Das sanfte Duell der Kanzlerkandidaten

Der erste Eindruck des im Vorfeld von den Medien als das Duell des Jahres hochgejubelte, direkte Aufeinandertreffen der Kanzlerkandidaten Frau Merkel und Herrn Steinmeier ist etwas enttäuschend. Wer sich auf einen offenen Schlagabtausch gefreut hatte, war hier falsch.

Aber konnte man ernsthaft erwarten, dass nach vier Jahren großer Koalition mit offenem Visier gekämpft werden kann. Schließlich wurden alle Gesetze gemeinsam erlassen und sind letztendlich Kompromisslösungen zwischen den Partnern. Wer sich jetzt hinstellt und Attacke gegen den Koalitionspartner bläst, macht sich und seine Partei schlichtweg unglaubwürdig.

Wer wirklich etwas erfahren wollte, musste auf die Zwischentöne achten und die waren ausreichend vorhanden. Während die Kanzlerin sich selten den Fragen der Moderatoren direkt stellte und rhetorisch meisterhaft und zur Freude eines jeden Kommunikationstrainers, zu jeder Frage ihr Parteiprogramm wiedergab, versuchte Steinmeier auf die Fragen direkt zu antworten. Während Frau Merkel souverän, aber hölzern wirkte, punktete Steinmeier mit Offenheit und wirkte insgesamt kompetenter.

Ein kurzer Blick auf die Wirtschaftspolitik. Hier gab es nichts neues von der Bundeskanzlerin. Wachstum schafft Arbeitsplätze, Steuersenkung schafft Wachstum und die soziale Marktwirtschaft wird dies alles richten. Diese Aussage zieht sich durch das Wahlprogramm der CDU seit Ludwig Erhard. Interessant ist aber, dass sich Frau Merkel gezwungen sieht klarzustellen, dass sie und ihre Partei zur sozialen Marktwirtschaft stehen. Vielleicht deshalb, weil die Mehrheit in unserem Land nicht mehr empfindet, dass es sozial gerecht zugeht. Wir befinden uns, so sieht es auch Frau Merkel, mitten in der größten Wirtschaftskrise der Bundesrepublik und doch tun einige Banken, insbesondere die Investmentbanken so, als hätte es die Krise nie gegeben. Aus diesem Grund haben sich viele gewünscht konkrete Lösungsvorschläge zu erfahren. Sie bekamen aber nur Allgemeinplätze geboten.

Für mich war Steinmeier konkreter. Über eine schärfere Bankenaufsicht hinaus, Begrenzung von Boni etc. war er der Einzige, der ein Umdenken der Wirtschaft zurück zu ethischen Werten, hin zu einer ganzheitlichen Verantwortung unserer Manager für ihre Arbeitnehmer und für unsere gesamte Volkswirtschaft, forderte. Diese Forderung ist nicht einfach umzusetzen. Gesetze allein werden ebensowenig ausreichen wie ein rein nationaler Weg. Nur wenn Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gewerkschaft diese Diskussion ernsthaft führen und in die Breite tragen, wird ein längst überfälliger Prozess in Gang gesetzt werden können:
Es werden kreative Lösungsansätze definiert, die einem Hochlohnland wie Deutschland Wachstum in einer globalen Wirtschaft ermöglichen, obwohl die Arbeitsplätze in der industriellen Massenfertigung immer schneller in Niedriglohnländer abwandern werden. Dies ist der Schlüssel, um als Sieger aus der Krise hervorzugehen. Die Wissensgesellschaft wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Diese Diskussion traue ich nach dem gestrigen Abend Herrn Steinmeier eher zu als Frau Merkel. Wie meinte Günther Jauch in der Nachbetrachtung bei Anne Will gestern so schön, Frau Merkel hat nichts gesagt was das „C “ in ihrem Parteinamen rechtfertigen würde.

Stefan Drägert

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