art der orthodoxen Regel und küssen die dargereichte Ikone.

Die beiden Patriarchen in großer Würde – Bartholomeios trägt schweren Brokat, das weiße Haar mit der prächtigen, mit Edelsteinen besetzten und mit Gold- und Silberfäden durchwirkten bauchförmigen orthodoxen Mitra, der Papst – als Gast, nicht als Zelebrant – trägt die besonders festliche mit Hermelin besetzte Purpurmozzeta über dem schneeweißen Rochett und seiner weißen Soutane, den Kopf nur mit dem weißen Zuccetto bedeckt.

An dieser Stelle ist einzufügen: Benedikt hat nicht die beiden anderen orthodoxen Bischöfe in Istanbul vergessen. Er besucht, zu einem „Gebetstreffen“, Mesrob II., den Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche. Ein durchaus heikler Termin. Aber Benedikt interessiert die staatlichen Tabus nicht, spricht an, was den Armeniern im Osmanischen Reich angetan wurde, „oft unter sehr tragischen Umständen, wie denen im letzten Jahrhundert.“ Er muss keine Details nennen, jeder kennt sie, auch wenn öffentlich darüber zu reden hinter Gittern enden kann. Vor 90 Jahren: Nach wissenschaftlichen Schätzungen fielen 800.000 bis 1,5 Millionen Menschen der Verfolgung zum Opfer, Massaker, die man damals zwar noch nicht als „ethnischen Säuberung“ bezeichnete, die aber nichts anderes bezweckten.

In der „Casa Roncalli“, der päpstlichen Vertretung in Istanbul, neben der Nuntiatur in Ankara, empfängt er dann auch Metropolit Filuksinos Yusuf Cetin, Bischof des syrisch-orthodoxen Bistums Istanbul. Repräsentant der in viele Zweige geteilten syrischen Christen und heute weit verstreut in der weltweiten Diaspora. Und doch Zeugen der Ursprünge des Christentums. Ihre Gemeinden sind die ältesten nach der Urgemeinde von Jerusalem. Ihre liturgische Sprache hat Jesus gesprochen: Aramäisch. In der Türkei haben sie schlimmste Leiden erdulder, zerrieben in den Auseinandersetzungen des Zentralstaates mit den Kurden, und, als sei dies nicht genug, auch von den kurdischen Muslimen. Die Geschichte ihrer Heimat im Tur Abdin, dem „Berg der Gottesknechte“, und das Schicksal des kleinen Volkes gilt als vor der Weltöffentlichkeit weitgehend verschwiegen.

Nach dem Syrer empfängt er – die Besuche „bei den Anderen“ komplettierend – Isak Haleva, den Oberrabbiner für 25.000 türkische Juden. Ungezählte Sephardim fanden als Vertriebene der spanischen Reconquista eine neue Heimat im Osmanischen Reich. Die offizielle „Legende“ spricht von 500 Jahren Harmonie und Toleranz, die Juden erinnern sich an die verheerenden Anschläge auf zwei Istanbuler Synagogen im November 2003, bei der 57 Menschen getötet wurden

Die kirchliche Welt blickt nach Istanbul. Man ist gespannt auf die groß angekündigte gemeinsame „katholisch-orthodoxe“ Erklärung. Die Sprache ist eindrucksvoll – feierlich, „starr“ schon auch, wie ein Kommentator meint. Der Kern des Inhalts ist auf einen Satz gebracht: Die Kirchenspaltung sei ein Skandal für die Welt und ein Hindernis für die Verkündigung des Evangeliums. Man will weiterkommen, das Ziel der vollen Einheit sei verpflichtend. Was tut man, wie schon aus der Politik bekannt? Man bildet erst einmal eine weitere Kommission. Gerade erst aus der Türkei zurückgekehrt, wird Benedikt einen Besucher aus Athen empfangen. Seine Seligkeit Christóduolos. Der Erzbischof ist im Vatikan kein Unbekannter. Er hat sich zu seinem Antrittsbesuch als neuer Primas der Orthodoxen Kirche Griechenlands angesagt. Da wird er aus erster Hand erfahren, was die Herren im Phanar miteinander ausgemacht haben.

„Gottes ist der Orient / Gottes ist der Occident / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ Wie schön, wenn’s dann wahr wäre, was Goethe für das Land fern hinten in der Türkei empfand. Ob der Herr Geheimrat schon deshalb ein „Muselmann“ war, wie manche seiner Zeit argwöhnten? Dann hätte unser Benedikt ja erneut Probleme, nachdem er den Türken „Adieu“ gesagt hatte – und, bevor er das Flugzeug nach Rom bestieg, ihnen versicherte: „Ein Teil meines Herzens bleibt hier in Istanbul.“ Wieder ein Bayer vor den Toren der Zitadelle? Wie weiland die Wittelsbacher, die ein Familienmitglied an die Griechen ausliehen: Otto I. von Bayern, ein junger Mann von sechzehn Jahren damals noch. Aber um Ecken verwandt mit Byzanz, mit den Kaiserdynastien der Komnenos und Laskaris, womit wir wieder zurückblicken auf die Zeiten der großen Kirchenspaltung, der Eroberung Konstantinopels und der Errichtung des lateinischen Kaiserreichs. Otto nun wurde 1832 König, regierte 30 Jahre lang, musste dann aber, weil er doch mehr auf internationalen Druck hin als auf Wunsch der Hellenen auf den Thron gekommen war, in seine Heimat zurück, wo er den Rest seine Lebens in Bamberg verbrachte. Ach ja, die Bayern und die Türken.

Es fehlte in diesen Tagen wahrlich nicht an historischen Reminiszenzen, Sprachbildern und symbolischen Gesten. Der Großmufti überreichte dem ehrenwerten Efendi aus Rom als Erinnerung an den Besuch in der Blauen Moschee eine Kalligraphie, ein Gebet, ausgedrückt im Bild einer Taube mit dem Ölzweig im Schnabel. Die Friedenstaube sei ja auch ein Zeichen einer gemeinsamen Kultur. Wie es der Zufall will, hatte Benedikt ein ähnliches Gastgeschenk mitgebracht: Ein Mosaik, auf dem gleich mehrere dieser Friedensboten zu erkennen sind. Das Bild deutet das Bild als eine Botschaft der Brüderlichkeit und als Erinnerung an einen Besuch, „den ich nicht vergessen werde“. Über der Kuppel der Blauen Moschee, angestrahlt gegen den dunklen Abendhimmel, kreisten zu dieser Stunde weiße Möwen. Und der eine oder andere Schwarmgeist deutete dies schon als ein Zeichen des Himmels.

Der Mufti zitierte Aristoteles, den griechischen Denker: Ein Vogel mache noch keinen Frühling. So wünsche er sich, doch wohl ganz auch im Sinne seines Gastes, viele Vögel, damit Blütenträume wahr werden. So oder ähnlich dürfte es der islamische Geistliche doch wohl gemeint haben. Denn noch liegt Frost auf den gegenseitigen Beziehungen. Die Nationalisten mussten auch noch am letzten Tag hetzen: Papst und Patriarch zusammen auf dem Titelbild als Beleg für die „Allianz der Kreuzfahrer“. Drei Päpste sind in den letzten fünfzig Jahren in Istanbul an Land gegangen, eine Statue von Benedikt XV. in der katholischen Kathedrale. Und jetzt hat Benedikt XVI. auch noch ein Standbild von Johannes XXIII. gesegnet – die Türkei in Gefahr? Welchen Bären wollen die Radikalen den Leuten aufbinden. Das Raubtier, das Benedikt im Wappen trägt, beißt nicht. Es trug, wie die Legende besagt, geduldig die Last, die ihm aufgetragen wurde. So der Mann, der mit dem Palmenzweig in der Hand ins Land der Moslems und die Heimat der ersten Christen reiste.

