Mit ‘Wirtschaft’ getaggte Artikel

Interview mit Peter Unterberg, Geschäftsführer des BKU zu dem Harz IV Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Dienstag, 09. Februar 2010

Nach dem heutigen Urteil aus Karlsruhe hatte kath.de die Möglichkeit kurz mit Peter Unterberg, Geschäftsführer des Bund Katholischer Unternehmer (BKU) zu sprechen.

Kath.de: Der BKU hat vor Kenntnis des Urteils aus Karlsruhe ein richtungsweisendes Arbeitspapier zum Komplex Harz IV veröffentlicht, das deutlich höhere Sätze als die aktuellen vorsieht. Wie empfinden Sie vor diesem Hintergrund das Urteil aus Karlsruhe?

Peter Unterberg: Zunächst einmal: Unser Alternativvorschlag sieht sogar abgesenkte Hartz IV Sätze für Erwachsene vor – bei deutlich verbesserten Zuverdienstmöglichkeiten. Für Kinder sehen wir in der Tat höhere Beträge vor, sowie Gutscheine für den Erziehung-, Betreuungs- und Ausbildungsbedarf. Wegen des Lohnabstandsgebotes erhalten aber alle Familien diese Gutscheine. Wer diese Wahlmöglichkeit nicht wahrnehmen möchte, kann im „alten Hartz IV-System bleiben. Diese zweite Möglichkeit ist verfassungsrechtlich geboten, damit das Existenzminimum sichergestellt ist. In den Beträgen, die wir hier nennen, sind neben den Regelsätzen auch die Bedarfe für Wohnung und Heizen eingerechnet. Sie können im übrigen durch die jetzt von Karlsruhe geforderten neuen Berechnungsverfahren unproblematisch modifiziert werden.

Ihr Ansatz enthält höhere Freibeträge für die Anrechnung von Arbeitseinkommen. Wie sehen Sie die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Haben geringer qualifizierte und Arbeitssuchende jenseits der 50 überhaupt noch Chancen auf einen Arbeitsplatz?

Unser Modell schafft auf jeden Fall deutlich bessere Anreize für Langzeitarbeitslose, sich überhaupt aktiv um Arbeit oder Weiterbildung zu bemühen, weil sie eigenes Einkommen in höherem Umfang behalten dürfen als bislang. Auch wenn das in vielen Fällen nicht sofort zu einer Vollzeitstelle führen wird, ist das doch ein erster, wichtiger Schritt in Richtung erster Arbeitsmarkt.

Ohne Zweifel wird das Karlsruher Urteil den Staatshaushalt belasten. Anstelle die Arbeitslosigkeit zu verwalten, ist die Schaffung von Arbeitsplätzen nachhaltig günstiger und besser geeignet den Menschen ihre Würde zurückzugeben als höhere Harz IV Sätze. Joboffensive nennt das die Bundesregierung. Haben die Unternehmer hier schon alles getan?

Auch für den BKU gilt der Satz „sozial ist, was Arbeit schafft.“ Allerdings muss man klar sagen, dass die Unternehmen nicht für die Arbeitslosigkeit haftbar gemacht werden können. Ich weiß aber von sehr vielen Unternehmern, dass sie derzeit große Anstrengungen unternehmen, um ihre Belegschaft möglichst komplett durch die gegenwärtige Krise zu tragen. Schon dass ist eine Leistung, die nicht hoch genug bewertet werden kann. Und wenn die Bundesregierung die Rahmenbedingungen verbessert – etwa bei den Lohnnebenkosten, der Komplexität des Steuerrechtes oder der Arbeitsgesetze – werden die Unternehmen es sich auch wieder leisten können, mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

Ihr Papier enthält eine Finanzierung von Erziehungs- und Bildungsausgaben wie Sportvereine, Musikschulen und Nachmittagsangeboten von Schulen auf Gutscheinbasis. Denken Sie, dass in Deutschland genug für Bildung und Ausbildung der jungen Generation getan wird? Können die Unternehmer hier etwas tun?

