Vom Wunder der Wende

Ein Buch über das Ende einer Zwangsherrschaft

„Urbi et Gorbi“ – nun ja, ein zugkräftiger Buchtitel könnte schon die halbe Miete sein. So haben Autor und Verlag mit den Wörtern einer bekannten lateinischen Sentenz, die den Segen des Papstes über die Stadt und den Erdkreis beschreibt, gespielt und dabei ist die neue Version herausgekommen.

Joachim Jauer: Urbi et Gorbi. Christen als Wegbereiter der Wende. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2008

Gorbi im Orbit – seinerzeit, als sein Genosse Landsmann Gagarin über den Wolken unterwegs war, dürfte ihm Michail Sergejewitsch Gorbatschow wohl noch zugestimmt haben. Der sowjetische Kosmonaut hatte pflichtschuldig nach unten gemeldet, er habe dort oben Gott leider nicht angetroffen. Der Parteifunktionär lebte damals auf derselben ideologischen Wolke. Und als er noch immer an das herrschende Regime glaubend, „Glasnost“ und „Perestroika“ einläutete, blieb er auf Kurs: „Es ist sehr wichtig zu gewährleisten, dass sich unsere Jugend eben in ihren jungen Jahren, da sie besonders aufnahmefähig ist und das größte Interesse für das Leben zeigt, dem Leben spendenden Quell des Marxismus-Leninismus zuwendet. Diese Lehre entstand doch als Antwort auf die akutesten Probleme des menschlichen Daseins mit all seinen Sorgen, Problemen und Hoffnungen“, predigte der Generalseketär des ZK der KPdSU auf dem XX. Komsomolkongress am 16. April 1987.1

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Zwischenruf

„Übertriebener Katholizismus“ – Der Fall Nikolaus Brender

Johannes Hus starb 1415 auf dem Scheiterhaufen, Jeanne d´Arc folgte ihm 1431 und Giordano Bruno wurde 1600 den Flammen übergeben. Die Entfernung unbequemer Zeitgenossen auf diese höllische Art liegt also einige Centennien zurück. Ganz aufgegeben haben gewisse Usurpatoren der Wahrheit die öffentliche Hinrichtung noch nicht, nur die Methode verfeinert. Es genügt, ein vages Gerücht, eine zweifelhafte Information, über eine missliebige Person in die Welt zu setzen, um sie „unmöglich“ zu machen. Ein eigener Begriff drückt dies treffsicher aus: die Betroffenen gelten als „verbrannt.“ Auch die Inquisition scheint zurückzukehren, nicht im Kardinalsrot des heiligen Uffiziums, sondern in der politischen Requoncista unserer Zeit, auf merkwürdig verdrehte Weise.

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Weil der Papst nicht fehlen kann?

„Santo subito“ skandierten die Betenden auf dem Petersplatz schon in der Sterbestunde des Hirten, dem der Bittruf galt: Papst Johannes Paul II. Aber einen Heiligen Vater macht sein Titel nicht zwangsläufig auch zu einem heiligen Vater. So schnell mahlen im Vatikan auch in solchen Fällen die kurialen Mühlen nicht, wohl nicht zuletzt auf Grund historischer Erfahrungen, dass gläubiges Volk mitunter Irrungen und Wirrungen unterlegen und schon mal einem Scharlatan, diesen voreilig wie einen Heiligen verehrend, aufgesessen zu sein. Ob die kuriale Bürokratie stets vor Fehlurteilen bewahrt geblieben ist, steht auf einem anderen Blatt – manche Beatifikationen jedenfalls lassen einige Fragen offen, spätere Überraschungen nicht ausgeschlossen. Doch wenn der Papst gesprochen hat, unter dem Siegel seiner Autorität, dann steht die Sache. Das Diktum „Rex non potest peccare“ galt/gilt wohl auch für die vatikanische Monarchie, wonach der Pontifex in Ausübung seiner legalen Vollmachten nicht fehlen kann, meint doch wohl: jedenfalls nicht so richtig.