In seinem letzten Gottesdienst auf türkischem Boden, in der Predigt während des Gottesdienstes in der katholischen Bischofskirche, brachte Benedikt einige Höhenfluge zurück auf den Boden der Tatsachen und die aktuelle Situation auf den Punkt: Die Kirche möchte niemandem etwas aufzwingen. Sie verlangt lediglich, dass sie in Freiheit existieren kann, um den zu offenbaren, den sie nicht verstecken kann: Jesus Christus.


Ab dem morgigen Mittwoch wird an dieser Stelle das bayerische Reisetagebuch fortgesetzt.

Kommentar

Nach der Reise in die Türkei

Nach der Reise in die Türkei (Teil I)


Handwerker des Friedens

„Mit welcher Szene beginnen?“ würde ein Filmregisseur vielleicht gefragt haben. Wie wäre es mit dieser? Papst Benedikt XVI. lässt eine weiße Taube fliegen, im Hof der Kathedrale vom Heiligen Geist. Nomen est omen. Bartholomaios I., der griechisch-orthodoxe Patriarch und Mesrob II., der Patriarch der Armenisch-Apostolischen Kirche, der syrisch-orthodoxe Metropolit Filuksinos Yusuf und Vertreter der evangelischen Kirche sind Zeugen dieses Aktes.

Gewiss, es gab andere Höhepunkte und bewegende Momente dieser Reise in die Türkei, ob in Ankara, Istanbul oder im Wallfahrtsort Ephesus an der ägäischen Küste. Aber dieser Augenblick fasste das Geschehen, die Intention, das in der Erinnerung Haftende „symbolträchtig“, wie man in solchen Momenten zu sagen pflegt, zusammen: die schwierige Mission des Sendboten aus Rom und die, manche sagten, „wunderbare Verwandlung“ des Menschen Joseph Ratzinger. Vor dem Gottesdienst mit der katholischen Gemeinde und den hohen Gästen der getrennten und doch irgendwie schon wieder verbundenen Kirchen wird Benedikt wohl auch die Statue seines Vorgängers im Hof der Kathedrale gesehen und ein kurzes Gebet gesprochen haben. Die Figur stellt Benedikt XV. dar, ein Geschenk von Türken im Jahr 1919, am Ende des Ersten Weltkrieges, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, noch unter dem Eindruck der fürchterlichen Massaker an den Armeniern. Die Inschrift im Sockel des Standbildes lautet: „Dem großen Papst der Tragödie der Welt, Benedikt XV., Wohltäter der Völker, ohne Unterschied hinsichtlich Nationalität oder Religion, im Zeichen der Dankbarkeit. Der Orient.“

Benedikt XV., der von 1914 bis 1922 regierte, hatte sich vergeblich bemüht, die verfeindeten Mächte an den Verhandlungstisch zu bringen. Nicht zuletzt sein Friedens-Emmissär bekam das im Großen Hauptquartier der Deutschen in Bad Kreuznach zu spüren. Der Sondergesandte war Eugenio Pacelli, danach Apostolischer Nuntius in Deutschland und als Pius XII. mit der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts konfrontiert. Als einen „Handwerker des Friedens“ hatte Benedikt XVI. seinen Vorgänger bei anderer Gelegenheit gewürdigt. Und wohl auch Pius XII. in Erinnerung gehabt und dessen Leitwort: „Opus Justitiae Pax – Frieden ist das Werk der Gerechtigkeit“. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Benedikt segnet eine lebensgroße Statue, die Johannes XXIII. zeigt, ebenfalls mit einer Taube in der Hand. Auch dieser, Angelo Roncalli, Apostolischer Delegat des Heiligen Stuhls in Istanbul während des Zweiten Weltkrieges, hat sich der Opfer angenommen und dank seiner Vermittlung und Hilfe auch verfolgten Juden das Leben retten können. Auch Benedikt will „Handwerker des Friedens“ sein, in der Reihe seiner Vorgänger, die sich bis hin zu Johannes Paul II. fortsetzte. Die Zeitumstände lassen ihm keine andere Wahl. Nicht weit hinter der Türkei brennt es lichterloh.

„Einen Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden“ hat er gemeistert. Die Medien diesseits und jenseits des Bosporus sind sich einig, abgesehen von den notorischen Stänkeren. Unisono titeln sie, dem Papst auf seinen Schreibtisch gelegt: „Feuerprobe bestanden“. Man musste ihn nicht für alles loben, aber für dieses Unternehmen ohne Abstriche. Nicht wenigen fällt ein Stein vom Herzen, nach den düsteren Vorhersagen, den Verlauf und seine persönliche Sicherheit betreffend.

Kein Kreuzfahrer an der Küste Anatoliens, kein christliches Komplott in den Mauern Istanbuls, keine Reconquista – Propaganda, mit denen nationalistische und islamistische Scharfmacher ihre Schreihälse auf die Straße riefen. „Ich bin als Freund gekommen und als Apostel des Dialogs und des Friedens“, gab er den Angstmachern zur Antwort.

Schon der erste Eindruck, kaum dass er seinen Fuß auf türkischen Boden gesetzt, die ersten Hände geschüttelt, die ersten öffentliche Worte gesagt hatte, verwarf die Klischees vom Vortag. „Demütig“ sei er angekommen – wohl unter Anspielung auf „Regensburg“. „Fromm wie ein Lamm“ habe er sich gegeben, sich bewegt wie auf „Samtpfoten“. Papst Ratzinger, der gezähmte Tiger aus dem ehemaligen Glaubenspalast? Die Presse liebte in diesen Tagen die Metaphern, beeindruckt von der Ausstrahlung Benedikts. Auf schwierigem Terrain hat er sein Meisterstück abgeliefert, als Diplomat, als feinsinniger Mensch. Manche werden im Verlauf der Tage dann wohl auch den „eigentlichen“ Joseph Ratzinger erkannt haben, der sich immer selbstsicherer in der nicht alltäglichen Welt des west-östlichen Diwans bewegte.

Nur die hermetische Abriegelung ganzer Wohnbezirke, die Sperrgitter an einigen Zufahrtsstraßen in Istanbul, Stenosen im Verkehrskreislauf einer Millionenstadt, störten die Bewohner der Hauptstadt. Potentielle Meuchler hätten sie kaum aufgehalten. Massenpublikum war nicht zu erwarten. Ankara und Istanbul sind nicht München oder Regensburg.

Vorweg: Was bleibt? Die Muslime sind angetreten zum Marsch durch die Institutionen. Nicht nur die „Islamisten“. Eine Studentin, eine bekennende Muslima, protestiert vor einer deutschen Fernseh-Kamera gegen das Kopftuchverbot an den Universitäten. Die Türkei sei ein „islamisches Land.“

Die orthodoxen Christen, namentlich die „Griechen“, fürchten weiterhin den Druck der staatlichen Repression. Rivalität aus historischer Zeit bis in die Gegenwart. Die Kurden, selbst Muslime, fallen der „Staatsvolk“-Doktrin zum Opfer, die „Syrer“ zwischen allen Feuern, insbesondere jene aus dem Tur-Abdin im Südosten Anatoliens, dem „Berg der Gottesknechte“, wo man in der Liturgie noch die Sprache Jesu verwendet. Besonders schmerzhaft: das Schicksal der Armenier. Ihre Zahl wird auf bis zu 70.000 geschätzt. Der Genozid vor 90 Jahren – der Begriff der „ethnischen Säuberung“ war noch nicht geläufig – kostete bis zu eineinhalb Millionen Menschen das Leben. Dieser Völkermord wird bis heute vom Staat tabuisiert.