Wir müssen in Deutschland viel mehr in die Bildung investieren. Der BKU hat dazu vor einiger Zeit ein umfangreiches Konzept vorgelegt. Darin fordern wir vor allem, mehr Mittel in die frühkindliche Bildung umzuschichten. Die Unternehmen leisten schon heute einen wesentlichen Beitrag, in dem sie in unserem dualen Ausbildungssystem den betrieblichen Teil der Berufsausbildung stemmen. Wenn Sie die aktuelle Jugendarbeitslosigkeit international vergleichen, sehen Sie, dass wir damit ein Modell haben, dass auch in Krisenzeiten dem weitaus größten Teil der Jugendlichen den Weg in eine qualifizierte Berufsausbildung ebnet. Im Bezirk der IHK Bonn-Rhein-Sieg etwa ist im Krisenjahr 2009 die Zahl der Ausbildungsverhältnisse auf ein historisches Rekordniveau gestiegen.

Herr Unterberg, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Stefan Drägert für kath.de

Kommentar zum Urteil des Bundesverfassungsgericht

Wirtschaftsethik und Bonuszahlungen Teil 4

Sonntag, 29. November 2009

Die nachhaltige Verankerung ethischer Werte im Unternehmen erfordert ein Umdenken bei der Bemessungsgrundlage von variablen Vergütungsbestandteilen

Sofern unternehmensethische Anreize von der erfolgsabhängigen Vergütung ausgehen sollen, stellt sich die Frage, wie wir die entsprechenden Erfolgskriterien definieren und Fortschritte messbar machen. Denn nur was ich messen kann, kann ich auch managen. „Balanced Scorecard“ (BSC) hat als erstes versucht, durch objektive Kennzahlen integriertes Management messbar zu machen und Fortschritte objektiv abzubilden. Dabei wurden von Anfang an auch nicht-monetäre Aspekte in Form von Kennzahlen abgebildet, die ein laufendes Controlling der Fortschritte im ganzheitlichen Management ermöglichen.

Nehmen wir einmal an, wir möchten die Mitarbeitermotivation in unserem Unternehmen steigern und gleichzeitig erreichen, dass zielorientierter gearbeitet wird. Aus diesem Grunde haben wir uns zu einer transparenten Unternehmensführung entschlossen, die sowohl die strategischen Unternehmensziele als auch die operativen Ziele jeder Abteilung öffentlich macht. Darüber hinaus soll laufend über den Fortschritt der Zielerreichung berichtet werden. Selbstverständlich sollen die Ziele dynamisch fortgeschrieben werden und der Erfahrungsschatz der Mitarbeiter in einem internen Kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP) einfließen. Viele Unternehmen kommen genau bis zu diesem Punkt. Meist zum Jahresanfang werden diese Maßnahmen zusammen mit wohlformulierten Zielen der Belegschaft verkündet, um dann wohl geordnet in der Ablage zu verschwinden ohne gelebte Unternehmenskultur zu werden. Warum? Weil im Vorfeld keine Überlegungen dazu angestellt wurden, wie der Fortschritt in diesen Bereichen gemessen werden kann.

Nachdem die strategischen Ziele für das Unternehmen definiert wurden, ist es wichtig diese im Unternehmen zu kommunizieren. Als erste Kennzahl eignet sich daher der Prozentsatz der Mitarbeiter, die unsere Unternehmensziele kennen. Gleiches gilt für die operativen Ziele der einzelnen Abteilungen. Im Bereich der dynamischen Zielfortschreibungen könnte man erfassen, wie viele Rückmeldungen es zu den Zielvorgaben gegeben hat. Waren sie qualifiziert oder erfolgte nur eine Statusangabe? Wie viele Veranstaltungen gab es zum innerbetrieblichen KVP? Wie hoch ist die Quote von Verbesserungsvorschlägen aus der Mitarbeiterschaft? Wie viele davon wurden prämiert?

Selbstverständlich können wir an dieser Stelle nur an der Oberfläche bleiben, da die relevanten Ziele von Unternehmen zu Unternehmen sehr verschieden sind. Aber wir wollen hier auch nur einen kleinen Überblick darüber geben, wie man solche Werte für ein Controlling abbilden und damit auch für die innerbetrieblichen Bonusstrukturen verwenden kann.

Ein Wort zum Balanced Scorecard Verfahren. Grundsätzlich sind sehr gute Impulse von ihm ausgegangen. Leider ist es oft zu einem undurchdringlichen Geflecht von Kennzahlen verkommen, das versucht alle Aktivitäten in Kennzahlen zu pressen. Weniger ist auch hier häufig mehr. Oft wurden in diesem Zusammenhang strategische Ziele definiert, die mehr Allgemeinplätze als individuelle strategische Zielvorgaben waren. Sätze wie: „Wir wollen regionaler Marktführer oder nationaler oder internationaler Marktführer in unserem Marksegment werden“ lese ich viel zu oft in Unternehmens-Scorecards. Dieser Zustand ist aber lediglich das, was Berater aus diesem System gemacht haben. Letztendlich kann BSC nur so gut sein, wie die Strategie und die Werte, die als Grundlage definiert worden sind.

