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	<title>Kirche in der Gesellschaft</title>
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		<title>Pius XII. und die Juden – Eine Meldung und ihr Hintergrund</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Jul 2010 19:07:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Papst Pius XII. habe zu all dem geschwiegen, was die Nazis den Juden in Deutschland und anschließend auch in den von ihnen besetzten Ländern Europas antaten, von den täglichen Opressionen, den seelischen und physischen Quälereien,  bis zum organisierten Mord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der SS.
Wer  dies behaupte, habe Böses im Sinn, versuche die beabsichtigte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Papst Pius XII. habe zu all dem geschwiegen, was die Nazis den Juden in Deutschland und anschließend auch in den von ihnen besetzten Ländern Europas antaten, von den täglichen Opressionen, den seelischen und physischen Quälereien,  bis zum organisierten Mord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der SS.</p>
<p>Wer  dies behaupte, habe Böses im Sinn, versuche die beabsichtigte Seligsprechung des Papa angelicus zu unterlaufen,  halten  die Befürworter der Kanonisation vehement dagegen. Mit allen Mitteln versuchen sie, das erfahren zu einem schnellen Abschluss zu bringen – 40 Jahre Wartezeit seien genug.</p>
<p>Besonders hervor tut sich bei dieser „Kampagne“  die private jüdische Stiftung  „Pave the way“, was mit &#8220;den Weg freie machen&#8221; übersetzt werde kann.</p>
<p>Gründer und Präsident ist der New Yorker GeschäftsmannGary L. Krupp, der sich  durch zahlreiche karitative und dem Religionsdialog  gewidmeten Initiativen einen Namen gemacht hat.  Von Johannes Paul II. wurde er  mit dem Gregorius-Orden ausgezeichnet, als bisher siebter Jude, und von Queen Elizabeth II.  in den anglikanischen  Order of St. John  aufgenommen.  Nach Krupps Worten will sein Werk dazu beitragen,   „die nicht-theologischen Hindernisse auf dem Weg zur Verständigung zwischen  den Religionen“  zu beseitigen.<span id="more-196"></span></p>
<p>Das „Räumkommando“  wird  unterstützt von  Historikern und Schriftstellern wie Ronald Rychlak („Hitler, der Krieg und der Papst“)und  Michael Hesemann („Der Papst, der Hitler trotzte“).  Hesemann vertritt  „Pave the way“ in Deutschland.  Die Linie der vereinten Kräfte:   eine ihrer Meinung nach immer noch negativ  reagierende  Öffentlichkeit, (zumal die deutsche, die jüdische?), von den „guten Taten Papst Pius XII.“ zu überzeugen.  Auch „vorläufige Untersuchungsergebnisse“ sind offenbar Beleg genug. Auf was wartet  Benedikt XVI. eigentlich noch?</p>
<p>Mit von der Partie der Operation „Pio Dodici“ ist der Nachrichtendienst ZENIT, der keine Gelegenheit auslässt, neues von der Aktionsfront zu berichten. Als wahre Fundgrube für die erforderlichen Belege zugunsten des „Weltkriegs-Papstes“  entdecken die Explorer  zur  Zeit die vatikanischen Geheimarchive, fördern „aus jüngst geöffneten Beständen“  angeblich neue Dokumente zutage,  die jede Kritik verstummen lassen sollen.</p>
<p>Zum Sachverhalt : In den Jahren 1938 (nach den November-Pogromen ) und im Januar 1939(also vor der Wahl Eugenio Pacellis zum Papst und vor dem Kriegsausbruch)  soll der damalige Kardinalstaatssekretär mehrere Briefe an Nuntiaturen,   Apostolische Delegationen  und Länder-Episkopate geschrieben haben. Darin bat er  „um 200 000 Visa für sogenannte  „nicht-arische Katholiken“. Auch habe  er sich „um die Bewahrung jüdischer Kulturgüter“  bemüht.</p>
<p><strong>Um Schlimmeres zu verhüten</strong></p>
<p>Statt sich direkt an die Regierungen der befreundeten Staaten zu wenden, zieht der Staatssekretär Seiner Heiligkeit  für seine Korrespondenz den innerkirchlichen Kreislauf vor.  Die päpstlichen Botschafter und die Ortsbischöfe  sollen bei den zuständigen Behörden vorstellig werden.  In besonders prekären  Situationen  hat Pacelli  diese interne Linie gefahren und auch als Papst beibehalten, siehe die Behandlung des Briefes der Edith Stein im April 1933 und der Briefwechsel  im Jahr 1943 mit dem Berliner Bischof  Konrad von Preysing.  .</p>
<p>Dem gelernten und geübten Diplomaten, zu  äußerster Vorsicht und Diskretion neigend, sei es bei seinem Bemühen zugunsten der Juden stets darum gegangen, „Berlin“, also Hitler und seine Komplizen nicht unnötig zu reizen. Die Nazis hätten auf jeden kirchlichen Protest mit umso schärferen Maßnahmen reagiert, siehe die Deportation der „nichtarischen Katholiken“  aus den Niederlanden, nach dem öffentlichen Protest der dortigen katholischen Bischöfe im Jahr  1942. Pius zog es vor,  die Einschätzung der jeweiligen aktuellen Situation seinen Bischöfen „vor Ort“ zu überlassen, „ad maiora mala vitanda“ (um Schlimmeres zu verhüten), wie er Preysing auf dessen Bitte um deutlichen  Protest aus Rom gegen die in Berlin beginnenden Deportationen  schrieb.  In den Nachkriegs-Kommentaren und nicht zuletzt im Verlauf des kanonischen Verfahrens,  Pius XII. zur Ehre der Altäre zu erheben, häuften sich die Erklärungen und „Entschuldigungen“ zur Rolle des Papstes und der Kirche in der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus.</p>
<p>Zum  Zeitpunkt der jetzt von „Pave the way“ in die Öffentlichkeit gebrachten Papstbriefe war Eugenio Pacelli noch der Chefdiplomat Pius XI.   Dem vatikanischen Staatssekretariat schien es durchaus angezeigt,  zur Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen bereite  Staaten um Einreise-Bewilligungen zu bitten, denn noch erlaubten die Nazis den Juden das „Reich“  zu verlassen.  Himmler wollte sie loswerden.  Noch war dies für ihn die vorrangige Option, Deutschland „judenrein“ zu machen. Ein vollständiges Ausreiseverbot für Juden  erließ der Reichsführer SS  erst im Oktober 1941. Mit der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 wurden dann  die  sogenannte „Endlösung“,  der Massenmord an den Juden,  in Gang gesetzt.  Aber wer von den Verfolgten hätte  sich diese kostspielige Flucht leisten können?  Wer es dennoch schaffte,  war in der Regel bis auf wenige Reichsmark seiner materiellen Habe beraubt, finanziell ausgeplündert worden. Welche Mittel stellten  der Papst und die angesprochenen Ortskirchen den Ankömmlingen in ihrem Exil zur Verfügung?</p>
<p>Für seine Korrespondenz mit den kirchlichen Vertretungen verwendete  Pacelli den Begriff „nichtarische Katholiken“.  Die Übernahme des NS-Sprachgebrauches war selbst in kirchlichen Dokumenten  und dem Schriftverkehr mit den staatlichen Dienststellen nicht unüblich. Die deutschen Bischöfe  benutzten ihn, wenn sie bei den Reichsbehörden für katholisch getaufte Juden vorstellig wurden, damit begründet, dass es sich schließlich um Glaubensangehörige der römisch-katholischen Kirche handelte, die durch das Reichskonkordat geschützt sein sollten.  Gegenüber den Anderen, und das waren nicht alles sogenannte Glaubens-Juden,  konnten, wollten oder durften sie nichts unternehmen.  Andererseits:  Die Rasse-Ideologen der  Nazis und ihre Helfershelfer  interessierte äußerst wenig die Frage nach dem religiösen Bekenntnis  der von ihnen gehassten Juden.</p>
<p>Benutzte Pacelli also die Bezeichnung „nicht-arische Katholiken“ als Deckname, sozusagen als versteckten Hinweis, sich nicht nur um Konvertiten, sondern um alle verfolgten Juden zu kümmern?<br />
Diese  Schlussfolgerung  ziehen die von „Pave the way“  konsultierten Historiker.  Ein Indiz sei die „Anweisung“ des Papstes, jüdische Kulturgüter zu retten.   Auch ließen die Antworten der Adressanten diese Ausdeutung  zu.   In der Tat:  Nicht-arische Katholiken benötigten keine Einrichtungen und Gegenstände des jüdischen Kultus, Synagogen und Thora-Rollen.   Wieso aber sollten diese  „gerettet“  werden, gab es für diese Aufforderung vor 39  in den nichtbesetzten freien Ländern einen Grund?</p>
<p>Auf diesbezügliche Fragen antwortet Michael Hesemann:  Er verweist zunächst auf ein Telegramm, das Kardinalstaatssekretär Pacelli am 30. November 1938 an Nuntiaturen in Lateinamerika (Argentinien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Kuba, Peru und Zentralamerika) sowie  in Irland und Litauen gesandt hat.  Ferner ging die Depesche an die Apostolischen Delegationen  in Albanien, Ägypten, Syrien, Indochina, Belgisch-Kongo, Zentralafrika, Australien und in den USA.  Der Papst habe darum gebeten,  „nach allen nur denkbaren Anstellungsmöglichkeiten für deutsche und italienische Akademiker unter den „ebrei  convertiti“ zu forschen.</p>
<p>Am 9. Januar 1939 sei  ein Brief an 61 Erzbischöfe im Vereinigten Königreich, Irland, Schottland, in den Niederlanden, Luxemburg und Litauen, in den USA und Kanada sowie in den lateinamerika-nischen Staaten Argentinien,  Bolivien, Chile, Costa Rica, Ecuador, Kolumbien,  Peru, El Salvador  und Venezuela sowie in Australien gefolgt.  In diesem Schreiben bitte der Papst darum „für über 200 000 „katholische Nicharier“ aktiv zu werden und Komitees zu gründen, die bei den Regierungen Visa, eine Erleichterung der Einreisebedingungen, sowie aktive Betreuung der Flüchtlinge organisieren sollten.“  Den Komitees werde  eine enge Zusammenarbeit mit dem St. Raphaelsverein empfohlen.</p>
<p>Hatte die Aktion Erfolg? Soviel hat  Hesemann aus den vatikanischen Akten herausgefunden:  Am großzügigsten habe sich Brasilien gezeigt, mit 3000 Einreisegenehmigungen, gefolgt von der Dominikanischen Republik  mit  zweimal  800 Visa im Jahr. Hesemann: „Deshalb war die gut gemeinte Aktion Pacellis leider zum damaligen Zeitpunkt nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“</p>
<p>Für die Passage von Lissabon in die Karibik mussten eigens Schiffe bereit gestellt werden; diese  Kosten habe der Vatikan übernommen.<br />
Welches Risiko ging Pacelli, als er diese konspirative Form diplomatischer Korrespondenz  wählte. Welchen Grund hatte er dazu? Um die „nichtarischen  Katholiken“  kümmerten sich zum Beispiel die deutschen Bischöfe, solange dies  möglich war, auch ohne päpstliche  Weisung. Und so dürfte es überall in der katholischen Welt gehandhabt worden sein.   Wie konnten die ausländischen Prälaten davon ausgehen,  dass  mit  „nicht-arischen Katholiken“ ein Codewort für alle Juden gegeben wurde, das den Spitzeln der Gestapo und der deutschen Nachrichtendienste verborgen bleiben sollte. Schwer verständlich.  Ende 1938 / Anfang 1939 konnte man auch in Rom von einem allgegen-wärtigen Sicherheitsdienst (SD) der SS ausgehen, schließlich saßen abtrünnige katholische Priester in der Zentrale des Geheimdienstes der NSDAP.</p>
<p>Bekannt war, und in Wikipedia nachzulesen, dass der St. Raphaelsverein (s.a.  Raphaelswerk), ursprünglich zum Schutz deutscher katholischer Auswanderer Ende des 19. Jahrhunderts gegründet,  sich im Schatten des drohenden Zweiten Weltkrieges darum bemühte, „Verfolgten des NS-Regimes die Flucht von Deutschland nach Südamerika – hauptsächlich nach Brasilien – zu ermöglichen.“ Geld kam von den deutschen Bischöfen, der Vatikan vermittelte auf diplomatischem Weg die Vergabe von Einreise-Visa in den süd-amerikanischen Botschaften. 1941 wurde der Raphaelsverein verboten, also in dem Jahr, ab dem  den Juden  die Ausreise untersagt wurde.  Hatte das Reichssicherheitshauptamt  nicht doch von den Aktivitäten des Raphaelsverein gewusst und die katholische Organisation gewähren lassen – weil , aus der Sicht des Regimes,  ganz in dessen eigenem Interesse?</p>
<p>Der Wikipedia-Artikel vermerkt allerdings kritisch: Bei den Verfolgten habe es sich vor allem um Katholiken jüdischer Abstammung gehandelt. Die Mitarbeiter des St.-Raphaels-Vereins hätten jedoch darauf geachtet, dass Juden vor 1933 zum katholischen Glauben konvertiert waren, um auszu-schließen, dass  die Konversion nur erfolgte, um aus Deutschland zu flüchten.  Diese Regelung mag der politischen Situation entsprochen haben, um  einem totalen Verbot  durch das rassefeindliche System zu entgehen.<br />
Hesemann  wiederum meint,  Pacelli habe die Bezeichnung „Nichtarier“ nach der NS-Terminologie aus der Überlegung heraus verwendet,  dass die Nazis wahrscheinlich   eher  „katholische Nichtarier“ als gläubige Juden mit den vom St.  Raphaelsverein übermittelten Visa  ausreisen ließen.  Sie hätten nicht fragen können, „was die Kirche die Juden angeht“, (wie in anderen Fällen, wenn  Bischöfe  versuchten,  gegen antijüdische Maßnahmen zu intervenieren).  Dass diese Einschätzung nicht ganz mit der Praxis Himmlers bis 1941 übereinstimmte, wurde schon an anderer Stelle dargelegt.  Kritischer wohl ist die Folgerung von Hesemann zu beurteilen, dieses procedere  – im Widerspruch zu der Wikipedia-Darstellung –  habe dazu geführt, „dass der Vatikan zigtausende falscher Taufurkunden ausgab“.  Nochmals  gefragt:  Welches Risiko ging der Papst,  wenn er dies tatsächlich genehmigt hat? Was, wenn die Nazis dahinter gekommen wären?<br />
Anders in Italien, in Rom, wo das Raphaelswerk,  wie andere von der römischen Kurie getragene Hilfskomitees,  in den letzten Kriegsmonaten und nach der Kapitulation einer  Vielzahl von Menschen,  die in Rom Zuflucht gefunden hatten, zur Seite stand, nicht zuletzt  vielen Juden, die dem Holocaust hatten entkommen können.</p>
<p>Eine spezielle italienisch-jüdische Hilfsorganisation „Delasem“ (Delegazione assistenza ebrei emigranti) nahm sich, wie schon die Bezeichnung sagt, offenbar nicht nur der „nichtarischen Katholiken“ an.  Dem Heiligen Stuhl kam es darauf an, Abschiebungen zu vermeiden und die Emigration Ausreisewilliger zu ermöglichen.</p>
<p><strong>Von falschen  Taufscheinen und echten Reisedokumenten</strong></p>
<p>Die Geschichte von den gefälschten Taufscheinen und Personalpapieren, wonach auf Weisung des Vatikans geradezu eine Flut von solchen Falsifikaten zur Rettung von Juden  in Umlauf gebracht wurde,  hat  Hesemann nicht  erfunden. Vielmehr beruft er sich auf bekannte Quellen, allerdings  von  unterschiedlicher Qualität. Er zitiert sowohl persönliche  Einschätzungen von früheren Autoren als auch Aussagen von Personen, die persönlich an diesen Operationen beteiligt waren.</p>
<p>So hat, wie Hesemann schreibt,  der  jüdische Diplomat und Theologe Pinchas Lapide („Rom und die Juden“) die Praxis der falschen Taufurkunden bezeugt.  (Wobei die Behauptung Lapides,  mit Hilfe des Vatikans seien 800 000 Juden gerettet worden, von der zeitgenössischen Geschichtsforschung nicht übernommen wird.)   Den Historiker Dan Michman,  Verfasser der Untersuchung „Die Historiographie der Shoa aus jüdischer Sicht“ zitiert Hesemann aus dessen Buch  „Belgium and the Holocaust. Jews, Belgians, Germans“  mit dem Satz:  „ Ich bin der Meinung, dass die Praxis, falsche Taufscheine auszugeben, häufiger übliche war als tatsächliche Taufen.“</p>