Den religiösen und ethnischen Minderheiten bleibt nur zu hoffen, dass der Besuch einer so weltweit geachteten Persönlichkeit wie die des römischen Papstes auch die politische Führung des eigenen Landes beeindruckt. Sich an die Verfassung hält. Ob mit oder ohne Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Die innertürkischen Probleme stehen auf einem anderen Blatt. Die Islamisten sehnen sich nach einer Art Gottesstaat, die Nationalisten träumen vom Großtürkischen Reich, die Kemalisten fürchten um die Errungenschaften ihres Stammvaters Mustafa Kemal, genannt Atatürk. In Abwandlung einer Volksweisheit: „Wenn die Großen sich kämmen, verlieren die Kleinen die Haare“.

In der Blauen Moschee

Zum zweiten Mal besucht ein Papst eine Moschee: nach Johannes Paul II. in Damaskus jetzt Benedikt in Istanbul. Zunächst war nur die Hagia Sophia vorgesehen, die alte byzantinische Reichskirche, dann Moschee der Sultane und seit 1935, von Atatürk verfügt, ein Museum. Paul VI. war dort 1967 zum Gebet niedergekniet. Das hatte Ärger gegeben. Die Muslime wollen auch wieder hinein. Gegenüber liegt die Hauptmoschee.

Kurz vor Reisebeginn – „Regensburg“ hängt ihm doch wohl schwer nach – ändert er das Programm, entscheidet Benedikt sich auch für einen Besuch in der Sultan-Ahmet-Moschee. Sie ist die Hauptmoschee Istanbuls, eine Schönheit in jeder Hinsicht, als Sakralbau und kunstgeschichtlich. Im Tageslicht und in der Dunkelheit angestrahlt kommt ihre Schönheit zur Geltung. Die Kuppel, die Mauern aufwändig mit Fayence-Kacheln bedeckt – diese Zier gab ihr den Namen, unter dem sie Berühmtheit erlangte: Blaue Moschee. Der Besuch des Papstes, ein hoher Repräsentant der Christenheit an einem zentralen Ort des Islam. Der Muslim spricht vom „Ort der Niederwerfung.“

Der Großmufti von Istanbul, Mustafa Cagrici, begrüßt und begleitet ihn. Sie durchschreiten den mit Teppichen ausgelegten haram (Betsaal). Auch Benedikt fügt sich der Regel, die Schuhe auszuziehen. „Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“, sagte der Herr zu Mose. Man reicht Benedikt weiße Pantoffel. Benedikt in einem Haus Gottes. Hier spricht man anders als in Amtsräumen. Der Mufti, also ein gebildeter Mann und islamischer Rechtsgelehrter, versteht sich auf Komplimente. Von der Botschaft des Papstes gehe Synergie aus, die sich auf das Verhältnis zwischen den Religionen auswirken möge. Angekommen an der Stelle, wo die mihrab (Gebetsnische) nach Mekka weist, zum zentralen Heiligtum der Kaaba, bittet er den Papst leise: „Lassen Sie uns einen Moment innehalten“. Es ist der Ort, an dem der Beter, wie vorgeschrieben, sein Haupt neigt und sich schließlich mit dem ganzen Körper zu Boden beugt, in Andacht vor Gott, der Welt für diesen Moment entrückt.

Cagrici wird später vor Journalisten erklären: Der Gedanke sei ihm spontan gekommen. 30 bis 40 Sekunden für ein stilles Gebet, habe er gemeint. – „Im Namen des Allerbarmers, des Barmherzigen“. Die Bismillah, der erste Satz des Korans, eröffne jedes Gebet und jede fromme Handlung eines Muslims, erläutert der Mufti. Benedikt bleibt höflicher Zuhörer. Lehrmeinungen aus Rom sind hier nicht angebracht. Sonst würde er antworten: Fromme Christen beginnen ihr Tagwerk mit der Anrufung Gottes, die dem Grunde nach der islamischen verwandt ist, allerdings mit einem wesentlichen Punkt „unterscheidend“: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Lehre von der „Dreieinigkeit“, sie will einem Moslem nicht in den Kopf, auch dem Juden nicht. Den Christen musste der heilige Patrick dieses Geheimnis mit Hilfe eines Kleeblatts beibringen.

Nachdem der islamische Geistliche sich längst schon aus der geistlichen Betrachtung in die diesseitigen Pflichten zurückgerufen hatte, stand Benedikt immer noch unbeweglich neben ihm, in stiller Andacht, die Augen leicht geschlossen, den Mund leicht geöffnet. Unbeeindruckt von den Kameras, die ihn tastend absuchten, bildfüllend, vom Kopf zu den Händen und wieder zurück. Detektoren der enttabuisierten Gesellschaft.

Hat Benedikt nun in der Blauen Moschee „wie ein Moslem“ gebetet, „mit dem Blick nach Mekka“ – wie die türkischen Zeitungen überschwänglich berichten? (Rückfrage: In welche Richtung würde ein Muslim schauen, beim Besuch etwa des Kölner Domes, mit dem Dompfarrer im Angesicht des Altarkreuzes?) – Nein, er hat die Hände nicht zum Gebet gefaltet, nach Art der Christen. Seine Lippen bewegten sich kaum. Die Hände waren zwar zusammengelegt, wie Muslime beten, aber nicht, wie die Regel vorschreibt. Sein Blick fiel nicht auf die Stelle, wo der Beter mit der Stirn den Boden berühren wird. Auch der Mufti wird nicht in die Knie gehen.

Benedikt hat sein Brustkreuz, das goldene Pektorale, nicht abgelegt. Der Unterschied sollte sichtbar sein. Keine Fehldeutung, bitte. War es nötig, dass der Vatikan eilfertig mitteilte, der Papst habe nicht gebetet, sondern nur „meditiert“? Wen geht das an, wie Benedikt in diesem Augenblick mit seinem Schöpfer gesprochen hat? Ob Gott, Allah oder der Ewige – er hat immer Sprechzeit. Und fragt nicht nach der Körperhaltung.

Mustafa Cagrici hatte dies erfasst und das „Gebet“ des Papstes auf seine Weise gedeutet. Benedikt müsse in diesem Augenblick wohl sehr „glücklich“ gewesen sein. Eine anderweitig abgenutzte Vokabel. In einem Moment wie diesem in der Blauen Moschee, aber das einzige Wort, um die Tiefe, den inneren, den „spirituellen“ Wert zur Sprache zu bringen. Wem der Euphemismus zu weit geht, dem mag die profane Feststellung des Muftis genügen: Es war „eine schöne Geste“, und – da wieder dieses „Regensburg“ – diese Geste war bedeutsamer als eine wörtliche Entschuldigung. Nur die Fundamentalisten in der Redaktionsstube von „Milli Gazete“ konnten nicht über ihren Schatten springen. Als wollten sie das „Mea culpa“ erzwingen.

Der Besuch in der Blauen Moschee – man kann aus dem Augenblick die Wirkung nicht einschätzen. War dies ein großer Schritt, nach dem Versuch seines Vorgängers bei der Omajaden-Moschee in Damaskus? Man erinnert sich an die interkonfessionellen Begegnungen von Assisi, von Johannes Paul II. ins Leben gerufen. Die Vertreter der Religionen trafen sich zum Friedensgebet. Zur selben Stunde, am selben Ort. Aber nicht zum selben Gebet. Sondern jeder auf seine Weise. Beim letzten Mal schon nicht mehr gemeinsam, sondern in getrennten Räumen. Kardinal Ratzinger mochte seine Vorbehalte gehabt haben, aber er blieb den Begegnungen nicht fern. In Istanbul ist er, das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, einen Schritt weiter gegangen. Auf der Linie seines Vorgängers. Alle Religionen sind aufgerufen. Alle Menschen guten Willens. Die drei Religionen, die sich auf den Gott Abrahams berufen, könnten den Anfang machen. Nicht das Trennende, sondern das Verbindende suchen. Ein Zeichen der Zeit, um mit Johannes XXIII. zu sprechen.

