Archiv des MonatsNovember, 2006

Religion muß im Internet ankommen

98% der Altersgruppe zwischen 14 und 29 Jahren nutzt das Internet. Das war bei der Einführung dieses mit dem Computer verbundenen Mediums nicht erwartet worden. Man ging damals von einer Reichweite von 30 bis maximal 50% aus. Grund für die Annahme war, daß das Internet nur ein Medium der besser Ausgebildeten werden könnte. Eine fast hundertprozentige Verbreitung in der jüngeren Generation bedeutet, daß das Internet das Bildungsgefälle in der Bevölkerung nicht vergrößert, obwohl gerade das erwartet worden war. Wie das Handy ist das Internet zu einem die Bevölkerungsschichten verbindenden Medium geworden.

Für die Kirchen heißt das, daß sie vorrangig über das Internet und nicht mehr über Zeitungen bzw. Fernsehen die Jüngeren erreichen kann. Es ist nicht zu spät, die Medienstrategie neu auszurichten. So richtet die größte deutsche Reagionalzeitung, die Westdeutsche Allgemeine, die vor allem im Ruhrgebiet verbreitet ist, eine Internetredaktion mit lokalen Nachirchtenseiten ein. Ein weiteres Beispiel: Die Agentur Springer&Jacoby in Hamburg, die einst führend war, inzwischen aber große Etats, wie den für Mercedes, verloren hat, setzt einen Geschäftsführer ein, der bisher eine Internetagentur geleitet hat.

Wer sind die immer noch 36% Internetabstinzler? 78% dieser 23,2 Millionen Menschen sind älter als 50 Jahre. Ein zweites Merkmal ist ein niedriger Bildungsabschluß. So besagen es die Daten, die die Marktfoscher von TNS-Infratest erhoben haben, die die Umfrage mit der Initiative D21 durchgeführt haben. Rekrutiert sich aus dieser Gruppe nicht auch das Gros der Kirchgänger?

Kommentar

Selbstverbrennung – damit man darüber redet

Protest gegen die Gleichgültigkeit in Sachen Religion
Ein pensionierter evangelischer Pfarrer hat sich mit Benzin übergossen und selbst in Brand gesetzt. Er ist an seinen Verletzungen gestorben und hat wohl vor seinem Tod Abstand zu seiner Tat genommen. Tag und Ort waren bewußt gewählt: Der Reformationstag und das Augustinerkloster in Erfurt, in das Luther eingetreten war, um seiner geistlichen Berufung zu folgen. Eine solche Tat beinhaltet eine bewußte Demonstration. Pfarrer Weisselberg wollte gegen die mangelnde Entschiedenheit gegenüber dem Islam ein Zeichen setzen. Er sah die Gefahr einer „Weltherrschaft des Islam“, die von seiner Kirche nicht wahrgenommen werde. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, den seine Frau in der Wohnung fand. Ähnlich hatte 1976 der Pfarrer Oskar Brüsewitz gegen die Kirchenfeindschaft des damaligen SED-Staates mit einer Selbstverbrennung demonstriert. Auf ihn berief sich Pfarrer Weisselberg, als er sich mit Öl übergoß. Und er rief den Namen Jesu an, bevor er sich in Brand setzte. Dieser inszenierte Selbstmord wurde nicht aus Überdruß am Leben begangen. Der pensionierte Pfarrer war aktiv geblieben und hatte z.B. weiterhin Gottesdienste gehalten. Er fühlte sich wohl in einer ausweglosen Situation und setzte sein Leben ein, um für seine Überzeugung einzustehen.
Medial scheint das Ereignis nicht ausgeschlachtet worden sein, es fehlten die Bilder. Aber sicher hat der Pfarrer eine öffentliche Resonanz erzeugen wollen.
Hat er um der öffentlichen Wirkung willen Strategien islamischer Selbstmordattentäter übernommen? Glaubte er, wie viele Kreise im Islam, daß nur der Tod als letztes Mittel übrig bleibt, weil die Situation ausweglos erscheint? Fühlte er sich von Gott zu diesem Zeichen beauftragt oder war die Selbstverbrennung ein Hilfeschrei, daß Gott handelt. Aber er hat wohl eher seine Kirche im Auge gehabt, als daß er an der Macht Gottes gezweifelt hätte. Offensichtlich hat er in seinen letzten Stunden im Krankenhaus erkannt, daß Gott solche Opfer nicht will und daß christliches Martyrium nicht gesucht, sondern nur von den Gegnern des Christentums auferlegt wird. Es gehört auch, anders als im Islam, nicht zur Ethik des Christentums, daß Vorgesetzte oder geistliche Führer von anderen Christen das Martyrium einfordern dürfen.
Mit der Selbstverbrennung des Pfarrers wurde die Gewaltspirale weiter gedreht. Es wird deutlich, daß die Kirchen ihren Mitgliedern mehr Orientierung geben müssen, sollen nicht einzelne die Hoffnung verlieren, daß das Christentum in Europa dem Islam noch einmal standhält.

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