Immerhin: Um Missgeschicken bei künftigen Kanonisierungen auszuweichen, schaltete die höchste kirchliche Jurisdiktion ein kompliziertes, umfangreiches Untersuchungsverfahren vor den Urteilsspruch. Dies bedeutet, dass den Kandidaten bis zur Unterschrift des Papstes (bei positivem Ausgang natürlich) in der Regel ein zeitraubender Prozess erwartet. Auch Johannes Paul II. wird sich post mortem wohl noch einige Jahre gedulden müssen.

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Der Neue russische Patriarch Kyrill und die Beziehungen zum Papst

Analysen und Zitate aus einem Interview mit dem damaligen Metropoliten Kyrill

Kyrill (Wladimir Michailowitsch Gundjajew), Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, (dem ehemaligen Königsberg), wurde am 27. Januar 2009 zum Nachfolger des am 5. Dezember 2008 verstorbenen Alexij II. zum 16. Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus´ (so der Titel des Oberhauptes der Russischen Orthodoxen Kirche) gewählt. Ähnlich dem Papstamt eine Wahl auf Lebenszeit. Als Patriarch nahm der Gewählte den Namen Kyrill I. an.

Das Moskauer Patriarchat wurde 1589 errichtet und bildet, mit derzeit 100 Millionen Mitgliedern, die größte der 15 autokephalen Kirchen der Orthodoxie.

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Geheimorganisation Ergenekon in der Türkei angeklagt

Bezüge zum Papstattentat und zur Situation der christlichen Minderheit

Düstere Nachrichten aus der Türkei, undurchsichtig und beängstigend. Ein geheimes, und doch nicht so geheimes Netzwerk, liefert das Szenarium, Offiziere im Un-Ruhestand, Politiker, Journalisten, auch „Auftragskiller“ und „Halbweltgrößen“, ein bunte Mischung quer durch Militär, Justiz und die Gesellschaft, übernehmen die Rolle in dem Stück vom „kranken Mann am Bosporus“. Den Stoff liefern Ideologien, Rivalität zwischen so genannten „säkularen“ Kräften, nationalistischen und islamisch-fundamentalistischen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht auf der einen Seite eine angeblich konspirativ gegen die jetzige politische Ordnung operierende Geheimorganisation namens „Ergenekon“, nationalistisch und kemalistisch orientiert; auf der anderen Seite die islamisch orientierte Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung AKP.

Vor einigen Monaten begannen „Verhaftungswellen“ gegen angebliche Mitglieder der „Ergenekon“. Im Oktober vergangenen Jahres wurde vor einem Antiterror-Gericht ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet, aktualisiert durch Festnahmen vor wenigen Tagen. Den Beschuldigten wird Mitgliedschaft in der als „Terrororganisation“ bezeichneten Gruppierung vorgeworfen. Sie sollen ferner einen von langer Hand vorbereiteten Putsch geplant haben, um die von der AKP getragene Regierung Erdogan zu stürzen und die innenpolitische Lage zu destabiliseren. Auf diese Weise suchten sie, die Streitkräfte, die sich als Hüter des kemalistischen Erbes betrachten, zu einem Eingreifen zu provozieren. (1)

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„Operation Walküre“ – deutsche Anmerkungen zu einem amerikanischen Film

“Walküre“ ist nun auch in deutschen Kinos angelaufen, wobei man als Titel das Codewort des Widerstandskreises um Stauffenberg und nicht die anglisierte Version gewählt hat. „Valkyrie“ assoziiert wohl eher germanisches Walhalla als SS-Runenzeichen. Für amerikanisches Publikum vielleicht ausreichend. Für Geschichtsbewusstes deutsches Publikum sollte es dann doch der Deckname sein, der ursprünglich als Einsatzbefehl für das Ersatzheer der Wehrmacht bei einem etwaigen Aufstand im Inland vorgesehen und von der deutschen militärischen Opposition am 20. Juli 1944 zur Tarnung der Aktionen nach dem (missglückten) Anschlag auf den Führer und die Wehrmachtsspitze in der „Wolfsschanze“ übernommen worden war.

