Archiv für den 16. August 2010

Können Unternehmen nicht “moralisch” agieren?

Montag, 16. August 2010

Können Unternehmen nicht “moralisch” agieren?

„Wer sich in den vergangenen Monaten über BP aufgeregt hat, ist naiv.“, kann man in der Financial Times Deutschland vom 7. August unter der Überschrift Moral und Erfolg schließen sich aus nachlesen und in der Tat gibt es viele Möglichkeiten, sich im Zusammenhang mir der Ölkatastrophe Naivität vorwerfen lassen zu müssen. Eine von Ihnen ist, dass man immer noch wie selbstverständlich davon ausgeht, alle Beteiligten hätten aus der Wirtschaftskrise ihre Lehren gezogen und würden ihre Unternehmen auf nachhaltiges Wachstum trimmen oder, etwas sarkastischer, wie konnte man überhaupt davon ausgehen, dass ein auf riskante Ölbohrungen spezialisierter Konzern ein funktionierendes Sicherheitskonzept vorhalten könnte, das im Katastrophenfall wirksam und schnell greifen würde.

Wieder einmal sind wir beim Thema Ethik in der Wirtschaft angekommen und der Frage zahlt sich das wirklich aus? Glaubt man dem Kommentar in der FTD, lautet die Antwort: Nein, denn: „… Trotzdem kann niemand von BP verlangen, freiwillig auf sie (die Offshorebohrungen, Anm. der Redaktion) zu verzichten – ob im Golf von Mexiko, vor Ostafrika oder im Mittelmeer vor der libyschen Küste. Der Konzern wird nicht zugunsten von Umweltschutz auf Profit verzichten. Konzerne sind Systeme, die nicht auf Moral ausgerichtet sind. Selbst wenn er wollte, der Chef von BP könnte gar nicht einfach auf die umstrittenen Tiefwasserbohrungen verzichten. Er ist in seiner Funktion nicht der Gesellschaft verpflichtet, sondern seinen Arbeitgebern: den Eignern des Ölkonzern. … Es gibt sie eben doch, die Fälle, in denen es lukrativ ist, die Umwelt zu verschmutzen“

Niemand stellt in Abrede, dass Unternehmen Gewinne erwirtschaften müssen. Gerade die Vorstände von Aktiengesellschaften unterliegen einem hohen Erfolgsdruck, da sie dem Shareholder Value verpflichtet sind und doch sind die Folgerungen der FTD völlig falsch. Die Frage ist nicht, ob BP generell auf riskante Offshorebohrungen verzichten soll, sondern warum man bei BP wider jeglicher ökonomischer Vernunft und ethischer Verantwortung keine verantwortliche Risikoabwägung vorgenommen hat. Wäre dies erfolgt, hätte man einen funktionierenden Notfallplan haben müssen, der den unkontrolliert ins Meer fließenden Ölstrom in einem angemessenen Zeitfenster zum versiegen gebracht hätte. Wie wir jetzt wissen, hat es einen solchen Plan nicht gegeben.

BP wird für den Schaden aufkommen müssen, ein Schaden, der so groß ist, dass er den Ölmulti empfindlich treffen wird. Der Fortbestand des Unternehmens ist zwar nicht gefährdet, aber BP tut zur Zeit alles, um ihre Solvenz zu untermauern. Trotzdem ist der Aktienkurs um 30% gesunken und die Bonität des Konzerns zurückgestuft. Frisches Geld, das zur Schadensregulierung dringend benötigt wird, muss deutlich teurer eingekauft werden. Auch die zukünftige Entwicklung ist ungewiss. Wegen der Ölkatastrophe musste BP mit – 17 Milliarden Dollar den ersten Quartalsverlust seit zwanzig Jahren ausweisen.

Wie sieht es auf Vorstandsebene aus. Tony Hayward, der bisherige Vorstandschef, wird zum Oktober seinen Hut nehmen müssen. Es wird zwar ungeschoren davonkommen und mit einem goldenen Handschlag verabschiedet werden, aber für alle Zukunft werden die BP Vorstände dafür sorgen müssen, ihre riskanten Bohrungen mit effizienten Notfallplänen abzusichern oder sie ganz einzustellen. Fehlt ein angemessenes Riskomanagement und die Anforderungen daran werden in Zukunft deutlich höher werden, müssen die Vorstände davon ausgehen, persönlich in die Haftung genommen zu werden.

Damit sind wir wieder bei unser Ausgangsfrage angekommen: Können Unternehmen moralisch handeln? Ja, muss die Antwort lauten, alles andere können sie sich nicht leisten. Das Beispiel BP zeigt, dass alles andere ganz schnell zu einem Vabanquespiel werden kann. BP ist geschwächt, wird aber überleben und das ist gut so. Wie wir alle, lernen auch Unternehmen aus Fehlern, je größer diese sind, desto schneller. Es ist zu erwarten, das sich nicht nur BP, sondern die gesamte Branche verändern wird. Moral ist kein Luxusgut, die man zu PR-Zwecken und Sonntagsreden beliebig hervorzaubern kann, sondern wichtiger Aspekt für die langfristige Unternehmensperspektive. Dies hat BP gerade schmerzlich erfahren müssen.

Immer wieder wird versucht die Themen Moral und Ethik von der Betriebswirtschaft zu trennen, dabei sind beide Bereiche eng miteinander verwoben und finden sich von der Erschließung neuer Märkte bis zur Mitarbeitermotivation in allen betrieblichen Ebenen wieder, auch zur Steigerung des Unternehmensgewinns. Mehr dazu finden Sie im PTL Wirtschaftsblog.

Autor
Stefan Drägert