<p>Hesemann hätte auch die allerdings ins Gegenteil zielenden Ergebnisse der Untersuchung von Ernst Klee („Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirche den Nazis half“) anführen können.  Sein Interesse gilt vielmehr  dem  französischen Kapuzinerpater Marie-Benoit, der hunderten von Juden bei der Flucht aus Südfrankreich in die Schweiz oder nach Spanien half. Pater Benoit, dem die Gestapo auf die Spur gekommen war,  musste schließlich selbst nach Rom fliehen.  In seinem Büro im Kolleg des Ordens habe er in Zusammenarbeit mit  der  jüdischen Wohlfahrtsorganisation Delasem seine  Hilfsaktionen fortgesetzt.  Pater Benoit  wurde von den Geretteten als „Vater der Juden“ geehrt.   (Nachzulesen auf der Internetseite „Einzigartiges Israel“  des Hänssler Verlages im Verlag Stiftung Christliche Medien, der größten evangelikalen Verlagsgruppe in Deutschland.) Im  Warteraum seines Klosters,  so  eine von Hesemann herangezogene Quelle,  habe es  zu jeder Tageszeit von Menschen gewimmelt und auf der im Keller installierten Druckmaschine seien tausende von falschen Taufzeugnissen gefertigt worden, zur Weitergabe an Juden.</p>
<p>Besonders aktiv  waren vatikanische Prälaten offenbar auf dem Balkan und im Nahen Osten. Angelo Roncalli (der nachmalige Papst Johannes XXIII.), seinerzeit  Apostolischer Nuntius in der Türkei, habe in Zusammenarbeit mit  Chaim Barlas vom Rettungskomitee der Jewish Agency 12.000 ungarische Juden gerettet, in dem diese mit falschen Taufscheinen und Reisedokumenten ausgestattet worden seien. (Die Jewish Agency war, auf Grund des Völkerbundmandats  für Palästina,  die von den Engländern offiziell anerkannte Vertretung der Juden).  Auf gleiche Weise sei  Angelo Rotta  (1944-45 Nuntius in Budapest) während seiner Aktivitäten  in der Apostolischen Delegation in Sofia  tätig geworden.  Er versah bulgarische Juden ebenfalls  mit gefälschten Taufscheinen und erteilte ihnen Reisebescheinigungen  für Palästina.  Von diesem vatikanischen Diplomaten wird gesagt, er habe 15 000  echt wirkende Leumundszeugnisse  und hunderte von ebensolchen Taufbescheinigungen für Juden in Arbeitslagern,  die  vor Deportation und Todesmärsche standen, ausgestellt.</p>
<p>Hesemann fügt ergänzend hinzu:  Roncalli und Rotta seien,  nach eigener Aussage,  den Weisungen  aus Rom gefolgt,  „zuerst und vor allem Menschenleben zu retten“ (Roncalli). Auch Pater Benoit habe „in Rücksprache mit und mit Hilfe finanzieller Unterstützung durch Pius XII.“ gehandelt.</p>
<p>Zudem habe ihm, Hesemann,  der Pallottiner-Pater Centioni aus Rom persönlich bestätigt,  „dass er im Auftrag Pius XII. falsche Taufscheine an Juden ausgab und  diese Praxis  auch beim St. Raphaels-Verein (zu dem er im Auftrag des Papstes  Kontakt hielt) üblich war.“</p>
<p>Giancarlo Centioni (Jg. 1912), war während des Krieges Militärkaplan in der Heimat-Miliz und lebte während dieser Zeit im Generalat  der Pallottiner in Rom.  Er erinnert sich an eine „Geheimes Hilfswerk“, um Juden zur Flucht aus Deutschland zu verhelfen, schon vor dem Krieg und  vor dem Einmarsch der Deutschen in Italien. Die Hilfsaktion lief wohl unter dem Deckmantel der römischen Dependance des Raphaelvereins; der „führende Kopf“  war Pallotinerpater Anton Weber, seine Wohnung in der Via Pettinari die Anlaufadresse. Er habe in direktem Kontakt zu Pius XII. und dem Staatssekretariat gestanden, von dort habe er  Geld und Reisedokumente erhalten,  „direkt vom Sekretariat Seiner Heiligkeit, in seinem Namen und von seinem Konto.“  Don Centioni erwähnt auch die Steyler Missionare (SVD), ob in Zusammenarbeit mit den Pallottinern oder in eigener Regie, lässt sich seinen Äusserungen nicht entnehmen.</p>
<p>Die Fluchtroute aus Deutschland habe zunächst nach Italien geführt,  dann in die Schweiz oder nach Lissabon. (Auch gesuchte NS-Vertreter suchten diesen Weg – die sogenannte „Klosterlinie“ – zu nutzen, was einigen unter Decknamen gelang, wissentlich und unwissentlich mit kirchlicher Hilfe.)</p>
<p>Don Centioni hatte zwar geglaubt, als „faschistischer“ Militärkaplan nicht in Verdacht zu geraten, jüdischen Flüchtlingen zu helfen.  So habe ihn beispielsweise der damalige Gestapochef und Polizeiattaché in Rom Herbert Kappler vor dem Tod gerettet.  Kappler war verantwortlich für die<br />
Geiselerschießungen am 24. März 1944 in den Ardeatinischen  Grotten.  Diese willkürlichen Morde waren  als Vergeltung für einen Partisanen-Überfall auf eine Einheit des Polizeiregiments „Bozen“ in der Via Rasella am Vortag ausgeübt worden. Bei diesem Anschlag, von der römischen Bevölkerung später verurteilt, waren  33 Angehörige der  Polizei-Einheit  getötet worden.  Dem Massaker in den Fosse Ardeatine fielen 335 italienische Zivilisten zum Opfer, unter ihnen 75 jüdische Geiseln. Auf die Frage des Militärkaplans, warum er nicht gerufen worden sei, (wohl für einen  letzten seelsorglichen Dienst) habe Kappler geantwortet, „Dann hätte man auch Sie umgebracht.“</p>
<p>Dennoch kam die SS dem italienischen Priester auf die  Spur.  Vor der Verhaftung aber habe ihn „Exzellenz Hudal“ bewahrt. Der sei ein „einflussreicher und hoher Deutscher in Rom“ gewesen. Hudal zu Centioni:  „Komm hierher, denn sonst wird die SS Dich verhaften.“   (Einige dieser Details sind in den Internet-Informationen des  katholischen Nachrichtendienstes H20news nachzulesen.)  Dies alles klingt abenteuerlich.  Was ist Fakt, was der verblassenden Erinnerung geschuldet?</p>
<p>Manche Zweifel  mögen aufkomme,   insbesondere die Frage,  warum dies den Geheimdiensten, ob  der deutschen  Abwehr und dem   SD oder westlichen  Agenturen, verborgen geblieben sein sollte.  Und wer bei diesen Fluchthilfen mitspielte.  Schriftliche Belege werden sich im Detail schwerlich beibringen lassen, man ist auf die mündliche Überlieferung angewiesen; für die seriöse Geschichtsforschung eine problematische Ausgangslage.  Es bleibt allein das Diktum des Papstes  „Zuerst Menschenleben retten“, das sich  über jede Kritik und jeden Zweifel erhebt.</p>
<p>Centioni sagte  in dem Interview mit H20news, das geheime Fluchthilfe-Netzwerk  habe seine Tätigkeit  auch nach  1945 fortgesetzt, denn: „die Verbindung Webers mit dem Vatikan war sehr aktiv“. Einzelheiten, sofern er mehr wusste, gab der Italiener nicht preis.   Auch Pater Anton Weber zeigte sich nach seiner  Rückkehr ins Mutterhaus in Limburg an der Lahn eher schweigsam, was diese Jahre betrifft, wie sich seine Mitbrüder erinnern</p>
<p><strong>Fluchthilfe auch für die Täter?</strong></p>
<p>Nun wären diejenigen, die nicht müde werden, eine Fülle von  „Persilscheinen“ gegen die Kritiker des Pacelli-Papstes  vorzulegen,  aufgefordert, ebenso klare Zeugnisse gegen  die bis heute  immer wieder gestellte Frage nach der angeblichen Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher seitens des Vatikans<br />
zu finden.  Dass  einige prominente SS-Führer sich auch über kirchliche Hilfsstellen ausschleusen ließen, die sogenannten „Klosterlinie“  nutzten, oder die „ratlines“, wie sie von Geheimdiensten organisiert wurden, ist  hinreichend bekannt.  Prominentester Fall:  Adolf Eichmann, alias Ricardo Klement.   Den einen gelang es, sich unerkannt unter die Hilfesuchenden zu mischen, andere  wurden wissentlich mit falschen Papieren versorgt, siehe die Aktivitäten des Titularbischofs Alois Hudal (Rektor des deutsch-österreichischen Kollegs Santa Maria dell`Anima in Rom) und des kroatischen, der Ustascha verbundenen  Theologieprofessor  Krunoslav Draganovic.</p>
<p>Wie konnte dies geschehen, ohne dass der Papst oder sein engster Mitarbeiter im  Staatssekretariat  Giovanni Battista Montini (nachmaliger Papst Paul VI.) davon erfahren haben sollten.  Der Substitut („Innenminister“)  Montini  unterhielt schließlich selbst geheimdienstliche Kontakte während des Krieges und danach.  Diese Ungereimtheiten endlich aufzulösen, wäre sicherlich ebenso angesagt,  um das Gespenst der Gerüchte und Unterstellungen ein- für allemal aus der Welt zu schaffen.  Dazu müsste die unabhängige Forschung allerdings  freien Zugang zu den Akten des Pontifikats von Pius XII. im Zusammenhang mit Montini haben – und das kann, nach den geltenden Verschlusszeiten, noch etliche Jahre dauern.  Selbst dann ist fraglich, ob irgendwelche Aufzeichnungen diesbezüglicher Art gefertigt und wenn ja, auch archiviert wurden.</p>
<p>Dass mit den „katholischen Nichtariern“  schon in den Pacelli-Briefen von  38/39 „durchaus auch nichtkonvertierte gläubige Juden“  gemeint waren, belegen nach der Einschätzung von Hesemann zweierlei Umstände“.  So hätten „viele der Erzbischöfe“ in ihren Antworten nicht etwa von „ebrei convertiti“  geschrieben, sondern gleich von „ebrei“.  Ferner  werde in dem Brief vom 9. Januar „ausdrücklich darum gebeten“, für die Emigranten eigene „aedes sacra“ (Heiligtumer ) und Schulen bereitzustellen und ihnen die Ausübung ihrer Religion, ihrer Sitten und Traditionen zu garantieren.<br />
Dass  Synagogen gemeint sind,  und keine Kirchen, mit hin Glaubensjuden und keine Konvertiten, ergibt sich, folgt man Hesemanns Argument,  allein schon  aus der Logik, dass katholisch getaufte Juden keine Einrichtungen des jüdischen Kultus benötigen und dass in den Adressat-Staaten, fast ausnahmslos katholisch geprägte  oder doch mit starken katholischen Minderheiten, Gotteshäuser und kirchliche Einrichtungen ausreichend zur Verfügung gestanden haben dürften.</p>
<p>Erstaunlich ist, wie kräftig offenbar die vatikanischen Archiv-Quellen neuerdings sprudeln und angeblich neues Material zutage fördern.  Ist nicht längst  alles, was von Relevanz für den Seligsprechungsprozess ist, schon  gelesen und geprüft worden.  Dies gilt sowohl für die jetzt auch für die außerkirchliche Forschung freigegebenen Akten bis einschließlich des Pontifikats von Pius XI. (mithin auch den Kardinalstaatssekretär Pacelli betreffend),  als auch für  bestimmte Aufzeichnungen aus der Regierungszeit von Pius XII.  Über die Rolle des Heiligen Stuhls während des Zweiten Weltkrieges liegen zwölf  im Auftrag der Kurie veröffentliche Bände seit langem vor.  Weitergehende Einsicht in die Unterlagen dürften dem Relator (Untersuchungsrichter) zur Vorbereitung des Verfahren, dem Jesuitenpater Dr. Peter Gumpel SJ,  früher Professor an der Gregoriana, gewährt worden sein. Darauf lassen seine wiederholten Äußerungen schließen.</p>
<p>Mit anderen Worten: alles ist bereits gesagt und geschrieben, es fehlt nur noch die Unterschrift des Papstes unter das  erwünschte Dekret.  Um Pius XII  in den Stand der Seligen seiner Kirche  zu erheben, bedarf es sicherlich nicht nur der Überprüfung seines politischen Verhaltens in der Zeit der Diktaturen.  Der Vorbildcharakter, der von  einem Seligen der Heiligen Kirche erwartet wird,   verlangt  eine breiter und tiefer angelegte Bewertung seines Denken und Handelns.</p>
<p>Auch jene jüdische Kreise, die sich noch immer nicht hinreichend informiert sehen, werden Eugenio Pacelli nicht unterstellen können, ein Antisemit gewesen zu sein.  Doch ebenso gilt es, seine Theologie des Judentums zu berücksichtigen.  Sie war geprägt von der katholischen Linie des 19. Jahrhunderts und somit auch präokkupiert von dieser tausendjährigen Geschichte des Vorbehalts, mit  seinen über lange Zeitperioden schrecklichen Konsequenzen für die „Gottesmörder“.   Bestimmte Formulierungen in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937, für die Pacelli redaktionell verantwortlich zeichnet und auch die Allokution von Pius XII an Heiligabend 1942 sollen als Ausweis genügen.</p>
<p>Benedikt XVI. weiß  von all dem.  Seine eigene Einstellung gegenüber den Juden, bei  aller öffentlichen Kritik an seiner Haltung in der Causa der Pius-Bruderschaft und der von ihm wieder belebten, die Juden betreffende Karfreitags-Fürbitte,  gilt  sein Verhältnis zum Judentum dem seines Vorgängers beinahe entgegengesetzt.  Sagen jene, die ihn persönlich besser kennen.</p>
<p>Bleibt also die Frage, ob der Zweck auch die Mittel heiligt, die „Pave the way“ einsetzt.  Ob die Eiferer, statt Hindernisse auszuräumen, neue errichten, weil sie  längst beantwortete  Fragen aufwerfen und mit der Art ihres propagandistischen Aufwands  neuen Zweifeln Nahrung geben, die den angestrebten Abschluss des Prozesses allenfalls verlängern.  Bliebe dem armen Pius XII. eingedenk seiner eigenen selbstkritischen Worte   doch zu wünschen, dass er die Ruhe in Frieden endlich auch hier auf Erden finden möge – denn was immer die noch vorhandenen Akten aussagen – Gott allein weiß um seinen Sohn Eugenio.  In sein Urteil sollte der Mensch nicht zu viel hineinreden.</p>
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		<title>Kirchen-Austritt leicht gemacht?</title>
		<link>http://blog.kath.de/kaltefleiter/2010/06/28/kirchen-austritt-leicht-gemacht/</link>
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		<pubDate>Mon, 28 Jun 2010 21:29:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[„Austritt? Gibt´s nicht“ – unter diese  von der  ZEIT gewählten Überschrift (Unterzeile: Warum die Tauf ewig währt)  befasst sich Robert Leicht,  der ehemalige Chefredakteur und derzeitige politische Korrespondent des Hamburger Wochenblattes (Nr. 26 / S.4) mit dem ebenso aktuellen wie brisanten Thema, das vor allem die römisch-katholische Kirche trifft.  Leicht, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Austritt? Gibt´s nicht“ – unter diese  von der  ZEIT gewählten Überschrift (Unterzeile: Warum die Tauf ewig währt)  befasst sich Robert Leicht,  der ehemalige Chefredakteur und derzeitige politische Korrespondent des Hamburger Wochenblattes (Nr. 26 / S.4) mit dem ebenso aktuellen wie brisanten Thema, das vor allem die römisch-katholische Kirche trifft.  Leicht, prominenter evangelischer Publizist, war in den Jahren 1997 bis 2003 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD.  Der nachfolgende Brief setzt sich mit der von Leicht vertretenen Auffassung kritisch auseinander. Einige Flüchtigkeitsfehler wurden nachträglich korrigiert.<span id="more-186"></span></p>
<p>Herrn<br />
Prof. Dr. h.c. Robert Leicht<br />
Politischer Korrespondent</p>
<p>Betr.: Austritt? Gibt´s nicht (ZEIT Nr. 26, Seite 4)</p>
<p>Sehr geehrter Herr Professor Leicht,</p>
<p>was Sie zur christlichen Taufe schreiben, nämlich die Unaufhebbarkeit des Sakramentes betreffend, ist jedem theologisch einigermaßen informierten Leser vertraut. Und durchaus ein probates „Hilfsmittel“ für jene, die der Körperschaft des öffentlichen Rechtes (Heinrich Böll) den Rücken kehren.  Man bleibt katholisch.  Die Sanktionen sind eine Angelegenheit auf dem Papier; jeder katholische Seelsorger, der seinen Dienst ernst nimmt, wird auch weiterhin Betreffende segnen und beisetzen, wenn sie zu Lebzeiten darum gebeten haben, ebenso, wie an zeitgemäßen Altären auch die Interkommunion längst übliche Praxis ist.</p>