Stefan Drägert

Fortsetzung folgt

Wirtschaftsethik und Bonuszahlungen Teil 3

Donnerstag, 26. November 2009

Die nachhaltige Verankerung ethischer Werte im Unternehmen erfordert ein Umdenken bei der Bemessungsgrundlage von variablen Vergütungsbestandteilen

Bisher haben wir festgestellt, dass Bonuszahlungen für sich genommen völlig wertneutral sind, sich aber sehr gut dazu eignen, Mitarbeiter auf die Erreichung der prämienunterlegten Ziele zu fokussieren. Erst die Bemessungsgrundlage entscheidet darüber, welche Qualität Bonusregelungen haben, ob sie den kurzfristigen Erfolg suchen oder ob sie dem operativen Management den Weg zur Erreichung der strategischen Unternehmensziele weisen.

Ist es das Ziel, das Instrument der variablen Erfolgsbeteiligung für Arbeitnehmer für die nachhaltige Unternehmensentwicklung unter Berücksichtigung wirtschaftsethischer Grundsätze einzusetzen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die definierten Unternehmensziele eng mit der Bemessungsgrundlage für die Höhe der Erfolgsbeteiligung verzahnt sind. In der Unternehmenswirklichkeit ist jedoch sehr oft zu beobachten, dass die unternehmensstrategischen Ziele nicht abschließend definiert sind. Viel zu oft wird hier im Vagen operiert. Doch nur dann, wenn dieser wichtige Bereich umfassend durchdacht wird und daraus langfristige Ziele exakt formuliert werden, können diese in Handlungsanweisungen für das operative Management umgesetzt werden. Erst jetzt kann der Rahmen für eine Bonusstruktur gezogen werden, der die notwendige Impulse sowohl für die kurzfristige operative als auch die mittelfristige strategische Unternehmensentwicklung vorgibt.

Sollen auch unternehmensethische Anreize von der erfolgsabhängigen Vergütung ausgehen, werden auch nicht-monetäre Aspekte in die Bemessungsgrundlage einfließen müssen. Damit ergibt sich das Problem, wie wir die entsprechenden Erfolgskriterien definieren und wie wir die entsprechenden Fortschritte messbar machen. Denn nur was ich messen kann, kann ich auch managen. Dieser Herausforderung werden wir uns in der nächsten Folge stellen und uns die Ansätze aus dem Bereich „Balanced Scorecard“ einmal näher ansehen.

Stefan Drägert

Fortsetzung folgt

Wirtschaftsethik und Bonuszahlungen Teil 2

Sonntag, 22. November 2009

Die nachhaltige Verankerung ethischer Werte im Unternehmen erfordert ein Umdenken bei der Bemessungsgrundlage von variablen Vergütungsbestandteilen

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung äußerte sich der Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, Ulrich Thielemann ablehnend gegenüber jeglichen Leistungsanreizen für Banker durch variable Vergütungsbestandteile. Die Frage, ob er grundsätzlich gegen Leistungsanreize sei, beantwortete er so: »Letztlich ja. Weil Anreize die Mitarbeiter zu Instrumenten einer ökonomischen Radikalisierung degradieren. Und weil eine gemäßigte, verantwortungsvolle Unternehmensführung damit kaum möglich ist.«

Ist es also das Maß aller Dinge, Bonuszahlungen ganz zu verbieten? Thielemann kann dahingehend gefolgt werden, dass Vereinbarungen über erfolgsabhängige Gehaltszahlungen die Aktivitäten der Mitarbeiter in Richtung der Ziele lenkt, für die der Bonus ausgelobt wird. Aber macht dies den Bonus tatsächlich verwerflich? Nein! Die jüngsten Erfahrungen mit falschen Gehaltsanreizen im Bankbereich, die zweifelsohne einen großen Anteil am Entstehen der Finanzkrise hatten, zeigen doch lediglich, das erfolgsabhängige Gehaltszahlungen funktionieren. Nicht die Gewährung von Boni lenkt die Wirtschaft in eine falsche Richtung, sondern falsch definierte Kriterien, welche wiederum ein Indiz dafür sind, dass die strategische Unternehmensausrichtung nicht abschließend definiert ist.