Was der Film aus den Hollywood-Studios verspricht und was er nicht hält, hat bereits im Vorfeld die Feuilletons beschäftigt: die Diskrepanzen zwischen facts und fiction, bis hin zur mangelnden Detailgenauigkeit dokumentierten Wissens. Noch mehr beschäftigte die Frage, ob Tom Cruise, nach seinen Auftritten als missionierender Scientologe, für die Hauptrolle geeignet sei – in einem Land, in dem kleine Gedankenpolizisten und konfessionellen Wahrheitswächter immer noch Meinung machen, als ob ein Sektenmitglied ebenso wenig darstellender Künstler sein dürfte, wie ein Katholik nicht in die norddeutsche Küstenlandschaft passt, ein Protestant ins Alpenvorland, Juden nirgendwo … die unsägliche Dauerdiskussion wurde soeben erst wieder in einer Fernsehsendung belebt, die man statt „Hart aber fair“ treffender mit „Rüde und unfair“ überschreiben möchte.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 34)

Zeittafel

1918: Zerfall der Wiener Donau-Monarchie als Folge des Ersten Weltkriegs. Tschechen und Slowaken proklamieren am 28. Oktober den neuen Staat, die Tschechoslowakische Republik CSR (bis 1939), bestätigt durch die Verträge von Saint Germain und Trianon von 1919. Das Staatsgebiet umfasst Böhmen, Mähren, den Großteil von Mährisch-Schlesien, die Slowakei und die Karpato-Ukraine. Ein Drittel der Bevölkerung gehört anderen Ethnien an. 14 Prozent sind deutschsprachig. Die geschlossen besiedelten Gebiete sind unter dem Sammelbegriff Sudetenland zusammengefasst.

Strömungen des Nationalismus begleiten die Geburt das neuen Staates. Die Erste Republik stellt sich zwar als ein multiethnischer Staat vor, den deutschen, ungarischen, ruthenischen und auch den slowakischen Volksgruppen wird jedoch das Recht auf Selbstbestimmung bestritten.

Auf religiös-kirchlichem Gebiet: Los-von-Rom-Bewegung und Nationalkirche in Böhmen. Erstarkung der sozialistischen Idee in der Arbeiterschaft, Folge der engen Verflechtung von „Thron und Altar“ und Nähe der katholischen Kirche zur Bourgeoisie in der Geschichte. In Pilsen, Hochburg der hussitischen Bewegung, tritt die Hälfte der Katholiken aus der katholischen Kirche aus.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 33)

„Der Kurs war auf Vernichtung“

„Wenn eine Nation ihr historisches Gedächtnis verliert, geht sie neuen Katastrophen entgegen.“

Vaclav Havel, Bürgerrechtler und Präsident der ersten demokratischen Republik der Tschechoslowakei, nach der „Samtenen Revolution“ von 1989.

„Prag, Karlsbrücke, Blick auf den Burgberg. © Foto: : Werner Kaltefleiter

Deutsche, Tschechen und Slowaken sowie die anderen Ethnien in diesem Teil Europas sind miteinander verwoben. Sie blicken auf eine gemeinsame Geschichte zurück, in der öfter das Schwert als der Palmenzweig Regie führte. Zu den dunkelsten Kapiteln der Vergangenheit zählen die Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der sowjetkommunistischen Diktatur. Dem Wunsch nach Versöhnung und der Bitte um Vergebung tritt immer wieder die Erinnerung entgegen. Wunden mögen vernarbt sein, aber sie melden sich schmerzhaft zurück, wenn das „Wetter“ umschlägt, um dies mit einem medizinischem Phänomen zu vergleichen. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt stellte im Herbst 2008 fest: „ Das Verhältnis zwischen den Polen und den Deutschen ist nicht sehr gut, das Verhältnis zwischen den Tschechen und den Deutschen desgleichen.“ (1).

Warum gestalten sich die Beziehungen so schwierig? Es mag viele Anlässe geben, wie die Geschichte lehrt, bei kleinen Streitereien, wie sie unter Nachbarn offenbar unvermeidlich sind, ob im Privaten oder in der „großen Politik. Alte und neue gesellschaftliche Vorurteile können die Atmosphäre vergiften. Und schließlich, auf hoher Ebene, diese und jene internationalen Bündnisverpflichtungen, die dann und wann, wohl oder übel, die einen und die anderen, in Konflikte hineinziehen.