<p>Es verärgern mich Ihre Auslassungen über  „potenzielle Kritiker und Erneuerer“, die  sich Ihrer Meinung nach offenbar „einfach aus dem Staub  machen.“  Abgesehen von der Wahl der Formulierung, die ich als Verunglimpfung empfinde – hier scheinen wohl dem  evangelischen  Christen die protestantischen Gäule durchgegangen zu sein.</p>
<p>Ich schätze Ihre Fachkenntnis hoch genug ein, um von Ihnen erwarten zu können, dass Sie zwischen synodal verfassten Kirchen und einer hierarchischen zu unterscheiden wissen.  Kein potenzieller Kritiker und Erneuerer hat sich bisher „aus dem Staub gemacht“.  Weder ein Küng, noch ein Boff, noch ein Hasenhüttl und, und.  Sie haben allenfalls verzweifelt das Handtuch geworfen, weil diese Kirche „von oben“ und nicht „von unten“ regiert wird.  Da ist Erneuerung eher ein Fremdwort.  Sie wissen doch nur zu gut, was aus den spärlichen Ansätzen des Zweiten Vatikanums  geworden ist, und wer die Uhr nicht nur zurückgedreht hat und weiter daran schraubt, sondern in der Tat eben nicht der &#8220;fortschrittliche&#8221;  Theologe war, als der er von gewisser Seite immer noch gefeiert wird, weder zu Zeiten des Konzils noch danach.  Und die katholischen „Reformchristen“ sind doch kaum mehr als sich im Kreis drehende Aktionisten – deren Platte, die sie bei jeder sich bietenden und auch herausfordernden Gelegenheit auflegen, inzwischen Kratzer wie ein Schellack-Scheibe bekommen hat.</p>
<p>Das geht an die Hierarchen von Bertone in Rom bis Meisner in Köln schlicht und einfach nicht heran. Mixa,  der arme Mensch, öffnet den Blick tief in eine beschädigte Seele.  „Ich brauche Deine Liebe“, wird er aus einem angeblichen  Dialog mit einem Jungpriester zitiert.  Diese Vereinsamung, dieses  „Allein gelassen sein“,  jeder am Ende des Tages allein mit sich – ohne wärmende Zuneigung, die einer Ehe, einer Familie in der Regel eigen ist  &#8211; daran gehen so viele zu Grunde. Die einen suchen den Ausgleich in Spielarten des Hedonismus, der Machtausübung, andere enden im Alkohol. Wen interessiert diese menschliche Problematik?  Angeblich hat man in der Bischofskonferenz seit langem davon gewusst, &#8220;gemunkelt&#8221;,  wie Ulrich Ruhe formuliert. Ja, lieb´s Herrgöttle von Biberach, was sind denn das für Mitbrüder, die einfach irgendwann die Notbremse ziehen, weil ihnen nichts Besseres einfällt? Wo ist der bischöfliche Freund von nebenan, der dem Hilflosen die Hand reicht? Man empfiehlt den Priestern seelsorgliche Begleiter. Das ist dann innerkatholische Psychotherapie in einer Situation,  in der aber keine Therapie, sondern das Vertrauen eines wahren Freundes gebraucht wird.</p>
<p>Austritt? Ja, den gibt´s. Ich plädiere nicht dafür, rufe nicht dazu auf. Aber ich mach es mir nicht so leicht, wie Sie es denen unterstellen, die sich verabschieden.  Nicht die Kirchensteuer, nicht einmal der Mixa &#8211; nein, der Austritt erfolgt  aus einem System, das in seiner Grundstruktur nicht stimmt, von den Tagen der sogenannten legendären konstantintischen Schenkung an.  Die religiöse Überzeugung bleibt  für diejenigen, die sich für eine andere Form des Gottesdienstes  entscheiden,  unberührt. Das schreibe ich Ihnen nach vielen Jahrzehnten journalistischer  Kenntnis und Erfahrung, die katholischen Verhältnisse betreffend,  „binnen un buten“, wie  man in Hamburg wohl zu sagen pflegt.  Über die anderen christlichen Fakultäten mich zu äußern verbietet mir mein Eingeständnis, nicht berufen zu sein,  die dortigen Zustände zu beurteilen.</p>
<p>Mit freundlichen Grüßen<br />
Ihr<br />
Werner Kaltefleiter</p>
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		<title>Nationalsport Fußball</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jun 2010 21:26:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es  spielten in einem international besetzten Fußball-Turnier in Südafrika  mit dem Ziel,  Sieger  und damit  „Weltmeister“ in dieser Sportdisziplin für die nächsten vier Jahre zu sein, unter anderem die „Three Lions“, die  „Black Stars“,   „Les  Bleus“, die „Squadra Azzurra“,   „La albiceleste“,  die  „Selecao“ – wobei  letztere in der deutschen Übersetzung mit „Auswahl“  am klarsten den  [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es  spielten in einem international besetzten Fußball-Turnier in Südafrika  mit dem Ziel,  Sieger  und damit  „Weltmeister“ in dieser Sportdisziplin für die nächsten vier Jahre zu sein, unter anderem die „Three Lions“, die  „Black Stars“,   „Les  Bleus“, die „Squadra Azzurra“,   „La albiceleste“,  die  „Selecao“ – wobei  letztere in der deutschen Übersetzung mit „Auswahl“  am klarsten den  Typus der Fußballmannschaft wiedergibt, die ihre Kräfte auf dem grünen Rasen messen.   Insofern spielte nicht „Deutschland“, sondern die „Auswahl des DFB, also des Deutschen  Fußballbundes.  Und der Kenner weiß selbstverständlich, um welche Mannschaften es sich bei den vorgenannten handelt, trotz aller semantischen Verschnörkelungen und Mystifizierungen.<span id="more-182"></span></p>
<p>Sport als „Massensport“ – nichts dagegen zu sagen. Nun denn:  ob die wöchentlichen Matches in den Bundesliga-Arenen oder bei den internationalen Cups liturgischen Feiern gleichkommen,  „Ersatz-Gottesdiensten“,  dem „Fußballgott“ geweiht,  mit Spielern als  Zelebranten, die sich  bekreuzigen,  Stoßgebete „nach oben“  schickend,  auch zum eigenen Segen, eingedenk lockender Transfers  -  darüber mögen Sozialpsychologen diskutieren.</p>
<p>Sport begeistert, Sport, so geben manche aus nicht unbegründetem Anlass zu bedenken, wird auch instrumentalisiert.  Wie der Sport &#8211; nicht die Sportler, sondern die Sportfunktionäre  &#8211; sein hässliches Gesicht zeigte, haben wir nicht vergessen – weder im Zeichen des braunen noch des  roten Sozialismus.   Doch der Sport nahm eine Wende, zunächst in West, dann in Ost  – nicht nur zu seinem Vorteil : die Gangart auf dem Spielfeld entsprach den Ablösesummen.  In den Stadien sammelte sich eine neue Art von Zuschauern, „Fans“ genannt, darunter  auch solche, die nicht den Fußballbegeisterten  gleichkommen, die 1954 am Radio mit  Herbert Zimmermann fieberten.</p>
<p>Nach dem „Wunder von Bern“, das vielen Menschen, ein neues Lebensgefühl  vermittelte, auch das leicht infizierbare „Wir sind wieder wer“ , ereignete sich ein zweites Fußballwunder, bemerkenswert in jenem Land, das zweimal im vergangenen Jahrhundert mit seinem  „über alles“, die Welt in Angst und Schrecken versetzt hatte.  Dieses Wunder bildete eine Abwehrmauer gegen den Krakeel in bestimmten Stadien-Kurven, der Sport mit Krieg zu verwechseln schien.</p>
<p>Von den Füßen der Spieler rollte die lederne Kugel auf die Straßen und Plätze, jeder wollte mitspielen, die neue Botschaft hieß: lasst uns gemeinsam Spaß haben.  Eingeladen auch die  Gast-Teams, nicht auf „Gegner“ reduziert.  Die Fahne Schwarz-Rot-Gold wurde ausgerollt, an Fenster und Balkonen aufgehängt, an  Masten vor der Haustüre aufgezogen, an Auto-Seitenfenster geklemmt. Auch Griechen und Italiener, Spanier und Türken, mit und ohne deutschen Pass, hatten kein Problem mit der Zweiflaggen-Praxis. „Deutschland – Weltmeister!“ – und wenn schon knapp verpasst, dann doch  „Weltmeister der Herzen</p>
<p>Man habe wieder „Mut“ sich zu seiner Nation, seiner Heimat, seinem Deutschtum zu bekennen.  Für die meisten doch wohl allein Ausdruck von Fröhlichkeit und Ausgelassenheit.  Oder klang da schon  der alte Unterton heraus?</p>
<p>Ein drittes Mal  ist nun ein  Fußball- „Wunder“ zu vermelden.  Deutschland mit einem ganz neuen Gesicht:  „Jogis“  Elf, nicht nur „jung“ – Fußballkommentatoren schwärmen schon von der neuen Goldenen Generation – sondern  ein Team, zusammengesetzt aus Spielern unterschiedlicher nationaler und ethnischer Herkunft. Neudeutsch: „Multikulti“.  Brückenbau über Süd- und Nordkurven hinweg. Ein mutiges Spiel, dank dem Bundestrainer.</p>
<p>FIFA-World-Cup in Südafrika 2010.  Mein Wohnbezirk, 8000 Kilometer entfernt,  ist in ein Flaggenmeer getaucht, zu bestimmten Zeiten – das heißt, wann immer in Kapstadt, Johannesburg  Bloemfontein  und in den anderen Stadien im afrikanischen Anti-Apartheids-Staat angepfiffen wird, dringen auch hierzulande  seltsam röhrende Töne an unser Ohr, als trete ein brunftiger Hirsch auf die Lichtung.  Kneipen und Stadtparks laden zu einem neuen Gemeinschaftserlebnis ein, dem öffentlichen Zuschauen, in der Sprache von heute:  Public  viewing.</p>
<p>Freilich:  Die vorlautesten Propheten behaupteten schon vor dem ersten Anstoß:  „Deutschland“ wird Weltmeister.  Soll wohl heißen:   Waren wir immer schon, nicht nur im Fußball, und  bleiben wir. Das ist wie böse Geister beschwören nach Art der Schamanen – denn mit dem „Weltmeister“ hat es so seine Sache, politisch, ökonomisch, kulturell.</p>
<p>Selbst im Wartebereich der  Erste-Hilfe-Station der städtischen Klinik ist ein Fernseher aufgestellt.  Japan hat spielt, Ghana spielt.  Ist doch schön, dass die sogenannten „Kleinen“ nicht nur Punktelieferanten für die Großen sind.  Die Japaner hätten hervorragend gespielt, sagt ein Mann neben mir. Nach einer kurzen Pause setzt er hinzu:  „Die haben keine Neger in ihrer Mannschaft“.   „Und haben Sie gesehen, wie die mitgesungen haben, bei  ihrer Nationalhymne.“   Wer ist dieser Mann. Er trägt keine  „Glatze“, keine Tätowierungen.  Könnte Handwerker oder Angestellter in gehobener Stellung sein.  „Ordentliches“  Äußeres.  Auch physisch beeindruckend. Hochgewachsen, kräftig, laute Stimme.  Man hält sich besser zurück.</p>
<p>Bald darauf werde ich zum Arzt gerufen. Zurück bleibt der kurze Wortwechsel am „Spielfeldrand“ vor dem Fernseher. Ich dachte, das sei überwunden, seit den“ Wundern“  von Bern, Berlin und Südafrika  allenfalls noch Restgift in den Köpfen jener,  deren Aussehen und Ansichten man kennt und die man einigermaßen, so ist doch zu hoffen, im Griff hat.</p>
<p>Mir kommt ein Diktum von Johannes Paul II. in den Sinn, seine Antwort auf meine Frage nach dem Unterschied von Patriotismus und Nationalismus.  „Patriotismus ist, wenn man seine Heimat liebt“, sagte der Papst, „Nationalismus – wenn man die anderen nicht liebt, wenn man sie wegräumt“. Diese  Worte unterstrich er mit einer entsprechenden  Handbewegung.</p>
<p>Nach dem 4:1 gegen  „Traditionsgegner“  England (während ich diese Zeilen schreibe) hupten sie wieder ausgelassen auf den Straßen, die Vuvuzelas blieben gottlob verhalten.</p>
<p>Möge es beim „Nationalsport“ Fußball bleiben und,  dass Fußballkünstler, ungeachtet von Hautfarbe und Religion,  einen Platz in der Stamm-Mannschaft haben, wie ebenso in den Liga-Vereinen, sofern ihre spielerischen Qualitäten überzeugen. Wenn nicht im Reich von „König Fußball“ die gesellschaft-lichen Schranken aufgehoben sind, ausgenommen die des Respekts vor dem Mitmenschen, auf dem Spielfeld wie auf den Rängen -  wo dann sonst?  Das schlimmste Szenario wäre es, und wir haben es erleben müssen, wenn  22  junge Männer zu Ersatzkriegen angefeuert werden.   Zwischen den beiden Toren sollte die alte Sepp-Herberger-Regel genügen, nämlich allein gegen den Ball zu treten, damit das Runde im Eckigen landet.  Halt – hinzugekommen ist ein Weiteres.  Meine Spieler sollen Botschafter ihres Landes sein, empfahl der Bundestrainer.  „Außendarstellung“ in Technodeutsch.</p>
<p>Wie immer auch.  „Deutschlands“ Elf  möge beispielhaft sein.  Fußball „made in Germany“ – auch ohne den Worldcup in den Händen –  wäre dies ein schöner  Sieg.<br />
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		<title>Die Hochzeit von Stockholm</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 19:47:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In Schweden wurde am vorletzten  Juni-Wochenende 2010 eine Eheschließung von den geladenen Gästen ausgiebig gefeiert, „bis in die Puppen“, wie die bei solchen Anlässen reichlich vertretenen  Hofberichterstatter schwärmten.  Die einschlägigen Hochglanz-Postillen werden noch lange von der „Traumhochzeit“ zehren,  zumal   Schwedens Kronprinzessin  nach langem  Ringen mit dem königlichen Vater einem Bürgerlichen das „Ja-Wort“ gab.  Auf die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In Schweden wurde am vorletzten  Juni-Wochenende 2010 eine Eheschließung von den geladenen Gästen ausgiebig gefeiert, „bis in die Puppen“, wie die bei solchen Anlässen reichlich vertretenen  Hofberichterstatter schwärmten.  Die einschlägigen Hochglanz-Postillen werden noch lange von der „Traumhochzeit“ zehren,  zumal   Schwedens Kronprinzessin  nach langem  Ringen mit dem königlichen Vater einem Bürgerlichen das „Ja-Wort“ gab.  Auf die „Royals“ in aller Welt ist Verlass, dass der Stoff für mehr oder weniger geschmackvolle Intimgeschichten in den einschlägigen Blättern nicht zur Neige geht, zur Versorgung einer unter diesbezüglicher Deprivation (eine „Spiegel“-Formulierung)  leidenden Leserschaft, insbesondere zur Lektüre unter der Haube des Lieblings-Coiffeurs.  Etwas daran auszusetzen?  Eigentlich nicht.  Hinzuzufügen wäre, dass dieses soziale Phänomen insbesondere in Ländern mit republikanischer  Staatsform zu beobachten ist. Selbst die eine oder andere Palastaffäre,  wenn Silvio in Rom oder Sarko in Paris schon mal aus dem Rahmen fallen oder  der Bewohner von Schloss Bellevue  kurz entschlossen  seinen Mietvertrag kündigt – das ist nichts gegen Affären bei Hofe um „wer mit wem“.<span id="more-175"></span></p>
<p>Zugegeben, ich bin eingefleischter Republikaner – aus dem einfachen Grund,  der in einem kleinen grammatischen aber historisch bedeutsamen Unterschied liegt:   Im Namen der Republik haben viele Menschen im Laufe der Geschichte ihr Leben gegeben; im Namen von Monarchien und deren Dynastien wurden  viele Menschenleben geopfert.  Auch dies hat mit dem glanzvollen Ereignis von Stockholm zunächst nichts zu tun.  Allerdings  habe ich von den Bildern,  die vom Staatsfernsehen aus der kirchlichen Trauung im  Stockholmer Dom übertragen wurden,  jene Szene in eigentümlicher Weise in Erinnerung, bei denen sich die Kameras auf die ersten Stuhlreihen hinter dem Brautpaar richteten:  da saßen die gekrönten Häupter, die Damen in ihren großen Roben und die Herren in ihren mit Orden und Bändern übersäten Uniformen, mehrheitlich wohl der Marine zugehörig und selbstverständlich im Admiralsrang.  Gold macht sich auf Blau natürlich besonders gut , als auf Feldgrau oder Ranger-Grün.</p>
<p>Uniformen  dienen, um es kurz zu machen, dem besonderen Zweck, ihre Träger vom „normalen“ Bürger zu unterscheiden, seine besonderen Befugnisse herauszustellen:  der Polizist, versteht sich, früher auch der Postbote, heute der Wachmann, ja auch der Karnevalist der Mainzer Ranzengarde.<br />
Vater aller Uniformen aber war, falls ich mich nicht irre, der Kriegsgott Mars.  Wer in seinem Namen ins Feld marschierte, kennzeichnete sich und seine Mitstreiter mit Farben und Symbolen, die sich vom Feind und Gegner unterschieden. Dabei ist es bis heute geblieben, ob bei der passiven oder aktiven Ausübung des Kriegshandwerks.  Um dies festzustellen, muss man kein fanatischer Pazifist sein.</p>