Schauen wir uns die Kriterien an, die ein Mitarbeiter erfüllen muss, um einen Bonus zu erhalten, stellen wir sehr schnell fest, dass meist das Erreichen kurzfristiger, monetärer Ziele belohnt wird. Wenn ausschließlich Umsatzziele definiert sind, muss man sich nicht wundern, dass der Mitarbeiter alles tun wird, um einen möglichst hohen Umsatz zu erzielen. Wie diese Zustande kommen und ob das Unternehmen nachhaltig von diesen Umsatzgeschäften profitiert, gerät dabei in den Hintergrund. Erst wenn die reinen Umsatzziele von weiteren monetären und nicht-monetären flankiert werden, wird ein Unternehmen nachhaltig erfolgreich werden. Im Falle der Banken hätte allein eine Berücksichtigung von notwendigen Wertberichtigungen in den zwei auf den Jahresabschluss folgenden Jahren geholfen, die dramatischen Fehlentwicklungen zu verhindern. Der Fokus der Banker wäre von einem kurzfristigen auf einen mittelfristigen Zeitraum gelenkt worden. Die Einschränkung des monetären Ziels »Umsatzhöhe« durch das monetäre Kriterium »Wertberichtigung im Folgejahr« bewirkt bereits eine deutliche langfristigere Ausrichtung bei dem Eingehen von Umsatzgeschäften und minimiert allein dadurch das Risiko.

Ein um vieles größerer Effekt ließe sich erzielen, wenn auch nicht-monetäre Kriterien in die Berechnung der erfolgsabhängigen Vergütung einfließen würden. Berücksichtigt man Kundenzufriedenheit, nachhaltige Rendite und ethische Grundsätze, ließen sich Exzesse und damit Krisen wirkungsvoll eindämmen. Aber diese Aspekte setzen voraus, das langfristige strategische Unternehmensziele definiert werden, die weit über kurzfristige Profitmaximierung hinausgehen.

Stefan Drägert

Fortsetzung folgt

Wirtschaftsethik und Bonuszahlungen Teil 1

Freitag, 20. November 2009

Die nachhaltige Verankerung ethischer Werte im Unternehmen erfordert ein Umdenken bei der Bemessungsgrundlage von variablen Vergütungsbestandteilen

Anlässlich einer Unternehmertagung mit dem Thema „Unternehmerische Herausforderung: Wirtschafts- und Finanzkrise“ wurde ich von einem Teilnehmer gebeten, einen Überblick über die Entwicklung von Non-Financial-Elements bei der Bemessungsgrundlage von Bonuszahlungen zu geben. Eine sehr gute Frage, die mich dazu bewogen hat, mich mit dem aktuellen Stand der Diskussion zu diesem Thema auseinanderzusetzen.

Bereits am 16. September haben wir an dieser Stelle angemerkt, dass eine ausschließliche Koppelung der Bonuszahlungen an den Jahresüberschuss ist zuwenig, selbst wenn man ein Mittel aus zwei oder drei Jahren zugrunde läge. Wie wäre es, wenn neben der Profitabilität, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Produktivität, die Stellung im Markt oder die Innovationskraft des Unternehmens Berücksichtigung fände? Nur wenn die Berechnungsgrundlage auf breitere Füße gestellt wird, fördern wir wieder langfristiges und strategisches Denken im Unternehmen.

Seitdem ist einiges von der Bundesregierung auf den Weg gebracht worden. Die Bundesbank hat Standards zu den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MARisk) von Banken definiert, die bis zum 31.12. 2009 umgesetzt werden müssen. In einem Schreiben des BaFin vom 14.8. heißt es zu dem Thema Vergütungsregelungen: „Aggressive Vergütungssysteme haben – neben anderen Faktoren – mit zur Finanzmarktkrise beigetragen. Fehlanreize in den Vergütungssystemen führten teilweise zu extremen Ausweitungen von Risikopositionen… Nach den „allgemeinen Anforderungen“ ist z.B. sicherzustellen, dass die Vergütungssysteme mit den in den Strategien niedergelegten Zielen in Einklang stehen. Die Vergütungssysteme müssen ferner so ausgerichtet sein, dass schädliche Anreize zur Begründung unverhältnismäßig hoher Risikopositionen vermieden werden. Abhängig von Art, Umfang, Komplexität und Risikogehalt der Geschäftsaktivitäten sowie der Vergütungsstruktur des Instituts hat die Geschäftsleitung ferner einen Ausschuss einzurichten, der sich mit der Ausgestaltung und Weiterentwicklung der Vergütungssysteme befassen soll.“