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 32)

Gottesdienst in Privaträumen galt als Straftat

Dominik Duka (1) erzählt von einem Vorgang, der im Nachhinein nicht ohne gewisse Pikanterie ist, wenn man das Finale der Geschichte vor Augen hat. Eines Tages erhält der Dominikanerpater Besuch: unangemeldet und zu einer Zeit, in der es auf der Straße vor dem Haus mehr oder weniger menschenleer ist. Die Stunde der Geheimpolizei. Uniformierte Beamte der Staatssicherheitsgruppe fordern Einlass in die Wohnung des Ordensmannes. Sie beschlagnahmen Schriften, die in der Untergrundkirche zirkulieren: Samisdat-Material. Ein Agent des Staatssicherheitsdienstes StB überwacht die Aktion. Seinen Pkw, ein Fahrzeug in ziviler Aufmachung, ohne polizeiliche Kennzeichen, hat der Stasi-Mann in einer Seitenstrasse geparkt. Bevor er zu seinem Wagen zurückgeht, hält er P. Duka triumphierend entgegen: „Wir haben gesiegt.“

Im September 1998 wurde Dominik Duka zum Bischof von Hradec Kralové ernannt, der geschichtsträchtigen Stadt mit dem deutschsprachigen Namen Königgrätz. Die Episode, über die er berichtet, geht auf jene dunklen Jahre zurück, über die in den vorausgegangenen Folgen umfangreiches Material zusammengetragen wurde. Schon kurz nach der politischen Wende kam es zu einer ersten Begegnung mit Pater Duka. Seine Erfahrungen mit dem kommunistischen Willkür-Regime in den Jahren nach dem gescheiterten „Prager Frühling“ und der sowjetischen Militär-Intervention sollten in einer Fernsehdokumentation auch einem Publikum „im Westen“ zugänglich gemacht werden. Der Kommentar, der diese Sendung begleitete, ist aus der Zeit der Niederschrift zu verstehen. Er wurde aber nachträglich durch wenige Zusätze ergänzt: (2)

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Mein Gewissen ist die Wahrheit (Folge 31)

Justiz unter dem Roten Stern

„JEMAND MUSSTE Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

(Franz Kafka: Der Process. Erstes Kapitel. Erster Satz. Nach dem von Max Brod geordneten und herausgegebenen Manuskriptseiten des Romans, an dem Kafka in den Anfangsjahren des Ersten Weltkrieges geschrieben hat.)


19. September 1949. Ein Zeitprotokoll vermerkt: Abt Anastáz Opasek hatte um zehn Uhr eine Trauung in der Wallfahrtskirche auf dem Weißen Berg und kehrte kurz nach elf Uhr zurück. Nur wenig später verlangten zwei Männer in Zivil an der Pforte der Benediktiner-Abtei Brevnov (Breunau), in einem Außenbezirk von Prag, mit ihm sprechen zu dürfen. Kaum hatte man ihnen das Tor geöffnet, drängten weitere Männer hinein. Insgesamt vierzehn Polizisten waren gekommen, um den Abt zu verhaften.

Pfingstmontag 1991: Die spanische Königin Sophia besucht die Basilika des Klosters. Abt Opasek zeigt der Monarchin seine ehemaligen Privaträume. Er erzählt von seiner Verhaftung. „Lebenslänglich“ habe er bekommen. Die Königin „verwundert“: Was er denn verbrochen habe. In Spanien sei dies die Strafe für jemanden, der einen Menschen ermordet habe. Der Mönch erläutert dem hohen Besuch aus dem fernen Spanien: Die roten Richter hätten ihn zum Spion des Vatikans erklärt, in und acht weitere katholische Geistliche. Am Ende des „Monsterprozesses“, am sechsten Tag der Hauptverhandlung (die vom 27. November bis zum 2. Dezember 1950 dauerte), sei das Urteil gesprochen worden: Von zehn Jahren aufwärts bis zu seinem „Lebenslänglich“. Bis zum Prozess habe er in Einzelhaft gesessen, berichtete der Ordensmann der spanischen Königin. Und diese Einzelhaft sei auch nach der Urteilsverkündigung zunächst beibehalten worden, bis zum Februar des folgenden Jahres. Der Prozess hätten die Kommunisten zwei Monate vorher mit den Inhaftierten „eingeübt.“

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