<p>Was aber haben Admirale und Generale, insbesondere solche  die in der Regel keine Truppen führen sondern nur Ehrenränge  bekleiden, bei  einer zivilen Hochzeitsfeier zu suchen.  Soweit bekannt, werden vor dem  Altar keine Feldzüge besprochen.  Der Verdacht liegt nahe, ein wohlbekanntes Wesen hat sich in die prominente Veranstaltungen eingeschlichen, wie immer, wenn er sich der Aufmerksamkeit der anderen Anwesenden und einen Millionen-Publikums sicher sein darf:  die Eitelkeit. Da wird kokettiert, die Brust gewölbt, zackig gegrüßt mit der Hand oder der Fingerspitze am Mützenschirm –  Männer, die so gern Soldat  sind  &#8211; offenbar ein Urinstinkt seit Erfindung der Schlag-Keule aus einem Mammut-Knochen – dürfen sich darstellen.  Wir da oben, die da unten. Doch es bleibt dabei:  Militär ist Militär und Krieg ist Krieg.  Ob unverzichtbar das eine, weil unvermeidbar das andere,  steht auf einem anderen Blatt.  Daniel, so heißt der Ehemann der Prinzessin, hat es richtig gemacht, obschon ihm nach abgeleisteten Wehrdienst doch ebenfalls eine Uniform zugestanden hätte:  Er  erschien in Zivil.  Dem Protokoll angemessen:  Frack,  Schleife und, nun ja, den ersten Hausorden nebst Schärpe.  Allein die beiden hatte einen Sieg zu feiern:  den der Liebe zueinander. Anders,  als in Historienfilmen nachgespielt, ohne Uniform und Degen.<br />
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		<title>Königin Silvia und das Dritte Reich</title>
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		<pubDate>Sat, 22 May 2010 16:09:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Unter der Überschrift “Schweden schämt sich für Königin Silvia“ berichtete der „Wiesbadener Kurier“  in seiner Ausgabe vom 21. Mai  über Äußerungen der Monarchin zur NS-Vergangenheit ihres deutschen Vaters.  Aus einem Interview im Rahmen einer Fernsehdokumentation mit einem Stockholmer Sender  wird sie mit den Sätzen zitiert: „Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Unter der Überschrift “Schweden schämt sich für Königin Silvia“ berichtete der „Wiesbadener Kurier“  in seiner Ausgabe vom 21. Mai  über Äußerungen der Monarchin zur NS-Vergangenheit ihres deutschen Vaters.  Aus einem Interview im Rahmen einer Fernsehdokumentation mit einem Stockholmer Sender  wird sie mit den Sätzen zitiert: „Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob. Und diese Freude darüber , dass das Vaterland wieder da war. Deshalb stützte mein Vater Deutschland und wurde Parteimitglied.“</p>
<p>Der Hintergrund, den ein schwedischer Historiker im Jahr 2002 enthüllte , wie der dpa-Korrespondent Thomas Borchert aus Stockholm berichtet:  Silvias Vater  Walther Sommerlath (1901 – 1990), damals Geschäftsmann im brasilianischen Sao Paulo, sei 1934  dort der Auslandsorganisation der NSDAP beigetreten.</p>
<p>Schwedens derzeitige  Königin,  1943 in Heidelberg geboren, hatte 1976 den seit 1973 regierenden König Carl XVI. Gustav geheiratet.  Als Hostess bei den Olympischen Sommerspielen von 1972 in München war sie dem damaligen Kronprinzen Carl Gustav  zum ersten Mal begegnet.<span id="more-169"></span></p>
<p>Zu den Motiven ihres Vaters, der Partei der Nationalsozialisten beizutreten,  wird sie mit dem Argument zitiert: „ Es war ja eine Maschinerie. Und ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“.</p>
<p>Die Äußerungen der „Drottning Silvia“, wie sie in Schweden offiziell angesprochen wird, haben Befremden und auch Empörung ausgelöst.  Ihr wird vorgeworfen,  mit dieser „seltsamen Einstellung zum Nationalsozialismus“  diesen zu verharmlosen. Die Publizistin  Olina Stig spricht dem Bericht der Zeitung  zufolge von „aktivem Mitläufertum“ Sommerlaths, das die Tochter „ohne Einschränkungen“  verteidige.</p>
<p>Zwar wird in der öffentlichen Debatte die Meinung vertreten, Silvia könne ebenso wenig für das Verhalten ihres Vaters  verantwortlich gemacht werden, wie ihr Ehemann  für die  „bekannten Nazi-Sympathien“ seines Vaters, des Erbprinzen Gustav Adolf.  Doch dürfe man von ihr, nicht zuletzt in ihrer Vorbildfunktion als Gattin des Regenten, einen anderen Umgang mit diesem Thema erwarten.  Die Diskussion hat inzwischen auch die deutschen  Medien erreicht.  Nach dem mir der Vorgang bekannt wurde hielt ich es für angebracht, Schwedens Königin Silvia den folgenden Brief zu schreiben:</p>
<p><em>Her Majesty<br />
Drottning Silvia<br />
Kungliga Slottet<br />
Stockholm. Sverige</em></p>
<p><em>Eure Majestät,</em></p>
<p><em>im “Wiesbadener Kurier”, meiner Lokalzeitung, in der  Ausgabe vom 21. Mai, erschien ein Artikel mit der  Schlagzeile „Schweden schämt sich für Königin Silvia“. Ich gehe davon aus, daß Ihnen bekannt ist, um welche Angelegenheit es sich handelt.</em></p>
<p><em>Zwei Tage zuvor, am 19. Mai, veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“  einen Bericht über eine Nelly Sachs gewidmete Ausstellung in Berlin.  Dem Beitrag war ein Foto hinzugefügt, das König Gustav VI. Adolf  zeigt,  wie er sich bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur  1966  an Nelly Sachs vor der Dichterin verneigt.</em></p>
<p><em>Eines der bekanntesten Gedichte der Lyrikerin,  „die durch Auschwitz zur Dichterin“ wurde (FAZ), beginnt  mit den Sätzen: O die Schornsteine / auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes/ Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch/ Durch die Luft“…</em></p>
<p><em>Dem Jahrgang 1938 angehörend stelle ich mir wie Sie die Frage, ob mein Vater aus Freude darüber, dass  Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob, Parteimitglied wurde um Deutschland zu stützen.  Hat er sich dem Widerspruch verweigert? Denn : &#8220;ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“. Für einige meiner Formulierungen bediene ich mich der Zitate aus besagtem  Korrespondenten-Bericht aus Stockholm.</em></p>
<p><em>Meine Bemühungen um klare Antworten waren und sind immer von der Sorge begleitet nicht in Verdacht zu geraten, die Zeit des Nationalsozialismus, vor dem Hintergrund der Shoá, zu relativieren, sondern vielmehr die &#8220;gesamte Maschinerie&#8221; vor Augen zu haben.</em></p>
<p><em>Als Deutsche der Nachkriegsgeneration,  zu denen ich auch Sie Ihrer Geburt nach zähle,  tragen wir keine  Verantwortung für das Geschehene,  wohl aber eine den Opfern des Holocaust   geschuldete  Erinnerung,  verbunden mit der Mahnung   gegenüber gegenwärtigen und  künftigen Generationen.</em></p>
<p><em>Wie dringlich dieser Auftrag gerade auch in der Gegenwart ist, zeigt sich an der traurigen Tatsache, dass vor wenigen Tagen ein Brandanschlag auf die Synagoge in Worms verübt wurde – also an einem Ort, der wie wenige andere in Deutschland die Jahrhunderte lange Geschichte des Judentums am Rhein dokumentiert.</em></p>
<p><em>Mir erlaubt zu haben, dies alles  ins Gedächtnis zu rufen,  bitte ich um Verständnis.</em></p>
<p><em>Mit  freundlichen Grüßen</em></p>
<p><em>Werner Kaltefleiter</em></p>
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<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt; text-align: center;" align="center"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Königin Silvia und das Dritte Reich</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Unter der Überschrift “Schweden schämt sich für Königin Silvia“ berichtete der „Wiesbadener Kurier“<span> </span>in seiner Ausgabe vom 21. Mai<span> </span>über Äußerungen der Monarchin zur NS-Vergangenheit ihres deutschen Vaters.<span> </span>Aus einem Interview im Rahmen einer Fernsehdokumentation mit einem Stockholmer Sender <span> </span>wird sie mit den Sätzen zitiert: „Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob. Und diese Freude darüber , dass das Vaterland wieder da war. Deshalb stützte mein Vater Deutschland und wurde Parteimitglied.“</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Der Hintergrund, den ein schwedischer Historiker im Jahr 2002 enthüllte , wie der dpa-Korrespondent Thomas Borchert aus Stockholm berichtet:<span> </span>Silvias Vater<span> </span>Walther Sommerlath (1901 – 1990), damals Geschäftsmann im brasilianischen Sao Paulo, sei 1934<span> </span>dort der Auslandsorganisation der NSDAP beigetreten.<span> </span></span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Schwedens derzeitige<span> </span>Königin,<span> </span>1943 in Heidelberg geboren, hatte 1976 den seit 1973 regierenden König Carl XVI. Gustav geheiratet.<span> </span>Als Hostess bei den Olympischen Sommerspielen von 1972 in München war sie dem damaligen Kronprinzen Carl Gustav<span> </span>zum ersten Mal begegnet. </span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Zu den Motiven ihres Vaters, der Partei der Nationalsozialisten beizutreten,<span> </span>wird sie mit dem Argument zitiert: „ Es war ja eine Maschinerie. Und ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“. </span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Die Äußerungen der „Drottning Silvia“, wie sie in Schweden offiziell angesprochen wird, haben Befremden und auch Empörung ausgelöst.<span> </span>Ihr wird vorgeworfen,<span> </span>mit dieser „seltsamen Einstellung zum Nationalsozialismus“<span> </span>diesen zu verharmlosen. Die Publizistin<span> </span>Olina Stig spricht dem Bericht der Zeitung<span> </span>zufolge von „aktivem Mitläufertum“ Sommerlaths, das die Tochter „ohne Einschränkungen“<span> </span>verteidige. </span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Zwar wird in der öffentlichen Debatte die Meinung vertreten, Silvia könne ebenso wenig für das Verhalten ihres Vaters<span> </span>verantwortlich gemacht werden, wie ihr Ehemann<span> </span>für die<span> </span>„bekannten Nazi-Sympathien“ seines Vaters, des Erbprinzen Gustav Adolf.<span> </span>Doch dürfe man von ihr, nicht zuletzt in ihrer Vorbildfunktion als Gattin des Regenten, einen anderen Umgang mit diesem Thema erwarten.<span> </span>Die Diskussion hat inzwischen auch die deutschen<span> </span>Medien erreicht.<span> </span>Nach dem mir der Vorgang bekannt wurde hielt ich es für angebracht, Schwedens Königin Silvia den folgenden Brief zu schreiben:</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;" lang="EN-US">Her Majesty</span></span><span lang="EN-US"> </span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;" lang="EN-US">Drottning Silvia<span> </span></span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;" lang="EN-US"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;" lang="EN-US">Kungliga Slottet</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;" lang="EN-US"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Stockholm. Sverige</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Eure Majestät,</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">im “Wiesbadener Kurier”, meiner Lokalzeitung, in der<span> </span>Ausgabe vom 21. Mai, erschien ein Artikel mit der<span> </span>Schlagzeile „Schweden schämt sich für Königin Silvia“. Ich gehe davon aus, daß Ihnen bekannt ist, um welche Angelegenheit es sich handelt.</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Zwei Tage zuvor, am 19. Mai, veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“<span> </span>einen Bericht über eine Nelly Sachs gewidmete Ausstellung in Berlin.<span> </span>Dem Beitrag war ein Foto hinzugefügt, das König Gustav VI. Adolf<span> </span>zeigt,<span> </span>wie er sich bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur<span> </span>1966<span> </span>an Nelly Sachs vor der Dichterin verneigt.</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Eines der bekanntesten Gedichte der Lyrikerin,<span> </span>„die durch Auschwitz zur Dichterin“ wurde (FAZ), beginnt<span> </span>mit den Sätzen: O die Schornsteine / auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes/ Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch/ Durch die Luft“…</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Dem Jahrgang 1938 angehörend stelle ich mir wie Sie die Frage, ob mein Vater aus Freude darüber, dass<span> </span>Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob, Parteimitglied wurde um Deutschland zu stützen.<span> </span>Hat er sich dem Widerspruch verweigert? Denn : &#8220;ging man gegen den Strom, war man gegen die gesamte Maschinerie“. Für einige meiner Formulierungen bediene ich mich der Zitate aus besagtem<span> </span>Korrespondenten-Bericht aus Stockholm. </span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Meine Bemühungen um klare Antworten waren und sind immer von der Sorge begleitet nicht in Verdacht zu geraten, die Zeit des Nationalsozialismus, vor dem Hintergrund der Shoá, zu relativieren, sondern vielmehr die &#8220;gesamte Maschinerie&#8221; vor Augen zu haben. </span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Als Deutsche der Nachkriegsgeneration,<span> </span>zu denen ich auch Sie Ihrer Geburt nach zähle,<span> </span>tragen wir keine<span> </span>Verantwortung für das Geschehene,<span> </span>wohl aber eine den Opfern des Holocaust<span> </span>geschuldete<span> </span>Erinnerung,  verbunden mit der Mahnung<span> </span>gegenüber gegenwärtigen und<span> </span>künftigen Generationen.</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Wie dringlich dieser Auftrag gerade auch in der Gegenwart ist, zeigt sich an der traurigen Tatsache, dass vor wenigen Tagen ein Brandanschlag auf die Synagoge in Worms verübt wurde – also an einem Ort, der wie wenige andere in Deutschland die Jahrhunderte lange Geschichte des Judentums am Rhein dokumentiert.<span> </span></span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Mir erlaubt zu haben, dies alles<span> </span>ins Gedächtnis zu rufen,<span> </span>bitte ich um Verständnis.</span></span><span style="font-family: Calibri;"><span style="font-family: &quot;Calibri&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Mit<span> </span>freundlichen Grüßen</span></span><span style="font-family: Calibri;"> </span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;"> </span></span></p>
<p class="section1" style="margin: 0cm 0cm 0.0001pt;"><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><span style="font-size: 12pt;">Werner Kaltefleiter</span></span><em><span style="font-family: Calibri;"> </span></em></p>
</div>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/3bf473de07d24d719d5f6835728a03b0" alt="" width="1" height="1" /></p>
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		<title>Reicher Papst – Armer Papst</title>
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		<pubDate>Sat, 22 May 2010 16:06:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Gianluigi Nuzzi: Vatikan AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche.  Deutsche Ausgabe. Ecowin-Verlag, Salzburg.  2010.