So wichtig diese neuen Regelungen sind, stellen sie für alle, die sich auf den Weg machen wollen ethische Werte nachhaltig in ihrem Unternehmen zu etablieren nicht mehr als eine Vorstufe für erste Überlegungen dar. Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, variable Vergütungen an die Erreichung strategisch wichtiger Unternehmensziele zu binden. Wirtschaftsethisch haben diese neuen Regelungen also nur dann Auswirkungen, wenn die mittel- und langfristigen Ziele der Banken endlich auf dem Boden werteorientierter Unternehmensführung definiert werden. Bleibt zu hoffen, dass die Vorschriften des MARisk ständig weiterentwickelt und um solche zur Messung und Einhaltung ethischer Werte ergänzt werden.

Also sind wir fürs erste wieder an unserer Ausgangsfrage angekommen, die von den neuesten Regelungen des Bafin nicht beantwortet werden konnte. Aber das soll uns nicht daran hindern weiter zu suchen. Lesen Sie am Sonntag mehr über die Meinungen von Wirtschaftsethikern zu diesem Thema.

Stefan Drägert

Welche Weichen werden in den Koalitionsverhandlungen gestellt? -Teil 1-

Freitag, 09. Oktober 2009

Zeit für Steuersenkungen?

Ist die FDP schon auf dem Boden der Realität angekommen oder träumt sie noch? Ihr Versuch das Wahlversprechen einzulösen und die Steuern zu senken, nimmt zunehmend groteske Züge an. Die Wirtschaftskrise ist noch nicht vollends ausgestanden. Die HRE hat unlängst Bedarf an weiteren Milliarden angemeldet, Bundesbank und Wirtschaftsweise warnen vor einer Steuersenkung bei gleichzeitiger Neuverschuldung und zu allem Überfluss hat die EU gerade ein Defizitverfahren gegen Deutschland eingeleitet. Doch all dies hindert die Liberalen nicht daran den Druck auf den möglichen Koalitionspartner zu erhöhen und Steuersenkungen durchzudrücken. Im ZDF Morgenmagazin sagte Otto Fricke, (FDP) heute wörtlich: “Wir wollen als FDP eine Koalition, aber nicht um jeden Preis“, „Der Koalitionspartner muss Bewegung zeigen.“

Doch auch die CDU/CSU stimmt in das Lied von der Steuersenkung fröhlich mit ein. Schließlich hatte auch die CSU im Wahlkampf versucht mit Steuersenkungsversprechen zu punkten. Allerdings will man hier nicht ganz so weit gehen wie die FDP. Deshalb versuchte der CDU Unterhändler Steffen Kampeter auf einen Konsens hinzuarbeiten und rasch zu beschwichtigen. Er sagte im ZDF zu den Koalitionsverhandlungen: „Das wird was!“. Beruhigend fügte er, angesprochen auf eine mögliche Steuersenkung hinzu, dass man verhindern werde, dass der Staatshaushalt ruiniert würde. Man kann gar nicht anders, als ihm gutes Gelingen zu wünschen.

Was meint eigentlich der oberste Souverän, der Wähler zu der Diskussion über Steuerentlastungen? Eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD Tagesthemen hat ergeben, dass nur rund 20% der Deutschen Steuersenkungen zum jetzige Zeitpunkt befürworten. Für sie stehen Investitionen in Bildung und stabile Krankenkassenbeiträge im Vordergrund.

Dies ist hoffentlich eine Offenbarung für unsere Politiker. Der Wähler ist gar nicht so egozentrisch und ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil ausgerichtet, wie von den Parteien vermutet. Er ist in der Lage die aktuelle Situation einzuschätzen und bereit Opfer zu bringen. Nicht das schnelle Plus im Netto, sondern eine langfristige Gesundung unserer Volkswirtschaft hat für ihn Vorrang. Respekt, den leider nicht jeder Politiker verdient. Also nicht lange über Steuersenkungen debattieren, sondern diese Stimmung nutzen und sich an einen entschlossenen Neubeginn wagen. Später, wenn wir aus dem Tal heraus sind, ist die richtige Zeit für Steuersenkungen.

Ohnehin wird man den Verdacht nicht los, dass die Steuersenkungsdebatte vom Zaun gebrochen wird, um zu signalisieren, dass man alles versucht um die Wahlversprechen einzuhalten. Denn ein konkreter Zeitplan für die einzelnen Schritte wurde bisher nicht gegeben.

