Archiv des MonatsSeptember, 2006

Kampf der Religionen in den Medien

Der Papst hat in einer Vorlesung in der Universität Regensburg eine Diskussion aus dem 14. Jahrhundert zitiert. Die ganze Welt ist mit den Wirkungen dieses Zitats konfrontiert. Hätte das Fernsehen die Ansprache nicht übertragen, wäre nicht in den Zeitungen darüber berichtet worden, hätte sich die Welt nicht verändert. Die muslimische Welt hätte dem Vortrag des Papstes auch keine Beachtung schenken müssen, wäre die Rede nicht übertragen worden. Zudem war das Thema des Vortrages nicht einmal der Islam, sondern das Verhältnis von Vernunft und Religion. Der Appell des Papstes richtet sich an den westlichen Vernunftgebrauch, nämlich die Religion aus den Gegenständen der Vernunft nicht weiter auszublenden. Nun könnten die Intellektuellen aus der Reaktion des Islam schließen, dass Religion nichts mit Vernunft zu tun hat. Das ist aber ein Fehlschluß. Die Reaktionen aus der islamischen Welt sind strategisch angelegt. Sie sind vor dem Hintergrund zu verstehen, dass der Islam sich im Krieg mit dem Westen sieht. Während der Westen und damit die Christenheit davon ausgehen, dass der Islam mit der Zerstörung des Word Trade Centers den Krieg endgültig in die westlichen Länder getragen hat, sieht der Islam sich schon vorher vom Westen angegriffen. Dieser Krieg lässt sich ohne große Verluste in den Medien austragen. Wie im Karikaturenstreit haben der Papst und damit der Westen eine Niederlage erlitten. Es ist genau das eingetreten, was das Zitat aus dem Mittelalter besagt, nämlich dass der Islam sich mit Gewalt ausgebreitet hat und vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckt. Aber im Zeitalter der Massenmedien braucht er nur mit der Anwendung von Gewalt zu drohen. Da jeder weiß, dass islamistische Gruppen eine solche Drohung auch wahrmachen können, ist die Wirkung in den Medien gelungen. Aber warum ist das kein politischer, sondern ein religiöser Kampf? Weil der Islam nicht zwischen Politik und Religion trennt. Deshalb kann der Islam sein Gefühl der Überlegenheit aus seiner religiösen Überzeugung ableiten. Da sich die Überlegenheit im Kampf erweist, ist die Auseinandersetzung um die Vorlesung des Papstes in Regensburg ein Sieg des Islam über das Christentum. Und was sagt die westliche Vernunft? In der Gestalt des säkularen Staates Israel kennen wir bisher nur die gleiche Antwort, nämlich Gewalt. Nicht anders die USA. Der Papst und viele protestantische Kirchen hatten sich gegen den Irakkrieg ausgesprochen. War das auch ein Votum gegen die westliche Vernunft?

Kommentar

Verändern die Medien die Religiosität?

Die erste Antwort könnte sein: Das können die Medien nicht. Aber haben sie das nicht schon früher getan? Die orthodoxe Religiosität wäre in ihrer Grundstimmung ganz anders, wäre im 8. Jahrhundert der Bilderstreit so entschieden worden, wie es die Bilderstürmer wollten. Wir können es an evangelischen Kirchen wahrnehmen. Die Abstinenz von Bildern gibt den reformierten Kirchen eine andere Ausstrahlung als den lutherischen. Aber das alles geschieht in den Kirchen, im Zusammenhang mit dem Gottesdienst. Die Medien scheinen darauf wenig Einfluß zu haben. Ein Blick in die Medien selbst führt weiter.
Blättert man eine evangelische oder katholische Kirchenzeitung durch, dann erscheint Religiosität als etwas Nüchternes. Es wird in einfacher Sprache und mit Fotos aus dem Leben der Kirchengemeinden berichtet. Dazu werden Bibeltexte ausgewählt und geistliche Worte abgedruckt. Gleiches gilt für die Tageszeitungen, der Leser wird über das informiert, was die Kirchen tun, veranstalten, wer in ein bestimmtes Amt gewählt, eingesetzt wird. Schon anders kommt Chrismon daher, es greift Themen auf, fühlt sich spiritueller an. Wer dann noch in die Bildzeitung schaut, dem kommt eine ganz andere Religiosität entgegen. Da stehen wie in der Kirchenpresse Menschen im Mittelpunkt. Die werden aber nicht in ihrer kirchlichen Funktion und mit offiziellen Stellungnahmen vermittelt, sondern als Glaubende. Häufig finden sich in der Bildzeitung religiöse Bekenntnisse. Religion tritt dem Leser als etwas Energiegeladenes entgegen, Energie zum Leben und sozialen Einsatz.

Die Kirchensendungen der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsender ähneln in ihrer Tonalität der Kirchenpresse, fleißige Berichterstattung über die Kirchen, Porträts und Länderberichte. Aber die Zuschauer ziehen die Gottesdienstübertragungen und noch mehr die Fernsehspiele und Nonnen- und Pfarrer-Serien vor. In diesen Formaten spiegelt sich das „pralle Leben“, Menschen haben große Probleme, die von dem Protagonisten, der Protagonistin mit persönlichem Einsatz und nach christlichen Wertvorstellungen gelöst werden. Das muß Wirkungen haben. Je mehr Religion Thema der populären Medien wird, desto mehr sind Personen mit einem deutlichen Bekenntnis gefragt. Die nicht-kirchlichen Medien ändern die Religiosität entscheidend. Aus etwas wohl Bedachtem, von Chorälen Besungenem wird Religiosität zum Thema der einfachen Leute. Nicht mehr die reflexive Sprache von Professoren und wortgewandten Pfarrern ist da zu hören, Religion wird im Bekenntnis verankert und gibt dem Leben Energie – genau das Konzept der charismatischen Bewegungen und Freikirchen.

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