Im Haus der Muttergottes

Benedikt, der Seelsorger, der Hirte. Er war natürlich auch gekommen, um der eigenen kleinen Herde, den lateinischen und den so genannten unierten Katholiken, Mut zuzusprechen. In Istanbul und, ein Höhepunkt des pastoralen Teils der Reise, mit der Wallfahrt zur Gottesmutter nach Ephesus. In einem Wohnhaus in dieser aus antiker Zeit stammenden Siedlung und Standort einer der ersten Christengemeinden in Kleinasien, soll sie bis zu ihrem Tod gelebt haben. Eine fromme Legende. Und Vision der Anna Katharina Emmerick, der Seherin aus dem westfälischen Münsterland. Johannes Paul II. hat sie 2004 selig gesprochen. Auch gläubige Muslime pilgern zum „Meryem Ana Evi“, dem Haus der Maria, der Mutter des Propheten Issa.

Ephesus, das ist der Ort, wo Johannes, der „Lieblingsjünger“, sein Evangelium schrieb, der Völkerapostel Paulus predigte, „der türkische Jude mit dem römischen Pass“ (wie ihn der Journalist Paul Badde bezeichnet). Ephesus auch der Ort, wo der neue Glaube im Streit um die wahre Heilslehre zum ersten Mal zerfiel. Ist der Jesus von Nazareth wahrer Gott und wahrer Mensch; seine Mutter eine „Gottesgebärerin“? Ein Konzil musste das klären, eine „Räubersynode“ blieb auf der Strecke. Die Geschichte der Spaltungen und Bannflüche begann, bis hin zum großen morgenländischen Schisma von 1054. Da ging es nicht mehr nur um theologische und kirchenrechtliche Fragen zwischen dem Papst in Rom und dem Kaiser von Byzanz und dem Patriarchen von Konstantinopel, sondern massiv auch um weltliche Macht.

Zwischen Religion und Politik

An die mitreisenden Journalisten hatte Benedikt auf dem Hinflug ausgegeben: Dies ist keine politische Reise, sondern eine pastorale. Zumindest am Ankunftstag ließ sich diese Unterscheidung schwer durchhalten.

Wäre Benedikt nur als Oberhaupt seiner Kirche angereist, den politischen Autoritäten des säkularen, laizistisch verfassten Staates hätte dies so gleichgültig sein können, wie dem Gros des türkischen Staatsvolkes. Nun ist der Papst – ein völkerrechtliches Unikat – in einer Person auch Staats- und Regierungschef, hatte folglich, Regensburg hin oder her, Anspruch auf die protokollarischen Gepflogenheiten – nicht zuletzt wegen der auf die Türkei gerichteten Augen der ganzen Welt, und irgendwie – wie man sich leicht denken konnte – in besonderer Weise aus dem Blickwinkel von Brüssel. Zwar winkten keine Fähnchen, als der Airbus A 321 mit dem inzwischen bekannten Namen „Piazza de Duomo di Lecce“ (dieses Alitalia-Flugzeug hatte Benedikt auch nach München gebracht) pünktlich um ein Uhr Mittag Ortszeit auf der Landebahn des Hauptstadt-Flughafens aufsetzte.

Nun stand doch, – entgegen den Spekulationen – ein angemessenes Empfangskomitee am Roten Teppich, direkt vor der Gangway: der Bürgermeister der Stadt, ein ranghoher General und – nicht mehr überraschend, weil inzwischen zweckdienlich vom staatlichen Presseamt angekündigt – auch Recep Tayyip Erdogan, der Ministerpräsident.

Zunächst hatte der Regierungschef nicht gewollt oder nicht gekonnt. Ein „lange im Voraus bekannter Termin“: Die NATO-Gipfelkonferenz schien ein nicht ungünstiger Entschuldigungsgrund. Wer und was immer ihm zu der höheren Einsicht verholfen haben mag, eine derartige Brüskierung des hohen geistlichen Besuchers besser nicht zu riskieren – nun stand er bereit, den Papst „per Handschlag“ zu begrüßen, den Anstand zu wahren, wie ihn der Prophet Muhammad gelehrt hat, bemerkt später die „Zaman“ (Zeit), eine gemäßigt islamische, der Regierung nahestehende Zeitung.

Großes Protokoll auf dem Flughafen wäre in diesem Fall von der Sprechzeit abgegangen. Ein Viertelstündchen. Die Regierungsmaschine nach Riga wartete schon startbereit. Erstmals in einem einmal von der Sowjetunion okkupierten Staat. Und ein ganz anderes Problem mit der islamischen Welt: Afghanistan, und im Hintergrund auch: Iraq, Libanon, unausgesprochen auch Tschetschenien und der Kaukasus.

Selbstverständlich bleibt die Reise des Papstes nicht unberührt von der politischen Lage und den aktuellen Ereignissen in der gesamten Region des Nahen Ostens. So nutzt er in Ephesus die Gelegenheit zu einer Botschaft: „Von diesem Streifen der anatolischen Halbinsel, einer natürlichen Brücke zwischen den Kontinenten, erbitten wir Frieden und Versöhnung, besonders für jene, die in dem Land wohnen, das wir „heilig“ nennen und als solches sowohl von den Christen, als auch von den Juden und Moslems angesehen wird. Frieden der ganzen Menschheit.“ Könnte ihn eine seiner nächsten Pastoralreisen in das Heilige Land führen? Auf den Spuren seiner Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II.? Den Wunsch hat er schon geäußert. Eine Delegation des israelischen Außenministeriums war inzwischen im Vatikan. Die diplomatischen Beziehungen funktionieren, mit gelegentlichen Betriebsstörungen. Vor einer Reise nach Jerusalem müssen Fragen geklärt werden, die den Rechtsstatus der dortigen Kirche klären. Ein wenig „türkische Verhältnisse.“ Die Zeit der osmanischen Hoheit wirkt offenbar nach.

Politisches Spitzengespräch in der VIP-Lounge am Flughafen von Ankara. Zwei Sessel sind bereitgestellt, ein Tischchen mit Gebäck und Kaffee dekoriert, unter einem großen Porträt von Mustafa Kemal, genannt Atatürk, dem „Vater der modernen Türkei.“ Ein Viertelstündchen sei vorgesehen. Andere zählen 20 Minuten. Man kann nicht die ganze Weltpolitik durchgehen. Der bekennende Muslim und der katholische Theologe würden sich wohl kaum in ein Religionsgespräch vertiefen, wie weiland Kaiser Manuel zu Byzanz mit einem islamischen Gelehrten. Aber darauf kommt es Erdogan wohl auch nicht an.

Ist Benedikt der Türkei nicht noch etwas schuldig, spätestens seit Regensburg? Hatte sich Kardinal Ratzinger nicht gegen einen EU-Mitgliedschaft der Türkei ausgesprochen? Man sollte ihn hier und jetzt um Unterstützung bitten. Erdogan – unter Verletzung diplomatischer Gepflogenheiten – trägt auf den Markt, was er mit dem Papst unter vier Augen besprochen hat. Italienisch wurde kommuniziert. Die bekannte Schauspielerin Serra Yilmaz übersetzte. Erdogan zitiert den Papst: „Ich bin zwar kein Politiker, aber ich wünsche mir, dass die Türkei in die EU kommt“. Und als wollte er den Papst auf diese Zusage festnageln, fügt der Türke hinzu: „Das ist im Protokoll festgehalten“. So berichten anderntags die Medien. Gegenüber Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer habe der Papst seine Auffassung wiederholt. Der erwünschte Effekt.