Festzuhalten bleibt, die Majorität der unabhängigen Experten und die Mehrheit aller Bundesbürger erachten eine Steuersenkung zur Zeit als nicht vernünftig. Eine dagegen verglichen kleine Minderheit von Politikern in Koalitionsverhandlungen sieht das aber ganz anders. Politik hat halt manchmal wenig mit Vernunft zu tun.

Stefan Drägert

Begrenzung von Bonuszahlungen von Managern

Mittwoch, 16. September 2009

Kurz vor dem G 20 Treffen in Pittsburgh unterbreitet die Niederländische Bankenvereinigung (NVB) einen Verhaltenskodex

Bonuszahlungen rückten zuletzt zurecht vermehrt in die Kritik. Neben der teilweise exorbitanten Höhe vieler Zahlungen, bietet die momentane Ausgestaltung der zugrunde liegenden Verträge Anlass für Beanstandungen. Belohnten sie doch viel zu oft kurzfristiges Handeln und waren deshalb mitverantwortlich für die Finanzkrise.

Der Vorschlag der NVB geht deutlich weiter als das, was die Bundeskanzlerin regeln möchte. Im Wege einer Selbstverpflichtung der Banken ist vorgesehen, dass alle variablen Gehaltsbestandteile zusammengerechnet nicht höher sein dürfen als das jeweilige Festgehalt. Die Regelung soll allerdings nur für die Vorstände gelten. Kann sie ein Muster für die gesamte Wirtschaft sein?

Der Niederländische Vorschlag geht in die richtige Richtung. Er begrenzt zumindest für die Vorstände eine zunehmend ausufernde Bonusmentalität. Eine Vorstandsvergütung muss einen variablen, erfolgsabhängigen Anteil haben, der an das Erreichen bestimmter Ziele geknüpft ist. Die Koppelung an das Festgehalt ist ebenfalls begrüßenswert, da sie Fehlentwicklungen vermeiden hilft. Boni in Höhe eines Mehrfachen der Festbezüge sind unglaubwürdig, da hier die Leistung eines Einzelnen deutlich überbewertet wird. Häufig sind Fehlentwicklungen die Folge.

Insgesamt geht der Niederländische Vorschlag aber nicht weit genug. Wichtiger als die Frage, ob ein Bonus das 1, 1,5 oder 2 Fache des Festgehaltes betragen darf ist die Definition der Zielerreichung, die zur Bonuszahlung führt. Eine ausschließliche Koppelung an den Jahresüberschuss ist zuwenig, selbst wenn man ein Mittel aus zwei oder drei Jahren zugrunde läge. Wie wäre es, wenn neben der Profitabilität, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Produktivität, die Stellung im Markt oder die Innovationskraft des Unternehmens Berücksichtigung fände? Nur wenn die Berechnungsgrundlage auf breitere Füße gestellt wird, fördern wir wieder langfristiges und strategisches Denken im Unternehmen.

Gerade im Bankensektor müssen die Bonusregelungen auch für Wertpapierhändler und Investmentbanker geregelt werden. Nicht selten verdienten Manager in diesen Bereichen unter Berücksichtigung ihre Boni mehr, als der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. Das setze eine Kreativität und Risikobereitschaft frei, die die interne Revision oft überforderte und durch Anhäufung riskanter Positionen mit für den Zusammenbruch ganzer Banken verantwortlich war.

Letztendlich ist die Ausgestaltung der Vergütungsverträge Sache der Unternehmen. Die Branchenvielfalt, macht ein zentrales Eingreifen des Staates unmöglich und wenig sinnvoll. Trotzdem sollte für eine Selbstverpflichtung der Unternehmen ein Rahmen geschaffen werden, der genügend Freiheiten für unternehmerisches Handeln lässt, aber gleichzeitig Fehlentwicklungen zu vermeiden hilft. Dies wäre auch im Sinne des Kapitalmarktes, so schärft eine breitere Definition der Berechnungsgrundlagen für Bonuszahlungen den Blick für das gesamte Unternehmen und führt quasi automatisch zu einer gesunden und konkurrenzfähigen Unternehmung. Bleibt zu hoffen, dass die Gespräche von Pittsburgh diese Richtung nehmen werden.