Wieviel Geld hat der Papst in seinem Portemonnaie? Antwort:  Keines, denn er trägt keine Geldbörse mit sich herum. Rechnungen, wenn überhaupt, begleichen andere.  Privatsekretär Stanislaw Dziwisz,  seinem Herrn Johannes Paul II stets wie ein Schatten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gianluigi Nuzzi: Vatikan AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche.  Deutsche Ausgabe. Ecowin-Verlag, Salzburg.  2010.</p>
<p>Wieviel Geld hat der Papst in seinem Portemonnaie? Antwort:  Keines, denn er trägt keine Geldbörse mit sich herum. Rechnungen, wenn überhaupt, begleichen andere.  Privatsekretär Stanislaw Dziwisz,  seinem Herrn Johannes Paul II stets wie ein Schatten folgend,  pflegte auf Auslandsreisen gelegentlich eine kleine  Aktentasche mit sich zu führen,  aus der schon mal ein Geldschein in die Hand eines bedürftigen Menschen wechselte.</p>
<p>Wieviel aber hat der Papst auf seinen Konten? Millionen, Milliarden?  Erste Antwort:  Bekannt sind einige vatikanische Geldinstitute und Administrationen,  die mit Geld umgehen:   Die Vermögens-verwaltung des Heiligen Stuhls (Amministratione del Patrimonio della Sede Apostolica  APSA ); die Präfektur für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, eine Art  „Zentralbank“ des Vatikans;  die Kongregation für die Evangelisierung der Völker;  dann das von allerlei Gerüchten und Finanz- Skandalen aus der Vergangenheit umrankte „Institut für die Werke der Religion (Istituto per le Opere di Religione IOR), kurz die „Vatikanbank“.  Und schließlich:  Verfügt der Papst nicht über eine geheime Privat-Schatulle,  deren Inhalt und Verwendungszweck in ganz allein  angehen?<span id="more-161"></span></p>
<p>Und wenn der Pontifex  „knapp bei Kasse“ sein sollte?  Na, hören Sie mal, verfügt der Vatikan icht über riesige Kunstschätze, verteilt auf unzählige Museen und Kabinette?  Ließe sich in Zeiten der Not nicht schnell mal ein  Braque, Dalí, Marini oder Picasso auf den Kunstmarkt  werfen?  Antwort: Unverkäuflich.  Der jeweilige  Papst hätte vermutlich nicht einmal das Recht dazu.</p>
<p>Soviel zu dem, was die Leute gemeinhin sagen, wenn es um die Frage geht:  Wie reich, oder umgekehrt, wie arm ist der Papst?  Es wird wohl immer eines der letzten Geheimnisse des Vatikans bleiben.</p>
<p>Schwerlich widersprechen kann man allerdings  dem,  was der us-amerikanische Priester und Vatikankenner Thomas J. Reese zur „weltlichen“ Seite der Kirche bemerkte:  „ Ohne Geld wäre das päpstliche Amt nicht zu bewerkstelligen“. 1 Als Petrus die Tempelsteuer nicht zahlen konnte, half Jesus mit einem Wunder nach, berichtet zwar der Evangelist Matthäus im 17. Kapitel, Vers 27;  die Buchhalter des Papstes  kalkulieren allerdings nach anderen Rechenformeln, wohlwissend:  Wunder dauern manchmal etwas länger.</p>
<p>Bei ernsthafter Betrachtung der  Materie wird man  weniger  Gewicht auf  die Personal- und Sachkosten der römischen Kurie legen oder  auf die Spielereien mancher Päpste und  Höflinge vergangener Zeiten zurückgreifen, sondern vielmehr  die Verpflichtungen einer Weltkirche beachte müssen,  insbesondere jenen Ortskirchen gegenüber, die nicht mit speziellen Einnahmen rechnen können, wie etwa die Kirchensteuern in Deutschland.</p>
<p>Aber darum geht es  Gianluigi Nuzzi nicht.  Sein Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, zielt  mit seinem Titel  „Vatikan AG“  ( ziemlich genau der italienischen Orginalausgabe „Vaticano S.p.A.“ entsprechend) auf die Rückseite der päpstlichen Medaille und insinuiert die Vorstellung von einem global operierenden Unternehmen mit finanziellen Transaktionen, die nicht immer dem heiligmäßigen Ruf der Kirche gerecht geworden sind.  Dabei ist er nicht er erste „investigative Journalist“ (Verlagsangabe),   den vor allem eine Erfahrung  bei diesem Thema reizen musste:  Die Verschwiegenheit  von Männern  hinter den hohen Mauern des Vatikans, die selbst die sprichwörtliche Diskretion der „Gnome von Zürich“ übertrifft.   Übereinstimmung mit den Vorkommnissen auf dem internationalen Finanzsektor in den vergangenen Wochen und Monaten wären selbstverständlich rein zufällig.   Andererseits: „Ad maioram Dei gloriam“ lief  nicht, wenn man für bare Münze nimmt,  was Nuzzi  aus den Tresorräumen des Vatikans  zutage gefördert hat.  Dabei beruft sich der Journalist auf vertrauliche  Dokumente,  die von einem gewissen Renato Dardozzi (1922-2003) insgeheim gesammelt und nach  außerhalb des Vatikans verbracht wurden: rund 4000  Materialien, von Dardozzi , als  „Privatarchiv“  angelegt und in einem entlegenen Tessiner Bauernhaus versteckt.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="size-medium wp-image-164  aligncenter" title="vatikanag" src="http://blog.kath.de/kaltefleiter/wp-content/uploads/2010/05/vatikanag-214x300.jpg" alt="vatikanag" width="185" height="260" /></p>
<p>Wie keiner anderer soll der genannte  Priester Einblicke in die Geschäftsmethoden der vatikanischen Hochfinanz gewonnen haben.  Dazu trug weniger sein Amt als Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften bei,  als seine Beratertätigkeit  für das Staatsekretariat des Heiligen Stuhls unter den Kardinälen Agostino Casaroli und Angelo  Sodano.  Zu seinen delikatesten Aufgaben zählte die Untersuchung der skandalösen  Hintergründe, die zum Zusammenbruch des Banco Ambrosiano geführt haben, einem Mailänder Geldinstitut, das enge Geschäftsbeziehungen mit der Vatikanbank  unterhielt.  Dozzi habe in seinem Testament  bestimmt,  dass die Unterlagen nach seinem Tod  veröffentlicht werden,  was zur Folge hatte,  dass der Nachlassverwalter  dem bekannten Journalisten Einsicht in die brisanten Dokumente gewährte.</p>
<p>Folgen wir Gianluigi Nuzzi  an den Loggien und den  mit Brokat und Gold drapierten, mit  wertvoller Kunst und manchem religiösen Kitsch dekorierten Sälen vorbei zu den  diskreten Schreibtischen in der Beletage des Apostolischen Palastes.   In der Phantasie  des Lesers  nehmen Figuren, die das Laster der Sucht nach Macht und Geld in alter und neuer Zeit verkörpern, Gestalt an:   „skrupellose Prälaten“,  intrigante  „Porporati“  des Kardinalats,  auch mancher Pontifex,  der sich dem Hedonismus hingab, insbesondere in der Zeit, als  Simonie und Nepotismus zu den Gepflogenheiten der jeweiligen Amtsinhaber zählten.2   Sancta Ecclesia &#8211; sie war wohl immer schon eine Kirche der „Heiligen und Sünder“, wie Kardinal Lehmann mit einem Gestus der Barmherzigkeit die temporären Bewohner  im Hause  Gottes einmal beschrieb.</p>
<p>Nuzzis Buch wird von den Vorgängen in den  70er und 80er Jahren  des letzten Jahrhunderts bestimmt,  die Pontifikate von Paul VI.,  die 33 Tage von Johannes Paul I.  (im Zusammenhang mit seinem von düsteren Mordtheorien umhüllten Tod)3  und die des „polnischen“ Papstes Johannes Paul II.  betreffend, wobei nicht die Päpste selbst als die eigentlichen Akteure fragwürdiger Geldgeschäfte in Erscheinung treten.</p>
<p>Im Zentrum des Nuzzi-Reports steht die sogenannten „Vatikan-Bank“, offiziell:  das Institut für die Werke der Religion (Istituto per le Opere Religione IOR)  und dessen langjähriger  Präsident.  Als die Päpste (Paul VI. und Johannes Paul II) begannen die  Welt zu bereisen machte er sich auch als „Bodyguard“ des Heiligen Vaters  einen Namen: der us-amerikanische Prälat Paul Casimir Macinkus,  Sohn litauischer Einwanderer.</p>
<p>Von Marcinkus wird das durch ihn selbst fragwürdig gewordene Bonmot überliefert,   mit „Ave Marias“  allein sei die Kirche nicht zu führen.  Auch hätten sich die früheren Schatzmeister des Papstes an den römischen Volksmund halten können, wonach – „Pecunia non olet“ -  es nicht immer darauf ankommt, woher das Geld stammte,  mit dem sich die Kirchenkasse auffüllen ließ, gebunkert in Depots, die man  gemeinhin als „Schwarze Konten“ zu bezeichnen pflegt, weil sie in keiner  veröffentlichten Bilanz erscheinen.</p>
<p>Sprechen wir also nicht über das „normale“ Besitztum des päpstlichen Hofes,  vom Patrimonium Petri aus der Zeit des Kirchenstaates,  nicht  über die Sammelleidenschaft  kunstsinniger Päpste. Es geht nicht um das  „Scherflein“ des frommen Mütterchens oder um die  großherzige Spende eines generösen Mäzens,  nicht um Stipendien und Dotationen für wohltätige Zwecke der Kirche.  Auch die großzügige  Kostenübernahme bei der Renovierung der Außenfassade des Petersdomes durch die us-amerikanischen Kolumbus-Ritter oder  die Beteiligung eines japanischen Fernsehkonzerns bei der Restauration der Michelangelo-Gemälde in der Sixtinischen Kapelle.   Sonderkollekten, wie der „Peterspfennig“   -  „Peanuts“ im Vergleich,  zu dem, was gewisse Finanzjongleure  in und um den Vatikan bewegten, wie sich nach Nuzzis  Akteneinsicht herausstellt.</p>
<p>Was hatten die Päpste an  „zeitlichem“ Besitz mit dem Verlust des  Kirchenstaates eingebüßt? 4 Mussolini, in schlauer Absicht, gewährte  im Rahmen der Lateranverträge von 1929 einen gewissen Ausgleich, immerhin geschätzte 90 Millionen Dollar, verbunden mit der Wiederherstellung der politischen Souveränität des Papstes, auf eigenem, exterritorialen Hoheitsgebiet, der Stadt des Vatikanstaates und mit einem völkerrechtlichen Instrument ausgestattet, dem „Heiligen Stuhl“. Eigene Münzen, eigene Briefmarken,  eigene Medien (Radio, Fernsehen, Zeitung, Bücher, inklusive Druckerei und Verlag), eigener Supermarkt, eigene Apotheke,  eigener Fuhrpark mit eigener  Tankstelle, ab und wann auch die eigene Eisenbahn mit eigenem Bahnhof  &#8211; (nur die Hubschrauber und die Flugzeuge  sind nicht „eigen“, tragen aber das päpstliche Wappen, wenn der Pontifex in die Lüfte geht.  Wir befinden uns  nach wie vor auf der legalen Seite der „zeitlichen“  Substanz der Kurie,<br />
die eigene Feuerwehr und  die eigene „Streitmacht“ – die bunten Schweizergardisten und die diskreteren Gendarmerie  inklusive – in allem steckt natürlich auch Geld.</p>
<p>Eine Auflistung der finanziellen Beteiligung des Vatikans auf dem internationalen Finanzmarkt, zumal die Investmentgeschäfte der  Ortskirchen hinzugerechnet, würde diesen  Beitrag sprengen.  Es genügt der Hinweis auf die in der Vergangenheit immer wieder geäußerten und von den Medien aufgegriffenen Vermutungen  über  gewisse Geldschäfte, die den christlichen ethischen Normen nicht entsprachen.  Es sei ein Unterschied, ob der Vatikan  durch Aktienbesitz an der Automobilherstellung verdiene oder durch Anteile  an einem Rüstungsunternehmen.  Der Papst widerspreche sich selbst, wenn er in die Pharmaindustrie investiere, gleichzeitig aber auch die Antibabypille finanziere.  Wurden solche  „anrüchigen“ Einlagen bekannt, folgte bald die Reaktion,  sie  seien zurückgezogen worden.  Wie nicht anders zu erwarten:  ein Rest von Misstrauen hat sich festgesetzt, wie  Schwamm an altem Gemäuer.</p>
<p>Nun sollten Börsengeschäfte zum Beispiel nicht a priori mit dem Makel der Sündhaftigkeit behaftet sein und auch dem Ministerium der Kirche zugestanden werden,  zumal wenn das eingesetzte Kapital  dem bonum communis  im weitesten Sinn zugute kommt.</p>
<p>Anders freilich verlief in den 80er Jahren ein Schwindel größten Ausmaßes, was sowohl den Kreis der beteiligten Personen anlangt wie den Umfang der Summe, die ins Spiel kam und am Ende auch die Vermögensverhältnisse der Vatikan-Bank überforderten. Im Mittelpunkt des Skandals stand der Zusammenbruch der ehemaligen Mailänder Bank  „Banco Ambrosiano“.  Die engen und offenbar zunächst für beide Seiten durchaus profitablen Beziehungen, die Banco-Chef Roberto Calvi mit Paul Marcinkus von der Vatikanbank unterhielten, trugen Calvi immerhin den Spitznamen „Bankier Gottes“ ein.  Doch  andere Kräfte hatten ihre Hand in Calvis Spiel, der sich schließlich in sein eigenes Netzwerk von „Geisterbanken“ verfing,  dem  „Waschanlagen“ für Drogengelder und  aus anderen Mafia-Quellen zum Verhängnis wurden.  Sein mysteriöses Ende fand der Finanzjongleur unter der Brücke der Dominikaner (Black Friars Bridge) in London, mit einem Strick um den Hals und beschwert mit Steinen in den Hosentaschen.5   Selbstmord oder  Tod nach Art der Mafia – die Frage bleibt offen.</p>
<p>Marcinkus hatte seinem Geschäftsfreund  Calvi Patronatsbriefe ausgestellt, als diesem das Wasser bis zum Hals stand.  Nach dem Tod Calvis,  war die Vatikanbank von den Gläubigerbanken gefragt.  Das Ende vom Lied:  der Vatikan erklärte sich bereit, für eine beträchtliche Schadenssumme einzutreten, nicht durch Schuldanerkennung, sondern aus „moralischen Gründen“.  Die Summe von rund einer Viertel Milliarde Dollar zwang das Bankhaus des Papstes in die Knie.</p>
<p>Wer hätte nicht gern mit dem Heiligen Vater Geschäfte gemacht, unter dessen Obhut seine Guthaben gespeichert?   Aber es lauerten auch die Wölfe,  die sichere Beute unter  arglosen Hirten witterten.  War Paul Marcinkus  so ahnungslos wie er tat?  Bis zum  Eintritt in die Vatikanbank habe er mit Geld nur zu Hause in Cicero zu tun gehabt,  mit der „Sunday-Morning-Collection-Plate“ – will heißen, mit der Kollekte im Klingelbeutel während der Sonntagsmesse,  anschließend in der Sakristei  ins Kassenbuch der Pfarrei  eingetragen.</p>
