Bei dem Streit um die Karikaturen in einer dänischen Zeitung hat der Islam bewiesen, daß er auf das europäische Rechtssystem Einfluß nehmen kann. Damit ist dem Westen deutlich geworden, daß der Islam sehr wohl bestimmen kann, was gesendet bzw. gedruckt werden kann, wenn es um die Darstellung seiner Religion geht. Dieses Recht wird den christlichen Kirchen abgesprochen. Die Diskussion um die Karikaturen hat zu keinem Konsens darüber geführt, welche Inhalte und Bilder der christlichen Religion von der Satire ausgeschlossen sind. Die Sängerin Madonna kann ohne Protest das Kreuz karikieren.
Europa kann bereits nicht mehr sein Verständnis von Pressefreiheit weiter praktizieren. Dafür ist der Islam inzwischen über die neuen Medien zu gut organisiert, als daß nicht über alle muslimisch geprägten Länder hinweg genügend Druck auf Europa ausgeübt werden könnte. Europa kann sich auch nicht der Illusion hingeben, daß die Medien zu einer Säkularisierung der islamischen Gesellschaften führen. Gerade die fundamentalistischen Strömungen nutzen die Medien. Deshalb ist eine intelligente Kommunikationsstrategie erforderlich.
Europa muß mit dem Islam in einen aktiven Dialog über das Rechtssystem kommen. Es darf sich nicht wie bei dem Streit um die Karikaturen einschüchtern lassen.
In den Medien darf es kein zweierlei Recht geben. Entweder stehen die Medien die Auseinandersetzung mit dem Islam durch oder sie einigen sich sowohl mit den christlichen Kirchen wie mit dem Islam auf einen Verhaltenskodex. Wenn die Medien auf ein staatliche Regelung warten, haben sie bereits einen Teil der Rechtsordnung aufgegeben, weil sie sich dem Druck beugen.
Anstatt ohne Diskussion vor dem Islam zurückzuweichen, müssen die Medien sich zur Plattform für den Dialog machen.
Die christlichen Kirchen müssen den religiösen Dialog anders führen. Es geht darum, ob der Islam ein anderes Bekenntnis bestehen läßt oder in Europa alles daran setzt, daß sein Gottesbekenntnis das einzig gültige ist. Das hätte zur Folge, daß die Christen zwar noch ihre Kirchen besuchen und Gottesdienste feiern dürfen, daß aber das christliche Bekenntnis aus den Medien verbannt wird.
Das ist alles noch nicht akut. Aber da die Medien schon einmal vor dem Islam eingeknickt sind und die christlichen Kirchen weiter wie bisher behandeln, ist der erste Schritt in die hier skizzierte Richtung getan.
Auch die Kirchen müssen sich entschiedener verhalten. Damit sie in den Dialog wirkungsvoller einsteigen können, braucht es eine Neuausrichtung der Theologie. Sie muß sich von der 200 Jahre Aufklärung verabschieden, die bis heute die Bibelwissenschaft wie die systematische Theologie prägen. Die Auseinandersetzung mit den anderen Religionen muß der vorrangige Horizont der Theologie werden. Dazu ein Beispiel: Der größte mittelalterliche Theologe, Thomas von Aquin hat zuerst eine Darstellung des Glaubens im Blick auf die Nichtchristen geschrieben, seine Summa gegen die Heiden, ehe er für die Christen die Summa theologica verfaßte.
Die Herausforderung durch den Islam ist kein Finanzproblem. Die Mittel, u.a. eine gut ausgebaute theologische Wissenschaft, stehen zur Verfügung. Vielleicht sollten die Finanz- und Kulturpolitiker darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, theologische Fakultäten zu schließen. So teuer sind 10 Lehrstühle nicht. Die Fakultäten brauchen allerdings ein erweitertes Aufgabenspektrum über die Ausbildung kirchlicher Mitarbeiter hinaus.