Hat Benedikt wirklich? Und in welcher Form stellt er sich die „europäische Türkei“ vor? Auf welchem Terrain bewegt er sich? Hat er die bedrängte Lage der Christen vor Augen? In der Presse ist schon von einem Kurswechsel des Papstes die Rede. Wenn er dementiert, verschlimmert er die Angelegenheit. Vatikanische Interpreten müssen einspringen. Der Pressesprecher, Jesuitenpater Lombardi, erklärt gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur: Der Vatikan habe nicht die Macht und nicht die besondere politische Aufgabe, in einer so fest umrissenen Angelegenheit wie einem EU-Beitritt zu intervenieren und strebe dies auch nicht an. Aber völlig dementieren will er offenbar die Äußerungen des Papstes nicht. Spricht davon, dass der Heilige Stuhl eine positive Haltung zu einer „Annäherung“. der Türkei an die EU einnehme. Man will wohl auch nicht dem Patriarchen von Konstantinopel in den Rücken fallen, der in dieser Frage eine klare Haltung einnimmt, weil er sich von einer Aufnahme der Türkei in die Europäische Union doch gewisse Vorteile für die heute noch bedrängte Situation der Christen am Bosporus verspricht.

Schließlich braucht es nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, dass eine Isolation des Landes am Bosporus nur den Radikalen in die Hände spielen dürfte.

Interessant nachzulesen ist in diesem Zusammenhang die Auffassung, die Kardinal Ratzinger vor zwei Jahren in der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ vertrat. Er betonte, dass die Türkei zwar „historisch nie ein Teil von Europa“ gewesen sei. Das politische System halte sich für einen säkularen Staat, „dies allerdings auf der Grundlage des Islam“. Dennoch billigt er dem Land am Bosporus ein tragende Rolle an dieser Nahtstelle im Nahen Osten zu. Die Türkei könnte versuchen, ein kultureller Kontinent mit benachbarten arabischen Ländern zu sein und auf diese Weise zum Vorkämpfer einer Kultur werden, die ihre eigene Identität besitzt: „Dies aber in Gemeinschaft mit den großen humanistischen Werten, die wir alle anerkennen sollten.“ Diese Idee schließe „Formen der Partnerschaft und der engen freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Europa“ nicht aus. Vielleicht denkt er an Angela Merkels Konzept der „privilegierten Partnerschaft.“ Hat in jüngster Zeit wiederholt mit ihr gesprochen.

Aufklärungsarbeit bedarf es vielleicht noch in München. Edmund Stoiber hat nun einmal beschieden: „Die Türkei ist kein europäisches Land, und wer sie aufnimmt, ändert den Charakter Europas, und das will ich nicht.“ Milliyet, das linksliberale Istanbuler Blatt, kommentierte solche Aussprüche: Konservative Politiker würden die EU wohl für einen Christenclub halten.

Wegen der Zypernfrage will Stoiber, dass die Beitrittsverhandlungen zumindest auf Eis gelegt werden, solange die Türkei ihre bisherigen Verpflichtungen nicht erfüllt. Den Türken wird vorgeworfen, das auch von ihnen unterschriebene Ankara-Protokoll zu verletzen, dass sie die Ausweitung der Zoll-Union auf alle neuen EU-Mitglieder, also auch auf die Republik Zypern, die Inselhälfte der Insel-Griechen, nicht mitmacht. Andererseits verlangt die Türkei die Aufhebung des EU-Handelsembargos, von Brüssel verhängt, weil die Türkei die Nordhälfte, die nur von Ankara anerkannte Türkische Republik Nordzyperns militärisch besetzt hält. Das Ende vom (bisherigen) Lied: Die EU-Kommission hat die Beitrittsverhandlungen teilweise ausgesetzt, aber nicht vollständig gestoppt.

Zypern hat schon angekündigt, die Weiterverhandlungen blockieren zu wollen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Kaum hatte sich der Papst verabschiedet, verweigerte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer die Unterschrift unter ein Gesetz, das, vom Parlament bereits verabschiedet, die Eigentumsrechte der nicht muslimischen Religionsgruppen, also der Minderheiten regeln soll, wie von der EU gefordert. Betroffen sind vor allem die griechischen und armenischen Christen sowie die Juden.

So erreichte die Realpolitik im Nahen Osten auch diese doch „nur“ als Pastoralbesuch deklarierte Reise. Vom „historischen Zusammenprall“ der Kulturen zur neuen sich zur globalen Konfrontation ausweitenden „Kriegserklärung“ militanter Fundamentalisten. Auch den Papst nahmen sie erneut ins Visier. Eine wenig bekannte „Bewegung Islamischer Staat im Irak“, angeblich vom El Quaida-Netzwerk unterstützte sunnitische Aufständische, wüteten, der Papst wolle in der Türkei die Flamme des Islam auslöschen, in den Schlamm des von Atatürk begründeten Säkularismus. Einmal mehr auch die abgegriffene Unterstellung vom christlichen Kreuzzug, gleich vermischt und vermengt mit den Kreuzzüglern in Afghanistan und Irak, die sich dort ihre Abfuhr holten. In der Tat nicht nur ein politisches Minenfeld, auf dem sich der Papst bewegte. Die strengsten Sicherheitsmaßnahmen wohl nicht überflüssig erscheinen ließen. Wie zum Beleg wird zu gleicher Zeit bekannt, dass bei einer Razzia in Deutschland eine türkische Terrorgruppe festgenommen wurde, die sich „Revolutionäre Volksbefreiungsfront“ nennt. Den Extremisten wird vorgeworfen, das türkische Regierungssystem zerstören zu wollen. Auf ihr Konto kämen mehrere Anschläge in türkischen Großstädten.

Ministerpräsident Erdogan, der Redselige, erzählte den Journalisten, was er auch in diesem Zusammenhang mit dem Papst bei der Kurzbegegnung besprochen hat: Er habe diesen über die „Allianz der Zivilisation“ unterrichtet, die er, Erdogan, gemeinsam mit dem spanischen Ministerpräsidenten Jose Luis Rodriguez Zapatero leite. In einem „Appell von Istanbul“ werde für mehr Verständigung zwischen dem Islam und dem Westen geworben. Reaktion auch auf die Anschläge von New York und Madrid. Das Manifest soll im Dezember den Vereinten Nationen in New York vorgelegt werden. Papst Benedikt habe ihn um den Text gebeten. Das trifft sich mit der Auffassung des Kardinals vor zwei Jahren im „Figaro“, die Zusammenarbeit der Türkei mit Europa „erlaube die Entstehung einer geeinten Kraft, die sich jeder Form von Fundamentalisten widersetzen würde.“


Teil II der Nachbetrachtungen der Türkei-Reise erscheinen morgen. Am Mittwoch wird dann das bayerische Reisetagebuch fortgesetzt.

Kommentar

Eine Reise in die Türkei

Eine Reise in die Türkei

Benedikt XVI. vor seiner schwierigsten Mission


Von Fettnäpfchen und anderen „Tretminen

„Papa Gelmesin“ – Der Papst soll nicht kommen – schreit es von Plakaten in Istanbul und auf Stirnbändern von fanatisierten Muslimen. Unruhe in der Stadt am Goldenen Horn, dort, wo Orient und Okzident sich begegnen (prosaisch: die „Brücke“ zwischen Europa und Asien), wo wie an keinem anderen Ort in der Geschichte die Kulturen aufeinander prallten: Islam und Christentum. Wo die Gegensätze aufflammen, bis heute. Keine der bisherigen Reisen Benedikts stand unter solchen Vorzeichen wie dieser Besuch am Bosporus. Die Atmosphäre zwischen der christlichen und der islamischen Welt ist seit der „Regensburger Rede“ vergiftet. Das „bayerische Reisetagebuch“ wird in den nächsten Folgen auf die Ursachen eingehen. Aber die aktuellen Ereignisse eilen davon. Am Vorabend der Türkei-Reise, die am 28. November beginnt und den Papst nach Ankara, Ephesus und Istanbul führt, drängt es sich auf, einige der auf die Septembertage datierten Einträge vorzuziehen.

