Archiv des MonatsJuly, 2006

Die Kirche in Deutschland muß in die Gänge kommen

Die deutsche Kirche nutzt die öffentliche Aufmerksamkeit für den Papst nicht

Wie kaum eine andere Großorganisation hat die katholische Kirche einen herausragenden Platz in der öffentlichen Wahrnehmung. Vergleicht man diesen Erfolg mit einem Anbieter von Dienstleistungen oder einer weltweiten Konsummarke, müßte sich das auf die Angebote der Kirche auswirken. Der Kirchenbesuch müßte deutlich zunehmen, die Zahl der Erwachsenentaufen müßte steigen, die Rückkehr von aus der Kirche Ausgetretenen müßte sich bemerkbar machen. Offensichtlich kann die Deutsche Kirche die öffentliche Wirkung, die Benedikt XVI. beim Weltjugendtag erzielt hat, nicht nutzen. Der Weltjugendtag hat die Einschätzung der Deutschen nachhaltig geändert. Die Kirche wurde als weltweit und „jung“ erlebt. 60% der Deutschen trauen der katholischen Kirche zu, junge Leute anzusprechen. Die Gründe, warum die deutsche Kirche nichts aus dem Weltjugendtag macht, analysierte bei einem Symposion von Radio Vatikan in Rom Dr. Lutz Meyer von Scholz&Friends:

Die Medienwirkung, die dem Papst und seinem Vorgänger gelungen ist, muß vor Ort umgesetzt werden. Vergleicht man die Medienwirksamkeit der Päpste mit einer Kampagne, dann fehlt in der deutschen Kirche die Umsetzung vor Ort. Interessierte müssen eingeladen werden, will man sie bei Veranstaltungen und Gottesdiensten der Kirche begrüßen können. Die Gottesdienste sind nicht auf die jüngeren Zielgruppen ausgerichtet, junge Eltern werden nicht im Krankenhaus von der örtlichen Pfarrei begrüßt und zur Taufe eingeladen. Insgesamt ist die deutsche Kirche für Außenstehenden nicht greifbar. Sie bietet keine Anknüpfungspunkte. Bei Eheschließungen, Begräbnissen werden die Teilnehmenden entlassen, ohne zu einer weiteren Veranstaltung der Kirche eingeladen zu werden. Das heißt nun nicht, daß sich die katholische Kirche in Deutschland eine werblich perfekte Oberfläche zulegen soll. Das Gegenteil, denn die Bilder, die Wertprofile und vieles andere sind vorhanden. Die Menschen sind an der Kirche interessiert, wie sie vom Papst dargestellt wird. Die Kirche muß ihre Werte und Bilder aktiv zu den Menschen bringen und kann nicht warten, ob diese kommen.

Kommentar

Der Papst als Kommunikator

Nicht nur Johannes Paul II, sondern auch dem eher zurückhaltenden Benedikt XVI. gelingt es, in der Öffentlichkeit eine große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erzielen. Der neue Papst war früher nicht so medienfreundlich. Erhat erkannt, daß es zum Amt des Papstes gehört, Positionen und Werthaltungen öffentlich für die ganze Kirche zu vertreten. Denn die Medien ermöglichen es vielen Menschen, sich mit Positionen der katholischen Kirche intensiver auseinanderzusetzen. Was sind die Faktoren, die der katholischen Kirche zu einem überdurchschnittlich hohen Aufmerksamkeitswert verhelfen?

1. Durch eine größere Betonung der Institution ist die katholische Kirche deutlicher wahrnehmbar als die protestantischen Kirchen. Obwohl die evangelische Kirche eine größere Nähe zur Moderne hat und der Gesellschaft weniger Reibungsflächen bietet, gelingt es ihr nicht, die Wahrnehmung der Öffentlichkeit so zu mobilisieren wie der katholischen Kirche.

2. Bei der katholischen Kirche kommen sichtbare Zeichen hinzu, die in einer Bild-orientierten Mediengesellschaft von Bedeutung sind, Bauwerke, Skulpturen, Gottesdienste, Kleidung der Ordensleute, Großereignisse. Diese sind für das Fernsehen leichter zu transportieren als Worte.