<p>Nun aber, als Herr über die Konten im mittelalterlichen Nikolausturm, dem Sitz der Vatikanbank, ging es nicht mehr um Münzen, sondern um  Scheine.  Neue Herausforderungen erwarteten den Banker des Papstes in der Zeit des Kirchenkampfes im kommunistischen Osten, zugespitzt während der zunehmenden Krise des Moskauer Imperiums und  durch die polnischen Unruhen, ausgelöst durch die Proteste der Arbeiter,  die sich vor allem in der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ verbündeten.  In Südamerika  expandierte der Latino-Marxismus, begleitet von den entschiedenen Forderungen einer revolutionären innerkirchlichen Strömung, der Theologie der Befreiung.</p>
<p>Über die Cisalpina, einer Holding des Banco Ambrosiano auf den Bahamas mit Beteiligung der Vatikanbank und Marcinkus als Vizepräsident  soll dieser  Möglichkeit gesehen haben,  rechtskonservative Medien in Lateinamerika  zu finanzieren.  Der  polnischen „Solidarität“ Lech Walesas  flossen nicht unerhebliche Mittel über diverse Kanäle zu, angeblich gespeist vom IOR,  dem erzkatholischen Opus Dei, dem us-amerikanischen Gewerkschaftsbund und,  wen würde es erstaunen, es sollen auch westliche Geheimdienste im Spiel gewesen sein.</p>
<p>Ein Coup in den 70er Jahren, von nicht geringerer Dimension, scheiterte zwar in der angedachten Größenordnung in dreistelliger Millionenhöhe, brachte jedoch das moralische Ansehen einiger Kurienmitarbeiter  erheblich ins Zwielicht.  Amerikanische und italienische Kreise der Mafia, so ergaben die Ermittlungen,  hatten mit Hilfe gerissener Finanzjongleure versucht,  dem Vatikan gefälschte Wertpapiere auf den Namen potenter us-amerikanischer Unternehmen anzudrehen, nachdem ein „kardinales“ Interesse an sicheren Papieren signalisiert worden war.  Eine Schlüsselrolle  soll dabei der  bereits genannte Michele  Sindona  gespielt haben.  In Finanzkreisen galt der Anwalt und Bankier mit sizilianischen Wurzeln, als „Banker der Mafia“, am Ende  jedoch als „größter Bankrotteur der italienischen Nachkriegsgeschichte“  (Die Zeit, Online-Dienst).</p>
<p>Enge Beziehungen führten Sindona  mit  Licio Gelli, dem Großmeister der Geheimloge „Propaganda Due (P2) sowie zu Roberto Calvi und dessen Banco Ambrosiano zusammen.  Verantwortlich gemacht wurde Sindona für die Insolvenz seiner eigenen italienischen Privatbank und der us-amerikanischen  Franklin National Bank in New York City.  Licht in das Dunkel dieses gegen den Vatikan gerichteten Plots brachten die  Ermittlungen eines  Spezialfahnders der Polizei von New York City.   Joseph J. Coffey, Jr., Commanding Officer of the Organized Crime Homicide Task Force – also der Sonder-Mordkommission in der Abteilung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, hatte eigentlich den Auftrag, Mafia-Geschäfte im Drogen- und Prostituierten-Milieu aufzuklären. Dabei stieß er auf die kriminellen Machenschaften von Geldfälschern und Geldwäschern, deren Spuren auf Umwegen und direkt in den Vatikan führten,   zunächst mal  zum Entsetzen des aus frommer katholischer irischer Einwanderfamilie stammenden „Cops“.</p>
<p>Die haarsträubenden  Details seiner Ermittlungsergebnisse  hat Coffey  dem Buchautor Richard Hammer enthüllt. 6  Hammer beschrieb daraufhin ein  gespenstisches Szenarium, das belebt wird von   „Racketeers,  Forgers, Dons, Hitmen, Finanziers, Dop  Smuglers“  – und aus dem Vorhang der Bühne treten kirchliche Purpurträger heraus.  Mit dabei auch Paul Marcinkus,  dessen Geburtsort gewisse Medien nicht ohne Süffisanz in diesem Zusammenhang erwähnen:  Cicero, ein Vorort von Chikago, war auch Heimatort von Al Capone.</p>
<p>Auch bei Nuzzi fehlen nicht solche einem Schreckenskabinett entnommene Figuren: Finanztrickser, die Geldfälscher,  Geldwäscher und  Schmiergeldzahler,  „skrupellosen  Prälaten“ und eigenmächtige Karrieristen unter  den  Kardinälen.<br />
Wie konnte dies alles geschehen, sozusagen unter den Augen der Päpste?   Waren sie in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher?  Die Antwort prallt ab an den Mauern des Schweigens. Die beteiligten Herrschaften innerhalb und außerhalb  der vatikanischen Pforten sahen sich in einer eigenen Omertá  gebunden, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.  Ein weiteres Beispie, nebenRoberto Calvi, liefert der Tod Michele Sindonas.  Schuldig befunden,  den Mord an einem Widersacher in Auftrag gegeben zu haben,  wurde er in Italien zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt.  In einemHochsicherheitsgefängnis inhaftiert bestellte er sich eines Morgens eine Tasse Kaffee.  Wahrscheinlich hat er nicht einmal mehr  verspürt, dass dieser mit Zyankali „gesüßt“ war.<br />
Ob Sindona  vergiftet wurde oder freiwillig  aus dem Leben schied, ist ungeklärt.</p>
<p>Noch ist Gianluigi Nuzzi mit der „Vatikan AG“ nicht fertig.  Am Ende seines Buches beschäftigt er sich mit einer der „klassischen“ innenpolitischen Intrigen, wiederum verwoben mit undurchsichtigen Geldschiebereien und Aktivitäten unter dem Generalnenner „Mafia“.  Auch  Ex-Multi-Minister-präsident Giulio Andreotti, eine Ikone der italienischen Nachkriegspolitik,  wird vom Autor nicht geschont.</p>
<p>Zum Hintergrund:  Anfang der  90er Jahre brach dem Apostolischen Palast  der treueste politische Partner in Italien weg, die katholische Nationalpartei, die Democrazia Christiana.  Den Ausschlag  hatten  letztlich von der Mailänder Staatsanwaltschaft  unter dem Stichwort „Mani pulite – Saubere Hände“  geführte Ermittlungen  gegen unter Korruptionsverdacht stehende Parteimitglieder  gegeben.   Hinter den Kulissen liefen Gegenmaßnahmen an:   Eine „große Partei der Mitte“  sollte gebildet werden, um die Bresche  in der zersplitterten konservativen Front zu füllen und die alten Machtverhältnisse gegenüber Mitte-Links-Bündnissen,  womöglich neuen  „historischen Kompromissen“ mit den Kommunisten wieder herzustellen.  Keine Frage:  Für den Vatikan von größtem Interesse und entsprechend wohlwollend unterstütz.  Nuzzi  stößt  bei seinen Recherchen  auf „politische Intrigen und Finanztricks, auf Girokonten von Politikern und Mafiosi“ und stützt sich auf „bisher unveröffentlichte Aussagen“.  Ein sehr italienisches Buch über „italienische Verhältnisse“.</p>
<p>Irgendwann muss Schluss sein! Papst Johannes Paul II. , obschon in seinem „Kampf um Polen“ in den 80er Jahren  auf mehr als moralische und diplomatische Unterstützung angewiesen,  wollte auch in den Finanzangelegenheiten des Vatikans klare Verhältnisse schaffen, seinem Versprechen bei Amtsantritt folgend,  die Kurie in ein „Haus aus Glas“ zu verändern.  Nach dem Skandal um die Vatikanbank und die undurchsichtigen Finanzen,  rief er international renommierte Berater zu sich, unter anderem den Patriarchen der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs,  dieser aus „streng katholischer“  rheinischere Familie stammend, Grabesritter und Träger des Großkreuzes des päpstlichen Gregorius-Ordens.  Seine mit Fragezeichen versehene Rolle in Hitler-Deutschland hatte für den Papst in der anliegenden Sache kein Gewicht.</p>
<p>Deutsches Fachwissen bleibt weiter gefragt.  Auch  Papst  Benedikt XVI.  setzt auf einen  im Vatikan „immer gern gesehenen Berater“, wie Radio Vatikan im November 2006  anlässlich des 75. Geburtstages von Hans Tietmeyer meldete.  Dem  ehemaligen Präsidenten der Deutschen Bundesbank, gebürtig aus dem „Schwarzen Münsterland“ stammend,  fehlt es nicht an dem gebotenen Vertrauensverhältnis zur Kirche.</p>
<p>Schließlich und endlich weist Gianluigi Nuzzi in einem Vorwort für deutsche Ausgabe auf das neue Währungsabkommen des Heiligen Stuhls mit der Europäischen Union, das am 1. Januar 2010 in Kraft getreten ist und die Währungsvereinbarung zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat aus dem Jahr 2000  ergänzt.  Dabei geht es aus kirchlicher Sicht wohl nicht allein darum, dass dem Staat der Vatikanstadt nunmehr erlaubt ist,   2,3 Millionen statt bisher 1,1 Millionen Münzen mit dem Porträt des Papstes prägen zu lassen,  verbunden mit der Verpflichtung,  51 Prozent der Ausgabe  in den regulären Umlauf zu bringen (damit demnächst  vielleicht nicht mehr allein  Sammler an die begehrten Geldstücke kommen.   Wenngleich nicht Mitglied der Europäischen Union, jedoch durch besondere Beziehungen mit Brüssel verbunden,  legt „der Vatikan“  nach den  Skandalen ein  Bemühen an den Tag,  nicht mit  jenen Offshore-Finanzplätzen verwechselt  zu werden, deren Geschäftspraktiken sich weniger an der Kontrolle seitens dritter Instanzen orientieren, als an Methoden, die sich eben dieser Aufsicht und der Steuergesetzgebung der Herkunftsländer ihrer Depot-Inhaber entziehen.</p>
<p>Nuzzi  scheint zuversichtlich, Interventionen aus dem Apostolischen Palast  nicht zu befürchten sein, wenn er  den amtierenden Papst selbst zitiert.  In seiner Sozialenzyklika   „Caritas in Veritate“ vom 29. Juni 2009,  spricht Benedikt XVI. von der  „Liebe in der Wahrheit“, die  auch für die Wirtschaftsethik gilt:  „Viel hängt nämlich vom moralischen Bezugssystem ab.  Zu diesem Thema hat die Soziallehre der Kirche einen besonderen Beitrag zu leisten, der sich auf die Erschaffung des Menschen »als Abbild Gottes« (Gen 1, 27) gründet, eine Tatsache, von der sich die unverletzliche Würde der menschlichen Person ebenso herleitet wie der transzendente Wert der natürlichen moralischen Normen.  Eine Wirtschaftsethik, die von diesen beiden Säulen absähe, würde unvermeidlich Gefahr laufen, ihre moralische Qualität zu verlieren und sich instrumentalisieren zu lassen; genauer gesagt, sie würde riskieren, zu einer Funktion für die bestehenden Wirtschafts- und Finanzsysteme zu werden, statt zum Korrektiv ihrer Missstände.“</p>
<p>Bleibt abzuwarten, zu welchen Korrekturen der  „saubere  chirurgische Schnitt“ führt, wie Nuzzi die neue Finanzpolitik im Päpstlichen Haus beschreibt.  Offene Bilanzen, die ein Mindestmaß an Vertrauen in Bankgeschäfte ermöglichen,  sind das eine.   Aber die Kirche besteht nicht nur aus Kassenbüchern und Wechselstuben.  In Sachen Offenheit statt Geheimniskrämerei und Vertuschung gibt es noch vieles und anderes zu tun,  wie die Enthüllungen auf  einem anderen,  noch schmutzigerem Gebiet als  Geldschummeleien  in den letzten Monaten  drastisch  vor Augen geführt haben.</p>
<p><em>Quellen:</em></p>
<p><em>1.        Thomas J. Reese: Im Innern des Vatikans. Frankfurt am Main 1998<br />
2.        Hanspeter Oschwald: Vatikan. Die Firma Gottes. München 1998;<br />
Heiner Boberski, Josef Bruckmann, Andreas Pfeifer: Geheimnis<br />
Vatikan. Salzburg 2006<br />
3.        David A. Yallup: Im Namen Gottes. Der mysteriöse Tod des 33-Tage Papstes Johannes Paul I. &#8211; Tatsachen und Hintergründe.<br />
München 1984<br />
4.        Benny Lai:  Finanze e Finanzieri Vaticani fra L´800 e il 900. Da Pio IX. a Benedetto XV. Milano 1979<br />
5.        Heribert Blondiau/Udo Gümpel: Der Vatikan heiligt die Mittel. Mord am Bankier Gottes. Düsseldorf 1999<br />
6.        Richard Hammer: The Vatican Connection. The astonishing account of a Billion-Dollar-Counterfeit Stock Deal between the<br />
Mafia and the Church. New York, N.Y. 1982</em><br />
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		<title>Roma locuta, causa finita?</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Mar 2010 16:34:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Trifft die inzwischen aus den Fugen geratene Diskussion um sexuelle Übergriffe in kirchlichen Erziehungseinrichtungen – die aktuellen Fälle treffen die katholische Seite – den Kern des  Problems? Wohl eher nicht.  Zu sehr sind Opfer, Beschuldigte und die Öffentlichkeit mit den naheliegenden  Fragen beschäftigt. Warum das Vertuschen, das lange Verschweigen.  Geht kirchliche Autonomie,  also auch der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Trifft die inzwischen aus den Fugen geratene Diskussion um sexuelle Übergriffe in kirchlichen Erziehungseinrichtungen – die aktuellen Fälle treffen die katholische Seite – den Kern des  Problems? Wohl eher nicht.  Zu sehr sind Opfer, Beschuldigte und die Öffentlichkeit mit den naheliegenden  Fragen beschäftigt. Warum das Vertuschen, das lange Verschweigen.  Geht kirchliche Autonomie,  also auch der Anspruch,  Personalangelegenheiten intern zu regeln, vor  zivilrechtlicher Strafjustiz? Siehe die erzürnte Reaktion des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper auf die Anmahnung der deutschen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.</p>
<p>Jeder, der über einige Lebenserfahrung verfügt , kann und darf sich eine Meinung bilden.  Zu vermuten ist,  das pädophil veranlagte Männer – von Frauen hört man in dieser Hinsicht weniger – solche Bereiche  bevorzugen, wo sie die  „Gelegenheiten“  zu finden hoffen – ja, aktiv suchen: also  den Sport, die Schule,  Heime, Jugendgruppen  und eben auch die Kirche, um die gängigen „Zielobjekte“ dieser abartigen sexuellen  Bedürfnisse zu benennen.  Dies alles ist inzwischen ausschweifend besprochen, gleichwohl ist der Diskussionsbedarf zum Thema „Sexualität und Kirche“ nicht erledigt.</p>
<p>Kinder werden sexuell verführt, unter Ausnutzung von beidem:  sexueller Neugierde vielleicht in diesem und  jenem Fall;  Autorität des Täters -  wenn der Religionslehrer im Priestergewand sozusagen den „gute Onkel“  gibt oder den verständnisvollen Freund, dann kann es ja so schlimm nicht sein – wenn , Druck ausgeübt wird,  Ausnutzung von Abhängigkeit, Androhung von Konsequenzen, zur seelischen die körperliche Vergewaltigung</p>