„Einige Zehntausende“ Demonstranten, aber nicht so viele wie die Organisatoren angekündigt hatten, sind am vergangenen Sonntag auf die Straße gegangen, zusammengerufen von radikalen Nationalisten, die sich „Partei der Glückseligkeit“ nennen. Die kleine islamistische Partei zählt zu den politischen Kräften, die nach einer Re-Islamisierung der laizistischen Türkei streben. Äußerungen von Parteimitgliedern lassen auf eine enge Verbindung zur Islamischen Gemeinschaft „Milli Görüs“ („Nationale Sicht“) schließen, die in der Bundesrepublik den Verfassungsschutz alarmierte. Die Fundamentalisten wittern Morgenluft: Im kommenden Jahr wird in der Türkei gewählt.

Es war der bisher größte Massenprotest nach der Regensburger Rede von Benedikt XVI., in der sich Muslime in aller Welt durch ein mittelalterliches Zitat verunglimpft sehen. Der Islam werde als eine Religion der Gewalt dargestellt. Die Massenproteste in Istanbul der jüngste Ausläufer einer „Tsunami“, wie der SPIEGEL formuliert hatte, die vom Mittelmeer bis zur Südsee den Grünen Gürtel entlanglief.

Hassgeschrei gegen Papst und „Rom“ in der Stadt, die in der Geschichte öfter ihren Namen wechselte. In deutscher Übersetzung: Byzanz, Neues Rom, Konstantinopel – für die Araber Kostantiniye, Casingrad für die Slawen, Kuschta für die Juden. Mustafa Kemal, der sich Atatürk nannte, der „Vater der modernen Türkei“, entschied sich für den längst im Volk geläufigen Namen Istanbul (Stambul). Ein Name, der auf griechische Wurzeln zurückgeht – Istin-polin, wie man in alter Zeit sagte und wie nationalbewusste Türken vielleicht auch heute denken: Wir gehen „in die Stadt“. Synonym für das Reich schlechthin.

Krawall im heiligsten Bezirk der Stadt, wo Sultan-Ahmet-Moschee (die „Blaue Moschee“), die Hagia Sophia und der Topkapi-Palast das historische Ensemble bilden, zwei Welten zusammenfügen. Der Vatikan spielt den Vorgang herunter. Man wisse, dass bestimmte Gruppen „wenig glücklich“ über diesen Besuch seien, ließ der vatikanische Pressesprecher verlauten.

Äußere Umstände einer Papstreise: 20.000 Polizisten stehen bereit, und wohl auch etliche Einheiten der Streitkräfte. Und die Sicherheit. „Die ist stark bei uns“, sagt ein türkischer Gast in meiner Pizzastube. Er meint natürlich die Geheimpolizei. Damit wäre ja bestens vorgesorgt für den geistlichen Besuch. Man fragt sich, ob Päpste unter solchen Umständen überhaupt reisen sollten. Treffen hinter verschlossenen Türen, abgeschirmt von breitschultrigen Bodyguards. Das Volk, soweit zugelassen, hinter Absperrgittern – die Altäre in unerreichbarer Ferne. Der moderne Apostel Paulus unterwegs. Arme Welt.

Nationalistische und fanatisierte Muslims hatten schon geprobt, waren in die Hagia Sophia eingedrungen. Skandierten: „Er ist nicht erwünscht“. „Er soll zu Hause bleiben“.

Die ehrwürdige Basilika, Christen wie Moslems heilig. Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, geistliches Zentrum der „orthodoxen“ Ostkirche. 900 Jahre lang. Die Osmanen, nach der Eroberung Konstantinopels, machten daraus ihren Schuh: die Hauptmoschee ihres Imperiums. Das währte 480 Jahre. Atatürk ließ die Gebetsteppiche einrollen und machte ein Museum aus dem Gotteshaus. Ließ die christliche wie die islamische Vergangenheit konservieren. Der Papst möchte die geheiligte Stätte aufsuchen. Hagia Sophia – Göttliche Weisheit. Möge sie die Religionen zusammenführen. Jetzt aber ging die Polizei mit Schlagstöcken und Reizgas gegen fanatisierte Unruhestifter vor.

Das Unglück nahm seinen Lauf, als Benedikt in seiner Regensburger Universitäts-Vorlesung einige Zitate und Anmerkungen einstreute, die frommen Muslime geradezu sakrilegisch in den Ohren dröhnten. Absichtsloses Reden wird man dem Heiligen Vater nicht unterstellen können: Den Dialog mit den Religionen suchen, die eigene Position deutlich machen und auch das Unvereinbare benennen, wie ein Vatikan-Insider die Intention des Papstes zusammenfasst. Soweit in Ordnung. Aber der Ton macht bekanntlich die Musik. Es gehört wohl eine gehörige Portion Naivität dazu, oder ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein, vor dem Hintergrund eines aufgeheizten Klimas in der islamischen Welt fragwürdige Zitate ins Spiel zu bringen und nicht anzunehmen, dass islamische Radikal-Fundamentalisten nur darauf warten, mit den Worten zu zündeln.

Es genügt offenbar, absurde Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen, um die Hysterie anzuheizen: Papst und Patriarch, zumal einer, der den Namen Konstantinopel in seinem Titel trägt, schmiedeten ein Komplott: Rückkehr nach Byzanz, ein Vatikan am Bosporus. Christliche Kreuzfahrer vor den Toren des Großtürkischen Reiches. Hört man im Hintergrund die Grauen Wölfe heulen? Zu denen auch Ali Agca gezählt wurde.

Petrus bei Andreas

Nach dem Besuch in der Heimat also schon zwei Monate später diese nächste Auslandsreise. Das eigentliche Ziel: Besuch beim Ehrenprimas der Orthodoxie, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, wie seine Vorgänger Paul VI. (1967) und Johannes Paul II. (1979). In Ankara bevorzugt man für die Stadt am Bosporus, der „Brücke zwischen Okzident und Orient“, die Bezeichnung der osmanischen Eroberer: Istanbul.

„Petrus“ besucht „Andreas“ zum Fest des Apostelbruders. Dieser, so besagt die Chronik, soll im Jahr 36 die erste christliche Gemeinde im damaligen Byzanz gegründet haben. Seit der Umarmung von 1964 zwischen Paul VI. und Athenagoras in Jerusalem und der anschließenden Aufhebung der gegenseitigen Bannflüche schätzt man sich wieder als Schwesterkirchen. Weitgehend überwunden der Hader des morgenländischen Schismas von 1054. Die Wunden des vierten Kreuzzuges, dem Konstantinopel zum Opfer fiel, sind zwar noch nicht vernarbt. Kirchengeschichte rechnet offenbar in Äonen. Die volle Kommuniongemeinschaft noch nicht perfekt, aber im Werden. Gegenbesuche aus „Konstantinopel“ zum Fest Peter und Paul sind schon Routine.

Die wieder festeren Bande zu pflegen ist allerdings nur ein Anlass der Visite im Phanar, dem Amtssitz des Ökumenischen Patriarchen. Die christlichen Minderheiten erhoffen sich Stärkung von dem Botschafter des Friedens aus Rom, wenn er denn diese Rolle nach dem, was geschehen ist, zur Zeit ausüben kann. Kein Tag verging in dieser Vorbereitungszeit, wo Bischöfe und Priester nicht über massive Einschränkungen seitens der Staatsverwaltung wie auch über Angriffe türkischer Nationalisten und Islamisten klagten.