Stefan Drägert

Peer Steinbrück für Fortsetzung der großen Koalition

Dienstag, 15. September 2009

Der Realpolitiker Peer Steinbrück

„Es wäre kein Unglück“ so der amtierende Finanzminister und stellvertretender SPD Bundesvorsitzender gestern während einer Veranstaltung in Hamburg zur Frage nach der Fortsetzung der großen Koalition nach der Wahl. Hörte man auf einer Wahlkampfveranstaltung in Hamburger Norden zuvor noch altbekanntes, wurde Steinbrück auf einer Diskussionsveranstaltung im Hause Gruner und Jahr konkreter. Es gehe darum Schwarz-Gelb zu verhindern. Letzteres hörte man schon länger aus den Reihen der SPD. Bisher gab es aber keine nachvollziehbare Antwort auf das Wie. Klar ist auch, dass die SPD es schwer haben wird, eine Mehrheit ohne die Linken zu bilden. Da Westerwelle eine Ampel im Bund ausschließt, hat die SPD keine andere Möglichkeit an der Regierung zu bleiben, als die große Koalition fortzusetzen. Dies hat Steinbrück in einem Gespräch mit Hans-Ullrich Jörges sehr deutlich gemacht.

Erleben wir in diesem Wahlkampf eine weitere Premiere? Kaum haben wir uns daran gewöhnt, dass die großen Parteien fair miteinander umgehen und keine persönlichen Attacken gegen den politischen Gegner reiten, kommt ein hochrangiger Politiker mit einer realistischen Einschätzung über mögliche Koalitionen nach der Wahl daher. Doch so blauäugig kann man diese Äußerungen nicht ganz bewerten. Steinbrück ist Realpolitiker durch und durch. In der Tat tut es der SPD nicht gut offen zu lassen, wie sie nach der Wahl regieren will. Während Steinmeier nicht anders kann, als sich als nächsten Kanzler in einer Koalition jenseits der CDU und der Linken zu propagieren, entzieht Steinbrück einer schädliche Diskussion über eine Koalition mit den Linken endgültig den Nährboden.

Für mich ein sehr gelungener Schachzug. Steinbrück ist nicht irgendwer, sondern der stellvertretende SPD Bundesvorsitzende. Mit seiner Äußerung kann er glaubhaft Wähler aus dem rechten und linkem Spektrum seiner Partei mobilisieren. Er selbst steht für eine mehrheitsfähige Finanzpolitik und hat sich entsprechendes Ansehen auch im konservativem Lager erworben. Für den linken Flügel ergibt sich eine alternative zum reinen Protest-Wählen. Wenn schon große Koalition, dann mit deutlich größerem SPD-Anteil. Trotz dieses Kalküls verdienen Politiker wie Steinbrück unseren Respekt. Solche inhaltlichen Aussagen bringen mehr dringend benötigte Glaubwürdigkeit als schön aufgesagte Parteiprogramme, auch wenn Reaktionen der Bundes SPD bisher ausgeblieben sind.

Stefan Dräger​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​t

Linksruck in Deutschland? Teil 4

Freitag, 11. September 2009

Alles nur Wahlkampf?

Kann man in Deutschland von einem Linksruck sprechen? Wohl eher nicht. Zwar hat Die Linke in den letzten Sonntagsfragen dazugewonnen und liegt derzeit im Bundesdurchschnitt bei 14%, allerdings sind viele die angegeben haben Die Linke zu wählen, weder von der Kompetenz der Partei überzeugt die richtigen Impulse für die Wirtschaft zu geben, noch das Sozialsystem zu reformieren und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Das sieht nach einer großen Anzahl von Protestwählern aus.

Wie einst 1969 die CDU, geht jetzt die SPD als Verlierer aus der großen Koalition hervor. Für eine große Anzahl ihrer ehemaligen Wähler ist die SPD in der Koalition mit der CDU zu weit nach rechts gerückt. Unzufriedene Wähler wandern ab zur Linken um so die gelbe Karte zu zeigen.

Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit. Unternehmenssteuern runter, Sozialabgaben einfrieren, Renten sichern, das soll seit gefühlten Jahrzehnten helfen Arbeitsplätze zu schaffen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Die Schließung des Nokiawerks in Bochum hat sehr deutlich gemacht, dass in einem Hochlohnland wie dem unsrigen, auch durch große Subventionen Arbeitsplätze in der industriellen Massenfertigung nicht auf Dauer gehalten werden können. In diesen preissensiblen Segmenten wandern Arbeitsplätze dorthin, wo die billigsten Arbeitskräfte zu finden sind. Aufstrebende Volkswirtschaften nehmen diese gerne auf, auch wenn nur geringe Löhne gezahlt werden.