<p>kommt – soll man das weiter ausführen?  Inzwischen kommt  immer häufiger eine weitere Dimension dieser Gewalt ins Blickfeld der Öffentlichkeit:   Erzieher, auch priesterliche, „züchtigen körperlich“, vulgo: es setzt Ohrfeigen, mit dem Lineal auf die flache Hand, mit dem „Stöckchen“ oder dem Lederriemen auf den „Po“.  Müssen diese beiden Erscheinungsformen von Gewalt gegenüber Kindern und Jugendliche auseinander gehalten werden oder haben sie miteinander zu tun?</p>
<p>Wieso ist die Diskussion aus den Fugen geraten?  Hören wir mal, wie  zwei geistliche Herren auf diesbezügliche  Fragen antworten:  Der eine, Bruder des derzeitigen Papstes und  ehemaliger Chorleiter der „Regensburger Spatzen“ räumt ein, selbst geohrfeigt zu haben. Wenn  man ihn richtig versteht dann nur  gegenüber besonders widerspenstigen Schülern und weil dies zu seiner Zeit übliche Schulpraxis war, sagt er sinngemäß und fügt hinzu, er sein „innerlich  erleichtert“  gewesen, als ab den  80er Jahren  staatlicherseits die körperliche Züchtigung verboten worden sei.</p>
<p>Eine bemerkenswerte Äußerung zum Verhältnis von Seelsorge und Pädagogik.  Die gesalbte Hand des Priesters, die  in das Gesicht eines jungen Menschen schlägt.  Nein, nicht das geistliche Gebot der Menschenfreundlichkeit, sondern  das säkulare Verbot, Menschen, zumal diese jungen, so leicht verletzlichen, auf diese Weise zu entwürdigen -  erst das</p>
<p>„Nein“ der staatlichen Obrigkeit verschaffte Chorleiter Ratzinger  „innere Erleichterung.“    Gott schuf den Menschen  nach seinem Bild und Gleichnis – muss man theologischer Experte sein,  um die Konsequenz dieses Glaubenssatzes zu  begreifen?</p>
<p>Ein anderer, der katholische  Stadtdekan von Wiesbaden, Johannes zu Eltz, übersteigt sprachlich alle Grenzen  maßvoller Kritik:  Aus  Enttäuschung aus der katholischen Kirche auszutreten, etwa zur evangelischen zu konvertieren,  vergleicht er mit einem „geistlichen Selbstmordanschlag“.  Ja, sind Hochwürden denn von allen guten Geistern verlassen?  „Mord“ steht   allgemein für einen Akt der Tötung aus niederen Beweggründen;  „ Selbstmordanschlag“  ist seit einiger Zeit konnotiert  mit den  Gewalttaten militanter Islamisten, die sich selbst töten,  um andere mit in den Tod zu reißen.  Solcher Sprachbilder gehen dann doch zu weit Herr zu Eltz, selbst dann, wenn Sie (natürlich) etwas anderes meinen. Haben Sie darüber nachgedacht,  wie  ihre Einschätzung eines Kirchenübertritts auf nicht-katholische Christen wirkt?</p>
<p>Der Vatikan nehme die Vorgänge ernst, lässt die Kurie in einer Art Dauerinformation verbreiten.  Vielleicht beginnt Sie zunächst einmal damit, die unqualifizierten Lautsprecher abzuschalten; vielleicht nimmt Bruder  Joseph (der Papst) seinen Bruder Georg einmal ins Gebet. Dieser will ja von den missbrauchten Domspatzen nichts gewusst haben. Ja, glaubt er denn, dass einer der Jungen zu ihm gekommen wäre &#8211; zu einem, der bekannt dafür war, dass er  Ohrfeigen verteilt?</p>
<p>Roma locuta, causa finita. Nicht mit der Erledigung der anhängenden Fälle.  Es geht um die grundsätzliche Frage der Sexualität im Vollzug des geweihten Lebens.  Wie gehen junge Männer, die sich auf den Priesterberuf vorbereiten, mit ihrer Körperlichkeit um.</p>
<p>„Sublimieren“, empfiehlt der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. Wie das geht hat er in der Talkshow, in der er  den fragenden Blicken  der übrigen Teilnehmer gegenüber saß, nicht näher erläutert.   Wie hoch ist der Anteil derjenigen im Klerus, die ein apokryphes Verhältnis zu einem weiblichen Wesen, sprich: zu einer Frau,  unterhalten? (Gelegentlich mit „Folgen“).  Das trifft knallhart den Zölibat.</p>
<p>Verschwiegen trifft auch den  Kreis der Homophilen.  Es sei dahingestellt, welches Motiv den Einzelnen in den Priesterstand drängt, so ehrenwert die geistliche Berufung, so ehrlich das  Eingestehen des menschlichen  „Andersseins“.  Der Zölibat spielt allenfalls  als katholische  Standesregel, als berufliche  Voraussetzung  eine Rolle.  Es wäre zu fragen, ob er vergleichs-weise nicht stärker, weil  unauffälliger und „gefahrloser“ unterlaufen wird, als durch „Heteros“ oder durch die „Irrläufer“ auf der widerwärtigen Ebene, die   aus allen Richtungen sexueller Orientierung kommen und wohl nie ganz verhindert werden können.  Hat jemand die Frage gestellt,  wie man mit ihnen umgeht, nach dem sie entdeckt, abgeurteilt und nach Strafverbüßung in die Gesellschaft entlassen werden? Wer  kümmert sich um ihre „Re-Sozialisierung“, um ihre „Heilung“.  Das Thema geht angesichts der Empörung über die Vorgänge und die  Schilderung der Skandale etwas unter.</p>
<p>Darüber muss in der Kirche gesprochen werden.  Verantwortlich gelebte Sexualität gehört zum Wertvollsten menschlicher Existenz.   Wer „ohne“ auskommt, bitteschön.  Dann aber auch wirklich „ohne“,   der mag  nach dem als von Jesus überliefertem Wort  leben:</p>
<p>„Wer es fassen kann, der fasse es“.  Wer es nicht fassen, kann – fehl am Platze?  Diese Crux trennt in der Gemeinschaft der Heiligen, wie der Lettner einst  das Volk und den Klerus,  die Bänke und  den Altar – trennt Lateiner von den Orthodoxen, jedenfalls im Priesterstand, von den Kirchen der Reformation ganz zu schweigen.  Immer mehr Menschen „kommen“ nicht mehr mit – nicht sie entfremden  sich der Kirche, sondern die Kirche sich ihnen,  statt auch in dieser Hinsicht  „semper reformanda“ zu sein.  Gelebte menschliche Erfahrung bildet auch ein Stück des Glaubensgutes, von dem die Kirche lebt.  Sich stärker darauf zu besinnen und die gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen, würde den Glaubens- und Vertrauenslust aufheben,  kirchliches Leben freundlicher machen,  Priester und  Laien auf gleicher Augenhöhe näher bringen – und nicht, wie nach römischer Art  und Absicht auf Distanz halten, als sei dies „gottgewollt“.</p>
<p>Und &#8211; die unsäglichen Missbrauchsfälle dürften erheblich eingeschränkt werden können, wenn verdrängte Sexalität sich nicht in „Fummeleien“ und Pentrationen  oder in Schlägen auf das Hinterteil von Kindern austoben müssen.   Ganz ausschalten wird man dies  wohl nie, wohl aber alles, was dieses schändliche Tun begünstigt.</p>
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		<title>Ora et labora</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Sep 2009 15:07:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein deutsches politisches Monatsmagazin bringt regelmäßig gegen Ende des Blattes eine kleine philologische Gedenkecke, wo unter Verzicht auf ausschweifende Expertenmeinung kurz und bündig  jedesmal  einige  „gefährdete  Wörter“,  aber auch  „untergegangene Wörter“  sowie   „neu entstandene Wörter“ aufgelistet werden.  Eine kurze Nachdenklichkeit über diese Mitteilungen führte mich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein deutsches politisches Monatsmagazin bringt regelmäßig gegen Ende des Blattes eine kleine philologische Gedenkecke, wo unter Verzicht auf ausschweifende Expertenmeinung kurz und bündig  jedesmal  einige  „gefährdete  Wörter“,  aber auch  „untergegangene Wörter“  sowie   „neu entstandene Wörter“ aufgelistet werden.  Eine kurze Nachdenklichkeit über diese Mitteilungen führte mich zurück zu einem Spaziergang am Vortag entlang dem Rheinufer meiner Heimatstadt.  Die Augenblicke am Strom  sind immer wieder ein Erlebnis. Das im Jahresreigen wechselnde Schauspiel der Natur,  das Leben am und auf dem Strom,  die Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse dieser  Völker verbindenden  aber immer wieder trennenden  Grenzlinie,  in so vielen Romangeschichten beschrieben, dann den vorbeifahrende Schiffen nachzusehen, bis mit ihnen der Blick an der Flussbiegung fernen Traumzielen entgegeneilt einen Hauch von Fernweh stimulierend oder doch ein wenig Reiselust.<span id="more-155"></span></p>
<p>Wie viele  Container-Riesen und Lastkähne ziehen täglich vorbei, wenn die Statistik vom am stärksten frequentierten Wasser-Transport-Weg Europas spricht. Nichts, was sie tief in ihren Bäuchen und haushoch aufragend zu ihren Bestimmungsorten tragen, Stückgut, Schüttgut, flüssiges Gut. Bei aller modernen Navigationstechnik immer noch eine Arbeit, bei der es auf jede Hand ankommt – sei es der Matrose oder noch mehr  der Kapitän auf der Brücke.  Schwierige Passagen hat er auf der Höhe meines Flusskilometers  hinter sich, die Klippen der Loreley, das  sorgsam zu durchfahrende Binger Loch, die hinterlistigen „Hungersteine“, die sich beim Niedrigwasser in dieser Jahreszeit zu erkennen geben. „Wahrschau“  ruft es dem Schiffsführer  nicht nur von den Leuchttafeln an den Gefahrenstellen des Rheins beständig zu.</p>
<p>Wer alles ist unterwegs,  „wer kennt die Länder, wer die Namen“?   Am Flaggstock weisen sich die Schiffsleute aus, die Deutschen natürlich voran, aber auch die Nachbarn der übrigen Anrainerstaaten, voran die Antipoden vom Anfang und Ende des Stroms, die  Schweizer – jawohl, sie klettern nicht nur die Berge hinauf – und die Niederländer. Wie ihre  tief im Wasser liegenden Konvois schwer stromaufwärts keuchen.  Seitlich am Bug und auch am Heck leuchten in hellen Farben die Namen der Schiffe, Heimathäfen, Städte und Landschaften, manchmal nur eine nüchterne Firmen-Aufschrift, aber auch immer wieder  ein Mädchenname, manchmal   in Koseform.  Alte Seemanns-Tradition.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Unter den romantischen oder auch weniger klangvollen Namen, die ich immer gern studiere,  fiel mir dann doch, bei aller Gewohnheit, ein Schriftzug besonders auf:  Das  war keine „Duisburg“, keine „Solothurn“ und auch keine „Veendam“ &#8211;   an den Bug des Schiffes  unter niederländischer Flagge waren drei Wörter „gemalt“:  <em>ora et labora</em>. Was mag den Schiffseigner bewogen haben,  dieses  alte benediktinische Leitwort  zu wählen?  Ich gehe mal davon aus, daß ihn keine merkantilen Interessen geleitet haben &#8211; ständige Mahnung  an die Besatzung,  sozusagen als beständigen Leistungsschub.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Im hinteren Teil des Schiffes hat die Familie des Kapitäns  Wohnung genommen, dort lebt sie vermutlich länger als an Land.  Seefahrt-Romantik mag vielleicht das Bild ausstrahlen, das bei Gelegenheit in einer Galerie in Amsterdam erstanden wurde. Natürlich sieht die „rauhe Wirklichkeit“, wie es „so schön“ heißt, ganz anders aus, das muss nicht näher  erläutert werden.  „<em>Ora et labora</em>“.  Erst kommt das Wort „bete“, danach  die  Aufforderung „arbeite“.  Nicht umgekehrt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Die Leute auf dem Wasser, ob auf hoher See oder auf stark befahrenen Flüssen mit ihren  Untiefen,  wissen mehr vielleicht, als ihr Zeitgenossen an Land,   um das Verwiesen sein  auf Gottes schützende Hand.  Gefahr für Hab und Gut, für das eigene Leben zu jedem Augenblick – ist es das, was ihren Glauben nährt?  „Da hilft nur beten“, wie billig wäre der Spruch.  Welche Arbeit auch immer, ob die des Matrosen an der Ankerwinsche, des Rudergängers auf der Brücke , oder auf  den Höhen über dem Rheinufer die Arbeit der Winzer in den Weinbergen – alle Arbeit hat ihre Grenze, verläuft in der Endlichkeit, für den Tag, für den Monat, für das Jahr.  „Auf seiner Arbeit ruht ein Segen“, sagten die Alten, wenn sie von einem Menschen sprachen, dem andere Gutes verdankten.  Sie meinten Gottes Handeln im Menschen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">
<p style="margin-bottom: 0cm;">Wenn sie so beteten, dann war dies ein Danken.  Und wenn sie beteten, um zu bitten, dann trug sie das Vertrauen, ihnen würde geschenkt werden,  „so Gott es will.“  Beten kann nur zweckfrei sein.  Boni  sind nicht  der Ertrag von Beten, nicht einmal immer Lohn für „gute Arbeit“, wie wir seit einiger Zeit wissen.  Im Beten äußert sich die Freiheit des Menschen, mit Gott sprechen, nicht „zweckgebunden“ – etwa bei einem Spaziergang entlang des Rheinufers.  <em>Orare</em>, nur so, ein wenig.  Ohne Imperativ.  Zu arbeiten (lat.  <em>laborare)</em> hat jeder genug, auf seine Weise, und auch zu bitten – um Beistand, die Kraft gibt und Verstehen.    „<em>Ora et labora</em>“ – mögen diesen Verben, auch als  „Tu-Wörter“  bezeichnet, deren Sinn keine fremdsprachlichen Kenntnisse voraussetzt,  davor bewahrt bleiben,  auf die Liste der gefährdeten Wörter  oder  gar der  untergegangenen zu kommen, sondern dass sie sich gegenüber den Modewörtern unserer Zeit behaupten.   Philologie , so lehrt die Sprachwissenschaft, ist dem Altgriechischen entlehnt und bedeutet soviel wie „Liebe zum Wort“ – dass es nicht bei einer philologischen Betrachtung geblieben ist, dafür sei dem Spaziergang am Rhein und einem vorbeiziehenden Schiff, das heißt den Menschen, die auf ihm „beten und arbeiten“,  an dieser Stelle gedankt.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><em>Werner Kaltefleiter</em></p>
<p><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/4b4e627085ec4c18a055d20587f2dc14" alt="" width="1" height="1" /></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Zweiter Weltkrieg – “Gott mit uns”? – Teil 2</title>
		<link>http://blog.kath.de/kaltefleiter/2009/09/08/zweiter-weltkrieg-%e2%80%93-%e2%80%9cgott-mit-uns%e2%80%9d-%e2%80%93-teil-2/</link>
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		<pubDate>Tue, 08 Sep 2009 15:08:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[4.