Christliche Minderheiten? Es ist mühsam, zuverlässige Zahlen zu gewinnen. 99 Prozent der Staatsbürger werden dem Islam zugerechnet, auch jene, die keine Konfession angeben. Der Pantürkismus – die Idee der Großtürkei – läßt nationale Minderheiten nicht gelten. Minderheiten, das sind vor allem die nach dem Völkermord während des Ersten Weltkrieges verbliebenen Armenier, türkische Staatsbürger und Ausländer, insgesamt auf 70.000 bis 100.000 geschätzt. Der Genozid vor 90 Jahren: offiziell ein Tabu. Wer darüber spricht, kann schnell hinter Gittern landen. Auf andere Weise dramatisch die Situation der Griechisch-Orthodoxen, denen der Ökumenische Patriarch vorsteht, nach türkischer Auffassung nur als Pfarrer, sein Titel „Ökumenischer Patriarch“ wird nur für die Auslandsgemeinden anerkannt. Die Zahl seiner Seelen ist – Folge des Bevölkerungsaustausches von 1923 – auf weniger als die Größe mancher deutscher Dorfpfarreien geschrumpft: zwischen 2.500 und 3.000. Ein größeres Kontingent bilden die „Katholiken“: Rund 15.000 – römisch-katholische Lateiner, mit Rom unierte orientalische Kirchen der Armenier, Chaldäer und Syrer. Ein muslimischer Fanatiker hat einem syrischen Priester, so wird berichtet, nach der Regensburger Rede den Kopf abgeschlagen.

Unter das Thema „Menschenrechte“ fällt auch die Situation islamischer religiöser und ethnischer Gruppierungen, die sich nicht pauschal der türkischen Masse einverleiben lassen wollen: Kurden und Aleviten. Sind das innertürkische und innerislamische Angelegenheiten, muss sich der Papst hüten, sich nach dem „Fall Regensburg“, erneut die Zunge zu verbrennen?

Nein, von der vielbeschworenen türkischen Gastfreundschaft kann – zumindest aus den Lautsprechern der Hetzer – keine Rede sein. Dies ist nicht das Urlaubsland Türkei mit seinen türkisfarbenen Badebuchten. Einer Umfrage zufolge haben sich 40 Prozent der Befragten gegen den Papstbesuch ausgesprochen. Militante Gruppen demonstrieren; es fehlen auch nicht die bekannten Morddrohungen, wenn Päpste reisen. Nur diesmal ist alles viel ernster. Eine Gruppe von Nationalisten hat schon mal die Hagia Sophia besetzt und antipäpstliche Parolen skandiert, bis die Polizei mit Pfefferspray einschritt.

Militante Muslime sahen schon in Johannes Paul II. nicht den „Botschafter des Friedens“, sondern den „christlichen Kreuzfahrer“, als er 1979 in die Türkei reiste. Ali Agca hatte schon in jenem Jahr seine Absichten angekündigt. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wer hinter den Schüssen vom 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz steht, ob politische Drahtzieher aus dem kommunistischen Machtbereich. Auch über Auftraggeber aus dem islamistischen Lager wurde spekuliert. Der zu lebenslanger Haft verurteilte und von Italien vorzeitig entlassene Attentäter sitzt wegen weiterer Gewaltverbrechen in Istanbul ein. Im Februar jenes Jahres 1979 hatte er Abdi Ipekci erschossen, den Chefredakteur der links-liberalen Tageszeitung „Milliyet“. Der Journalist entstammte, so wird aus seinem Familiennamen geschlossen, einer angesehenen, alteingesessenen Familie mit jüdischen Wurzeln.

Auf Spurensuche in der Geschichte der türkischen Juden taucht man ein in die geheimnisvolle Welt der jüdischen Mystik, der Kabbala und des Sufismus, und stößt im 17. Jahrhundert auf die Legenden und wahren Begebenheiten um den Pseudo-Messias Sabbatai Zewi (Sabatai Sevi) aus Smyrna/Izmir, der sich zum jüdischen König krönen ließ, Jerusalem von den Türken befreien wollte und auf grausame Art, zu Tode gemartert und gehäutet, in Istanbul sein Ende fand. Es empfiehlt sich nicht, öffentlich über die Bewegung des Sabbatianismus zu sprechen; noch immer habe sie ihre Anhänger, nach außen hin zum Islam konvertiert und als fromme Muslime auftretend, insgeheim aber weiter ihren geheimen Riten anhängend. Verführten und verwirrten Geistern wie Agca genügte da wohl nur das Stichwort. Jetzt wartete der Mordschütze mit einem neuen Einfall auf: Er wolle unbedingt den Papst sehen und bitte vorzeitig entlassen werden.

Politische Stolpersteine

Nicht nur die Regensburger Islamkritik liegt wie ein Schatten über der Türkei-Reise. Auch die aktuelle außenpolitische wie innertürkische Kontroverse um einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union ist eine Belastung für den türkischen Aspekt der Pilgerreise. Früher geäußerte Vorbehalte des Kardinals Ratzinger gegen eine türkische EU-Mitgliedschaft („unhistorisch“) sind in Ankara selbstverständlich vergessen. Mag sich er sich in seinem neuen Amt in dieser Frage zurückhalten, so doch nicht Stimmen aus dem vatikanischen Umfeld, die sich die Türkei nicht als Mitglied der europäischen Gemeinschaft vorstellen können. Ein Staat mehrheitlich auf dem asiatischen Kontinent, mit Grenzen zum Iran, Irak und zu Syrien, wie ein Professor am Päpstlichen Institut für arabische und islamische Studien in Rom gegenüber dem katholischen Nachrichtendienst ZENIT erklärte und davor warnte, dass die Idee eines islamischen Staates in der Türkei von islamistischen Strömungen nie verworfen worden sei. Wer so argumentiert, muss sich freilich fragen lassen, wem er in die Hände spielt und unter welchen Gesichtspunkten er die europäische Sicherheit ohne die Mitgliedschaft der laizistisch verfassten Türkei beurteilt.

Wenn etwas passiere, werde darüber wohl auch in Brüssel gesprochen werden, winkte Bartholomaios I. (Bartholomäus), der Patriarch von Konstantinopel und Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, schon mit dem politischen Zaunpfahl. In diesen Wochen stehen die Beitrittsverhandlungen wegen der Zypernfrage auf der Kippe. Nicht nur mit Griechenland und der EU riskiert die Türkei den politischen Konflikt, auch mit der Orthodoxie. Die abstruse Behauptung aus dem nationalistischen Lager von der antitürkischen Allianz zwischen Vatikan und Phanar findet hier seine Nahrung und ein gläubiges Publikum, selbst wenn es sich um durchsichtige Propaganda handelt.

„Heute so und morgen so“. Vorgestern galt: Recep Tayyip Erdogan habe keinen Termin frei für den Papst. Der türkische Ministerpräsident sei unabkömmlich, wegen eines NATO-Gipfels in Lettland. Immerhin ist diese Bündnispartnerschaft eine nicht unwichtige Trumpfkarte im Spiel um das Beitrittsgerangel in der EU. Gestern hieß es dann: Wenn schon jetzt kein Treffen mit dem Papst, dann vielleicht zu einem späteren Termin. Er könne ja auch mal in den Vatikan kommen. Eine Einladung würde bestimmt nicht abgelehnt werden. Man sei immer zu zwischenstaatlichen Treffen bereit. Sagt der bekennende Muslim als Regierungschef des laizistisch verfassten Staates. Auf die Betonung kommt es an, vielleicht doch etwas anders als bei einem Vatikan-Besucher aus dem Élysée-Palast.