Es ist an der Zeit, dass unsere Politik umschwenkt und ein Umfeld schafft, das Arbeitskräften Fortbildung und Flexibilität ermöglicht. Eine Lösung könnte die Wissensgesellschaft sein, die Bildung und Know-how produziert. Dazu brauchen wir ein Umfeld, das wesentlich flexibler ist. Lockerung des Kündigungsschutzes auf der einen, soziale Grundsicherung von Selbstständigen auf der anderen Seite. Hier ist noch viel zu denken. Hoffen wir, dass dies in den nächsten vier Jahren passiert. In einem Artikel auf kath.de haben Eckhard Bieger S.J. und ich versucht ein Diskussionspapier zu formulieren. Wir haben es Vertretern aus Wirtschaft und Politik gegeben und sind auf deren Vorschläge und Ideen gespannt. Aber auch auf Ihre, hier können Sie eine pdf-Datei downloaden. Was sind ihre Lösungsvorschläge?

Stefan Drägert

Linksruck in Deutschland? Teil 3

Dienstag, 08. September 2009

Ist die Linke im Bund regierungsfähig?

Beschäftigt man sich mit dem Programm der „Die Linke“, wird schnell klar, was Rückrad ihrer Politik und der präsentierten Lösungen ist: Die Vergesellschaftung oder klarer, die Verstaatlichung vieler Bereiche, insbesondere des Finanzwesens. Wo dies nicht möglich ist, strebt man zumindest eine zentrale Rolle des Staates an. So weit wie möglich soll er in die Unternehmensleitung eingreifen können. Im Programm heißt es: „Die gewählten Repräsentantinnen und Repräsentanten des Volkes müssen den Unternehmen die Ziele des Wirtschaftens und einen klar definierten Rahmen vorgeben. Deshalb treten wir für eine neue Wirtschafts- und Sozialordnung ein.“ Das damit ein gravierender Eingriff in die deutsche Rechtsordnung verbunden ist, der teilweise eine Änderung des Grundgesetzes notwendig machen würde, verschweigt man lieber. Man hat auch verdrängt, dass die zentralistische Struktur der damaligen DDR einen ganzen Staat in den Bankrott getrieben hat. Also alles nur Utopie?

Ein Blick auf die Steuerpolitik hilft bei der Beurteilung. Immer wieder wird von Millionärssteuer gesprochen und so versucht, die da oben zu diskreditieren. Denen tut es schließlich nicht weh, wenn sie deutlich mehr Steuern zahlen müssen. Tatsächlich wird sehr dosiert, aber erkennbar mit dem Feuer gespielt. Was für Westerwelle die Harz IV Empfänger sind, sind für Die Linke die Besserverdienenden, die ihr Vermögen alle nur durch Ausbeutung gemacht haben können.

Die Linke bleibt insgesamt schuldig, woher sie die mehreren hundert Milliarden für Struktur- und Arbeitsmarktförderung nehmen will. Auch wird die globale Verflechtung unserer Wirtschaft nicht berücksichtigt. Viele ihrer Forderungen können nur in einem internationalen Konsens umgesetzt werden. Die rein deutsche Gestaltungsmöglichkeit ist eher gering, was aber in keinem Wort erwähnt wird.

Trotzdem enthält das Programm neben viel Schatten auch Licht. Wir brauchen Mindestlöhne, die es ermöglichen ohne staatliche Transferleistungen auszukommen. Leiharbeit muss reformiert werden. Es kann nicht angehen, dass Leiharbeiter deutlich schlechter bezahlt werden als ihre direkt angestellten Kollegen und eine Kündigung des Auftragsverhältnisses zwischen Unternehmen und Leiharbeitsfirma unmittelbar zu ihrem Jobverlust führt. Das man dieser Entwicklung besser eine Lockerung des Kündigungsschutzes entgegenstellen sollte, wird man hier sicherlich anders sehen.

Bleibt festzuhalten, dass Die Linke viele Positionen aus der Sicht einer Oppositionspartei formuliert. Aber Oskar Lafontaine hat auch nicht 2009 sondern 2013 im Blick. Zusammenfassend spiegeln zumindest die Umfragen zur Bundestagswahl wider, dass die Linke insgesamt als Protestpartei wahrgenommen wird, viele Bürger, die auf die Sonntagsfrage geantwortet haben, die Linke wählen zu wollen, erklärten auf der anderen Seite, dass sie dieser Partei, nicht die Kompetenz zutrauen, das Sozialsystem zu reformieren.

Stefan Drägert