3. Die katholische Kirche ist weltweit vertreten und hat zugleich einen Mittelpunkt. Der Platz mit der Fassade des Petersdoms und den Kolonnaden bietet bis heute eine Bühne, die einmalig ist., von den Renaissance-Päpsten

4. Das Fernsehen lenkt den Blick auf nur wenige Personen, während die Zeitung eine größere Breite zur Sprache bringt. In einer (noch) vom Fernsehen geprägten Mediengesellschaft ist eine Person, die befugt ist, für eine weltweite Organisation zu sprechen, ein optimaler Kommunikator. Anders als der Generalsekretär der UNO ist der Papst nicht nur Koordinator der verschiedenen Meinungsströme im Katholizismus, sondern ein wirkliches Oberhaupt. Was in der Reformation mit zur Kirchenspaltung geführt hat, nämlich daß ein Mensch in der Kirche eine solche Autorität haben soll, erweist sich im Fernsehzeitalter als Vorteil.

Kommentar

Katholische Kirche ist Medien-kompatibel

Die katholische Kirche bietet mit Weltjugendtagen, einer Papstwahl, dem Segen „urbi et orbi“ an Weihnachten und Ostern Inszenierungen, an denen die Medien nicht vorbei gehen können. Sie bietet weiter Bilder, z.B. vom Petersplatz oder von einem Jugendtreffen, die keine Werbeagentur liefern könnte.

Auch weil die katholische Kirche sich hin und wieder quer gegen den Zeitgeist stellt, wird sie deutlich wahrgenommen.

Für die Journalisten bietet die hierarchische Struktur eine Orientierung. Viele sprechen zwar für die katholische Kirche, aber der Vorsitzende einer Bischofskonferenz und vor allem der Papst sagen definitiv, was die katholische Kirche zu einzelnen Themen zu sagen hat.

Die katholische Kirche ist von ihren Strukturen her, die sie aus ihrer Geschichte mitbringt, unverwechselbar und damit für die Medien unübersehbar.

Das erklärt den Erfolg vor allem von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. im Fernsehen.

Prof. Renate Köcher anläßlich der 75-Jahr-Feier von Radio Vatikan bei einem Symposion in Rom am 11.7.06.

Kommentar

90% der Kinder mit der Bibel erreichen

Die Evangelische Kirche in Deutschland setzt sich ein ehrgeiziges Ziel: „90% aller Kinder eines Jahrgangs sollten im Laufe ihrer ersten sechs Lebensjahre mit biblischen Geschichten und christlichen Symbolen, mit christlichen Festen und kirchlichen Traditionen sowie ihren modernen Vermittlungsformen in Berührung kommen….;“ heißt es in „Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“, veröffentlicht am 6. Juli 2006. Beiden Kirchen in Deutschland stehen für diese Zielsetzung die eigenen Kindergärten zur Verfügung. Aber sie erreichen mit diesen pädagogischen Einrichtungen nicht 90% der Kinder. Wenn die Forderung ernst gemeint ist, müssen Bibelprogramme, Feiertagssendungen u.a. für Fernsehen, zum Download und als DVD auf den Markt kommen. Das ist wohl angezielt mit den „modernen Vermittlungsformen“. Wenn die Medien entschlossen eingesetzt werden, kann das Ziel erreicht werden. Im Kinderkanal bisher gezeigte Bibelserien hatten bei den Kindern eine sehr gute Resonanz. http://www.ekd.de/presse/pm141_2006_perspektivpapier.html

Kommentar

10,5 Stunden täglich Medien

600 Minuten, das sind 10 Stunden, ist der Durchschnittsbürger täglich in den Medien, 221 Minuten, d.h. 3 Stunden und 41 Minuten wird Radio gehört, eine Minute weniger ferngesehen. 45 Minuten entfallen auf CD’s, das Internet wird 44 Minuten besurft, für die Tageszeitung bleiben im Schnitt 28, für Buchlektüre 25 Minuten.

Interessant ist die Aufshclüsselung, wieviel Menschen pro Tag durch ein Medium erreicht werden. Hier ist das Fernsehn Spitzenreiter, 89% der Bevölkerung schalten den Apparat täglich ein, 84% das Radio. Die Tageszeitung liegt noch vor dem Internet, 51% der Bundesbürger schauen täglich in die Zeitung, erst 28% ins Internet. Die Zahlen finden sich in der Nummer 9. 2005 der Zeitschirft “Mediaperspektiven” unter http://www.ard-werbung.de/showfile.phtml/09-2005_ridder_engel.pdf?foid=15614 alle fünf Jahre werden im Auftrag von ARD und ZDF zu allen Medien die Nutzungsdaten erhoben.

Wenn sich die Kirchenleute fragen, wo sie die Menschen treffen können: In den Medien sind sie über 10 Stunden unterwegs; die Älteren mehr in der Zeitung und im Fernsehen, die Jüngeren mehr im Radio und im Internet.

Kommentar