Nachdem auf beiden Seiten kräftig in die Fettnäpfchen getreten wurde, sind jetzt Reinigungsmittel gefragt. Ministerpräsident Erdogan möchte nun doch dem Papst die Hand geben, falls es sich einrichten lässt. Am Tag der Ankunft auf dem Flughafen. Der eine kommt, der andere geht. Warum nicht gleich so. Wo ein Wille, dort auch ein Weg. Begegnungen mit der Staatsführung sind ohnehin vorgesehen – mit dem Staatspräsidenten, wenn auch nicht am Roten Teppich nach der Landung, sowie mit dem Vizepremier und dem Außenminister. Insofern keine ausdrückliche Brüskierung, sondern im noch vertretbaren protokollarischen Rahmen. Benedikt werde volle Gastfreundschaft genießen, sagte der Regierungschef und Großmufti Ali Bardakoglu, der Vorsitzende des Direktorats für religiöse Angelegenheiten, eine Art türkischer Religionsminister, der nach der Regensburger Rede am lautstärksten gegiftet hatte, und gibt sich damit ebenfalls versöhnlich. Immerhin kommt der Papst zu ihm und nicht er zur Audienz zum Papst. Was nach orientalischem Brauch durchaus schmeichelt. Auch wenn die Sache mit dem Papstbesuch noch nicht erledigt sei. Da will nun auch Benedikt nicht nachstehen. Er werde „eventuell“ kurz auch die Sultan-Ahmet-Moschee aufsuchen, verlautete aus dem Vatikan, also in ein „richtiges“ Gotteshaus des Islam gehen und nicht nur in die säkularisierte Hagia Sophia. Diese als „Blaue Moschee“ weltberühmte Gebetsstätte ist die Hauptmoschee Istanbuls. Man wird sehen, wie die radikalisierten Gruppen der Stadt auf dieses Vorhaben reagieren. Als 1967 Papst Paul VI. in der Hagia Sophia zum Gebet niederkniete, wohl in Erinnerung an das christliche Byzanz, war der Ärger so groß, dass Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1979 auf ähnliche Gesten verzichtete. Dennoch wagte er den ersten Schritt und besuchte am 6. Mai 2001 die Große Omajjaden-Moschee in Damaskus. Ebenfalls eine ehemalige christliche Kirche. Die Johannes-Basilika, vom Kalifen Al-Walid „umgewidmet.“

Mit dem Aufflammen der politischen Krisenherde vom Mittelmeer bis zur Südsee scheint die islamische Welt aus den Fugen geraten, den gemäßigten Kräften die Kontrolle entglitten zu sein. Religiöse Fanatiker, politische Radikale, militant bis hin zu Terrororganisationen, die sich auf den Koran berufen, suchen die Oberhand zu gewinnen, indem sie die Massen durch propagandistische Aktionen und spektakuläre Gewaltaktionen stimulieren. Das Verhältnis insbesondere zur christlichen Welt, identifiziert mit dem säkularisierten Westen, erheblich gestört, wenn nicht zerrüttet.

Dialog auf Augenhöhe?

Es komme nicht darauf an, Kreuzzüge zu verdammen und Heilige Kriege zu glorifizieren, hält der Bischof von Limburg den Islamisten vor. Worauf es ankommt, das zu diskutieren, geht im

Wortschwall der gegenseitigen Kritik und maßlosen Beschimpfungen unter. Der Versuch, über Grundsätze und Konzeptionen, über Konsens wie Verschiedenheit der Weltanschauungen zu reden und Wege zueinander zu finden, läuft sich an den jeweiligen Mauern der Infallibilität fest. Wenn der Islam einen Primatsanspruch behauptet, das Christentum, zumal dogmatisch katholisch formuliertes, fundamentale Gegensätze zum gelebten Koran erkennt, scheint größte Skepsis gegenüber dem angestrebten Dialog auf Augenhöhe geboten.

Benedikt hat die Frage von Glaube und Vernunft auf die Agenda des interreligiösen Dialogs gesetzt, ein Thema, das Philosophen und Theologen seit den griechischen Klassikern beschäftigt und seit der Aufklärung die Dispute beflügelt. Den Weisen und Gelehrten ermangelte es nie der Gabe, die Welt zu erklären, einem bekannten Diktum zufolge. Doch die Geschichte lehrt: Es sind andere, welche meist die Welt verändert haben – nicht zum Vorteil für deren Bewohner. Weil, um mit Schiller zu sprechen, der Grund nicht in den Dingen liegt, sondern in den Gemütern der Menschen, welche die „Wahrheit“ nicht zur Kraft werden lassen. Allenfalls das, was diese oder jene Anschauung für die einzig gültige Wahrheit hält. Der Dichterfürst hätte auch ein Rezept parat: Dass nämlich „der Weg zum Kopf durch das Herz muss geöffnet werden.“

Jetzt überraschte Ministerpräsident Erdogan die Öffentlichkeit mit dem Vorschlag, er wolle den Papst für die „Allianz der Zivilisationen gegen Armut und Krankheit“ und als Kämpfer der Demokratien gegen den internationalen Terrorismus gewinnen. Zu dieser Aktion hatte der spanische Ministerpräsident Zapatero nach den Anschlägen von New York und dem Madrider Bombenattentat aufgerufen. Man wird sehen, was daran ist, oder ob Erdogan nicht auch Punkte sammeln will, in Europa und für das türkische Wahljahr 2007.

1978 trafen sich in Tughlugabad bei Delhi je zwölf Muslime und zwölf Christen zu einem Dialogseminar. Bei dieser Tagung erklärte ein islamischer Theologe, dass niemand es sich leisten könne, dem anderen gegenüber gleichgültig zu sein. „Entweder lernen wir als Glieder einer weltumspannenden Gemeinschaft zu leben … oder aber wir werden überhaupt nicht leben“. Daran erinnerte der namhafte christliche Religionsphilosoph Bernhard Welte in seinem Beitrag über „Christentum und Religionen der Welt“, der vor 25 Jahre in der Enzyklopädie „Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft“ (Bd. 26, Freiburg i. Breisgau) erschienen ist. Es wäre schon viel erreicht, wenn das „Projekt Weltethos“, wie es Hans Küng auf den Weg brachte, Gestalt annehmen würde, verbindlich in dem Axiom „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“.

Am vergangenen Sonntag, nach dem Angelus, sandte Benedikt „herzliche Grüße an das liebe türkische Volk“, das so reich sei an Geschichte und Kultur. Dem Volk und seinen Repräsentanten gegenüber drückte er seine „Gefühle der Wertschätzung und der aufrichtigen Freundschaft“ aus. Die Demonstranten in Istanbul hatten freilich nicht auf Empfang geschaltet.

In seiner Grußbotschaft vergisst Benedikt nicht die „kleine katholische Gemeinschaft“, welche ihm immer von Herzen gegenwärtig sei. Auch erinnert er an den eigentlichen Anlass seiner Reise, die brüderliche Zusammenkunft mit der Orthodoxen Kirche zum Fest des heiligen Andreas, des Apostels. An „die deutschsprachigen Pilger und Besucher“ auf dem Petersplatz wandte er sich, wie üblich in seiner Muttersprache, in einem persönlichen Anliegen: „In dieser Woche bitte ich besonders um Euer Gebet für meine bevorstehende Apostolische Reise in die Türkei.“

Ab morgen erscheinen an dieser Stelle täglich bis zum kommenden Freitag – und damit parallel zur Türkei-Reise von Papst Benedikt XVI. – die Folgen des bayerischen Reisetagebuchs, die von der Regensburger Rede handeln. Am kommenden Montag (4.12.) wird eine Nachbetrachtung zur Türkei-Reise beide Ereignisse miteinander verknüpfen und diese Thematik damit abschließen; am darauffolgenden Mittwoch (6.12.) wird das bayerische Reisetagebuch dann wieder normal fortgeführt.

Kommentar