Der 1. September 1938, als der Beginn eines „Vernichtungskrieges“ im Osten und der Aussonderung von Menschen und Völkern nach der rassistischen Weltanschauung des Nationalsozialismus  könnne in ihrem inneren Zusammenhang nicht ignoriert werden.  Der 9. November 1938 und die ihm folgenden Tage der antijüdischen Pogrome eröffnete den Weg zur Shoá, der Krieg, zunächst gegen Polen, dann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>4.</p>
<p>Der 1. September 1938, als der Beginn eines „Vernichtungskrieges“ im Osten und der Aussonderung von Menschen und Völkern nach der rassistischen Weltanschauung des Nationalsozialismus  könnne in ihrem inneren Zusammenhang nicht ignoriert werden.  Der 9. November 1938 und die ihm folgenden Tage der antijüdischen Pogrome eröffnete den Weg zur Shoá, der Krieg, zunächst gegen Polen, dann gegen den Westen und schließlich gegen die Sowjetunion, schuf die Voraussetzungen, die Vernichtungspläne der Ideologie der Herrenmenschen zu verwirklichen.  Geboren aus einem Nichts, oder  aus  zeitgeschichtlichen Prozessen des 19. Jahrhunderts, wie sie von antisemitischen Gedankenträgern um Marr und Zeitgenossen geboren wurden?</p>
<p>Wer sieht die antijüdischen Symbole an christlichen Kirchen: die triumphierende Ecclesia gegenüber der blinden Synagoga.  Man muss nicht  erst nach Straßburg und Bamberg fahren, oder nach Regensburg, wo die  widerliche Darstellung der sogenannten „Judensau“ am Südportal angebracht ist.   Darstellungen, die das jüdische Volk herabsetzen waren Tradition in der Geschichte christlicher Kirchenbaukunst und müssen nicht lange gesucht werden. Beispiele:  Teufel und Jude am Wetzlarer Dom, die Szene der Seligen und Verdammten am ehemaligen Westlettner im Mainzer Dom-Museum: Die Seligen, zur Rechten Gottes sitzend, angeführt vom Papst, die Abgewiesenen, an erster Stelle die Juden,  „von vornherein für die Hölle bestimmt“, wie der Ausstellungskatalog erläutert .  Kirchenlehrer  Augustinus hatte die Juden der <em>massa damnata</em> zugerechnet, als Ungetaufte der ewigen Verdammnis ausgeliefert.<span id="more-149"></span></p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Bild03" src="http://www.kath.de/kaltefleiter/1sep_03.jpg" alt="" width="326" height="254" /></p>
<p style="text-align: center;"><em>Erinnerung an eine „Blutspur“ (Pinchas Lapide) in der Geschichte:<br />
„Triumphierende Kirche“ –  „Besiegte Synagoge“</em></p>
<p>Der Leser mag vor seiner eigenen Haustüre schauen. In Wiesbaden ist es  die Dreifaltigkeitskirche  in der Frauenlobstraße, vom Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker im neo-romanischen Stil entworfen, von 1910 bis 1912 fertiggestellt. Ein Schaustück des Historismus, aber auch ein Zeugnis der Gebrochenheit in den christlich-jüdischen Beziehungen. Auch hier am Eingangsportal die allegorische Darstellung der siegreichen Kirche gegenüber der unterworfenen Synagoge.</p>
<p>Wir  schauen auf die evangelische Ringkirche:  In der  Erinnerung kommen uns die „Deutschen Christen“ entgegen, stramm arisch einmarschierend in die Reichskirche von Hitlers Gnaden. Bis 2005 noch erstrahlte im großen Kirchenfenster das Blut-und-Boden-Symbol.  Aber es begegnen uns auch die Aufrechten: Pfarrer-Notbund, Gemeindetag unter dem Wort, Barmer Bekenntnis-Synode von 1934.  Und Pastor Martin Niemöller – der U-Boot-Kommandant des Ersten Weltkrieges.  Auch er kurz der nationalsozialistischen Idee verfallen, dann „persönlicher Häftling Hitlers“.  Nach 19435 bekannte er:  „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“  Nach Kriegsende hat es von kirchlicher Seite nicht an Schuldbekenntnissen gefehlt – von oben, wie in Gemeinde-Gottesdiensten.</p>
<p>Das Zweite Vatikanische Konzil hat jede Form von Zurückweisung der Juden verurteilt.  Doch wird immer noch und schon wieder an Karfreitag für die Juden gebetet – und die Pius-Brüder – aus deren Reihen ein bischöflicher Holocaust-Leugner hervorging &#8211; sagen es deutlich, warum. In Bacharach,  erinnert die Werner-Kapelle  an die über Jahrhunderte gepflegt abscheuliche Legende vom jüdischen Ritualmord  erinnert,  wie sie an der nassauische Mundartdichter Rudolf Dietz in einem seiner Scherzgedichte an einem Beispiel aus dem Vogelsberg kolportierte.</p>
<p>In einer  Sammlung seiner Poeme unter dem Titel „Deham is deham“ ließ er noch 1940 – zwei Jahre nach den ersten schweren Übergriffen der Nazis –  unter dem Titel „Der Ritualmord“   Zeilen über ein Gespräch zwischen „Waschweibern“ veröffentlichen zu denen sich ein Lumpensammler gesellt, „der saat:  Baßt acht! E Rictualmord is gescheh´! Dem Lisbeth blieb des Maul uffsteh`.  E Ritualmord! Denkt euch aa´, E´ ahler Jud, der hot´s gedah´! Im Vogelsberg in Owerhesse – Do hot der Jud e Kristche gefresse!“.  Woraus der „Dichter“ Dietz schließt:  „Kaa´Wunner, daß de´die kleenste Kinn / Schunt all do Antisemite sinn!“.</p>
<p>In  einem Wiesbadener  Vorort trägt eine Grundschule bis heute  den Namen dieses Heimatdichters Die politischen Lokalgrößen sehen keinen Anlass, dies zu ändern. Der Stoff langt allenfalls zu örtlichem parteipolitischem Gezänk und um Wählerstimmen.</p>
<p>5.</p>
<p>Vor 70 Jahren begann der zweite Weltkrieg. Der erste war erst zwanzig Jahre zuvor zu Ende gegangen.  Das 20. Jahrhundert  ein Jahrhundert der Kriege und das neue Jahrtausend begann, wie das alte endete.  Erinnerung an den 1. September würde ihren Sinn verfehlen, würden darüber die „Konfliktherde“ und „Brennpunkte“ unserer Tage in den Hintergrund gerückt. „Unsere Soldaten“ , den friedlichen zivilen Wiederaufbau Afghanistans schützen sollen, sind offenbar mehr mit Selbstverteidigung beschäftigt. Sie sprechen von „Gefallenen“ und von „Krieg“ ungeachtet der politischen Sprachregelung.   „Pro patria mori“  &#8211; damit eilten die junge Generation 1914 zu den Fahnen und endete in Stahlgewittern. Wer die Bilder sieht, wie Soldaten auch in unseren Tagen „am Hindukusch sterben“ kann sich schwer vorzustellen,  wie „süß und ehrenvoll“ dies gewesen sein soll.  Wer seinen Horaz kennt, weiß auch um die andere Spruchweisheit:   Sapere aude -  den Verstand zu nutzen?</p>
<p>Vor einem „Untergang des Abendlandes“, wie ihn die  xenphobischen Hysteriker  unserer Tage in gewollter Verdrehung des Spenglerschen Begriffs schwarzmalen kann ebenso wenig die Rede sein, wie von den „Anfängen“  eines „Vierten Reiches“  angesichts der allerdings gespenstischen Aufmärsche von kahlköpfigen Neonazis und ihren Straßenkämpfen mit der linksradikalen, sogenannten „autonomen“ Szene.   Europas kulturhistorische Errungenschaften sind nicht „ausgemodelt“,  sondern in die Form neuer,  offener Gesellschaften eingeflossen:   „Tradition mit Fortschritt“,   ohne  einer  inhaltslosen Phrase das Wort zu reden.  Die Mehrheit der Deutschen, die Nachkriegsgeneration ist in liberale Gesellschaftsformen eingewurzelt und verdient  eine besser Art der  Glaubwürdigkeit seitens einiger politischer Meinungsführer, als diese der Nation zumuten.</p>
<p>Erinnerung an den 1. September 1938. Nehmen wir zur Kenntnis, dass der Generalinspekteur der Bundeswehr Wolfgang Schneiderhahn darauf hinweist: „In unseren Schriften – auch in jenen für den einfachen Soldaten – finden Sie eine abendländisch-christliche geprägte Einstellung“. (Cicero 8/2009) Soll heißen: die Verpflichtung zu sittlichem Handeln, d.h. keine Befehle zu befolgen, die ein Verbrechen oder ein Vergehen beinhalten, ist die konsequente Reaktion auf die Verbrechen des Dritten Reiches, für die auch die Wehrmacht missbraucht wurde, in die sie verwickelt war.</p>
<p>Doch halten wir es auch mit Martin Niemöllers Erkenntnis nach der Katastrophe. Sein Votum gilt auch heute  „irgendwie“, unter anderen Umständen.</p>
<p><em>September 2009, Werner Kaltefleiter</em><br />
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		<title>Zweiter Weltkrieg – “Gott mit uns”? &#8211; Teil 1</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Aug 2009 15:52:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Kaltefleiter</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Erinnerungsstücke zum 1. September 1939
1.
Manche Mitbürger in Wiesbaden und in der regionalen Nachbarschaft  mögen sich erinnern und davon sprechen, wenn sie dazu geneigt sind, wie „damals“ der „Blaue Bus“ durch die nassauischen Städtchen und Dörfer fuhr und Menschen „abholte“, die der Ortsgruppenleiter als „Idioten“ bezeichnet hatte.  Die hilflosen Opfer, psychisch Kranke und geistig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><em>Erinnerungsstücke zum 1. September 1939</em></p>
<p style="text-align: left;">1.</p>
<p style="text-align: left;">Manche Mitbürger in Wiesbaden und in der regionalen Nachbarschaft  mögen sich erinnern und davon sprechen, wenn sie dazu geneigt sind, wie „damals“ der „Blaue Bus“ durch die nassauischen Städtchen und Dörfer fuhr und Menschen „abholte“, die der Ortsgruppenleiter als „Idioten“ bezeichnet hatte.  Die hilflosen Opfer, psychisch Kranke und geistig Behinderte, kamen zum Beispiel auf den Eichberg bei Kiedrich, auf den Kalmenhof bei Idstein, nach Weilmünster und in weitere Einrichtungen im „Reich“. Die einen wurden dort, die meisten aber anschließend in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar einer „Sonderbehandlung zugeführt“, die im diametralen Gegensatz zum Eid des Hippokrates stand. Sie wurden ermordet – durch Entzug der Nahrung, durch die Giftspritze und schließlich in der Gaskammer.</p>
<p style="text-align: left;">Die Nazis nannten dies Euthanasie, zynisch den von den alten Griechen stammenden Begriff vom „schönen Tod“  missbrauchend. Adolf Hitler,  Herr über Leben und Tod, hatte entschieden,  Menschen, die  nach der Rasseideologie seines Systems als „lebensunwert“ galten,  den „Gnadentod zu gewähren.“ Die Aktion lief unter dem Tarnnamen „T4“, der Adresse der Organisationszentrale der Tötungsmaschinerie, Berlin, Tiergartenstrasse Nr. 4. Der entsprechende Erlass des Diktators war auf den 1. September 1939 datiert. Dies war doch der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg begann? Ja, aber eben nicht nur. Ich denke an jene, die dem Ungeist widersagten und mit ihrem Leben büßten, an die unzähligen Opfer unter den  Männer und Frauen und Kinder der Zivilbevölkerung in Europa – heute in der Sprache der Militärs als Kollateralschäden eingeordnet, „leider nicht ganz vermeidbar“ und schließlich der Völkermord, begangen an den aus rassischen Gründen verfolgten, in erster Linie an den Juden – im allgemeinen Sprachgebrauch als „Holocaust“ bezeichnet, einem allerdings auch religiös konnotierten, eher chiffrierenden Begriff. Juden sprechen klarer von dem, was Absicht der Nazis war: Shoá – die Vernichtung der Juden in Europa.<span id="more-131"></span></p>
<p style="text-align: left;">2.</p>
<p style="text-align: left;">In der psychiatrischen  Landes-Heil und Pflegeanstalt auf  Schloss Colditz in Sachsen wurden 1938/39 „unheilbar kranke“ Patienten zu Tode gepflegt,  vor allem durch die als Brei  vorgesetzte  „Colditzer Kost“ ohne Fett und Fleisch. In den Jahren zuvor war die uralte Barbarossa-Reichsburg in ein Schutzhaftlager für Gegner des Nationalsozialismus umfunktioniert worden, als Durchgangsstation nach Buchenwald. Aber davon kein Sterbenswert in den aktuellen Werbeschriften, die den Tourismus ankurbeln soll. Kommen Sie nach Colditz – „Da erleben Sie was“. Dieser Slogan lockt vor allem britische Besucher im Veteranenalter an. Das Schloss diente im Zweiten Weltkrieg als Hochsicherheitsgefängnis für alliierte Offiziere, die nach wiederholten Fluchtversuchen hier interniert wurden. Den Darstellungen zu Folge ging es im „Oflag IV C“ eher wie in einem Sanatorium zu, „wie Gentlemen“ seien die Herren Feinde von ihren deutschen Bewachern behandelt wurden – sozusagen von Offizier zu Offizier, ungeachtet der auch dort entdeckten Ausbruchversuche. Nur jeder zehnte kam durch.</p>
<p style="text-align: left;">3.</p>
<p style="text-align: left;">Die Sätze Hitlers in der Kroll-Oper, vor einem Reichstag, der nur seiner Partei gehörte, stehen in jedem Geschichtsbuch:  „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“ und:  „…seither wird Bombe mit Bombe vergolten. Wer mit Gift kämpft, wird Giftgas bekommen.“ Der damalige Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Brauchitsch beendete seinen Tagesbefehl mit den Worten: „Wir glauben an den Führer – Vorwärts, mit Gott für Deutschland.“ Wie es so ähnlich auf dem Koppelschloss der Wehrmacht eingraviert war, darunter der Reichsadler mit dem Hakenkreuz in seinen Klauen. Unter der Losung „Gott mit uns“ waren schon des Kaisers Soldaten ins Feld gezogen und hatte die Reichswehr aufgerüstet – noch ohne Nazi-Symbole.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="alignnone" title="Bil01" src="http://www.kath.de/kaltefleiter/1sep_01.jpg" alt="" width="432" height="346" /></p>
<p style="text-align: center;"><em>Wie Kriege enden: Von der Heldenverehrung zur  Trauer um die Opfer an der Front, von Bombenterror, Flucht und Vertreibung,  Vergewaltigung und Ermordung.</em></p>
<p style="text-align: left;"><em></em>Sozusagen „termingerecht“ hat ein für seine Weltkriegsliteratur einschlägig bekannter Verlag einen Nachdruck von Hitler-Ansprachen, Tagesbefehlen und Berichten des Oberkommandos der Wehrmacht auf den Markt gebracht. Geschichts-Revisionismus nach der seit Kriegsende bekannten Lesart, gängig an gewissen Stammtischen: Schuld sind die anderen. England und Frankreich, die einen Regionalkonflikt zum Weltkrieg ausweiteten. Kein Wort zum Hitler-Stalin-Pakt einen Monat zuvor, als die beiden Diktatoren geheim vereinbarten, Polen sich als Beute zu teilen, für den Fall  „territorial-politischer Umgestaltung.“ Dieser Fall trat ein – der „Fall Weiß“ ausgelöst mit den ersten Schüssen, eine Stunde vor der Zeitangabe Hitlers. Ein ebenso verlogener „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ untermauerte den damals noch gemeinsamen Raubzug von Nazis und Sowjets. Polen sollte als eigenständige Nation von der Landkarte verschwinden.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="alignnone" title="Bild02" src="http://www.kath.de/kaltefleiter/1sep_02.jpg" alt="" width="410" height="260" /></p>
<p style="text-align: center;"><em>Ehemaliger Schlachthof in Wiesbaden. Von der Viehrampe wurden die Juden der Stadt abtransportiert. Die provisorische Gedenkstätte soll durch eine würdigere ersetzt werden.<br />
Fotos: (c) Werner Kaltefleiter </em></p>
<p style="text-align: left;">In dem soeben veröffentlichten Machwerk wird auch die Version aufgewärmt, Polen habe zu Beginn des Krieges Giftgas eingesetzt. Tatsächlich handelt es sich um einen einzelnen Vorgang, als am 8. September deutsche Pioniere beim „Wegräumen einer Baumsperre“ auf einer Brücke bei Jaslo in den Vorkarpaten die Explosion einer Gelbkreuzmine auslösten. Zwei Soldaten wurden getötet, ein Dutzend schwer verwundet – weil ein polnischer Offizier den aberwitzigen Befehl erteilt hatte, gegen die Haager Konvention über die Ächtung von Kampfstoffen. Für die deutsche Kriegspropaganda ein gefundenes Fressen, als nachträgliche Rechtfertigung der Hitler´schen Gas-Androhung. Heute wird man fragen dürfen, ob nicht jene, die mit dem inszenierten Gleiwitz-Zwischenfall einen Kriegsgrund provozierten, ihre Hand auch bei der Senfgasgranate im tiefen Süden Polens im Spiel hatten.</p>
<p style="text-align: left;">Waren die Deutschen ein Volk, „über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte“. Geht es so kurz und bündig, Heiliger Vater? Sollte jemand die Sätze des deutschen Papstes in Auschwitz-Birkenau als Generalabsolution missverstanden haben?</p>
<p style="text-align: left;">Die Nazis malten die Bedrohung von der jüdisch-bolschewistischen Gefahr an die Wand, und ermordeten selbst das Ungeborene einer Jüdin in Galizien. Hitler weiß, wen er anspricht, wenn er in „Mein Kampf“ ankündigt: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn“, hatte Hitler in „Mein Kampf angekündigt“  – 1942, im Jahr der Wannsee-Konferenz glaubte Pius XII in einer internen Ansprache an Heiligabend vor den ranghöchsten Kurienprälaten das Wort vom Gottesmord „Jerusalems“ in den Mund zu nehmen zu müssen. Ähnlich klang es schon in der deutschsprachigen Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937 an. Um jedem Missverständnis vorzubeugen. Dies ist keine Gleichsetzung mit den Verbrechen der Nazis, allerdings eine fatale Gleichzeitigkeit eines fortdauernden christlichen Antijudaismus über die Jahrhunderte. Insofern ist der Gedenktag nicht nur eine Angelegenheit der Zivilreligion, des Protokolls von Rathäusern und Regierungskanzleien. Die Kirchen, die römisch-katholische, wie die der Reformation, haben Grund zur Besinnung. In den Kontext des 1. September 1939 gehört untrennbar der 9. November 1938. An jedem Tag, als in Deutschland die Synagogen brannten, feierte  die evangelische Kirche den Geburtstag  ihres Namensgebers, jenes Dr. Martinus Luther, der in seiner gegen die Juden gerichteten Schrift gefordert hatte, „dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke/Und was nicht verbrennen will, mit Erde überheuffe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacken davon sehe ewiglich… &#8211; „Genau das haben wir getan“, brüstete sich einer der schlimmsten Judenhasser der Nazis, der fränkische Gauleiter Julius Streicher vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal</p>
<p style="text-align: left;">„Dieser theologische Antijudaismus und diese Doktrin wurden jahrhundertelang offen gelehrt und dann durch Luthers Judenfeindschaft im Bewusstsein der Deutschen tief eingeprägt“, schreibt Leo Trepp, 1913 in Mainz geboren, der einzige noch lebende Rabbiner der Vorkriegszeit.</p>
<p style="text-align: left;">Schärfer noch sagte es der jüdische Theologe Pinchas Lapide in einem Kommentar zur „Barmer Erklärung“ der Bekenntnis-Synode von 1943. Deren christologische Engführung markiere die Trennlinie zwischen Kirche und Synagoge, den Ausschluss aller nicht an Christus glaubenden Juden vom Heil. Evangelische Theologie habe in diesem Sinne „indirekt zum Förderer eines gesellschaftlichen Antisemitismus“ werden können. Kurzum:  „Wer Jude ist, der ist kein Christenmensch …kann also nur ein Untermensch sein und hat als solcher kein Lebensrecht“. Philipp Reemtsma kommt zu dem Schluss: „Die Politik der totalitären Religion ging dem Totalitarismus als politischer Religion voraus.“</p>
<p style="text-align: left;"><strong><em>Fortsetzung folgt.</em></strong></p>
<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/76fe5df46b9b481c986054c7fd152ad6" alt="" width="1" height="1" /></p>
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